Queer - Impulse

So leb Dein Leben, wir haben nur das eine ?!?



Seid euch nicht zu sicher!

Es ist falsch, das Flüchtlingsthema im Wahlkampf nicht zu thematisieren. Das stärkt nur die Populi­s‍ten, auch wenn sie derzeit schwach erscheinen.

Der Philosoph Hermann Lübbe bezeichnete in den sechziger Jahren das technokratische Sy­s‍tem der BRD als "das Sy­s‍tem des Schweigens über alles, in bezug worauf noch verschiedene Meinungen möglich sind". Über das Flüchtlingsthema kann man zweifelsohne verschiedener Meinung sein. Nach der Logik Lübbes gehört es dennoch nicht in den Wahlkampf, auch wenn der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, gerade te­s‍tet, ob sich daraus nicht doch Funken schlagen lassen.  

Noch im September 2015 meinte eine führende deutsche Tageszeitung, das Land schwimme auf einer Welle der Selbstzufriedenheit und Gelassenheit. Da gingen die "Wutbürger" der rechten Protestbewegung Pegida schon seit einem Jahr auf die Straße. Nach dem Austritt des Flügels um Bernd Lucke im Sommer 2015 schien es, als habe die AfD ihre Zukunft bereits hinter sich. Doch dann hauchte die Flüchtlingswelle und deren kopflose Handhabung der AfD schlagartig neues Leben ein.

Als sie schließlich 2016 bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 24,2 Prozent erhielt, sprach der Historiker Paul Nolte von einer "quasi-revolutionäre(n) Unruhe" und zog Vergleiche mit der politischen Krise der 1930er Jahre. War das voreilig und übertrieben? Politik ist schnellebig. Nur ein Jahr später, im Sommer 2017, erklärte die Forschungsgruppe Wahlen, die AfD liege nur noch bei fünf Prozent. Auch die Ergebnisse der Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Hol­s‍tein und in Nordrhein-Westfalen blieben hinter den Erwartungen der AfD-Führung zurück. Hat sich das Problem mit den Populi­s‍ten also erledigt?

Aus der Forschung wissen wir, daß Populismus immer auch eine Reaktion auf Elitenversagen, Parteienverkru­s‍tungen, Steuerungskrisen, Inkompetenz und politische Alternativlosigkeit sind. Große Koalitionen mögen in be­s‍timmten Situationen unumgänglich sein, sie verhindern aber das demokratische Wechselspiel zwischen deutlich unterscheidbaren politischen Alternativen. Die Krise der Repräsentation ist keineswegs neu und beschäftigt Sozialwissenschaftler seit Jahren. Vor allem im unteren sozialen Segment fühlen sich viele Menschen von der Politik "abgehängt". Sie glauben nicht, daß ihre Wahlbeteiligung daran etwas ändern könnte.

Aus Österreich oder den Niederlanden kann man lernen, daß  jahrzehntelange große Koalitionen oder andere Formen von Absprachenpolitik populi­s‍tische Parteien erst groß gemacht haben.  Populismus kommt nicht von ungefähr. Er ist ein Ventil für Protestwähler in Zeiten politischer Alternativlosigkeit, dem man nicht mit moralischer Denunziation oder Koalitionen der "An­s‍tändigen" beikommt, sondern mit politischen Antworten auf legitime Fragen.

Deshalb ist es so fatal, daß in diesem Wahlkampf erneut der Eindruck ent­s‍teht, in den großen Fragen der jüng­s‍ten Zeit seien sich die etablierten Parteien im Grundsatz einig. Die Wähler haben nicht vergessen, daß wir seit den Jahren 2007/2008 mit mehreren ungelö­s‍ten Krisen leben: Der Banken- und Finanzkrise, der Eurokrise, der Griechenland-Krise, der Krise der Europäischen Zentralbank, der Krise der EU. Die Flüchtlingskrise kam zu einem Zeitpunkt, als die Unsicherheit vieler Bürger ohnehin hoch war.

Es war eine Welle der Gesinnungsethik, die damals im Herbst 2015 über Deutschland schwappte, nachdem die Kanzlerin im deutschen Alleingang die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge einreisen ließ. Schon Max Weber aber wußte, daß die Gesinnungsethik von der Verantwortungsethik zu trennen ist. Verantwortungsethik, so formulierte es Weber, bedeutet, "daß man für die Folgen seines Handelns aufzukommen hat." Politiker werden nicht an ihren guten Absichten, sondern an den voraussehbaren Folgen ihres Handelns gemessen.

Die Folgen des falschen Signals aus diesem Sommer – Deutschlands Grenzen sind offen und Flüchtlinge willkommen – waren aber genau das: absehbar. Es war voraussehbar, daß vor allem junge, allein­s‍tehende Männer einreisen würden. Jeder Migrationsforscher weiß das. Es war auch voraussehbar, daß es sich kaum um ausgebildete Fachkräfte handeln würde. Viele waren damals nur an einem Job im Niedriglohnsektor interessiert, wie die Süddeutsche Zeitung schon im Januar 2016 berichtete. Aber welche dauerhaften Perspektiven haben sie als Pizzaboten, Paketzu­s‍teller oder Security-Personal?

Schließlich konnte man auch wissen, daß die angestrebte Verteilung von Flüchtlingen auf andere EU-Mitglieds­s‍taaten auf Wider­s‍tand stoßen und der Ruf nach Solidarität folgenlos bleiben würde. Wer dabei nur auf die Abschottungspolitik der mittelo­s‍teuropäischen Višegrad-Länder verweist, sollte nicht vergessen, daß sich auch die Aufnahmebereitschaft Frankreichs, Großbritanniens oder Dänemarks in engen Grenzen hält. Sind die wilden Camps von Calais schon vergessen?

Foto - stukroodvlees.nl

Die Entscheidungen der letzten zwei Jahre werden Folgen zeitigen, die im Wahlkampf diskutiert gehören. Die Zahl der autochthonen und immigrierten Bildungsverlierer wird steigen. Was das heißt, kann man in Frankreich sehen, dem Land mit der stärk­s‍ten Rechtspartei We­s‍teuropas, mit islami­s‍tischen Attentaten und ghettoisierten Trabanten­s‍tädten. Das Mutmacherwort "Wir schaffen das" ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft.

Denn ist noch nicht einmal klar, was überhaupt geschafft werden soll – Integration in den Arbeitsmarkt oder Integration in unser Wertesy­s‍tem? Wie kann es sein, daß Menschen, die in Deutschland sozialisiert wurden, anläßlich des Verfassungsreferendums für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan stimmten? Wie kann es sein, daß deren Loyalität eher der semi-autokratischen Türkei als dem demokratischen Deutschland gilt? Ist die Herausbildung eines türkischen "Diaspora-Nationalismus" nicht auch ein Indiz dafür, daß der Multikulturalismus gescheitert ist?

Das sind unbequeme Fragen. Aber es ist Wahlkampf und Lübbe hatte womöglich Recht: Kontroverse Themen werden vertagt, obwohl sie doch gerade Gegen­s‍tand der Debatte sein sollten. Das wird – auch wenn man mit Prognosen vorsichtig sein soll – einer populi­s‍tischen Partei wie der AfD langfri­s‍tig nutzen. Selbst wenn sie gerade schwach erscheint. ( Zeit-Online- Karin Prie­s‍ter)


IslamIslamische Extremi­s‍ten und ihre Angst vor Homosexualität

Schwule und Lesben zer­s‍tören islamische Gesellschaften - davon sind nicht nur Islami­s‍ten überzeugt. Die vorherrschende Lehre im Islam ist eindeutig: Das Ausleben von Homosexualität ist verboten. Nun sagen Islamwissenschaftler: Homophobe Haltungen im Islam sind eine moderni­s‍tische Entgleisung.

"Wenn ein Mann mit einem anderen Mann geschlechtlich verkehrt, ist das ein äußerst übler Akt der Unzüchtigkeit und ein abscheuliches Verbrechen." So wird Muhammad Ibn Uthaymîn zitiert. Bis zu seinem Tod im Jahr 2001 war er Mufti in Saudi-Arabien und einer der zentralen fundamentali­s‍tischen Vordenker des Islams.

Die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebesbeziehungen ist fe­s‍ter Be­s‍tandteil islamisch-fundamentali­s‍tischer Strömungen. Etwa im Salafismus. Salafi­s‍ten geben vor, sich am Koranver­s‍tändnis der er­s‍ten drei Generationen von Muslimen zu orientieren.

Traditionelles Familienbild im Salafismus

Im Salafismus wird ein traditionelles Familienbild vertreten – und zwar deutlich konsequenter als in nicht-fundamentali­s‍tischen, konservativen Strömungen. Der Mann sorgt für den Unterhalt der Familie und trägt nach außen die Verantwortung für Sitte, An­s‍tand und religiös korrektes Verhalten seiner Angehörigen. Die bis zu vier möglichen Ehefrauen kümmern sich um die Kinder und den jeweiligen Haushalt. Homosexuelle Verbindungen werfen dieses Familienbild durcheinander. Sie stellen die gesellschaftliche Ordnung der Salafi­s‍ten infrage – insbesondere die Rolle des Mannes als Familienoberhaupt.

Salafi­s‍tische Gruppen zeichnet zudem ein starkes Gemeinschaftsgefühl aus. Es wird nicht diskutiert, es wird nicht hinterfragt. Es wird gehorcht. Bekennende Homosexuelle gefährden diese Konformität schon allein dadurch, daß sie anders sind. Unter gewaltbereiten und politisch aktiven Salafi­s‍ten kommt ferner die Kategorie des Kampfes hinzu. Und Homosexualität gilt hier als Schwächung der Manneskraft. Auch die wohl bekannte­s‍te Figur des deutschen Salafismus, der Konvertit Pierre Vogel, hat sich der Frage gewidmet: "Wie gehen wir mit homosexuellen Menschen um?" In einem der unzähligen YouTube-Videos, mit denen er und seine Anhänger das Internet fluten, erklärt er:

"Im Islam ist ganz klar, daß homosexueller Geschlechtsverkehr verboten ist, harâm, das ist eine Sache, die nach Konsens der Gelehrten verboten ist."

Vorherrschende Lehre im Islam ist eindeutig

Die vorherrschende Lehre im Islam ist eindeutig: Das Ausleben von Homosexualität ist verboten. Es gibt vier Rechtsschulen im sunnitischen Islam: die hanafitische, die malikitische, die schafiitische und die hanbalitische. Alle vier sehen es so.

Argumentiert wird primär mit der Geschichte des Propheten Lot, die auch aus der Bibel bekannt ist: Lot wird nach Sodom geschickt, um dort gegen das vermeintlich schändliche Verhalten der Bewohner einzutreten. Doch diese weisen den Gesandten zurück. Daraufhin werden sie von Gott vernichtet. In Koransure 7 heißt es: "Und wir haben den Lot als unseren Boten gesandt. Damals, als er zu seinen Leuten sagte: 'Wollt ihr denn etwas Abscheuliches begehen, wie es noch keiner von den Menschen in aller Welt vor euch begangen hat? Ihr gebt euch in eurer Sinnenlust wahrhaftig mit Männern ab, statt mit Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das nicht maßhält.'"

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Aber es gab immer schon Stimmen, die die Authentizität der herangezogenen Quellen angezweifelt haben. Und Steinigungen in klassisch-islamischer Zeit, also vor dem Jahr 1800, sind kaum dokumentiert, sagt der Mün­s‍teraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer:

"Es gibt auch aus der gesamten Geschichte, also aus über 1000 Jahren, allenfalls zwei, drei, vier bezeugte Fälle, in denen tatsächlich wegen Ehebruchs ge­s‍teinigt worden ist. Irgendein Fall wegen gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen, der bestraft worden ist, ist mir überhaupt kein einziger Fall bekannt, wenn dann handelt es sich immer um Vergewaltigungstatbe­s‍tände etc." Den Grund dafür, daß die Steinigung von Homosexuellen nie umgesetzt wurde, sieht Bauer darin, "daß die Hindernisse, die man davor gesetzt hat, diese Strafen auch umzusetzen, so groß sind, daß bei einer strengen Handhabung des islamischen Rechts die Verhängung solcher Strafen eigentlich unmöglich ist."

Das legt nahe, daß es sich bei den drakonischen Strafen im Koran vor allem um dra­s‍tische Warnungen an die Menschen handelt – und nicht um tatsächlich zu vollstreckende Strafen.

Anders als homosexuelle Handlungen von Männern spielen lesbische Verbindungen im islamischen Recht eine geringe Rolle, so Thomas Bauer: "Das ganze islamische recht hat sich in patriarchalischen Gesellschaften entwickelt. Und in patriarchalischen Gesellschaften ist wichtig, was der Mann macht. Es hat die Männer nicht so sehr interessiert, was die Frauen miteinander machen."

Die klassisch-islamische Theologie ist sich weitgehend einig, was das Verbot von Homosexualität betrifft. Das heißt aber nicht, daß alle Muslime diesen Vorgaben folgen. Im Gegenteil: Es gibt wohl kaum eine Kultur, in der die homoerotische Liebe so inbrün­s‍tig thematisiert wurde wie in der arabisch-islamischen. Eine ganze Gedichtform ist geprägt von Liebe, Wein und Homoerotik: die Ghaselen.

Homoerotische Gedichte in der islamischen Literatur

Kurz und provokativ gesagt: Der Islam war kein Hindernis dafür, daß ein Mann mit Versen über homoerotisches Verlangen zu einem der größten Poeten der islamischen Geschichte werden konnte: Hâfiz – jener Dichter aus dem heutigen Iran, der im 14. Jahrhundert gelebt und der später unter anderem Johann Wolfgang von Goethe inspiriert hat – etwa zu dessen West-Östlichen Diwan.

Viele große Gestalten der islamischen Geschichte ver­s‍tanden sich als Freigei­s‍ter, waren dem Libertinismus und Hedonismus zugetan. Und das nicht erst seit Hafiz. Schon 500 Jahre zuvor, im Umfeld des legendären Kalifen Harun al-Raschid an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert, wird Abu Nuwas zu einem der berühmte­s‍ten Dichter der arabischen Welt. Und Abu Nuwas läßt kaum einen Zweifel daran, was ihn erregt:

"Im Bade wird dir das sonst durch die Hosen Verborgene sichtbar.
Du siehst einen Hintern, der durch seine Fülle einen Rücken von
äußer­s‍ter Schlankheit in den Schatten stellt.
Sie flü­s‍tern sich gegenseitig: 'Gott ist groß' und 'Es gibt keinen Gott außer Allah' zu.
Auf! Wie trefflich ist das Bad unter den Orten, die alles deutlich zeigen."


Nicht nur Berufspoeten griffen Homosexualität auf. Der angesehene hanbalitische Jurist Ibn al-Dschauzi zeigte sich im 12. Jahrhundert überzeugt: "Derjenige, der behauptet, daß er keine Begierde empfindet, wenn er einen schönen Jungen betrachtet, ist ein Lügner." Selbst im Koran lassen sich homoerotische Gedanken finden. In Sure 52 wird beschrieben, was Gläubige im Paradies erwartet: "Ein Kreis von Jünglingen, so schön wie Perlen in ihren Muscheln verborgen, wird ihnen aufwarten."

Entwicklung von Vorurteilen

Schon früh trieb das Thema 'Homosexualität und Islam' auch die Menschen in Europa um. Es entwickelten sich rasch Vorurteile – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Muslimen wurde nicht Homophobie unter­s‍tellt, sondern daß Homosexualität bei muslimischen Männern verbreitet sei.

Einst homoerotische Texte – nunmehr homophobe Tendenzen: In der islamischen Welt muß es offenbar einen massiven Umbruch gegeben haben. Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer markiert diesen Zeitpunkt so: "Es hat sich eine Elite herausgebildet, die ganz stark auf europäische Werte, auf europäische Normen zurückgriff. Also, es waren europäische Normen, die auf einmal das in einem ganz anderen Licht sahen. Und deshalb hören so ab den 1850er Jahren homoerotische Gedichte in der arabischen Literatur auf."

Inzwischen gibt es Ansätze, Islam und Homosexualität theologisch in Einklang zu bringen: Sie verweisen darauf, daß jene Quellentexte, die zur Ablehnung von Homosexualität angeführt werden, nicht eindeutig seien. Auch ihre Historizität sei nicht belegbar.

Und es gibt praktische Ansätze, Islam und Homosexualität auch praktisch zu versöhnen: In Paris gründete Ludovic-Mohamed Zahed 2012 eine Moschee für Lesben und Schwule. Zahed war früher Mitglied einer salafi­s‍tischen Gruppe in Algerien. Ähnliche Moscheeprojekte wie das von Zahed gibt es in den USA. Auch in Deutschland gibt es Gemeinden, die offen sind für Schwule – zum Beispiel unter dem Dach des Liberal-Islamischen Bundes.( deutschlandfunk- von Thor­s‍ten Gerald Schneiders)

Andersrum ist auch nicht besser Willkommen im Mainstream

Machen wir uns nichts vor: Schwul sein ist out und Lesben waren noch nie wirklich in. Mittlerweile ist beides überholt worden, von links, rechts, oben und unten. Trans* ist das Thema der vergangenen Jahre. Erst in der Kunstwelt, dann in amerikanischen Serien, mittlerweile: überall. Was soll man dazu sagen? Willkommen im Mainstream vielleicht?

Angefangen hat der derzeitige Hype vermutlich mit der Transfrau Laverne Cox, die in der Netflix-Serie Orange ist the New Black eine Gefängnisinsassin spielt. Es folgten Caitlyn Jenner, die sich selbst spielt und die amerikanische Whistleblowerin Chesea Manning, die nicht spielt. Auch die Transmänner liegen gut im Rennen: In den USA hat Buck Angel längst einen Namen über die Pornobranche hinaus, hierzulande kämpfen der Olympionike Balian Buschbaum und Benjamin Melzer, seines Zeichens Covermodel der deutschen Men’s Health, um den Titel des meistgeliebten Transmannes.

Es ist modern, sich der Zweigeschlechterordnung zu entziehen. Und obendrein ist es völlig unabhängig von jeder sexuellen Orientierung. Keine Ahnung, welchen Geschlechtern die oben genannten Menschen in Liebesdingen den Vorzug geben und ganz ehrlich: Es ist auch egal. Die akademischen Diskussionen sind ohnehin längst postgender – was früher mal Frauenstudien hieß, wurde zu Gender­s‍tudies und wird dieser Tage flächendeckend in Queer- oder Diversity Studies umgetauft. Das ist gut, weil es um mehr geht als um Geschlechter und Wer-mit-Wem. Stichwort Intersektionalität, also die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen, wenn sich etwa Rassismus und Sexismus addieren. Stichwort Mensch.

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Mensch sein wollen ja schließlich alle, und ganz schön vielen reicht das auch. Frau? Mann? Gähn. Zumindest lassen darauf die Ergebnisse der Zeit Vermächtnissstudie schließen, die 2016 veröffentlicht wurden. Nach der Geschlechterrolle befragt, die sie am ehesten beschreibt, gaben darin 3,3 Prozent der deutschen Bevölkerung an, entweder ein anderes Geschlecht zu haben als bei ihrer Geburt zugewiesen oder sich schlicht nicht als weiblich oder männlich zu definieren. Das heißt: Knapp 2,5 Millionen Deutsche haben keine Lust, sich von fremden Erwartungen oder ihren Geschlechtsteilen in ein gesellschaftlich erwünschtes Leben pressen zu lassen.

Es ist mittlerweile ja auch hinlänglich erwiesen, dass die Fähigkeit zum Einparken, zum Aufbau von Ikea-Möbeln oder der Lösung von Polynomgleichungen nichts mit dem zu tun hat, was sich zwischen den Beinen befindet. Derartige Fähigkeiten sind ausschließlich zwischen den Ohren angesiedelt! Die Millenials haben längst begriffen, dass Dualismen so last century sind! Weshalb sich die coolen Kids anscheinend gerade gern als non-binary beschreiben. Ein neuer Terminus für das immer gleiche Thema, der so ziemlich alles außer Heteronormativität inkludiert. Sie wollen sich nicht einordnen lassen, vor allem äußerlich nicht. Abgebundene Brüste zum Abendkleid, Vollbart mit Glitzerlidschatten – Conchita hat das vorgemacht und nun ist es ein Synonym für: Freiheit.

Zumindest für alle, die eine Wahl haben. Denn am lautesten erscheinen meistens die, die sich nicht einordnen wollen. Die, die sich nicht einordnen können, die zerrissen sind und schlimmstenfalls an ihrer Zerrissenheit leiden, stehen oft in den hinteren Reihen. Es ist nur ein kleiner Unterschied zwischen Freiheit und Zwang. Zwischen denen, die bei jedem Adreßfeld, das sie im Internet ausfüllen müssen, einen Wutanfall bekommen, weil sie sich für eine Anrede entscheiden müssen, die immer Herr oder Frau heißt. Ohne Anrede geht’s nicht weiter – weshalb die, die sich nicht einordnen können, oft niedergeschmettert zur geschlechtslosen Firma werden oder den Be­s‍tellvorgang ganz abbrechen. Zwischen Können und Wollen liegen Welten.

Und dennoch betrifft die Aggression, die die Verweigerung von Zweigeschlechtlichkeit auslöst, beide Gruppen. Schon alleine deshalb ist es wichtig, dass Menschen, die sich nicht einordnen, dies auch zeigen. Und wenn Modedesigner Androgynität, Feminismus oder Pussypower als neues Leitmotiv für sich entdecken und Medien Reportagen über Trans*Menschen und Nicht-Binäre schreiben – wunderbar. Denn selbst, wenn es nur eine Mode ist: Sie sorgt für Sichtbarkeit und Sichtbarkeit generiert Selbstverständlichkeit, die wiederum allen dient. Und auch wenn Identität bekanntlich fluide ist und Mode vergänglich – etwas davon wird bleiben, auch wenn die coolen Kids weiterziehen, um die nächste akademische Welle zu reiten. Die kommt garantiert.  (Zeit.online- Von Tania Witte)


Schwulenrechte sind kein Luxusproblem

In Tschetschenien werden Schwule gefoltert und getötet. Wie leicht, sich schockiert und angewidert abzuwenden. Wenn es denn so einfach wäre.

In Tschetschenien werden Schwule entführt, gefoltert und getötet, berichtet die russische Zeitung Nowaja Gaseta   und erhält dafür Morddrohungen. Homosexuelle Männer erzählen davon, wie sie systematisch verschleppt, geschlagen und gefoltert wurden. Weil sie schwul sind. Nicht jedes Opfer soll diese Tortur überlebt haben. Hilfsorganisationen erzählen von der Angst der Anrufer, die um Hilfe bitten oder fliehen wollen.

Die Reaktion der tschetschenischen Behörden? In Tschetschenien gebe es keine Schwulen – wie könne man Menschen foltern, die es nicht gibt? Und sollte es doch welche geben, sollte doch jemand um Hilfe bitten: Man würde nicht helfen. Schlimmer als ein Gewaltverbrechen sei die Homosexualität selbst.

Die Schilderungen, die Nowaja Gaseta zusammengetragen hat und die Menschenrechtsorganisationen bestätigen, sind so bestialisch und brutal, sie erscheinen so unvorstellbar, dass es ein Leichtes ist, sie angewidert und schockiert als ein Verbrechen abzutun, das nur in einer äußerst verrohten Gesellschaft stattfinden kann. Allein: Tschetschenien mag ein außergewöhnlich krasser Fall von Gewalt gegen Homosexuelle sein, so wie Tschetschenien eine außergewöhnlich gewalttätige Republik in Russland ist.

Und doch wurzelt das Problem nicht ausschließlich dort (und auch nicht im Islam, wie manche jetzt meinen). Es braucht ein bestimmtes gesellschaftliches Klima, damit Verbrechen gegen Schwule geschehen können. In Russland wurde dieses Klima vom Kreml genutzt und genährt. Er hat eine unheilvolle Allianz mit der orthodoxen Kirche gesucht, die Homosexuelle verteufelt. Er hat Gesetze erlassen, die Homosexualität stigmatisieren. Er hat Verbrechen gegen Schwule nicht ernsthaft geahndet. Er benutzt die Schwulenrechte als Schreckensszenario, sollten die "Libera­s‍ten" siegen. Willkommen in Gayropa.

Foto-www.20min.ch

Es ist nicht nur ein russisches Problem

Das alles klingt nach einem russischen Problem, reicht aber weiter. Die Gespräche über Homosexualität ähneln sich auch anderswo, als würde das immer selbe Stück mit den immer selben Dialogen und den immer selben Akteuren an unterschiedlichsten Orten aufgeführt werden. Die Akteure sind nie urbane Hip­s‍ter, sondern eher Ältere oder Religiöse oder Nationalkonservative oder Männlichkeitsversessene. Das Stück handelt davon, dass Schwule natürlich Menschen sind, aber eben nicht ganz normale. Dass man ihnen nicht wehtun sollte, aber Grenzen setzen muss, denn es gelte, traditionelle Werte zu schützen, die Familie zum Beispiel, den Bund zwischen Mann und Frau oder die angeblich leicht verderbliche Jugend.

Im letzten Akt des Stückes wird es meist konkret. Ob Georgien nicht mit den besetzten Gebieten Wichtigeres zu tun habe, als sich um die Transsexuellen zu kümmern? Ob die Ukraine nicht erst den Krieg beenden müsse, bevor der Kampf gegen Diskriminierung beginnen könne? Ob man den Katholizismus in Polen nicht respektieren müsse?

Gedanken schaffen keine Täter, aber Komplizenschaft. Wer Schwulenrechte als Luxusproblem, wer Minderheitenrechte als Kann-Option abtut, spricht einem Menschen die Freiheit zu lieben ab, das vielleicht tiefste Bedürfnis im Leben eines Menschen. Wer meint, darauf sollte jemand verzichten, entmenschlicht deshalb.

Einmal habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich in die Falle tappte. Mit einer lesbischen Bekannten interviewte ich vor der Parlamentswahl in Kiew Politiker aller Richtungen. Es ging um den Krieg, um Europa, die Bekannte aber stellte beharrlich die Frage, wie man es denn mit den Rechten für Homosexuelle halte. Der uniformierte Kämpfer vom Rechten Sektor blieb von der Frage genauso wenig verschont wie die liberale Politikerin, die später, nach der Wahl, tatsächlich anfing, sich zu engagieren. Doch zu dem Zeitpunkt wusste sie, dass sie damit ihrem Wahlergebnis keinen Gefallen tun würde, und wich aus. Irgendwann dachte ich mir: Jetzt ist doch mal gut. Das Land steckt mitten im Krieg und in einer Rezession, jetzt ist nicht die Zeit für solche Fragen.

Der weitverbreitete Reflex, es müssten erst die großen Themen geklärt werden, der Krieg, das Leid, die Armut, bevor man sich den kleinen zuwenden könne, hatte mich erfasst. Doch es gibt keine kleinen Themen. Ich schwor mir, nie wieder von jemandem zu erwarten, sich in seinem Leben zu gedulden, wenn Geduld bedeutet, dass das eigene Leben von verpassten Möglichkeiten handelt: von Kindern, die man gerngehabt hätte, aber nicht hat; von Hochzeiten, die man gern gefeiert hätte, aber nicht feiern konnte. Von tiefen Küssen, die man gern in der Öffentlichkeit ausgetauscht hätte, wenn es dafür keine Prügel gäbe. (Zeit.online / Alice Bota)


Von Messer-Attacken und Testbildern

oder die Öffentlich-Rechtlichen Sender und?!?

 Die „Tagesschau“ berichtet von einem Attentat auf die Jerusalemer Gay-Pride 2017. Das ist nie passiert. Nachfrage bei den Verantwortlichen.

„Wenn Sie die von Ihnen propagierten Standards immer anwenden würden, dann hätten Sie nur Testbilder.“ Mit diesem Bonmot konterte der Historiker Michael Wolfsohn   Ende Juni die harsche Kritik des WDR-Direktors Jörg Schönenborn an der Antisemitismus-Doku „Auserwählt und ausgegrenzt“.

Dieser hatte zuvor genüsslich die journalistischen Schnitzer in dem von Arte und WDR bestellten Streifen aufgelistet. Der Film lasse in erheblichem Maße journalistische Standards vermissen. Nun blickt die geneigte Öffentlichkeit ihrerseits verwundert auf einen Beitrag der ARD-Programmfamilie.

Auf tagesschau.de heißt es, datiert auf den 3. August 2017: „Messerattacke auf Gay Parade in Jerusalem“. Ein ultraorthodoxer Jude, so ist es dort zu lesen , habe „sechs Teilnehmer einer Schwulen- und Lesbenparade in Jerusalem niedergestochen. Der Mann sei mit einem Messer in die Menge gestürmt, so der Notfalldienst. Der Mann hatte bereits 2005 eine solche Tat begangen.“


Foto - Tageschau.de

Um es kurz zu machen: Der Vorfall hat tatsächlich stattgefunden. Allerdings bereits vor zwei Jahren. Die Gay-Pride 2017 in der israelischen Hauptstadt fand zwar unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt, aber ohne größere Zwischenfälle (was man bei der Tagesschau an anderer Stelle auch zur Kenntnis genommen hat). Wie war das nochmal mit der journalistischen Sorgfaltspflicht? Nachfrage bei der Programmdirektion.

Der auf den 3. August 2017 datierte Beitrag über die Messerattacke sei ein Archiv-Artikel, der in der aktuellen Berichterstattung über die Parade verlinkt wurde, sagt ein Sprecher. Offenbar sei der Fauxpas einem Mitarbeiter bei der erneuten Aufbereitung unterlaufen. Dieser habe wohl vergessen, das Datum in dem zwei Jahre alten Stück anzupassen (warum sich das Datum eines Archivartikels ohne menschliches Zutun aktualisieren sollte, erschließt sich mir als Online-Redakteur übrigens nicht).

„Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht“

Während der Bearbeitung meiner Anfrage am Freitagmorgen tauchte dann auch ein Hinweis unter dem Artikel auf: „Versehentlich wurde diese Meldung mit falschen, aktuellem Datum (3.8.2017) veröffentlicht. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.“ Das Datum ist mittlerweile angepasst.“ „Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht“, fügte der Sprecher noch hinzu.

Da hat er recht. Und es ist wohl tatsächlich ein wenig übertrieben, direkt die „Fake News“-Karte zu ziehen, wie es hier und da auf Facebook zu lesen ist. Und auch die „Testbilder“-Schelte von Michael Wolffsohn war gelinde gesagt übertrieben (wenn auch angesichts der süffisanten Art von Schönenborn für den Moment angemessen). Solche Dinge passieren. Allerdings muss man sich an den eigenen Standards messen lassen, was grade auch der Sender Arte wegen einer Gaza-Dokumentation erfahren muss.

Für das nächste Mal reicht vielleicht der Vorschlag an Jörg Schönenborn und Kollegen, gewisse Maßregelungen vor dem Hintergrund der eigenen Fehlbarkeit ein bisschen weniger schulmeisterlich vorzutragen. (Martin Niewendick – Salonkolumnisten)



Patsy l'Amour LaLove: "Beißreflexe" Polemik statt kühler Analyse -oder das Contra zu einem Buch

In dem Sammelband "Beißreflexe", herausgegeben von Patsy l'Amour LaLove, widmen sich mehr als 20 Autoren queerem Aktivismus und den theoretischen Hintergründen. Unser Kritiker meint: Leider wird hier ein berechtigtes Anliegen durch erschreckend Übertreibungen lächerlich gemacht.

Linker Aktivismus, der autoritäre Sehnsüchte hegt? Mit dieser scharfen Kritik am Queerfeminismus hat es das Buch "Beißreflexe" weit in die Feuilletondebatten geschafft. Dabei lassen sich die titelgebenden "Beißreflexe" gleich dreifach beobachten: Zunächst, wie von den Autoren und Autorinnen diagnostiziert, bei einem kleinen, dogmatischen Teil der queerfemini­s‍tischen Szene, der Meinungen, die den eigenen widersprechen, radikal verbannen möchte.

Zweitens lässt sich aber auch bei vielen Autoren und Autorinnen des Bandes selbst ein reflexhaftes Zupacken beim falschen Stichwort der Gegenseite beobachten; so glänzt das Buch durch Polemik, nicht durch kühle Analyse. Der am schwersten wiegende Beißreflex bleibt aber, drittens, der der Öffentlichkeit: Weil es sich allzu schön in die Indizienkette für die längst diagnostizierte Übertreibung politischer Korrektheit einreihen lässt, wird der Sammelband der Geschlechterforscherin Patsy l´Amour LaLove in einer Art Kronzeugenregelung gerne herangezogen, für all das Schlechte, was man über Gender-Theorie, politische Korrektheit und Anti-Rassismus vermeintlich schon wusste.

Es läuft einiges schief in der Szene

Wo setzt "Beißreflexe" an? Queer, das sei einmal "das selbstbewusste Anderssein", all derer Menschen gewesen, deren Sexualität von der gesellschaftlich dominanten Norm abwich, also der Schwulen, Lesben und Transmenschen. Queer sollte Geschlechter- und Rollenbilder sprengen. Heute aber würden viele, auch innerhalb der queerfemini­s‍tischen Szene, zum Schweigen gebracht, weil sich nur noch die Menschen äußern dürften, die von Diskriminierung, sei es rassistisch oder sexistisch, selbst betroffen seien. Alle anderen müssten als "Privilegierte" schweigen. Das wird im Buch als "Politik des schlechten Gewissens" mit dem "Vorgehen religiöser Sekten" verglichen. Von "Bekenntnis", "Gelübde", "Bußen", erzwungen durch "inquisitorische Macht", ist gar die Rede.

Foto-Taz.de

Dass einiges schief läuft in der queerfemini­s‍tischen Szene, dass der Streit inzwischen tiefe Gräben gerissen hat, lässt sich schnell feststellen. Leider trägt der Sammelband zum Verständnis des Problems aber wenig bei. Zum einen, weil viele der Texte sehr kurz sind, nur wenige Buchseiten lang, für eingehende Analysen so kein Raum ist. Zum anderen weil viele Texte nicht so wirken, als ob sie an einer ernsthaften, zielführenden Analyse interessiert seien. Es sind meist polemische Angriff­s‍texte, die Wortwahl diffamierend, die gewählten Beispiele sind das Best-of der Horrorgeschichten.

Für die gesamtgesellschaftliche Schau nicht geeignet

Dies zeigt aber umso mehr, warum sich dieses Buch für den gesamtgesellschaftlichen großen Feuilletonaufschlag nicht eignet. Es hilft nicht weiter. Die sehr berechtigten Grundanliegen des Queerfeminismus, insbesondere etwa Rassismus auch Szene-intern zu thematisieren, werden in dem Buch durch zu Hilfenahme ihrer in der Tat erschreckenden Übertreibungen verlacht. In großer Selbstüberzeugung wird hier der Dogmatismus der "Gegner" geschildert, ohne kritische Reflexion des eigenen Standpunktes. Und so verdeutlicht der Band leider an vielen Stellen das Fehlen einer heute doch so enorm wichtigen Grundtugend: Ambivalenzen aushalten und nicht dem Versuch der Auflösung in Eindeutigkeiten zu erliegen. ( Deutschlandfunk- Von Philipp Schnee)


Homosexualität und Religion: Fühlt sich übel an

(von David Berger – Zeit.online.de)

Er wurde als schwuler Kirchenkritiker gefeiert, nun soll er ein Schwulenhasser sein. Der Theologe David Berger über seine Verfemung.

Der erste Shitstorm, den ich erlebte, fand nach meinem offiziellen Outing als schwuler Mann im Mai 2010 statt. Bis dahin galt ich als konservativer Vatikanprofessor, war Konsultor der Glaubenskongregation und Chefredakteur einer katholischen Monatsschrift. Dann kam das Outing, und ich wurde vom "Shooting­s‍tar des Vatikans" zum Verräter und "perversen Kot­s‍techer", wie das ultrakatholische Online-Magazin kreuz.net damals tobte.

Man spionierte mir im Internet nach, veröffentlichte angebliche Details zu meinem Sexleben, aber auch zu meinem Wohnort – und forderte alle Rechtgläubigen auf, sich mit Baseballschlägern auszurüsten, um mir zu zeigen, was Homosexuellen droht: die Hölle, diesmal schon auf Erden. So begann mein freies Leben als bekennend homosexueller Katholik: anonyme Anrufe (bei meinem Arbeitgeber) und Polizeischutz (nicht nur bei Vorträgen).

Der neueste Shitstorm ereilte mich vor zwei Wochen. Zur Debatte um die Homo-Ehe war in der FAZ ein Artikel erschienen, der harsche Kritik an der Öffnung der Ehe für alle übte. Der Autor Johannes Gabriel meinte, vor Konsequenzen auch im Adoptionsrecht warnen zu müssen. Das war provokant. Doch einige Kommentatoren im Netz reagierten nicht nur mit verständlichem Ärger, sondern verbreiteten Verschwörungsfantasien. Aus der Tatsache, dass über Johannes Gabriel kaum etwas im Internet stand, und aus der Entdeckung, dass der Text auf meinem Blog als Gastbeitrag erschienen war, folgerten sie: Johannes Gabriel sei ein Pseudonym, der Text müsse aus meiner Feder stammen. Schnell verbreitete sich das Gerücht – schon wurde ich in sozialen Netzwerken, als "homophober Schrankschwuler" und "Rechtsradikaler" geschmäht. Focus und taz kolportierten den Verdacht, ich sei der Autor. Das Portal Meedia druckte den Tweet eines Thomas Knüwer, der mich ebenfalls verdächtigte und zudem als rechtsradikal diffamierte.

Fühlt sich übel an. Zumal: Ich bin nicht der Autor des Artikels. Ich hätte ihn weder sprachlich noch inhaltlich so geschrieben. Doch es half nichts: Ich wurde beschimpft, alte Tweets von mir wurden bei Twitter als bedenklich gemeldet, worauf das Portal drohte, meinen Account mit fast 5.000 Followern zu löschen. Als ich merkte, dass kein Gespräch mit meinen "Kritikern" möglich war, ja dass alles, was ich sagte, zu meinem Nachteil ausgelegt wurde, löschte ich den einzigen Tweet, den ich in der Sache abgesetzt hatte. (Er war darauf gemünzt, daß Johannes Gabriel mit guten Gründen ein Pseudonym sein könnte. Ich hatte seinen Text per Mail erhalten und erst später Kontakt zu Gabriel persönlich.)

Statt also über die Homo-Ehe zu debattieren, ergötzte man sich an einem künstlich geschaffenen Skandal. Auch Spiegel Online machte mit. Jakob Aug­s‍tein nannte mich „das schwule Maschinengewehr Gottes „Er kolportierte, dass mir die kirchliche Lehrerlaubnis für den Religionsunterricht entzogen worden und ich daher aus der katholischen Kirche ausgetreten sei, um daraus zu folgern: "Zu so einem Mann würde der FAZ-Artikel passen, den eine eigentümliche Schwankung zwischen schwuler Selbstverachtung und Selbstüberhöhung auszeichnet."

pqmonthly.com

Offenbar kann Aug­s‍tein sich nicht vorstellen, dass ich mich von der Kirche, die mich geächtet hatte, distanzieren wollte – und mich dennoch als Katholik betrachte. Ironie der Geschichte: Ich galt beim Spiegel früher als "Startheologe", der "eine brillante Karriere im Vatikan hingelegt" hatte und dann zum "Bestsellerautor" wurde durch Kritik an der Homophobie der katholischen Kirche Seit dem Erscheinen meines Buches Der heilige Schein 2010 galt ich als liberaler Kirchenkritiker, dem der Spiegel wie auch die ZEIT mehrfach Raum für Interviews gaben. Der Spiegel lobte, ich hätte "ein Ende der kirchlichen Schwulendiskriminierung verlangt". Bin ich also ein Liberaler? Oder ein Rechtsradikaler?

Tatsächlich ist die heiße Liebe einiger Journalisten zu mir erkaltet, und bei Aug­s‍tein findet sich auch ein Hinweis, warum. Er kritisiert, dass in meinem Blog die Rede sei von "Islamisten, die Homosexuelle von Dächern werfen". In der Tat. Ich habe irgendwann begonnen, die Homophobie nicht nur im Christentum, sondern auch im Islam scharf zu geißeln. Das war der Wendepunkt. Nun erntete ich Kritik von links und avancierte vom aufklärerischen Vorzeige-Homo zum islamophoben Rechten.

Auch das kam unerwartet. Im Sommer 2013 war ich Chefredakteur des Schwulenmagazins Männer geworden, im Sommer 2014 kamen dann immer mehr Nachrichten von der Hinrichtung schwuler Männer durch den "Islamischen Staat". Damals suchte mich auch Nasser X. auf, ein 17-jähriger Libanese aus Neukölln. Er berichtete mir, wie er von seiner Schwester zwangsgeoutet und vom Vater mit Benzin übergossen wurde, der ihn unter dem Ruf "Allahu Akbar" anzünden wollte. Nasser entkam. Und mir wurde klar: Homophobie im real existierenden Islam konnte noch gefährlicher sein als in meiner Kirche heute. Ich schrieb eine Reportage über Nasser. Doch allen Zeitungen, denen ich sie anbot, war sie entweder zu heikel, oder sie verlangten, dass ich das Wort "Islam" streiche.

Letzteres setzte sich fort: Bei Interviews, die ich zu Religion und Homosexualität gab, wurden oft meine Aussagen über den Islam gestrichen. Das Signal: Solange ich über Homophobie in der Kirche urteilte, war ich ein gern gesehener Experte. Sonst nicht. So nahm ich 2016 das Angebot von Jürgen Elsässer an, im Magazin Compact über die Verdrängung des muslimischen Homo-Hasses zu schreiben. Dass ich damit zur Persona non grata würde, war mir egal. Ich wollte falsche, diskur­s‍tötende Tabus nicht akzeptieren. Deshalb habe ich auch Johannes Gabriels Text zur Homo-Ehe veröffentlicht.

Und der Shitstorm? Ist für mich Endpunkt einer traurigen Entwicklung. Ich glaube, es gibt einen neuen säkularen Dogmatismus, der im Gewand der Toleranz auftritt, aber nur eine Wahrheit gelten lässt. Abweichende Meinungen werden sofort als rechte Hass rede abqualifiziert. So kommt es, dass plötzlich liberale Muslime als islamophob gelten und schwule Kritiker der Homo-Ehe als homophob.

Ich gebe zu: Ich bin zwar ein libertärer Homosexueller, aber in manchen Fragen bleibe ich ein Konservativer. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass mich ausgerechnet das linke Neue Deutschland verteidigen könnte: Nach dem Shitstorm gegen "Johannes Gabriel" warnte die Tageszeitung vor einer ideologischen Einheitsfront, die Dissidenten Meinungen gnadenlos verdrängt, um ihre "totalitäre Selbstgewießheit" nicht zu gefährden. Argumente seien nicht mehr von Interesse, wo es gelte, Abweichler kaltzustellen – "um schließlich die alles entscheidende Frage zu stellen: Bist du für oder gegen uns?"

Schade, dass Journalisten, die mich verdächtigten, nicht bei mir angerufen haben. Offenbar suchten sie nur einen Autor, den sie als "rechtsradikal" outen konnten. Es reichte ihnen der bloße, falsche Verdacht, um zur Hexenjagd zu blasen. Meine Aussage war irrelevant. Man brauchte eine böse (schwule und homophobe) Hexe, um die Fackel an den virtuellen Scheiterhaufen zu legen. Und fand mich.

Foto - jealousofthebirds.com

Homophober "FAZ"-Beitrag Versteckt eure Kinder!

(Eine Kolumne von Jakob Augstein - Spiegel Online)

Schwulen darf man keine Kinder anvertrauen - sie könnten sie vergewaltigen. Steile These? Stand so aber der Tendenz nach in der seriösen "FAZ". Mit der Ehe für alle ist Schwulenfeindlichkeit noch kein Thema von gestern.

Vor einigen Wochen beschloss das deutsche Parlament die Ehe für alle. Es war ein Gesetz für die Liebe und so etwas wird nicht alle Tage beschlossen. Darum fühlte sich die große Mehrheit im Parlament heiter beschwingt und die große Mehrheit im Land auch. Man kann sagen: das Land war für einen Moment glücklich. Natürlich nicht das ganze Land. Es gibt ein paar homophobe Ecken, da kommt das Licht der Liebe nicht hin.

Manche dieser Ecken kennt man schon: die AfD zum Beispiel würde am liebsten in Karlsruhe klagen. Andere sind neu: dass zum Beispiel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Platz für einen brutalen Schwulenhaß ist, wie man ihn sonst nur aus dem Osten kennt, das war überraschend.

Die "FAZ" veröffentlichte ebenfalls am Freitag einen Artikel unter der Überschrift: "Wir verraten alles, was wir sind". An diesen Artikel wird man sich noch lange erinnern. Seine Kernthese: Schwule neigen dazu, alles zu vögeln, was ihnen vors Rohr kommt, und darum darf man ihnen keine Kinder anvertrauen.

Das steht so natürlich nicht in dem Text. Bei der feinen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" findet man auch für Hate Speech ganz vornehme Worte.

Die entsprechende Stelle liest sich so:

"Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, daß adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr sexuellen Mißbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?"

Alles klar? Noch mal für alle: Weil Schwule beim Sex häufig keine Moral kennen, besteht bei ihnen die besondere Gefahr, dass sie auch Kinder vergewaltigen.

Der Text erschien als Gastbeitrag im politischen Ressort. Autor ein gewisser Johannes Gabriel, den die Redaktion als "Philosoph und Psychologen" vorstellte, der Nichtregierungsorganisationen berate. Allein - den Mann gibt es nicht. Der Name ist frei erfunden und die Vita vielleicht auch.

Es ist eine rätselhafte Geschichte: Warum druckt die "FAZ“ so etwas? Warum mit erfundenem Autorennamen - und vor allem: wer konnte auf die Idee kommen, dass alles bliebe unentdeckt?

Die Identität des Autors ist unklar. Spekuliert wird über den homosexuellen Theologen David Berger. Im Netz twittert und postet er wie das schwule Maschinengewehr Gottes.  Auf seiner Seite begehen Migranten andauernd Sexualverbrechen, Islamisten werfen Homosexuelle von Dächern, Beatrix von Storch fordert die katholische Kirche auf, sich von der CDU zu distanzieren, und Erika Steinbach  ist eine honorige Politikerin, mit der man sich gerne fotografieren lässt.

Ein schwuler Rechter? Na klar. Die lesbische Alice Weidel ist Co-Spitzenkandidatin der AfD. Und nach einer französischen Studie haben bei den Regionalwahlen 2015 rund 32 Prozent der homosexuellen Paare den Front National gewählt. Die Erfahrung der eigenen Diskriminierung bewahrt einen ja nicht davor, andere zu diskriminieren. Übrigens haben gar nicht so wenige Schwule und Feministinnen echte Sympathien für die Rechten - und zwar aus Angst vor fanatischen Islamisten.

Im Netz steht, dass Berger die kirchliche Lehrerlaubnis für katholischen Religionsunterricht entzogen worden sei, er habe der Kirche daraufhin den Rücken gekehrt. Zu so einem Mann würde der "FAZ"-Artikel passen, den eine eigentümliche Schwankung zwischen schwuler Selbstverachtung und Selbstüberhöhung auszeichnet.

Immerhin - man lernt: Hate Speech ist nicht nur ein Problem des Internets. Und Homophobie gibt es offenbar nicht nur bei den Russen.

Es ist ja kein Geheimnis, dass bei der "FAZ" auch eine Menge Redakteure, die mit ihrem echten Namen schreiben, etwas gegen die Homo-Ehe haben.

Vielleicht gibt es so etwas wie ein redaktionelles Unterbewusstsein, das sich hier Bahn gebrochen hat. Eine tiefsitzende Schwulenfeindlichkeit in der "FAZ"-Redaktion, die alle Mechanismen handwerklicher Vernunft ausgeschaltet hat?

Die "FAZ" lobt sich selbst im Netz jetzt für ihren Debattenmut. Tatsächlich: wer sonst hätte diese reaktionäre Schwurbelei gedruckt? Ob der Zeitung das hilft, ist eine andere Frage. Wie viele rotnackige Schwulenfeinde und selbsthassende Homos gibt es noch im Land, und wie viele ganz normale Leser?

Es kam ein Sturm über die Zeitung, mit dem man in Frankfurt offenbar nicht gerechnet hatte. Auf Twitter machte die Redaktion alles noch schlimmer. War es denn ein Geist, der der Redaktion den Abdruck befohlen hatte? Ja - der Geist der Schwulenfeindlichkeit.


Neue Plattform zur Meldung von „Hate Speech“ am Start?!?

Wenn ich so etwas lese, bin ich immer ganz hin und her gerissen! Sind solche Plattformen Fluch oder Segen für uns und die Gesellschaft ?!?Und wie weit darf Kontrolle gehen?!?

Aber lest selbst!

Meldestelle für „Hate Speech“ ab dem 25. Juli 2017 online

Jugend­s‍tiftung Baden-Württemberg startet neues Angebot im Demokratiezentrum. Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können: mit der Verabschiedung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) hat der Bundestag in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause eine rechtliche Grundlage geschaffen, um gegen Hass im Netz effektiv vorgehen zu können.

Nur zwei Wochen nach der Gesetzesverabschiedung wird die „Meldestelle Respekt!“ der Jugend­s‍tiftung Baden-Württemberg im Demokratiezentrum offiziell ihren Kampf gegen Hetze im Netz aufnehmen.
Ab Dienstag, den 25.07.2017 können dann unter http://demokratiezentrum-bw.de/meldestelle-respect/ Fälle von Online-Hass rede gemeldet werden. Die Jugend­s‍tiftung setzt dabei vor allem auf junge User, die sich im Netz auskennen. Junge Menschen erhalten mit der Meldestelle eine kompetente Ansprechpartnerin, die zu einer besseren, respektvolleren Kommunikation im Internet beitragen möchte. Die Meldestelle setzt sich dafür ein, dass internationale Unternehmen deutsches Recht ernst nehmen. ( Foto - volldraht.de)


Ist das wirklich so? Denn

Die Bundesregierung bekommt einen Brief von der UN

Am ersten Juni dieses Jahres schrieb David Kaye, Sonderbeauftragter der UN für die Sicherung der Meinungsfreiheit, einen Brief an die deutsche Bundesregierung, in der er „sehr ernsthafte Sorgen um die Meinungsfreiheit und das Recht auf Privatheit im Internet“ formulierte.  Er begründet diese Sorgen mit dem „Netzdurchführungsgesetz.

Schon die schiere Menge von Kayes Bedenken ist verwunderlich – schließlich wäre es Aufgabe des verantwortlichen Ministeriums gewesen, sich mit solchen Bedenken gründlich auseinanderzusetzen, bevor der Sonderbeauftragte der UN überhaupt einschreiten muss.

Kaye macht darauf aufmerksam, dass Einschränkungen der Meinungsfreiheit nicht an private Unternehmen delegiert werden dürften – dass diese Einschränkungen grundsätzlich so wenig wie nur möglich in die Rechte der Bürger einzugreifen hätten – dass sie nach klaren, zugänglichen und berechenbaren Kriterien durchgeführt werden müssen – dass sie ein spezifisches Ziel verfolgen müssen – das es eine gerichtliche Kontrolle der Eingriffe geben müsse – und dass das Recht von Individuen auf einen anonymen Ausdruck ihrer Meinung gewahrt bleiben müsse. All diese Punkte sieht Kaye durch das Gesetz gefährdet.

Es ist dabei ein beliebter, aber kein stichhaltiger Einwand, dass private Unternehmen doch schon immer in die Meinungsfreiheit eingegriffen hätten – dass Zeitungen beispielsweise nicht alle Leserbriefe oder Webseiten nicht alle Online-Kommentare veröffentlicht hätten. Mit dem Gesetz werden Unternehmen nämlich nun staatlicherseits unter erheblichen Duck gesetzt, solche Löschungen vorzunehmen. Sie müssen einerseits bei Verstößen erhebliche Strafen von bis zu 50 Millionen Euro bezahlen – und sie haben andererseits nur sehr wenig Zeit (in klaren Fällen, was immer das sein mag, bis zu 24 Stunden, in weniger klaren höchstens sieben Tage), um Äußerungen zu löschen. Gleichzeitig bleiben die Kriterien für das, was die zu löschende Hate Speech eigentlich ist, ausdauernd diffus.

Das Resultat, das absehbar und offenbar vom Justizministerium auch so erwünscht ist: Unternehmen wie Facebook, Twitter, aber auch private Blogs werden vom Gesetzgeber unter einen erheblichen Druck gesetzt, Meinungsäußerungen im Netz möglichst restriktiv zu löschen, um nur keine Strafen zu riskieren. Das bedeutet: Der Gesetzgeber setzt private Unternehmen unter erheblichen Druck, Zensurmaßnahmen vorzunehmen, zu denen er selbst gar nicht befugt wäre.

Zugleich lässt sich überhaupt nicht nachvollziehen, warum und nach welchen Kriterien gelöscht wurde – eine verlässliche gerichtliche Kontrolle bleibt aus. Die Daten von Nutzern, die angeblich Hate Speech verfasst haben, sollen zudem an andere Nutzer, die sich davon betroffen fühlen, weitergegeben werden können – ein Angriff auf die Anonymität im Netz. Kaye macht daher noch einmal ausdrücklich darauf aufmerksam, dass die Möglichkeit der Anonymität notwendige Bedingung dafür ist, im digitalen Zeitalter das Recht auf freie Meinungsäußerung zu garantieren – was natürlich auch der Bundesregierung bekannt ist.

Es ist kaum anzunehmen, dass sich Justizminister Maas, seinem Ministerium und der Bundesregierung hier einfach in der Eile reihenweise Fehler unterlaufen sind. Wesentlich wahrscheinlicher ist es, dass die Verstöße gegen die Bedingungen der Meinungsfreiheit, die von der UN formuliert wurden, beabsichtigt sind.

Wir erleben also eine Situation, in der die Bundesregierung sich über weltweit etablierte, selbstverständliche Standards hinwegsetzt und nach der Meinung des Zuständigen bei der UN – aber auch nach der des wissenschaftlichen Dienstes im Bundestag – mit ihrem Gesetz die Meinungsfreiheit rechtswidrig begrenzt.

Meine Sorge bewegt sich vor allem in die Richtung. Als Kind und Jugendlicher in DDR weiß ich sehr genau was es heißt, wenn der Staat mit allen Mitteln versucht, Meinungen zu Lenken und zu Steuern. Und wir sind vor mehr als 25 Jahren nicht auf die Straße gegangen, das nun wieder versucht wird, das Denken und Handeln der Menschen, der Firmen und mehr zu Kontrollieren oder mit Sanktionen zu belegen. Währet den Anfängen und sagt später nicht, das habe ich so nicht gewollt, oder davon habe ich nichts gewusst.



Nackt-Zensur beim CSD? Mehr Perversion für alle! Oder Entwickelt sich der CSD zur Spießer Parade?

Beim diesjährigen Stuttgarter CSD-Umzug soll eine Jury darüber wachen, daß die Teilnehmer nicht allzu freizügig unterwegs sind. Völlig falsch, findet Tobias Herzberg. Denn maximale Auffälligkeit zu erzeugen für jene Lebensweisen, die nicht dem Mainstream entsprechen, war schließlich einmal genau das Ziel der CSD - Proteste

Wenn heute die Parade zum Christopher Street Day durch die Stuttgarter Innenstadt zieht, wird erstmals eine sogenannte "Paradejury" darüber wachen, dass die Demonstrierenden nicht zu viel nackte Haut zeigen. Die Jury soll den "politischen Charakter" der Demonstration im Blick behalten, so heißt es auf der Website der Veranstalter. Und weiter ist dort zu lesen: "Auffälligkeiten werden dokumentiert und an den CSD-Verein übermittelt." Wer zu sehr auffällt, riskiert, im nächsten Jahr nicht mitlaufen zu dürfen.

Queere Selbstzensur ist neu                                                             (Foto-Rundschau-online.de)

In der queeren Szene ist eine solche Form der Selbstzensur neu. Bloß nicht auffallen, "normal" sein wollen – das waren nicht die Motive der Befreiungsbewegungen von Lesben, Schwulen, von Trans- und Intersexuellen in den letzten 40 Jahren. Offenbar will man in Stuttgart nach der Bundestagsentscheidung über die „ Ehe für alle“ jetzt bloß nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

"Endlich", so die Einstellung vieler bürgerlich orientierter Schwuler und Lesben, "können auch wir unter die Haube – und die Mehrheit hat gezeigt, dass sie vor uns keine Angst mehr hat. Lasst uns nun allen demonstrieren, wie normal und vernünftig wir sind, bevor der Wind sich wieder dreht."

Klar, dass diese Sehnsucht nach Normalität und Anerkennung von all jenen gestört wird, die noch nie normal sein wollten: von all jenen Polygamistinnen, SM-Freaks und Lederlesben, die ihre Lebensweise hier feiern wollen. Alle Kerle, Tunten, Femmes und Butches, die ihre nackten Ärsche, Brüste und gepiercten Nippel zeigen wollen, haben jedes recht der Welt, dies beim CSD zu tun!

Ziel: Sichtbarmachung anderer Lebensrealitäten

Maximale Auffälligkeit zu erzeugen für jene Lebensweisen, die nicht dem Mainstream entsprechen, war schließlich einmal genau das Ziel der ersten Proteste, die 1969 in der New Yorker Christopher Street begannen. Und darum geht es bis heute bei den Paraden rund um den Globus: um die Sichtbarmachung anderer Lebensrealitäten.

Dass ein solch schamloses Zurschaustellen fröhlich gelebter Perversionen die Stuttgarter Schaulustigen am Rande der Parade verstören könnte, gehört dazu. Denn der "politische Charakter" der Parade, um den das Organisation­s‍team offenbar derart besorgt ist, dass es in vorauseilendem Gehorsam eine An­s‍tandsjury eingesetzt hat, zeigt sich unter anderem genau darin, dass hier die Moralvorstellungen unserer Gesellschaft herausgefordert werden und werden sollen.

Und wahrscheinlich findet der eine oder die andere Schaulustige genau durch die Nackten und Perversen Zugang zu seinem oder ihrem eigenen Begehren, zur eigenen Sexualität.

Minderheitenrechte sind kein Nischenthema

"Pervers" ist übrigens lateinisch und heißt, wie das ursprünglich aus dem Althochdeutschen stammende "queer": "verdreht", "verkehrt", "verquer". Die queeren Perversen feiern am Christopher Street Day Vielfalt, Sex und das Leben selbst. Wie die Befreiungsgeschichte jeder Minderheit hat auch die queere Emanzipation dazu beigetragen, die westlichen Gesellschaften liberaler und glücklicher zu machen.

Minderheitenrechte sind kein Nischenthema. Sex und Nacktheit sind kein Minderheitenthema. Dessen sollten sich die Stuttgarter CSD-Organisatoren bewusst sein. Es sollte darum gehen, dass viele, sogar die meisten, eine queere, eine perverse Seite an sich entdecken können. Und darum, dass das gar nichts Schlimmes ist.

Statt also Freizügigkeit zu zensieren, sollte der Stuttgarter CSD im Gegenteil die Ausweitung der Perversion auf alle fordern! (Tobias Herzberg-Deutschlandfunk. Kultur)


Foto - szenelesbe.com


Eine Art Verfassungsschutzbericht der Gender-Szene

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat das Portal "Agent*In" freigeschaltet. Dort zu lesen: Eine denunziatorische Liste von Organisationen und Namen. Eine Glosse.

Wieder ein neues Schimpfwort gelernt: Familismus. Es bezeichnet die Auffassung, die Familie sei Kern und Leitbild der Gesellschaft. Und die ist praktisch verboten, oder sagen wir, noch wird sie abwartend beobachtet. Ich bin draufgekommen, weil die Heinrich-Böll-Stiftung, also die Ebert-Stiftung der Grünen, in der vergangenen Woche das Portal „Agent*In“ freigeschaltet hat, das sich wie eine Art Verfassungsschutzbericht der Gender-Szene liest. Es kulminiert in einer absurd zusammengebastelten Liste von Organisationen und Namen, die nicht anders als denunziatorisch zu nennen ist: Die da sind gegen uns, und wir sind gegen sie. Versteckt wird das treuherzig hinter dem sachlich lexikalischen Anstrich eines „Wiki“.

Der Trick, den man nicht anders als ideologisch motiviert interpretieren kann, geht so: Von rechtsextremen Fanatikern über streitbare Konservative bis zu Liberalen, die lediglich die Gendertheorie für Unfug halten, wird alles in den Sack „Anti-Feminismus und Gender-Kritik“ gesteckt und gleich geprügelt: genderkritisch gleich homophob gleich antifemini­s‍tisch gleich pfui.

Über Martenstein heißt es, er sei ein "heteronormativ orientierter Journalist"

Und so stehen nun der äußerst rechte Verschwörungs-Pegidist Jürgen Elsässer, die konservative Publizistin Birgit Kelle („famili­s‍tisch“) und der höchst liberale Tagesspiegel-Kollege Harald Martenstein auf einer schwarzen Liste. Komischerweise fehlt der fiese FAZ-Blogger Don Alphonso, und auch Henryk M. Broder wurde ausgespart – er schäumt schon und wird sich das Recht, auf „Agent*In“ erscheinen zu dürfen, vermutlich gerichtlich erkämpfen.

Über die Untaten Martensteins heißt es übrigens, er sei ein „heteronormativ orientierter Journalist“, der die Gender-Forschung als ideologisch orientierte „Antiwissenschaft“ bezeichnet habe. Man denke! Ich persönlich bin übrigens weniger gegen die Forschung als gegen die politischen Forderungen, die auf diesen wackligen Boden hin gemörtelt werden – vielleicht war das als Delikt nicht genug für die Liste. Buhu!

Ein Gedankenspiel: Wie wäre es mit einer steuerfinanzierten Namenliste von rechts außen, auf den Gender-Professorinnen, schwule Blogger und linksfanatische Schmalspur - Terroristen nebeneinander zur Observation freigegeben werden? Eklige Vorstellung, finde ich. (von Bernd Matthies – Tagespiegel.de)



Gesellschaftspolitik -  Familie ist, wo man sich Kinder wünscht ?!?

Kommt nach der Ehe für alle die Elternschaft für alle? Die Fortpflanzungsmedizin gestaltet Beziehungen neu. Das Recht kann ihnen folgen - es muss aber nicht.

Der Bundestag hat mit dem Ja zur Homo-Ehe eine der wesentlichen Gleichheitsfragen der Gesellschaftspolitik beantwortet. Unabhängig davon, welcher Parteitaktik er seine Schöpfung zu verdanken hat, kann der Beschluss trotz mäßiger Debattenbeiträge als außergewöhnlicher Parlamentsmoment festgehalten werden. Nach Jahren, fast Jahrzehnten der Konfrontation und des Beharrens erledigt sich in beiläufiger Weise ein Konflikt, der an das Fundament des Gemeinwesens reicht. Demokratie ist, wenn plötzlich Dinge möglich werden, die unmöglich waren.

Die Skeptiker des Vorgangs sind nicht zufällig die Überstimmten. Die zu vollziehende Änderung hätte ihrer Ansicht nach noch warten und beredet werden dürfen. Die Kritik hat die für die im politischen Streit Unterlegenen typische Form gefunden, die und die öffentlich erwogene Anrufung des zuständigen Gerichts Deklaration des Ergebnisses als verfassungswidrig  , neben dem Präsidenten die einzige Institution, die der demokratischen Mehrheit Einhalt gebieten könnte.

Schwulen und Lesben wird fast nichts gegeben

Hoffnungen der einen Seite wie Befürchtungen der anderen sind mutmaßlich unbegründet. Die hochsymbolische Operation war ebendies: symbolisch. Schwulen und Lesben wird außer der Heiratsurkunde fast nichts gegeben, während traditionellen Ehen gar nichts genommen wird. Allein zur Erörterung eines verfassungstheoretisch reizvollen Themas werden die Richter dem Gesetzgeber kaum in den Arm fallen. Ähnliche Motive hatten sie vor Jahren bewogen, die Lebenspartnerschaft als neue Rechtsform zweier bis auf Liebe und Begehren unverbundener Menschen zu akzeptieren. Niemand wird bedroht. Nicht das Abendland und schon gar nicht die natürliche Ordnung.

Foto - co-eltern.de

Ohnehin könnte zweifelhaft sein, worin die natürliche Ordnung auf diesem Gebiet be­s‍tehen sollte. Wenn Beziehungen, einschließlich Paarbeziehungen, zur vielfältigen Natur des Menschen zählen, kann deren Ordnung prinzipiell ebenso vielfältig gestaltet werden. Das gilt schon für die natürlich­s‍te aller Beziehungen, die der Eltern zum Kind. Vermutlich Milliarden Kinder sind auf diesem Planeten geboren worden, als deren Vater ein Mann galt, der sie nicht gezeugt hat. Was sollte an dieser Ordnung natürlich sein? Es ist eine Zuordnung, getroffen aus Willkür, Zufall, Unkenntnis, Scham oder lebenspraktischer Notwendigkeit. Die Ordnung folgt bei diesem Thema dem Menschen, nicht der Mensch der Ordnung.

Was sind Eltern? Und was heißt Gemeinschaft?

Aus dieser Perspektive können abstrakte normative Bekenntnisse zum Thema wie ein Missverständnis wirken oder sie bekommen den Charakter von Variablen. „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“, heißt es in Artikel sechs des Grundgesetzes. Stimmt nicht, so sieht es zumindest aus, jedenfalls nicht bei der Ehe. Sie soll selbst ein Teil jener Ordnung sein, durch diese definiert und anders geordnet werden können als bisher. Eine weitere Neube­s‍timmung kündigt sich für die zweite Variable des Verfassungssatzes an, die Familie. Bisher handelt es sich hier um die Gemeinschaft von Eltern mit ihrem Kind. Aber was bedeutet heute Gemeinschaft? Und was sind Eltern?

Der Gen-Nachweis ist nicht das Maß aller Dinge

Klagen des doppelt enttäuschten Paars scheiterten. Die rechtliche Zuordnung erfolgte über Parameter, die ihre Initiative und nicht zuletzt ihre Inve­s‍titionen übergingen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte lehnte die Zuordnung als geschützte „Familie“ ab. Die Rede war von einem „parental Project“ einem Elternschaftsprojekt. Die Kategorie der durch keinerlei genetisches Material mit einem Kind verbundenen Wunscheltern war vor ein paar Jahrzehnten noch Science Fiction. Heute ist sie noch lange nicht die Regel, aber eine wichtiger werdende Ausnahme. Ohne Frau Paradiso und Herrn Campanelli hätte es keine künstliche Befruchtung mit Spendenmitteln, keine Leihmutterschaft und damit auch kein Kind gegeben. Es fällt schwer, ihnen keine prinzipielle elterliche Gemeinschaft zu attestieren, nur weil es an einem Gen-Nachweis fehlt.

Homos haben zwei Bindungsformen, Heteros nur eine

Welche Formen einer derart umgestalteten Natur sollten sich in den Regelungen widerspiegeln? Technischer Fortschritt, die wachsende Akzeptanz schwul-lesbischer Familienmodelle und der Druck durch voneinander abweichende Vorschriften auch innerhalb der EU bedingen einander gegenseitig. Und über allem wölbt sich das stärkste gesellschaftspolitische Paradigma der Gegenwart, das Gleich­s‍tellungserfordernis.

Gerade dieses Argument ist in der Diskussion um die Öffnung der Ehe strapaziert worden.

Ein altes Mütter-Ideal wirkt diskriminierend

Dieses weibliche Ideal dürfte mitverantwortlich dafür sein, daß Eizellspende und Leihmutterschaft nach wie vor mit Strafe bedroht sind. Die Ablehnung der dann befürchteten „gespaltenen Mutterschaft“ wird zwar auch damit begründet, daß Kinder psychische Schäden nehmen könnten. Aber gilt das nicht etwa auch für die Freigabe zur Adoption? Risiken bei einer Aufhebung des Verbots, etwa die Ausnutzung von Zwangslagen oder wirtschaftlicher Schwäche, könnte wirksam auf gesetzlicher Ebene begegnet werden.

Das Leihmutterverbot erweist sich auch aus anderer Warte als Hürde. Während Frauenpaare mit und ohne Trauschein seit jeher Kinder kriegen können, ist Männerpaaren eine Erfüllung des gemeinsamen Wunsches seit jeher versagt. Eine Diskriminierung? Wenn ja, könnte ihr bis zur Erlaubnis der Leihmutterschaft durch Privilegierung bei Adoptionsverfahren entgegengewirkt werden. Eine Quote, wie in der Frauenförderung. Eine andere Gleich­s‍tellungsfrage sind die Rechte genetischer Väter, bei denen die werdende Mutter eine Abtreibung will – oder er will sie, sie aber nicht.

Männer, Frauen und Kinder gehören zusammen

Die öffentliche Emphase und die Mehrheiten, die es für die Homo-Ehe gab, wird es für die Regelung solcher Themen kaum geben. Die rechtliche Ordnung der Familie hat sich noch nicht, wie bei der Ehe, in einer Weise verselbständigt, dass sie konsequent Gleich­s‍tellungsansprüchen unterworfen werden könnte. Hier gilt sie noch etwas, die „natürliche“ Ordnung mit den kleineren oder größeren Ungerechtigkeiten, die sie mit sich bringt. Die Aufweitung der klassischen Ehe muss deshalb auch nicht als zivilisatorischer Fortschritt gefeiert, sondern kann – wertungsfrei – als Wandel begriffen werden. Möglich, daß der Gesetzgeber eines aktuell fernen Tages angesichts Kinderknappheit darauf kommt, die Bindung von Mann und Frau wieder besonders zu fördern. Oder dass statt Ehe und Familie die Erzeugung und das Kindeswohl „unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ im Grundgesetz stehen. Männer, Frauen und Kinder gehören auch dann zusammen. Wie, kann jede Generation neu entscheiden. (Eine Analyse - von Jost Müller - Neuhof – Tagespiegel.)

Denn ganzen Artikel und mehr, zum Thema, wenn du das Bild anklickst.


Die bewegte Hete

Stirbt die schwule Subkultur durch die Ehe für alle, wie die „FAZ“ raunte?

Der Ehevertrag zwischen Mann und Frau ist eine bürgerliche Erfindung. Und nun gilt also die „Ehe für alle“, einschließlich der zwischen Frau und Frau, zwischen Mann und Mann. Ist damit die „Erfindung der Homosexualität“, die Autor Robert Beachy in seinem 2014 erschienenen Buch Das andere Berlin beschreibt, passé? Wird sie unsichtbar, verschwindet in der bürgerlichen Normalität? Und das ausgerechnet am Geburtsort des Wortes „schwul“? In der 1847 erschienenen Schrift Die Diebe in Berlin, so Beachy, definiere ein Berliner Polizeikommissar „Schwule“ als Gauner mit einer „gewissen Vorliebe für Unsittlichkeiten“. Und auch das Wort „Homosexualität“, eine Mischung aus Latein und Griechisch, sei eine Wortschöpfung aus Deutschland. Es tauche erstmals 1869 in einer Polemik gegen das preußische Sodomiegesetz auf. Laut Michel Foucault wurde damit der Homosexuelle als neue „Spezies“ eingeführt.

Parallel zur Urbanisierung entstanden diverse Subkulturen in europäischen Städten. Deren Zeugnisse haben sich meist nur fragmentarisch überliefert. Denn ahnungslose Hinterbliebene, die in Geheimschubladen auf die subkulturellen Artefakte ihrer Verwandten stießen, gingen meist daran, diese eiligst zu entsorgen. Umso wichtiger ist daher das 1985 im damaligen Westberlin gegründete Schwule Museum. Es archiviert hunderttausende rare lesbische, schwule, transgenderidentische, bisexuelle und queere Dokumente. Vom historischen Pornofoto über die Aufklärungsschriften des Berliner Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld bis hin zu den bizarren Bildgeschichten der Performerin Krista Beinstein. Mit „Homosexualität_en“ realisierte das Museum 2015 in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum seine bisher größte Ausstellung: Homosexualität ist also längst Teil hiesiger Hochkultur.

Foto - Digitalmagazin "Prism"

Die Ehe als Notwehr

Gibt die Ehe für alle nun dieser Subkultur den Rest? Ein kurzer Rückblick: Die prä-queere Berliner Grotesktänzerin Valeska Gert (1892 – 1978), verachtete den Spießbürger, tanzte in den 1920er Jahren Menschentypen wie Prostituierte inklusive eines simulierten Orgasmus und heiratete 1936 ihren englischen Bewunderer Robin Hay Anderson. Da ihr Gatte schwul war, erhielt er durch die Eheschließung mit einer Frau einen gewissen Schutz, während die aus einer jüdischen Berliner Familie stammende Valeska Gert die Möglichkeit bekam, dem Naziterror durch Emigration zu entkommen: Die bürgerliche Ehe als Notwehr und Überlebensform. Ganz anders der Generalintendant des Preußischen Staatstheaters Gustav Gründgens und die Schauspielerin Marianne Hoppe: Auch sie heirateten 1936, galten fortan offiziell als heterosexuell und konnten ihre Karrieren im NS-Staat fortsetzen: Die Institution Ehe kann also helfen, Leben oder Karrieren zu retten. Das ist doch prima!

Wenige Monate vor der Bundestagswahl hat Kanzlerin Angela Merkel nun in Berlin einen Coup gelandet. Den einen wird er ihr Image als „Teflon-Merkel“ bestätigen, den anderen gilt er eher als Beweis ihres großen strategisch-politischen Talents. Ob ihr die Idee, die Abgeordneten parteienunabhängig über die Ehe für alle abstimmen zu lassen, tatsächlich beim Brigitte-Interview rausrutschte oder ob sie eiskalt kalkuliert war, wer weiß das schon? Wichtiger ist da schon die Frage: Wird jetzt alles langweilig und gleichförmig? Werden wir bald nur noch Menschen sehen und keine Hetero-, Homo- und Transsexuellen mehr? Werden Geschlecht und Identität egal? Stirbt die queere Subkultur? Wenn alle gleich werden, kann dann jemand noch anders sein?

Aber selbstverständlich! So lässt die FAZ einen bekennend homosexuellen Katholiban unter Pseudonym von einer „Szene“ raunen, als gäbe es so eine Art männerbündlerische Geheimloge, die vor Zunahme von Pädophilie durch das neue Ehegesetz warnt. Beim Versuch, größtmögliche mediale Aufmerksamkeit zu erzielen, ist da Empörung garantiert. Immer verbunden mit nachfolgendem Mimimi: „Man darf ja gar nichts mehr sagen …“ Dabei ist der groteske FAZ-Artikel nur ein Beweis dafür, dass der größte Mumpitz in der sich aufgeklärt gebenden Mediengesellschaft eine reale Chance hat, Aufmerksamkeit zu erlangen.

Empörte Regenbogen-Aktivisten vermuten, der FAZ-Kronzeuge sei ein Ex-Chefredakteur der allerletzten deutschen Kiosk-Schwulenillustrierten Männer Aktuell gewesen. Der Untergang dieses aus Zeit und Raum gefallenen Printmediums hatte indes weniger mit seinen zunehmend rassistischen und misogynen Beiträgen zu tun. So etwas läuft ja eigentlich eher gut und landet bisweilen oben in den Buch-Charts. Tatsächlich begann der Niedergang, weil attraktivere Männerakte ganz leicht im Internet zu finden sind und rassistische Bücher eh überall prominent ausliegen. Zudem werden die sympathischen Knollnasenmänner des populären Comiczeichners Ralf König (Der bewegte Mann), die prägend für so etwas wie „schwule Identität“ stehen, mehrheitlich von Nicht-Schwulen konsumiert, also von „Heten“.

Auf die Frage, wie denn Subkultur zur Hochkultur werden könne, hat Popkünstler Andy Warhol mal geantwortet: Man müsse nur ein ausgeflipptes Underground- Hippietheater in einem gut klimatisierten Theater in bester Lage spielen lassen. Das war’s auch schon. In Deutschland läuft es vorerst genau andersherum: So wird beim jährlichen lesbisch-schwulen Straßenfest in der Berliner Motzstraße der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius (CSU), zum öffentlichen Talk eingeladen. Sein Verdienst: Er ist mit einem Mann verheiratet. Mit Sicherheit wäre der inzwischen 90-jährige US-amerikanische Underground-Filmer Kenneth Anger, Autor des genialen Skandalbuchs Hollywood Babylon, ein weitaus spannenderer Talk-Gast – aber dessen Widerspenstigkeit scheint noch nicht ganz mainstreamkompatibel für die subkulturelle Meile in Schöneberg zu sein. Vielleicht ja zum Hundertsten?

Was an „Anpassungsleistung“ oft mit Verbürgerlichung verwechselt wird, lässt sich gut am Fall des Berliner Promi-Friseurs Udo Walz beobachten. Im Jahr 1970 frisierte er mal Ulrike Meinhof und seit nunmehr über zehn Jahren Kanzlerin Angela Merkel. Als die rot-grüne Regierung 2001 Gleichstellungsgesetze für gleichgeschlechtliche Paare einführte, empörte sich Walz in der BZ: „Zwei Männer können nicht heiraten!“ Die Ehe diene schließlich der Fortpflanzung. Trotzig trat er der CDU bei. Ein paar Jahre später heiratete er Carsten, also einen Mann – ohne sich fortzupflanzen. Kurz: Auch in diesem Fall fand keine schleichende Verbürgerlichung statt. Der Promi-Friseur war schon immer so.

Das Islandphänomen

Apropos Fortpflanzung: In Island setzte eine konservativ-wirtschaftsliberale Regierung Ehegesetze für alle inklusive Adoptionsrecht im Parlament durch – vor über einem Jahrzehnt. Gleichzeitig hat die Inselrepublik eine der höchsten Geburtenraten in Europa. Das nur erwähnt, damit sich nicht wieder irgendeine sich von „Linksextremen“ oder „Genderwahnsinnigen“ verfolgt wähnende rechte Krawallschachtel in der FAZ oder ein vereinsamter sächsisch-bayerischer Landtagsabgeordneter vom drohenden Aussterben des deutschen Volkes faselt. Oder aber vom Gegenteil – das Islandphänomen könnte schließlich von fanatisierten LGBT-Aktivisten auch so interpretiert werden: Mehr Staatsbürger durch Gleichstellung und Gleichheit. Mit 100.000 Teilnehmern gilt der seit 1999 jährlich zelebrierte Christopher-Street-Day der 330.000 Einwohner zählenden Polarinsel als größte Veranstaltung des Landes. Großväter malen ihren Enkeln liebevoll Regenbogenflaggen auf die Wangen und schieben sie im Kinderwagen durch die Menge. Während sich auf der Vulkaninsel die LGBT-Subkultur in einer entspannt feiernden Menschenmenge auflöst, entstehen gleichzeitig überall neue Subkulturen. Subkulturen tauchen nämlich immer gern dort auf, wo sie am wenigsten erwartet werden.

Für Kontaktaufnahmen braucht es heute kein Lokal und keine Partnerschaftsanzeige mehr. Eine App tut es auch. Mit Kopfhörer werden die Ohren versorgt, mit Smartphone die Augen und alle kommunizieren öffentlich mit Menschen, deren Körper aus Pixeln bestehen. Eine digitale Subkultur der fragmentierten Stimmen, Bilder und Körper entsteht. Niemand weiß, wie sie genau aussieht, sonst wäre sie ja auch keine mehr. (Wolfgang Müller  - Der FREITAG )

Wer wie mit wem?

Zum Überschnappen besteht kein Anlass. Weder bei den Befürwortern noch bei den Gegnern der jetzt „Ehe für alle“ genannten Homo-Ehe.

So kann niemand wissen, welche Einstellungen genau sich hinter den knapp achtzig Prozent der Deutschen verbergen, die laut Umfragen die „Ehe für alle“ befürworten.

Wird hier mit der institutionellen Aufwertung homosexueller Partnerschaften auch die Überzeugung von der Gleichrangigkeit von homo- und heterosexueller Geschlechtsliebe zu Protokoll gegeben? Oder ist es doch nur eine Haltung mehr oder weniger gönnerhafter Toleranz, die dahinter hervorlugt, ein Erdulden und Ertragen des Devianten?

Versteckte Vorbehalte gegen Homosexuelle

Mit anderen Worten: Es ist durchaus unklar, ob eine Etablierung der „Ehe für alle“ eine entstigmatisierende Wirkung für den Kern des Konflikts, nämlich für die gleichgeschlechtliche Liebe bewirkt oder im Gegenteil von dieser zentralen kulturellen Frage ablenkt und sie bloß administrativ-gesetzgeberisch überdeckt (eine Frage der Wirkungsforschung, wenn man so will, deren Ergebnisse freilich für sich genommen noch nicht gegen diese Ehe sprächen). Wie viele der befragten Deutschen mögen die „Ehe für alle“ befürworten und dabei trotzdem auf die eine oder andere Weise den tief in unserer Kultur verankerten Naturvorbehalt gegen die Homosexualität teilen?

Der Naturvorbehalt unterscheidet die naturgemäße von der naturwidrigen Sexualität dergestalt, dass der kulturelle Charakter jedweder Geschlechtlichkeit undurchschaut bleibt. Trotz aller „Gender“-Hysterie, die mit fragwürdigen Methoden in die Grundschulklassen dringt, ist unser Alltag durchsetzt von biologistischen Stereotypen, von einem geheimen oder offenen Naserümpfen gegen die „Anormalen“. Schulhofwitze gegen die Schwulen sind bei weitem nicht das einzige Symptom. Wenn es gegen Schwule geht, lassen auch ältere Weicheier den Machismo raushängen.

Angebliche Naturgesetzlichkeiten sind schlechte Argumente

Diesem Ressentiment sollten nun auch nicht die Gegner der „Ehe für alle“ Vorschub leisten, indem sie ihrerseits überschnappen angesichts der parteipolitisch motivierten Eile im Parlament, welche in der Tat etwas Verstörendes hat. Die anthropologische Gegebenheit von Mann und Frau führt ja nicht selten auch bei reflektierten Kritikern der „Ehe für alle“ zu biologistischen Kurzschlüssen, was die „Natürlichkeit“ oder „Unnatürlichkeit“ von Sexualität angeht.

Foto -Zürich Tourismus

Statt harte juristische Fragen ins Feld zu führen, wie sie derzeit ja auch zu Recht debattiert werden – bräuchten wir für das geplante neue, heute zur Abstimmung stehende Gesetz eine Grundgesetzänderung oder nicht? –, werden mitunter dubiose Naturgesetzlichkeiten bemüht: sei es, dass man aus dem Sein von Mann und Frau das exklusive Sollen der Heterosexualität ableitet – als könnten sich aus der Zweiheit der Geschlechter nicht auch die Verbindungen Frau und Frau sowie Mann und Mann ergeben; sei es, dass man allein aus der natürlichen Kinderlosigkeit homosexueller Paare deren Eheunfähigkeit folgert – als blieben nicht auch heterosexuelle Ehen kinderlos, wie das Bundesverfassungsgericht anmerkte, um die kulturelle Deutungsabhängigkeit jeder biologischen Empirie in Erinnerung zu rufen.

Biologie ist menschlich bestimmt

Schon Immanuel Kant vertrat die Ansicht, dass „der Zweck der Natur in der Beiwohnung der Geschlechter einzig die Fortpflanzung, d.i. die Erhaltung der Art“ sei, und meinte aus dieser Prämisse folgern zu dürfen, dass der „naturwidrige Gebrauch seiner Geschlechtseigenschaft eine die Sittlichkeit im höchsten Grad widerstreitende Verletzung der Pflicht wider sich selbst sei, in dem Maße, dass selbst die Nennung eines solchen Lasters bei seinem eigenen Namen für unsittlich gehalten wird“. Noch heute hält Putin es mit Kant, wenn er den Straftatbestand der homosexuellen Propaganda hochhält.

Was der zivilisatorische Vordenker Kant wie die vulgären Naturrechtler von heute verkennen: Die Biologie des Menschen ist eine genuin menschliche Biologie und bleibt eben darin kulturell bestimmt. Normalitätsvorstellungen sind gerade kein Naturprodukt, können es bei der in Hetero- und Homosexualität ausdifferenzierten menschlichen Biologie auch gar nicht sein, sondern bleiben eminent deutungsabhängig. In diesem Sinne trifft zu: Die Kultur und nicht die Biologie bestimmt unsere Sexualität – was kulturellen Eigensinn in sexualibus herausfordert und nicht etwa verbietet.

Kirchen und Staat gehen auseinander

Das gilt zumal für die Religionen und deren Ehekonzeptionen. So kann der Münchener Kardinal Reinhard Marx einerseits bedauern, dass nun „die christliche Auffassung von Ehe und das staatliche Konzept weiter auseinandergehen“. Ja, er kann aus seiner Sicht sogar von einer staatlichen Pflichtvergessenheit sprechen. Andererseits hindert eine staatliche „Ehe für alle“ niemanden, ein anderes, eigenes Eheverständnis dagegenzusetzen.

Niemand verlangt staatlicherseits von Kardinal Marx, das Ehesakrament gleichgeschlechtlich „zu öffnen“. Solchen Öffnungsphantasien könnten wohl nur die Kirchen selbst verfallen in ihrem Furor, alles Sakrale gesamtgesellschaftlich plausibilisieren zu wollen. Sollte die „Ehe für alle“ eine weitere Entzerrung von Staat und Kirche zur Folge haben, wäre auch dies kein Grund zum Überschnappen. ( von Christian Geyer – FAZ)


„Diese linke Meinungs- und Moraldiktatur führt direkt zum Rechtspopulismus: Hier besteht eine Wechselwirkung, die wohl erst später in ihrer ganzen Tragweite erfaßt werden wird- oder erst dann, wenn es zu spät ist.“

«Transphobisches Stück Scheisse!»

Statt durch Gesetze Menschen zu zwingen, ihre moralischen Werte anzupassen, muss mehr über kontroverse Themen diskutiert werden.

Meine wohl couragierteste Revolte gegen Lehrer während der Schulzeit war das Vollkritzeln meines Pultes mit Graffiti. Ein Aufstand, der mich in meinen Augen auf die Ebene einer Jeanne d’Arc hievte. Gemessen an den heutigen Auswüchsen an Schulen, zugegeben, eine etwas mickrige Aktion. Aber damals trauten wir uns nicht mehr Respektlosigkeit zu … und begriffen unbewusst, dass es zum Erwachsenwerden gehört, Lehrern einen gewissen Anstand entgegenzubringen.

Heute sind Lehrpersonen die Fussabtreter einer jungen Gesellschaft, die, privilegientrunken, wie sie ist, nicht mehr weiss, wie daneben sie sich benehmen soll. Das wohl krasseste Beispiel liefert derzeit Professor Jordan Peterson. Seine Vorlesungen werden gegenwärtig fast durchgehend gestört von Studenten: «Transphobisches Stück Scheisse!», riefen sie ihm unter Trötenlärm während einer seiner letzten Auftritte im Chor entgegen – ein vorläufiger Tiefpunkt spätpubertärer akademischer Dekadenz.

Der 55-jährige Peterson ist Psychologieprofessor an der Universität Toronto, gilt als Koryphäe. Vergangenes Jahr sprach er sich öffentlich gegen ein neues Gesetz in Kanada aus, was ihn im Handumdrehen zum Hassobjekt der «Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender»(LGBT)-Aktivisten machte. Das Gesetz schützt Transgender vor Benachteiligungen, es stützt sich auf die Meinung, dass das biologische Geschlecht unabhängig ist von Gender und Identität, was bedeutet, dass man schon nur für den Nichtgebrauch von Gender-gerechten Pronomen («zhe», «zir») rechtlich belangt werden kann.

Foto - Corbin Fisher

Kanada ist symptomatisch

Peterson lehnt Transmenschen nicht ab, er stemmt sich gegen das Gesetz, weil es Menschen dazu zwinge, an eine fremde politische Ideologie zu glauben und eine fremde Sprache zu benützen. Er sagt: «Diese Wörter sind ein Konstrukt von Leuten, die ich als gefährlich empfinde. Für mich ist es ein Versuch, Sprache zu kontrollieren in eine Richtung, die nicht natürlich ist.» Seine Weigerung, die neuen Pronomen zu benützen, handelte ihm zwei Warnbriefe seiner Universität ein, er möge aufhören, über das Thema zu sprechen. Man kann nun dagegenhalten, bis zu einem gewissen Punkt hat er sich der Mehrheit zu beugen, weil er ja sonst den Fortschritt aufhalte. Nur: Eine Gesellschaft, wo jeder seine eigene Gender-Wahrheit konstruieren und eine von mittlerweile über achtzig Identitäten in seinen Pass eintragen lassen kann, ist für manche eben kein Fortschritt.

Kanada ist weit weg. Was dort aber derzeit geschieht, ist symptomatisch für die westliche Welt. Immer mehr werden Menschen per Gesetz gezwungen, ihre moralischen Werte aufzugeben, ihr Denken und ihre Kommunikation anzupassen an ein von oben diktiertes Gedankenkonzept, sei es durch Internetzensur oder durch Universitäten.

Die Frage, wie man Probleme lösen kann, die Minderheiten betreffen, ist wichtig. Aber die grosse Mehrheit der westlichen Bevölkerung steht Transgendern wohlgesinnt gegenüber. Das Problem sind jene LGBT-Aktivisten, denen alltägliches aneinander vorbei- oder zusammenleben nicht genügt, die nach universaler Umarmung verlangen und mit einem abstrusen Forderungskatalog das aktive Mittun der ganzen Gesellschaft erzwingen wollen.

Die Universität ist offenbar keine Umgebung mehr, wo solche kontroversen Themen auf intellektueller Basis debattiert werden können. Sie scheint zur Hochburg moralischer Überlegenheit mutiert, wo sich die Administration hinter der Political Correctness verschanzt und das Kuschen vor zwanzigjährigen Flegeln zum Alltag gehört. (Von Tamara Wernli – Basler Zeitung)


Homo-Ehe Keine Scheu vor Unterschieden

Gleichgeschlechtliche Paare verdienen die gesetzliche Gleichstellung. Die Öffnung der Ehe für alle ist aber die falsche Lösung. Ein Kommentar.

Manche Themen der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung sind derart emotional und ideologisch vorbelastet, dass man kaum noch Lust verspürt, sie öffentlich anzusprechen – selbst wenn man keinem der beiden Lager angehört. Man ahnt, was auf einen zukommt: Missverständnisse, Vorwürfe, Einordnung in Schubladen. Im Zweifel von beiden Seiten.

Wer das neue Gesetz bedauert, ist nicht automatisch homofeindlich

Formulieren wir es also mal vorsichtig als Frage: Darf man die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare bedauern, obwohl man für deren volle rechtliche Gleichberechtigung ist, ohne zu riskieren, entweder als altmodisch und homophob betrachtet zu werden oder als prinzipienloser Mitläufer einer neuen Mode?

Zu meinem Freundeskreis gehören lesbische und schwule Menschen. Wir haben uns zusammen gefreut, als sie sich das offizielle Jawort gegeben haben, und den Tag gemeinsam gefeiert wie im Falle einer Hetero-Hochzeit. Ich bin dafür, sie rechtlich gleichzustellen.

Warum sucht der Bundestag nicht Lösungen für reale Probleme?

Vom Bundestag, dem Gesetzgeber, erwarte ich jedoch praktische Lösungen für reale Probleme, nicht ideologische Bevormundung. Warum also dieser emotional aufgeladene Feldzug in den vergangenen Wochen gegen eine angebliche Diskriminierung in der Rechtsstellung? Die gab es seit der Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft (Elp) im Jahr 2001 nur noch begrenzt.

Wenn es in erster Linie darum gegangen wäre, die Benachteiligungen aufzuheben, die noch übrig blieben, zum Beispiel im Adoptionsrecht oder bei den Informationsrechten nächster Angehöriger von Patienten, dann hätte der Bundestag dies durch eine Änderung der gesetzlichen Bestimmungen zur Lebenspartnerschaft lösen können. Warum kam das nicht infrage?

Ehe hat eine feste Bedeutung: eine Frau und ein Mann

Die Ehe ist eine seit Jahrhunderten eingeführte Institution mit einer festgelegten Bedeutung: die Verbindung von Mann und Frau, in der Regel mit dem Ziel, gemeinsam Kinder in die Welt zu setzen und aufzuziehen. Nicht immer kommt es dazu. Aber in der überwältigenden Mehrheit der Ehen beschreibt das Wort diese Wirklichkeit. Wem ist damit gedient, wenn das Wort seine klare Bedeutung verliert?

Zu den prägenden Erfahrungen meiner Jugend gehört die Kurzgeschichte „ Ein Tisch ist ein Tisch“. Peter Bichsel beschreibt darin humorvoll und traurig zugleich, welche zentrale Rolle sprachliche Klarheit für das gesellschaftliche Zusammenleben hat.

Foto - Andrew Christian

Ungleiches ungleich zu behandeln, ist keine Diskriminierung

Eine andere prägende Erfahrung war ein Jura-Professor als Vater, der die Emanzipations- und Bürgerrechtsbewegungen in den USA und im Ostblock mit großer Sympathie begleitete, uns Kindern aber auch immer wieder erklärte: Der Gleichheitsgrundsatz bedeutet, dass man Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandeln solle. Wenn man Sachverhalte, die ähnlich, aber nicht gleich sind, unterschiedlich behandele, dann sei das nicht automatisch ungerecht. Vor allem sei damit nicht ein Urteil über ihre Wertigkeit verbunden.

Warum ist es nicht gelungen, die Ehe und die Elp (eingetragene Lebenspartnerschaft) als verschiedene, aber gleichwohl gleichberechtigte und gleichwertige Formen des Bundes fürs Leben in Deutschland zu etablieren – ja, warum ist es nicht einmal ernsthaft versucht worden? 

Linke kämpfen gegen die Institution Ehe

So bleibt der Eindruck zurück, dass die Klagen über noch verbliebene Diskriminierungen nicht zum Hauptziel hatten, diese zu überwinden. Sondern sie dienten als Munition, um die Institution Ehe auszuhöhlen, die ein Gutteil der Linken schon lange als überholtes Relikt der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet.

Das zeigte sich in einem offenkundigen argumentativen Widerspruch: Einerseits wurde behauptete, die gesetzliche Gleichstellung der Elp mit der Ehe reiche nicht aus und es dürfe nur eine Ehe für alle geben, weil sich nur so die angeblich noch sehr großen Vorbehalte in der Gesellschaft überwinden lassen; andererseits wurde darauf verwiesen, dass sich in Umfragen 75 % für die Homo – Ehe aussprechen.  

Rechte lassen Toleranz für gleichgeschlechtliche Paare vermissen

Umgekehrt brachten die Gegner der Homo-Ehe auf der Rechten nicht die Toleranz auf, gleichgeschlechtlichen Partnern, die sich fürs Leben binden wollen, die volle Anerkennung zu zollen und sie rechtlich fair zu behandeln. Dabei stärkt es doch die Gesellschaft, wenn Menschen sich aus tiefer Zuneigung aneinander binden und Verantwortung füreinander übernehmen.

Nun  wird wohl das BVG die Sache klären müssen. Denn in der Politik hat die Ideologie wieder einmal die redliche Auseinandersetzung im Bemühen um praktische Lösungen für reale Probleme verdrängt. (Kommentar  von Christoph von Marschall – Tagespiegel)


"Konversionstherapien" Bundesregierung will "Homo-Heiler" nicht verbieten

"Therapien" zur vermeintlichen "Heilung" und "Umpolung" von Lesben und Schwulen will die Bundesregierung nicht verbieten. Die Grünen kritisieren das: Es handele sich um gefährliche "Scharlatane".

von Tilmann Warnecke - Tagesspiegel

Die Bundesregierung will "Therapien" von "Homo-Heilern" nicht verbieten - selbst dann nicht, wenn sie gezielt um Jugendliche werben. Das geht aus einer Antwort der Bundesgesundheitsministeriums auf eine kleine Anfrage der Grünen zu so genannten Konversionstherapien hervor, die vorgeben, die sexuelle Orientierung von Menschen ändern zu können.

Zwar vertrete die Bundesregierung "im Einklang mit dem Weltärztebund und der Bundesärztekammer" die Auffassung, dass Homosexualität keine Krankheit ist und daher keiner Behandlung bedarf, heißt es in der Antwort. Die Gestaltung der entsprechenden Berufsordnungen seien aber weitgehend den Ärztekammern überlassen.

Für die Grünen geht es um Jugendschutz

Für den Grünen-Abgeordneten Volker Beck drückt sich das von Hermann Gröhe (CDU) geführte Gesundheitsministerium "vor seiner Verantwortung". Diese könne man nicht einfach auf die Standesorganisationen der Ärzte und Psychotherapeuten abschieben. Beck fordert, zumindest das Anpreisen solcher Therapien für Jugendliche zu verbieten: "Es geht hier um Jugendschutz und Suizidprophylaxe und nicht um Petitessen." Die "Homo-Heiler" seien "Scharlatane und machen krank, statt zu heilen".

Die Weltgesundheitsorganisation hat Homosexualität 1990 aus ihrem Diagnosekatalog gestrichen, bekräftigt hat das der Weltärzteverband zuletzt 2013. "Therapien", die angeblich die sexuelle Orientierung ändern könne, hat der Weltärzteverband damals als "Verletzung der Menschenrechte" bezeichnet. Es sei unethisch für Ärzte, an diesen Prozeduren teilzunehmen. Malta hat als erstes europäisches Land diese "Therapien" verboten, einzelne US-Bundesstaaten untersagen sie für Minderjährige.

Evangelikale Vereine bieten diese "Therapien" an

Laut Beck gibt es dennoch auch in Deutschland immer noch Einrichtungen, die solche Kurse anbieten. Schlagzeilen machte zum Beispiel  im Jahr 2014 der christliche „Verein Gesellschaft für Lebensorientierung“ der Homosexualität mit einer psyschischen Störung gleichsetzt und angeblich Behandlungen anbietet.  Genannt werden in der kleinen Anfrage auch die Vereine "Wuestenstrom" und die "Offensive Junger Christen". Als die vor mehreren Jahren auf einem Psychotherapie-Kongress der Uni Marburg auftreten sollten, protestierte der LSVD gegen den Auftritt von „Homo-Umpolern“. Offiziell streiten die Gruppen ab, Schwule und Lesben in ihren Seminaren umpolen zu wollen. Eine Sprecherin des „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft“ sagte damals aber gegenüber der „Frankfurter Rundschau“, dass sie sehr wohl „Menschen helfen wollen, die sich eine Verringerung ihrer homoerotischen Gefühle wünschen“.

Foto - queerpride.de

Die Bundesregierung indes weiß nichts von Aktivitäten dieser Gruppen. wie es in der Antwort heißt. Beck vermutet "parteipolitische Rücksichtnahme" hinter dem vermeintlichen Nichtwissen. Die Gruppierungen seien "überwiegend im evangelikalen Spektrum zu Hause". Da die Union diese Evangelikalen fest an sich binden wolle, scheue man "auch vor der Auseinandersetzung mit den obskursten und absurdesten Positionen in diesem Spektrum zurück", kritisiert Beck - auch wenn nicht alle Evangelikalen solche Positionen generell vertreten würden. Beck verweist zudem darauf, dass auch in islamistischen Kreisen diese Therapieversprechungen zunehmend rezipiert werden.

Der Bund verweist auf Akzeptanzprojekte

Insgesamt verweist das Bundesgesundheitsministerium in seiner Antwort darauf, dass Bund und Länder zahlreiche Akzeptanz- und Aufklärungsprojekte zu gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und zur Geschlechtsidentität fördern. Diese würden dazu beitragen, dass sich LGBTIQ s in ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität "angenommen und akzeptiert fühlen und damit keine Veranlassung sehen, Angebote sogenannter Homo-Heilung und Konversions-Psychotherapien in Anspruch zu nehmen".


Was die Community noch zusammenhält

Die LGBTI-Buchstabensuppe kocht beständig im Streit. Sind wir zu unterschiedlich, um eine Community zu sein? Aber was verbindet uns dann?

Dirk Ludigs sucht Antworten – Siegessäule.

Auch wenn es oft um wichtige Dinge geht, muss Folgendes mal gesagt werden: Die endlosen Debatten in unserer LGBTI-Welt nerven! Ist die queere Buchstabensuppe, in der wir schwimmen, am Ende vielleicht doch alles andere als eine „Community“? Mag sein, doch was ist sie dann? Unsere Querelen erinnern jedenfalls an die Streitereien in dysfunktionalen Familien und das nicht ohne Grund: Wir sind nämlich eine – und das sollten wir endlich zugeben! Zum CSD begibt sich Dirk Ludigs auf die Suche nach dem gemeinsamen Nenner

In Kreuzberg finden sich über Monate keine Menschen mehr, die noch einen alternativen CSD organisieren wollen, weil es zwischen Antiimps und Antideutschen kracht. Ein Buch kritisiert queeren Aktivismus und provoziert Gewaltfantasien. Ein taz-Redakteur hält „LSBTI*QA“ für „breitgetretenen Quark“, den es nur gebe, um Fördermittel abzugreifen, und erntet Beifall von schwulen Männern, denen der unaussprechliche Buchstabenschmarrn schon lange auf die Nerven geht. Die sichtbarste Lesbe Deutschlands ist in der AfD und hetzt im Fernsehen gegen Muslime. Schlaglichter der CSD-Saison 2017.

Foto aus "Apocryphal Messengers" von Fotograf Armando Frezze

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber eines wird schon klar: Fehlender Durchblick in unserer Buchstabenwelt aus L, S, B, T, I, * und Q ist kein Zeichen mangelnder Intelligenz. Es gehört ein aufgeräumtes Zeitkonto dazu, um sich in all diesen Kulturtheorien und Politiken auszukennen, von Genderfragen bis Antirassismus, um verstehen zu können, worüber gerade gestritten wird. Beim Rest von uns hinterlassen diese Debatten ein Gefühl von Müdigkeit. Vielleicht sitzen doch zu unterschiedliche Menschen in diesem Boot. Vielleicht wäre eine Trennung ehrlicher als dieser Buchstabensalat, der zusammenpappt, was nicht zusammengehört, den spießigen Schwulen mit der feministischen Lesbe, den heterosexuellen weißen trans Mann mit der nonbinary Person of Color. Würden die alle nicht viel besser mit denen zu tun haben, die ihnen eh viel näherstehen? Mit dem Parteifreund aus der FDP? Der Hetera aus dem Frauenbuchladen? Dem Kerl aus dem Fußballverein? Den Menschen bei Black Lives Matter? Oder gibt es doch etwas, was uns eint – vielleicht sogar unabhängig davon, ob wir das wollen oder nicht?

Till Amelung, Selbstdefinition: schwuler trans Mann, freiberuflicher Referent und Publizist, hat in seiner Studienzeit erste Erfahrungen mit dem Buchstabensalat gesammelt. Es ergab sich aus der Not: An einer kleinen Universität hätte jede Gruppe alleine die AStA-Arbeit schon personell gar nicht bewältigen können und so fanden sich alle, die „gemeinsam aus der Heteronormativität geflogen waren“. Was daraus entstand, empfand Till durchaus als fruchtbar: „Man machte sich auf die Suche nach gemeinsamen Themen, aber es konnte auch jeder Buchstabe seine eigenen Themen bearbeiten.“ Für Menschen unter vierzig und mit universitärem Background ist das eine ganz typische Erfahrung. Peter Rehberg, Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt Queer Theory, stellt fest: „Unsere Koalitionsbildungen haben immer zunächst über eine Negativerfahrung, eine Diskriminierungserfahrung stattgefunden.“ Doch reicht das aus, um „Community“ zu werden?

Die kurze Antwort: Manchmal ja. Und immer dann besonders gut, wenn die Zeichen auf Sturm stehen. Die Journalistin und Fundraiserin Stephanie Kuhnen erinnert daran, dass es vor allem die Aids-Krise war, durch die Schwule und Lesben in Deutschland nach Jahren getrennter Wege überhaupt wieder zueinandergefunden haben. Und das war schon nicht einfach: „Schwul-lesbisch in die Köpfe zu bekommen hat zwanzig Jahre gebraucht.“ Aus dieser Erfahrung heraus ist Kuhnen überzeugt, dass Gemeinschaft nicht einfach so entsteht, dass sie eingeübt werden muss: „Nicht die Diskriminierung kann uns zusammenbringen, die Empathie muss uns zusammenbringen.“

Offensichtlich hört aber spätestens beim Geld die Empathie in Deutschland auf. Till hat das genau so erlebt. Kaum war seine Universitätszeit vorbei, musste er in der LGBTI-Bewegung feststellen, „dass es problematisch wurde, sobald es um Fördermittel ging. An den Töpfen saßen dann wieder die Schwulen, die eben schon viel länger in den Strukturen unterwegs sind.“ Kuhnen, die als Fundraiserin im LGBTI-Bereich arbeitet, stimmt zu: „LGBTI ist eben bisher nur Förderkriterium, aber bis heute keine Gemeinschaft!“ Am Ende sitzt die Jacke dann wieder näher als die Hose. Die Koalition wird sogar zunehmend brüchig, weil die Diskriminierungserfahrungen unterm Regenbogen sehr unterschiedlich geworden sind. Zum einen finden immer mehr Gruppen zu einer eigenen Stimme, zum anderen steigt die Zahl der in der Regel weißen Cis-Schwulen und -Lesben, die sich im Großen und Ganzen in der Gesellschaft angekommen fühlen. Die Folge: Immer mehr LGBTIs – an allen Enden des Spektrums – kündigen den Konsens.

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Die Ehe für alle ist nicht genug

Die Ehe für alle wird als Zeichen der Chancengleichheit gefeiert. Dabei verschärft sie ein elementares Problem.

Kommentar von Violetta Simon – SZ – online.de

Keine Frage. Dass nun auch homosexuelle Paare heiraten dürfen, ist überfällig. Die Ehe für alle ist ein großer, ein wichtiger Schritt im Kampf um Anerkennung und Gleichstellung. Sie steht für das Recht, dass jeder so leben sollte, wie er möchte. Und genau deshalb greift die Entscheidung zu kurz.

In all der Euphorie sollten wir uns nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass die Ehe an sich - genau wie die Ehe für alle - ein elementares Problem zementiert: die selbstverständliche Privilegierung ausschließlich jener Paare, die heiraten. Diese Bevorzugung basiert auf der rückständigen Annahme, dass die Ehe nach wie vor die einzige Form des Zusammenlebens ist, die vom Staat unterstützt werden sollte. Wenn wir also von Gleichstellung sprechen, dann sollte diese nicht nur für jene gelten, die sich zur Ehe entschließen.

"Ehe für alle" - klingt im ersten Moment toll. Ähnlich wie "Champagner für alle" - eine überaus großzügige Geste. Was aber, wenn man gar keinen Champagner mag?

Dann hat man Pech:

Nur verheiratete Paare werden mit finanziellen Vergünstigungen belohnt.

Nur Eheleute dürfen ein Kind adoptieren, erhalten Unterstützung bei einer künstlichen Befruchtung. Nur sie haben Anspruch auf einen Erbanteil, dürfen im Familiengrab beigesetzt werden, haben Zugang zur gesetzlichen Renten- oder Unfallversicherung des verstorbenen Partners.

Vor der Ehe für alle konnten Lesben und Schwule eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, die ihnen diese Rechte sicherte - eine Möglichkeit, die Heterosexuellen nicht zusteht. Das Argument: Die können ja heiraten. Jetzt können homosexuelle Paare das auch.

Foto - Zeit.de

Der Punkt jedoch ist: Sie können nicht nur. Sie sind auch genötigt, wenn sie von den Privilegien profitieren wollen. Das ist keine Gleichstellung. Das ist Bevormundung. Natürlich sollte jeder heiraten dürfen - unabhängig von seiner sexuellen Orientierung. Doch niemand sollte heiraten müssen, um sich Privilegien zu "verdienen".

Verantwortung füreinander übernehmen

Deshalb ist - trotz des historischen Erfolgs - gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, einen Schritt weiter zu denken: Die Ehe sollte eine Alternative darstellen, nicht das Goldene Kalb. Denn dazu geht sie zu sehr an der Lebensrealität vorbei.

Laut Datenreport des Statistischen Bundesamtes von 2016 steigt die Zahl der Lebensgemeinschaften seit Jahren kontinuierlich, während sich bei Ehepaaren eine rückläufige Entwicklung abzeichnet. Der Anteil unverheirateter Paare mit Kind hat sich in den vergangenen 20 Jahren sogar verdoppelt. Man braucht sich nur im Bekanntenkreis umzusehen, wo Patchwork Familien und Alleinerziehende ganz selbstverständlich dazugehören.

Doch das deutsche Recht behandelt Menschen, die nicht verheiratet sind oder keine eingetragene Lebensgemeinschaft haben, deutlich schlechter. Ungeachtet dessen, wie eng deren Beziehung im Alltag ist oder ob die Beteiligten gar Kinder miteinander haben.

Zweifellos war die Ehe als schützenswerte Institution einmal eine sinnvolle Idee - mit Betonung auf war. Sie kann ihre Daseinsberechtigung jedoch nur bewahren, wenn sie ihre ursprüngliche Intention nicht aus den Augen verliert: Partnerschaft und Familie zu schützen.

Dazu muss man diese Begriffe auf die gesellschaftliche Realität übertragen. Das bedeutet: den Schutz - und die Privilegien - auf jene ausweiten, die ohne Trauschein zusammenleben. Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen oder Kinder miteinander großziehen, unabhängig von sexueller Orientierung und Familienstatus.

Und die Ehe? Wäre ein Privatvergnügen im romantischen Sinne, ganz ohne Hintergedanken an die Steuer.

Der Ehe für alle droht ein Karlsruher Stoppsignal

Von: Werner Herpell – AchenerZeitung

Möglichst am 22. Oktober möchte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks heiraten. Dann ist es genau sieben Jahre her, dass sich die SPD-Frau und ihre Freundin „verpartnerten”, also eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft eintragen ließen.

Den Festtag ermöglichen soll die mit großer Bundestagsmehrheit beschlossene Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare. Der Bundesrat dürfte am kommenden Freitag einen Haken unter das Gesetz machen.

Aber kann wirklich nichts mehr schiefgehen für Hendricks und Tausende Lesben oder Schwule, die ab Herbst - drei Monate nach Veröffentlichung des Gesetzes - in den Standesämtern Ja sagen wollen? CDU-Kabinettskollege Thomas de Maizière hat jedenfalls am Wochenende Nein gesagt - er räumt einer Verfassungsklage gegen die beschlossene Änderung des Ehebegriffs Chancen ein. Das historische Bundestagsvotum für die volle Gleichberechtigung Homosexueller wirft also Fragen auf.

Wie argumentieren politische Gegner der Ehe für alle?

Sie sind im Bundestag nur noch bei CDU und CSU zu finden. Zwar stimmte auch in der Union ein Viertel für die Öffnung der Ehe, doch die Fraktionsspitze und immerhin 225 der insgesamt gut 600 Abgeordneten waren dagegen. Fraktionschef Volker Kauder (CDU) und CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt verweisen aufs Grundgesetz, sie zweifeln die Verfassungskonformität des Beschlusses an. „Die höchstrichterliche Rechtsprechung definiert Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau”, sagte Hasselfeldt. Denn daraus gingen Kinder als Keimzelle der Gesellschaft hervor. Auch de Maizière sagt, „dass wir aus meiner Sicht als Jurist dafür eine Verfassungsänderung gebraucht hätten”. Auch der drohende Unterton anderer Unionspolitiker, die eine Klage in Karlsruhe prüfen wollen, macht Ehe-für-alle-Fans nervös.

Warum denn das? Es gibt doch glasklare Mehrheiten.

Wenn die Sache vor dem Bundesverfassungsgericht landete, stünde die Homo-Ehe unter Vorbehalt. Weil sie niemanden konkret benachteiligt, können in Karlsruhe nicht einzelne Bürger klagen. Die obersten Richter könnte jedoch eine Normenkontrollklage beschäftigen, deren Gegenstand allein die Rechtmäßigkeit eines Gesetzes ist. Mit einer abstrakten Normenkontrolle kann laut Grundgesetz „Bundes- oder Landesrecht vor dem Bundesverfassungsgericht auf seine Verfassungsmäßigkeit überprüft werden”. Antragsberechtigt sind die Bundesregierung, ein Land oder zumindest ein Viertel des Bundestages. Denkbar wären zumindest die zweite Möglichkeit (eine der sieben CDU-geführten Landesregierungen, am ehesten das CSU-alleinregierte Bayern) oder die dritte (derzeit wären 158 Abgeordnete nötig). Theoretisch möglich wäre auch, dass ein mit der Praxisanwendung der Ehe für alle befasstes Gericht Karlsruhe um Prüfung bittet.

Was steht im Grundgesetz konkret über Ehe und Familie?

Beide „stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung”, heißt es in Artikel 6. Darauf berufen sich nun Befürworter und Gegner der Ehe für alle. Die einen weisen darauf hin, dass von der zitierten „Gemeinschaft von Mann und Frau” im Grundgesetz gar nicht explizit die Rede sei, dass sich die gesellschaftliche Realität nun mal ändern und die Verfassung dies abfedern könne. Die anderen verweisen auf die „ständige Auslegung des Bundesverfassungsgerichtes”.

Die Schatten eines homosexuellen Paares. Mit dem Beschluss zur Ehe für alle hat die Diskriminierung noch lange kein Ende. Foto: Julian Stratenschulte

Tatsächlich heißt es etwa in einem Urteil von 2002: „Ungeachtet des gesellschaftlichen Wandels und der damit einhergehenden Änderungen ihrer rechtlichen Gestaltung” bleibe eine Ehe „die Vereinigung eines Mannes mit einer Frau zu einer auf Dauer angelegten Lebensgemeinschaft.” Diese mehrfach in Karlsruhe bestätigte Auffassung mache eine Änderung des Grundgesetzes erforderlich, meinen Ehe-für-alle-Kritiker. Nötig wäre dann eine Zweidrittelmehrheit.

Was sagt der andere Verfassungsminister in der Bundesregierung?

Die Union wirft Justizminister Heiko Maas vor, sein Fähnchen nach dem Wind zu drehen. Auf eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung habe der SPD-Mann 2014 gesagt, die Ehe für alle sei laut ständiger Rechtsprechung „nicht vereinbar” mit der Verfassung, triumphierte Kauder am Freitag. „Rechtzeitig vor dieser Entscheidung” im Bundestag habe Maas aber nun behauptet, es sei keine Grundgesetzänderung notwendig. Der Minister dürfe nicht der Eindruck erwecken, „dass die Frage, ob etwas verfassungskonform ist oder nicht, unter politischer Opportunität beurteilt wird”, so der CDU-Politiker.

Eine Maas-Sprecherin bestritt am Samstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur jeglichen Sinneswandel. Der Minister habe sich vor zwei Jahren umgehend erklärt: „Da es heute Interpretationsversuche zu diesem Thema gab, hier gerne noch mal deutlich: Die vollständige Öffnung der Ehe für Paare gleichen Geschlechts ist und bleibt unsere Position. Eine Grundgesetz-Änderung ist dafür nicht zwingend.”

Wie äußern sich Top-Juristen zu dem möglichen Rechtskonflikt?

Es gibt diverse Einschätzungen. Eine gewichtige stammt vom ehemaligen Bundesverfassungsgerichts-Präsidenten Hans-Jürgen Papier: „Wenn man die Ehe öffnen will, muss man das Grundgesetz ändern.” Auch für Jörn Ipsen, bis 2013 Präsident des Niedersächsischen Staatsgerichtshofes, ist mit Grundgesetz-Artikel 6 selbstverständlich die „Lebensgemeinschaft von Mann und Frau” gemeint.

Andere vermuten, das neue Gesetz werde Bestand haben. Der Leipziger Professor für Öffentliches Recht, Christoph Degenhart, erwartet, dass Karlsruhe „pragmatische Lösungen sucht”. Die Professorin für Öffentliches Recht in Hannover, Frauke Brosius-Gersdorf, meint: „Dass die Ehe auch zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Partnern geschlossen werden kann, stand 1949 nicht zur Debatte. Es wurde damit aber auch nicht ausdrücklich ausgeschlossen.”

Wird es also zum politisch-juristischen Showdown kommen?

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat im Wahlkampf wohl wenig Interesse daran, dass das Thema gegen eine klare Bevölkerungsmehrheit pro Ehe für alle hochgezogen wird und ihre Partei als schlechter Verlierer dasteht. Zumal eine Grundgesetzänderung mit einer neuen Regierung womöglich ohnehin käme. Doch Kritiker wie Kauder und de Maizière sind CDU-Schwergewichte. Ob genug konservative Abgeordnete aus Wut über das rot-rot-grün initiierte Parlamentsvotum klagen, oder ob sich ein unionsregiertes Bundesland zum Buhmann machen will, ist derzeit nicht absehbar. Unmöglich ist es aber nicht. Ministerin Hendricks dürfte dennoch bald das Aufgebot bestellen - schon um mit ihrer Hochzeit ein Zeichen zu setzen. Ob sie de Maizière einlädt?

Keine Ehe für Niemand?!? Ein Kritischer Blick.

Zugegeben, es wäre wirklich komisch, sich heute am Tag des Beschlusses zur „Ehe für alle“ nicht zu freuen darüber, dass Menschen jetzt eine Ehe schließen dürfen, die es sich schon lange gewünscht haben und denen es absurderweise bisher auf Grund angeblich unpassender Geschlechtsmerkmale verweigert worden ist. Und das kann man schon mal feiern! Doch so sehr es diesen Paaren zu gönnen ist, so wenig ist es für uns alle eine Errungenschaft auf dem Weg zum guten Leben.

Gesellschaftliche Solidarität? Was ist das?

Dass es eine Leistung ist, den Alltag langfristig gemeinsam zu bewältigen, ohne sich gegenseitig zu erwürgen, nun ja, das sehe ich ein. Dass man seine Zweisamkeit stilisiert, ja sie zur einzig normalen Lebensform erhebt, scheint ein wenig befremdlich. Wenn das nur alles wäre! Denn von all dem romantischen Intensitätsglitzer überdeckt wird die Tatsache, dass die Ehe als staatlich privilegierte Einrichtung und Norm des gesellschaftlichen Lebens einzig dazu dient, eine Bedarfsgemeinschaft zu etablieren, die die Gesellschaft von der Verantwortung für das Wohl des Einzelnen enthebt und die Tradierung von Werten und Normen sichert, welche diese Gesellschaft geschlossen halten.

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Das Privileg denen, die es brauchen

Aus diesem Grund kann ich die Freude über die Ehe für alle nicht wirklich teilen. Natürlich trifft zu, dass hier ein Privileg, das eine heteronormative Gesellschaft den Heteros vorbehielt, nun erweitert wird auf alle. Doch leider ist der Schlag, den das der Heteronormativität versetzt, minimal, weil das verheiratete Paar und die Kleinfamilie vielleicht nicht Keimzelle jeder Gesellschaft, wohl aber der heteronormativen ist.

Wer mit wem Sex hat, war dafür schon immer egal. Es bleibt also nur der Vorteil, dass mehr Menschen als vorher an einem Privileg teilhaben können – das ist gut – doch viel besser wäre es, das Privileg zu verändern. Zum Beispiel so, dass Menschen privilegiert werden, die andere pflegen und betreuen, die Kinder aufziehen und versorgen. Denn das war, worum es ursprünglich, angeblich, mal gehen sollte.


Ehe als Treibhaus

Die CDU argumentiert für die Ehe als Treibhaus, als geschlossener Schutzraum für die Kinderproduktion, in dem die Frau, versorgt vom Mann, Kinder gebären kann und selbige dann nach dem bekannten Muster des pietistischen Mutterbildes hegt und pflegt und ihnen Bildung und Tradition vermittelt. Aus diesem Grund ist die Ehe privilegiert – weil sie dem Staat all das abnehmen soll: Verantwortung für Versorgung, Kindererziehung und Bildung. Und dabei gleichzeitig Werte reproduzieren, die sichern, dass das auch in Zukunft so weiter läuft.

Im Wesentlichen scheint das die Gemeinsamkeit der Funktion der Ehe überall zu sein, unabhängig vom kulturellen Hintergrund. Arrangierte Ehen bedeuten nichts anderes, als ein Mädchen direkt in dieses Treibhaus zu geben, sie also direkt von einem ‚Schutzraum‘ in den anderen zu setzen, ohne sie zwischendurch frei laufen zu lassen. Wenn Papa sparen will, macht man das eben so früh wie möglich.

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Ehe als Bekenntnis

Wenn wir aber so nicht mehr leben wollen, ergibt es überhaupt keinen Sinn, die Ehe weiterhin zu privilegieren. Doch genau das geschieht. „Die Ehe dient nicht in erster Linie der Reproduktion“, sagte Michael Roth (SPD) schon vor einiger Zeit zum Thema Ehe für alle, „sondern ist das Bekenntnis zweier Menschen, dass sie lebenslang füreinander einstehen wollen.“

Dass uns die Ehe als Bekenntnis zur Ewigkeit der romantischen Liebe verkauft wird, ist ja eine ziemlich neue Geschichte, so neu eben wie das romantische Subjekt. Bis zum 18. Jahrhundert war man da auch in Europa pragmatischer, sah die Ehe als Funktion zur Besitzübergabe und Ressourcenverteilung und hoffte schlicht, dass die Leute schon miteinander auskommen würden, was sie auch versuchten, da ihnen nicht viel anderes übrig blieb. Doch dann erfanden sie das romantische Subjekt: von unendlicher Tiefe, unverwechselbar in seiner Vielfalt, unabhängig von seiner Lebenszeit. Die einzigartige Verbindung der romantischen Liebe endet in der Literatur meist mit Tod oder Verzicht, um zu unterstreichen, dass sie nicht auf Dauer zu bestehen braucht: der Augenblick ist ewig, die Leidenschaft unendlich, der Kreis geschlossen. Der Trick ist nun: diese Momentaufnahme der unendlichen Intensität zu überführen in einen Vertrag.

One ring to rule them all

Ein Ring, sie zu knechten, warnte schon Tolkien. Der geschlossene Kreis ist Symbol für eine neue Einheit, die nicht mehr zu öffnen ist. Die Intensität schießt ein in die glänzende Fläche einer Identität, befeuert die Selbstaufwertung des kapitalistischen Individuums als Teil eines romantischen Paares. Bei der Selbstbetrachtung im Spiegel von Facebook zeigt sich die Tiefe der romantischen Seele in der Zufriedenheit des gemeinsamen Frühstücks. Mit Kind und Katze. Oder ohne. Palmen werden gelegentlich hinzugefügt.

Das quasi-religiös anmutende „Bekenntnis zweier Menschen“ kehrt diese romantische Intensität heraus, um zu überdecken, worum es eigentlich geht: das lebenslange Füreinander-Einstehen. Auch das klingt so romantisch, richtig schön klingt das. Wer hätte nicht gern so einen Menschen an der Seite? Aber was bedeutet das wirklich? Arbeiten für zwei, wenn der andere Mensch nicht mehr kann. Egal, ob man will oder nicht. Egal, wie man dafür behandelt wird. Das heißt Pflegearbeit, Erziehungsarbeit, Sorgearbeit, weiterhin ohne Dank und Anerkennung. Denn man hat sich ja verpflichtet, hat ein Bekenntnis abgelegt. Was mit den anderen Menschen draußen vor der Tür geschieht, dafür ist man hingegen nicht verantwortlich.

Leute, legt doch lieber diesen Ring ab. Solidarität lässt sich genauso und viel besser noch in Freiheit leben. Feiern lässt sie sich auch besonders gut! Schmeißt den Ring in den nächsten Fluß, in der Hoffnung, dass er auf dem Grund liegen bleibt und vergessen wird. Und dann liebt euch einfach weiter wie bisher – liebt eure Freunde, eure Kinder, eure Partner, bleibt zusammen, so lange ihr wollt, und bleibt lebendig.

Kommentar Öffnung der Ehe – Taz.de – Kersten Augustin

Ehe für alle, Ehe für keinen

In einem konservativen Club mitmachen zu dürfen, ist nicht nur Grund für ausgelassenen Jubel. Es gibt genug Kritik am Institut der Ehe.

Es ist so gemütlich, konservativ zu sein. Man lebt einfach, wie es gestern als richtig galt, und wenn das nicht mehr geht, ändert man seine Meinung und behauptet, das habe man schon immer so gesehen. So war es bei der Atomkraft, so war es in der Asylpolitik. Und so ist es nicht erst, seit Merkel Kanzlerin ist. Die Sozialversicherung, die Fünf-Tage-Woche: von Progressiven erkämpft, von Konservativen vereinnahmt.

Es ist echt anstrengend, progressiv zu sein, immer wieder muss man von vorne anfangen. Seit dieser Woche gibt es ein neues Beispiel für einen linken Pyrrhussieg. Da kämpft man so lange für Gleichberechtigung von Homosexuellen, wird als Gefahr für Kinder beleidigt und diskriminiert, bis selbst die Kanzlerin handeln muss. Ein Erfolg, der gefeiert gehört. Und doch geht im Jubel unter, dass die Ehe erst mal nichts Fortschrittliches ist.

In die Euphorie hinein ist es deshalb leider nötig, dass einer die Spaßbremse macht. Achtung, Achtung: Wer mit wem zusammenlebt, ob kurz oder lang, ob zu zweit oder zu fünft, geht niemanden etwas an, schon gar nicht den Staat.

Es ist nicht seine Aufgabe, bestimmte Lebensformen zu fördern und bevorzugen. Der Bundestag hat den Paragrafen 1353 des Bürgerlichen Gesetzbuches für homosexuelle Paare geöffnet. Endlich! Doch die Ehe erfährt dadurch eine Aufwertung, die sie nicht verdient hat. Sie benachteiligt unverheiratete Paare, egal ob hetero oder homo. Paare, die sich entscheiden, nicht zu heiraten, weil sie die Ehe überkommen finden.

Politik besteht immer aus Etappenzielen. Deswegen ist die Gleichstellung von homosexuellen Paaren ein Erfolg. Solange Privilegien an die Ehe geknüpft sind, müssen auch Homopaare in ihren Genuss kommen. Aber die nächste Etappe ist auch klar: Es ist Zeit, die Eheprivilegien abzuschaffen.

Wie aus dem Heimatfilm

Denn es gibt Alternativen. Das Besuchsrecht im Krankenhaus, Adoptionsrecht, Hinterbliebenenrente, all das könnte man auch ohne die Ehe klären. Ganz nüchtern-bürokratisch auf dem Amt, wie es heute schon beim Sorgerecht und der Vaterschaftserklärung für nichtverheiratete Heteropaare der Fall ist.

Das größte Privileg der Ehe, das Ehegattensplitting, ist nichts anderes als ein familienpolitischer Skandal. Paare werden finan­ziell dafür belohnt, dass sie ungleich verdienen, dass ein Partner arbeiten geht und der andere zu Hause bleibt. Ein Gesetz, das so altbacken daherkommt, als sei es aus einem Heimatfilm entsprungen.

Man reibt sich die Augen, schaut auf den Kalender und wundert sich: Es ist wirklich 2017. 15 bis 20 Milliarden Euro gibt der Staat für diese Antiquität im Jahr aus. Man könnte mit diesem Geld, plakativ gesprochen, Kitas, Schulen und Sporthallen bauen. Genauso gut aber auch Autobahnen. Denn Infrastruktur gehört zu den Aufgaben des Staates, Liebesbeziehungen nicht.

Kettenglieder, auf ihren Einsatz wartend - Foto ap

Reich oder bescheuert

Wer um die dreißig ist, darf die Hälfte des Sommers auf Hochzeiten verbringen, selbst in urbanen liberalen Milieus wird geheiratet, als müsste man das noch, um endlich Sex zu haben. Der halbe Sommer geht für diese Hochzeitsfeiern drauf, und irgendwann, wenn alle schon betrunken sind, fragt auch die letzte entfernte Tante: „Und wann heiratet ihr eigentlich?“

Als Mensch mit Kindern und ohne Ehering muss man sich rechtfertigen, man muss komplett bescheuert oder einfach reich sein, um standfest beim Nein zu bleiben. Befreundete Paare ohne Kinder heiraten und sparen jedes Jahr Tausende Euro an Steuern. Andere Freunde erzählen, Heiraten sei doch eigentlich feministisch, weil der Arzt damit seine studierende Freundin finanziell absichert. Da nickt man dann und grinst höflich und schenkt sich lieber noch ein bisschen Wein ein.

In der vergangenen Woche haben sich SPD, Grüne und Linke selbst um ein Wahlkampfthema gebracht. Sie hätten ihre Zustimmung zur Ehe für alle an eine Abschaffung der Eheprivilegien knüpfen können. Jetzt ziehen sie ohne eine visionäre Forderung in den Bundestagswahlkampf. Sie lassen sich für die Ehe für alle feiern, die Eheprivilegien aber lassen sie weitgehend unangetastet.

Der Wesenskern der Ehe

Mit der Ehe für alle wird die ewige und exklusive Beziehung zwischen zwei Menschen weiter idealisiert, dabei stirbt sie längst einen langsamen Tod. Die Zahl der Scheidungen steigt, die der unehelichen Kinder auch. Die katholische Kirche sollte den Homos dankbar sein, dass sich im Jahr 2017 überhaupt noch jemand für ihr Beziehungsmodell einsetzt.

Erst seit dem 19. Jahrhundert gibt es die bürgerliche Ehe jenseits der Kirche. Ohne sie wäre die Durchsetzung des Kapitalismus nicht denkbar gewesen, sie schrieb die Ausbeutung der Frau durch unbezahlte Arbeit zu Hause fest. Bis in die siebziger Jahre durften Männer für ihre Frauen entscheiden, ob sie arbeiten dürfen, bis in die Neunziger war die Vergewaltigung im Ehebett erlaubt. Das ist kein historischer Fehler, sondern Wesenskern der Ehe.

Für den Staat ist die Ehe bis heute ein wesentlicher Hebel, um zu entscheiden, was öffentlich und was privat ist. Homos führen oft fortschrittlichere, gleichberechtigter Beziehungen, was auch an der jahrzehntelangen Diskriminierung durch die Mehrheit liegt. Mit der Ehe für alle werden diese Beziehungen nun staatlich eingehegt. Homo-paare können bald genauso einen Hausmann und einen Großverdiener bestimmen. Damit erfüllen sie im Zweifel genau die Wertvorstellungen, die Konservative von der Ehe erwarten.

Praktisch für den Staat

„Familien und Paare sind so­zialer Klebstoff – und praktisch für den Staat“, kommentierte der Tagesspiegel lobend die Ehe für alle. Aber fortschrittlich denkende Menschen sollten nicht praktisch für den Staat sein und kleben bleiben.

In einem konservativen Club mitmachen zu dürfen, ist nicht nur Grund zum ausgelassenen Jubel. Es ist nicht fortschrittlich, ein Modell von Heteros zu übernehmen, das Ungleichheit begünstigt und den Menschen nicht frei, sondern abhängig macht.

Die Vision von Progressiven ist der freie Mensch, oder, pathetisch und mit Marx gesprochen, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Erniedrigt, geknechtet, verlassen, das dürfte vielen Verheirateten bekannt vorkommen.

Jeder darf lieben, wen er will. Die Gleichberechtigung hat wieder einen Erfolg errungen, und das kann heute gefeiert werden. Ab morgen müssen wir dann wieder von vorne anfangen.


Kommentar Kürzel für Minderheiten / TAZ – Jan Feddersen

LGBTI*QA ist breitgetretener Quark

Beim Kürzel LGBTI*QA geht es nicht nur um Identitätssuche. Sondern es geht auch darum, sich als Opfer fühlen zu dürfen.

Auf einer der ersten deutschen Demonstrationen, die sich ausdrücklich in die Tradition der New Yorker Aufstände von Homosexuellen und Trans*Menschen des Jahres 1969 gegen polizeiliche Willkür und Korruption stellte, machten etwa 300 Menschen mit – die meisten schwul, lesbisch, zwei Trans*Personen waren auch zugegen.

Das war in Bremen und nannte sich „Karneval“. Das Kürzel LGBTI* gab es damals noch nicht, es hat sich erst in den vergangenen zwanzig Jahren zu popularisieren begonnen, vor allem in Behörden, die Förderanträge für schwule oder lesbische oder trans*-Projekte zu betreuen haben: Wer staatliche Zuschüsse will, muss mehr als sich selbst meinen.

In dieser Chiffre steckt der gewiss auch gutgemeinte Wille, anzunehmen, dass die aktivistischen Kerne der politischen Bewegung gegen den sogenannten Heterosexismus (die Vokabel für die Kritik an der Annahme, die Welt sei in der Geschlechterordnung nur nach dem Frau-Mann(-Kind)-Schema denkbar) nicht nur schwule Männer und lesbische Frauen kennen, sondern eben auch Menschen, die sich als trans* verstehen oder als intersexuell – also geschlechtswechselnd beziehungsweise gar das Geschlecht zu benennen verweigernd, oder einem Geschlecht schwer zuzuordnen.

Der legendäre Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld nannte das alles „Zwischenstufen“, es gab also schon in der Weimarer Republik ein starkes Wissen, dass es unter dem Himmel mehr als lediglich Männer und Frauen naturhaft gegengeschlechtlichen Begehrens gibt.

Foto - Taz.de

Homophober Beigeschmack

LGBTI* hat, wie angezeigt, noch ein Sternchen angehängt bekommen, und das meint, von diesem Kürzel mögen sich auch alle angesprochen fühlen, die irgendetwas dazwischen sind. Das alles, richtig, ist sehr kompliziert – und außerdem heißt es im Deutschen LSBTI*, weil das G für gay steht, und gay, englisch: fröhlich, steht in den USA für schwul, im Deutschen jedoch wollten es nur jene nutzen, die vom schroffen, schmähenden Klang des Wortes „schwul“ abgestoßen waren oder von diesem homophoben Beigeschmack nicht infiziert werden wollten.

Die Sache ist jedenfalls sehr kompliziert: Zumal die Urfassung der Chiffre LSBTI vor allem darauf berechtigterweise Rücksicht nahm, dass inzwischen auch Trans*- und Inter-Personen öffentlich repräsentiert sein wollten. In auch einst üblichen Sprachformen wie „schwulesbisch“ oder „lesbischwul“ war das ja nicht der Fall. Was all diese Formeln aber eint, ist, dass sie bürgerrechtlich, nicht ideologisch oder identitär gemeint waren.

Schwule und Lesben wollten keine Gesetze mehr gegen sich dulden (bei männlichen Homosexuellen der erst 1994 vollständig abgeschaffte § 175), Trans* und Inter beanspruchten, nicht mehr Objekte von Medizin und Psychiatrie zu sein – sie wollten selbst mehr als nur ein Wort mitreden bei dem, was für sie wichtig ist.

Und dennoch ist die Chiffre selbst ein Horror – denn, so darf, ja so muss man fragen: Ist es nicht begreiflich, dass Heteros (männlich, weiblich oder in welchen Mixturen auch immer) das alles nicht verstehen? Es gibt Schwule und Lesben, und dass es Trans* gibt, hat sich auch schon herumgesprochen, ebenso, dass das eigene Kind, wenn es einem Geschlecht nicht zuzuordnen ist, nicht Gegenstand von zwangsoperativen Eingriffen wird. Heteros verstehen, so ist zu hören, dass die Güte von Lebensweisen sich an Rechten bemisst, vor allem an jedwedem Fehlen diskriminierender Rechtsprechung.

Problematisch wird nur, wenn an diese LGBTI*-Chiffre nun irgendwie auch noch Buchstaben wie Q und A angehängt werden.

Lustlosigkeit als Haltung

Okay, Q heißt queer – und bedeutet für manchen, dass es ein Sammelbegriff ist für alle, die nicht der heterosexuellen Ordnung sich zurechnen (können oder wollen). Als ein politisches Programm nach Gusto Judith Butlers möge das nicht ausgelegt werden: Queer ist wirklich nur – wenn auch nicht queertheoretisch astrein – ein Begriff für das Sammelsurische.

Q steht freilich auch für den Umstand des „Questioning“, für Menschen, die an ihre Art des sexuellen Begehrens noch viele Fragen haben. Klar, dass sie in das Kürzel der Erwähltheit LGBTI*Q – so wird es in den entsprechenden queeren Szenen gern empfunden – aufgenommen sein möchten: Es signalisiert nun nicht mehr nur die Forderung nach rechtlichen Gleichstellungen, sondern die Möglichkeit, sich auch als Opfer (gern: des „Heterosexismus“) zu fühlen.

A hingegen will das auch: Es steht für Asexualität, Lustlosigkeit, und weil von der behauptet wird, dass sie auch eine Haltung gegen den heterosexuellen Traditionskomplex sei, möge sie ebenso in die opferistische Kürzelwendung mit integriert (sorry: inkludiert) werden.

Fragen, dass Lustarmut am Sexuellen eventuell einfach nichts bedeutet, außer dass jemand keine Lust hat, jemand anderem an die Wäsche zu gehen oder sich von ihr/ihm an die Wäsche gehen zu lassen, verbieten sich. Die heterosexuelle Struktur, wie sie fantasiert wird, ist eine dauergeile und erregungsfordernde – was zwar Unfug ist, aber als Stereotyp blendend jeden Smalltalk trägt.

Kein körperlicher Klang

Denn darum geht es stets: Benachteiligt, übersehen, übergangen oder exkludiert zu sein und dies in eine Formel („Große Erzählung“) bringen zu können, ist von schwerer Münze (auch in Anträgen an staatliche Stellen, die um Förderung buhlen).

Insofern: Die zu LSBTI*QA mutierte – ja entgrenzte – Formel markiert nicht mehr ein politisches, sondern ein identitäres Programm, das nicht mehr nach Politiken, nach Rechten und Rechtslagen fragt, sondern nach Einverständnis mit einer Welt, in der die Geschlechter sich auflösen, nur noch als konstruierte scheinen – und alles abgelehnt wird, was irgendwie schlicht und ergreifend heterosexuell sich äußert. Etwa eine Frau, die einen Mann will und mit diesem zusammen ein Kind oder gar mehrere. Ein Verblendungszusammenhang – schwer der Heteronormativität, ließe sich spötteln, auf den Leim gegangen!

Was an dieser beinah grenzenlosen Formel LGBTI*QA am heftigsten stört, ist freilich, dass sie in Wahrheit niemanden aufregt. „Ich bin schwul“ oder „Ich bin lesbisch“ oder „Ich bin trans*“ – das hatte noch körperlichen Klang, der zu provozieren wusste, der auf Resonanz setzte – da steckte noch alle Ängstlichkeit vor „sexual otherness“ drin, das mutete den Adressaten zu, sich den eigenen Fantasien von Furcht und Nichtidentifikation zu stellen.

Aber LGBTI*QA? Das ist breitgetretener Quark, der das Flüchtigste artikuliert, das es gibt: Identitäres. Dabei geht es vor allem um Rechte und das Politische zu ihrer Erlangung. Der Rest ist Privatsache.


Ehe für alle heißt noch lange nicht Akzeptanz - EIN KOMMENTAR

Martin Sommer / die LINKE-Saarland -  kann die Euphorie über die kommende Gleichstellung nicht verstehen. Er fordert einen Neustart der LGBT-Bewegung.

Ja, es ist ein großer Erfolg, dass die Ehe auch für schwule und lesbische Paare geöffnet wird. Kein Sonderstatus mehr für Homosexuelle, sondern endlich gleiche Rechte. Ja, es ist großartig, dass eine so große Mehrheit der Bevölkerung hinter der Ehe für alle steht, wenn man den Umfragen wirklich glauben kann. Und dass die SPD den Mut findet, eine schon lange vorhandene Mehrheit im Bundestag für dieses Vorhaben auch zu nutzen, ist gut.

Euphorie will sich bei mir dennoch nicht einstellen. Das liegt schon an der Art und Weise, wie dieser Fortschritt zustande kam: Rund drei Monate vor der Bundestagswahl wollte die Kanzlerin ein für sie leidiges Thema "abräumen". Und die SPD, die immerhin rund 14 der letzten 17 Jahre an der Bundesregierung beteiligt war, wollte jetzt, kurz vor der Wahl, wenigstens ein einziges Mal ein wenig Unabhängigkeit von Merkel demonstrieren.

Auch wenn eine rot-rot-grüne ebenso wie eine rot-grün-gelbe Zusammenarbeit ab September schon rechnerisch kaum möglich scheint und eine Koalition der SPD mit der Linken auch inhaltlich wenig wahrscheinlich ist. Eigentlich kann die SPD heute nur darauf hoffen, dass Merkel sie noch einmal als Juniorpartner an die Regierung lässt. Aber die Ehe für alle soll das noch einmal verschleiern. Am Ende kommt die Ehe-Öffnung nicht als Akt der Befreiung und nicht als Bürgerrechts-Reform aus Überzeugung – sondern als taktisches Wahlmanöver.

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Gerichte sorgten für die kleinen Schritte Richtung Gleichstellung

Nun könnte man natürlich sagen: Egal wie – Hauptsache die rechtliche Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare kommt überhaupt. Und tatsächlich ist es beeindruckend, wie viel sich in den vergangenen Jahren getan hat. Noch bis in das Jahr 2000 durften Homosexuelle nicht Berufssoldaten werden und bei der Bundeswehr weder als Vorgesetzte noch als Ausbilder arbeiten. Dieses Verbot hat nicht der damalige sozialdemokratische Verteidigungsminister Scharping freiwillig und auf eigene Initiative aufgehoben, das wurde erst durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts möglich.

Foto - Berlin.de

Als ich mich vor elf Jahren verpartnern ließ, gab es für uns als neues gemeinsames Recht eigentlich nur das Zeugnisverweigerungsrecht – wir müssen seitdem nicht gegeneinander vor Gericht aussagen und haben von diesem Recht noch nie Gebrauch gemacht bzw. machen müssen. Die Gerichte, nicht die Politik, haben dann in den letzten Jahren die Diskriminierung eingetragener Lebenspartnerschaften bei Hinterbliebenen-Versorgung, Erbschaften und der Einkommenssteuer beendet. Und jetzt gab es – erstmals in der Geschichte der Schwulen-und Lesbenbewegung in Deutschland – einen richtig machtvollen gesellschaftlichen Druck für die Ehe-Öffnung. Für viele junge Menschen, die sich selbst als links definieren, war die Ehe für alle eines der zentralen Anliegen ihres Engagements.

Noch lange nicht im Homo-Paradies

Und, war's das jetzt? Leben wir nun bald alle im Homo-Paradies, weil auch schwule und lesbische Paare dieselbe Ehe schließen können wie Heteros? Nein, noch lange nicht! Die Ehe auch für Homosexuelle hatte auch deshalb so viel Zuspruch, weil sie eigentlich eine ziemlich bürgerliche, ja konservative Forderung ist.

Der ehemalige Bundespräsident Gauck beispielsweise hat erklärt: "Wenn homosexuelle Menschen das gleiche Recht erhalten, in einer rechtlich verbindlichen Partnerschaft zu leben, gibt es ihnen die Chance, ein gleichwertiges Leben in Liebe und Partnerschaft zu führen." Als wenn Schwule und Lesben ohne denselben Trauschein wie Heterosexuelle zu haben, kein "gleichwertiges Leben in Liebe und Partnerschaft" führen könnten. Gleichwertigkeit gibt es also nur, wenn man sich der bürgerlichen Ehe in Monogamie unterwirft?

Und wie passt es zusammen, dass zwar Umfragen zufolge über 70 Prozent der Deutschen für die Ehe für alle sind, aber es laut der Studie "Die enthemmte Mitte" über 40 Prozent "ekelhaft" finden, wenn sich gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit küssen? Noch immer ist "schwule Sau" das schlimmste Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen und mehr als die Hälfte der homosexuellen Jugendlichen hat üble Nachrede und Mobbing Gleichaltriger erlebt, körperliche Gewalt aufgrund ihrer sexuellen Identität rund 14 Prozent.

Akzeptiert wird Anpassung, nicht Vielfalt

Da seit Jahren die Gleichstellung erwachsener Homo-Paare in den Fokus gerückt worden ist, blieben die Bedürfnisse der jüngeren und alleinlebenden Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender weitgehend unbeachtet. Union und SPD haben es jetzt fertiggebracht, im Zuge der überfälligen Rehabilitierung und Entschädigung derjenigen schwulen Männer, die in der Bundesrepublik auf Grundlage des Paragrafen 175 verfolgt wurden, die Diskriminierung Homosexueller festzuschreiben, indem sie andere Schutzalters-Grenzen für Homosexuelle als für Heterosexuelle festgelegt haben. Damit bedienen sie das uralte Vorurteil: Schwul ist man nicht, man wird es durch bösen Einfluss.

Akzeptiert wird von der heutigen Mehrheitsgesellschaft also weniger der einzelne schwule, lesbische oder bisexuelle Mensch und schon gar nicht Homosexualität als gleichwertig gegenüber der Heterosexualität. Akzeptiert wird nicht die Buntheit und Vielfalt der Gesellschaft, sondern nur der Versuch von Minderheiten, sich einzuordnen und nicht weiter aufzufallen. Solange ein schwuler Mann nur hübsch heiratet, monogam lebt und in der Öffentlichkeit nicht "seine Sexualität zur Schau stellt", ist alles gut. Respekt sieht anders aus.

Wenn die Ehe für alle beschlossen ist, verliert der LSVD seine letzte verbliebene zentrale Forderung und die CSDs landauf, landab müssen sich wohl oder übel neue Mottos überlegen. Das zeigt nur eines: Es wird Zeit für einen Neustart der LGBT-Bewegung. Denn was wirklich fehlt, ist eine selbstbewusste und unabhängige Vertretung von LGBT-Anliegen – abseits von parteipolitischen Erwägungen und ohne scheue Blicke auf die Regeln und Normen der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft.

Foto - Köln.de

Das Verschwinden der schwul-lesbischen Communitys

Jetzt rächt es sich, dass die Diskussion über viele Jahre hinweg auf die Ehe beschränkt wurde und eine eigenständige schwul-lesbische Community in den meisten deutschen Städten und Regionen kaum noch existiert. Ich spreche natürlich nicht von Berlin, Hamburg, München oder Köln. Aber ist es wirklich ein Fortschritt, dass anderes, queeres Leben außerhalb von solchen Metropolen kaum noch sichtbar ist? Dass Homo-Bars, Clubs und Cafés mehr und mehr verschwinden und Schwule und Lesben sich stattdessen meist allein und anonym im Internet verabreden?

Ist es wirklich Befreiung, wenn Homos ganz in der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft aufgehen – und im Gegenzug kaum noch eigene queere Fragestellungen und Lebensentwürfe erkennbar sind? Sind eigene Rückzugs-Räume, an denen man nicht auf das Wohlwollen der heterosexuellen Mehrheit angewiesen ist, und Orte, an denen aus einzelnen lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgender Menschen eine Community entstehen kann, wirklich gleichzusetzen mit Abschottung und Ghettoisierung?

Die verbliebene durchkommerzialisierte Hochglanz-Szene – auch im Internet – lässt kaum Platz für all diejenigen, die nicht jung, schön, stets gestylt und vermögend sind. Nach dem Engagement für die Ehe-Willigen wäre es an der Zeit, sich auch diesen Fragen anzunehmen.


Sogar nachträglich diskriminiert        

Taz.de/ Jan Federsen

Union und SPD fädeln in die Jahrzehnte verspätete Wiedergutmachung eine ungeheure Unterstellung ein: dass alle Schwulen Päderasten seien.

Der Bundestag wird heute endlich das Gesetz verabschieden das die Opfer des bis 1994 geltenden Paragrafen 175 nicht nur rehabilitiert, sondern auch – mit viel zu kleinen Summen – entschädigt. Allerdings hat diese von Linken und Grünen schon vor 13 Jahren lancierte Initiative inzwischen einen bitteren Beigeschmack.

Selbst jetzt noch versuchen Union und SPD, diskriminierende Vorurteile gegen Schwule zu verbreiten   Foto: dpa

CDU/CSU und SPD setzten im Rechtsausschuss des Bundestags durch, dass diese Rehabilitation nur für jene Männer gilt, die nicht mit männlichen Personen unter 16 Jahren Sexuelles teilten. Das diene nachträglich dem Jugendschutz. In Wahrheit lugt in dieser groß Koalitionären Präzision dessen, was Sache ist, der alte Vorwurf hervor, Schwule seien eigentlich alle Päderasten, Kinderschänder, denen man mit Jugendschutzparagrafen beikommen müsse.

Denn: Die Schutzaltersgrenze für Heterosexuelle lag damals bei 14 Jahren – also werden in diesem Rehabilitationsgesetz homosexuelle Männer nachträglich diskriminiert. Und davon abgesehen, dass es keine Strafakten mehr gibt – sie sind so gut wie alle in den Behörden geschreddert worden –, müssen die eigentlich zu entschädigenden Opfer nachweisen, dass sie wirklich keine Pädos waren.

Foto - Queer.de

Dabei sind die in Strafregistern noch erfassten Delikte eben jene nach Paragraf 175 – die den Jugendschutz und Sexualität mit minderjährig Abhängigen betreffenden Strafen sind die nach den Paragrafen 174 und 176. Um diese ging es aber nie. Was der Bundestag mit SPD-Hilfe beschließen soll, ist eine vergiftete Wiedergutmachungsleistung.

Diese Debatte ist ein Vorgeschmack auf die in der nächsten Legislaturperiode sicher geführte Debatte über die „Ehe für alle“. Auch hier werden die Unionsparteien die Ressentiments gegen Homosexuelle abrufen. Und vermutlich auch die SPD, die offenbar keine Courage hat, sich der eigenen Geschichte der Homophobie zu stellen. Stattdessen bezieht sie sich immer noch auf das Bild vom Schwulen als Jugendverderber. Bewusst oder unbewusst.


„Ich wünsche mir eine wahrhaft perverse Sexualpolitik“ von Judith Sevinc Basad

Autoritäre Sehnsüchte, Sprechverbote und Bußrituale: Die Polittunte Patsy l’Amour laLove kritisiert in ihrer Anthologie „Beißreflexe“ totalitäres Verhalten in der queeren Bewegung. Wir haben mit der Autorin gesprochen.

Patsy l‘Amour laLove ist Geschlechterforscherin, Publizistin und Organisatorin zahlreicher wissenschaftlicher und kultureller Veranstaltungen. Im März 2017 veröffentlichte sie den Sammelband „Beißreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“. Das Buch löste vor allem in der queeren Szene heftige Debatten aus.

In deiner Anthologie beschreiben die Autoren haarsträubende Szenen. So mussten sich an einem queeren Großevent im Jahr 2013 einzelne Aktivisten von ihren Dreadlocks und Tunnelohringen trennen, weil die Modeaccessoires als rassistisch empfunden wurden. Wie weit verbreitet sind solche Vorfälle unter den Queers?

Patsy l'Amour laLove                                                     Foto: Alexander Heigl/Klidoris Belmont


Bei queerfeministischen Events sind diese Vorgaben, wie man sich richtig zu kleiden und zu frisieren habe, in den letzten Jahren zunehmend präsent. Und die Regularien werden vielfältiger. So gab es beim Berliner Queer Zine Fest eine ganze Liste mit Verboten. Da ging es um Schmuck und um Aussagen oder Fragen, wegen derer man vom Treffen fliegen sollte. Der harsche Angriff auf diejenigen, die dem jeweiligen Regelkatalog nicht genau genug folgen, ist viel weiter verbreitet, als ich das vor der Veröffentlichung von Beißreflexe dachte. Ich bekomme im Moment haufenweise Mails, in denen Leute davon berichten, wie sie an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer Politgruppe heftig gemobbt und öffentlich vorgeführt werden. Teilweise sind das richtige Hilferufe.

„Beißreflexe“ wurde innerhalb von drei Monaten drei Mal neu aufgelegt. Ein Erfolg, der nicht ohne harsche Kritik und sogar Gewaltandrohungen einherging. Wie erklärst du dir die große Nachfrage und die heftigen Reaktionen?

Ich denke, dass es bei diesem Buch wie bei anderen auch ist: Den Trend, sich von diesem autoritären Aktivismus abzuwenden, gab es schon und so kam „Beißreflexe“ zum richtigen Zeitpunkt. Für viele politisch Aktive wurde eine Sprachlosigkeit aufgebrochen, bei einigen fand ein Umdenken statt. Sie lavierten vorher in einer Unentschiedenheit, die nun bei vielen glücklicherweise einer entschiedenen Kritik weicht.

Bei deinen Beschreibungen des Queerfeminismus‘ verwendest du häufig christliche Metaphern. Du schreibst über „inquisitorischer Macht“, über „Sünden“ und „Bußrituale“. Was hat es mit dieser sprachlichen Nähe zur Religion auf sich?

Die Verwendung religiöser Begriffe passt zum religiös anmutenden queeren Aktivismus. Dort geht es hauptsächlich darum, sich moralisch rein zu halten oder wie es dort heißt: progressiv, subversiv und radikal zu sein. Man möchte ein besserer Mensch sein, was ja auch nachvollziehbar ist. Nur äußert sich im queeren Aktivismus die Sehnsucht nach dem großen, heilbringenden Kollektiv und wird nicht reflektiert. Die Fantasie eines Kollektivs ist entlastend, weil man ihm die Verantwortung über das eigene Handeln und Denken übertragen kann. Das ist wie in einer Religionsgemeinschaft. Eine weitere Ähnlichkeit ist die übermäßige Identifizierung mit den Inhalten, was bei politischen Diskussionen zunächst merkwürdig anmutet. Kritisiert man eine queere Position, dann fühlen sich queere Aktivist_innen, oft sogar Professoren, davon persönlich verletzt. Damit wird eine Auseinandersetzung mit dem Argument gekonnt abgewehrt, es geht nur noch um persönliche Empfindungen. Das erinnert an die Behauptung, man würde religiöse Gefühle verletzen, wenn man Religionskritik übt. Auch queere Ansätze sind heilige Kühe, deren Wahrheitsanspruch nicht hinterfragt werden dürfen.

Wieso hat die queere Szene ein Problem damit, den Islam zu kritisieren?

Das hat mit einerseits dem queeren Privilegienansatz zu tun. Aus einer sogenannten westlichen Perspektive dürfe man keine Kritik an islamischen Regimen und ihrer Schwulenverfolgung äußern. Was allerdings eine Verweigerung von Solidarität ist. Und andererseits lehnt queerer Aktivismus eine vehemente Religionskritik ab, besonders hinsichtlich des Islam. Es gibt eine spezifische queere Sexualfeindlichkeit, zu der die Faszination für eine Religion, in deren Namen Frauenkörper bedeckt werden sollen, doch sehr gut passt.

Bewegungen wie „Critical Whiteness“ stehen häufig wegen ihrer Betroffenheitspolitik in der Kritik. Was ist problematisch daran, wenn man Personen auffordert, über ihre „weißen Privilegien“ nachzudenken?

Man kann ja zu allen möglichen Dingen auffordern, die Frage ist doch, wozu das führen soll. Zunächst sollte man sich fragen, was genau Privileg zu bedeuten hat und ob das nicht nur als eine Art neues schlechtes Gewissen ins Feld geführt wird. Darüber hinaus verweilt die Forderung nach einer Reflexion über Privilegien in sich selbst und bietet keine wirkliche Reflexion. Viel wichtiger ist es, sich mit Diskriminierung auseinanderzusetzen, mit der Geschichte des Hasses und damit, dass sich Unterdrückung nicht bloß anhand von konkreten Personen äußert, die man dann ablehnen oder zu subversiven Subjekten stilisieren kann. Außerdem kommt man mit Empathie auch politisch viel weiter als mit schlechtem Gewissen………..

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Grüne Todessehnsucht ( ZEIT online – Ludwig Greven )

Möchten die Grünen aus dem Bundestag fliegen? Wer angesichts der Weltlage die Homoehe zur Koalitionsbedingung macht, zeigt, daß er nicht gewählt werden will.

Es gab einmal eine Zeit, da plakatierten die Grünen vor einer Bundestagswahl: "Alle reden von der Einheit. Wir reden vom Wetter." Das war 1990. Die (West-)Grünen flogen daraufhin aus dem Bundestag. 1998 forderte die Partei im Wahlkampf, dass der Liter Benzin fünf Mark Kosten solle. Joschka Fischer tobte. Die Grünen schafften es nur knapp in die Koalition mit der SPD. 2013 wiederholte es sich ähnlich: Diesmal propagierten sie den Veggie-Day. Die Wähler fanden es wieder nicht lustig. Das Ergebnis war entsprechend. 

Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir während des Grünen-Parteitags                         © Steffi Loos/Getty Images

Gelernt aber haben die Grünen aus alldem offensichtlich: Nichts. Die Welt muss sich mit Donald Trump auseinandersetzen; islami­s‍tische Terrori­s‍ten versetzen die Menschen überall in Angst; das Pariser Klimaabkommen wackelt; an der Grenze Europas herrscht in Syrien ein entsetzlicher Krieg vor dem Millionen Menschen fliehen; die EU steckt in einer tiefen Krise; die Bürger fürchten sich vor der Globalisierung und laufen Fremdenfeinden und Nationalisten nach.

Doch was machen die Grünen? Sie erklären allen Ern­s‍tes die Homoehe zur unverzichtbaren Voraussetzung für eine Koalition  mit ihnen. Haben die keine anderen Sorgen?

Sie sollten andere haben. Denn wie schon 1990 taumeln sie dem parlamentarischen Aus entgegen. Keiner möchte im Moment darauf wetten, dass die Grünen auch dem nächsten Bundestag angehören werden. Geschweige denn, dass sie für irgendeine Koalition gefragt sein werden. Wie denn auch, in dieser Verfassung, mit solchen Botschaften und diesem Führungspersonal?

Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir, die beiden Spitzenkandidaten, bemühten sich auf dem Parteitag an diesem Wochenende, den Mitgliedern Mut zu machen. Wird schon alles nicht so schlimm, wie es die Umfragen vorhersagen, lautete ihre trö­s‍tende Botschaft. Hauptsache, wir halten an unseren Zielen fest.

forcus.de

Die Selbstbeschwörung verfing nicht. Viele Grünen-Mitglieder ahnen, daß die Lage der Partei in Wahrheit noch weit schlimmer ist. Im zwölften Jahr ihrer Opposition im Bund hat die ein­s‍tige selb­s‍terklärte Volkspartei noch immer kein klares Konzept für die Zukunft, kein zündendes Programm und keine überzeugende Führung. Stattdessen ergeht sie sich wie eh und je in Flügelkämpfen und Eskapismus.

Ohne Zweifel: Die volle Gleichberechtigung von Homosexuellen und anderen Minderheiten gehört zu den Kernpunkten einer Partei, die sich als Vertreterin der Bürgerrechte versteht. Die Grünen haben hier verdienstvollerweise viel erreicht. Homosexuelle Partnerschaften sind, auch dank Mithilfe des Bundesverfassungsgerichts, der Ehe bis auf das Adoptionsrecht praktisch gleichgestellt. Was noch fehlt, ist die formelle Gleichstellung.

Dass die Grünen das aber jetzt in den Mittelpunkt ihrer Kampagne stellen, unterstreicht, dass sie ihre Wahlpleiten der Vergangenheit nicht verstanden haben. Und auch nicht die Sorgen und Wünsche der Mehrheit der Bürger. Erfolg haben kann auf Dauer aber nur der, der Politik nicht alleine für seine eigene Kernklientel macht. Zumindest wenn er nicht enden will wie die FDP im Jahr 2013. Die flog damals aus dem Parlament.

Vielleicht wollen die Bundes-Grünen ja gar nicht regieren. Womöglich hat sie längst die alte Krankheit der SPD erfaßt, die Angst vor der Macht und der Verantwortung – auch für schmerzhafte Kompromisse und Abstriche am eigenen Programm. Umso verlockender ist dann der Verbleib in der Daueropposition, in der eine Partei zwar wenig bewirken, aber umso mehr ihre Prinzipien hochhalten kann. Frag nach bei der Linken.

Oder die beiden Spitzenkandidaten sind eine Fehlbesetzung. Göring-Eckardt und Özdemir sind zwar noch vergleichsweise jung und überzeugte Realpolitiker. Aber sie gehören schon ewig zur Führung der Grünen, sie sind in vielen innerparteilichen Kämpfen verschlissen. Sie wirken – im Gegensatz zu munteren Hoffnungsträgern wie Tarek al-Wazir in Hessen und Robert Habeck in Schleswig-Holstein – grau und konturlos. Sie vermögen es nicht, der Partei Orientierung und eine neue Perspektive zu geben. Und den Bürgern einen einleuchtenden Grund, weshalb sie am 24. September ausgerechnet die Grünen wählen sollen.

ntv-de

Regulierungswahn wie eh und je

Denn vieles, was die Grünen einst pionierhaft forderten, wie den Atomaus­s‍tieg, die Energiewende oder ein modernes Staatsbürgerschaftsrecht, mehr Weltoffenheit und gesellschaftliche Vielfalt, ist längst auch Allgemeingut der anderen Parteien geworden. Und zum Teil Realität. 

Die Grünen schaffen es jedoch nicht, ihre Botschaft der Nachhaltigkeit in die Jetztzeit zu übertragen. Wie lassen sich Energiewende und Digitaltechnologie kombinieren, etwa in Form von Hightech-Stromnetzen oder Apps, die den Energieverbrauch daheim effizient, umweltgerecht und ko­s‍tengün­s‍tig steuern? Das sind Fragen, mit denen sich der künftige Kieler Umwelt-, Agrar-, Energiewende- und Digital-Multimini­s‍ter Habeck beschäftigen wird.

Hoch lebe der programmatische Absolutismus

Die Bundespartei dagegen bleibt ihrem Regulierungswahn treu. Sie will den Bürgern unverdrossen vorschreiben, wie sie zu leben haben, und der Wirtschaft, was und wie sie zu produzieren hat: Von 2030 an sollen nur noch abgasfreie Autos zugelassen werden, auch wenn der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann als Vertreter des Autolandes Baden-Württemberg schäumt. Die 20 dreckigsten Kohlekraftwerke wollen die Grünen sofort stilllegen – egal, woher dann der Strom kommt. Denn ausreichende Leitungen und Speicher für den alternativ erzeugten Strom müssen erst noch gebaut werden. Atomstrom aus Frankreich oder anderen Ländern importieren wollen die Grünen aber auch nicht. 

Koalitionspartner werden die Grünen mit alldem in Berlin nicht finden, wenn sie nach der Wahl überhaupt genug auf die Waagschale bringen werden: Die CDU lehnt die Homoehe ab. Und die Partei wird Deutschland und seine Wirtschaft nach dem Ende der Atomenergie nicht in ein Chaos auch noch ohne Kohlestrom stürzen – genau so wenig wie die SPD.

Wie es anders geht, haben die Grünen gerade in Schleswig-Holstein vorgemacht. Sie sind ohne Koalitionsfestlegungen und ohne rote grüne Linien in die Landtagswahl gegangen und haben damit große Erfolge erzielt: bei der Wahl und in den Jamaika-Koalitionsverhandlungen. In Nordrhein-Westfalen, wo die Grünen noch stark der schlechten grünen Tradition verhaftet sind, sitzen sie dagegen wieder in der Opposition. 

Beißreflexe ?

Die queer-feministische Gender – Stasi ( von Peter Rehberg / Zeit online )

Queer – das bedeutete mal Freiheit. Heute dominieren Sprechverbote und Aktionismus. Das jedenfalls beklagen die Autoren des erfolgreichen Essaybands "Beißreflexe".

Eigentlich war queer das letzte Zauberwort, dem noch ein Rest des Freiheitsversprechens der 68 er anhaftete. Beflügelt von Michel Foucaults Michel  historischer Analyse von Sexualität und Judit Butlers Auffassung von Geschlecht als performativ, versprach eine queere Kritik, die einengenden Panzer von Geschlecht und Sexualität – die wir als "natürlich" verkennen – aufzubrechen und damit Liebe und Begehren wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Unsere Körper sollten sich in neuen, ungeahnten Bahnen bewegen und nicht länger durch so fantasielose Konstruktionen wie Männlichkeit und Weiblichkeit, Heterosexualität und Homosexualität eingekerkert werden. Daß mit solchen unvorhersehbaren Fluchtlinien des Verlangens nicht nur das private Glück, sondern auch eine neue Politik auf dem Spiel stand, versteht sich von selbst.

Umso erstaunlicher, dass Queere in der deutschen Hochschul- und Aktivi­s‍tenszene inzwischen ganz anders zum Einsatz kommt. Hier ist nicht etwa ein kulturelles Labor emotionaler und libidinöser Experimente entstanden, sondern es hat sich stattdessen eine autoritäre Blockwartmentalität breitgemacht. So jedenfalls lautet die Diagnose in Beißreflexe: Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten.

Patsy l’Amour laLove, Herausgeberin des Buches "Beißreflexe" © Dragan Simicevic Visual Arts

Das Buch greift viele Fragen auf, aber zwei Themen sind vor allem von Bedeutung: Zwar behaupten Duggan und Puar, alle Formen von Unterdrückung berücksichtigen zu wollen. Auf mehr oder weniger offensichtliche Weise führt ihre Kritik an etablierten lesbischen und schwulen Lebensformen aber zu einer Hierarchisierung von Diskriminierungserfahrungen, so die Autoren von Beißreflexe. Deutlich wird das, wenn man sich das komplizierte Verhältnis von Lesben, Schwulen und Muslimen anguckt. In der queer-femini­s‍tischen Szene hat sich Duggan und Puar folgend die Meinung durchgesetzt, so Patsy, daß Rassismus und Islamophobie heute größere Probleme dar­s‍tellen als Homophobie und Sexismus. "Unter Liberalen und Linken wird der politische Islam als Problem häufig verleugnet", schreibt sie. "Eine breite Aufklärung gegen Rassismus und Islam sucht man vergeblich."


Noch grundlegender ist der zweite Punkt, den Patsy & Co zu Recht ins Zentrum ihrer Analyse rücken. Die Vorstellung nämlich, es gäbe überhaupt eine Form von Subjektivität, die sich außerhalb von Herrschaftsverhältnissen positionieren könnte. Ein moralisch einwandfreies Wesen, vollkommen frei von Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie. Ein queerer Unschuldsengel. Eben dieser Fantasie von Reinheit und Gewissenhaftigkeit verdankt sich die inquisitorische Atmosphäre, die sich innerhalb der queer-femini­s‍tischen Szene breitgemacht hat. Aus ihr folgt auch die Forderung nach verletzungsfreien Räumen; safe spaces, der universitäre Seminarraum zum Beispiel, in denen das Trauma der Diskriminierung nicht erneut "getriggert" wird.

Homonormativität und Homonationnalismus

Dieses Milieu – eine Art von ideologischer Wellneßlandschaft – wird in Beißreflexe zu Recht kritisiert. Denn in der Konsequenz führt eine solche Kultur dazu, daß hier jeder nur noch für sich selbst sprechen darf. Identitäten werden durch Leiderfahrungen als authentisch verifiziert; eine Form der Verkörperung, die keinen Raum mehr für Brüche, Witze oder das Unbewußte läßt. Geschweige denn für Streit und den Au­s‍tausch von Argumenten. .................

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Was fasziniert Schwule, Lesben und Trans*menschen an der AfD?

Warum ist die Politik der AfD oder Marine Le Pens auch für LGBTs attraktiv? Dazu äußert sich am 06.06. in Berlin u. a. Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß, dem wir vorab ein paar Fragen stellten

Unter der Überschrift „Schwule in der AfD? Marine Le Pen und die Gay-Lobby?" lädt das Team der Kunsthalle am Hamburger Platz vom 06. bis zum 09.06. zu einer kleinen Veranstaltungsreihe: In Diskussionen, Filmbeiträgen und einer Ausstellung geht es u. a. um Fragen nach Homonationalismus, rechts-konservativen Widerständen gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, aber auch um den Weg zu einer guten Diskussionskultur.

(Foto swr.de)

Zur Debatte äußern sich am 06.06. der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß (u. a. Mitautor von „Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität: Kritische Perspektiven"), der Künstler Rüzgâr Buşki und Aktivistin Tal Iungman. Wir haben vorab Heinz-Jürgen Voß gefragt wie er die Attraktivität der AfD und rechtspopulistischer Strömungen für LGBTs einschätzt

Die AfD-Spitzenkandidatin ist mit Alice Weidel eine Lesbe, es gibt auch trans* Leute, die sich in der AfD engagieren. Weist die Überschrift „Schwule in der AfD?“ also in die richtige Richtung?  Ja und nein, wobei die Überschrift nicht von mir ist. Auch heterosexuelle, schwule, lesbische, asexuelle und trans* Leute können rassistisch und antisemitisch sein. Das gilt auch für Cis-Lesben. Und man kann hier Spaltungen von Gruppen und ähnliches beobachten, weil sich die Mehrheit mit solch ausgrenzenden Positionen nicht gemein machen möchte. Auch die Mehrheit der Cis-Schwulen grenzt sich gegen offenkundige Antisemit*Innen und Rassist*Innen ab. Allerdings haben unter Trans* insgesamt und unter Cis-Frauen und -Lesben bereits viele Diskussionen zu Ausgrenzung, zu Rassismus, zu Antisemitismus und Nationalismus stattgefunden – seit den 1980er Jahren. Auch setzen sich Cis-Frauen-Lesben-Kontexte zum Beispiel mit eigener Transfeindlichkeit auseinander – wenn auch noch lange nicht ausreichend, wie etwa das gute aktuelle Buch von FaulenzA eindringlich zeigt. In schwulen Kontexten finden diese Debatten hingegen leider kaum statt. Ich kann mich hier noch an furchtbar transfeindliche Plakate in Berlin erinnern, die nicht zu einem Aufschrei in der Community geführt haben.

Was fasziniert schwule Männer an einer Partei wie der AfD? Pauschal trifft die Feststellung nicht zu. Es gibt eine ganze Reihe schwuler, lesbischer und queerer Leute, die sich gegen die AfD engagieren. Allerdings macht mir schon Sorge, was in Kommentarspalten schwuler Medien an rassistischen und antisemitischen Aussagen mittlerweile möglich ist.

Und es macht mir eine Haltung Sorge: „Es muss doch einmal gesagt werden“, wie es heute auch von Schwulen kommt. Gerade weiße Männer machen sich diesen Slogan zu eigen, mit dem Thilo Sarrazin, als einflussreicher Politiker, Bundesbanker, der Bücher in Millionenauflage veröffentlichen konnte, so getan hat, als sei er marginalisiert und würde nicht und nirgends sprechen können.

Schwule Kommentarspalten und Buchveröffentlichungen werden gewiss weniger gelesen, aber ich bin von dem bei Sarrazin abgeguckten Duktus erschrocken, dass gerade in der deutschen Gesellschaft weiße Männer besonders diskriminiert wären.

Die Gender Studies an Universitäten und Konzepte geschlechtlicher Vielfalt werden gerade zu neuen Feindbildern stilisiert. Warum verfängt das teilweise auch bei schwulen Männern? Die aktuellen Debatten um geschlechtliche und sexuelle Vielfalt waren durchaus vorhersehbar: Erst 1994 wurde der Strafparagraph 175 gestrichen. Bis dahin war es Selbstverständlichkeit an den Schulen, dass Homosexualität im Lehrplan als „Krankheit“ thematisiert wurde, von Inter* und Trans* wurde nicht gesprochen. Die aktuelle Gesellschaft hat sich für Toleranz und Akzeptanz zumindest in Bezug auf sexuelle und zum Teil geschlechtliche Fragen entschieden – und entwickelt nun nach und nach.

Interview: Andreas Scholz/Roberto Manteufel


Political Correctness 01.07.2017

Ihr verteidigt auch nur eure Privilegien

Die gut ausgebildeten Vorkämpfer des politisch korrekten Sprechens feiern Buntheit, Vielfalt und die große Inklusion. In Wahrheit etablieren sie bloß eine neue Norm der Herrschaft – und diskriminieren Minderheiten, die wenig zu sagen haben.


Der kanadische Premiermini­s‍ter Ju­s‍tin Trudeau, prominenter Privilegierter bei der Vancouver Pride Parade 2016. (Bild: Ben Nelms/Reuters)


Die Political Correctness ist eine ernste Sache. Das hehre Ziel des neuen korrekten Sprechens besteht darin, alle Individuen in den Diskurs mit einzubeziehen und niemanden zu diskriminieren, oder genauer: niemandem einen Grund zu geben, sich beleidigt zu fühlen. Die Welt der Korrekten ist darum todernst, Ironie absolut verboten.

Das Label LGBT+ lieferte damit die konkrete Färbung für das gesamte Feld. Es zwang alle, sich unter ihrem Banner zu vereinen.


Warum wählen Schwule und Lesben die AfD?  

von Juliane Löffler – Der Freitag

Nationalismus Auch Homosexuelle wenden sich rechten Populisten zu. Was sie dort wollen? Eine Spurensuche.

Wer wählt denn schon seinen Schlachter.“ Dies ist die wohl naheliegend­s‍te Reaktion auf die Frage, ob Homosexuelle die AfD wählen. Das schwule Szene-Heft Männer-Magazin hatte sich danach in einer nicht repräsentativen Umfrage erkundigt. Die Leserkommentare fielen entsprechend aus. Dann aber wurde die Frage anonym wiederholt und prompt wurde die AfD dritt­s‍tärk­s‍te Kraft, hinter den Grünen und der Linken. Heraus kam: 16,6 Prozent machten bei der „Alternative für Deutschland“ ihr Kreuzchen. Die Homosexualität auf der einen Seite – und auf der anderen eine Partei, die vor „Gender-Wahn“ warnt und die Drei-Kinder-Familie als Lebensziel definiert: Ist das kein Widerspruch?

Rechtspopulismus und Homosexualität? Paßt für viele seltsamerweise zusammen / Illustration: der Freitag


Der Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Frank-Chri­s‍tian Hansel, lebt mit seinem langjährigen brasilianischen Partner zusammen. „Die AfD ist nicht homophob“, sagt er. Der Satz ist ein Mantra der Partei.

Das Identifikationsangebot, in einem nationalen Kollektiv aufgewertet zu werden, verfängt an genau dieser Stelle. Letztlich ist ein zentraler Grund für die Orientierung nach rechts die soziale und ökonomische Klasse – und die ist mindestens ebenso wichtig wie die sexuelle Orientierung.


Kritik an der queer feministischen Szene - HAMBURG taz  ( 26.06.2017 )

Queere Maulkörbe

Die queer feministische Autorin Patsy l’Amour laLove hat mit „Beißreflexe“ eine scharfe Kritik an ihrer eigenen Szene vorgelegt. Dafür wird ihr gedankt und gedroht

Wenn der linke Buchladen im Hamburger Schanzenviertel, also der linke Buchladen, ein politisches Buch nicht im Sortiment führt, ist das schon ein Statement. Die Rede ist nicht von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ oder etwas Vergleichbarem – sondern von einem Sammelband der queerfemini­s‍tischen Aktivistin, Geschlechterforscherin und „Polit-Tunte“ Patsy l’Amour laLove.


Kann weh tun: Beißreflexe in der linken Szene  (Foto: dpa)

In den sozialen Netzwerken tobt der Mob: Twitter-User*innen nannten das Buch „vertextete Gewalt“, beschimpften die Herausgeberin als „Schwuchtel“, der man „das Maul stopfen“ müsse oder „die Zähne ausschlagen“ solle. Jemand drohte Gewalt mit dem Baseballschläger an, jemand anders rief zur Bücherverbrennung auf. Das Buch sei trans-feindlich, unsolidarisch, antimuslimisch- rassistisch, werfen sie der Herausgeberin vor.

Das Buch findest Du unter " Der Bücherwurm auf dieser Homepage


Kondomverbot wegen Triggergefahr ( Von Sebastian Bähr 25.05.2017

Die Drag-Künstlerin Patsy I` Amour laLove kritisiert den verkürzten Blick der Queer-Szene auf Kapitalismus und Gesellschaft.

Wann haben Sie sich von der queeren Szene losgesagt?

Als ich 2010 nach Berlin zog, stellte ich fest, dass es sich nicht um das Problem einer bestimmten Lokalszene handelt, sondern des queeren Aktivismus an sich. Egal in welcher Stadt ich war, es wurden Leute ausgeschlossen und Veranstaltungen gesprengt. (Unter dem Bücherwurm hier auf der Seite findest du das Buch zum Artikel )


Dragan Simicevic Visual Arts


In der GroKo keine Erneuerung  21.05.2017

Warum Schulz der falsche Mann am falschen Platz ist

Roland Appel, einst Fraktionsvorsitzender Grünen im Landtag von NRW, analysiert die Lage von Martin Schulz und SPD nach der Niederlage in Nordrhein-Westfalen.

Die SPD hat in Nordrhein-Westfalen das größte Wahldesa­s‍ter ihrer Parteigeschichte erlebt. Das ist bitter. Hannelore Kraft hat die Verantwortung übernommen und ist zurückgetreten. Die NRW-SPD ist gut beraten, sich nun in einem längerem Prozess neu aufzustellen.



© Axel Schmidt/Getty Images



Fleißige Ministerien Gesetzentwürfe als Wahlkampfmunition

von Peter Carstens Berlin - 21.05.2017

Die Mini­s‍terien werden gerade mal wieder für Wahlkampfzwecke instrumentalisiert. Sie schreiben Gesetze, über die der Bundestag gar nicht ab­s‍timmt. Wem nützt das?


Viele Gesetzentwürfe im Bundestag, wenig Gesetze verabschiedet: Vor der Bundestagswahl herrscht Hochbetrieb in den Mini­s‍terien. (Foto dpa )


Hate-Speech-Gesetz"Faktisch eine Einschränkung der Meinungsfreiheit"   (20.05.2017)

Das "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" von Ju­s‍tizmini­s‍ter Heiko Maas sorgt für heftige Kontroversen. Es sei "faktisch eine Einschränkung der Meinungsfreiheit", sagte Johannes Baldauf von der Amadeo-Antonio-Stiftung im DLF. Sexismus, Homophobie und Antisemitismus ließen sich nicht per Gesetz verbieten. Es brauche andere Maßnahmen. ( Johannes Baldauf im Gespräch mit Mario Dobovisek)


Was im Netz sichtbar werde, sei das, was bei vielen Leuten los sei, sagte Johannes Baldauf von der Amadeo-Antonio-Stiftung im DLF. Um das Verhalten der Nutzer zu ändern, müsse auf das gesellschaftliche Klima eingewirkt werden. (imago / IPON)

 der Meinungsfreiheit"