Queer - Impulse

So leb Dein Leben, wir haben nur das eine ?!?



"Gezielte homophobe Hetze in Russland"

Der 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homophobie. Im Interview erläutert die Historikerin Irina Roldugina, wie Homophobie in Stalins Russland entstand und wie sie unter Präsident Putin instrumentalisiert wird.

Frau Roldugina, wie ist es in Russland zur weit verbreiteten Intoleranz gegenüber Homosexuellen gekommen?

Irina Roldugina: Homophobie ist ein sehr komplexes Phänomen. Sie hat viele Ursachen und hängt von vielen Faktoren ab. Wenn man das Mittelalter und die frühe Neuzeit in Russland mit dem damaligen Europa vergleicht, dann stellt man fest, dass Europa viel homophober war. Auch im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gab es in Russland weder Todesurteile wegen Sex unter Männern noch irgendwelche großen Skandale und aufsehenerregende Gerichtsprozesse wie in Europa.

Jedoch sollte man daraus nicht den Schluss ziehen, Russland sei besonders tolerant. In den Weiten des Landes gab es einfach nicht solche Möglichkeiten zur Kontrolle. Die heutige Form der Homophobie in Russland bildete sich meiner Meinung nach seit der Stalin-Zeit heraus. Sie ist eng mit Gefangenenlagern und Hierarchien hinter Stacheldraht verbunden, also mit der Lager-Vergangenheit des Landes. Damals waren die Menschen, die in Stalins Lager gerieten, erstmals in größerem Ausmaß mit - meist gewalttätigen - gleichgeschlechtlichen Kontakten konfrontiert.

Welche Politik verfolgte Stalin gegenüber Homosexuellen?

Josef Stalin führte im Jahr 1934 den Artikel wieder ein, der Sex unter Männern unter Strafe stellte. In dieser Zeit wurden auch Abtreibungen verboten und Scheidungen erschwert. Interessant ist, dass im Gegensatz zur damals öffentlich und lautstark geführten Anti-Abtreibungs-Kampagne der Artikel zum Verbot von Sex unter Männern von der Öffentlichkeit fast unbemerkt eingeführt wurde. Homosexuelle in Moskau und Leningrad wurden von der sowjetischen Geheimpolizei massenweise festgenommen.

Aber die sowjetische Staatsmacht hat sich weder in den 1930er Jahren noch danach zum Ziel gesetzt, alle Homosexuellen zu vernichten oder in Lager zu stecken, so wie es in Nazi-Deutschland war. Die Homosexualität von Menschen war ein weiterer Hebel, sie unter Druck setzen zu können. Das nutzte das sowjetische Regime ausgiebig aus, so auch der KGB, um ausländische Diplomaten und Studenten zu erpressen oder des Landes zu verweisen. Einen Strafartikel gegen Frauen gab es in der Sowjetunion nicht. Aber Homosexualität unter Frauen galt als Krankheit. Lesben kamen in Zwangsbehandlung und wurden von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Foto - baltinfo.ru

Nach dem Ende der Sowjetunion wurden in Russland 1993 homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen legalisiert. Präsident Wladimir Putin hat keine Strafen für Sex unter Männern eingeführt - sehen Sie trotzdem Parallelen zwischen Putin und Stalin?

Putin hat zwar keinen Strafartikel eingeführt, aber er lässt sich von einer ähnlichen Logik leiten. Das jetzige Gesetz gegen "Schwulenpropaganda" beinhaltet den Gedanken, Homosexualität sei etwas Kriminelles und Krankhaftes. Man müsse sich ihrer Schämen und sie verstecken. Nach offen zugänglichen Quellen haben Homosexuellen-feindliche Straftaten zugenommen.

Aber umfassende Statistiken über solche Straftaten gibt es in Russland gar nicht. Erstens werden solche Straftaten selten angezeigt und zweitens sieht die Polizei oft kein "Hass Motiv". Mit dem Gesetz will man die Gesellschaft polarisieren und "minderwertige" Gesellschaftsgruppen brandmarken. Man richtet niedrigste menschliche Instinkte - unter dem Deckmantel "traditioneller Werte" - gegen die empfindlichsten Bevölkerungsgruppen. Homophobie ist für die Staatsmacht ein praktisches Mittel, innerhalb des Landes Hass zu schüren.

Am 17. Mai 1990 beschloss die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten zu streichen. Warum ist in Russland Homophobie immer noch so verbreitet?

Die Haupteigenschaft von Homophobie ist, dass sie Hass erzeugt, manchmal in sehr schrecklichen Formen. Aber man kann sie durchaus bekämpfen. Sie ist nicht "angeboren". In Holland wurden einst homosexuelle Kontakte mit dem Tod bestraft. In den USA, wo Menschen gleichen Geschlechts heiraten, gibt es keine Anzeichen dafür, dass das Land am Abgrund des Höllenfeuers steht. Im Gegenteil, die Gesellschaft ist lebendiger und freier.

Ich glaube, wenn es in Russland keine gezielte homophobe Hetze gäbe, die Polizei professioneller und weniger korrupt und die Schulen aufklärungsfreundlicher wären, würden wir nicht über Homophobie in der russischen Gesellschaft reden, sondern über Homosexualität als etwas Selbstverständlichem. Wir haben in Russland eine spezifische Staatsmacht. Hass ist für sie ein ideales Mittel, um die eigenen Positionen zu halten.

Irina Roldugina ist eine russische Historikerin. Sie ist Dozentin für Geschichte an der Hochschule für Wirtschaft (Higher School of Economics University) in Moskau, eine der größten russischen Universitäten. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Geschlechtergeschichte. (DW-Elina Ibragimowa)


Syrische Flüchtlinge prostituieren sich

„Ich bin billig, gerade mal 40 Dollar“

Im Libanon prostituieren sich immer mehr Männer. Aus Geldnot bieten sich dort auch syrische Flüchtlinge zu Dumpingpreisen an.

Es ist Samstagnacht. Vor einem unscheinbaren Hauseingang im Industrieviertel von Beirut drängen sich junge Männer. Sie warten auf den Einlass ins Posh, einen der größten Queer-Clubs im Libanon. Der Türsteher winkt einen nach dem anderen durch. Mit dem Aufzug geht es in die fünfte Etage, und als die Stahltüren sich langsam aufschieben, dröhnt Elektromusik in die Kabine. Die Tanzfläche füllt sich schnell. Schwarzlicht setzt grelle Neon-Effekte auf die tanzenden Körper. Bunte Musikvideos flimmern über eine riesige Leinwand. Zweimal in der Woche öffnet das Posh in verschiedenen Locations um und in Beirut. Heute werden laut Veranstalter bis zu 1.000 Gäste erwartet. Aber nicht alle kommen, um zu feiern.

Vor dem Club wartet Jamal* auf Kundschaft. Im schummerigen Licht der Straßenlaterne wirkt der Zweimetermann mit den muskulösen, tätowierten Armen einschüchternd. Selten löst ein Lächeln seine harten Gesichtszüge. Jamal arbeitet als Escort, wie im Milieu ein männlicher Prostituierter genannt wird. Viele seiner Kollegen halten im Club Ausschau nach Freiern. Er ist nicht in Feierlaune, deshalb bleibt er lieber draußen.

Jamal ist 40 Jahre alt. In den 90ern kam er aus Syrien nach Beirut. „Eigentlich bin ich gelernter Schuster. Aber als ich damals in den Libanon kam, bot mir ein Mann 600 Dollar für eine gemeinsame Nacht an. Da habe ich eingeschlagen. Das ist nun 12 Jahre her und war der Beginn meiner Escort-Karriere.“ Doch spendable Freier kommen nur noch selten nach Beirut.

Aufgrund der Nähe zum Syrienkrieg verbringen bedeutend weniger reiche Araber aus den Golf­s‍taaten ihre Urlaube im Libanon. „Die Saudis waren meine besten Kunden – fast alles verheiratete Männer. Mein Standardpreis ist 150 Dollar. Das können viele Libanesen nicht bezahlen“, sagt Jamal.

Escortdien­s‍te via App

Er lernt die mei­s‍ten seiner Kunden durch Apps wie Grindr kennen, der homosexuelle, flirtwillige Männer im näheren Umkreis anzeigt. Auch in Internetportalen für Homosexuelle wie Manjam.com können Escort unter der Rubrik „Busineß“ ein Geschäftsprofil anlegen. Andere männliche Prostituierte arbeiten im Hammam. In manchen dieser traditionellen arabischen Bäder können sie einen Raum anmieten und bieten ihren Kunden neben Wellness auch gewissen Extraservice. Wieder andere treten mit Freiern lieber in Queer-Clubs und Bars in Kontakt. Und davon gibt es in Beirut einige.

Im Libanon tritt die lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle Gemeinschaft (kurz: LGBT) viel öffentlicher auf als in anderen arabischen Ländern. Legal ist Homosexualität trotzdem nicht: Artikel 534 des Strafgesetzbuches besagt, dass „unnatürliches Sexualverhalten“ mit bis zu einem Jahr Gefängnis geahndet werden kann. Darunter fällt je nach Auslegung auch gleichgeschlechtlicher Verkehr.

2015 nahm die Polizei 36 Männer in einem Beiruter Kino fest. Um ihnen homosexuelle Handlungen nachzuweisen, mussten sie eine Rektaluntersuchung über sich ergehen lassen. Lokale zivilgesellschaftliche Organisationen verurteilten die erniedrigende Pseudo-Praxis, die als solche keinen Beleg für gleichgeschlechtlichen Verkehr liefert. Noch im selben Jahr bannte das Justizministerium die Rektaluntersuchung bei Verdacht auf homosexuelle Handlungen.

Doch die libanesische LGBT-Gemeinschaft hat noch einen langen Weg vor sich, obwohl der Libanon im Vergleich zu anderen arabischen Ländern als liberaler gilt. Erst 2013 gab die libanesische Psychiatrie-Vereinigung bekannt, dass sie Homosexualität nicht länger als mental-gei­s‍tige Störung einstuft, die mit Medikamenten zu behandeln sei. Artikel 534 besteht jedoch weiter.

Prostitution mit „Künstler-Visum“

Und so haben es Escort im Libanon doppelt schwer. Prostitution ist zwar legal, aber nur für Frauen. Die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa oder Nordafrika und arbeiten für maximal sechs Monate in „Super Night Clubs“ entlang des Kü­s‍tenhighway. Die Frauen erhalten ein sogenanntes „Künstler-Visum“. Laut einer Studie von Human Rights Watch werden pro Jahr bis zu 5.000 dieser Visa ausgestellt.t

Foto-taz.de

„Die Frauen werden von Banden kontrolliert. Mit denen sollte man sich besser nicht anlegen“, sagt Jamal und zieht ein letztes Mal an seiner Zigarette, bevor er sie wegschnippst. Escort arbeitet im Verborgenen und sind meist allein unterwegs. Damit besteht auch ein höheres Risiko, Opfer von gewalttätigen Freiern zu werden. „Man weiß nie, wo die Reise hingeht. Ich steige in fremde Autos ein und dann hoffentlich irgendwo wieder aus.“ Mit seiner hünenhaften Gestalt macht er sich aber relativ wenig Sorgen. Wer nach Stress sucht, ist bei ihm an der falschen Adresse.

Jamal hat kein Problem damit auf den Strich zu gehen, obwohl er sich selbst nicht als homosexuell bezeichnet. Aber es bringt viel Geld. Und es war seine freie Entscheidung. Anders als in Sams* Fall. Er ist vor dem Krieg in Syrien geflohen und in Beirut gestrandet. In Damaskus hatte der 25-Jährige BWL und Englische Philologie studiert und bereitete sich auf seinen Master vor. Doch dann erreichte ihn der Einberufungsbefehl der syrischen Armee und er verließ das Land, so schnell er konnte. Im Libanon steht er nun vor dem Nichts.

Sam war anfangs wenig begeistert davon, ein Interview zu geben. Nach einigem Hin und Her willigte er doch ein. Sein Zögern begründet er so: „Meine Geschichte ist kein Futter für Neugierige, die mal kurz in mein trauriges Leben reinschnuppern wollen.“

„Man sieht mir die Armut an“

Das Dilemma des jungen Mannes ist groß. Als syrischer Palästinenser hat er im Libanon so gut wie keine Rechte. Die meisten der über 400.000 libanesischen Palästinenser verteilen sich auf zwölf Camps im Land, in denen Wohnraum und Arbeit knapp sind. Da bleibt kaum Platz für die palästinensischen Flüchtlinge aus Syrien. Auch wurde im Mai eine Gruppe syrischer Palästinenser am Beiruter Flughafen mit gefälschten Reisedokumenten aufgegriffen und zurück nach Syrien gebracht. Seitdem gelten verschärfte Einreise- und Aufenthaltsbedingungen.

„Als ich 2013 in den Libanon kam, hatte ich lange Zeit kein Dach über dem Kopf und nichts zu essen. Der Libanon hasst die Palästinenser“, sagt Sam. Nach erfolglosen Versuchen, Arbeit zu finden, sah er nur den Ausweg, seinen Körper für Geld zu verkaufen. „Ich mach das nicht aus freien Stücken. Selbst als Müllmann bräuchte ich eine Arbeitserlaubnis, die ich als Palästinenser aus Syrien nicht bekomme“, sagt Sam über seine missliche Lage.

Nur in größter Geldnot sucht Sam nach Freiern. Zu seinen Kunden zählt er Männer aus Bahrain, Kuwait, Libanon aber auch Skandinavien. „Ich bin billig. Ich koste gerade mal 40 Dollar, da ich weder besonders attraktiv noch Libanese bin. Man sieht mir die Armut an. Reiche Kunden mögen das nicht“, fügt Sam trocken hinzu. Anders als Jamal hat er sehr wohl Erfahrung mit gewalttätigen Freiern gemacht. Sam möchte nicht ins Detail gehen, doch einmal musste er sich eine Woche lang von einem Vorfall erholen. „Die Menschen hier machen mir Angst. Manchmal wünsche ich mir, dass ich als Schoßhündchen auf die Welt gekommen wäre, das alle lieb haben und knuddeln.“

Neues Leben in Europa?

Im Juni war Sam plötzlich verschwunden. Er hatte seine Familie in Syrien besucht und wurde vom syrischen Regime aufgespürt. Nach ein paar Wochen in Haft kam er mit anderen Gefangen frei, die Assad nach seiner Wiederwahl zum syrischen Präsidenten begnadigen ließ. Sam ging zurück nach Beirut. Hoffnungsvoll in die Zukunft blickt er nicht: „Ich würde gerne woanders hin; wieder studieren und einen guten Job finden. Aber da ich Palästinenser bin, ist es fast unmöglich, ein Visum für ein anderes Land zu bekommen.“

Auch Jamal will den Libanon verlassen, obwohl es ihm dort nicht schlecht geht. Doch vor kurzem hat sich ihm eine einmalige Gelegenheit eröffnet: Ein ehemaliger Freier, der sich in Jamal verliebt hat, will ihn zu sich nach Europa holen. Sollte er ein Schengen-Visum bekommen, ist er bereit, ein komplett neues Leben zu beginnen. (BEIRUT taz |)


Tagesgeschäft Schwulenverfolgung

In den Sechzigern schickte der Richter Klaus Beer Homosexuelle in den Knast. Viele Berufskollegen fällten solche Urteile. Beer ist der einzige, der heute darüber spricht.

Im Sommer 1965 betritt der 39-jährige Wilhelm G., ein stadtbekannter Kleinkrimineller, das Bratwurst­s‍tüble am Ulmer Bahnhof. Darin wartet wie abgemacht Walter S., 69 Jahre alt, etwas gebrechlich. Die beiden Männer haben sich die Nacht zuvor beim Roten Kreuz kennengelernt. Dort verbrachten sie die Nacht, beide sind seit Jahren obdachlos. Der Alte überzeugt den Jungen, "ihm zur Verfügung zu stehen". So steht es in den Gerichtsakten. Sie betreten die Toilette der Kneipe, entkleiden sich und vollziehen "Schenkelverkehr". Der Alte zahlt dem Jungen zehn Mark. Als sie die Toilette verlassen, werden sie festgenommen. Ein Spitzel hat sie beobachtet.

Wenige Wochen später stehen sie vor dem Ulmer Amtsgericht. Die beiden Männer werden zu zwei Monaten und zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Der Richter, der darüber entscheidet, heißt Klaus Beer und ist 30 Jahre alt. Seine Urteilsbegründung ist eine halbe Schreibmaschinenseite lang, Tagesgeschäft.

Der Fall ist einer von rund 100.000, in denen Männer zwischen 1949 und 1969 aufgrund des Paragraphen 175, des Antischwulenparagraphen, verurteilt worden sind. Darin stand: "Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen lässt, wird mit Gefängnis bestraft."

Dieser Paragraph gilt heute als Unrecht. Diese Einsicht liegt aber keineswegs so weit zurück, wie man meinen könnte. Zwar wurde er schon 1969 abgeschafft, 1994 gestrichen, doch erst in den letzten Wochen hat der Bundespräsident ein Gesetz zur Entschädigung der Opfer unterzeichnet. Doch was ist mit den Tätern? Wer ist überhaupt Täter, wenn die Tat rechtens ist? Das ist bislang kaum aufgearbeitet worden.

Gegen die Menschenwürde

Die Geschichte von Klaus Beer ist eine der institutionalisierten Schwulenverfolgung in der Bundesrepublik. Aber auch eine von Schuld, Einsicht und dem Mut, sich dem Urteil der Öffentlichkeit zu stellen. Eine Geschichte von Gerechtigkeit und was es heißt, Unrecht zu begehen, während man es eigentlich besser weiß.

Beer ist heute Richter im Ruhestand, 85 Jahre alt. Er sitzt in seinem Wohnzimmer im schwäbischen Leonberg, am Rande einer Neubausiedlung. Beer ist ein großer, breiter Mann. Er spricht langsam und nachdrücklich. Um ihn herum stehen massive Bücherwände, durch die Tür ins Arbeitszimmer blickt man auf noch mehr Bücher, über die AfD etwa, dazwischen Gerichtsunterlagen und Familienfotos. Auf dem Wohnzimmertisch hat Beer Akten ausgebreitet: Aufsätze, vergilbte Zeitungsausschnitte und seine alten Urteile.

"Der Bundestag hat meine Arbeit als Verletzung der Menschenwürde klassifiziert", sagt er. "Und das ist richtig so." In vier Fällen hat Beer insgesamt sechs Menschen nach dem Paragraphen 175 verurteilt.

Seit 1994 ist Beer in Pension. Seitdem arbeitet er das auf. Er schreibt Aufsätze, steht für Dokumentationen zur Verfügung, erzählt seine Geschichte. Als einziger. Niemand sonst, kein Polizist, Richter, Staatsanwalt, keiner, der von Amtsseite an der Schwulenverfolgung in der Bundesrepublik beteiligt war, hat sich bislang dazu geäußert. *

Beer ist in Hamburg geboren, 1945 wurde die Familie ausgebombt, über Umwege landeten sie in Ulm. Er studierte erst Mathematik und Physik, später Jura. Seit seiner Jugend war er in der SPD aktiv. "Sozi und Jurist", sagt er, "ich dachte, damit könnte man etwas in die richtige Richtung bewegen."

Beer las als Student den soziologischen Sammelband Sexualität und Verbrechen. Theodor Adorno schrieb darin: "Gegen den Homosexuellen-Paragraphen ist eigentlich nicht zu argumentieren, sondern nur an die Schmach zu erinnern." Beer war überzeugt, der Paragraph sei überholt. Er kannte die Geschichte des Gesetzes, seine Einführung 1871, als seine Notwendigkeit mit "Volksmoral" begründet wurde, die Homosexuellen untergrüben sie, hieß es damals. Er kannte auch die Begründung der Verschärfung des Paragraphen 1935 unter Hitler, weil Homosexuelle nach Ansicht der NSDAP den "Volkskörper" schädigten. Beer nannte den Paragraphen "ideologischen Müll", hielt Vorträge in juristischen Nachwuchsgruppen und bezeichnete die Abschaffung des Paragraphen 175 als eine der notwendigen anstehenden Reformen.

Die Nachkriegsju­s‍tiz war da ganz dezidiert anderer Meinung. Nach 1945 wurden unter Mitwirkung des Alliierten Kontrollrates große Teile des Reichsstrafgesetzbuches novelliert, um daraus das Bundesstrafgesetzbuch zu machen. Die Todesstrafe und die Zuchthausstrafe wurden abgeschafft. Paragraph 175 aber blieb in der Nazifassung erhalten.

1951 wurde das neue Strafgesetzbuch bestätigt. 1955 entschied die Europäische Kommission für Menschenrechte, der Paragraph verstoße "offensichtlich" nicht gegen die Menschenrechtscharta. Dort werden Geschlecht, Ethnie oder Religion als schützenswert genannt, nicht aber die sexuelle Orientierung. 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht den Paragraphen 175 als grundgesetzkonform. Die deutsche Rechtsprechung war sich einig, also folgte die deutsche Beamtenschaft. Und mit ihr auch Klaus Beer.

Urteile nach Paragraph 175                         © Fabian Federl

In seinem Referendariat begleitete Beer Ulmer Kriminalpolizi­s‍ten auf der Fahrt in ärmere Stadtviertel. Die Polizisten schlichen sich an Häuser heran und schauten durch Fenster von Wohnungen, in denen ledige Männer wohnten. Um vorsorglich nachzusehen, was die da trieben. "Behördlich organisiertes Spitzeltum" nennt Beer das. Er fand das auch damals schon falsch, glaubte aber, die Strukturen verändern zu können, von innen. 

Das stellte sich als nahezu unmöglich heraus. Eine Richterkarriere begann damals als Assessor, Richter auf Probe. Das bedeutet, der Richter darf zwar richten, die älteren Kollegen aber, also jene, die später die Personalentscheidung treffen, schauen sich diese Urteile genau an. Sie tauschten sich untereinander aus und verglichen sie mit ihren eigenen Urteilen. "Auf zwei, drei junge Richter", sagt Beer, "kamen zwölf bis 15 alte." Als alt bezeichnet er diejenigen, die schon in der NS-Ju­s‍tiz gerichtet hatten. Das galt für das gesamte Ju­s‍tizsy­s‍tem. In einem Fall saß ihm als Anwalt Gerhard Klopfer gegenüber, ehemaliger SS-Gruppenführer, Teilnehmer der Wannseekonferenz als Spezialist für "Rasse- und Volkstumsfragen".

 "Wenn ich heute zurückblicke", sagt Beer, "hätte ich in dem Moment sagen sollen: Nein, mit Ihnen spreche ich nicht!" Diese Kraft habe er nicht gehabt. Dasselbe galt für die Urteile nach Paragraph 175. Hätte er sie nicht gefällt, hätte das die Ablehnung eines ganzen Sy­s‍tems bedeutet – und seiner beruflichen Zukunft. Er sah damals nur zwei Möglichkeiten: Entweder er hielt sich an die Urteile des Oberlandesgerichts, der Bundesgerichte, des Bundesverfassungsgerichts, des Europäischen Rats für Menschenrechte und blieb Richter. Oder er lehnte sich gegen all diese Instanzen auf suchte sich einen neuen Beruf.

Wäre er damals erfahrener gewesen, sagt Beer, hätte er auch von der dritten Möglichkeit gewusst. Jene, die viele Richter zu dieser Zeit nutzen. Er hätte die Vagheit des Paragraphen zur Milderung nutzen können. "Gesetze sind absichtlich so geschrieben, dass sie Spielraum lassen."  Vor allem , wenn sie auf so unpräzisen Worten wie „ Unzucht „ basieren. Doch Beer war unerfahren, er wollte Richter bleiben, also hielt er sich an das, was er kannte: die Regeln.

Beer verurteilte in drei Verfahren vier Männer zu Gefängnis, in einem zwei Männer zu Geldstrafen. Diese letzte, sanftere Strafe konnte er deshalb verhängen, sagt Beer, weil er zu dem Zeitpunkt die Probezeit bestanden hatte und sich freier fühlte. Die Zweifel, ob das, was er tat, richtig war – ob rechtens oder nicht –, hörten aber nicht auf. Im Gegenteil. 

Beer vertrat nun ein Strafrecht, das er selbst als "ideologischen Müll" betrachtete, und richtete nach ihm. Er sah das besondere Unrecht gegenüber Homosexuellen, aber auch das Allgemeine, die "Klassenju­s‍tiz" vor Gericht, wie er heute sagt. Der Antischwulenparagraph 175, der Antiabtreibungsparagraph 218 und viele andere moralbegründete Gesetze seien alle im Kern gegen die unteren Schichten gerichtet gewesen. In den Bahnhofskneipen wurde kontrolliert, bei Arbeitern und deren Familien. "Hinter den Villenmauern konnte man machen, was man wollte", sagt er. Unerträglich für Beer, der als "Sozi und Jurist" antrat, um, wie er sagt, "etwas Vernünftiges" zu machen.

Kurz nach dem vierten Fall stellte Beer einen Antrag auf Versetzung. Er ging ans Zivilgericht Stuttgart, später in die Abteilung zur Wiedergutmachung von NS-Opfern. Als 1969 der Paragraph 175 mit den Ju­s‍tizreformen unter Gu­s‍tav Heinemann abgemildert wurde, hatte Beer nichts mehr mit dem Strafrecht zu tun. Er machte sich, so erinnert er sich, auch keine "größeren philosophischen Gedanken" mehr darüber. Bis die Opfer des Unrechts, an dem auch Beer beteiligt war, entschädigt wurden, dauerte es mehr als 50 Jahre. Und in der Zwischenzeit ging das Unrecht an anderer behördlicher Stelle weiter.

Die Polizei führte bis in die achtziger Jahre sogenannte Rosa Listen, in München waren etwa 3.000, in West-Berlin 4.500 Männer in einer Kartei erfasst, eine polizeiliche Registrierung und Überwachung Homosexueller. Im Handbuch der Kriminalistik von Hans Groß und Friedrich Geerds aus dem Jahr 1978 wird die Homosexuellenkartei als "notwendige Maßnahme" für die Sicherheit der Bevölkerung bezeichnet. Der Spiegel zitierte 1979 Staatsanwalt Wolf Wimmer: "Es geht nichts über ein mit griffelspitzischer Sorgfalt geführtes Homosexuellenregi­s‍ter. Denn aus diesen Kreisen, das ist nun einmal nicht zu leugnen, kommen die gefährlichen pädophilen Triebtäter." In Thüringen, Bayern und Nordrhein-Westfalen war "homosexuell" bis 2005 eine ausgewiesene Tätergruppe, ihre Treffpunkte potentielle Tatorte. Europol sammelt bis heute Daten zum Sexualleben von Menschen.

Nachsinnen, bereuen

Als 1994 der Paragraph 175 gestrichen wurde, begann Beer, nun in Pension, mit seiner Aufarbeitung. Immer wieder hat er die Urteile aus seinen Unterlagen geholt, sie ausgebreitet, wieder und wieder gelesen, sich vorgestellt, was aus den von ihm verurteilten Menschen geworden sein könnte. Er schrieb diese Gedanken auf, veröffentlichte sie in Betrifft Justiz, einer Fachzeitschrift für Richter. Ein Aufsatz handelte explizit davon, dass er es bereut, den Paragraphen 175 angewendet zu haben.

Am 11. Mai 2012, in seinem 18. Pensionsjahr, las Klaus Beer eine Randspalte im Politikteil der Süddeutschen Zeitung, der Artikel handelte von Opfern des Paragraph 175. Beer schrieb einen Leserbrief, der am 19. Mai erschien. Ein Geständnis, eine Selbstbezichtigung, ein Einblick in die Gedanken eines Mannes, der Unrecht getan hat und es weiß. "Nicht selten habe ich die Urteile hervorgezogen und gelesen und über das weitere Leben der Männer nach meinem Dienst am 'Recht' nachgesonnen." Der Brief endete mit einer Forderung: "Ich erwarte, dass der Gesetzgeber endlich meine Urteile aufhebt!" Beer ist bis heute der einzige, der den Mut hatte, sich im Namen der Aufarbeitung dem Urteil der Öffentlichkeit auszusetzen.

Mit der Unterschrift des Bundespräsidenten unter dem Entschädigungsgesetz wurden nun, im Juli 2017, auch die damaligen Urteile ungültig. Jene von mehr als zehntausend Amtsrichtern, die laut Beers Schätzung mit Fällen nach Paragraph 175 zu tun hatten. Ein Amtsrichter hatte bis zu einem Dutzend solcher Fälle im Jahr. Einige der damals jungen Richter müssten heute noch leben und könnten darüber berichten. Zwei von ihnen fragte Beer vor einigen Jahren. Sie sprachen mit ihm, öffentlich wollten sie das aber nicht tun, es sei ihre Sache, was sie darüber denken. "Ich kann mir vorstellen, dass viele ihre Urteile heute noch für richtig halten", sagt Beer. Den allermeisten, schätzt Beer, sei es einfach gleichgültig.

Beer blättert durch die vergilbten Urteile, die gesammelten Zeitungsausschnitte, seinen Leserbrief. "Auch wenn die Urteile nun ungültig sind", sagt er, "die Schuld bleibt." Was er in seinem Leserbrief schrieb, dass er den Leben der verurteilten Männer "nachsinnt", ist wörtlich zu verstehen. Beer zieht die Akte der beiden Obdachlosen aus dem Bratwurst­s‍tüble vor. Auch über deren Zukunft hat er nachgesonnen und es aufgeschrieben: "Beide trieben sie ohne Arbeit und Wohnsitz durchs Leben, und sie werden wohl, der Junge länger, der Alte kürzer, mit häufigem Ausgleiten die Schattenseiten des Daseins durchschritten haben." (Zeit.online- von Fabian Federl, Leonberg)


Was junge Flüchtlinge über Sex lernen

Neues Land, fremde Kultur, andere Sitten - und dann noch in einem Alter, in dem sich manche intime Frage aufdrängt. Um mit Geflüchteten über ein Tabu-Thema zu reden, nehmen zwei Frauen auch Plüschfiguren zur Hand.

Annett Warmschmidt trinkt schnell noch einen Schluck Kaffee. Vor ihr auf dem Boden steht eine Kiste mit flauschigen Stoffpenissen. Ihre Kollegin Sina Herrmann rückt die in einem Kreis stehenden Stühle zurecht. Die beiden Sozialpädagoginnen der Aids-Hilfe Chemnitz warten auf die nächste Gruppe Jugendlicher. Mit ihnen wollen sie über Sexualität, Geschlecht und Krankheiten, wie HIV und Aids, sprechen. Mit ein wenig Verspätung schlurfen fünf Jungen müde durch die Tür - keiner älter als 18. Ein Anzeichen von Begeisterung sucht man vergeblich in ihren Gesichtern. Doch kaum haben sie den Kicker tisch im Eingangsbereich der Aids-Hilfe entdeckt, hellen sich die Minen auf. Schnell fliegt der Spielball zwischen den Pla­s‍tikfußballern hin und her. Dann kommt die zweite Gruppe. Nochmal fünf junge Männer, ebenso kickerbegei­s‍tert. Ein Gespräch aber kommt zwischen den Jugendlichen nicht zustande, sie sprechen unterschiedliche Sprachen. Sie alle sind geflüchtete Minderjährige, die ohne Eltern in Deutschland sind. Hier leben sie in betreuten Wohngruppen im Chemnitzer Umland. Sie kommen aus verschiedenen afrikanischen und vorderasiatischen Staaten, die meisten sind Muslime. Keiner ist länger als ein Jahr hier.

Eine zentrale Regelung für die Sexualaufklärung Geflüchteter gibt es in Deutschland nicht. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung betreibt seit 2016 das Internetportal "Zanzu - Mein Körper in Wort und Bildern", das Fragen über Sex und Sexualität in verschiedenen Sprachen beantwortet. Sexualaufklärung gehört auch zum Unterrichtsstoff in Biologie, die meisten der minderjährigen Flüchtlinge besuchen eine Schule. Doch mitunter gibt es Hürden oder Vorbehalte, mit den Geflüchteten über dieses schambesetzte Thema zu sprechen, so die Erfahrung von Annett Warmschmidt und Sina Herrmann. An dieser Stelle kommen sie ins Spiel. Vor zwei Jahren sprach sie der Lehrer eines Deutschkurses für Geflüchtete an. Ihm schien es unangenehm, selbst über Sex zu sprechen.

Seitdem reden die beiden Frauen der Adishilfe mit geflüchteten Jungen und Mädchen über Sexualität. Es ist ein freiwilliges Angebot, für das sich die Jugendlichen in ihren Wohngruppen anmelden können. "Es sind sehr junge Menschen, die alleine in unser Land gekommen sind. Sie haben viele Fragen über eine Gesellschaft, die sehr offenherzig mit Sex umzugehen scheint", sagt Warmschmidt. Manchmal würden die Geflüchteten fragen, ob diese Sitzungen nur deshalb stattfinden, weil sie Ausländer sind. Das verneinen die Frauen, denn über Sexualität kann jeder dazu lernen. Sie gehen ja auch in Schulklassen und bieten offene Sprechstunden an.

Der Anfang ist wohl das schwierigste. Warmschmidt und Herrmann, 36 und 28 Jahre alt, beginnen immer mit einer Vor­s‍tellungsrunde. Die Jungen nehmen im Stuhlkreis Platz. Kaum hat Sina Herrmann ihren Namen gesagt, wird sie schon unterbrochen. "Sina - das heißt doch Brust", ruft einer der Jungen. "Ja, stimmt auf Hindi heißt das Brust. Du kannst mich also auch Mina nennen, wenn du magst", bietet Sina an. Alle lachen, für einen kurzen Moment scheint das Eis gebrochen. Aber die Vor­s‍tellungsrunde ist zäh. Manchen Jungen fällt es schwer, sich auf Deutsch auszudrücken. Dolmetscher bitten die Frauen dennoch nicht dazu. Sie haben das Gefühl, es würde den direkten Kontakt zu den Jugendlichen erschweren. Warmschmidt beginnt zu erzählen, worum es heute geht, während ihre Kollegin Symbolbilder auf den Boden legt. Sie zeigt auf das Bild mit einem Kondom und einer Pillenpackung. "Darüber können wir heute sprechen. Wisst ihr was das ist", fragt sie. Alle nicken. Dann zeigt sie auf die Abbildung einer Hormonspirale. Jetzt schütteln alle den Kopf. Sina Herrmann malt ein Fragezeichen auf ein Stück Papier und legt es zu dem Bild der Spirale. Annett Warmschmidt hebt eine Stoffigur hoch, die eine Gebärmutter darstellen soll. Einer der Jungen guckt kritisch und sagt, die Figur sehe aus wie ein Wolf. Die Aufklärerin lacht und setzt zu einer Erläuterung an. Da steht einer der Jungen auf. Ob er keine Lust mehr hat? Er schüttelt den Kopf. Weil das Angebot freiwillig ist, hält ihn keiner vom Gehen ab. Kaum hat er den Raum verlassen, klingelt von einem anderen das Telefon. Er beginnt ein lautes Gespräch. Die Frauen gucken sich genervt an. Fünf Minuten Pause. Die Jungen springen auf und schon fliegt wieder der Ball über den Kickertisch.

Foto - mz.web.de

Über ihre Erfahrungen haben die Chemnitzerinnen bereits bei einer Fachtagung über sexuelle Bildung von geflüchteten Minderjährigen in Leipzig berichtet. Auch darüber, dass sie das Wort Unterricht meiden. "Wir können niemandem Sexualität beibringen. Wir können ihnen aber unsere Sicht geben", sagt Annett Warmschmidt. Die Jungen hätten viele Fragen zum Thema Selbstbefriedigung, Mädchen über das Jungfernhäutchen. Und beide Gruppen wollen mehr über Homosexualität erfahren. Über die gleichgeschlechtliche Liebe wird am hitzig­s‍ten zwischen den geflüchteten Jugendlichen diskutiert. Doch wenn die Sozialpädagoginnen versuchen, diese Themen direkt anzusprechen, machen die Jugendlichen oft dicht. Deswegen reden sie meistens zuerst über die Krankheiten HIV und Aids. Der Umweg schaffe eine gewisse Di­s‍tanz zwischen den Jugendlichen und dem Thema Sex. Dadurch trauten sie sich, später auch andere Fragen zu stellen.

So versuchen es die Sozialpädagoginnen auch nach der Pause. Sie erklären das Wort Immunsy­s‍tem, malen einen männlichen und einen weiblichen Körper an die Tafel. Warmschmidt nimmt kleine Magneten in die Hand, die aussehen wie Viren, und schiebt sie auf der Tafel von einem Körper zum anderen. So erklärt sie, daß die Viren beim Geschlechtsverkehr übertragen werden können und daß das mit einem Kondom verhindert werden kann. Jetzt lauschen die Jungen gebannt. "Das nennt sich Verhütung. Habt ihr das Wort schon mal gehört?", fragt Sina Herrmann. "Ne, schreib an!", sagt einer der Jungen. Einige zücken ihre Handys, um einen Übersetzer zu verwenden. Die Frauen gehen dazu über, die Geschlechtsteile zu erklären. Dafür holen sie eine Plüschvagina hervor und fragen nach der passenden Bezeichnung. Ein Junge überlegt angestrengt. Man sieht ihm an, daß er nach der richtigen Vokabel sucht, sie aber nicht findet. Dann grinst er verschmitzt und sagt: "Zentralhalte­s‍telle". Sina schreibt das Wort "Vagina" an die Tafel. Wo genau denn dieser G-Punkt sei, fragt der nächste. Und ab welchem Alter Sex in Deutschland erlaubt ist, möchte ein anderer wissen. Jetzt lehnt sich sogar der bisher stillste junge Mann nach vorn. Die Runde ist lockerer geworden, die Jungen stellen Fragen, bis die Stunde vorbei ist. "Wollt ihr wiederkommen?", fragt Annett Warmschmidt. Alle halten ihre Daumen nach oben. (Freie Presse – Pia Siemer)


Schluss mit Schwulenwitzen über Trump und Putin!

Blowjobs, Bromance und heiße Blicke: Alle Welt erotisiert belustigt Politiker-Kumpeleien. Eine schwule Widerrede.

Mächtige Männer unter sich: Ja, da kommt die Fantasie in Wallung. Zum Beispiel Trump und Putin: Sie sitzen mit freien Oberkörpern auf einem Pferd, Trump schwabbelt sich von hinten an Putin ran und knetet ihm die Brustwarzen. Eine Variation des berühmten Fotos von Putin beim Ausritt oben ohne. Oder: Trump krault Putin versonnen das Brusthaar. Oder: Trump und Putin in SM-Lederkluft, Putin hält Trump an der Sklavenkette. Nur drei der unzähligen Trump-Putin-Schwulensex-Montagen und -Memes, die das Internet und die sozialen Netzwerke seit Monaten überschwemmen. Teils sind sie auf T-Shirts gedruckt zu kaufen.

Auch im Fernsehen droht präsidiale Erotik: Als die Macher der amerikanischen Comedy-Sendung "Saturday Night Live" eine Pointe für jenen Sketch brauchten, in dem es um die komplette Hörigkeit des vorletzten Pressesprechers Sean Spicer (gespielt von Melissa McCarthy) gegenüber Trump (Alec Baldwin) ging, ließen sie die beiden Schauspieler innig knutschen. Das Publikum johlte. Nur als der Comedian Stephen Colbert in seiner "Late Show" im Kontext der Russland-Enthüllungen sagte, Trumps Mund sei nur für eines gut, nämlich Putin einen zu blasen, gab es in den USA mal ein bisschen Protest. Die "Queer Voices"-Redaktion der Huffington Post titelte: "Wir müssen endlich aufhören, Schwulenwitze über Trump und Putin zu machen". Recht hatten sie, aber die FCC, die Rundfunk- und Zensur-Behörde der USA, rügte Colbert nicht. Weil er ja eigentlich ein guter Liberaler ist oder weil das Wort "dick" (Schwanz) weggepiept war?

Beim Versuch, sich über Maskulinums lustig zu machen, landet man häufig dabei, ihn zu verschwulen

So oder so: Witze dieser Art sind nicht nur inflationär, sondern einfach homophob. Per definitionem: Homophobie ist eine soziale, gegen Lesben und Schwule gerichtete Aversion gegenüber ihren Lebensweisen. Also auch: eine Aversion gegen ihre sexuellen Praktiken. Genau diese Aversion - oder die Erinnerung daran, dass sie irgendwann vor gar nicht allzu langer Zeit in großen Teilen der Gesellschaft noch herrschte - kommt in derartigen Witzen zum Tragen, ja, dank ihrer zünden sie erst.

In der Ära Trump, die ja jegliche Satire schon vorwegzunehmen scheint, liegt es wohl nahe, erst mal auf das abzuheben, was offensichtlich ist: dass Trump und Putin Hardcore-Maskulini­s‍ten sind. Aber beim Versuch, sich über diesen Maskulinismus lustig zu machen, landet man dann häufig wieder dabei, ihn zu verschwulen, und damit nimmt man in Kauf, Schwul sein zu diffamieren und zu pathologisieren. Trump und Putin teilen

manches: Sie sind extrem Machtbewusstsein, herrschsüchtig, rücksichtslos, machi­s‍tisch

und nehmen es weder mit der Wahrheit noch mit der Demokratie sehr genau.

Aber sind sie heiß aufeinander? Wohl kaum.

Offenbar stehen Männerfreundschaften längst unter GeneralverdachtWobei: Viele Schwule lachen mit. Was einigermaßen rätselhaft ist. Und zu einem möglicherweise etwas gewagten Erklärungsversuch führt: Kann es sein, dass viele Schwule - nach den langen Jahrzehnten, in denen die öffentliche Darstellung schwulen Verlangens tabu war - immer noch reflexhaft darauf trainiert sind, es erst mal toll zu finden, wenn irgendwo zwei Männer öffentlich beim Knutschen oder Fummeln zu sehen sind? Egal wer und in welchem Zusammenhang? Womöglich. Inzwischen sollte man zweimal hinsehen, wenn die eigene schwule Sexualität zum Spaß in den Dreck gezogen wird.

Wie krass der Kult um Männlichkeit ist, zeigt sich auch darin, dass es die schwulen Staatsmänner-Witze nicht nur auf Kosten von Schurken wie Putin und Trump gibt. Als sich im Juni Barack Obama und Ju­s‍tin Trudeau in Montreal zum Abendessen trafen, li­s‍tete BBC News akribisch auf, was auf der Karte ihres "Bromance-Menüs" stand. Als Ende Mai in Italien Ju­s‍tin Trudeau und Emmanuel Macron beim G-7-Gipfel aufeinandertrafen, schrieb der Stern, schon beim ersten Mal habe es "gefunkt". Auch die Süddeutsche Zeitung schrieb zum selben Treffen auf jetzt.de, es sei der "Beginn einer neuen Politiker-Bromance" und dass die Fotos gewirkt hätten, als seien Trudeau und Macron "auf ihrer eigenen Hochzeit".

Foto - SZ.de

Schon das Wort "Bromance", dieses in den vergangenen Jahren vor allem in den USA populäre Kofferwort (zu Deutsch: "Brumanze", also: "Bruder-Romanze"), ist im Kern homophob. Eigentlich sollte Bromance das bezeichnen, was eine enge platonische Männerfreundschaft ist. Der neue Begriff wurde jedoch anscheinend gebraucht, weil enge platonische Männerfreundschaften unter Generalverdacht stehen, seitdem sich vor einigen Jahrzehnten im Zusammenwirken von Sexualwissenschaften und Homosexuellen-Emanzipation in den westlichen Gesellschaften eine distinkte Identitätskategorie namens "schwul" herausgebildet hat. Sie hat auf Seiten heterosexuell veranlagter Männer zu einer erheblichen Verkrampfung geführt und aufwendigen Abgrenzungsmanövern.

Ständig müssen heterosexuelle Männer heute offenbar beweisen, dass sie nicht schwul sind. Heute kann - Achtung Bromance! - jeder Handschlag und jedes Lächeln unter Männern erotisiert und sexualisiert werden. Als führe von dort kein Weg mehr zurück in den Schoß der Frau. Das Problem daran ist, dass homosexuelles Begehren dabei lächerlich gemacht wird. Es ist das, was andauernd angedeutet, dann aber gleich wieder ausgeschlossen werden muss - was mittelschwer paranoid wirkt und gar nicht lustig. Die Staatsmänner sollen bitte einfach Staatsmänner sein. Und die Schurken eben Schurken. (Kommentar von Jan Kedves-SZ.de)


„ Der heilige Stand“ – oder  „Der Kampf ist noch nicht zu Ende“

Die evangelische Kirche hat die Ehe für alle zu hastig bejubelt und zu wenig erklärt. Die Basis grummelt. Warum die Kirchenleitung zur Abwechslung mal wieder an ihre Mitglieder denken sollte

Starke Gefühle, die sich mit Wucht entladen – vielleicht muss das so sein, kurz vor den großen Ferien, so wie die Hitzegewitter, die sich sommerlich entladen. Am 30. Juni beschließt das Parlament in Berlin die „ Ehe für alle“, und die Protestanten sind so überhaupt nicht verkopft und abwägend, wie es das Vorurteil will. Kaum ein "Ja, aber" ist öffentlich zu vernehmen. Führende Protestanten zeigten sich emotional, sie begrüßten die politische Entscheidung in sozialen und anderen Netzwerken und hielten sogar Bibeln mit Regenbogeneinband in die Luft. Manch einer tat so, als habe der Staat nach langem Zaudern und vielen Bedenken im Rechtsausschuss des Bundestages endlich eine göttliche Weisung befolgt. Andere kippten auf die düstere Seite der Gefühlsskala und wüteten, das sündige Babylon feiere fröhliche Auferstehung. Für diese beginnt die Zeit der Gottlosigkeit. Dann fuhren sie alle in die Sommerfrische. Die "Ja, aber"- oder "Nein, aber"-Protestanten jedoch nahmen das Unbehagen mit.

Was viele Christinnen und Christen in den Gemeinden irritiert, ist nicht nur die Geschwindigkeit, in der die evangelischen Kirchen ihre Haltung zu Ehefragen in den letzten Jahren verändert haben. Es ist die Konfrontation mit dem Umstand, dass es so etwas wie die Normativität des Normalen nicht mehr zu geben hat. Wer vorsichtige Vorbehalte gegen eine grundlegende Neube­s‍timmung des Begriffs der Ehe äußert, hat ein Problem. Ja, "Normalität" sei das Problem, eine von Grund auf falsche Orientierung. Mit trivialen Restbeständen kulturtheoretischer Lektüren wird ihnen versichert, dass Normalität nur eine Form retuschierter Vorurteile sei, die Christen sich endlich eingestehen müssten.

Wer schärfer fragt, gilt als homophob oder, etwas unbestimmter formuliert, als rückwärtsgewandt, in jedem Falle als die eigentliche Randgruppe, die die gesellschaftliche Fortentwicklung behindert und die Kirche zu einer kleinkarierten Nische verkommen lässt. Viele, die jetzt fast schamvoll leisen Fragen stellen, haben weder ein Problem mit Homosexuellen noch mit gleichgeschlechtlichen Paaren im Freundes-, Familien- oder Kirchenkreis. Es geht ihnen vielmehr um etwas, was der Kirche unbedingt abverlangt wird: eigenständige theologische Nachdenklichkeit. Es geht ihnen um mehr Klarheit in der Unterscheidbarkeit zwischen staatlichen und christlichen Ehever­s‍tändnissen. Sie betonen, dass das kirchliche Trauver­s‍tändnis nicht zur Disposition des staatlichen Gesetzgebers steht und Agenden nicht über Presseerklärungen leitender Geistlicher verändert werden.

Sie vermissen die innere Unabhängigkeit ihrer Kirche in Fragen der rituellen Praxis, vor allem aber in der theologischen Reflexion dieser Praxis. Viel ist in den letzten Jahren gestritten worden um Sexualität und Familienbegriffe. Dabei ist die ethische Reflexion im Grunde bei den Minima Theologica stehen geblieben, die als eine Art Verantwortungsethik für soziale Nahbeziehungen zusammengefasst ist. Eine theologische Reflexion der Ehe als ausgezeichneter Lebensform gibt es kaum, vielmehr wird auf Podien und in Publikationen immer wieder Luthers Halbsatz von der Ehe als "weltlich Ding" zitiert, als sei man damit argumentativ aus dem Schneider.

Die Ehe ist in evangelischer Perspektive kein Sakrament. Dass die Ehe für den Reformator allerdings ein "heiliger Stand" war, wird gerne unterschlagen. Dabei müsste genau hier das öffentliche evangelische Nachdenken über die Ehe beginnen, wenn sie als ausgezeichnete Lebensform kenntlich bleiben soll. Immer wieder wird die Begeisterung für die "Ehe für alle" mit dem Hinweis unterstrichen, diese Entscheidung stärke die Ehe als Lebensform. Was aber macht die Ehe zu einer "heiligen Angelegenheit"? Die reformatorische Theologie hat hier einschlägige Hinweise gegeben, denen nachzugehen wäre. Zunächst: Wie Paare leben, nicht dass sie miteinander leben, macht ihre Partnerschaft zu einer Ehe vor Gott und so zu einem heiligen Stand.

Diese Pointe des evangelischen Ehever­s‍tändnisses verdient mehr Aufmerksamkeit. Hier geht es um anderes als um einklagbare Rechte, einen Trausegen vor dem Altar und eine Trauurkunde. Die christliche Ehe ist eine Art geistliche Kunst der Lebensführung. Diese Kunst denkt nicht daran, das Zusammenleben unter ständiger Gewissensprüfung möglichst moralisch einwandfrei zu gestalten oder in einer Art Beziehungsperfektionismus in vorzüglicher Weise verheiratet zu sein. Vielmehr geht es um eine vitalisierende Perspektive auf die Partnerschaft. Diese Perspektive gibt sich nicht mit einer narzisstischen Sicht auf eigene Bedürfnisse, Ansprüche, Interessen und Rechte auf den Partner und die Partnerschaft zufrieden. Es geht hier überhaupt wenig um Ansprüche. Vielmehr um Respekt, um Achtung, um Erstaunend, dass es zu so etwas wie tiefem wechselseitigem Vertrauen kommen kann. Es geht um ein anderes Verständnis souveräner Lebensführung, einer Lebensführung, die diesen Namen verdient, weil das Leben elementar vom Partner, von Kindern und von Gott mit geführt wird. Das Eheleben geht nicht in der nackten Tatsache der Teilung von Tisch und Bett auf – christlich gesehen. Es lebt, wie Martin Luther einmal eingeschärft hat, von der Erkenntnis, in keinem Augenblick des Lebens einen Partner einfach zu haben, sondern seinen Partner täglich zu finden, in der fortwährenden Arbeit am Vertrauen, dem Interesse an Fürsorge, an Versöhnung, um nur einige Kriterien zu nennen, die für ein ebenso zeitgemäßes wie sachgemäßes christliches Ehever­s‍tändnis zusammengetragen werden müssen.

Zu diesen Kriterien wird eine Deutung der Ehe als einer monogamen Partnerschaft zählen. Es gilt zu entfalten, worin die hohe Gabe der Konzentration auf ein partnerschaftliches Gegenüber liegt. Wieso ist diese Konzentration eine Gnade, ein Segen? Was bedeutet es denn, im Partner ein von Gott anvertrautes Gegenüber zu erkennen, zu dem ich gerade auch dann kommen kann, wenn ich in meinem Leben anderen, mir selbst oder auch dem Partner etwas schuldig geblieben bin?

Foto - kath.ch

Mit Sicherheit ist auch die innerprote­s‍tantische Auseinandersetzung um die Schöpfungsperspektive der Ehe nicht schon deshalb erledigt, weil das Parlament eine Entscheidung getroffen hat. Ist eine Ehe deshalb eine Ehe, weil sie potentiell auf die Sorge um Kinder angelegt ist? Wie kann das – ohne frivol zu werden – im Angesicht von Paaren gesagt werden, deren Kinderwunsch tragisch unerfüllt bleibt? Und was heißt das – jenseits naturrechtlicher Erwägungen angesichts von Adoptionsrecht und der biologischen Tatsache, dass bis auf weiteres nur die in einem Mutterleib ausgetragene, von einer männlichen Samenzelle befruchtete Eizelle zu einem Kind heranreifen kann? Wie kommt hier die Frage der Unterscheidung von Partnerschaften und das Risiko einer Diskriminierung in den Blick? Wie muss hier stärker dafür sensibilisiert werden, dass eine allgemeine rechtliche und gesetzliche Festlegung keineswegs schon für Verhältnisse sorgt, die Menschen gerecht werden?

Mit Rechtsreformen verbinden sich nicht selten ethische Pyrrhussiege. Welche Folgen haben Adoptionsvisionen und -ansprüche von Paaren auf den Umstand, dass sich das Elternwohl am Wohl der Kinder zu orientieren hat und niemals umgekehrt? Sind Lebenskon­s‍tellationen denkbar, in denen Ansprüche von Erwachsenen diskriminiert werden müssen, um zu verhindern, dass Lebensbiographien von Kindern zu Diskriminierungsbiographien werden? Orientiert sich die evangelische Kirche in ihrer seelsorgerlichen Begleitung und Traupraxis ernsthaft genug an diesen Fragen?

Schließlich sind Provokationen nicht zu scheuen. Nach reformatorischer Auffassung hat eine Partnerschaft erst dann das Zeug zu einer christlichen Ehe, wenn beide Partner zu der Gewissheit gelangen können: Das gefällt Gott! Wer wagt heute noch, so zu fragen? Welche aufklärerische Kraft liegt in dieser Frage, angelegt an das Eheleben? Und wie lässt sich diese Frage mit der nötigen Sensibilität für die Wechselfälle auch eines Ehelebens sinnvoll stellen?

Es wäre viel gewonnen, wenn Satzanfänge "Nach christlicher Auffassung kann die Ehe nur …" aus der entsprechenden Klärungsarbeit verschwinden würden. Das muss aus Respekt vor Gott und vor in dieser Frage anders Denkenden und anders Empfindenden gesagt werden. Schon der karge Hinweis genügt, dass eine evangelische, der Heiligen Schrift verpflichtete Kirche mit dem Umstand umzugehen hat, dass sich Jesus von Nazareth zur Ehe kaum und zur Ehescheidung gelegentlich, dann aber vehement zu Wort gemeldet hat.

Jesus hat nicht die Ehe als Institution eingesetzt. Er hat auch keinen Eheritus ge­s‍tiftet. Auch sei vor einer allzu heiteren Berufung auf das scheinbar toleranzträchtige Motiv von der Ehe als Bund gewarnt. Das Bundesmotiv scheint ja zunächst modern und nicht so fertilitätsversessen zu sein – scheint die christlich verstandene Ehe auch für Menschen zu öffnen, die in diese Welt keine Kinder setzen wollen oder keinen Kinderwunsch hegen, weil es eben nur auf den Bund zwischen zwei Menschen ankomme. Allerdings wirft das Bundesmotiv emanzipatorisch schwierige Folgefragen auf. Denn in den biblischen Bundesschlüssen hatte Gott das Sagen. Das ist für eine gleichberechtigte Partnerschaft nicht gerade analogieträchtig; ganz abgesehen davon, dass Bundesschlüsse bereits im Alten Te­s‍tament regelmäßig mit beträchtlichen Vermehrungsansagen einhergingen. Der Bund Gottes mit Abraham etwa war kein Zweier-Abkommen zwischen Gott und einem biblischen Stammvater. Abraham wurden Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel verheißen.

Die anstehende theologische Reflexion muss am Ende nicht nur Antworten geben. Sie darf auch Fragen stellen, die offenbleiben und die deshalb konsequent evangelisch gedacht Gewissensfragen bleiben müssen.

Unter diesen offenen Fragen werden auch solche sein, die in ökumenischer Perspektive mit dem entsprechenden Ernst verhandelt werden müssen. Es ist noch nicht lange her, da wurde im März 2017 in Hildesheim mit großer Geste festlich versichert, evangelische und katholische Kirche in Deutschland würden fortan in ethischen Fragen um gemeinsame Positionen ringen. Auf dieses Versprechen ist zurückzukommen. Denn diesem Ansinnen vertiefter Ökumene sollten auch in gesellschaftlichen Fragen Taten folgen. Dann bestehen gute Chancen, dass an die Stelle von Hitzegewittern nun nicht gleich der theologische blaue Himmel auf Erden, aber in jedem Falle klarere Sichtverhältnisse in Sachen Ehe treten.  

( Zeit.de - Von Petra Bahr und Stefan Schaede)



Ein Gesellschaftsbeweger

Eduard Stapel gilt als Gründer der Schwulenbewegung in der DDR. Die Entscheidung für die Ehe für alle kommt für ihn zu spät.

35 Jahre haben Sie sich für die Ehe für alle eingesetzt. Vor Kurzem beklagte nun Ministerpräsident Reiner Haseloff, dass das Thema im Bundestag zu schnell abgehandelt worden sei. Was sagen Sie zu seiner Aussage?

Eduard Stapel: Tja, an der Stelle ist Herr Haseloff 35 Jahre lang eine Schlafmütze gewesen. Noch dazu, wo er doch von hier stammt und ein Kirchenmann ist, wenn auch katholisch. Die Diskussion über die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen hat in den 80er Jahren in der DDR zwar vorrangig in der evangelischen Kirche stattgefunden, aber einige katholische Bistümer haben das Thema auch angesprochen. Das ist also nichts ganz Neues für einen Katholiken – für Herrn Haseloff aber offenbar doch. Der zweite Punkt: Es steht im Koalitionsvertrag – den schien er auch nicht zu kennen. Und der dritte Punkt ist, dass das Thema 30 Mal im Rechtsausschuss des Bundestages war, und 30 Mal hat die CDU das Thema dort nicht zugelassen. Es ist natürlich eine perfide Aussage, wenn man bedenkt, dass er das mit Sicherheit eben doch gewusst hat.

1982 hat Eduard Stapel unter der Überschrift „Tabu Homosexualität - Wie gehen wir damit um?“ zu einer Diskussion am Theologischen Seminar in Leipzig eingeladen. Ein Plakat von der Aktion hat er immer noch. Archivfoto: Thomas Pusch

Wie haben Sie den 30. Juni, an dem der Bundestag über die Ehe für alle abgestimmt hat, erlebt?

Wie jeden anderen Tag auch. Inzwischen ist das – für mich jedenfalls – schon langweilig gewesen, weil die Debatte über so viele Jahre ging. Ich habe an dem Thema 35 Jahre gesessen, in den letzten 15 Jahren ging es mit den immer gleichen Argumenten – oder gar keinen Argumenten – hin und her. Für mich war klar, dass die Entscheidung irgendwann kommt. Es war bloß die Frage, ob wir noch zehn oder 30 Jahre brauchen.

Auch wenn es für Sie zu lange gedauert hat – können Sie sich dennoch über den Beschluss freuen?

Ich freue mich schon, dass uns das gelungen ist. Ich breche bloß nicht in Freudentränen aus, dafür hat es zu lange gedauert. Mir fehlt immer ein Bild, um das ordentlich zu beschreiben. Es ist, wie wenn man ein ganzes Leben lang einen Fünfer im Lotto haben wollte und fünf Minuten vor dem Friedhof kriegt man ihn endlich.

Ist die Gleichberechtigung Homosexueller jetzt erreicht?

Nein. Denn zu 90 Prozent kann man nicht gleichberechtigt sein. Gleichberechtigung meint eben gleiche Rechte in allen Bereichen. Und da fehlt noch so manches. Die Juristen sagen uns beispielsweise, dass wir dafür im Grundgesetz in Artikel 3 Absatz 3 – der Gleichheit vor dem Gesetz – noch die Aufnahme der sexuellen Orientierung beziehungsweise sexuellen Identität brauchen. Aber bisher klappt das noch nicht. Und Reiner Haseloff hat schon öfters gesagt, dass er die Landesverfassung in diesem Punkt auch nicht ändern will.

Was sehen Sie als Ihre größten Erfolge an?

Mit der Gründung des Schwulenverbandes Deutschland haben wir es geschafft, die am meisten verachteten Leute in der DDR zu einer Bewegung zu bringen und dann diese Bewegung in den ganzen Einheitsstrudel nach Westen auszudehnen. Wir sind somit eine richtige Vereinigung andersrum, wie sich das gehört. (lacht) Soweit ich weiß, ist das auch das Einzige, was sich von Ost nach West ausgedehnt hat. (von Anne Toss – Volkstimme.de)





Wenn Du mehr über das Leben von LGBT – im Osten Deutschlands

erfahren möchtest? Empfehle ich Dir diese 2 Bücher.

Leider gibt es nicht viel gute Bücher über dieses doch so Interessante Thema

und den Teil der Queeren – Geschichte im geteilten Deutschland.

Einfach die Bilder anklicken für mehr Informationen.



LGBT-Engagement in Kanzleien "Der Mehr­heit ist nicht klar, wie sich die Min­der­heit fühlt"

Homosexuelle Anwälte mussten sich früher oft verstecken, ihre sexuelle Orientierung sollte im Kanzleialltag „Privatsache“ bleiben. Heute leben sie offener, vernetzen sich in LGBT+-Gruppen und kämpfen um Gleichstellung. 

Am Donnerstag, den 29. Juni, setzen sich der Anwalt Dr. Malte Stübinger und sein Lebenspartner nach der Arbeit spontan in den Zug und fahren von Hamburg nach Berlin. Das Paar ist am nächsten Morgen pünktlich am Bundeskanzleramt, als der Bundestag die „ Ehe für alle“ billigte. Strahlend vor Glück lachen Stübinger und sein Partner in die Kameras. Sogar bis in die Online-Ausgaben der New York Times und des Guardian

schafft es ihr Foto von diesem besonderen Moment. Der jahrzehntelange Kampf

um die völlige Gleichstellung homosexueller hat ein Ende.

Rund einen Monat zuvor ging in München das Kanzleien-Netzwerk "LGBT+ LegalNetworkGermany" an den Start. LGBT+ kommt aus dem Englischen und bedeutet Lesbian Gay Bisexual Transgender (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender), das + steht für weitere Formen der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität, wie etwa intersexuell oder queer.

Das neue Netzwerk gründet auf dem Engagement von sechs Kanzleien. Die Initiatoren sind häufig bereits in kanzleiinternen LGBT-Netzwerken aktiv und kennen sich über die Messe Sticks & Stones für LGBT+-freundliche Arbeitgeber oder die Juri­s‍tenmesse Alice.

Mit vereinten Kräften für Gleichstellung

"Mit dem neuen LGBT+-Netzwerk gibt es nun eine physische Plattform, die offen für alle Interessierten ist", sagt David Scholz, Senior Business Development Manager bei Freshfields. "Insbesondere möchten wir eine Möglichkeit zum Networking und Austausch für Kollegen aus kleineren Kanzleien bieten."

Foto - LGBT+Network

"Das Netzwerk ist eine gute Möglichkeit, um einen größeren Zirkel von Menschen zusammenzubekommen und mit noch mehr Gewicht aufzutreten, als uns dies mit den eigenen, kanzleiinternen Netzwerken möglich ist", findet auch Malte Stübinger, der als Associate bei Latham & Watkins arbeitet. Dort sind die Mitglieder der LGBT-Gruppe an einer Hand abzuzählen.

"Wir wollen nach außen zeigen, dass wir gemeinsam für Gleichstellung kämpfen." Das Netzwerk will also kein elitärer Zirkel weniger Großkanzleien sein, sondern sich gemeinsam mit kleinen Einheiten engagieren

Vorbilder sind wichtig

"Als Anwälte sind wir auch Vertreter des Rechts und nicht nur Geschäftsleute. Daher finde ich es wichtig, dass wir in dieser Sache Position beziehen", ist Dr. Mark Butt überzeugt. Der Verwaltungsrechtler ist einer der Initiatoren des neuen Netzwerks und Partner im Münchner Büro von GSK Stockmann. Er selbst sieht sich in einer Vorbildfunktion: "Auf einem Panel der Messe Alice habe ich darüber gesprochen, wie man mit Outing im Geschäftsleben umgehen kann. Im Publikum saßen junge Leute, die mich mit großen Augen angeschaut haben. Da ist mir wieder klargeworden, wie wichtig es für sie ist, Vorbilder zu haben."

Fehlende Rollenvorbilder waren auch für Scholz von Freshfields der Grund, warum sich sein Outing als Transperson sehr lange hinzog. "Erst nach einer Fernsehdokumentation über einen transidenten Juristen habe ich gesehen, dass dies auch in einem konservativen Umfeld wie der Anwaltsbranche möglich sein könnte", erinnert er sich.

Die Reaktionen auf seinen Namenswechsel waren ausnahmslos positiv und bestärkend. Er hatte ohnehin keine Wahl: "Im Gegensatz zu Homosexuellen kann ich mich nicht verstecken, denn es geht dabei um meine Identität." Das Coming Out geheim zu halten war für Scholz keine Option, da er sich einer Geschlechtsangleichung unterzog und seit rund zwei Jahren als Mann lebt.

Den ganzen Artikel und mehr zu diesem so Denke ich schwierigen Thema, wenn du das Bild anklickst.


Unterkunft in Berlin -Treptow

Hier finden homo- und transsexuelle Geflüchtete Schutz

Sie kommen aus dem Irak, aus Syrien, dem Iran, aber auch aus den ehemaligen Sowjetstaaten und aus Nordafrika: Etwa 120 schwule, lesbische und transgeschlechtliche Geflüchtete aus insgesamt 19 Ländern leben derzeit in einer besonderen Unterkunft in Treptow. Seit eineinhalb Jahren gibt es ein Heim für LGBTI-Geflüchtete – die erste größere Einrichtung dieser Art in Deutschland. Die genaue Adresse ist aus Sicherheitsgründen nur wenigen bekannt.

„Etwa 80 Prozent der Bewohner sind schwule oder bisexuelle Männer, 20 Trans-Frauen und einige wenige lesbische Frauen“, sagt Stephan Jäkel von der Schwulenberatung, die die Unterkunft betreibt. Der Großteil ist zwischen 20 und 30 Jahren alt. Für viele von ihnen ist das Haus der erste Ort, an dem sie sein können, wie sie sind: Die meisten wurden in ihrer Heimat aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt. In vielen muslimisch geprägten Gesellschaften ist Homosexuellenfeindlichkeit weit verbreitet. In neun Ländern droht Schwulen und Lesben sogar die Todesstrafe.

Gewalt durch Mitbewohner in anderen Unterkünften

„Die Menschen, die wir betreuen, sind schwer traumatisiert von Kriegen in ihrer Heimat, von der Flucht – aber auch, weil sie schon ihr Leben lang kriminalisiert, stigmatisiert, ausgegrenzt oder misshandelt wurden“, sagt Jäkel. Viele grausame Geschichten haben er und sein Team schon gehört. Manche der Bewohner hätten auch Gewalt in Deutschland erfahren – etwa durch Wachpersonal oder Mitbewohner in anderen Unterkünften. Immer wieder berichten Geflüchtete von Beschimpfungen, Bedrohungen, Erpressungen, Schlägen, sogar von Vergewaltigungen. Die Täter stammen häufig aus den gleichen Ländern wie die Opfer: Die Peiniger sind diejenigen, vor denen sie aus ihrer Heimat geflohen sind.

Foto-queerpride.de

Diskriminierung erleben schwule, lesbische und transgeschlechtliche Geflüchtete aber auch im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten, etwa durch homophobe arabische Übersetzer. 50 solcher Fälle – vor allem Beleidigungen – hat es laut Senatsverwaltung für Justiz im vergangenen Jahr gegeben.

29 Wohnungen

Der Bedarf nach besonderen Schutzräumen wie der Unterkunft in Treptow ist daher immens. Seit das Haus im Februar 2016 eröffnet wurde, ist es fast durchgängig voll ausgelastet. Insgesamt 29 Wohnungen sind vorhanden, zwischen einem und vier Zimmern sind diese groß, verteilt auf sechs Etagen.

Das Haus ist Erstaufnahmeeinrichtung und Gemeinschaftsunterkunft zugleich. Viele Ehrenamtliche helfen mit, es gibt verschiedene Workshops und Beratungsangebote. „Das Haus soll aber nur eine Unterkunft sein. Wir wollen, dass die Bewohner rausgehen und sich integrieren“, sagt Jäkel. Sie sollen das Leben in Berlin kennenlernen und sich nicht abschotten.

Auch wenn mittlerweile weniger Geflüchtete in die Stadt kommen – dass das Haus bald nicht mehr gebraucht wird, daran glaubt Jäkel nicht. „Wir brauchen weitere Unterkünfte. Etwa kleinere Wohngemeinschaften, in denen diejenigen, die besondere Unterstützung brauchen, besser betreut werden können.“ Zudem sucht die Schwulenberatung Menschen, die freie Wohnungen haben, damit möglichst viele Geflüchtete ein ganz normales Leben in Berlin beginnen können. (Dominik Mai, Berliner Zeitung )


Berlin

Homosexuelle werden im Job benachteiligt

Antidiskriminierungs-Beauftragte fordert Betroffene auf, sich zu wehren. Immer mehr Lesben, Schwule und Bisexuelle outen sich bei der Arbeit

Die Diskriminierung von Homosexuellen gehört einer neuen Studie zufolge im Arbeitsleben in Deutschland vielerorts zum Alltag – und kennt zahlreiche Varianten: Einer lesbischen Altenpflegerin wird gekündigt, weil sie angeblich nicht zum Unternehmen passt. Ein frisch eingestellter Geschäftsführer erhält die Entlassung, da dem Eigentümer zu Ohren kam, dass sein neuer Mitarbeiter mit einem Mann und nicht mit einer Frau zusammenwohnt. Ein renommierter Anwalt einer Großkanzlei wird von seinem Partner aufgefordert, zu festlichen Mandantentreffen doch eine Frau mitzubringen. Der Jurist aber steht auf Männer, eine Alibi-Hochzeit für die Karriere kommt für ihn nicht infrage. Seine Konsequenz: Er quittiert selbst den Job.

Eine große Mehrheit von 76,3 Prozent der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen sind in ihren Jobs bereits diskriminiert worden. Dies hat eine Befragung von rund 2880 Menschen durch das Institut für Diversity- und Antidiskriminierungsforschung (IDA) ergeben, deren Kernergebnisse unter dem Titel "Out im Office?!" am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurden.

Zwei Drittel der Betroffenen erleben vor allem "voyeuristisch-gesteigerte" Auseinandersetzungen. "Dabei wird über sie getuschelt, es werden Lügen verbreitet oder sie werden lächerlich gemacht", führt der IDA-Studienleiter Dominic Frohn aus. Rund 43 Prozent der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen würden isoliert, ausgegrenzt oder nicht ernstgenommen. 39 Prozent wurden sexuell belästigt. Manche berichteten von Aggressionen, körperlicher Gewalt, der sie ausgesetzt seien, andere würden beleidigt oder beschimpft. Ein Fünftel dieser Fälle sei sogar strafrechtlich relevant, mehr als die Hälfte ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).

"Die Befragung zeigt leider deutlich dass lesbische, schwule, bisexuelle und Trans-Menschen nach wie vor Ausgrenzung, Mobbing und Belästigungen am Arbeitsplatz erleben", sagt Christine Lüders, Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, welche die Studie gefördert hat. Da der Arbeitsplatz ein existenziell wichtiger Ort sei, forderte Lüders alle Betroffenen auf, sich gegen jegliche Diskriminierung offensiv zu wehren. Der Arbeitgeber sei verpflichtet, solche Missstände zu beheben. "Ein Beschäftigter muss in seinem Job offen sagen dürfen: Meine Ehefrau ist ein Mann, ich bin schwul. Und zwar ohne dafür gemobbt oder ausgegrenzt zu werden." Andernfalls helfe auch die Antidiskriminierungsstelle, die seit ihrem Bestehen rund 800 Beschwerden von Homosexuellen erhalten habe.

Insgesamt ist bundesweit aber auch eine zunehmende Offenheit bei Homosexuellen feststellbar. Die Mauer des Schweigens bröckelt. Das gesellschaftliche Klima ändert sich – zumindest etwas. Knapp ein Drittel (28,9 Prozent) der Betroffenen macht laut Studie aus der eigenen Homosexualität kein Geheimnis mehr, sondern spricht mit allen Kollegen offen darüber. Vor zehn Jahren, als die Studie erstmals erhoben wurde, wagten dies nur 12,7 Prozent. Noch größere Offenheit herrscht unter Führungskräften: 40,4 Prozent aller lesbischen oder schwulen leitenden Persönlichkeiten geben an, mit allen Mitarbeitern offen über das Thema zu reden. Dies sind fast doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.

Doch noch sind längst nicht alle Hürden abgebaut. Auch heute hüllt sich noch fast ein Drittel der Befragten in Schweigen – oft aus Angst vor Benachteiligung. 30,5 Prozent der Betroffenen sprechen mit niemandem oder nur mit wenigen Personen über ihre eigene sexuelle Identität. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 trauten sich laut damaliger Befragung noch 51,9 Prozent nicht, mit jemandem über ihre Homosexualität zu reden. Unter den Führungskräften spricht nur jeder Vierte noch immer nicht über seine sexuelle Veranlagung – 2007 waren dies in dieser Gruppe auch noch fast doppelt so viele.

Am schwersten fällt das "Outing" heute Bi- und Transsexuellen. Mehr als die Hälfte der Bisexuellen (55,5 Prozent) unterhalten sich mit keinem oder wenigen Kollegen über ihre sexuelle Identität, gegenüber Führungskräften ist die Verschwiegenheit von 60,8 Prozent der Befragten noch größer. Trans-Personen zeigen sich am reservier testen. Dort sprechen 69 Prozent mit niemandem über ihre Geschlechtsumwandlung.

Der IDA-Leiter empfiehlt Unternehmen, sich möglichst offen gegenüber Homosexuellen zu zeigen, wie dies große Konzerne wie die Commerzbank, IBM, Telekom oder Vodafone seit Jahren durch eigene Netzwerke oder Diversity-Trainings praktizierten. Denn ein weiteres Studienergebnis zeige, so Frohn: "Je selbstverständlicher die Beschäftigten mit ihrer sexuellen Identität umgehen können, desto höher sind ihre Arbeitszufriedenheit und Verbundenheit mit dem Unternehmen." ( Berliner Morgenpost – 20.07.2017)


Christopher Street Day in Berlin

Wem gehört der CSD?

Was als Demonstration linker Schwulen- und später Lesbengruppen begann, hat im Verlauf vierer Jahrzehnte viele und vieles integriert. Aber wer darf mitlaufen?

Am heutigen Samstag (dem 22. Juli 2017) ist eine Menge los im queeren Berlin. Vom Kurfürstendamm bis zum Brandenburger Tor wälzt sich der Lindwurm des CSD Berlin, vorne mit Fußgruppen und politischen Forderungen, hinten mit Partywagen und Tamtam.

Gleichzeitig läuft ein Queer Liberation March durch den Nollendorfkiez, dessen Veranstalter gegen einen CSD protestieren, der nichts sei, als ein „Zurschaustellen des Pinkwashings von Unternehmen und staatlichen Organisationen zur Mehrung ihrer Profite und ihrer Macht“. Und wenn queeren Menschen der eine Aufzug zu kommer­ziell und der andere zu aggressiv ist, dann können sie in einem sicheren queer space in der Hasenheide picknicken.

Vielfalt vom Feinsten also, würden die Unbedarften sagen, doch in Wahrheit verbirgt sich dahinter ein seit Jahrzehnten erbittert geführter Kampf: Wem gehört der CSD?

Was in Berlin 1979 als Demonstration linker Schwulen- und Lesbengruppen begann, hat im Verlauf der Jahrzehnte viele integriert: Sportvereine und Chöre, die Aidshilfen, Parteien – zunächst die Grünen, dann all die anderen bis hin zur CDU – und seit den Neunzigern auch Unternehmen von Lufthansa bis Ebay.

Wundersame Besitzansprüche vonseiten der AfD

Und von Anfang an tobt der Streit, wer zu Recht mitläuft, wer auf dem Rücken der homo- und trans*politischen Sache sein Süppchen kocht, wer seine schmutzige Homowäsche reinwäscht und wem das Mitmarschieren verboten werden sollte.

Es ist schon wundersam, wer so alles an diesen CSD Besitzansprüche stellt. Als im Februar 2017 das neue Motto bekannt gegeben wurde („Mehr von uns – jede Stimme gegen Rechts!“), erhob sich der offen schwul lebende Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Frank-Christian Hansel. Ohne Not würden die CSD-Offiziellen mit ihrem diesjährigen Slogan gegen rechts zahlreiche Homosexuelle, Bisexuelle und Transgender ausgrenzen. Schließlich stünden viele dieser Menschen zu bürgerlichen und konservativen Werten.

Foto - rbb-online.de

Tatjana Meyer, Vorstand des CSD e. V.

„Ich wünsche mir, dass der CSD noch politischer und inklusiver wird“

Uff – die jetzt also auch noch? Tatjana Meyer vom Vorstand des CSD e. V. schüttelt den Kopf. Sie ist sich sicher, dass es Grenzen braucht, „und die ziehen wir da, wo wir sehen, dass sich jemand gegen so viele Forderungen, für die wir auf die Straße gehen, positioniert“.

Doch der bekannte Berliner Aidsaktivist Heiko Großer bezweifelt, dass dies nur für homosexuelle AfDler gilt. „Nach dem ganzen Theater um die Ehe für alle“, sagt er, „und der Tatsache, dass die CDU bei der Entschädigung der Opfer des Paragrafen 175 uns erneut über ein willkürliches Schutzalter diskriminiert, wäre es auch an den Lesben und Schwulen aus der Union zu sagen: Für diese Partei gehen wir nicht mehr auf den CSD.“

„Mit Martin Schulz in eine glitzernde Zukunft!“

Beim Veranstalter, dem CSD e. V., kennt man diese Bedenken und hat sich vor Jahren auf eine Regel geeinigt: Es sind nie Parteien oder Unternehmen selbst, die mitfahren, sondern „immer diejenigen, die sich innerhalb ihrer Kreise dafür einsetzen, dass unsere Rechte vertreten werden“. Klingt erst mal einleuchtend, aber auch da steckt der Teufel im Detail. Setzen sich die tatsächlich existenten „Homosexuellen in der AfD“ innerhalb ihrer Partei nicht auch ein? „Vielleicht ist das aus ihrer Sicht so“, sagt Meyer, „aber das wage ich zu bezweifeln.“

Aus Großers Sicht werfen nicht nur die homosexuellen AfDler Legitimitätsfragen auf. Zwar gesteht er einer Gruppe wie ­SPDqueer zu, dass sie „Leidtragende waren, die von ihrer eigenen Partei auch 30-mal verschaukelt wurden“. Der Knackpunkt ist für ihn aber: „Wie treten sie auf? Und wenn sie mit der Person Martin Schulz kommen, dann ist es die falsche Veranstaltung, genauso wie die LSU, wenn sie mit dem Personenkult um Merkel kommen. Was anderes wäre es, wenn sie ihre nächsten Forderungen präsentieren und sagen, wir kämpfen in der SPD für diese Themen.“

( TAZ.de/22-23.07.2017)  Denn ganzen Artikel, einfach das Bild im Text anklicken.

10 Gründe gegen ein Adoptionsrecht für Homosexuelle? Eine Replik

Bald können Homosexuelle in Deutschland nicht nur heiraten, sie besitzen auch das volle Adoptionsrecht. Während sich eine große Mehrheit darüber freut, hetzen andere weiter. Chri­s‍tel Vonholdt etwa formuliert zehn Gründe gegen ein Adoptionsrecht für Lesben und Schwule. Dabei offenbart die Medizinerin vor allem eines, ihr zutiefst anti-homosexuelles Menschen- und Weltbild.

Laut Selbstbeschreibung forscht und informiert das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) "über zukunftsfähige Lebensgrundlagen und nachhaltige Entwicklungsarbeit in den Bereichen Lebenskultur, Ehe und Familie, Identität, Sexualität, Homosexualität, Menschenrechte, Diakonat". Von Wissenschaftlichkeit und dem Gedanken, Familien in ihrer Vielfalt ernstlich zu fördern, fehlt auf der Homepage des Institutes jedoch in den weitesten Teilen jede Spur. Stattdessen finden sich zahlreiche Texte, die nicht heteronormative Lebensweisen wie etwa Regenbogen-Familien mit pseudowissenschaftlicher Argumentation zu diskreditieren versuchen. Viele dieser Schriften stammen aus der Feder der Ärztin und früheren Leiterin des DIJG Christel Vonholdt

Das DIJG ist ein Studienzentrum der Offensive Junger Christen e.V.. Dieser Verein wiederum ist eine ökumenische Kommunität in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und im Fachverband im Diakonischen Werk der EKD. Aufgrund dieser Zugehörigkeit ist es notwendig, die Aktivitäten sowie Publikationen des DIJG einer kritischen Lektüre zu unterziehen und die Frage zu stellen, ob die dort vertretenen Positionen mit dem Evangelium beziehungsweise den Grundsätzen der Evangelischen in Kirche Deutschland (EKD) sowie des Diakonischen Werks der EKD vereinbar sind. Dazu greife ich im Folgenden einige der zentralen Thesen aus Vonholdts   Text  „Das Recht des Kindes auf Vater und Mutter. Zehn Gründe gegen ein Adoptionsrecht für homosexuell lebende Paare“ auf.

Meine Fragen dabei sind: Welches Menschenbild drückt sich in diesen Thesen aus? Und wieviel Substanz hat die Argumentation?

In These neun erklärt Vonholdt: "Für das Mädchen ist der Vater das wichtigste Rollenvorbild dafür, was es selbst einmal von einem Mann erwarten kann". Das ist eine krasse Überschätzung und auch Überhöhung der Funktion der Elternfiguren für die psychische und soziale Entwicklung des Kindes. Zweifelsohne sind Eltern als die primären Bezugspersonen in vielerlei Hinsicht prägend für ihren Nachwuchs. Was allerdings die Entwicklung von seelischen Dispositionen bezüglich der Geschlechtlichkeit angeht, spielt der Einfluss der Gesellschaft eine viel stärkere Rolle. Ich illustriere dies an einem Beispiel: Stellen wir uns vor, in einer Familie ginge die Mutter einer Berufstätigkeit nach und würde allein für das Einkommen sorgen. Die Pflege der Kinder sowie den größten Teil der Hausarbeit übernähme der Vater. Nach Vonholdts Theorie müsste der Nachwuchs die väterliche, also männliche Rolle, mit Hausarbeit, Fürsorge und Kindererziehung assoziieren. Doch eben dies passiert nicht. Weil die Kinder sich in ihrem sozialen Umfeld sehr bald gewahr würden, dass der Vater eine Ausnahme darstellt und Hausarbeit, Fürsorge und Kindererziehung weiblich konnotiert sind.

Zeichnung - Regenbogenfamilien-nrw.de

Familie ist nur ein Ort, an dem Kinder Geschlechtsrollen internalisieren, ausprobieren und bestenfalls auch kritisieren. Geschlecht durchdringt aber als primäres Ordnungsprinzip alle Bereiche der Gesellschaft. Geschlecht und eben auch Geschlechts­s‍tereotype werden in der Schule geprägt, wenn der Lehrer Mädchen und Jungen segregiert, Geschlecht wird im Spielzeuggeschäft geprägt, wenn auf der Verpackung für die Puppenküche nur Mädchen und auf der Verpackung für die kleine Werkbank nur Jungen abgebildet sind, Geschlecht wird durch das Fernsehen geprägt, das hilfsbedürftige Prinzessinnen und starke Helden zeigt.

Wenn Frau Vonholdt schreibt, der Vater sei das wichtigste Rollenvorbild, dann impliziert das auch die Frage, welches Rollenvorbild sie meint. Ein Vorbild welcher Rolle? Der des Mannes? Aber wer ist der Mann? Scheinbar gibt es für die Medizinerin nur eine Männlichkeit, eine Form Mann zu sein, eine Form Frau zu sein, ein Rollenarrangement, wie Frauen und Männer sind und sich in der Interaktion zu verhalten haben. Das aber ist eine unhaltbare Simplifizierung menschlichen Lebens.

Dass sie dieser Theorie jedoch anzuhängen scheint, offenbart Vonholdt auch in ihrer achten These, dort heißt es: "Für die lesbisch lebende Frau ist es kennzeichnend, dass sie den Mann und das Männliche in der Nähebeziehung nicht haben will oder haben kann. Dies wird sich erschwerend und hemmend auf die männliche Identitätsentwicklung von Jungen auswirken." Hier wird zunächst mit einer absoluten Stereotypisierung gearbeitet. Vonholdt behauptet, es gäbe die lesbisch lebende Frau, demnach glichen sich alle lesbischen Frauen in ihren Kennzeichen, also Einstellungen, Begehrensweisen, Interessen usw. und diese lesbisch lebende Frau, die will den Mann und das Männliche nicht in der "Nähebeziehung" haben. Es klingt so, als wolle die Medizinerin sagen, alle lesbischen Frauen hassten Männer und dieser Hass, würde die Identitätsentwicklung ihres männlichen Nachwuchses negativ beeinflussen. Was viele lesbische Frauen - und nicht nur diese - in der Tat ablehnen ist das Patriarchat, die Herrschaft heterosexueller Männer über Frauen und Homosexuelle. Denn von dieser Form der Herrschaft werden sie unterdrückt, marginalisiert und diskriminiert und dass in doppelter Weise - als Frauen und als Homosexuelle. Und es ist zu hoffen, dass nicht nur lesbische Frauen die Nähe zu Männern, die diese Form der Männlichkeit leben, meiden und ihren Söhnen diese nicht als Rollenvorbild anempfehlen. Das sollte vielmehr eine Selbstverständlichkeit in der Erziehung jeden Kindes sein, egal wo es aufwächst.

Es ist auffällig, dass Vonholdt in keiner ihrer Thesen näher bestimmt, was denn nun den Mann respektive die Frau in ihrer jeweils spezifischen geschlechtlichen Rolle ausmacht. Die Ärztin postuliert einfach einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern, den sie aber unbestimmt lässt, was sie nicht daran hindert, diesen zu einer unerlässlichen Entwicklungsvoraussetzung für Kinder zu erheben. Der Nachwuchs brauche Mutter und Vater, deren Verschiedenheit, die elterliche verschiedengeschlechtliche Spannung sei unerlässlich für eine positive Entwicklung, postuliert Vonholt in der dritten und vierten These. Doch darin klingt eine Überhöhung der geschlechtlichen Differenz, quasi eine Kosmologie der Geschlechter an. Gerade so als würde sich das gesamte Spektrum der menschlichen Diversität wesentlich und zentral in der Einheit der Pole aus Frau und Mann, aus Vater und Mutter widerspiegeln, so wie Yin und Yang. Oder wie die Theorie der Geschlechtscharaktere aus dem 19. Jahrhundert, die der Frau etwa das Emotionale und dem Mann das Rationale, der Frau das Häusliche und dem Mann das Öffentliche, der Frau die Sanftheit und dem Mann die Härte normativ zuschreibt. Nur vor solchen Folien lassen sich gleichgeschlechtliche Elternschaft skandalisieren, weil den Kindern dieser Logik zufolge Fundamentales fehlen würde. Doch es handelt sich dabei um eine tiefgreifende Verkennung menschlicher, ja vielmehr schöpferischer Vielfalt. Jeder Mensch hat einen unterschiedlichen Charakter, eine individuelle Art sein Geschlecht zu leben, unverwechselbare Leidenschaften, Wesenszüge usw. Und es gibt nicht den Mann, die Frau, die Lesbe und auch nicht den Vater, die Mutter.

Es kommt nicht darauf an, wer die Eltern der Kinder sind, sondern was für Eltern sie sind. Dass sie ihren Kindern Liebe, als das Wichtigste und Elementarste überhaupt geben. Dass sie sie respektieren und sie Respekt vor Gott und den Menschen lehren. Es stünde Frau Vonholdt gut an, statt sich hinter pseudowissenschaftlichen Studien, Allgemeinplätzen, Leerstellen, Mutmaßungen und abstrusesten Argumentationen zu verstecken, einmal in die Familien zu gehen, wo Kinder und gleichgeschlechtliche Eltern leben, mit ihnen eine Zeit zu leben, zu sehen, wie die Beziehungen dort gelebt werden und die Augen für das offen zu haben, was da ist.

Doch - und das ist bitter - darum geht es Frau Vonholdt, dem DIJG und vielen anderen scheinbar gar nicht. Sie wollen lieber eine tote Form, die der heteronormativen (nicht der heterosexuellen!) Kleinfamilie, so wie diese als Ideal in ihren Köpfen verankert ist, verteidigen. Sie wollen ordnen, klassifizieren und kategorisieren, was nicht überschaubar zu machen ist und was uns als Menschen auch nicht zusteht. Ein Baukasten, in dem es die Schablone für den Mann und die Frau gibt, mag Sicherheit in einer unsicheren Welt bieten. Doch diese Form der Sicherheit ist eine Illusion. Eine Illusion, die dazu noch blind macht für Gottes Schöpfung, die in ihrer Vielfalt unergründlich, unermesslich und bis zum Bersten überbordend ist und bleibt.

Ich wünsche Frau Vonholdt, dem DIJG und vielen anderen aufrichtig, dass es ihnen gelingt, ihre Herzen zu öffnen. Dass sie beginnen, Familien, Kinder, Mütter, Väter dort zusehen, wo sie es bislang noch nicht begreifen. Vielleicht kann dann ihr Brennen für Familie, für die Zukunft der Schöpfung und ihren Erhalt zu einem wahren Segen werden. (Von Matthias Albrecht – kreuz &queer  - evangelisch.de)

Behördenwillkür ?!?

Wenn Geflohene sich älter machen, um die Grenzen zu passieren !

An einem klaren Sommermorgen sitzt Zoya auf einem Hartschalensitz im Foyer der Ausländerbehörde und wartet auf die Erlösung. Sie hat eine Nummer gezogen und ihren Rucksack unter sich auf das fleckige Linoleum gelegt, an der Wand gegenüber blinken rote Leuchtziffern.

Es ist Montag, der Tag, an dem sich entscheiden soll, ob ihr Leben als 16 Jahre altes Mädchen weitergeht – oder ob sie als 24 Jahre alte Frau zurechtkommen muss. Zoya Qassemi, rundliche Wangen und lange Haare, trägt einen Rock, Leggins und Turnschuhe. Vor einem Monat hat sie ihren Pass eingereicht, und wenn es gut läuft, wird die Behörde das Dokument als Beleg akzeptieren. „Und dann bekomme ich mein wahres Alter zurück“, sagt sie fast tonlos.

Zoyas Geschichte handelt davon, wie leicht Jugendliche, die allein aus fremden Ländern geflüchtet sind, in Deutschland durch die Raster fallen. Es geht um das Wirrwarr der Berliner Behörden, um gekaufte Papiere und widersprüchliche Daten.

Wenn minderjährige Flüchtlinge einreisen und sich nicht ausweisen können, prüft das Landesjugendamt ihre Angaben bei einer qualifizierten Inaugenscheinnahme. 2016 begutachtete die Behörde rund 1900 junge Menschen und stufte 400 als volljährig ein. In diesem Jahr ging die Zahl der Inaugenscheinnahmen wegen der sinkenden Zugangszahlen auf bisher knapp 300 zurück,. 140 Mal fiel das Urteil volljährig.

Queere Flüchtlinge sind nicht mehr willkommen: Das BAMF empfiehlt ihnen, nach der Abschiebung ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität in ihren Heimatländern zu verheimlichen. (Bild: SPD Sachsen)

Wie häufig Fehleinschätzungen passieren, ist nirgends erfasst. Aber es gibt ein paar Details, die viele Fälle gemeinsam haben. „Es gibt keinen roten Faden, wie man solche Fälle lösen kann“, sagt ein Psychologe, der in einer Notunterkunft für Flüchtlinge arbeitet. Er will anonym bleiben, weil er nicht befugt ist, öffentlich zu sprechen. Er ist unter den erwachsenen Männern in dem Heim bereits fünf Mal auf junge Menschen gestoßen, die er zweifellos für Teenager hielt: „Die Jugendlichen sind auf sich allein gestellt in einem Land, wo jeder weiß, wie schwierig Asylverfahren sind – im Prinzip sind das verlorene Menschen.“

Zoya hebt den Kopf, als ein Mitarbeiter in den Warteraum tritt; er reicht ihr ein Schreiben, sie soll in vier Wochen wiederkommen, die Polizei braucht noch Zeit, um ihren Pass zu prüfen, sagt der Mann kühl. „Wir glauben nämlich, dass das Ding gefälscht ist.“

Sie hastet zur U-Bahn, Tränen laufen über ihre Wangen, aber sie will noch zur Schule, trotz allem. In ihrer Klasse in Kabul war sie Zweitbeste, in ihrer Willkommensklasse langweilt sie sich bereits.

Ohne Stirnfalten

Auch Jawid Shirzad möchte gern lernen. Bloß ist er noch nie zur Schule gegangen, nicht in Berlin und nicht im Iran, wo er aufgewachsen ist. Schon mit sechs arbeitete er, auf Baustellen meist, einer von zwei Millionen afghanischen Flüchtlingen im Iran. Jetzt lebt er in Berlin – in einem Heim für erwachsene Flüchtlinge. Wenn es stimmt, was er sagt, ist er 17 Jahre alt. Ein Mopp schwarzer Haare fällt schräg in sein glattes Gesicht, er sitzt in einem Büroraum des Heims, zieht die Schultern zusammen, als wolle er sich noch schmaler machen, als er ist.  Als Minderjähriger hätte er Anspruch auf Schulbildung, auf Förderung auf Jugendhilfe. Nichts davon bekommt er, weil er bei den Behörden als Mann Ende 20 erfasst ist.

Zoya und Jawid heißen eigentlich anders. Ihre echten Namen sollen verschwiegen werden, sie sind ja auf die Berliner Behörden angewiesen. Sie kommen aus unterschiedlichen Welten, Zoya, die aus einer gut situierten Familie in Kabul stammt, und auf der anderen Seite Jawid, der frühere Kinderarbeiter. Aber beide haben in Deutschland Zuflucht gesucht, weil sie in ihrer Heimat nicht sicher waren, allein, ohne Familie.

 „Es gilt das Primat der Jugendhilfe“

2015 kamen mehr als 4 200 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Berlin, 2016 waren es knapp 1400. Seit Ende 2015 regelt das Sozialgesetzbuch, § 42f SGB VIII, wie eine Altersfeststellung ablaufen muss. Das Landesjugendamt kann seine Entscheidung in eigener Verantwortung treffen, an andere Behörden ist es nicht gebunden. Damit steht das Jugendamt vor einer heiklen Aufgabe: Es kommt vor, dass sich Erwachsene als jünger ausgeben. Denn minderjährige Flüchtlinge sind bessergestellt als volljährige – deswegen sind sie auch teurer, die Unterbringung und Versorgung kostet pro Monat zwischen 3000 und 4000 Euro.

Andrea Petzenhammer vom Verein Encourage, der ehrenamtliche Vormünder vermittelt, hört seit einigen Monaten häufiger von jungen Menschen, die nachträglich für volljährig erklärt werden, vor allem Afrikaner sind betroffen, aber zunehmend auch Afghanen. „Viele machen sich an den Grenzen älter, weil sie als Minderjährige nicht weitergelassen würden“, sagt sie, und diese Angaben hängen ihnen dann nach. Zwar seien Fehler bei der Alterseinschätzung nie ausschließen, zumal viele der Jugendlichen mit äußerst komplexen Geschichten kommen. „Aber dann müsste es auch Wege geben, falsche Entscheidungen zu korrigieren.“

Wie gewichtet die Senatsjugendverwaltung die Informationen? Eine Sprecherin schreibt, es gebe ein „abgestimmtes Verfahren zur Änderung von Geburtsdaten“, daran seien neben der Senatsverwaltung die Ausländerbehörde, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten beteiligt. Aber: „Es gilt das Primat der Jugendhilfe.“

Teil des Artikels in der berliner-zeitung.de – Mehr wenn Du das Bild anklickst.

Hanau - Homosexueller kämpft gegen seine Abschiebung

Adnan aus Pakistan sucht in Deutschland Asyl. In seiner Heimat droht ihm Verfolgung wegen seiner Homosexualität. Doch das Verwaltungsgericht in Frankfurt kommt zu einem anderen Urteil.

Von Gregor Haschnik – Frankfurter Rundschau

Der Mullah aus Adnans Dorf hatte ihn in einer Predigt für vogelfrei erklärt: Ein Mann liebt einen Mann - für den Geistlichen eine Todsünde. Spätestens ab da wurde Adnans Leben von „Angst und Ausgrenzung“ erstickt, erzählt er. Sein Vater sagte: „Wir wollen nicht mehr mit Dir an einem Tisch sitzen.“ Und sein Bruder, ein Polizist, richtete eines Tages seine Waffe auf Adnan. Die Mutter ging dazwischen und wurde an der Schulter verletzt. Sie hatte sich noch nicht erholt, da gab sie Adnan Geld für die Flucht. Er ging nach Deutschland - und will nie mehr zurück nach Pakistan: „Wenn ich abgeschoben werde, weiß ich nicht, wie ich weiterleben soll.“

So schildert der Mann, der nun in Hanau wohnt, die Zeit vor seiner Flucht und seine jetzige Gefühlslage. In Wirklichkeit heißt er anders, der Name Adnan soll ihn schützen, weil es auch in der städtischen Gemeinschaftsunterkunft Leute gibt, für die Homosexualität ein Verbrechen ist. Dort muss er sich ebenfalls verstellen, genauso wie er es in Pakistan getan hatte, bis seine Beziehung zu einem Mann bekannt wurde.

Adnan kämpft gegen seine Abschiebung und wird dabei vom Verein Queer Hanau und der Frankfurter Gruppe Rainbow Refugees unterstützt, die sich für homosexuelle Geflüchtete einsetzen. Weil ihm in seiner Heimat Verfolgung und Tod drohen, hat Adnan 2015 einen Asylantrag gestellt.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) lehnte diesen jedoch ab, die Klage dagegen vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt scheiterte ebenfalls. Das Gericht folgt im Wesentlichen dem Bamf und schreibt, „dass es zwar eine soziale Ausgrenzung Homosexueller in Pakistan gibt und Homosexualität zudem unter Strafe steht, homosexuelle Handlungen aber vom Staat tatsächlich praktisch nicht verfolgt werden“.


Als Beleg wird ein Bericht des Auswärtigen Amtes genannt. Zudem habe der Kläger keinen Kontakt mit staatlichen Behörden gehabt, sondern „lediglich Schwierigkeiten mit seiner Familie und radikalen Muslimen“, heißt es in der Begründung. Den Problemen könne er „durch Verlagerung des Wohnsitzes“ entgehen. Insbesondere in den pakistanischen Millionenstädten sei es möglich, homosexuell zu leben, besonders „wenn er dies nicht offen zur Schau trägt“.

Foto - Queeramnesty Hamburg

Adnan war über einen Flyer auf das Beratungsangebot von Queer Hanau aufmerksam geworden. Jetzt kämpfen sie gemeinsam dafür, dass die Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts zugelassen wird. „Ich kann gar nicht beschreiben, wie dankbar ich für diese Hilfe bin“, sagt der Mann, der in einem Restaurant arbeitet.

Der Geflüchtete und seine Mitstreiter kritisieren, dass das Gericht „völlig einseitig“ die Sicht des Bamf übernommen, andere Quellen ignoriert habe und die Anhörung nur fünf Minuten gedauert habe. Anders als das Bundesverwaltungsgericht in einer Leitentscheidung fordere, habe der Richter den Sachverhalt „allenfalls holzschnittartig“ gewürdigt. Hätte er das „persönliche Verfolgungsschicksal“ und die Situation der Homosexuellen in Pakistan angemessen betrachtet, hätte Adnan Flüchtlingsschutz bekommen, erklärt Adnans Anwalt.

Adnans Seite argumentiert mit Dossiers des britischen Innenministeriums und der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Diese berichten von gewalttätigen Übergriffen - auch in Metropolen - und Morden an Homosexuellen, welche durch mediale Aufrufe zu Gewalt gefördert worden seien. Außerdem, so David Faubel von Queer Hanau, werde die Strafbarkeit von Homosexualität in Pakistan benutzt, um zu drohen und zu erpressen, auch von Polizisten. Homosexuelle würden Übergriffe deshalb meistens nicht anzeigen. Und in einigen Fällen seien tatsächlich Freiheitsstrafen für homosexuelle Handlungen verhängt worden. Staatliche Verfolgung existiere also tatsächlich.

Adnan und seine Unterstützer wollen „alle Rechtsmittel ausschöpfen“, damit er bleibt, sagt Faubel. Der Fall habe Präzedenzcharakter und eine „grundsätzliche Bedeutung“ für viele homosexuelle Asylsuchende.


Vorwurf der Diskriminierung

Peinliche Fragen an homosexuelle Asylbewerber

Von Bernd Kastner – SZ-online.de

Der Schwulen- und Lesbenverband (LSVD) und Asylexperten kritisieren den Umgang der Behörden mit homosexuellen Asylsuchenden scharf.

Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hätten diesen Fragen zu Themen gestellt, die das Amt nichts angingen.

Der Grüne Volker Beck sagt, die "Missachtung asylrechtlicher Vorgaben" habe System.

Da feiert die schwul-lesbische Community gerade ihre neuen Eherechte, und zugleich wird bekannt, welche Fragen sich ein Schwuler unlängst in einer deutschen Behörde stellen lassen musste: "Wie oft hatten Sie mit Ihrem Freund Geschlechtsverkehr?" "Wie haben Sie den Verkehr empfunden?" Ein Asylbewerber aus Pakistan sollte die Antworten geben, im November 2016, als es für ihn darum ging, ob er Schutz in Deutschland erhält.

Foto - Stadt Koeln.de

Der betreffende Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge  (Bamf) habe Details wissen wollen, die das Amt nichts angingen und nichts zur Sache täten, kritisieren Vertreter der schwul-lesbischen Community und Asylexperten. Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) erkennt beim Umgang mit Asylgesuchen von Homosexuellen ein "strukturelles Problem".

Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck, ein profilierter Kämpfer für die Rechte von Homosexuellen, hat ein Dossier mit fragwürdigen Bamf-Entscheidungen zusammengestellt. Die Fälle lassen aus seiner Sicht eine systematische "Missachtung asylrechtlicher Vorgaben" erkennen.

Ablehnungsbescheide würden oft darauf verweisen, Homosexuelle könnten sich ja unauffällig verhalten, soll heißen: Wer seine Neigung versteckt, vermeidet Repressionen. Beck erinnert daran, dass der Europäische Gerichtshof diese Argumentation als rechtswidrig eingestuft hat. Auch die Bundesregierung hat bekräftigt, es sei Homosexuellen nicht zuzumuten ihre Neigung zu verbergen.

Schwulen und Lesben, denen in ihrer Heimat Strafen drohen, werde oft mit der Begründung Schutz verwehrt, die Sanktionen würden meist ja doch nicht verhängt. Das empört Beck. Diese Menschen hätten eine "begründete Furcht vor Verfolgung und daher Anspruch auf Schutz in Deutschland". Allein die Existenz solcher Strafparagrafen schaffe ein Klima der Angst. Für das UN-Flüchtlingshilfswerk stellen sie eine Menschenrechtsverletzung dar.

Wie viele Homosexuelle in Deutschland Asyl beantragen und damit Erfolg haben oder scheitern, weiß niemand, das Bamf führt keine Statistik über Fluchtgründe. Bekannt ist, dass viele aus Ländern wie Russland, Uganda, Senegal oder arabischen Staaten fliehen. Und es gibt Bamf-Bescheide wie den für einen Kenianer vom Mai 2016. Der Asylbewerber berichtete in seiner Anhörung, in Kenia von Bürgern verprügelt worden zu sein, die gesehen hätten, dass er einen Mann geküsst habe.

"Homosexuelle bewegen sich in einer Grauzone"

Die Polizei habe ihn drei Tage lang festgehalten, nur gegen Bestechungsgeld sei er freigekommen. Im Bescheid wird die Situation Homosexueller in Kenia einerseits als bedrohlich skizziert: "Auf die sexuelle Orientierung zielende Diskriminierung  ist häufig und weit verbreitet. Homosexuelles Verhalten ist unter Strafe gestellt." Bis zu 14 Jahre Gefängnis drohten.

"Homosexuelle bewegen sich in einer Grauzone, in der sie erpressbar sind und schon aufgrund der geltenden Strafbestimmungen eine strafrechtliche Verfolgung nicht ausgeschlossen ist." Zu einer Anerkennung als Flüchtling führte dies aber nicht: Es gebe keine Berichte über tatsächlich vollzogene Strafen, heißt es im Bescheid, Polizeihaft geschehe oft zum Schutz vor einem wütenden Mob.

Und auch wenn die Gesellschaft homophob sei: Es würden viele Schwule und Lesben in Kenia leben, sogar ein Menschenrechtsverband kämpfe für sie. Unterm Strich sei "eine schwerwiegende Verletzung der grundlegenden Menschenrechte (...) aus staatlicher Richtung nicht erkennbar", so das Bamf.

Bamf verweist auf ausgebildete Sonderbeauftragte

Nach dieser Logik, sagt Volker Beck, würden Schwule und Lesben nirgends verfolgt, da Homosexualität in jedem Land existiere. Und Markus Ulrich vom LSVD kritisiert, so würde bei politisch oder religiös Verfolgten nie argumentiert werden.

Eine Bamf-Sprecherin weist die Kritik zurück. Laut Vorgaben dürfe es "keinen Verweis auf gefahrvermeidendes, diskretes Verhalten" geben. Außerdem habe man ausgebildete Sonderbeauftragte für geschlechtsspezifische Verfolgung.

In deren Sensibilisierung sieht Sara Schmitter vom Münchner Beratungszentrum Letra noch Nachholbedarf: Knapp 20 Klientinnen aus Uganda hätten im Mai und Juni ablehnende Bescheide erhalten. Oft werde den Frauen gar nicht geglaubt, dass sie lesbisch seien. Dass sie oft zwangsverheiratet und Mütter sind, mache sie vermutlich unglaubwürdig, so Schmitter.


Homophobie in Reinkultur

Erika Steinbach: Ehe-Öffnung dient „ Pädointeressen“ (dk –queer.de)

Die erzkonservative Bundestagsabgeordnete stellt einen Zusammenhang zwischen der Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben und dem Missbrauch von Kindern her.

Erika Steinbach sorgt wieder einmal mit einem homophoben Kommentar für Empörung: In sozialen Netzwerken erklärte die fraktionslose Abgeordnete, die im Januar aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik und die angebliche Anpassung an den Zeitgeist aus der CDU ausgetreten war, am Montag, dass die Grünen mit ihrer Forderung nach der Ehe für alle "Pädointeressen" vertreten würden.

"Die GRÜNEN habe[n] im Wahlprogramm 'Ehe für alle' beschlossen. Eine völlig offene Formulierung!", schrieb Steinbach etwa auf Facebook. "Das ist auch die Hintertür für Pädophilen Interessen, die in der Vergangenheit eine starke Lobby bei den Grünen hatten." Dazu veröffentlichte die 73-Jährige das Video einer ihrer Bundestagsreden aus dem Jahr 2010, in der sie gegen die Ökopartei wettert.

Als Reaktion gab es auf Twitter scharfe Kritik unter dem Hashtag #ErikaDrehtHohl. Auf Steinbachs Facebook-Seite erhielt sie aber auch Lob. So schrieb eine Nutzerin: "Na prima, dann kann ich endlich meinen Kühlschrank heiraten."

Erika Steinbach kämpft jetzt auch mit der Pädo-Keule gegen die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben (Bild: Deutscher Bundestag / Lichtblick / Achim Melde)

Steinbach spielt mit ihrer provokanten Äußerung auf die fragwürdige Toleranz der Grünen gegenüber dem Missbrauch von Kindern in den Siebziger- und Achtzigerjahren an, von der sich die Partei aber bereits scharf distanziert hat und die minutiös aufgearbeitet wurde .Der im Deutschen relativ neue Ausdruck "Ehe für alle", der aus dem französischen Ausdruck "mariage pour tous" entlehnt wurde, wird außerdem nie als Motto für die Legalisierung von sexuellem Kindesmissbrauch genutzt, sondern nur für die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht.

Ein entsprechender Gesetzentwurf der Ökopartei liegt bereits in dieser Legislaturperiode dem Bundestag vor und dürfte Steinbach bekannt sein. Am Wochenende hatten die Grünen die Forderung nach der Ehe für alle in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl bekräftigt und als Koalitionsbedingung benannt .

Bereits in der Vergangenheit hatte sich Steinbach, die dem Bundestag seit 1990 angehört, als Hardlinerin gegen LGBTI-Rechte profiliert. Die Einführung der Lebenspartnerschaft lehnte sie ebenso ab wie spätere Weiterentwicklungen des Instituts. So stimmte sie "aus Gewissensgründen" gegen das von Karlsruhe erzwunge Ehegattensplitting für gleichgeschlechtliche Paare. "Ich gestatte mir, eine andere Auffassung zu haben, was die Verfassungsgründer im Sinn hatten", sagte sie dazu. Bereits zur Entscheidung des Gerichts zur Sukkzessivadoption hatte sie getwittert: "Wer schützt eigentlich unsere Verfassung vor den Verfassungsrichtern?"

Die Ehe für alle bringt auch manch homophoben Zeitungsredakteur in Rage. So veröffentlichte die "Rhein-Neckar-Zeitung" am Mittwoch eines bizarren Texts, der als Glosse markiert wurde. Darin wird die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben als "Ausstieg aus der Mann-Frau-Beziehung" beschrieben und den Grünen vorgeworfen, mit ihrer Forderung nach der Gleichbehandlung die Ehe zu verspotten.


Homosexualität in Tunesien

«Schlimmer, als die Pest zu haben»

von Beat Stauffer Neue Züricher Zeitung

Homoerotische Praktiken wurden im Maghreb lange Zeit schweigend geduldet. Diese Ära ist nun vorüber: Der Suizidversuch eines jungen schwulen Aktivisten hat Tunesiens Zivilgesellschaft aufgeschreckt.

Ahmed sah keinen Ausweg mehr. Am 9. Juli schluckte der junge Mann Dutzende von Schlaftabletten. Als er in die Notfallstation eingeliefert wurde, lag er bereits im Koma. Wie durch ein Wunder überlebte er. Seither hält er sich versteckt.

Der Selbstmordversuch von Ahmed Ben Amor hat die tunesische Zivilgesellschaft erschüttert. Zwar versuchen verzweifelte junge Menschen in Tunesien regelmäßig, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch der Fall von Ben Amor war anders gelagert. Er hatte es als einer der ersten jungen Tunesier gewagt, offen zu seiner Homosexualität zu stehen.

Eine Hassorgie

Seine Leidensgeschichte begann vor rund zwei Jahren. Ahmed lebt in der Gegend von Mahdia, besucht das Gymnasium, ist hübsch und intelligent. Doch er ist schwul. Als er sich gegenüber seiner Familie outet, wird sein Leben zur Hölle. Sein Vater und sein Onkel schlagen ihn blutig und binden ihn mit den Armen an einem Haken an der Decke fest. Nur durch Flucht aus dem Spital kann sich Ahmed anschließend vor der familiären Lynchjustiz retten. Doch damit nicht genug. Der Direktor des Gymnasiums von Mahdia wirft Ahmed aus der Schule. Kein anderes Institut in Tunesien ist bereit, ihn aufzunehmen.

Er findet Unterschlupf bei Freunden in Tunis. Schon bald engagiert er sich für einen im Frühjahr 2015 gegründeten Verein, der sich «Shams» nennt – zu Deutsch Sonne. Es ist die erste Organisation in der arabischen Welt, die sich offen für die Rechte von sexuellen Minderheiten einsetzt. Ahmed wird Vizepräsident und kämpft mit jugendlichem Elan für das Anliegen.

Ahmed Ben Amor ist öffentlich für die Rechte der Homosexuellen eingetreten. Der junge Tunesier zahlte einen schrecklichen Preis für seinen Mut. (Bild: Augustin Le Gall / Haytham-Rea / Laif)


Ende April 2016 nimmt er an einer Talkshow des TV-Senders al-Hiwar Ettounsi teil. Dort sitzt Ben Amor einem konservativen Imam sowie einem Schauspieler gegenüber, der durch seine schwulenfeindlichen Äusserungen landesweit für Aufsehen sorgte. Der junge Mann kann dem Bombardement religiöser und stockkonservativer Argumente kaum standhalten und erhält auch keine Unterstützung durch den Moderator.

In der aufgeheizten Stimmung nach der TV-Sendung erhält Ahmed Hunderte von E-Mails, in denen er aufs Gröbste beschimpft oder gar mit dem Tod bedroht wird. Er getraut sich tagelang nicht mehr, seine Wohnung zu verlassen. Keine bekannte Persönlichkeit wagt es, für die mutige junge Schwule Partei zu ergreifen und ihn moralisch zu stärken. In der Verzweiflung versucht Ahmed schließlich, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Nach der tunesischen Revolution hofften zahlreiche Angehörige von Minderheiten – so auch Schwule – auf mehr Freiheiten. Sie wurden bald eines Besseren belehrt. So geriet etwa das neu herausgegebene Schwulenmagazin „ Gayday „ ins Visier der islamistischen Regierung. Einen neuen Hoffnungsschimmer erblickten ein paar Schwule und Lesben in der 2014 verabschiedeten neuen Verfassung, garantiert sie doch individuelle Freiheitsrechte. Im Mai 2015 gründeten sie «Shams» und reichten bei den Behörden ein Gesuch um eine offizielle Bewilligung ein. Diese wurde ihnen nach langem Hin und Her gewährt.

In der Zwischenzeit wurde aber klar, dass die neue Verfassung die Rechte sexueller Minderheiten in der Praxis in keiner Art und Weise garantierte. So wurden etwa 2015 sechs Studenten aus der Stadt Kairouan wegen «homosexueller Handlungen» zu langen Gefängnisstrafen und – man höre und staune – zu einer „Verbannung aus der Stadt Kairo wären drei Jahren“ verurteilt. Das Gericht stützte sich dabei auf den noch immer gültigen Artikel 230 des tunesischen Strafgesetzbuches, welcher «Sodomie» auch unter erwachsenen Personen unter Strafe stellt. Infolge heftiger Reaktionen aus dem In- und Ausland wurde das Urteil später auf einen Monat Haft und eine Geldstrafe reduziert.

Dass solches Vorgehen gegen Homosexuelle aber beileibe kein Bloß verfassungsrechtliches Problem ist, zeigte im Frühling dieses Jahres die Predigt eines Imams der südtunesischen Stadt Sfax, der offen dazu aufrief, der «Sodomie» überführte Männer mit dem Tod zu bestrafen. Dabei empfahl er, die Sünder von der Dachterrasse eines mehrstöckigen Hauses zu Stoßen und anschließend zu steinigen. Der betreffende Imam ist weiterhin im Amt.

Tradition der Bisexualität

Diese mittelalterlich anmutende Einstellung gegenüber Homosexuellen ist umso unverständlicher, als Tunesien wie auch der gesamte Maghreb eine uralte Tradition der gelebten Bi- und Homosexualität aufweisen. Dafür gibt es unzählige Belege; etwa Anleitungen zum erotischen Genuss, in denen meist auch ein Kapitel den «hübschen, bartlosen Jünglingen» gewidmet ist. Anders als im arabischen Osten, so schreiben Erdmute Heller und Hassouna Mosbahi in ihrem Werk «Hinter den Schleiern des Islam», stammten diese Werke im Maghreb nicht von Literaten, sondern «aus den Reihen des religiösen Establishments».

Von der weiten Verbreitung bi- und homosexueller Praktiken im Alltag zeugen auch unzählige Berichte europäischer Reisender und Diplomaten. Diese Praktiken waren demnach nicht nur unter Gottesmännern, Literaten und Künstlern, sondern in der Alltagskultur breiter Bevölkerungsschichten verankert und weitgehend toleriert. Nicht ohne Grund glaubten europäische Homosexuelle, die den Maghreb ab dem 19. Jahrhundert bereisten, in dieser Hinsicht geradezu paradiesische Gefilde vorzufinden.  Sind dies vor allem europäische Phantasien beziehungsweise Projektionen europäischer Homosexueller, welche die soziale Realität ausblenden? Ein Eldorado für Schwule war der Maghreb, wenn überhaupt, wohl nur für Europäer, nicht aber für einheimische Homosexuelle. Dennoch besteht kein Zweifel, dass Homosexualität in Nordafrika weit weniger unterdrückt wurde als in Europa bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Allerdings gab es im Maghreb nie emanzipierte, selbstbewusste Schwule wie heute in westlichen Ländern, und im Vordergrund stand stets die sexuelle Beziehung zu jüngeren Partnern.

Beobachter sind sich weitgehend einig, dass sich die Verhältnisse für Homosexuelle im Maghreb in den vergangenen Jahren aufgrund des stärker gewordenen Einflusses von Islamisten deutlich verschlechtert haben. Diese zwängen die Behörden dazu, vermehrt gegen «dekadente» und «unmoralische» Verhaltensweisen vorzugehen. Manche vertreten auch die Ansicht, dass Schwule unter Ben Ali deutlich besser geschützt waren als heute.

Ein offenes Gefängnis

Denn ganzen Artikel und mehr Informationen, einfach das Bild anklicken.


Gräueltat in Bagdad

Norbert Blech-Queer.de

Irak: Entsetzen über brutalen Mord an jungem Schauspieler

Karar Noshi könnte wegen seines Aussehens getötet worden sein, spekulieren Medien im In- und Ausland – manche vermuten die gezielte Tötung vermeintlicher Homosexueller als Motiv.

In irakischen Medien sorgt seit Tagen ein brutaler Mord an einem jungen Zivilisten für eine Debatte über den Einfluss gewalttätiger Milizen. Karar Noshi, Kunststudent, Model und Schauspieler, war am Wochenende in seiner Heimatstadt Bagdad getötet worden

Noshi, der auch für eine Satiresendung arbeitete, hatte auf Facebook tausende Follower, nachdem sich Bilder von ihm als Model verbreitet hatten. Er postete dort viele Bilder von sich, aber auch Aussagen zu einer modernen Gesellschaft im Einklang mit dem von ihm gelebten muslimischen Glauben. Auf Spott, er sei der "Schönheitskönig von Irak", antworte er, die wahren Schönheitskönige des Landes seien "alle jungen Männer, die mit all ihrer Ehre kämpfen, die Nation zu verteidigen".

Foto-m.20min.ch

Bekämpft weil er anders war

Entgegen manchen Medienberichten ist nichts über Noshis sexuelle Orientierung bekannt. Schlagzeilen, er habe sterben müssen, weil er "zu schwul" ausgesehen habe, entstanden zuerst in ausländischen Medien. Abwegig ist der Gedanke allerdings auch nicht.

So äußerten Freunde des Mannes durchaus, dass er wegen seines ungewöhnlichen und modischen Aussehens ermordet worden sein könnte. Zuletzt sei er in sozialen Netzwerken heftigst angegriffen und bedroht worden, auch weil das Gerücht auftauchte, er würde an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen – was er abgestritten hatte.

Die zahlreichen Bilder auf Facebook zeigten seine Arbeit vor der Kamera, auf die er stolz sei, schrieb Noshi auf Facebook. "Ich schätze meine persönliche Freiheit, mir ein einzigartiges äußeres Erscheinungsbild zu schaffen. Ich schweige zu den den schimpfenden Reaktionen, die zweifellos das Niveau ihrer Autoren widerspiegeln."

Homo- und Transsexuelle seit Jahren auf Todeslisten von Milizen

Irakische Medien und Freunde des Schauspielers vermuten, dass er von lokalen schiitischen Milizen ermordet wurde – nicht vom "Islamischen Staat", wie vor allem einige deutsche Boulevardmedien behaupteten, sondern von Gruppen, mit denen die Regierung teilweise gegen den IS ankämpft. Die Terrororganisation hatte in den von ihr eingenommenen Gebieten im Irak und Syrien in den letzten Jahren dutzende Menschen wegen angeblicher Homosexualität getötet und oft Aufnahmen der Hinrichtungen verbreitet.

Allerdings hatten auch die Milizen im Irak seit 2006 Homo- und Transsexuelle ermordet, wobei sie das oft einfach an Kleidung oder Frisur der Opfer festmachten – 2012 machten so in vielen Medien Berichte über eine Mordwelle an "Emos" die Runde ,die wohl auch non-konforme Jugendliche traf, aber nach einer Untersuchung der BBC und von Menschenrechtsorganisationen wohl klar auf Homosexuelle und auch Transpersonen zielte. Opfer wurden teilweise gefoltert und zur Tötung von Hochhäusern gestürzt oder mit Betonsteinen erschlagen.

In Vierteln tauchten damals öffentliche "Todeslisten" auf mit Namen von Menschen, denen angeraten wurde, ihr Verhalten zu ändern – ansonsten müssten sie sterben. Neben fanatischen Milizen seien auch Polizei und Militär an den Säuberungen beteiligt gewesen, so die BBC. Die Organisation Human Rights Watch vermutet, dass nach einer ähnlichen Flugblätter-Kampagne im Jahr 2009 bis zu mehrere hundert Schwule ermordet wurden.

Noch heute komme es zu solchen Morden, berichtet die von einem aus dem Irak nach Schweden geflohenen Aktivisten gegründete Organisation IraQueer. Im Januar seien sieben Menschen aus mutmaßlich ähnlichen Gründen wie Karar getötet worden, sagte Amir Ashour dem US-Magazin "Daily Beast". Gerüchten zufolge hätten sie auf einer "Todesliste" mit 100 Namen gestanden.

Die Probleme der LGBT-Community würden mit dem Fall des "Islamischen Staates" nicht enden, befürchtet Ashour: "Der größte Gegner von LGBT ist die Regierung selbst. Sie bieten uns nicht nur keinen Schutz, sondern sie beteiligen sich an der Verletzung unserer Rechte." Der Staat arbeite mit mörderischen Milizen zusammen und unternehme keine Schritte, Menschen zur Verantwortung zu ziehen, die Homo- und Transsexuelle töteten.

Angela Merkel wird die Rechte von LGBT* beim G20-Gifpel nicht ansprechen!

In vielen G20-Ländern werden LGBT* verfolgt, gefoltert und getötet. Trotzdem will Angela Merkel die Menschenrechte nach nicht ansprechen.

BuzzFeed News - Juliane Löffler

Angela Merkel wird die Rechte von Schwulen und Lesben in anderen Ländern nicht zum Thema beim G20-Gipfel machen. "LGBT-Rechte sind nicht explizit Teil der Gipfelagenda", schrieb ein Regierungssprecher auf Anfrage von BuzzFeed News. Bundespolitiker und Aktivisten fordern von Merkel jedoch, genau das zu tun. Denn in vielen G20-Ländern werden LGBT* verfolgt oder sogar getötet.

"Wenn man Klimafragen verhandelt, gemeinsame Wirtschaftspolitik oder Friedenspolitik, ist es genauso wichtig, dass man auch die Menschenrechte mitverhandelt", sagte der queerpolitische Sprecher der SPD, Johannes Kahrs, im Telefonat mit BuzzFeed News. "Dafür ist der G20-Gipfel da." Auch Vertreter von Linken und FDP erwarten von Merkel eine klare Ansprache der Länder, welche die Rechte von LGBT* einschränken.

In vielen der G20-Länder werden LGBT* von der Regierung diskriminiert und verfolgt. In Saudi-Arabien werden queere Menschen mit dem Tode bestraft, auch in Indien, China, Russland, Indonesien und der Türkei sind LGBT* verboten oder werden streng sanktioniert.

Wie Homosexuelle weltweit verfolgt werden, wurde in den vergangen zwei Monaten mehrfach deutlich. In Tschetschenien sorgte systematische Verfolgung, Verhaftung und Folter weltweit für Aufsehen. Angela Merkel ermahnte Russland Präsidenten Wladimir Putin deshalb bei einem Treffen in Sochi Anfang Mai. Vor wenigen Wochen wurden außerdem Videos aus Indonesien veröffentlicht, in denen zwei Männer wegen ihrer Homosexualität eine öffentliche Folterstrafe von je 85 Stockhieben ertragen mussten.

Erst Ende Juni verboten die türkischen Behörden die jährliche Gay Pride in Istanbul zum dritten Jahr in Folge. Als am 25. Juni trotzdem Aktivist*innen zusammenkamen, um zu demonstrieren, setzte die Polizei Gummigeschosse und Wasserwerfer ein und nahm  Berichten zufolge 30 Menschen fest, darunter auch Presse.

Minderheiten-Rechte sind in der Regel kein Thema auf dem G20-Gipfel, doch mit dem Beschluss für die Ehe für alle hat sich der deutsche Bundestag klar zu den Rechten von LGBT* bekannt. Die Bundesregierung will dies zumindest beim Gipfel selbst dennoch nicht zum Thema machen. "Die Themen möglicher bilateraler Gespräche der Bundeskanzlerin mit anderen Staats- und Regierungschefs können wir nicht vorwegnehmen", schrieb ein Regierungssprecher auf Anfrage.

Der queerpolitische Sprecher der SPD, Johannes Kahrs, hatte Angela Merkel schon bei der Abstimmung zur Ehe für alle in der vergangenen Woche vorgeworfen, sich nicht für die LGBT*-Gemeinschaft einzusetzen.

Europa-Staatsminister und SPD-Bundestagsmitglied Michael Roth nutzte den anstehenden Gipfel, um am Mittwoch erneut auf die Verfolgung Homosexueller in Tschetschenien hinzuweisen.

Sowohl Linkspartei als auch die FDP erwarten von Merkel bei G20 eine klare Positionierung für die Rechte von LGBT*. "Ich erwarte von der Bundeskanzlerin, dass sie die Wahrung und den Schutz der Menschenrechte für LGBTI* auf dem G20-Gipfel in Hamburg, vor allem gegenüber Erdogan, Putin und den Vertretern aus China, Indien und Saudi-Arabien thematisiert", schrieb Harald Petzold, Medien- und queerpolitischer Sprecher der Bundesfraktion die Linke, auf Anfrage von BuzzFeed News.

"Unterdrückung und Diskriminierung von Minderheiten sind stets Angriffe auf die Freiheit der gesamten Weltbevölkerung", schrieb die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Katja Suding in einer E-Mail an BuzzFeed News. "Deshalb müssen alle Länder angesprochen werden, die LGBTI-Rechte einschränken. Davon gibt es leider immer noch zu viele."

Auch Aktivisten wie der Lesben- und Schwulenverband LSVD fordern von Merkel mehr Einsatz für queere Menschen. "Der LSVD erwartet, dass Kanzlerin Merkel Präsident Putin erneut auf die Verfolgung von Homosexuellen in Tschetschenien anspricht und sich über den Stand der Ermittlungen durch die föderale Staatsanwaltschaft in Russland informiert", schrieb LSVD-Pressesprecher Markus Ulrich auf Anfrage von BuzzFeed News. "Merkel muss auf lückenlose Aufklärung der Vorkommnisse sowie die Strafverfolgung für Täter bestehen."

In Hamburg selbst organisiert sich die LGBT*-Gemeinschaft bei einem GAY20-Gipfel. Der Verein Hamburg Pride e.V. wird am Freitag eine Kundgebung abhalten. Dort sprechen unter anderem Volker Beck und eine Vertreterin des Istanbul Pride. Sie rechnen nicht damit, dass Merkel auf den Gipfelgesprächen LGBT*-Rechte ansprechen wird und wollen deshalb zivilgesellschaftlichen Druck aufbauen.

Weitere Infos und Live-Ticker einfach das Bild anklicken


Grundgesetz und gesellschaftlicher Wandel Das Ehegrundrecht muss mit der Zeit gehen

Frauke Brosius-Gersdorf und Hubertus Gersdorf -  Rechtswissenschaftler – Tagespiegel

Am 30. Juni 2017 hat der Deutsche Bundestag die Einführung der Ehe für alle durch Änderung des Zivilgesetzbuchs (BGB) beschlossen. Während die Ehe bislang im BGB nicht definiert war, lautet die vom Bundestag beschlossene Definition der Ehe nun: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen." Dadurch ist es auch gleichgeschlechtlichen Paaren möglich, zu heiraten.

Diese Einführung der Ehe für alle steht mit dem Grundgesetz in Einklang. Nach Art. 6 des Grundgesetzes stehen die Ehe und die Familie unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung, ohne dass sie dort definiert sind. Zwar dürfte der Verfassungsgeber als Ehe die Gemeinschaft von Mann und Frau vor Augen gehabt haben, weil zur damaligen Zeit gleichgeschlechtliche Beziehungen weder gesellschaftlich noch gesetzlich akzeptiert waren. Männliche Homosexualität war zur Zeit des Inkrafttretens des Grundgesetzes noch strafbewehrt. Jedoch ist der subjektive Wille des Verfassungsgebers dann nicht maßgeblich, wenn er sich nicht in der Norm, d.h. nicht objektiv niedergeschlagen hat. Dies gilt insbesondere für ein normgeprägtes Grundrecht wie das Ehegrundrecht.

Der subjektive Wille des Verfassungsgebers zur damaligen Zeit ist nicht maßgeblich.

Im Gegensatz zu natürlichen Freiheiten gibt es die Ehe im Naturzustand nicht. Ehe ist ein Rechtsinstitut, das vom Gesetzgeber erst geschaffen und ausgestaltet werden muss. Im Rahmen der Ausgestaltung des Ehegrundrechts ist der Gesetzgeber nicht an die Werte und Moralvorstellungen gebunden, die in der Geburtsstunde des Grundgesetzes herrschten. Vielmehr ist der Ausgestaltungsauftrag des Gesetzgebers dynamisch und entwicklungsoffen, d.h., offen auch für Veränderungen der gesellschaftlichen Anschauungen und Werte.

Im Rahmen der Ausgestaltung der Ehe sollte der Gesetzgeber für Veränderungen gesellschaftlicher Werte offen bleiben. 

Während früher die Strafbarkeit von Homosexualität für zulässig erachtet wurde, sieht man heute hierin einen Verstoß gegen die Menschenwürdegarantie des Grundgesetzes. Diesen Wandel darf der Gesetzgeber bei der Ausgestaltung normgeprägter Grundrechte wie des Ehegrundrechts berücksichtigen. Dies hat nichts mit einem Verfassungswandel, sondern mit der Offenheit der Verfassung für gesellschaftlichen Wandel zu tun, auf den der Gesetzgeber reagieren darf. Der Gesetzgeber nimmt insoweit ihm von der Verfassung eingeräumte Regelungsspielräume wahr. Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ist Ausdruck des Regelungsspielraums, den der Gesetzgeber beim normgeprägten Ehegrundrecht besitzt.  


Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ist Ausdruck des Regelungsspielraums, den der Gesetzgeber besitzt.

Gegen die verfassungsrechtliche Zulässigkeit der Ehe für alle spricht auch nicht, dass Art. 6 Grundgesetz Ehe und Familie „in einem Atemzug“ nennt. Die Ehe ist keine Vorstufe der Familie. „Wesensmerkmal“ der Ehe ist nicht die tatsächliche oder potenzielle Fortpflanzungsfähigkeit des Ehepaars. Andernfalls dürften hochbetagte Paare nicht heiraten. Vielmehr handelt es sich bei der Ehe „und“ der Familie in Art. 6 Grundgesetz um zwei verschiedene, voneinander entkoppelte Institute, denen jeweils unterschiedliche Funktionen zu eigen sind. Dementsprechend ist auch anerkannt, dass eine Familie keine Ehe voraussetzt. So bilden nicht verheiratete Paare mit Kind, Alleinerziehende mit Kind und gleichgeschlechtliche Paare mit (Adoptiv- oder Stief-)Kind nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts eine Familie. Ebenso wenig wie die Familie eine Ehe voraussetzt, ist die Ehe eine Vorstufe zur Familie.


Die Ehe ist keine Vorstufe zur Familie. 

Und ein letztes: Soweit das Bundesverfassungsgericht in einigen Entscheidungen die Ehe als Lebensgemeinschaft von Mann und Frau bezeichnet hat, hat es dies nicht im Kontext einer Ausgrenzung gleichgeschlechtlicher Paare getan. Das Bundesverfassungsgericht hat den Verfassungsbegriff der Ehe bislang nicht exklusiv als Verbindung von Mann und Frau gedeutet.

Die Ehe für alle wird einer Überprüfung durch das Bundesverfassungsgericht standhalten.

Fazit: Die Ehe für alle wird einer Überprüfung durch das Bundesverfassungsgericht standhalten. Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare durch den Gesetzgeber nimmt einen gesellschaftlichen Wertewandel auf. Hierzu war der Gesetzgeber berechtigt, weil das Ehegrundrecht ein normgeprägtes Grundrecht ist, bei dessen Ausgestaltung der Gesetzgeber einen weiten Spielraum hat.


Teil der „ HOMO-Heiler „ – Szene??? – Mitteldeutschland - MZ

Jugendamt legt im Fall des Vereins „ LEO „ nach !

Bennungen - Mitteldeutschland

Hat der Verein für Lebensorientierung („Leo“) Homosexualität als Krankheit eingeordnet und sie gar versucht zu heilen? Diese Vorwürfe stehen seit einiger Zeit im Raum.

Kann der Verein für Lebensorientierung („Leo“) aus der freien Trägerschaft in der Jugendhilfe ausgeschlossen werden?

Um sie zu klären, hat nun das Jugendamt des Landkreises Mansfeld-Südharz Anfang Juni erneut einen Fragenkatalog an die Verantwortlichen von „Leo“ geschickt. Dadurch will der Jugendhilfeausschuss überprüfen, ob „Leo“ erneut aus der freien Trägerschaft in der Jugendhilfe ausgeschlossen werden kann. „Ich hoffe, dass die Antworten konkret genug sind, dass sie einen zweiten Ausschluss von ,Leo’ rechtfertigen“, sagt Markus Kowalski, Autor des Blogs „Leo Watch“, der sich mit einer möglichen Homophobie von „Leo“ beschäftigt.

Bereits im Dezember hatte der Jugendhilfe-Ausschuss des Landkreises gefordert, einen erneuten Ausschluss von „Leo“ aus der freien Trägerschaft zu prüfen, weil die Enthüllungen zur versuchten „Homo-Heilung“ nach wie vor im Raum stehen. Doch es kam nur zu einer allgemeinen schriftlichen Anfrage.

Nach dem MZ-Bericht und der Veröffentlichung auf Kowalskis Blog bohrt das Jugendamt nun doch nach - diesmal nicht nur an den Vereinsvorsitzenden, sondern an alle Mitglieder des Vorstands persönlich. Die Fragen beziehen sich nun konkret auf den Verdacht, dass Mitglieder und Verantwortliche von „Leo“ diskriminierende Angebote zur „Heilung“ von Homosexualität machen. Fragen wie „Halten Sie als Mitglied des Vorstandes Homosexualität für eine Krankheit?“ oder „Bietet oder bot ,Leo’ sogenannte Konversations- und Reparativtherapien an?“, müssen mit Ja oder Nein angekreuzt werden. Es gibt aber auch offene Fragen wie „Halten Sie die Sexualität eines Menschen für veränderbar, wenn ja, dann wie?“

Insgesamt zehn Fragen sollen bis zum 10. Juli beantwortet werden. Auf Basis der Antworten will der Jugendhilfeausschuss im August über die Rechtmäßigkeit eines zweiten Ausschlusses entscheiden. „Die Antworten sind auch schon eingegangen“, sagt Landkreis-Sprecherin Michaela Heilek. „Die Prüfung dauert allerdings noch an.“

Foto - Instagram

Fernsehbericht deckt auf: Zweiter Vorsitzender Stephan Brückner bietet Konversationstherapien an

„Ich dränge natürlich auf einen zweiten Ausschluss“, sagt Kowalski, der das Thema schon seit dem Jahr 2014 begleitet. „Nach allen Informationen, die mir vorliegen, könnte das auch klappen.“ Die Fragen seien allerdings schon so konkret, dass er optimistisch sei, dass die Wahrheit ans Licht gerate, sagt Kowalski. „Allerdings muss auch ein politischer Wille sichtbar sein“, fügt er an. Kowalski fühlt sich in seinem Engagement bestätigt, seit in einem Fernsehbeitrag nachgewiesen wurde, dass auch Stephan Brückner, Arzt und zweiter Vorsitzender des „Leo“, so genannte Konversationstherapien anbietet. Sie widersprechen all dem, was der aktuelle Stand der Wissenschaft zum Thema Homosexualität ist. „Diese Enthüllung zeigt, dass es eben nicht nur Bernhard Ritter ist, der diese Pseudo-Methoden anbietet, sondern dass sich bei „Leo“ weitere Leute als Anhänger dieser unwissenschaftlichen Praktiken versammeln“, sagte Kowalski bereits im Mai.

Bereits 2014 hatte der Jugendhilfeausschuss den Verein ausgeschlossen. Das allerdings hatte das Verwaltungsgericht in Halle revidiert. Unter anderem hatten die Richter die vorgelegte Begründung als nicht ausreichend erachtet. Im vergangenen Jahr verzichtete man auf eine Berufung gegen dieses Urteil, wonach „Leo“ wieder ein Träger der Jugendhilfe sein darf. Man fühlte sich unzureichend vorbereitet. (mz)


Staatliche Homophobie

China ordnet Zensur von Homosexualität im Internet an

Die kommunistische Regierung des Landes verbietet die Darstellung von gleichgeschlechtlicher Liebe in Online-Videos.

China hat am Freitag angeordnet, dass alle der in der Volksrepublik zugänglichen Online-Videos keine "abnormalen" sexuellen Aktivitäten mehr behandeln dürfen, was auch jegliche Darstellung von Homosexualität oder gleichgeschlechtlichen Beziehungen beinhaltet. Das berichtet die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Als "abnormal" gelten neben Homosexualität auch Inzest und sexuelle Gewalt.

Das Verbot ist Teil von strengen Auflagen bei audiovisuellem Online-Material, die vom staatlich kontrollierten Verband der Internetindustrie (CNSA) erlassen wurden. Nach Xinhua-Angaben müssten alle Videos "politische und ästhetische Standards" erfüllen. Chinesische Firmen werden zudem aufgefordert, "sozialistische Werte und die chinesische Kultur zu fördern".

Die Bestimmungen enthalten eine lange Liste von verbotenen Themen. Dazu gehöre alles, was dem "nationalen Interesse" schade, "revolutionäre Anführer" kritisiere, "religiösen Extremismus" fördere oder pornografisch sei. Auch die positive Darstellung von Gewalt, Mord, Glücksspiel, Drogen oder "Aberglaube" wie Reinkarnation sei untersagt. Zudem dürfe nichts gezeigt werden, was zur "leichtsinnigen und blinden Verehrung" von Prominenten verführe.

Foto - pinterest.de

"Mindestens drei Profi-Zensoren" pro Video notwendig

Um die umfassende Überwachung zu erreichen, müssten Video-Platformen in China jedes Video vor der Veröffentlichung von "mindestens drei Profi-Zensoren" bewerten lassen. Diese müssten laut den Vorschriften alle Videos von der ersten bis zur letzten Sekunde betrachten, bevor sie entscheiden könnten, ob die Videos ungekürzt online gehen dürften.

Li Yinhe, einer der bekanntesten Sexualwissenschaftlerinnen der Volksrepublik, kritisierte nach Angaben der britischen Zeitung "Independent" die neuen Vorschriften scharf. Diese verletzten das Recht von sexuellen Minderheiten, "ihre sexuelle Präferenz zum Ausdruck zu bringen", erklärte die 65-Jährige.

China bekämpft bereits seit längerem die Darstellung von Homosexualität im öffentlichen Leben. Im vergangenen Jahr war etwa die Darstellung von homosexuellen Beziehungen in fiktionalen Fernsehserien untersagt worden. Auch bei diesem Verbot wurde Homosexualität vom verantwortlichen Industrieverband in eine Reihe mit Inzest und sexueller Gewalt gestellt.

Die gleichgeschlechtliche Liebe gilt trotz mancher Liberalisierungstendenzen in den letzten Jahrzehnten in China noch immer als Tabu. Analverkehr zwischen Männern wurde zwar 1997 legalisiert, 2001 wurde Homosexualität außerdem von der Liste der Geisteskrankheiten gestrichen. Allerdings trauen sich die meisten Schwulen und Lesben nicht, sich zu outen. Laut einer Studie der Universität Peking halten mehr als 85 Prozent der Homosexuellen ihre sexuelle Orientierung vor ihren eigenen Familien geheim. Mehr als die Hälfte derjenigen, die sich geoutet haben, berichten von Diskriminierungen als Folge des Coming-outs. (dk – queer.de )


Hauptsache Liebe

Kommentar von Matthias Drobinski – SZ.de

Die Ehe für alle nimmt den heterosexuellen Ehen nichts und gibt den homosexuellen Paaren alles. Eines Tages wird man staunen, dass man das je anders gesehen hat.

Es erstaunt, welchen Wert hierzulande die Ehe hat, im Zeitalter der Vorläufigkeit und Bindungsangst. Mehr als 400 000 werden pro Jahr in Deutschland geschlossen, Tendenz steigend. Und die Hälfte davon hält ein Leben lang, trotz aller Krisen, Verteilungskämpfe, Gesichtsfalten und Sex-Debatten, obwohl Kinder ins Leben brechen und es irgendwo immer einen attraktiveren Partner geben könnte.

Homosexuellenverbände und Politiker wie Volker Beck haben quasi ein Leben lang dafür gekämpft, dass diese Ehe auch Schwulen und Lesben offensteht, eine Ehe mit allen Rechten, Pflichten, Himmelsahnungen und Katastrophen - die spätpubertäre These vieler Linker widerlegend, dass dies alles doch nur ein spießbürgerliches Relikt sei. Die Ehe hat wahrlich schon schlechtere Zeiten erlebt.

Foto - SZ.online.de

Nun ist, nach einer denkwürdigen Parlamentswoche, tatsächlich der Tag gekommen, an dem sich diese Ehe auch Schwulen und Lesben geöffnet hat. Es war, gemessen an der historischen Bedeutung des Schrittes, ein eher banaler Vorgang. Es brauchte eine taktische Panne der Kanzlerin und eine SPD, die den Kairos, den Gott der Gelegenheit, am Haarschopf ergriff .Es gab am Freitag um acht Uhr nur 45 Minuten Debatte, in der zum Glück Polemik und Häme weitgehend fehlten. Dann die Abstimmung: Auch 75 Abgeordnete der Union waren dafür, , die Sache war beschlossen.

Deutsche Kirchen reagieren zurückhaltend

Das entspricht der Stimmung im Land, wo die Ehe für alle weithin als überfällig angesehen wird und allenfalls das Tempo der Entscheidung und ihre Nähe zur Bundestagswahl Stirnrunzeln erzeugt. Der Protest dagegen war leise geblieben und trug manchmal resignative Züge.

Die Evangelische Kirche in Deutschland erklärt nun, dass die Ehe für alle den heterosexuellen Paaren nichts wegnehme, sondern vielmehr die Ehe insgesamt stärke. Nur die katholische Kirche besteht darauf, dass eine Ehe die auf Dauer ausgelegte und für Kinder offene Verbindung von Mann und Frau ist. Doch auch hier blieb die Wortwahl vorsichtig. In Spanien oder Frankreich haben katholische Bischöfe zu Massendemos gegen die Ehe für Schwule und Lesben aufgerufen - in Deutschland erscheint das undenkbar.

Jener Teil des Konservatismus, der hinter der Ehe für alle den ultimativen Durchbruch des Gender-Wahnsinns sieht, mag das als feige empfinden und sich nach jener gar nicht so fernen Zeit zurücksehnen, da Papst Benedikt XVI. die Homo-Ehe als "Zerstörung von Gottes Werk" bezeichnete. Der Grund für die Zurückhaltung liegt aber tiefer: Auch viele tief katholische Menschen akzeptieren nicht mehr, dass Homosexualität der Natur des Menschen widersprechen und dass deshalb die Lebenspartnerschaft von Schwulen und Lesben einen unaufhebbaren Makel haben soll - egal, wie sehr sich die Partner lieben und achten. Und ebenso wenig glauben viele tief katholische Menschen noch, dass Gottes gute Schöpfung ausgerechnet daran zugrunde gehen soll, dass sich in Deutschland pro Jahr ein paar Tausend schwule und lesbische Paare das Jawort fürs Leben geben.

Das ist nicht der Aufbruch ins Zeitalter der Beliebigkeit. Die Ehe für alle zeigt aber, wie sehr sich im Bereich von Ehe und Familie, Kinderkriegen und Kindererziehen das Verhältnis von Naturrechtsdenken und Sozialethik verschoben hat. Als dem Wesen des Menschen gemäß erscheint mittlerweile, dass er nach verlässlicher Partnerschaft strebt und dass Kinder dort in Liebe und Sicherheit aufwachsen. Dass sich Mann und Frau verbinden und Kinder zeugen, gilt zwar als Normalfall, aber nur noch als eine von mehreren Möglichkeiten, eine Ehe zu leben.

Deshalb ist es gut, dass es nun ein Gesetz gibt, dass diesem Wandel Rechnung trägt. Es nimmt den heterosexuellen Ehen nichts und gibt den homosexuellen Paaren endlich die volle Anerkennung ihres Jaworts zueinander. Wahrscheinlich wird man sich einmal wundern, dass man das je anders gesehen hat - so wie man heutzutage staunt, dass Frauen einst ihren Mann um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten.

Die Abgrenzungsdebatten sind noch lange nicht vorbei

Die Zweifelsfälle des Zusammenlebens werden allerdings nicht verschwinden. Die Ehe für alle ist eben nicht für alle, sondern auf Zweierbeziehungen nicht verwandter Menschen begrenzt. Die Fragen werden kommen: Warum soll nicht das Brüderpaar heiraten und sich um adoptierte Kinder kümmern? Warum nicht die beiden lesbischen Frauen und der Mann, der biologischer Vater ihres Kindes ist - und wenn ja, warum nicht der Muslim und seine beiden Frauen?

Die Abgrenzungsdebatten und die Frage, was denn nun die Natur der Ehe ist, wird auch die "Ehe für alle" nicht loswerden. Es werden sich die Debatten verschärfen, die schon jetzt ums Kinderkriegen jenseits der natürlichen Zeugung kreisen: Ist es gut, um jeden Preis ein Kind zu wollen, per Adoption auf grauen Wegen, über die Qual der künstlichen Befruchtung, indem sich ein reiches schwules Paar eine arme Leihmutter aus Indien besorgt?

Verfassungsgericht soll Ehe für alle prüfen

Vielfältige Gesellschaften sind komplizierte Gesellschaften, auch daher rührt das Unbehagen mancher Menschen an der Ehe für alle. Man sollte dies nicht einfach als reaktionär abtun. Und ja, es sollte auch das Verfassungsgericht die Ehe für alle prüfen; schon allein um der Rechtssicherheit willen, die solche Verbindungen brauchen.

Vor allem aber wird sich verstärkt zeigen: Je weniger der Staat definieren kann, was die Ehe ist, umso stärker wird die Leere spürbar sein, die dieser Rückzug bewirkt. Seit 40 Jahren  maßt sich der Gesetzgeber nicht mehr an, den Schuldigen an einer Trennung zu benennen; nun verzichtet er darauf, die sexuelle Orientierung zum Kriterium dafür zu nehmen, ob zwei Menschen heiraten dürfen oder nicht.

Er beschränkt sich nun darauf, einen Rechtsrahmen zu setzen, der die Finanzen klärt, den Schwächeren vor dem Stärkeren schützt und Regeln fürs Auseinandergehen aufstellt. Der Staat kann diesen Rahmen im Grunde gar nicht füllen. Seine Repräsentanten können von Treue, Verlässlichkeit und dem "Ja" zum Kind reden. Sie können dies alles weder verlangen noch produzieren. Den Rahmen füllen müssen andere. Vor allem: die Eheleute selber - egal, ob homo- oder heterosexuell.


Störfeuer von Union und AfD - (mize – Queer.de)

Ehe für alle: Innenminister sieht „massive Probleme“ bei Umsetzung

Immer mehr Politiker von CDU/CSU wollen gegen die Eheöffnung klagen. Die AfD will auch nach Karlsruhe ziehen, kann's aber gar nicht. Ihr Kandidat Nicolaus Fest wettert gegen "Päderastie für alle".

Scheinheiliger geht's nicht: Unions-Fraktionschef Volker Kauder fürchtet bei einer Klage gegen die Ehe für alle vor dem Bundesverfassungsgericht eine Verunsicherung der Betroffenen. "Wir haben einen unguten Schwebezustand", sagte der Gleichstellungsgegner der Nachrichtenagentur AFP. Schuld daran seien jedoch nicht etwa seine Kollegen aus CDU und CSU, die lautstark den Gang nach Karlruhe fordern, sondern SPD, Linke und Grüne. Die Befürworter der Ehe für alle hätten "eine breitere Debatte anstreben sollen, anstatt schnell einen recht unausgegorenen Gesetzentwurf mal eben schnell aus dem Rechtsausschuss zu holen".

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sieht Erfolgschancen bei einer Verfassungsklage gegen die Ehe für alle. Er habe im Bundestag gegen das Gesetz gestimmt, da aus seiner Sicht als Jurist dafür eine Änderung des Grundgesetzes nötig wäre, sagte er gegenüber der "Bild am Sonntag". Zudem sei die Ehe für ihn "eine Verbindung zwischen Mann und Frau".


Der Innenminister warnte zudem davor, dass das Gesetz "nicht ohne Weiteres umsetzbar" sei, weil eine Reihe von Folgeregelungen fehlten. So sei unklar, ob und wie eingetragene Lebenspartnerschaften in Ehen umgewandelt würden. "Es wird massive Probleme bei der Umsetzung geben, die man dann hinterher reparieren muss", prophezeite der CDU-Minister.

Panikmache und heiße Luft

Hinter dieser Warnung steckt jedoch entweder Panikmache – oder das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit. Das vom Bundestag beschlossene Gesetz ist in der Frage der Umwandlung eindeutig: "Eine Lebenspartnerschaft wird in eine Ehe umgewandelt, wenn zwei Lebenspartnerinnen oder Lebenspartner gegenseitig persönlich und bei gleichzeitiger Anwesenheit erklären, miteinander eine Ehe auf Lebenszeit führen zu wollen", heißt es darin. "Die Erklärungen können nicht unter einer Bedingung oder Zeitbestimmung abgegeben werden. Die Erklärungen werden wirksam, wenn sie vor dem Standesbeamten abgegeben werden." Das sollte sich doch organisieren lassen.

Die Stimmen in der Union, die eine Klage in Karlsruhe fordern, werden unterdessen immer lauter: Armin Schuster, Obmann der CDU im Innenausschuss, erklärte gegenüber der "Heilbronner Stimme", dass er diesen Schritt unterstütze: "Die Ehe aus Mann und Frau ist ein nicht dem Zeitgeist unterliegendes Institut mit Ewigkeitsgarantie, nur aus ihr entsteht neues Leben". Die Eheöffnung sei grundgesetzwidrig und bedürfe einer Verfassungsänderung, erklärte auch der Justiziar der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), der "Passauer Neuen Presse".

Bundesinnenminister Thomas de Maizière fühlt sich von der Umsetzung der Ehe für alle überfordert. Der CDU-Politiker stimmte im Bundestag gegen das Gesetz (Bild: Pressefoto)


Im Deutschlandfunk sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU): "Ich glaube auch angesichts einer festen Rechtsprechung des Verfassungsgerichtes bisher, dass Ehe eben die Verbindung von Mann und Frau ist – das ist verfassungsgerichtlich feste Rechtsprechung." Diese Auffassung sei auch "über viele Jahrhunderte in der europäischen, in der Menschheitsgeschichte völlig unbestritten selbstverständlich" gewesen.

Gegen die Ehe für alle klagen könnte ein Viertel der Mitglieder des Deutschen Bundestages oder eine Landesregierung. Eine entsprechende Normenkontrollklage in Karlsruhe müsste also beispielsweise von mindestens 158 Abgeordneten getragen werden – gegen die Ehe für alle stimmten 225 Unions-Politiker. Wahrscheinlicher erscheint eine Klage der bayerischen CSU-Alleinregierung. Von den 56 CSU-Abgeordneten im Bundestag stimmten nur sieben für die Ehe für alle.

Die Aussichten auf Erfolg einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wird von der Mehrheit der Staatsrechtler allerdings als gering eingeschätzt. Sie glauben nicht, dass Karlsruhe sich dem gesellschaftlichen Wandel widersetzt und sehen die Ausgestaltung des Rechtsinstituts der Ehe als Aufgabe des Gesetzgebers. Zudem erkannten die höchsten Richter bereits im Jahr 2008 gleichgeschlechtliche Ehen nach der Geschlechtsanpassung eines transsexuellen Partners an.

Auch die AfD will klagen – kann es aber gar nicht


Die Gleichstellung lesbischer und schwuler Paare möchte am liebsten auch die AfD in Karlsruhe kippen: "Wir prüfen derzeit eine Klage beim Bundesverfassungsgericht", erklärte Spitzenkandidat Alexander Gauland gegenüber der "Bild am Sonntag". "Ich bin für einen solchen Schritt. Die Ehe für alle bedeutet eine Wertebeliebigkeit, die unserer Gesellschaft schadet."

Da eine Normenkontrollklage aber nur von der Bundesregierung, einer Landesregierung oder einem Viertel der Mitglieder des Bundestages eingereicht werden kann, ist Gaulands Drohung nur heiße Luft. Selbst für eine individuelle Verfassungsbeschwerde müsste ein Kläger nachweisen, dass er durch die Ehe für alle in seinen eigenen Grundrechten verletzt wird – das dürfte schwierig werden.

Parallel überschlägt sich die homophobe Hetze aus der AfD in den sozialen Netzwerken: Nach AfD-Pressesprecher Christian Lüth, der Volker Beck auf Twitter mit einem Gorilla verheiraten wollte, legte AfD-Bundestagskandidat Nicolaus Fest in einem Youtube-Video nach. Das Adoptionsrecht für Lesben und Schwule nannte der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der "Bild am Sonntag" darin "Familie nachspielen" – und setzte die Ehe für alle mit "Päderastie für alle" gleich: "Vor allem jedoch für eine Gruppe ist die Ehe für alle super: Für Päderasten. Sie können sich zu Paaren zusammentun und Knaben adoptieren.


Reaktion auf Verfolgungswelle

Berlin nimmt fünf homosexuelle Tschetschenen auf

In Tschetschenien waren in den letzten Monaten über 100 Männer wegen angeblicher Homosexualität verschleppt und gefoltert worden, einige starben

In Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt hat der Senat fünf Betroffenen ein humanitäres Visum erteilt.

Auf Grund der "massiven Verfolgungswelle von Homosexuellen in Tschetschenien" hat sich Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) bereit erklärt, fünf besonders Gefährdeten in einem besonderen Verfahren schnell und unbürokratisch in der Hauptstadt Schutz zu gewähren.

Wie die Senatsverwaltung in einer Stellungnahme erklärte, erfolge die Aufnahme in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt aus dringenden humanitären Gründen. Zu der Entscheidung sagte Innensenator Andreas Geisel: "Diese Menschen wurden allein auf Grund ihrer sexuellen Orientierung auf besonders grausame Weise verfolgt, erpresst und misshandelt. Ich möchte mit der Aufnahme ein aktives Zeichen gegen Homophobie und Folter setzen. Ich bin zuversichtlich, dass die Tschetschenen in unserer Stadt die nötige Unterstützung und Betreuung bekommen, die sie benötigen."

Grundlage für die Aufnahme der fünf Personen aus Tschetschenien ist § 22 Satz 1 Aufenthaltsgesetz. Demnach kann einer Ausländerin oder einem Ausländer für die Aufnahme aus dem Ausland aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden.


Mehrere EU-Staaten halfen bei der Flucht

Im Juni hatte Deutschland den ersten Mann aufgenommen, der vor der Verfolgung in der autonomen Teilrepublik geflohen war. Auch dieser Aufnahme waren ausführliche Gespräche in der russischen Botschaft in Moskau in Zusammenarbeit mit dem russischen LGBT Network voraus gegangen. Auch andere Länder, überwiegend aus der EU wie Frankreich und Litauen sowie einige nicht öffentlich genannte, hatten so Betroffenen geholfen – in einem leicht bürokratischen, aber auch seltenen Verfahren.

Das LGBT Network konnte über 50 Menschen bei der Flucht aus der Region helfen und teilweise in Notunterkünften unterbringen. Der Verband versucht, die Männer ins Ausland zu vermitteln – die Gefahr, ansonsten durch Verwandte oder Behörden weiter verfolgt zu werden, sei groß, gerade weil etwa für die Aufnahme einer Arbeit die neue Adresse nach Grosny gemeldet würde.

Die Dunkelziffer der Betroffenen und privat Geflüchteten dürfte höher liegen – sie könnten auch privat auf andere Wege versuchen, in ein EU-Land zu kommen, um dort einen Asylantrag zu stellen. Bereits in den letzten Jahren hatte mehrere LGBTI-Flüchtlinge aus Tschetschenien wie aus Russland in Deutschland Anträge gestellt – einige von ihnen wurden inzwischen anerkannt, einige auch abgelehnt.

Im Frühjahr war bekannt geworden, dass in Tschetschenien über 100 Männer wegen des Verdachts der Homosexualität in mehrere inoffizielle Gefängnisse verschleppt und dort gefoltert worden sind, um die Namen weiterer Schwule preiszugeben. Einige Menschen starben dabei oder wurden später durch Verwandte getötet.


Homophobie – Deutsche Welle

Homosexuelle aus Balkan-Ländern: "In Deutschland haben wir keine Angst"

Auf dem Balkan gehört die Angst vor Gewalt und Diskriminierung für Angehörige der LGBTI-Gemeinschaft zum Alltag. Homosexuelle Paare halten ihr Liebesleben geheim. Haris und Lazar haben sogar ihre Heimatländer verlassen.

Haris und Lazar (Namen von der Redaktion geändert) sind seit zweieinhalb Jahren zusammen. Früher lebte einer in Sarajevo und der andere in Belgrad. In Bosnien-Herzegowina und Serbien mussten sie ihre Beziehung verstecken. "Würden unsere Familien davon erfahren, wären wir dort eine Schande für sie", erklärt Haris. Das war einer der Gründe, warum beide sich entschlossen haben, ihre Heimat zu verlassen.

"Von unseren Familien kam nie Unterstützung. Oft haben sie nebenbei gesagt, dass sie keinesfalls einen schwulen Sohn möchten. Für sie ist es noch immer am wichtigsten, was die Nachbarn über einen erzählen und denken", sagt der 25-jährige Haris. Wegen solcher Kommentare wagte er es nie, mit den Eltern über seine Homosexualität zu sprechen.

Ähnlich war es auch bei Lazar, und so beschlossen die beiden, nicht in einer Umgebung zu bleiben, in der sie nicht akzeptiert werden und ständig in Angst leben müssen. Vor einem Jahr zogen sie nach Frankfurt am Main.


Gewalttätige Übergriffe 

In Bosnien-Herzegowina wurde noch nie eine Gay Pride Parade organisiert. Selbst viele kleinere Veranstaltungen mit einem Queer-, Gay- oder LGBTI-Bezug (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle) wurden durch gewalttätige Übergriffe unterbrochen. Zum Beispiel ein Queer Festival in Sarajevo 2008, oder sechs Jahre später das Queer-Filmfest "Merlinka". Die mutmaßlichen Täter wurden zwar vorübergehend festgenommen, bald darauf aber wieder freigelassen. Zu einer Anklage kam es nie.

Als im Mai das Offene Zentrum Sarajevo (SOC), das sich für LGBTI-Rechte einsetzt, einen Marsch für Menschenrechte veranstalten wollte, scheiterte das Vorhaben an den Behörden. Sie stellten eine Genehmigung zu spät aus, so dass die erforderlichen Sicherheitsbestimmungen nicht erfüllt werden konnten. "Das erweckt den Eindruck, dass Homophobie und Transphobie in Bosnien toleriert werden", schreibt das SOC in einer Presseerklärung.

In Deutschland sind Haris und Lazar eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen

"Eltern misshandeln ihre homosexuellen Kinder" 

Dem "Pink Bericht" des SOC zufolge haben 2016 die Fälle von häuslicher Gewalt gegen LGBTI-Personen zugenommen. Auch an Schulen wird die Homophobie immer stärker. 

"Eltern misshandeln oft ihre homosexuellen Kinder - körperlich und seelisch. Sie schließen sie im Haus ein und versuchen, sie unter Zwang zu 'heilen', wie sie es nennen. Häufig sind auch die Geschwister daran beteiligt", sagt SOC-Geschäftsführerin Emina Bošnjak. An Schulen komme es zu Gewalt durch Mitschüler als Mittel zur Demütigung und Einschüchterung gegen alle, die sich nicht den traditionellen Gesellschaftsrollen anpassen: "LGBTI-Kinder und Jugendliche sind dementsprechend sehr oft Opfer von Homo- und Transphobie."

Gesetze werden nicht immer eingehalten

Solche Erfahrungen haben auch Lazar und Haris gemacht. Allerdings sei es für Homosexuelle in Serbien etwas leichter als in Bosnien-Herzegowina: "In Belgrad gibt es viele Gay Clubs, und auch die Gay Pride Parade findet dort statt, wenn auch nur mit einem großen Polizeiaufgebot", sagt Lazar.

In Serbien gelten Gesetze zum Schutz der Menschenrechte von LGBTI-Personen. Doch oft bleibe es nur bei "leeren Worten", kritisiert Jelena Vasiljević von der Organisation "Labris" in Belgrad, die sich für die Rechte von Lesben einsetzt.

"Trotz einer Homosexuellen an der Spitze der serbischen Regierung (der neuen Premierministerin Ana Brnabić) und trotz der geltenden Gesetze, die Diskriminierung und Gewalt verbieten, gibt es immer noch viele Fälle von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen, die ungeahndet bleiben", sagt Vasiljević.

Die LGBTI-Gemeinschaft lebt nicht auf einer Insel 

Weder in Serbien noch in Bosnien-Herzegowina gibt es bisher Gesetze, die gleichgeschlechtliche Ehen oder Lebenspartnerschaften ermöglichen. Allerdings erwartet man in Serbien viel von der neuen Regierung. "Wir hoffen, dass während der Amtszeit der neuen Premierministerin das Gesetz zur Einführung von eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften beschlossen wird und dass die serbische Regierung viel mehr auf die Probleme von LGBTI-Personen achtet", sagt Vasiljević.

In Bosnien-Herzegowina ist man davon allerdings noch weit entfernt: Das Thema ist noch gar nicht auf der Tagesordnung der Regierung. "Es gibt einige positive Veränderungen, aber es fehlt die Erkenntnis, dass die LGBTI-Gemeinschaft nicht auf einer Insel lebt, sondern in der Mitte der Gesellschaft. Sie braucht nicht nur Schutz vor Diskriminierung und Gewalt, sondern hat auch eigene Bedürfnisse in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und bei der Arbeit", sagt Emina Bošnjak.

Lazar und Haris haben nicht auf die volle Gleichberechtigung gewartet. Sie sind nach Deutschland gezogen und leben in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. "Hier können wir ohne Angst unsere Liebe auf der Straße zeigen, uns küssen oder an den Händen halten. Vielleicht können wir eines Tages sogar Kinder adoptieren", sagt Lazar, und wirkt dabei fröhlich. Allerdings mussten sie ihr Glück und ihre Sorglosigkeit mit dem Verlust der Heimat bezahlen. Und trotz allem wollen sie lieber anonym bleiben: Wegen ihrer Familien glauben sie, es sei immer noch zu riskant, sich öffentlich zu ihrer Homosexualität zu bekennen


"Ehe für alle"

Das müssen Sie zur homosexuellen Ehe in Deutschland und der Welt wissen

Bundeskanzlerin Merkel hat ihre Meinung zur Ehe für alle geändert. Eine Gleichstellung homosexueller Paare mit heterosexuellen scheint nun in greifbarer Nähe. Doch wie sieht überhaupt der aktuelle gesetzliche Stand in Deutschland aus und welche Regelungen gibt es dazu in anderen Ländern?

Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel stellt einen Kurswechsel zur "Ehe für alle" in Aussicht. Sie strebe eine Gewissensentscheidung im Bundestag an, ob Homosexuelle auch bei der Ehe völlig gleichgestellt werden sollen, sagte sie am Montagabend in Berlin. Zuvor hatten SPD, Grüne, Linke und FDPdie völlige Gleichstellung von homosexuellen bei der Ehe zur Bedingung für eine Koalition gemacht. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) beantwortet einige Fragen zum Thema gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, "Homo-Ehe" und "Ehe für alle".

Wie wird Homosexualität weltweit bewertet?

1990 beschloss die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten zu streichen. In vielen westlichen Ländern wurden bereits in den späten 60ern oder 70er Jahren die Paragrafen abgeschafft, laut denen Homosexualität strafbar war. Das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität ist zumindest in Westeuropa kein Tabu mehr. Trotzdem werden in vielen Ländern, zum Beispiel in Russland i, Schwule und Lesben weiter diskriminiert. In anderen Teilen der Welt gelten gleichgeschlechtliche Beziehungen immer noch als illegal, besonders in Afrika und in einigen arabischen Ländern.

Foto - Gruene.de

Wie sieht die rechtliche Situation homosexueller Partnerschaften in der EU aus?

In 14 EU-Ländern können Homosexuelle mittlerweile die Ehe eingehen. 1989 erlaubte Dänemark als erstes Land standesamtlich registrierte Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare. 2001 waren es die Niederlande, die als weltweit erster Staat die "Homo-Ehe" auf den Weg brachten. Zwei Jahre später folgten Belgien und Spanien, später Norwegen, Schweden, Portugal, Dänemark, Frankreich, Luxemburg, Slowenien und Großbritannien (mit Ausnahme von Nordirland).

2015 und 2016 erlaubten auch die katholisch geprägten Länder Irland (nach einer Volksabstimmung) und Italien die "Homo-Ehe"; dort gibt es allerdings Einschränkungen beim Adoptionsrecht. Als vorerst letztes Land folgte im März 2017 Finnland. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied 2016, dass die "Homo-Ehe" kein Menschenrecht sei. Staaten in Europa haben demnach das Recht, die Gleichstellung zu verweigern und die Ehe als exklusives Rechtsinstitut für Mann und Frau zu definieren.

Und was besagt das Recht in Deutschland?

2001 hat die rot-grüne Koalition für homosexuelle Paare die Möglichkeit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft durchgesetzt. Diese sichert ihnen ähnliche Rechte wie Heterosexuellen zu, zum Beispiel die Option auf einen gemeinsamen Namen oder bestimmte Versorgungsregelungen bei Trennung oder Tod. Wichtige Regelungen wie das Besuchsrecht in Krankenhäusern und das Aufenthaltsrecht für Nicht-Deutsche in binationalen Partnerschaften wurden eingeführt. Das Bundesverfassungsgericht forderte in den vergangenen Jahren in mehreren Urteilen eine steuerliche Gleichstellung, etwa die Gewährung des Familienzuschlags für verpartnerte Beamte sowie die Abschaffung von Ungleichheiten bei der Erbschafts- und Grunderwerbssteuer.

Wo bestehen weiter rechtliche Unterschiede zwischen Lebenspartnerschaft und Ehe?

Der größte Unterschied besteht beim Adoptionsrecht: Homosexuelle Lebenspartnerschaften können bislang nicht gemeinsam ein Kind adoptieren. Seit 2005 kann allerdings ein Partner leibliche Kinder des anderen annehmen; diese sogenannte Stiefkind Adoption ist der häufigste Fall bei Adoptionen. Seit 2014 haben eingetragene Lebenspartnerschaften auch das Recht auf eine Sukzessiv Adoption. Das heißt, sie dürfen nach einer bestimmten Frist ein Kind adoptieren, das einer der Partner bereits adoptiert hat.

Foto - Mainpost.de

Was hat die Bundesregierung bislang getan?

Im Koalitionsvertrag sprachen sich 2013 Union und SPD allgemein gegen eine Diskriminierung Homosexueller aus. Rechtliche Regelungen, die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften schlechter stellen, sollten in allen gesellschaftlichen Bereichen beseitigt werden. 2015 wurden in einem Gesetzentwurf von Justizminister Heiko Maas (SPD) in 23 verschiedenen Gesetzen und Verordnungen die Vorschriften für die Ehe auf Lebenspartnerschaften ausgedehnt. In den vergangenen Wochen machten SPD, Grüne, Linke und FDP die völlige Gleichstellung von homosexuellen bei der Ehe zur Bedingung für eine Koalition nach der Bundestagswahl.

Wie sehen die christlichen Kirchen allgemein gleichgeschlechtliche Paare?

Nach katholischem Verständnis ist die Ehe ein Sakrament, das nur zwischen einer Frau und einem Mann geschlossen werden kann. Auch eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare wird weithin abgelehnt. Die evangelische Kirche betont, dass die Segnung nicht mit der christlichen Trauung´ zu verwechseln sei. In einer Vielzahl der Landeskirchen sind Segnungen nach Genehmigung durch die Kirchengemeindeleitung und den Ortspastor möglich. Altkatholische Kirchen ermöglichen ebenfalls die Segnung der Paare.

Und warum ist die katholische Kirche gegen die "Ehe für alle"?

Der Familienbischof der Bischofskonferenz, der Berliner Erzbischof Heiner Koch, betont, eine "Ehe für alle" wäre ein Bruch mit einem Jahrhunderte alten Eheverständnis und würde eine qualitative Neuausrichtung des Begriffs Ehe bedeuten. Diese Position der Bischöfe sei "keinesfalls homophob motiviert", sagte Koch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Eine Unterscheidung zwischen Ehe und einem Rechtsinstitut für gleichgeschlechtliche Paare bedeute keine Diskriminierung, ganz im Gegenteil werde so "der Unterschiedlichkeit der Lebensformen adäquat Rechnung getragen".

Für die Kirche sei die Ehe die lebenslange Verbindung von einem Mann und einer Frau mit prinzipieller Offenheit für die Weitergabe von Leben. Eine Öffnung des Ehebegriffs könne eine Spaltung des Verständnisses von Ehe herbeiführen und "zu einer allgemeinen und nicht zuletzt rechtlichen Verwirrung" beitragen.


Gay Marriage Nears Legalization – Handelsblatt Global

A political showdown between German Chancellor Angela Merkel and her Social Democrat rival Martin Schulz has suddenly put legalizing same-sex marriage at the federal election's forefront. A vote could come Friday.

After years of lagging behind other Western nations in LGBT rights, Germany’s political scene has witnessed a sudden shift that could lead to same-sex marriage becoming legal in a matter of days, almost overnight.

Speaking on Monday evening, Chancellor Angela Merkel shocked the country by doubling back on her notoriously stalwart stance against marriage equality. “I would rather like to shift the discussion in a direction of a vote of conscience rather than imposing anything from the top,” she said.

A short but sweet statement – with the chancellor’s typical no-fuss attitude stamped all over it – caused a big commotion nonetheless. A vote of conscience, allowing lawmakers to cast ballots without toeing the party line, almost certainly guarantees the law would be passed – not just among opposition parties, which have proposal several unsuccessful gay marriage bills over the years, but also parliamentarians from Ms. Merkel’s own Christian Democratic Union who have long disagreed with their party’s say-so, such as openly gay members Jens Spahn and Stefan Kaufmann.

LGBT groups in Germany are in high spirits that reform could finally be on the political doorstep, with the hashtag #EheFuerAlle, or in English “MarriageForAll,” trending on Twitter.

Foto - ARD.de

Ms. Merkel’s comment was actually meant to be a small opening. Other CDU officials said she intended for a vote to come during the next legislative session, after federal elections in September. Yet with the cat out of the bag, others saw a unique opportunity: Many members of parliament are now demanding a vote be hurried through before the German parliament starts its summer recess at the end of this week, with the Social Democratic Party’s leader Martin Schulz vowing it will force the issue to a vote with opposition parties.

A vote is now expected on Friday, meaning gay marriage in Germany could be astonishingly legalized before Pride Month comes to a close.

It’s a stunningly quick turnabout. The CDU’s parliamentary secretary Volker Kauder said his party had been taken by surprise and called the move to a vote a “breach of trust” by the SPD, which is in a coalition government with Ms. Merkel. Yet Mr. Kauder acknowledged they could do nothing to stop it.  By the end of Tuesday, the CDU faction in parliament had no choice but to accept the vote as planned, and formally agree with Ms. Merkel that lawmakers will be allowed to vote their conscience.

The annual Christopher Street Day gay parade in Berlin could get a big reason to celebrate this year. Source: Getty Images    

 

For years, marriage equality has fallen to the wayside at the hands of Ms. Merkel and the power of the CDU, which has refused to stray from its conservative ideal of traditional family values. The chancellor herself voiced personal opposition to the idea more than once, famously in a televised debate where she said she had “difficulties” with gay marriage and the right for gay couples to adopt, and again in 2015 when she defined marriage as “coexistence between a man and a woman.”

Ms. Merkel, the daughter of a Lutheran pastor, said a “memorable experience” had contributed to her change of heart, a recent encounter with a lesbian couple caring for eight foster children in her Baltic coast electorate.............

Mehr zum Artikel- einfach die Bilder anklicken.


Ehe für alle Von den Grenzen der sexuellen Selbstbestimmung

Die "Ehe für alle" kommt. Doch die Debatte darüber hat gelehrt, dass es weniger um Liebe und Gleichberechtigung geht als um Macht und Konventionen. Ein Kommentar.

von Malte Lehming - Tagespiegel

Das war’s. Ende der Debatte. Die „Ehe für alle“ kommt. Angela Merkel überlässt das Thema der Gewissensentscheidung der Unions-Abgeordneten. Eine Mehrheit im Parlament ist sicher, und diese Mehrheit entspricht einer Mehrheit in der Bevölkerung. Also ist klar: Schwule und Lesben dürfen bald heiraten, mit allen Rechten und Pflichten. Sie dürfen laut und verbindlich Ja sagen zueinander – und zu einem gemeinsamen, lebenslangen Weg. Sie dürfen sich das Wort geben, das großen Mut verlangt, weil sich in einer Ehe zwei Menschen auf eine gemeinsame Zukunft festlegen, ohne Grundlage und Bedingungen dieser Zukunft kennen zu können. Schon seltsam, dass ausgerechnet Konservative den Homosexuellen diese Möglichkeiten und Rechte lange Zeit verwehrten.

Foto-NTV.de

Der Weg zur vollen rechtlichen Gleichstellung war lang und bitter. Er begann mit Verbot, Verfolgung und Zwangskastrationen. Er setzt sich bis heute fort über aggressive Formen der Homophobie bis hin zu subtilen Diskriminierungen. Der Kampf dagegen hört nicht auf und bleibt von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Klar sollte auch sein, dass die „Ehe für alle“ das volle Adoptionsrecht einschließen muss. Adoptivkinder sind Wunschkinder. Ihnen wird in aller Regel extrem viel Liebe, Hinwendung und Fürsorge entgegengebracht. Studien belegen, dass das auch für homosexuelle Paare gilt. Das Wohl des Kindes hängt nicht davon ab, dass dessen Eltern unterschiedlichen Geschlechts sind.#

Was aber ist die „EHE für alle“ ? Es sind damit durchaus ja nicht all jene gemeint, die einander aufrichtig lieben und deren Liebe keinen anderen Menschen schädigt. Das volle Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Eheschließung beschränkt sich nach wie vor auf zwei erwachsene Personen. Polyamorös lebenden Menschen, die eine Mehrfachehe eingehen wollen, wird dies ebenso verweigert wie Verwandten in gerader Linie. Eltern und Großeltern dürfen keinen Sex mit Kindern und Enkeln haben, selbst wenn diese volljährig sind. Leiblichen Geschwistern ist und bleibt der Geschlechtsverkehr ebenfalls verboten.

Bild-Toonpoll.com

Das Argument vom drohenden Dammbruch?!?

Darauf hinzuweisen, bedeutet nicht, das oft von Homo-Ehe-Gegnern bemühte Argument vom drohenden Dammbruch zu reaktivieren, nach dem Motto: Wenn erst die Homo-Ehe erlaubt ist, gibt es auch bald Inzest und Polygamie. Solche Ängste sind unbegründet. Die diesbezüglichen Tabus sind in Deutschland tief verankert. Als die saarländische Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer einst die Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie verglich, brach ein Entrüstungssturm über sie herein.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. In Frankreich, den Niederlanden, Japan, Spanien, Portugal und der Türkei etwa ist der Inzest nicht verboten. Auch der Deutsche Ethikrat plädiert für eine Entkriminalisierung. Denn es fällt schwer, rationale Gründe für ein Verbot zu finden, die mehr sind als bloße normative Setzungen. Das zweifellos erhöhte Risiko, erblich belastete Kinder zu zeugen, trifft auf viele Behinderte und Frauen über 40 ebenso zu, denen weder die Ehe noch das Recht auf Nachkommenschaft verwehrt wird. Warum dürfen die einen und die anderen nicht?

Bild - Schoenescheise.de

Warum muss die Ehe auf zwei erwachsene Menschen beschränkt bleiben?

Kaum mehr als eine heteronome Setzung ist auch der Ausschluss der Polygamie. Warum muss die Ehe auf zwei erwachsene Menschen beschränkt bleiben? Kann es nicht auch Fälle geben, in denen die Geliebte eines verheirateten Mannes (oder der Geliebte einer verheirateten Frau) innerhalb der Ehe rechtlich überhaupt erst abgesichert ist?

So steht womöglich am Ende der Debatte über die Homo-Ehe die Erkenntnis, dass es in Fragen der Ehe- und Sexualmoral weniger um Liebe, Autonomie und Gleichberechtigung geht als vielmehr um gesellschaftliche Machtverhältnisse, Konventionen und kulturelle Prägungen. Die Homo-Ehe zu befürworten, aber Inzest und Polygamie abzulehnen, ist eine Haltung, die zwar die ethisch akzeptierte Lebenswirklichkeit widerspiegelt, sich aber einer moralisch rationalen Letztbegründung entzieht.

Die Homo-Ehe gehört bald zur deutschen Leitkultur. Das ist gut und richtig. Zu dieser Leitkultur muss indes auch die Einsicht gehören, dass Tradition, Herkunft, Religion und Kultur eine normative Welt konstituieren, die zu verändern es eines sehr langen Atems bedarf. Sexuelle Selbstbestimmung ist kein absolut geltender Wert. Sie muss in eine Balance gebracht werden mit heteronomen Kategorien, die zum identitätsstiftenden Fundament einer Gesellschaft gehören. Nur dann kann Veränderung gelingen.


Juhu, im September kommt die Ehe für alle!

Jenny Kallenbrunnen – Stern.de

Mit der nächsten Bundesregierung kommt endlich die Ehe für alle! Schließlich haben das alle Parteien, die mit der CDU eine Koalition eingehen könnten, versprochen. Der Herbst wird dann also wohl die neue Hochzeitssaison für schwule, lesbische und bisexuelle Paare.

Liebe Liebespaare!

Ob schwul, ob lesbisch, ob bisexuell: Sind Sie bereit? Haben Sie schon Ihre Anzüge, Kleider, Caterer, Floristen, etwas Altes, Neues, Geliehenes, Blaues beisammen? Legen Sie los, allzu viel Zeit bleibt Ihnen ja nun nicht mehr. Mag jetzt gerade die Saison der schnöden heterosexuellen Hochzeiten sein - ab September ist Ihre Zeit! Dann gibt es die Ehe für alle endlich auch in Deutschland. Das haben die Spitzenkandidaten schließlich versprochen. Sie haben es doch auch gehört?

Mit der nächsten Bundesregierung kommt nun also tatsächlich die Ehe für alle - sofern die konservative CDU keine absolute Mehrheit erhält. Denn nach den Grünen haben nun auch SPD und FDP die Gleichstellung homosexueller zur Bedingung für eine Koalition festgelegt. Ob es also jetzt eine Koalition aus Rot, Grün, Gelb und nochmal Rot wird (das ist dann ja schon fast ein ganzer Regenbogen!) oder ob man doch noch die CDU an die Hand nehmen muss: Endlich Ehe für jeden, der will.


Zuerst hatten die Grünen auf ihrem Parteitag die vollständige Gleichstellung homosexueller Paare zur Voraussetzung für eine Regierung nach der Bundestagswahl mit egal wem erklärt. Auf dem Parteitag der SPD posaunte Kanzlerkandidat Martin Schulz dann: "Ich werde keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem die Ehe für alle nicht verankert ist." Und sogar Christian Lindner von der FDP will seiner Partei "empfehlen, die #Ehefüralle als Koalitionsbedingung für die Bundestagswahl festzuschreiben". Wollen wir hoffen, dass die Ehe der FDP dann doch mehr ist als ein Hashtag auf Twitter.

Prinzipien, die älter sind als die CDU selbst

Das bedeutet also, liebe Liebenden, dass entweder gleich bloß Parteien an die Macht kommen, die Sie rechtlich mit allen anderen Paaren gleichstellen oder die Union sich im Falle eines Wahlsiegs beugen muss, wenn sie mit jemandem regieren will (gut, mit der AfD koaliert ja ohnehin keiner): Sicher ist so oder so - die Ehe ist ab September also wirklich für alle.

Eine Koalition aus Rot, Grün, Gelb und nochmal Rot wird (das ist dann ja schon fast ein ganzer Regenbogen!) oder ob man doch noch die CDU an die Hand nehmen muss: Endlich Ehe für jeden, der will.

Und das obwohl CDU und CSU bislang zäh und verstaubt konservativ an Prinzipien festhalten, die viel älter sind als CDU und CSU selbst: Die Ehe von Mann und Frau steht unter besonderem Schutz - denn man könnte, wenn man wollte, ja das Kondom weglassen und ein Kind zeugen. "Eine sehr stabile Grundsatzposition" nennt CSU-Chef Horst Seehofer das. Das wird sich nun ändern müssen, wenn ab Herbst in Deutschland irgendjemand Deutschland regieren will. Die CDU plant keine klare Festlegung zur Ehe für alle in ihrem Wahlprogramm, wie es aus Parteikreisen heißt.

Ob dieses unverhandelbare Wahlversprechen der bunten Parteien neben der Union dann zur Verhandlungsmasse wird? Seehofer hat sich jedenfalls schon sehr enttäuscht zu den Forderungen von SPD, FDP und Grünen geäußert. "Wir werden uns jetzt mit der CDU in aller Ruhe unterhalten, wie wir mit diesen Äußerungen umgehen", sagte er am Montag. "Umgehen", sehr witzig, ein Januswort in diesem Kontext. Er bedauere die Forderungen sehr, da aus seiner Sicht so "höchstpersönliche Entscheidungen" nicht Teil einer Parteipolitik werden sollten. 

Na ja, Seehofer hat ja gut reden. Der hat ja schon zweimal geheiratet. Und die Tochter aus seiner außerehelichen Beziehung darf er adoptieren. Hauptsache, Sie sind vorbereitet.

Kommentar zu homophoben Anfeindungen

von Sebastian Goddemeier - Queer-Bild

Was ist dein Problem mit Homosexualität?

„Ich habe ja nichts gegen homosexuelle Paare, aber in der Öffentlichkeit muss das echt nicht sein.“ 

Das ist einer der Sätze, den ich nur allzu häufig auf sozialen Netzwerken lese und der mich jedes Mal zum Verzweifeln bringt. Denn es ist nicht nur ein einfacher Satz, diese Aneinanderreihung von Worten ist hochgradig homophob.

Was der User mir da eigentlich sagen möchte: Ich finde deine sexuelle Ausrichtung okay, so lange sie für mich nicht greifbar wird und somit nicht für mich existiert. Soll auch heißen: Nimm deinen Kerl und bleib‘ zu Hause! Sperr dich ein! Das hier ist mein Territorium, auf dem ich mich sicher fühlen möchte.

Letzten Endes ist meine sexuelle Orientierung für dich also doch nicht okay, oder?


Jetzt mal ehrlich: Wenn ich im Kino sitze und neben mir ein (in der Regel heterosexuelles) Pärchen sitzt und so wild ineinander verschwindet, dass der Speichel sich noch in den Reihen davor verteilt, ist das für mich unangenehm. Kein Entkommen.

Aber hey, das ist Liebe und das ist nun einmal Zuneigung. Also rege ich mich darüber auf? Sage ich den Leuten, dass sie doch bitte verschwinden mögen, da ich mich von so viel Heterosexualität gestört fühle? Nö. Ganz im Gegenteil: Ich akzeptiere die Situation und freue mich, dass sich zwei Menschen gefunden haben. Wollen wir das nicht alle?

Also frage ich mich, wo eigentlich das Problem ist, wenn mein Freund mich auf der Straße küsst oder meine Hand hält.

Klar, homosexuelle Paare gehören zu einer Minderheit. Wir leben immerhin in einer Hetero-Welt. Ich verstehe auch, dass man als geneigter Hetero in seinem Hetero-Fußball-ich-fahre-Opel-Prollo-Universum nicht so gut damit klarkommt, wenn man einen Mann auf einmal als Frau versteht.


Ein Gefallen für die CDU – Anja Maier / TAZ

Die FDP interessiert sich nicht für Minderheiten. Mit ihrer Schönwetterpolitik will sie als Koalitionspartner der CDU Regierungspartei werden.

Nein wirklich, man kann Christian Lindner keinen Vorwurf machen. Ist doch toll, dass der FDP-Vorsitzende die Ehe für alle wichtig findet. Er werde, hat er in einem WAZ-Interview gesagt, seiner Partei „empfehlen, die Ehe für alle als Koalitionsbedingung für die Bundestagswahl festzuschreiben“.

Nun ja, empfehlen ist nicht fordern, kann man einwenden. Aber es ist etwas anderes, das an Lindners Aussage stört: nämlich der interessengeleitete Umgang mit Minderheitenforderungen. Pünktlich vor Wahlen erinnern sich Politikerinnen gern an Forderungen benachteiligter Gruppen. Mal sind es die Alleinerziehenden. Dann wieder die Zuwanderer. Nun also die Schwulen und Lesben.


Grüne setzen sich hingegen schon lange für die Ehe für alle ein, etwa die ehemalige Hamburger Senatorin Krista Sager (rechts im Bild)


Ist doch gut, oder? Wann, wenn nicht in Wahlkampfzeiten, kann man die Politik inhaltlich festnageln? Ist leider nicht so gut. Fühlt sich nämlich blöd an. Angehörige von Minderheiten haben ein gutes Gedächtnis, warum in der Vergangenheit welche Partei erklärt hat, ihr Thema sei jetzt gerade so was von unwichtig. Das 2014 von der CDU in Aussicht gestellte Zuwanderungsgesetz etwa hätte in der Flüchtlingskrise Menschenleben retten können. Passiert ist nichts, obwohl die SPD mitregiert hat – man wollte die AfD- und Pegida-Anhänger nicht noch mehr reizen.

Nun also die Homo-Ehe. Klar ist: Sie wird kommen. Die gesellschaftliche Akzeptanz für gleichgeschlechtliche Paare ist riesig, und zwar in Stadt und Land. Hinzu kommt, dass Deutschland sich mit seiner geltenden Rechtslage international längst lächerlich macht. Auch Angela Merkel dürfte das mittlerweile klar sein.

Was als selbstbewusste Geste der FDP daherkommt, ist reine Wahlkampfpolitik

Was also als selbstbewusste Geste der FDP daherkommt, ist nichts weiter als Machtpolitik. Und Christian Lindner tut der Union sogar noch einen Gefallen. Im Falle einer Koalition mit den Liberalen könnte die argumentieren, vom Partner quasi gezwungen worden zu sein. Gleichberechtigung als Morgengabe – lesbische und schwule Paare muss diese Haltung schmerzen.


Warum die „Ehe für alle“ zum Hit im Wahlkampf werden kann - Walter Bau/WAZ

Kommt in Deutschland die Ehe für alle?!?

Die Einführung der Ehe für homosexuelle Paare erhitzt die Gemüter. Das heikle Thema könnte im Wahlkampf die CDU in Bedrängnis bringen.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow machte am Samstag per Twitter einen pfiffigen Vorschlag: Seine Partei solle doch in der nächsten Woche, bevor der Bundestag in die Sommerferien geht, noch schnell gemeinsam mit Grünen und Linkspartei die „Ehe für alle“ beschließen – mit der rot-rot-grünen Mehrheit der Mandate im Parlament rein rechnerisch machbar.

Foto - blu.fm

Bülow, der zum linken Flügel der SPD gehört und in dessen Heimat Dortmund die Sozialdemokraten an diesem Sonntag ihren Bundesparteitag abhalten, befeuert mit seinem provokativen Vorschlag eine Debatte, die in den letzten Tagen ohnehin mächtig an Dynamik gewonnen hat: Es geht um die Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Lebenspartnerschaften, kurz „Ehe für alle“.

Lindner will Ehe für alle zu Koalitionsbedingung machen

So preschte am Samstag FDP-Chef Christian Lindner mit der Ansage vor, die Liberalen würden die Einführung der „Ehe für alle“ zur Bedingung für eine künftige Regierungsbeteiligung im Bund machen. „Ich werde meiner Partei empfehlen, die Ehe für alle als Koalitionsbedingung für die Bundestagswahl festzuschreiben“ „Wenn Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, sollen sie auch gleiche Rechte haben – unabhängig vom Geschlecht.“

Seit 2001 können homosexuelle Paare in Deutschland eine eingetragene Partnerschaft eingehen. Sie ist aber mit der Ehe nicht vollständig gleichgestellt.

Foto - luzifer-lux-blogspot.com

Vor Lindner hatten sich bereits SPD, Grüne und Linke für die Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare ausgesprochen. Wo die Liebe hinfällt, muss die Liebe möglich sein“, hatte etwa Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt kürzlich auf der Bundesdelegiertenkonferenz ihrer Partei erklärt. Auch die Grünen sagen: Ohne „Ehe für alle“ kein Koalitionsvertrag.

CDU und CSU stehen bei dem Thema auf der Bremse

Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) appellierte an die Union, sich für die „Ehe für alle“ zu öffnen. Den Sozialdemokraten sei die „völlige Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Lebenspartnerschaften ein unglaublich wichtiges Anliegen“, sagte sie unserer Redaktion. Es sei unverständlich, dass die CDU das Projekt blockiere.

Tatsächlich stehen CDU und CSU im Bundestag bei dem Thema auf der Bremse. Zwar gibt es auch in der Union Befürworter der Gleichstellung – doch wie schwer sich viele Christdemokraten damit tun, verdeutlichte die Rede des CDU-Abgeordneten Stefan Kaufmann im vorigen Jahr im Parlament.

Er zeigte Verständnis für das Drängen der Befürworter, fügte aber an: „Sie müssen auch uns verstehen.“ Viele in der Union täten sich mit dem Gedanken schwer, „wir müssen noch Überzeugungsarbeit leisten“. Der mit einem Mann in eingetragener Partnerschaft lebende Katholik sprach von einer „wachsenden Offenheit“, „selbst in der katholischen Kirche“, jedenfalls in Deutschland. Aber eine Neufassung des Begriffs der Ehe falle eben „einer Partei mit C im Namen schwerer als einer, die sich betont atheistisch gibt“.

Foto - ftp.de

Kirche tut sich besonders schwer

Das „C“ im Namen macht es aber vielen Christdemokraten schwer. Vor allem für die katholische Kirche stellt die „Ehe für alle“ immer noch einen Bruch mit einem Jahrhunderte alten Eheverständnis dar, wie der Berliner Erzbischof Heiner Koch gerade erst der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagte. Er fügte hinzu, die deutschen Bischöfe betrachteten die Ehe als lebenslange Verbindung von einem Mann und einer Frau mit prinzipieller Offenheit für die Weitergabe von Leben. Diese Sicht sei „ganz im Sinne der Väter und Mütter des Grundgesetzes“.

Das Unerträgliche an deutschen Geschichtsdebatten

Kein Schritt vorwärts ohne zwei zurück - Leo Fischer über die Aufarbeitung der Geschichte

In dem Dialekt, in dessen Hörweite ich große Teile meiner Kindheit und Jugend verbringen musste, hat das Wort »aufarbeiten« eine hübsche Nebenbedeutung - nämlich: »durch häufigen oder unsachgemäßen Gebrauch ruinieren«. Leider hat es diese Nebenbedeutung nicht in die Hochsprache geschafft, sonst wären Aufsätze wie der Adornos zur »Aufarbeitung der Vergangenheit« noch einmal zu lesen, wäre die deutsche Geschichte auch vor den Ereignissen der vergangenen Woche als vollends aufgearbeitet zu betrachten.



Da verabschieden Union und SPD ein Gesetz zur Rehabilitierung all der Männer, die wegen des Naziparagrafen 175 als Schwule verfolgt wurden - und schafften es nicht, nicht auch noch in dieses Gesetz eine Prise urdeutscher Perfidie einfließen zu lassen. Rehabilitiert werden demnach nur solche Männer, die gleichgeschlechtliche Beziehungen zu Leuten über 16 Jahren hatten; das gesetzliche Schutzalter liegt jedoch nach wie vor bei 14 Jahren. So hat man den »Jugendschutz«, der seinerzeit zur Verteidigung des Paragrafen 175 angeführt wurde, als Argument zusammen mit den Schwulen rehabilitiert - Jugendliche müssen eben nach wie vor stärker vor den Homos geschützt werden als vor Ottonormalmissbraucher; dem Stammtisch, der Schwule schon immer als eigentlich pädophil erkannte, wurde so indirekt auch noch recht gegeben. Nicht rehabiliert hingegen werden diejenigen, gegen die lediglich Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden - als wären durch solche Verfahren weniger Karrieren, Familien, Lebensentwürfe ruiniert worden als durch Verurteilungen. Man kann eben hierzulande Unrecht nicht aufarbeiten, ohne auch den Opfern noch eine Kopfnuss mitzugeben.


Gleichzeitig gelingt es der SPD, die »Ehe für alle« einerseits in der Regierung zu torpedieren und gleichzeitig stolz als Wahlkampfversprechen zu führen. Alle Anträge über die »Ehe für alle« in der aktuellen Koalition wurden wieder und wieder vertagt - nicht etwa, weil die böse CDU das so wollte, sondern weil die SPD auf Stimmenfang gehen will bei jenen LGBT-Leuten, die dieses niederträchtige Manöver nicht durchschauen: Denn eben erst hat die Bundes-SPD versprochen, in den ersten 100 Tagen einer Kanzlerschaft Schulz die »Ehe für alle« einzuführen. Unter Merkel IV hingegen kann man das Ding dann ruhig auch wieder auf Eis legen, um weiter die CDU zu düpieren. Für solche Spielchen sind der SPD die Rechte der Bürger gerade gut genug; die Rechte derjenigen, die man vor noch nicht einmal 80 Jahren wegen ihres bisschen Andersseins zu Tode folterte; die Rechte derjenigen, die die russischen Busenfreunde der SPD in Tschetschenien gerade zu Freiwild erklärt haben.

Kopfnüsse für die, die dem deutschen Vernichtungswillen gerade noch entkommen sind, gab es diese Woche auch im Fernsehen. In einem beispiellosen Tiefpunkt der Mediengeschichte schaffte es der WDR, der zunächst die Antisemitismusdoku »Auserwählt und ausgegrenzt« unter den fadenscheinigsten Vorwürfen kassiert hatte, diese doch noch auszustrahlen; nicht jedoch, ohne in einer von vorn bis hinten unwürdigen Diskussion bei Maischberger über sie Tribunal zu halten. Da faselte Norbert Blüm über »Semiten«. Da gab es Experten, die muslimische Jugendliche keine KZ-Gedenkstätten besuchen lassen wollten, weil es sich ja um ein deutsches Problem handele. Da gab einen »Faktencheck«, der mit inquisitorischer Penetranz die Autoren des Films mit Unterstellungen konfrontierte, die schon auf rein kollegialer Ebene unerträglich waren.


Gaja hat zwei Papis und die finden: „ Das ist alles total normal

Zwei Männer bekommen eine Tochter und machen ihr Glück öffentlich. Denn sie wollen, dass über diese Familiensituation gesprochen wird. Und sie hoffen, dass es jene homosexuellen Paare mit Kinderwunsch nach ihnen einfacher haben werden.

Ciccio (37) und Raphael (36) sind vor einem halben Jahr Vater geworden. Und noch immer überwältigt. Das spiegelt sich in ihren Gesichtern wider, wenn sie ihre Tochter Gaia ansehen.

Die Berner Raphael (r.) und Ciccio mit ihrer Tochter Gaia, 6 Monate. - Fotos Fabienne Bühler


«Es ist Liebe pur. Schwierig, so ein Gefühl zu beschreiben», sagt Ciccio. Der Informatiker und der Flugbegleiter aus Bern sind zwei 15 Jahren ein Paar. Und dank einer Leihmutterschaft in den USA jetzt auch eine Familie. 

Die Männer tragen ihr Vaterglück bewusst nach aussen. Raphael: «Wir finden es wichtig, dass man über dieses Thema redet. Dass es Kinder gibt mit zwei Vätern oder zwei Müttern. Und dass das alles im Bereich des total Normalen ist.»

Ciccio gibt Gaia das Fläschchen: «Sie ist eine langsame Trinkerin.» - Fotos Fabienne Bühler


Kostenpunkt über " 100 000 Franken "

Gaia ist entstanden aus der Eizelle einer anonymen Spenderin und den Spermien von Ciccio. Eine Leihmutter aus den USA hat Gaia zur Welt gebracht, eine 37-jährige Krankenschwester. Kostenpunkt: über 100'000 Franken.

Für diesen Weg haben sich Raphael und Ciccio entschieden, weil homosexuelle Paare in der Schweiz keine Kinder adoptieren dürfen. Bewusst haben sie eine Frau aus den USA gewählt und nicht eine aus Indien oder der Ukraine: «Es gibt viele Frauen, die gezwungen werden, das zu machen. Und das unter prekären Verhältnissen machen. Wir wollten nicht das Leid einer Person ausnutzen», sagt Ciccio.

Die italienische Familie und der Kinderwunsch

Er war es, dessen Kinderwunsch stärker war. «Ich bin in einer italienischen Familie gross geworden, Familie war für mich sehr wichtig. Und als ich merkte, dass ich schwul bin, habe ich gedacht, das wird sicher funktionieren.»

Raphael hingegen hatte den Kinderwunsch abgelegt. «Das Coming-out hat für mich auch geheissen, dass ich keine Kinder haben werde.» «Ein Krampf» sei es gewesen, sich von diesem Gedanken zu verabschieden.

Der Weg zum Kind war für die beiden ein langer. Am Schluss ging dann alles ganz schnell: Gaia kam per Notkaiserschnitt zur Welt.

Ciccio und Raphael waren zur Geburt in die USA gereist. «Ein starkes Gefühl, es ist dein Kind, das auf die Welt kommt», Raphael ist noch heute sichtlich bewegt von diesen Momenten.

Ciccio: «Wenn zwei Väter einen Kinderwagen schieben, gucken die Leute.» - Fotos Fabienne Bühler


Die Frage nach der Mama wird kommen ?!?

"Gaias ersten Geburtstag feiert die Familie auch mit der Leihmutter. «Der Kontakt ist noch da», sagt Ciccio. «Und er wird auch in Zukunft da sein. Das ist auch wichtig für Gaia.» Raphael: «Die Frage nach dem Mami wird kommen. Und wir haben eine Antwort parat.»

Den Einwand, ein Kind brauche eine weibliche elterliche Komponente, lassen die beiden aber nicht gelten. Raphael: «Was machen denn alleinerziehende Eltern mit diesem Vorwurf? Zudem hat unsere Tochter viele Bezugspersonen, auch weibliche.»

Ein Geschwisterchen für Gaia wäre theoretisch geplant. Die Väter wünschen sich ein zweites Kind. «Aber das», sagt Ciccio, «ist eine finanzielle Frage.» (smo)



Geschlecht: X - Die Queer-Theorie

Janek Kronsteiner

Auf dem Personalausweis kann man zwischen zwei Geschlechtern wählen. Männlich und Weiblich natürlich. Aber reicht das an Auswahlmöglichkeiten. Das und andere Probleme untersucht die Queer-Theorie. Ob Gender, Sex oder Queer: Hier wird es erklär

Geschlecht: X (Janek Kronsteiner)

Männlich? Weiblich? X!

Bald könnte dieser kleine Buchstabe auf einigen Personalausweisen und Führerscheinen stehen. Der US-Bundesstaat Oregon hat das X als dritte Geschlechtskategorie eingeführt. Buchstabe steht für alle Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen. Darunter fallen auch Inter-Sex-Personen. Natürlich aber auch Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht. Dies gilt als großer Erfolg für Gruppen, die sich für diversere Geschlechtsbilder einsetzen.

Bild-blick.ch

Menschen, die sich außerhalb des monogamen hetero Spektrums bewegen nennen sich Queer. Der Name ist ein Sammelbegriff für LGBTIQA - Menschen. Also Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, intersexuell, asexuell oder eben queer identifizieren. Viele von ihnen versuchen die klassischen Geschlechtsbilder zu dekonstruieren. So auch die Künstlerin Heather Cassils. Für eine Kunstperformance versuchte sie ihren Körper dem eines Mannes anzugleichen. Nur durch Ernährung, Sport und einige Hormone. In einer Umfrage in der Fußgängerzone hatten viele Schwierigkeiten ihr ein Geschlecht zuzuordnen.

Bild-Paradisi.de

Auch in Leipzig setzen sich Menschen für eine neue Perspektive auf die Geschlechtskategorien ein. Die Hochschulgruppe Queerseitig ist eine Anlaufstelle für Queer-Personen an der Universität Leipzig. Sie organisieren regelmäßig offene Treffen und vernetzen sich so mit Menschen, die in ähnliche Erfahrungen machen wie sie. Viele haben eine ganz persönliche Geschlechtsidentität entwickelt.

Queer-Communities kämpfen schon lange für die Anerkennung von mehr als nur den zwei klassischen Geschlechtern. Wissenschaftlich fundiert wird das ganze von der sogenannten Queer-Theorie. Diese untersucht das Verhältnis zwischen Sex, Gender und sexueller Orientierung.


„ Ich werde euch töten“:Ich werde in Rußland bedroht und soll trotzdem abgeschoben werden. ( von Igor Powilowski)

Igor Popialkovskii und Pavel Tupikov sind vor drei Jahren aus Sankt Petersburg nach Bayern geflohen, weil Polizei und Nachbarn das schwule Paar drangsalierten. Doch trotz Todesdrohungen, Beschimpfungen und homophoben Gesetzen sollen sie Ende Juni nach Rußland abgeschoben werden - Popialkovskii befürchtet das Schlimm¬ste.

Ich hätte nicht glücklicher sein können, als ich Pavel vor fünf Jahren kennengelernt habe: Es war meine er¬ste fe¬ste Beziehung. Bereits nach zwei Monaten entschieden wir uns zusammen zu ziehen in eine kleine Wohnung im Zentrum von Sankt Petersburg. Die Einraumwohnung wurde von mir gemietet.


Anfangs gab es keine Probleme mit den Nachbarn. Das änderte sich schlagartig, als sie mitbekamen, daß wir ein Paar sind.

Zuerst wurden die Hausbewohner unfreundlich, dann aggressiv. Jemand schrieb "Schwuchtel" an unsere Tür. Ein paar Tage später wurde Pavel von einem Nachbarn verprügelt. Späte¬stens zu diesem Zeitpunkt fühlten wir uns nicht mehr sicher. Wir spürten täglich den Haß der anderen Bewohner.

Die russische Gesellschaft ist homophob

Doch umziehen? Unmöglich. In Rußland ist es quasi ausgeschlossen, als homosexuelles Paar gemeinsam eine Wohnung zu mieten - selbst im sich offen gebenden Sankt Petersburg.

Zur Polizei gehen? Es ist naiv zu glauben, daß die Beamten helfen - im Gegenteil. Denn offiziell gibt es keine Diskriminierung, dennoch werden Schwule gezielt zu politischen Zwecken instrumentalisiert - beispielsweise mit dem "Gesetz gegen Homopropaganda".

Zudem ist Homophobie in der russischen Gesellschaft extrem verbreitet, viele halten Homosexualität für eine Krankheit. Bereits ein Kuß oder eine Umarmung kann zu Mord führen.

Aber erst der Vorfall Ende Februar 2014 zwang uns zur Flucht nach Deutschland:

Unser Nachbar hatte den Behörden gemeldet, daß wir ein "schlechtes Beispiel für die Kinder" seien. Ein Polizist kam zu uns und drohte: "Wenn ihr jetzt nicht abhaut, dann werde ich euch töten." Er gab uns ein Woche Zeit, aus meiner Wohnung zu verschwinden.

"Bereits ein Kuß oder eine Umarmung kann zu Mord führen."

Mein Bruder, der seit 14 Jahren in Deutschland lebt, riet mir, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Er ist der einzige in meiner Familie, zu dem ich noch Kontakt habe.
Seit März 2014 sind wir nun in Deutschland. Mehr als zwei Jahre mußten wir auf unsere er¬ste richtige Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) warten.

Allerdings waren wir nach dem Gespräch im Juli 2016 guten Mutes, daß unser Antrag bewilligt wird.

Einerseits machte uns der Bamf-Entscheider Hoffnung. Er war freundlich und sagte, er ver¬stehe alles - fragte aber weder nach Papieren noch nach Dokumenten.

Andererseits hatte ich während des Asylverfahrens auch andere russische Schwule kennengelernt, die bereits in Nordrhein-Westfalen oder in Sachsen-Anhalt Asyl bekommen hatten.
Mein Ex-Freund wurde mit 22-Messer¬stichen ermordet
Aber im April kam für uns beide der Schock: Pavel und ich erhielten unsere Ablehnungsbescheide.

Für mich ist die Begründung des Bamf unfaßbar: Das Gesetz gegen die sogenannte Homopropaganda sei keine Diskriminierung, in Rußland gebe es kein Problem mit Schwulenrechten, die Verfolgung von Homosexuellen sei erträglich.

Vom Bamf kam auch der Vorschlag, daß wir doch in eine Gro߬stadt ziehen könnten. Aber genau da kommen wir doch her! Und auch in Moskau oder Sankt Petersburg werden Schwule gejagt. Sie werden verprügelt, mißhandelt oder gar getötet.

So wie mein Ex-Freund Dmitri. Er wurde vor einem Jahr bei einem Fake-Date in Sankt Petersburg ermordet. Der Täter stach 22 Mal zu.

Er wurde zwar festgenommen, aber vor kurzem nur zur Minimalstrafe für einen Mord verurteilt - acht Jahre Gefängnis. Dabei hatte er offen zugegeben "die Welt von Schwulen reinigen" zu wollen. Und es gibt die Möglichkeit, daß er bereits früher entlassen wird, nach zwei oder drei Jahren. Das alles sind politische Zeichen.
"Auch in Moskau oder Sankt Petersburg werden Schwule gejagt."

Ließ mehr wenn du das Bild anklickst

schwule nur bedingt willkommen          

von Jörg Sanders

Osnabrücker Wirt schmeißt Schwule aus seiner Kneipe

Osnabrück. Der Wirt einer Gast­s‍tätte in der Osnabrücker Johannisstraße hat in der Nacht zu Samstag, 20. Mai, vier schwule Männer aufgrund ihrer Homosexualität aus seiner Kneipe geworfen.

Die vier Männer feierten bis spät in die Nacht, bis sie irgendwann in der Gast­s‍tätte in der Johannisstraße landeten. Als sich zwei der Männer dort küßten, habe der Wirt die Gruppe übelst beschimpft und aus seinem Lokal geworfen.

Rauferei auf der Straße

So beschreibt es ein Mitglied in der geschlossenen Facebookgruppe „Was los in Osnabrück“. Einer der Rausgeworfenen, der anonym bleiben möchte, be­s‍tätigte die Vorgänge im Gespräch mit unserer Redaktion und konkretisiert: Nachdem der Wirt seine Freunde und ihn aus der Gast­s‍tätte wegen eines Kusses geworfen habe, hätten sich beide Seiten mit Beleidigungen nicht zurückgehalten. Das Ganze sei gegen 3.30 Uhr passiert, als das homosexuelle Quartett bereits recht betrunken gewesen sei.

Der Wirt einer Gast­s‍tätte in der Osnabrücker Johannisstraße soll schwule Männer beleidigt und aus seiner Kneipe geworfen haben. Archivfoto: Swaantje Hehmann

Wirt gibt Rausschmiß zu

Im Gespräch mit unserer Redaktion be­s‍tätigt der Wirt, die Männer aus seiner Kneipe geworfen zu haben, nachdem sich zwei der Männer geküßt hatten. „Was die in ihrem Leben machen, ist mir scheißegal, aber nicht in meinem Laden“, sagt er. Der rausgeworfene Gast sei als Homosexueller „kein normaler Mensch“.

Kommen ja, Küssen nein

Mit Schwulen wolle der Kneipier nichts zu tun haben. Er habe daher von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht. Auf Nachfrage sagte der Wirt, daß Schwule zwar zu ihm kommen dürften, „aber dann sollen sie sich benehmen und nicht knutschen“.

Der Gast berichtet ferner, der Wirt habe ihn auf der Straße mit einem Schlag­s‍tock angegriffen, nachdem er ihn ebenfalls beleidigt hatte. Er habe sich daraufhin verteidigt und den Wirt angegriffen.

Wirt weist Gewaltvorwurf zurück

Dieser dementiert: Er habe die vier Männer in keiner Weise körperlich attackiert und sei auch selbst nicht geschlagen worden. Er besitze keinen Schlag­s‍tock. Den Vorwurf der Gewalt erachtet der Wirt als geschäftsschädigend. „So eine Lüge macht mir das Geschäft kaputt.“ Von den vier Männern habe er sich übel beschimpfen lassen müssen, unter anderem als Nazi.

Keine Anzeige erstattet

Auf Facebook schreibt das Mitglied, das den Vorgang dort veröffentlicht hatte, daß „zwischenzeitlich Anzeige erstattet wurde und entsprechend polizeilich ermittelt wird“. Das be­s‍tätigt der Gast nicht: Der Zwischenfall mit dem Wirt sei geklärt, man lasse sich künftig gegenseitig in Ruhe. Auch die Polizei be­s‍tätigt auf Anfrage unserer Redaktion, keine Anzeige des Ga­s‍tes in ihrem Sy­s‍tem zu haben.



Männlichkeit in der Krise ?!? Auch in Deutschland ?

( SZ.de- Interview von Johanna Bruckner, New York )

Für die AfD-Unter­s‍tützer steht Merkel für die Entmannung des deutschen Mannes. Für sie ist Merkel die Verkörperung des Problems, dass der deutsche Staat schwächlich handelt, weil er sich schuldig fühlt wegen des Zweiten Weltkriegs.

 „ Trump macht die männlichste Politik, die wir je hatten „

Foto Süddeutsche.de

Viele wütende weiße Männer in den USA fühlen sich von einer "weibischen Regierung" gegängelt, sagt der Soziologe Michael Kimmel. Und erklärt, welches Problem AfD-Wähler mit Merkel haben.

Was hinter dem Begriff „ Nanny State „ steckt

Sie sehen die Regierung als eine geschlechtstypisch weibliche Regierung, die von hart arbeitenden Männern nimmt und es Menschen gibt, denen Dinge wie eine Krankenversicherung, Bildung oder Sozialhilfe gar nicht zustehen - all diese Dinge, die sehr feminin konnotiert sind. Man muss bei Trump nicht das Geschlecht des Mannes selbst betrachten, sondern das seiner Politik. Was Trump tun möchte, ist doch: Er will die Kohleförderung wieder hochfahren, in die Infrastruktur investieren und ins Militär - nun, diese Dinge sind alle mit einem Geschlecht besetzt, nicht wahr? Und wenn er all das tun, woher holt er sich das Geld? Er holt es sich von den nationalen Zuwendungen für die Kunst, die Musik, für Bildung und den Umweltschutz. Trump macht die gegendert­s‍te, männlichste Politik, die wir jemals hatten.

In Deutschland gewinnt seit zwei bis drei Jahren die rechtsgerichtete Alternative für Deutschland (AfD) an Stimmen. Der Erfolg der Partei wird meist mit der Flüchtlingskrise in Verbindung gebracht. Denken Sie, als Experte für Politik und Männlichkeit, daß es noch einen anderen Grund geben könnte? Immerhin haben wir seit fast zwölf Jahren eine Kanzlerin.

Für die AfD-Unter­s‍tützer steht Merkel für die Entmannung des deutschen Mannes. Für sie ist Merkel die Verkörperung des Problems, dass der deutsche Staat schwächlich handelt, weil er sich schuldig fühlt wegen des Zweiten Weltkriegs. Für diese Menschen scheint es, als dürfe jeder herkommen, als würden sämtliche Einwanderer ins Land gelassen. "Und wenn sie einmal da sind, nehmen sie uns die Jobs weg" - so denken sie. Der Gedankengang "Wir sind starke Männer, aber uns wird gesagt, daß wir schwach sein sollen, daß wir uns zurückhalten sollen" - das sind einmal mehr die wütenden, weißen Männer; das ist, was ich "gekränkter Anspruch" nenne.

Foto youtube.com

Wir haben über Amerika und Deutschland gesprochen. Gibt es ein Land oder eine Region in der Welt, in der Männlichkeitsproblematiken nicht in die aktuelle Politik hineinspielen?

Natürlich, es gibt viele Länder, in denen ein anderer Männlichkeitsbegriff exi­s‍tiert. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Es ist nicht so, als gäbe es überall, wo es Männer gibt, diese Ideen. Aber überall, wo diese Ideen auftreten, werden Sie Männer finden. Es sind Männer, die an diese Ideen glauben. Für mich hat das nichts damit zu tun, biologisch ein Mann zu sein, es ist eher so, daß ein be­s‍timmtes Männlichkeitsver­s‍tändnis bei Leuten be­s‍timmte politische Ein­s‍tellungen hervorbringt. Es ist nicht zwangsläufig so, daß jemand gegen Einwanderer ist und sagt "Wir sollten unsere Grenzen schließen", weil er sich entmannt fühlt. Diese Verbindung muß bewußt herge­s‍tellt werden: indem wir die Grenzen schließen, bekommst du deine Männlichkeit zurück, indem wir die Kohleförderung ankurbeln, geben wir dir deine Männlichkeit wieder.

Foto SZ.de

Reicht es, mit diesen Menschen zu sprechen, sich anzuhören, wie sie sich fühlen? Mir scheint es, als seien solche Überzeugungen tief verwurzelt in der Persönlichkeit dieser Männer.

Sagen wir es so: Ich glaube, man kann sie nicht erreichen, ohne mit ihnen über Männlichkeit zu reden. Die er­s‍te Regel jedes Therapeuten ist: Du sagst Menschen nicht, daß ihre Gefühle falsch sind. Aber du kannst ihnen sagen, daß ihre Gefühle keine akkurate Einschätzung ihrer Situation sind. Ich fühle insofern mit diesen Typen, als daß ich tatsächlich glaube, daß sie über den Tisch gezogen wurden. Sie haben ein schlechtes Geschäft gemacht - aber ich glaube nicht, daß es Einwanderer waren, die ihnen räuberische Kredite für ihre Häuser gegeben haben. Ich glaube nicht, daß Femini­s‍tinnen für den Klimawandel verantwortlich sind. Ich glaube nicht, daß Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender ihre Jobs outsourcen. Diese Menschen haben ein Recht wütend zu sein, aber ihre Wut richtet sich gegen die Falschen. Es sind die Wirtschaftseliten, die ihnen das angetan haben. Auf die sollten sie ihre Energien richten. Sie sollten mehr auf Spring­s‍teen hören und weniger auf Bannon.

Das ganze Interview, klick die Bilder an!


Geständnis

Dragan S.: „ Mit 16 Jahren habe ich mich an Männer verkauft!“   ( Kosmos at.)

Prostitution ist wohl eines der größten Tabuthemen unserer Gesellschaft – vor allem, wenn Männer dieser nachgehen. Auf meiner Suche nach einem Interviewpartner aus dieser Szene traf ich zufällig in einem Schwulen-Café auf Dragan S.*, welcher mich an seiner Geschichte teilhaben ließ. (*Name von der Redaktion geändert)

„Ich war relativ jung, als ich mein erstes Mal hatte und wie soll ich sagen – die Lust am Sex war ziemlich groß. Mein erstes Mal mit einem Mann hatte ich als normaler User auf einer Dating-Plattform für Schwule. Es kommt dort häufig vor, dass man angeschrieben und gefragt wird, ob man Lust auf ein Sexdate hat und so hatte ich auch mein erstes Mal“, schilderte mir Dragan seine ersten sexuellen Erfahrungen.

(FOTOS: iStock Photos)

Auf die Dating-Plattform kam er über das Internet, genauer gesagt über einen „Er sucht ihn“-Chat. Dort wurde er gefragt, ob er denn auch auf Romeo sei. Nichtwissend worum es sich handelt, googlelte er, stieß so auf Gayromeo und erstellte sich dort ein Profil.

„Es hat sich dann einfach irgendwann einmal ergeben, dass mich jemand auf Romeo angeschrieben und mich gefragt hat, ob ich Lust hätte, TG zu verdienen. Ich, neu in dieser Szene, wusste nicht was das ist. Er hat mit dann erklärt, dass es eine Abkürzung für Taschengeld ist und bedeutet, dass er für Sex bezahlt.“


Das er­s‍te Treffen mit einem Freier
„Probehalber habe ich mir gedacht, warum nicht. Beim er­s‍ten Mal habe ich 70 Euro dafür bekommen. Der er­s‍te, der mir Taschengeld angeboten hat, war um einiges älter, mit Sicherheit 40 oder 41. Wir haben uns damals im zweiten Bezirk, beim Nestroyplatz getroffen“, erzählt Dragan von seinem er­s‍ten „Date“ für sogenanntes TG.

Dort haben wir uns auf Hallo-Hallo kennengelernt. Er hatte dann gemeint, dass es für ihn ‚gut ausschaut‘ und mich aufs Zimmer eingeladen. Wir sind dann in eine Seitengasse des Nestroyplatzes gegangen. Anfangs wusste ich nicht genau, was mich erwartet. Ist es ein Bordell, ist es ein normales Hotel? Im Endeffekt hat sich herausgestellt, dass es ein Stundenhotel war. Wir sind hinauf ins Zimmer.“

„Wir haben uns langsam herangeta­s‍tet, angefangen zu knutschen – dies ist übrigens nach Absprache, da nicht jeder Freier Küssen möchte – und Sex gehabt. Es war für mich normaler Sex, nichts Anderes als bei einem Sexdate. Wir haben uns davor nicht genau abgesprochen, was wir genau machen, da ich nicht wußte, wie so ein ‚Date gegen TG‘ überhaupt abläuft…………………..

Weiter lesen? Klick die Bilder an.

Es gibt einen großen Bedarf  ( Lothar Bassermann Junge Welt)

Refugee-LGBTIQ*-Conference in Brandenburg: Kennenlernen und Vernetzen gegen Homophobie und Rassismus. Ein Gespräch mit Emma Silberstein

Sie haben am Wochenende bereits die zweite »Refugee-LGBTIQ*-Conference« in Brandenburg an der Havel veranstaltet. Wie lautet Ihr er­s‍tes Resümee?

Wir sehen, daß es einen großen Bedarf gibt, sich zu treffen und zu vernetzen. Hierfür hat die Konferenz einen guten Raum geboten. Gleichzeitig ist solch ein Projekt für unser kleines Organisation­s‍team kräftezehrend, knapp hundert Menschen zu verpflegen, unterzubringen und zugleich das Konferenzprogramm am laufen zu halten ist schwierig.

Nach der Konferenz sind wir traurig und glücklich zugleich. Traurig, weil wir als Team manchmal gern intensiver mit den Teilnehmenden diskutiert hätten. Glücklich, weil so viele Menschen unserer Einladung gefolgt sind, sich au­s‍tauschen konnten und viele sich so herzlich von uns verabschiedet und bedankt haben.

Welche Angebote auf der Konferenz waren bei den geflüchteten LGBTIQ* besonders gefragt?

Wir haben am Freitag eine Diskussion mit integrierter Gruppenarbeit auf dem Plan gehabt, mit dem Ziel, allen Teilnehmenden die Chance zu geben, zu Wort zu kommen, Meinungen und Erfahrungen auszutauschen und die Ergebnisse dann zusammen zu diskutieren. In den Arbeitsgruppen haben sich die Menschen näher kennengelernt. Am Samstag hatten wir eine Workshopreihe zum Themenbereich »Recht und Gesetze«. Sie war sehr gut besucht, es wurde viel diskutiert und nachgefragt, denn die deutschen, europäischen und internationalen Gesetze sind teilweise schwer zu ver­s‍tehen und zu interpretieren, gleichzeitig stellen sie die Basis für eine mögliche Anerkennung als Flüchtling dar.

Foto: Hardy Krüger/Presseservice Rathenow

In den letzten Tagen gab es Berichte über zunehmende Anfeindungen und Übergriffe auf ­geflüchtete LGBTIQ* in den Sammelunterkünften und Behörden Berlins. Die Stadt hat insoweit reagiert, als eine spezielle Einrichtung eröffnet wurde. Wie gehen Betroffene sonst mit dem Problem um?

Viele Betroffene versuchen in diese speziellen Unterkünfte zu gelangen, die es nicht nur in Berlin gibt. Da sie aber immer voll sind, sind die Chancen entsprechend schlecht. Das Resultat ist, daß die Menschen zurückgezogen und möglichst unauffällig in ihren Unterkünften leben oder bei Bekannten unterkommen, bis sich eine dauerhafte, legale Lösung finden läßt. Viele Geflüchtete sind in den Lagern gezwungen, ihre sexuelle Orientierung geheimzuhalten, da sie sonst Gefahr laufen, von Mitbewohnern physisch und psychisch diskriminiert zu werden. Dies betrifft besonders Menschen aus dem arabischen und afrikanischen Raum, denn dort stehen nichtheterosexuelle Handlungen häufig unter Strafe. Heterosexuelle Geflüchtete legen während ihrer Flucht nicht einfach ihre Abneigung gegenüber LGBTIQ* ab.

Das Ver­s‍tecken der eigenen sexuellen Orientierung führt fast immer zur Isolation der Betroffenen, so daß sie häufig keinen Zugang zu Hilfsangeboten haben. Somit erleben sie vom Prinzip her die gleiche Situation wie in ihren Herkunftsländern.


Pro und Contra Ehe zu dritt ( B.Werneburg/TAZ Kultur)

Verliebt, verliebt, verliebt, verheiratet

Erstmals wurde eine Dreier-Ehe in Kolumbien geschlossen. Fortschritt oder falsch verstandene Toleranz?

Alles zu erlauben, ist falsch!

Drei verliebte Männer mit ineinander verschlungenen Händen und glücklichen Gesichtern – natürlich ist die Ehe von Manuel Bermúdez, Víctor Hugo Prada und Alejandro Rodríguez herzerwärmend fortschrittlich. Allein schon deshalb, weil es alle Erzkonservativen ungemein ärgert, daß so etwas in irgendeinem Staat der Erde überhaupt erlaubt ist, möchte man sich mitfreuen.

Doch die erstmals geschlossene und anerkannte Dreier-Ehe in Kolumbien ist keineswegs der Beginn eines neuen Zeitalters, das die Unterdrückung unkonventioneller Liebesbeziehungen abstreift wie einen zu eng gewordenen Schnürschuh. Nicht alle, die diese Ehe form in Anspruch nehmen würden, wären Liebende aus dem queeren Milieu oder andere progressiv gesinnte Menschen.

Just married: die drei Ehegatten in Medellín, Kolumbien  Foto: Gonzalo Accogli/dpa

„Anything goes“, soll doch jeder heiraten, wen er will – das klingt wunderbar liberal und nach einem Vorgeschmack auf die gelebte Utopie. Es funktioniert als progressives Modell in einer egalitären Gesellschaft. Doch die Möglichkeit der Vielehe öffnet auch Tür und Tor für Ausbeutung, Unterdrückung und noch mehr Männermacht im Hier und Heute.

Warum die Zweierbeziehung privilegieren?

Polygamie für alle, oder was? Angesichts der harten Kämpfe, die Frauen in manchen muslimischen Ländern ausfechten, um die Polygamie abzuschaffen, wirkt die Ehe zu dritt, zu viert oder zu fünft, wie sie in Kolumbien nun anerkannt wurde, erst einmal höchst befremdlich. Aber es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen beidem: die Machtverhältnisse.

Die einen sind Frauen, die in jüngsten Jahren, von ihren Eltern vermittelt oder genötigt, als Zweit- oder Drittfrau verheiratet werden. Sie können sich vielleicht de jure wieder scheiden lassen, de facto haben viele von ihnen als geschiedene, alleinstehende Frau keine Exi­s‍tenzmöglichkeit. Sie sind in einer Zwangslage. In einer solchen Situation die Machtlosen durch ein Gesetz zu schützen, ergibt Sinn


Berlin 355 Übergriffe auf LGBTI-Flüchtlinge in drei Jahren ( Quelle Queer.de cw)

Eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Tom Schreiber bringt erschreckende Zahlen an den Tag – zu den Tatverdächtigen gehören auch Wachleute.

Dokumentiert sind nach Angaben des Senats insgesamt 355 Fälle in den Jahren 2014 bis 2016. Knapp die Hälfte der Vorfälle betraf schwule Männer, gefolgt von trans* Menschen und lesbischen Frauen. Nur die wenigsten Fälle wurden bei der Polizei angezeigt.

Die Zahlen stammen von den drei LGBTI-Hilfsinitiativen LesMigraS der Lesbenberatung, dem schwulen Antigewaltprojekt Maneo und MILES vom LSVD. Mehrfachnennungen seien dabei nicht auszuschließen, wenn ein Flüchtling sich bei verschiedenen Beratungsstellen gemeldet hat, räumte die Ju­s‍tizverwaltung ein. Andererseits müsse von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.


47 Übergriffe durch Wachleute in 2016

Die Aggressionen gegen LGBTI-Flüchtlinge gehen nicht allein von Mitbewohnern in den Unterkünften aus, sondern auch vom Sicherheitspersonal. Allein im Jahr 2016 meldete LesMigraS 47 Übergriffe durch Wachleute. "Hierbei handelte es sich bei 37 Meldungen um verbale Beleidigungen, bei acht um körperliche und bei zwei um sexualisierte Gewalt", heißt es dazu in der Antwort auf die SPD-Anfrage. Das Projekt Maneo meldet für 2015 zwei Betroffene von Gewalt durch Mitarbeiter. Angaben zu den Unterkünften liegen nicht vor.


50 Vorfälle von Beleidigungen sollen sich zudem im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten bzw. in der Vorgängerbehörde Lageso ereignet haben: "Die Betroffenen berichteten dabei mehrheitlich von der Verwendung beleidigender Begriffe sowie beleidigenden verbalen und nonverbalen sonstigen Äußerungen."


Der Senat hat reagiert

Die Antwort auf die Kleine Anfrage zeigt jedoch auch, dass sich der Senat des Problems bewusst ist und es ernst meint, LGBTI-Flüchtlinge besser vor Gewalt und Diskriminierung zu schützen. Auf sechs Seiten werden zahlreiche bereits eingeleitete Maßnahmen aufgeführt, darunter die Einrichtung einer eigenen Fach­s‍telle sowie von spezifischen Unterkünften, Schulungsmaßnahmen für Sprachmittler und Mitarbeiter in den Heimen, die Ernennung von besonderen Ansprechpersonen oder die Einladung geflüchteter Menschen ins Polizeipräsidium.

In Kürze sollen zudem die Handreichung "Was tun bei Gewalt gegen Frauen und LSBTI in Unterkünften" sowie ein Gesprächsleitfaden zur Identifizierung von besonderen Schutzbedarfen erscheinen.



Offizielle Li­s‍te der Polizei - ( (cw) / Queer.de

Der Regenbogenkiez gehört zu den zehn gefährlichsten Orten Berlins

Das Viertel am Nollendorfplatz wurde von der Polizei als "kriminalitätsbela­s‍teter Ort" eingestuft – Personen dürfen dort ohne Anlass kontrolliert werden.

( Bild http://berlin.gaycities.com )

Auf Anordnung des rot-rot-grünen Senats hat die Berliner Polizei ihre bislang geheime Li­s‍te der kriminalitätsbela­s‍teten Orte (kbO) veröffentlicht. Zu den zehn besonders gefährlichen Gegenden der Haupt­s‍tadt gehören demnach auch "Schöneberg-Nord im Bereich Nollendorfplatz und Teile des so genannten 'Regenbogenkiezes'".

Regenbogenfahne am U-Bahnhof Nollendorfplatz in Berlin (Bild:  Oh-Berlin.com / flickr)


Die Einstufung als kbO setzt nach Angaben der Polizei voraus, "dass dort Straftaten von erheblicher Bedeutung begangen werden". So wurden im Nollendorfkiez laut einem Bericht der "Berliner Morgenpost" im Zeitraum zwischen Mai 2016 und März 2017 insgesamt zwölf Fälle schwerer homophober Hass Kriminalität angezeigt – im vergleichbaren Zeitraum ein Jahr zuvor war es nur ein Fall. Außerdem kam es zu 2.276 Diebstählen, 167 Sachbeschädigungen, 113 Beleidigungen, 70 Raubtaten und 38 Bedrohungen.

( Foto - https://hiveminer.com )

Für viele Diebstahlsdelikte waren sogenannte Antänzer verantwortlich – erst am vergangenen Wochenende wurden etwa zwei Jugendliche im Viertel geschnappt.

Auch Kleiner Tiergarten und Kottbusser Tor auf der Li­s‍te

Auf der Liste der zehn kriminalitätsbela­s‍teten Orte stehen mit dem Kleinen Tiergarten (Cruising) und dem Kottbusser Tor (Szenebars "Möbel Olfe" und "Südblock") zwei weitere Gegenden, die für die queere Community in Berlin eine Rolle spielen. Während der Kleine Tiergarten vor allem als Drogen-Umschlagplatz bekannt ist, wurden am "Kotti" mehr Roheits- und Dieb­s‍tahlsdelikte festge­s‍tellt.

Als ebenfalls gefährlich gelten der Alexanderplatz in Mitte sowie der Hermannplatz in Neukölln, wo in den vergangenen Monaten auch homophobe Straftaten angezeigt wurden.

Die Ein­s‍tufung be­s‍timmter Gegenden als kbO soll der Prävention dienen. Nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz dürfen Polizi­s‍ten dort Personen durchsuchen und ihre Identität fest­s‍tellen, ohne daß es einen konkreten Anlaß gibt.

Die Li­s‍te der kriminalitätsbela­s‍teten Orte wird nach Angaben der Polizei regelmäßig überprüft. Sobald die Zahl der erfaßten Straftaten zurückgehe und sich die Sicherheitslage in diesem Bereich nachhaltig verbessere, werde der kbO-Status wieder aufgehoben.





Rußland

Mit Schwulenhaß Biobrot verkaufen

Eine Biobrot-Ladenkette in Russland wirbt um Kunden mit einer homophoben Tafel. Dahinter steckt ein skurriler Geschäftsmann, der offenbar keine strafrechtlichen Konsequenzen fürchtet.

Ein Mann mit Vollbart wechselt die zerschlagene Fensterscheibe in einem kleinen Brotladen in Moskaus Stadtmitte aus. "Schwuchteln haben das Fenster kaputt gemacht", sagt er grimmig. Das homophobe Schimpfwort ist auch hinter dem zerborstenen Glas auf einer Holztafel zu lesen, die offenbar Ziel des Angriffs war. "Kein Zutritt für Schwuchteln", steht da in geschwungener altslawischer Schrift. Der Vorfall Ende Mai sei nicht der erste, sagt leise eine junge Verkäuferin.

DW / E.Samedowa

Die nach ihm benannte Biobrot-Ladenkette des russischen Geschäftsmanns German Sterligow wirbt seit April mit homophoben Tafeln um Kunden. Den Anfang machte St. Petersburg, später tauchten solche Tafeln in einem Dutzend Sterligow-Brotläden landesweit auf, auch in der Hauptstadt.

Ex-Millionär mit skurrilen Ansichten

Sterligow, Jahrgang 1966, ist ein Geschäftsmann, der vor einigen Jahren auch von ausländischen Medien gerne als Aussteiger porträtiert wurde. Als Mitbegründer der ersten Börse in der späten Sowjetunion wurde er Millionär, versuchte sich als Politiker und kandidierte unter anderem für das Bürgermeisteramt in Moskau. Er scheiterte, verlor viel Geld und zog aufs Land, um sich seiner kinderreichen Familie und der Bio-Landwirtschaft zu widmen. Sein Markenzeichen: Lebensmittel, hergestellt wie im vorindustriellen Zeitalter. Günstig sind sie allerdings nicht. Ein Brot vom Vortag kostet umgerechnet rund 10 Euro, ein frisches Brot das Doppelte oder gar das Dreifache.

picture-alliance/Russian Look/ Photoagency Interpress

Mit seinem skurrilen Lebensstil, rechtskonservativen und christlich ultraorthodoxen Ansichten sorgt Sterligow immer wieder für Schlagzeilen. So wettert er gegen Abtreibungen, gegen Ärzte und Wissenschaftler allgemein. Seine neueste Idee: Den Strom auf dem ganzen Planeten abschalten, um die Natur zu retten.



Studienergebnisse zur Situation männlicher Escorts vorgestellt ( Olaf Alp )

Die befragten Escorts haben sehr unterschiedliche Einstellungen zur Sexarbeit. Diese reichen von Sexarbeit als Erwerbstätigkeit über Sexarbeit als homosexueller Lebensstil, bis zur Sexarbeit als Überlebensstrategie.

Der Anteil von männlichen Sexarbeitern ist deutlich gestiegen. Darüber hinaus sind männliche Escorts an schwulen Szeneorten oder an öffentlichen Plätzen immer weniger anzutreffen, vielmehr verlagern sich ihre Anbahnungsaktivitäten fast vollständig in die einschlägigen Internetportale. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Aidshilfe NRW zur Lebenslage von Escorts in Dortmund, Essen, Düsseldorf und Köln. 

Die 125 Befragten waren von 17 bis 54 Jahre alt, im Durchschnitt 28,6 Jahre und damit über fünf Jahre älter als in der Studie von 2008 (23 Jahre). Etwa die Hälfte der Befragten gibt an, auch privat am liebsten nur mit Männern Sex zu haben. Die andere Hälfte erklärt, privat gerne mit Männern und Frauen (28%) oder nur mit Frauen (24%) Sex zu haben. 

Herkunft der Sexarbeiter

Mit der aktuellen Befragung ist es gelungen, mehr ausländische Escorts zu erreichen, insgesamt 41,4% der Befragten. Sie stammen aus anderen EU-Ländern (25,6% aus Bulgarien, Tschechien, Ungarn, Rumänien) und aus West-Balkanländern, die nicht in der EU sind (8,8%). Personen aus anderen EU-Staaten, insbesondere aus Bulgarien und Rumänien bilden den größten Teil der Escorts in den Szenetreffpunkten der Erhebungsorte. Sie leben in der Mehrheit in prekären Lebensverhältnissen und ohne Krankenversicherung. Der Anteil von Escorts mit Migrationshintergrund ist deutlich gestiegen.

Foto Eurocreme.com

Gründe für die Sexarbeit

Die befragten Escorts haben sehr unterschiedliche Einstellungen zur Sexarbeit. Diese reichen von Sexarbeit als Erwerbstätigkeit über Sexarbeit als homosexueller Lebensstil, hierunter auch Migranten aus anderen EU-Ländern, bis zur Sexarbeit als Überlebensstrategie. Die sexuelle Orientierung spielt dabei eine entscheidende Rolle, insbesondere für heterosexuell orientierte Escorts ist das Thema Sexarbeit ein kaum berührbares Tabu. 

Auch der biographische Zugang zur Welt der Sexarbeit erweist sich als prägend für Einstellungen und Handlungskompetenz. Einige Interviewpartner waren Opfer von sexuellem Missbrauch, sexueller Ausbeutung und Vernachlässigung in Kindheit und Jugend. Viele leiden bis heute unter multiplen gesundheitlichen Belastungen. Andere Interviewpartner nennen als Motiv den Wunsch, Spaß mit Geldverdienen zu verbinden. Weitere Interviewpartner hatten schon vor ihrem Einstieg eine positive Einstellung zu Sexarbeit, fanden die Verdienstmöglichkeit attraktiv oder wollten Schulden begleichen. 11% der Befragten haben angegeben, mit der Sexarbeit in erster Linie ihren Drogenkonsum zu finanzieren. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich um Individuen in sehr unterschiedlichen Lebenslagen handelt, die drei Gruppen zuzuordnen sind:…………

Weiter Infos einfach das Bild anklicken!



Nachtleben in Neukölln Clubgänger werfen dem „ Schwuz „ Rassismus vor

Türsteher des Clubs sollen Gäste wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert haben - zumindest prangern das viele Facebook Nutzer an. Die Betreiber wollen klären, was passiert ist. von Angie Pohlers

Es sollte eine lustige, lange Nacht werden im „Schwuz“" einem Club für queere, trans- und homofreundliche Partys im Neuköllner Rollbergkietz. Doch im Nachgang der "Beyoncélicious"-Party am Pfingstsonntag hagelt es nun viel Kritik an den Securitykräften, die den Einlass regeln.

Queer feiern. Wer im Schwuz durch die Nacht tanzt, entscheiden auch hier Tür­s‍teher.Foto: Tilmann Warnecke

Welche Seite hat Recht?

Entsetzt von dem Shitstorm, der sich da gerade im Netz zusammenbraut, ist auch Florian Winkler-Ohm, einer der beiden Geschäftsführer des "Schwuz". Es habe am Dienstag Gespräche mit den Türstehern gegeben, die beim Club angestellt sind und nicht von einer externen Sicherheitsfirma beschäftigt werden. "Nach ihrer Darstellung wurde eine Gruppe von sieben Leuten an der Tür abgewiesen, weil sie in der Schlange zu laut waren und nicht auf die Bitten, leiser zu sein, eingegangen sind." Daraufhin hätten sich andere Wartende in der Schlange mit den Abgewiesenen solidarisiert.

Queer feiern. Wer im Schwuz durch die Nacht tanzt, entscheiden auch hier Tür­s‍teher.Foto: Tilmann Warnecke

Tatsächlich soll die Situation etwas komplexer gewesen sein, erzählt Muna Yaffai, die am Sonntag ebenfalls vor dem Club stand. Eine Gruppe von zwei schwarzen Frauen und zwei weißen Männern soll laut gewesen sein. "Die Jungs wurden dann trotzdem reingelassen", sagte sie dem Tagesspiegel. Die Frauen und ihre ebenfalls schwarzen Freundinnen wurden abgewiesen und hätten als Zeichen des Protests gesungen und getanzt. Danach seien viele Leute, die nicht weiß sein, abgewiesen worden.

Es gibt aber auch Gäste, die die harsche Kritik am “Schwuz” nicht nachvollziehen können. “Ich finde es krass, wie jetzt gehetzt wird”, sagt Chris Schmittlein. Er sei am Sonntag schon im Club gewesen, als der Vorfall passierte. Bei einer Raucherpause vor dem Gebäude sei ihm aufgefallen, dass die Gruppe viel Lärm gemacht habe - “obwohl eigentlich alle wissen, dass man wegen der Nachbarn leise sein muss”. Später sei er nochmal vor der Tür gewesen, da hätten die Frauen ein “Riesendrama” gemacht, weil die Türsteher sie abgewiesen hätten. “Ich finde es nicht richtig, dass immer gleich die Rassismus keule geschwungen wird.”



Demonstration für LGBT – Rechte in Warschau

Tausende Polen haben bei der "Gleichheitsparade" für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) demonstriert. Rechtsorientierte Nationalisten versuchten, die Parade zu blockieren.

"Liebe ist keine Sünde" und "Homophobie verursacht Herzkrankheiten", hieß es unter anderem auf den Plakaten der überwiegend jungen Demonstranten, die durch die Hauptstadt des katholisch geprägten Landes zogen. Die Teilnehmer trugen außerdem Regenbohnenfahnen und -schirme, die als Symbol für vielfältige Lebensformen steht.

Foto Reuter Agensi

Die Botschaften von rund 40 Ländern, darunter Frankreich und die USA, hatten zum Ausdruck gebracht, die Parade zu unterstützen.

Polen gehört zu den wenigen EU-Ländern, in denen die Situation gleichgeschlechtlicher Paare nicht gesetzlich geregelt ist, wie Aktivisten kritisieren. Die polnische Organisation "Kampagne gegen Homophobie" (KPH) fordert die nationalkonservative Regierung außerdem auf, LGBT-Menschen mit Gesetzen vor aus Hass und Homophobie motivierten Verbrechen zu schützen. Polen landete im diesjährigen, sogenannten Regenbogen-Report der Organisation ILGA Europe EU-weit auf dem drittletzten Platz. Die rechtliche Situation war innerhalb der EU demnach nur in Litauen und Lettland schlechter.

Foto Reuter Agensi

ust/qu (dpa, ap)


Aufbruch in Asien

Neue Hoffnung auf eingetragene Partnerschaft in Thailand



Seit drei Jahren liegt ein Gesetzentwurf zur rechtlichen Anerkennung homosexueller Paare auf Eis – nun kündigt das Justizministerium parlamentarische Beratungen an.


Die Entscheidung der Verfassungsrichter vor einer Woche in Taiwan, dass die Ehe für lesbische und schwule Paare geöffnet werden muss, beflügelt nun auch die Diskussion um LGBTI-Rechte in Thailand. Nach einem Bericht der "Bangkok Post" vom Dienstag kündigte das Justizministerium an, die vor drei Jahren durch den Militärputsch unterbrochene Beratung eines Gesetzentwurfs für eingetragene Partnerschaften wiederaufzunehmen.


Obwohl Thailand bei Touristen als queeres Paradies gilt, haben homosexuelle Paare im Land des Lächelns keinerlei Rechte, auch mangelt es an einem wirksamen Schutz vor Diskriminierung. Nach einer jüngsten Umfrage der World Bank Group unter Arbeitnehmern in Bangkok gaben über die Hälfte der LGBTI-Teilnehmer an, dass ihnen aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Orientierung schon mal eine Anstellung verweigert wurde. Rund 40 Prozent der trans* Mitarbeiter wurden von Kollegen gemobbt.



Warum gibt’s im Iran so viele Geschlechtsumwandlungen? ( Gregor Schenker )

Das Irania Film Festival in den Kinos Houdini und Riffraff beleuchten die Widersprüche einer von der Religion geprägten Gesellschaft.

«Apricot Groves» handelt von Bruderliebe. Allerdings kam Aram (r.) als Frau zur Welt.

Homosexualität steht im Iran unter Strafe, nicht jedoch Transsexualität. Ayatollah Khomeini selbst erklärte Mitte der 80er, dass Geschlechtsumwandlungen mit dem Islam vereinbar seien. In kaum einem anderen Land wird die Operation häufiger durchgeführt. Sie ist nicht zuletzt ein Ausweg für Homosexuelle, die sich zwar nicht im falschen Körper fühlen, aber so der Strafverfolgung zu entgehen hoffen.


Ähnlich geht es Aram, dem Protagonisten von «Apricot Groves»: Als Frau geboren, lebt er inzwischen in den USA als Mann. Dort hat er eine Armenierin kennen­gelernt und sich in sie verliebt, nun möchte er sie heiraten. Dafür reist er nach Armenien. Der Vater der Verlobten willigt zwar in die Hochzeit ein, doch bevor diese stattfinden kann, lässt sich Aram von seinem Bruder in den Iran fahren. Dort ist schon alles für eine Operation vorbereitet.


Sapporo: Japans toleranteste Stadt ( von Jan Knüsel )

Sapporo anerkennt seit dem 1. Juni 2017 die eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare, wie die Asahi Shimbun berichtet. Und nicht nur das: auch Transgender-Paare erhalten von den Behörden der Hauptstadt der Nordinsel Hokkaido künftig ein entsprechendes Zertifikat.

Sapporo in der Nacht. (Foto: flickr/ Jason Luk)

Letzteres ist ein Novum in Japan. Sapporo ist somit die erste Stadt in der gesamten nördlichen Region des Landes, die sich für die LGBT-Gemeinde öffnet. Mit 1,95 Millionen Einwohnern ist sie das politische und wirtschaftliche Zentrum der Nordinsel.


Bizarre Antwort auf Frage zur Schwulenverfolgung (von Norbert Blech)

So schroff regiert das russische Außenministerium auf Fragen zu Tschetschenien.

Wer etwas zur Lage in der Republik wissen wolle, solle doch hinreisen, ätzte die Pressesprecherin einem Journalisten minutenlang entgegen – und bat Präsident Kadyrow um Organisation des Trips.

Marija Sacharowa ist Trägerin der Auszeichnung "Für Transparenz in der Presse" der Moskauer Journali­s‍tenunion sowie des "Ordens der Freundschaft". Original Seite, wenn du das Bild anklickst.


Russlands: Säuberung gegen Schwule in Tschetschenien

Opfer von Strafmaßnahmen noch immer in Gefahr!

(New York) – Die tschetschenische Polizei hat Dutzende schwule oder bisexuelle Männer zusammengetrieben, geschlagen und erniedrigt, mit dem Ziel, die tschetschenische Gesellschaft von ihnen zu „säubern“, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht.

Die russischen Behörden müssen dafür sorgen, dass ihre Ermittlungen zu diesen widerwärtigen Menschenrechtsverletzungen wirksam vorangetrieben werden und geeignet sind, die tschetschenischen Behörden zur Rechenschaft zu ziehen. Ausländische Regierungen sollen den Opfern sichere Zuflucht bieten, da diese, solange sie in Russland bleiben, in unmittelbarer Gefahr schweben.

Ein Opfer der Angriffe berichtet im April 2017 an einem sicheren Ort in Zentral-Rußland darüber, was er erleben mußte.                      © 2017 Nataliya Vasilyeva für Human Rights Watch


„Die Männer, die diesen Säuberungen unterworfen wurden, haben in Tschetschenien ein schreckliches Martyrium erlebt“, so Graeme Reid, Direktor der Abteilung für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender bei Human Rights Watch. „Der Kreml trägt die Pflicht, die Verantwortlichen für die Gewalt zur Rechenschaft zu ziehen und alle Menschen in Russland ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung zu schützen.“

Transgender Kind – ich bin kein Mädchen

Mia Lemay war zwei Jahre alt, als sie ihren Eltern zum ersten Mal klarmachte, dass sie lieber als Junge leben möchte. "Ich bin kein Mädchen!" Diesen Satz habe sie immer wieder gesagt, erinnern sich die Eltern. Heute heißt Mia Jacob und ist sieben Jahre alt.


Joe und Mimi Lemay entschlossen sich, ihr Kind als Junge leben zu lassen. Sie hatten sich damals in einer Klinik über transsexuelle Kinder informiert. Dort habe ihnen eine Therapeutin geraten: "Lassen Sie es ruhig angehen. Zwingen Sie ihrem Kind kein Geschlecht auf."


"Es ging nicht nur darum, dass er kurze Haare und Klamotten für Jungs tragen wollte", sagten seine Eltern dem Internetportal Boston.com. "Er zog sich immer mehr zurück und war gereizt."


"Wir beobachteten ihn und merkten, dass es ihm schlechter und schlechter ging", berichten die Eltern über die Zeit vor dem Wandel. "Auf gewisse Weise sah ich mein Kind vor meinen Augen zerbrechen", erinnerte sich Joe Lemay


Vor drei Jahren entschied sich die Familie schließlich, Mia zu Jacob werden zu lassen: Er bekam einen Kurzhaarschnitt, neue Klamotten und einen neuen Vornamen, und er wechselte die Vorschule. Für eine Hormontherapie oder eine Operation ist Jacob noch zu jung. Zu Jacobs fünftem Geburtstag schrieb Mimi Lemay ihm einen Brief, den sie auch im Internet veröffentlichte. Darin erinnerte sie an die Jahre seit seiner Geburt und wann ihr aufgefallen ist, dass er nicht ist wie seine beiden Schwestern.


Jacob stellte sich bei Gruppenaufgaben zu den Jungen in der Klasse und diskutierte zu Hause mit seinen Schwestern und den Eltern über Rollenklischees. "Wir dachten, dass du deine Vorliebe für 'nicht mädchenhafte' Sachen klarmachen wolltest", schreibt Mimi in ihrem Brief."Wir verstanden nicht, dass du dir überhaupt vorstellen konntest, was ein Geschlecht ist. Du hattest doch gerade erst mit der Vorschule angefangen."


Doch dann sagte Mia: "Ich will ein Junge sein und Jacob heißen" - und damit brach das Eis in der Familie. "Du standst wieder aufrecht und sahst den Menschen in die Augen", schreibt Mimi. "Du machtest innerhalb von einer Woche deinen ersten richtigen Witz, und du hörtest nicht mehr auf zu plappern - als ob dir jemand einen Maulkorb abgenommen hätte."


"Zusammen bestritten wir die vielen ersten Male. Das erste Mal, als wir deinen Namen schrieben - ein Triumph für dich, Tränenbäche bei mir", schreibt Mimi Lemay. Seine Eltern müssen sich viel Kritik von anderen Menschen anhören: Ein so kleines Kind könne nicht wissen, was seine sexuelle Identität sei. "Es ist so einfach zu leugnen, daß Transsexualität eine reelle Sache ist, wenn man noch nie so jemanden getroffen hat", sagten Mimi und Joe gegenüber Boston.com.

Jacobs Familie engagiert sich seitdem für die Rechte von Betroffenen und ist mit zahlreichen anderen Eltern von transsexuellen Kindern und mit Menschenrechtlern vernetzt.

Alle Fotos AFP


SEXUALITÄT - Susanne Holz – Tageblatt

Drei Männer erzählen von ihren mehr oder weniger heimlichen Beziehungen zu anderen Männern. Klar wird: Es ist nicht gesund, gegen seine Gefühle zu leben. Und mit Toleranz und Mitgefühl ist jede Liebe möglich.

Verheiratete leiden unter dem zusätzlichen Tabu und grenzen sich auch unter anderen Homosexuellen aus. Der wohl schönste Liebesfilm seit langem – «Moonlight» – erzählt von schwuler Liebe. Er erzählt aber nicht von einer offenen homosexuellen Beziehung, sondern zeichnet die Biographie eines Mannes nach, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter, der verunsichert ist und benachteiligt wird – nicht nur wegen seiner dunklen Hautfarbe, sondern auch wegen seiner Gefühle für männliche Mitmenschen.

«Moonlight» trifft einen voll ins Herz: Weil dieser Film ein wunderbar Großes Plädoyer für Toleranz und Liebe ist. Dass unsere Gesellschaft auf der Gefühlsebene noch immer Zwängen und Normen verhaftet ist, beweist nicht zuletzt die Tatsache einer hohen Dunkelziffer an Männern, die andere Männer im Geheimen lieben.

(Bild: Spencer Platt/Getty)




Mein Sohn ist schwul, na und …. (Sana Weisz – 29.05.2017)

Das Glück der Kinder ist wichtig für Eltern. Umso schöner ist es, wenn im Frühling ein 17-Jähriger mit einem Lächeln im Gesicht durch die Wohnung läuft.

Meine Freundin hat einen 17-jährigen Sohn, den sie in den vergangenen Wochen kaum wiedererkannte. Mathematikschularbeit fiel ihm leicht, das Geschirr räumte er nach dem Frühstück in den Geschirrspüler,..

Mehr will ich nicht verraten, den der Artikel ist so süß, unbedingt lesen

foto: getty images/istockphoto/svetikd



„Der lange Weg zur Normalität: Was es bedeutet, in einer Migrantenfamilie schwul zu sein“

von Anthony C. Ocampo – 29.05.2017

Ich bin Soziologe, und habe nun nahezu zehn Jahre damit verbracht, das Leben von LGBTQ-Kindern aus Einwanderfamilien zu recherchieren. Viele von ihnen (inklusive mir) glaubten, dass sie mit ihrem Coming-Out den Traum ihrer Eltern zerstören würden.Deswegen versteckte ich mein schwules Dasein - meine Freunde, die Orte, an denen wir herumhingen, und natürlich, mit wem ich gerade ging.

Foto Anthony C. Ocampo

Ich hatte Angst, ihnen von meinem Partner zu erzählenMit der Zeit aber hörte ich auf, mein Einwandererleben von meinem Leben als Homosexueller zu trennen, weil es zu anstrengend wurde.


Migration  24.05.2017

Warum männliche Flüchtlinge in die Pro­s‍titution abrutschen

Aus der Not heraus gehen männliche Flüchtlinge in vielen deutschen Städten der Pro­s‍titution nach. Was treibt die jungen Männer dazu?



Jakob Pa­s‍tötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, sagt, Die Männer könnten so einfach relativ schnell und unproblematisch Geld verdienen. Ralf Rötten vom Berliner Verein "Hilfe für Jungs" stimmt zu: "Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, wie man ohne Sprachkenntnisse und Arbeitserlaubnis an Geld kommt.


Von Sprach-, Beratungs- und Beschäftigungsangeboten für Flüchtlinge wiesen die Flüchtlinge oft nichts.

stammen aus Afghanistan, Irak und Iran. Während des Asylverfahrens hätten sie keinen Zugang zu Sprach- und Integrationskursen. "Minderjährige, allein eingereiste Flüchtlinge werden noch betreut. Aber sobald sie erwachsen werden, stehen sie ohne Betreuung dUnbetreute Flüchtlinge   23.05.2017

20 bis 30 Euro für Sex

Um an etwas Geld zu kommen, sehen viele junge männliche Geflüchtete in Deutschland nur den Weg der Pro­s‍titution.

Der nach eigenen Angaben 21 Jahre alte Afghane verdient sein Geld im Tiergarten nahe der Siegessäule mit Prostitution. Anschaffen zu gehen sei für ihn die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, erzählt er später.

Foto © db

Neue Details veröffentlicht  23.05.2017

"Novaya Gazeta": Grosny sabotiert Ermittlungen zur Schwulenverfolgung

Die russische Zeitung "Novaya Gazeta" berichtet am Montag in ihrer neue­s‍ten Ausgabe, tschetschenische Offizielle hätten mit "Panik und Sabotage" auf die er­s‍ten Ermittlungen der föderalen Staatsanwaltschaft Rußlands zur Schwulenverfolgung in der Teilrepublik reagiert.

( Foto „ Novaya Gazeta „ /№ 53 от 22 мая 2017 )



„Es geht ums Überleben“  (22.05.2017)

Als Flüchtling nach Deutschland gekommen, nun Prostituierter

In der Hoffnung auf ein besseres Leben fliehen junge Männer nach Deutschland. Für einige sind Prostitution und Drogen ihr Alltag. Manche müssen Geld nach Hause schicken, andere waren dort schon „Tanzjungen“.

An Toilettenhäuschen wie diesem treffen sich in Berlin Freier und männliche Pro­s‍tituierte ( Quelle: pa/Maurizio Gamb/dpa)


Doppelte Diskriminierung in Lehnitzer Gemeinschaftsunterkunft 

Klaus D. Grote Lehnitz (OGA) )                       

Der 28-jährige Ibrahim ist schwul. Im Tschad saß er deshalb sechs Monate im Gefängnis, erlebte, wie zwei andere schwule Häftlinge durch Schläge und Essensentzug starben. Nach seiner Entlassung floh Ibrahim nach Europa, doch auch hier gehen die Diskriminierungen weiter. In der Lehnitzer Gemeinschaftsunterkunft wurde Ibrahim ebenfalls mehrfach bedroht. Nach einem RBB-Fernsehbericht ist die Lage für ihn noch schlimmer geworden.

In Angst: Ibrahim will sich nicht zu erkennen geben und nicht seinen vollen Namen nennen. ( Foto MZV )


Deutschland 21.05.2017

Liberal-Islamischer Bund

„Der Koran erlaubt die Homo-Ehe“

Von Adrian Arab

Die gleichgeschlechtliche Partnerschaft gilt als Tabuthema im Islam. Das will ein muslimischer Verband nun ändern und setzt sich für Homosexuelle ein. Seit der Flüchtlingskrise steigt auch die Zahl der Betroffenen.

Foto ( N 24 )


Beginn der CSD-Saison

Immer wieder samstags  21.05.2017

Die CSD-Saison startet in Paderborn. Im September endet sie in Weimar. Dabei ist der Chri­s‍topher Street Day der 28. Juni. Warum wird er so lange gefeiert?

Wann ist eigentlich Chri­s‍topher Street Day? Die er­s‍te Antwort: am 28. Juni. In den frühen Morgen­s‍tunden dieses Tages im Jahr 1969 fand nämlich im „Stonewall Inn“, einer LGBT-Bar in der New Yorker Chri­s‍topher Street, eine anlaßlose Polizeirazzia statt. Die Anwesenden wehrten sich gegen die Gängelei, lei­s‍teten tatkräftig Wider­s‍tand gegen die Polizei, mehrere Nächte lang gab es Straßenprote­s‍te. So wurde der 28. Juni zu einem historischen Datum der Homosexuellenbewegung.

Gefeiert werden kann der CSD in Deutschland fast jedes Wochenende, wir hier im vergangenen Jahr in Frankfurt ( Foto dpa )



Warum eine Lehrerin ihrer Klasse sagte, daß sie eine Frau liebt

Es kann beäng­s‍tigend sein, über gleichgeschlechtliche Partner*innen zu sprechen. Manchmal gibt es aber auch mehr Ver­s‍tändnis als erwartet. Das zeigt das Beispiel einer Realschullehrerin aus Sachsen. ( Manuel Bogner - 20.05.2017 )

"Ich hab gespürt, daß sie über mich reden", erzählt Daniela (nicht im Bild). Symbolbild © Marijan Murat / dpa


Diskussion? Fehlanzeige  20.05.2017 / Deutschland Diana Kinnert

Mit einer er­s‍taunlichen Leichtigkeit, aber auch Ernsthaftigkeit bringt Kinnert scheinbar Unpassendes zusammen.„Hinreißend und mitreißend“ sei es, der jungen Frau zuzuhören.Die Buchvor­s‍tellung endet mit einem Schwall an Dankesreden, aber ohne Publikumsdiskussion.

Kinnert macht zwar deutlich, daß man hier ja unter Freunden sei, man sich noch au­s‍tauschen würde. Doch von jemandem wie ihr hätte sicher der eine oder andere am Ende auch die Bereitschaft zu einer Diskussion erwartet. So endet der Abend, wie er angefangen hat: Mit Weintrinken und Rum­s‍tehen. Aber eben nicht mit den politischen Diskussionen, die Kinnert unter jungen Menschen an­s‍toßen möchte.


Diana Kinnert – hier bei einem CDU-Parteitag – will ihre Partei offener für junge Leute machen  Quelle: picture alliance / dpa – (mehr wenn du das Bild anklickst)

(Mehr zum Buch wenn du es anklickst) 

                        

Homophobie im Glockenbachviertel                 

"Wir dachten, wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen"  

Von Thomas Schmidt  (20.05.2017 )

Behutsam schwärzt Schwe­s‍ter Margot ihren Vollbart. Weiße Theaterschminke glitzert in ihrem Gesicht. Würde ihr jetzt eine Träne über die Wange rinnen, geriete das Kunstwerk ins Rutschen. "Als ich 18 war und mich gerade geoutet hatte", erzählt die Schwe­s‍ter, "da sagte meine Mutter zu mir: Deinen Strickpulli wäscht du gefälligst selbst, ich will kein HIV bekommen."


Ein Viertel im Wandel: Am Mittwoch haben mehrere hundert Menschen in der Müllerstraße gegen homophobe Gewalt demonstriert. (Foto: Florian Peljak – mehr, wenn du das Bild anklickst)


World-Pride-Parade: Madrid unter dem Regenbogen  18.05.2017

Brigitte Kramer

Die World-Pride-Parade findet dieses Jahr in Madrid statt. Damit in diesen Tagen drei Millionen Schwule und Lesben feiern können, mußte vor 40 Jahren der Kampf für Gleichberechtigung beginnen "Visit Chueca" steht auf einem bunten Faltblatt, das derzeit in vielen Bars und Re­s‍taurants in Madrid ausliegt. Fotos von Männern mit Waschbrettbauch und ge­s‍tählten Brustmuskeln, in Tangas oder Lederhosen, dazwischen Kleinanzeigen für dies und das, Sexshops, Fetischbars, Gleitmittel. Im Stadtteil Chueca scheint die Sünde zu leben. Benannt ist er nach einem Platz, der den Namen des Komponi­s‍ten Federico Chueca trägt. Der Musiker lebte im 19. Jahrhundert, heute kennt ihn kaum mehr jemand.

foto: gonzalo arroyo moreno/getty images

Federico García Lorca ist kurz nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs wegen seiner sexuellen Orientierung ermordet worden. Eine Statue in Madrid erinnert an den Lyriker und Dramatiker.   ( mehr wenn du das Bild anklickst )


LGBTQI in Berlin Zentrum für queere Jugendliche soll Selbstmordrate verringern   ( 18.05.2017 )

Rot-Rot-Grün will eine Anlauf­s‍telle für LGBTQI-Jugendliche schaffen. Auch weil die Suizidrate unter diesen deutlich erhöht ist.

von Susanne Vieth-Entus

Die Berliner Regierung arbeitet ihre Koalitionsvereinbarung ab: Jetzt steht das „Er­s‍te Queer-Jugendzentrum“ auf der Agenda. Im Mittelpunkt steht das Ziel, die hohe Suizidrate bei queeren Jugendlichen zu senken. Ein entsprechender Antrag soll an diesem Donnerstag ins Plenum eingebracht werden.

June Tomiak ist jugendpolitische Sprecherin der Grünen und jüng­s‍tes Mitglied des Abgeordnetenhaus.Foto: Mike Wolff   

( mehr Infos wenn du das Bild anklickst )


Mit Offenheit  statt Gekicher      ( Mehr klick das Bild an)  15.05.2017


Aufklärung und Anti-Aufklärung (15.05.2017)

Ellen Wesemüller über ge­s‍tiegene Gewalt an Lesben und Schwulen

Foto: dpa/Paul Zinken (mehr Infos klick das Bild an)

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob die ge­s‍tiegenen Fälle von Homo- und Transphobie in Berlin nun dem Um­s‍tand geschuldet sind, daß es ein größeres Bewußtsein oder den Mut dazu gibt, diese Fälle anzuzeigen. Oder eben dem Um­s‍tand, daß es tatsächlich mehr Fälle geworden sind. Denn bei einer Dunkelziffer von 80 bis 90 Prozent kann sowieso nur sehr ungenau über die tatsächliche Zahl spekuliert werden. Zumal sich die Straftaten zwischen Opferberatung und Polizei um mehr als das Doppelte unterscheiden.

Meldeplattform für Opfer von Haß und Gewalt (15.05.207)

Gewalt und Haß gegen Homosexuelle, Bisexuelle oder Transgender kommen in Österreich immer noch häufig vor. Eine neue Initiative, die am Samstag in Innsbruck ge­s‍tartet wird,   will dagegen vorgehen.

(mehr wenn du das Bild anklickst)