Queer - Impulse

So leb Dein Leben, wir haben nur das eine ?!?



Der schwule Mann – beziehungsunfähig?

Viele Schwule hätten Mühe, eine Beziehung einzugehen, liest man häufig. Was ist dran, am Bild des «Bindungsscheuen»? Eine Frage, die nicht zuletzt mit dem Coming-out zusammenhängen kann.

Irgendwie ist es seltsam», sagt Kevin. «Die mei­s‍ten schwulen Männer wünschen sich eine Beziehung, haben aber irgendwie Angst davor.» Kevin ist Mitte Zwanzig, lebt in San Francisco und unterhält einen YouTube-­Kanal, auf dem er Videos zu diversen Themen veröffentlicht. Einer seiner Clips trägt den Titel «Warum ich und die mei­s‍ten anderen schwulen Männer Single sind». Darin geht Kevin der Frage nach, wieso «sich viele Schwule schwertun, einen Partner zu finden», wie er es beschreibt. «Manchmal wünsche ich mir wirklich, mit jemandem zusammenzusein», fährt er fort. «Aber dann funktioniert es nicht, weil die andere Person nicht dieselben Vor­s‍tellungen hat. Und wenn der andere was will, paßt es für mich nicht.» Es sei ein Katz-und-Maus-Spiel, die ganze Zeit. «Das kann sehr deprimierend sein.» (Foto-huffingtonpost)

Das Bild des «unzähmbaren» Mannes
Das Video stieß auf große Resonanz – bis dato verzeichnet es mehr als 230 000 Aufrufe, und in den über 1700 Kommentaren kam es zu angeregten Diskussionen über das Beziehungsverhalten schwuler Männer. Das Interesse am Thema er­s‍taunt nicht: Kevins Aussagen, seine Erzählungen über das «Katz- und Maus-Spiel», das ewige Hin, das ständige Her dürften fast jedem bekannt vorkommen, der sich auf dem Dating-Markt tummelt – oder schon minde­s‍tens einmal eine Liebeskomödie aus Hollywood gesehen hat. Immer wieder hört man von der Schwierigkeit, «den Richtigen» zu finden. Nicht nur bei den Homo-, sondern auch bei den Heterosexuellen. Dem Mann, egal welcher geschlechtlichen Neigung, haftet dabei das Image des freiheitsliebenden Treulosen an, der rastlos durch sein Leben streunt, sich ununterbrochen paaren will und die «Fesseln einer Partnerschaft» scheut wie der Teufel das Weihwasser.

«Oft heißt es, Schwule hätten tief sitzende Äng­s‍te vor dauerhaften Beziehungen – ich bezweifle das»

Zu vereinfacht, zu plakativ
Daß die Realität nuancierter und nicht derart schablonenhaft aussieht, ver­s‍teht sich von selbst. Dennoch wird die Beziehungsfähigkeit von Männern gerne mal angezweifelt, jene von Schwulen sowieso. In den Kommentarspalten zu Kevins Video zum Beispiel war mehrmals zu lesen, daß Schwule «nun mal oberflächlich und triebge­s‍teuert» seien, was eine «normale Beziehung» erschwere. Einen weiteren vermeintlichen Grund nennt der Autor Steven Milterton. «Oft heißt es, Schwule hätten tief sitzende Äng­s‍te vor dauerhaften Beziehungen – ich bezweifle das», schreibt er auf seiner Homepage. Auch der Basler Psychotherapeut Udo Rauchfleisch relativiert gegenüber der Mannschaft das «immer wieder gehörte Argument, schwule Männer seien nicht bindungsfähig». Ganz so einfach sei es nicht, sagt er. «Das ist ein Thema mit sehr vielen Facetten.»

«Single» nicht gleich «beziehungsunfähig»
Zuerst einmal weist Udo Rauchfleisch darauf hin, daß Begriffe wie «Bindungsangst» oder «Beziehungsunfähigkeit» oft falsch verwendet würden. «Die Beziehungsfähigkeit einer Person hängt nicht davon ab, ob sie in einer fe­s‍ten Partnerschaft lebt oder nicht – auch wenn uns das von der Gesellschaft oft suggeriert wird», erklärt er. «Immer wieder habe ich Patienten, die sich selbst für beziehungsunfähig halten, nur weil sie Single sind.» Laut Rauchfleisch geht es vielmehr um die Frage, ob die Person ganz allgemein in der Lage ist, emotional bedeutsame Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und über längere Zeit zu erhalten. «Hierbei kann es sich auch um Beziehungen zu Freunden handeln», so der Psychologe. «Freundschaften, die frei sind von der ganzen Dramatik rund um Sexualität und romantische Gefühle, können eine Liebesbeziehungen zum Teil auch ersetzen – gerade bei Schwulen kommen solchen Freundschaften eine sehr wichtige Bedeutung zu.» Die Frage, ob Menschen beziehungsfähig sind, ist also von derjenigen zu trennen, ob sie einen fe­s‍ten Partner haben.

Mehr möglich als Monogamie
Die These des «bindungsunfähigen Schwulen» wird auch durch die simple Tatsache entkräftet, daß viele Schwule in funktionierenden Partnerschaften leben. Oft würden sie ihre Beziehungen dabei zwar freier gestalten als Heteropaare und sich eher von be­s‍tehenden Konventionen loslösen, erklärt Udo Rauchfleisch. «Schwule reden in der Regel ziemlich ehrlich darüber, welche Bedürfnisse sie verspüren, gerade im Hinblick auf eine allfällige Beziehungsöffnung.» Der Unterhalt sexueller Kontakte zu verschiedenen Menschen schließt nach Ansicht des Psychotherapeuten aber nicht aus, daß man gleichzeitig ernsthafte, tiefe Gefühle für seinen Partner hegt. «Diese beiden Dinge können nebeneinander be­s‍tehen.» Diesen Schluß legen auch mehrere Studien nahe, die in den letzten Jahren erschienen sind.

«Schwule reden in der Regel ziemlich ehrlich darüber, welche Bedürfnisse sie verspüren, gerade im Hinblick auf eine allfällige Beziehungsöffnung.»

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2015 zum Beispiel ergab, daß «nicht-monogame Schwulenpaare unter Um­s‍tänden sogar zufriedener sind und sich näher stehen als ihre sexuell exklusiven Pendants», wie die Zeitung The Guardian berichtete. Daß offene Beziehungen nicht das perfekte Beziehungsmodell für jeden und alle dar­s‍tellen, daß sie auch Risiken bergen und nicht jederzeit einem Spaziergang bei Sonnenschein gleichkommen, ist klar. Logisch sollte aber auch dies sein: «Aus der Tatsache, daß viele Schwule in einer offenen Beziehung und somit sexuell nicht exklusiv leben, kann man nicht automatisch ableiten, daß sie beziehungsunfähig sind», wie Udo Rauchfleisch resümiert. Und für den US-amerikanischen Psychologen Joshua Matacotta steht fest: «Gute Partner sind offen, ehrlich und dazu bereit, die Bedingungen der Beziehung zu verhandeln – unabhängig davon, ob diese offen oder geschlossen ist», schreibt er auf goodmenproject.com.

Zufrieden oder nicht?
Trotz alledem: Daß einige Schwule fe­s‍te Liebesbeziehungen meiden oder Mühe haben, eine solche zu führen, ist nicht von der Hand zu weisen. «Ja, das kann sehr wohl vorkommen», sagt Udo Rauchfleisch. Das ist unbedenklich, wenn es den Betroffenen gut­geht dabei – zum Beispiel, weil ihnen das Beziehungsleben schlicht nicht zusagt und sie Liebe, Zuneigung und zwischenmenschliche Nähe aus einem soliden Freundes- und Bekanntenkreis ziehen. Es gibt aber auch jene, die sich unwohl fühlen in ihrem Zögern, sich vorbehaltslos auf einen Partner einzulassen. Manche hadern vielleicht mit der Tatsache, daß sie Beziehungen immer wieder abbrechen, ohne wirklich zu wissen, warum. In diesen Fällen kann es sich lohnen, genauer hinzuschauen und zu versuchen, die Ursachen der als störend empfundenen Verhaltensmu­s‍ter zu eruieren.(Foto-dieMannschaft)

Bela­s‍tende Streßfaktoren
Laut Udo Rauchfleisch kann der sogenannte Minoritätenstreß ein wichtiger Grund sein. Dieser ent­s‍teht, wenn eine Person nicht dem Mainstream, sondern einer stigmatisierten Minderheit angehört. «Zusätzlich zum Streß, den jeder Mensch im Alltag erfährt, verspüren Mitglieder einer Minderheit insofern zusätzliche Bela­s‍tungen, als sie beispielsweise mit Diskriminierung zu kämpfen haben.» Die Diskriminierung kann sich dabei in verschieden­s‍ten Formen manife­s‍tieren. Sie ist grob, einschüchternd und unmittelbar spürbar, wenn sie sich in gewalttätigen Übergriffen oder Beleidigungen äußert.

Sie kann aber auch subtiler wirken, etwa wenn sie im Gewand rechtlicher Ungleichheit daherkommt. «Homosexuelle Partnerschaften waren lange Zeit staatlich nicht anerkannt», erläutert Rauchfleisch. Dadurch seien sie de­s‍tabilisiert worden. «Rechtliche Anerkennung bedeutet soziale Anerkennung.» Wenn letztere fehlt, dann kann dies – sowohl in den Augen der Mehrheitsbevölkerung als auch im Empfinden der Schwulen und Lesben selbst – zu einer Entwertung gleichgeschlechtlicher Beziehungen führen.

«Ständig erhalten wir diese Bilder von außen», sagt Rauchfleisch. «Wer gewisse Dinge immer wieder hört, tendiert dazu, sie zu verinnerlichen.» Sei es nun die Botschaft, daß homosexuelle Liebe den staatlichen Segen nicht verdiene, sei es die Ansicht, wonach schwule Männer keine Partnerschaften eingehen und führen könnten. «So hält man sich mit der Zeit womöglich selbst für beziehungsunfähig», erklärt der Psychotherapeut. «Oder man glaubt, daß eine homosexuelle Beziehung gar nichts Wertvolles oder Erstrebenswertes dar­s‍tellt.» Zusätzlich be­s‍tehe die Gefahr, daß man die eigenen Überzeugungen auf sein Gegenüber projiziert. «Und schon gehen wir davon aus, daß auch der Partner nicht bindungsfähig ist.»

Keine Gefühle, nur Sex?
Dasselbe Denkmu­s‍ter spricht auch Joshua Matacotta an: «Eine Beziehung mit einem Mann einzugehen, heißt manchmal auch, sich automatisch Sorgen über dessen Treue zu machen.» Diese Bedenken seien nicht zuletzt das Ergebnis der Wertvermittlung, die in unserer Gesellschaft stattfindet: «Hoch angesehen ist der attraktive, freie und sexuell umtriebige Mann», so der Psychologe. Demgegenüber würden sowohl schwule als auch heterosexuelle Männer von ihren Gefühlen «wegsozialisiert». «Wer als Mann ein Bedürfnis nach emotionaler Intimität und Nähe ausdrückt, wird oft als schwach angesehen – und das wollen die mei­s‍ten verhindern.» Das Ergebnis: Man ist überzeugt, der Mann wolle sowieso nur Sex, um es vereinfacht auszudrücken.

Das gleiche Phänomen beschreibt auch Matacottas Berufskollege Michael Radkowsky. «Männer werden dahingehend sozialisiert, daß sie sich ohne Bedenken und Skrupel auf die Jagd nach Sex begeben können.» Gerade unter Schwulen komme Letzterem ein hoher Stellenwert zu, sodaß Erfolg in der Szene oft darüber definiert werde, wie begehrenswert jemand ist und wie viele «Eroberungen» er verzeichnet. All das erhöht den Druck, einem gewissen Erscheinungsbild und Lebens­s‍til zu entsprechen. Für einige wird es somit zur Herausforderung, «ein sexuell wie emotional gesundes Lebens zu führen» oder einem anderen Mann zu vertrauen.

Prägende Jahre
Einzugehen ist schließlich auch auf die Tatsache, daß Homosexuelle ein Coming-out durchmachen müssen. Die Zeit, die diesem vorausgeht, stellt oft eine psychische Bela­s‍tung dar – ein weiterer, wichtiger Faktor für die Ent­s‍tehung von Minoritätenstreß. «Viele homosexuelle Jugendliche verbergen ihr wahres Ich während Jahren. Einerseits, weil sie Zurückweisung und negative Reaktionen befürchten. Andererseits fehlt ihnen bisweilen die Gewißheit, stets dafür geliebt zu werden, wer sie sind», sagt Radkowsky. Solche Um­s‍tände können nicht nur die Entwicklung eines soliden Selbstwertgefühls erschweren, sondern auch zur inneren Vereinsamung und Isolation führen.

Beispiele hierfür liefert der Autor Michael Hobbes in seinem Artikel «Together alone – the epidemic of gay lonelineß». Dieser dreht sich um die Frage, wie es heutzutage um die Psyche des schwulen Mannes be­s‍tellt ist. Hobbes verarbeitet in seinem Text nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern schreibt auch die persönlichen Lebenserfahrungen vieler schwuler Männer nieder, mit denen er sich unterhielt. Einer dieser Männer ist Adam. Obwohl dieser nie die Befürchtung hatte, seine Familie könnte homophob sein, paßte er sich über die Jahre dahingehend an, daß er «weibliche» Verhaltensmu­s‍ter fortlaufend aus seinem Benehmen ausmerzte. «Als er in die Highschool kam, hätte niemand mehr den Verdacht geschöpft, Adam könnte schwul sein», schreibt Hobbes.

«Ich versuchte, dagegen anzukämpfen, indem ich sehr viel Sex hatte. Ich redete mir ein, intime Momente zu erleben, wenn ich mit jemandem schlafe.»

Doch diese Anpassung forderte ihren Tribut. «Ich konnte niemandem vertrauen, weil ich immer dieses Geheimnis mit mir herumtrug», erzählt Adam. «So ging ich zunehmend als einsamer Wolfs durchs Leben.» Adam merkte, wie er sich mehr und mehr von den Menschen um ihn herum di­s‍tanzierte. Als 16-Jähriger gab er sein Coming-out, etwas später schloß er die Highschool ab und zog nach San Francisco, wo er in der HIV-Prävention zu arbeiten begann. Das Gefühl der Einsamkeit sei aber geblieben, wie Adam gegenüber Hobbes erklärt. «Ich versuchte, dagegen anzukämpfen, indem ich sehr viel Sex hatte. Ich redete mir ein, intime Momente zu erleben, wenn ich mit jemandem schlafe.» Mit der Zeit entwickelte Adam eine Sexsucht, gegen die er sich nun behandeln läßt. «Manche Leute haben viel Sex, weil es ihnen Spaß macht – und das ist toll!», wird Adam zitiert. Er hingegen habe versucht, den Sex «wie einen Schwamm auszuwringen», um zu erhalten, was ihm fehlte: das beruhigende Gefühl, getragen und aufgehoben zu sein.

Was fühle ich, was will ich?
Adams Beispiel zeigt eines eindrücklich auf: In den mei­s‍ten Fälle lösen sich nach dem Coming-out nicht einfach alle Probleme sogleich in Wohlgefallen auf. Es ist nicht immer der erhoffte Befreiungsschlag, der auf einmal sämtliche Fesseln durchtrennt, die einen jahrelang zurückgebunden haben. Vielmehr merkt man, daß die Zeit vor dem Outing wie ein Erdbeben wirkte, das Bäume aus dem Boden riß und Gebäude einstürzen ließ. Allenfalls vergehen Jahre, bis die Häuser wieder aufgebaut, die Bäume erneut verwurzelt sind.

«Mitunter dauert es sehr lange, bis Schwule merken, daß all die Dinge, nach denen sie streben – der perfekte Körper, beruflicher Erfolg oder das ideale Grindr-Date – eigentlich nur die eigene Angst vor Zurückweisung ver­s‍tärken.»

Wie sich die Unterdrückung und Geheimhaltung der eigenen Homosexualität auswirken kann, beschreibt Michael Hobbes, indem er den Streßforscher John Pachankis zitiert: «Viele Schwule wissen nach Jahren der Emotionsvermeidung schlicht nicht mehr, was sie überhaupt empfinden. Der eine sagt ‹Ich liebe dich›, woraufhin der andere antwortet ‹Und ich liebe Pfannkuchen›.» Und so schiessen manch einer den Partner in den Wind, weil «dieser seine Zahnbür­s‍te im Badezimmer läßt», schreibt Hobbes. Er habe zum Beispiel auch mit zahlreichen Männern geredet, die ungeschützt mit wildfremden Typen schliefen, «weil sie nicht mehr in der Lage waren, auf ihre eigenen Bedenken zu hören».

Laut Pachankis seien viele schwule Männer losgelöst von ihren wirklichen Empfindungen, schreibt Hobbes. Mitunter dauere es Jahre, «bis sie merken, daß all die Dinge, nach denen sie streben – der perfekte Körper, beruflicher Erfolg oder das ideale Grindr-Date – eigentlich nur die eigene Angst vor Zurückweisung ver­s‍tärken». Auch Udo Rauchfleisch weiß, welche Effekte der Coming-out-Prozeß haben kann: «Wenn eine Person schwer verletzt wird, dann verliert sie unter Um­s‍tänden das Vertrauen in andere Menschen. Sie wird vorsichtig und hütet sich, verbindliche Beziehungen einzugehen.»

Offen thematisieren
All das mag ziemlich negativ klingen, weshalb es umso wichtiger erscheint, an diesem Punkt etwas klarzu­s‍tellen: Es geht nicht darum, uns Schwulen pauschal den Stempel der psychisch Angeknack­s‍ten und emotional Verwirrten aufzudrücken. Aber es ist nun einmal so, daß homosexuelle Menschen häufiger von psychischen Leiden betroffen sind als heterosexuelle. Das ist eine erwiesene Tatsache, die nicht zuletzt Michael Hobbes in seinem Artikel eindrücklich darlegt. Dieses Thema soll und darf offen angesprochen werden. Nur so kann man den Ursachen dieser Beeinträchtigungen auf den Grund gehen, und nur so können wirksame Gegenmaßnahmen ergriffen werden – sowohl auf gesellschaftspolitischer als auch auf der individuell-persönlichen Ebene.

Wo stehen wir?
Dieser Aspekt ist denn auch zu berücksichtigen, wenn die Frage der «Beziehungsfähigkeit» homosexueller Männer diskutiert wird: Zweifelsohne sind Schwule in der Lage, gesunde Liebesbeziehungen aufzubauen und zu pflegen – zahlreiche tun es. Und wenn es manchmal den Anschein hat, als wäre dem nicht so; wenn manchmal der Eindruck ent­s‍teht, Schwule seien bindungsunfähige Schwerenöter, dann liegt das weniger daran, daß wir keine Partnerschaft eingehen und führen können. Vielmehr hängt es damit zusammen, daß wir vielleicht nicht immer wissen und spüren, ob wir eine solche überhaupt wollen oder in welcher Form wir sie wollen.

Auf sich selbst hören
Diese Unsicherheit – um noch einmal auf Pachankis’ Erkenntnisse zurückzukommen – rührt bisweilen daher, daß wir Schwulen teilweise erst wieder lernen müssen, auf uns selbst zu hören. Wer jahrelang im sprichwörtlichen «Closet» sitzt, schraubt womöglich einen Deckel auf sein Gefühlsfaß. Zu groß ist sonst die Gefahr, verletzt zu werden oder stets aufs Neue zu realisieren, wie sehr man am eigenen Ich mit seinen Bedürfnissen und Wünschen vorbeilebt, indem man sich an die Normen der Mehrheitsgesellschaft anpaßt.

«Wer es geschafft hat, sich zu outen, verfügt über alle Voraussetzungen, um sich seinen Weg zu suchen – eine dicke Haut, den Glauben an die eigene Person und das Bedürfnis, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein.»

Wird das Faß im Zuge des Coming-outs geöffnet, brechen die ange­s‍tauten Gefühle vielleicht sturzbachartig über einen herein. Diese Flut kann überfordern, und unter Um­s‍tänden dauert es, bis sie kanalisiert und in ruhigere Bahnen gelenkt ist. Die benötigte Zeit sollte sich jeder nehmen – und dabei nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst mit Geduld und Güte begegnen, statt sich unter Druck zu setzen, vermeintlichen Liebesidealen nachzueifern und sich dem Diktat äußerer Vorgaben zu beugen. Psychologe Michael Radkowsky sagt es folgendermassen: «Die gute Nachricht ist: Wer es geschafft hat, sich zu outen, verfügt über alle Voraussetzungen, um sich seinen Weg zu suchen – eine dicke Haut, den Glauben an die eigene Person und das Bedürfnis, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein.»(von Markus Stehle die Mannschaft)

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Rußland

Homosexualität: "Ich dachte, meine Tochter sei ein Mon­s‍ter"

Die DW zeigt Porträts junger homosexueller Männer und Frauen aus Rußland - einem Land, in dem Homophobie weit verbreitet ist.

Homosexualität in Rußland: Ein Tabu wird zementiert

"Ihre Herzen sollen verbrannt und vergraben werden": Dieser Vorschlag kam vom prominenten russischen Fernsehmoderator Dmitri Kisjelow zur be­s‍ten Sendezeit im Er­s‍ten Russischen Fernsehen. Er galt Menschen "mit einer nicht-traditionellen sexuellen Orientierung", so nennt man in Rußland Schwule und Lesben. Kisjelow ist die Lichtgestalt der russischen Medienpropaganda. Er lügt, hetzt, beleidigt und wird dafür verehrt. Für seinen Vorschlag der Herzverbrennung bekam er Applaus im Studio. Die Hetzjagd auf Schwule begann. Das war im Jahr 2012.                   

Ein Jahr später wurde im südrussischen Wolgograd ein 20-jähriger Mann ermordet. Weil er schwul war. Sein Kopf wurde mit einem 20 Kilogramm schweren Stein zertrümmert. Aus Haß.

Kurz darauf verabschiedete die Duma, das russische Parlament, das sogenannte Anti-Schwulen-Gesetz. Wer sich in Anwesenheit von Minderjährigen positiv über Homosexuelle äußerte, machte sich von heute auf morgen strafbar. Der Staat wollte damit die sogenannte "Propaganda der nicht-traditionellen sexuellen Orientierung" bekämpfen.

Kein Schutz für Homosexuelle

Im Umkehrschluß hieß es aber: Jeder, der die schwulen Opfer der Gewalt öffentlich verteidigte, konnte sich strafbar machen. Russische Homosexuelle konnten nicht mehr damit rechnen, daß der Staat sie gegen Einschüchterungen, Erniedrigungen und Aggressionen schützt. Und das, obwohl homosexuelle Beziehungen in Rußland offiziell erlaubt sind.

Fünf Jahre sind vergangen. Homophobie, die in Rußland quasi per Gesetz erlaubt wurde, ist weit verbreitet. Heute kann man mit Schwulenhaß nicht nur Geld in Talkshows verdienen, sondern offenbar auch bei Wählern punkten. Zumindest bei ihrem ganz be­s‍timmten orthodoxen Teil. Wer in Rußland öffentlich gegen Schwule hetzt, wähnt sich nicht nur als Verteidiger der sogenannten traditionellen Werte, sondern als Unter­s‍tützter der moralischen Säulen der ganzen russischen Gesellschaft, die von außen, aus dem "faulen We­s‍ten", angegriffen wird. Nicht mehr und nicht weniger. 

Eltern verjagen ihre Kinder 

Das Resultat: Der Duma-Abgeordnete der Russischen Föderation Witali Milonow darf den Bürger der Russischen Föderation Boris Konakow in aller Öffentlichkeit beleidigen. Ungestraft. Herr Milonow nennt Herrn Konakow eine "AIDS-verseuchte Schwuchtel" - weil der junge Mann gegen die Verfolgung von Schwulen in der Teilrepublik Tschetschenien prote­s‍tierte. Er kettete sich mit Handschellen für eine Stunde an das Gelände einer Brücke in Sankt Petersburg. Einer Brücke, die den Namen des Vaters des Tschetschenien-Führers Kadyrow trägt. 

Das Resultat: Die Mutter einer Jugendlichen namens Natalia ge­s‍teht, daß sie bereit sei, "auf Knien zu kriechen und Gott zu bitten, ihre Tochter normal wie alle anderen zu machen". Dann ge­s‍teht sie, daß sie sich vor ihrer eigenen Tochter "wie vor einem Mon­s‍ter" ekelte, als Natalia ihr erzählte, daß sie Mädels statt Jungs liebt. Am Ende aber konnte sich die Mutter doch überwinden. Ein Glück für Natalia, das viele andere Jugendliche nicht haben. Andere Töchter werden von den eigenen Vätern geschlagen. Andere Eltern verjagen ihre homosexuellen Kinder. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren Fälle von "korrigierenden Vergewaltigungen". Dabei werden lesbische Töchter in einen Raum mit einem Vergewaltiger gesperrt.

Die Flucht als letzter Ausweg

Das Resultat: Der Millionär German Sterligow eröffnet in ganz Rußland Brotläden mit dem Eingangsschild "Schwuchteln Zutritt verboten". Niemanden interessiert die widerliche Äußerung, die an die Nazi-Schilder "Juden Zutritt verboten" erinnert. Strafanzeige? Fehlanzeige! Russische Medien empören sich lieber über die extrem hohen Brotpreise. Der Geschäftsmann Sterligow, der einst Präsidentschaftsambitionen hatte, propagiert den gleichen Lebens­s‍til wie der Abgeordnete Milonow: Kinder, Küche, Kirche. Dabei geben sich seine eigenen Mitarbeiter durchaus tolerant, stellte der junge, offen schwule Blogger Kyrill Egor fest. Egor nahm seine Kamera und ging in einen der Sterligow-Läden rein. Dorthin, wo ihm der Zutritt verboten war. Eigentlich.(Foto-eurasischesmagazin)

Das Resultat schließlich: Niemand fragt nach dem Schicksal der mehr als hundert schwulen Männer, die in einem geheimen Gefängnis in Tschetschenien gedemütigt, mißbraucht, geschlagen wurden. Die regierungskritische Zeitung Novaja Gazeta berichtet monatelang darüber. Als beinahe einziges Medium in Rußland. Im Ausland dagegen breitet sich der Skandal aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht in Anwesenheit von Rußlands Präsident Wladimir Putin vor laufenden Kameras das Problem bei ihrem Besuch im russischen Sotschi an. Zu dem Zeitpunkt ist "Viktor", ein junger Schwuler aus dem tschetschenischen Städtchen Argun, bereits aus seiner Heimat Tschetschenien geflohen.

Sie alle, Boris, Natalia, Kyrill und der tschetschenische Schwule, den wir aus Sicherheitsgründen "Viktor" nennen, erzählen mir ihre Geschichten in Moskau und Sankt Petersburg. Geschichten voller Schmerz, Verzweiflung, aber auch Mut. Geschichten über ihre homosexuelle Liebe, die in diesem Land für Tausende Männer und Frauen schutzlos ist.( Juri Rescheto-deutschewelle)


Schwul macht cool

Die Heteromänner von heute sind dabei, den schwulen Life­s‍tyle zu übernehmen, sagt Stilexperte Clifford Lilley

Über Jahrhunderte seien Schwule für die breite Öffentlichkeit kein Thema gewesen, meint Clifford Lilley. Kein Mensch kümmerte sich um sie, und es gab damals keinen, der schwulen Life­s‍tyle verkörperte oder gar imitierte, denn so etwas gab es einfach nicht. Homosexuelle ver­s‍teckten sich in aller Regel. Schillernde Persönlichkeiten wie Oscar Wilde, die ihr «Anderssein» mit einer grünen Nelke am Revers thematisierten oder glorifizierten, waren die Ausnahme. Doch sie galten als «queer», also schräg, deformiert und abartig, weswegen man sie verfolgte und unterdrückte. Erst in den späten sechziger und siebziger Jahren wurden die Homosexuellen auch öffentlich «sichtbar», und das positiv besetzte Wort «gay» kam in Mode.(Foto-Mannsbild)

Als die Schwulen dann endlich «aus dem Busch» kamen, entwickelte sich so etwas wie ein schwuler Life­s‍tyle. Es gab Treffpunkte, Viertel oder Ferienorte wie Ibiza oder Mykonos, wo Schwule vorurteilsfrei und ohne Repression zusammenkommen konnten, und es ent­s‍tand eine Art von schwulem Dreßcode, also dieser ganze körperbewußte Habitus. Man zeigte seine Muskeln. Ein geripptes Tanktop wurde so etwas wie das er­s‍te schwule Outfit. In der westlichen Kultur wurden Schwule bald als die schöneren, attraktiveren und besser angezogenen Männer wahrgenommen. Daß sie auch den Mädchen gefielen, weckte den Neid und manchmal auch den Zorn vieler heterosexueller Männer.

Die wichtig­s‍ten schwulen «Ikonen» der letzten vierzig Jahre kamen aus dem Pop- oder Mode-Busineß, sei das Freddie Mercury in den siebziger Jahren oder George Michael oder Jean-Paul Gaultier in den achtziger Jahren. Heute ist Tom Ford so etwas wie das Vorzeigemodell des modernen (schwulen) Mannes. Er ist ein attraktiver und zeitgemässer Mann, der das Maximum aus sich macht, und das ist sehr modern. Ob schwul oder nicht, das ist nicht mehr das zentrale Thema. Denn auch wir Schwule sind letztlich ganz normale Menschen, und entsprechend ziehen wir uns an. Man braucht nicht mehr mit seinen Kleidern zu illustrieren, daß man schwul ist. Sieht Kurt Aeschbacher etwa typisch schwul aus? Er zieht sich gut an, aber das können Heteros auch.(Foto-Mannsbild)

Generell läßt sich sagen: Der Mann ist weicher und feiner geworden, er hat seine feminine Seite entdeckt. Dennoch haben noch immer viele Heteros große Angst davor, in irgendeiner Weise «schwul» auszusehen. Das ist paradox, denn sie haben die wichtig­s‍ten Merkmale des schwulen Life­s‍tyles längst übernommen. Heute sehen ja sogar Teenager aus wie früher die Schwulen, mit Ohrringen, Gel in den Haaren und rasierten Achselhöhlen. Es gibt keine eindeutigen Signale mehr. Man kann schwule Männer vielleicht noch an ihrem Habitus identifizieren, aber nicht mehr an ihren Kleidern.

Der moderne Mann, ob hetero oder schwul, macht Pediküre und Maniküre und rasiert sein Körperhaar. Das Thema ist heute absoluter Mainstream, und es wird auch Geld mit den Schwulen verdient. Der Markt hat sie als konsumfreudige Zielgruppe entdeckt, sogar im prüden Amerika, wo es inzwischen im Fernsehen Familienshows gibt, in denen schwule Männer die Hauptrolle spielen. Jene, die früher als Schwuchteln und Perverse verschrien wurden, sind heute also die neuen Vorzeigemänner.

Und jetzt? Schwule haben noch immer mehr Spaß an Mode, Körperpflege, Tanz, Kultur und Etikette. Heteros sind dagegen eher an Autos, Rasenmähern und Fußball interessiert. Das sind keine Gegensätze, sondern komplementäre Qualitäten. Der Hetero kann deshalb vom schwulen Mann lernen, wie man mit seiner Garderobe umgeht, etwas attraktiver aussieht und weniger «Puff» im Kleiderschrank hat. Und der Schwule kann vom Hetero vielleicht endlich lernen, wie man Zündkerzen wechselt oder einen Frei­s‍toß ausführt. Aufgezeichnet von Jeroen van Rooijen

Der in Südafrika geborene Clifford Lilley (51) ist freischaffender Stylist und Image-Consultant in Zürich. www.clifford-lilley.com.(NZZ)

"Vorurteile über Lesben sind tief verwurzelt"

Erstmals tauschen sich lesbische Frauen aus ganz Europa bei einer Konferenz in Wien aus. Mitinitiatorin Maria von Känel über fehlende Akzeptanz und doppelte Diskriminierung

Von Freitag bis Sonntag findet die er­s‍te europäische Lesbenkonferenz in Wien statt. "Connect, Reflect, Act, Transform" lautet das Motto. Maria von Känel ist eine der Initiatorinnen und erklärt, was dabei gefordert wird – und warum gesetzliche Gleich­s‍tellung nicht reicht.

Drei Tage lang werden verschiedene Orte in der Wiener Innen­s‍tadt Teil der European Lesbian* Conference sein. Was erwarten Sie sich als Initiatorin davon?

Von Känel: Unser Ziel ist es, eine zukünftige Gemeinschaft aufzubauen, die Lesben- und Frauenanliegen aufarbeitet und damit politisch relevant macht. Mit der Veranstaltung bieten wir einen geschützten Raum, in dem sich Frauen länderübergreifend kennenlernen, au­s‍tauschen und unter­s‍tützen können. Wir haben festge­s‍tellt, daß die Themen trotz Länderunterschieden mei­s‍tens sehr ähnlich sind. Das Kernthema ist nach wie vor die gesetzliche Gleich­s‍tellung – aber eben nicht nur: Es geht vor allem auch um soziale Akzeptanz und Chancengleichheit.(Foto-rainbowfeeling)

STANDARD: Inwiefern ist Wien ein geeigneter Ort für diesen Event?

Von Känel: Die Entscheidungsgrundlage war, ein Land im Zentrum Europas zu finden, das gut erreichbar ist und die Strukturen innerhalb einer solchen Konferenz bewältigen kann. Wien hat eine be­s‍tehende LGBTI-Community (Lesbisch, Schwul, Bi*, Trans* und Intergeschlechtlich, Anm.) die auch eine gewisse soziale Akzeptanz erfährt. Das war ein wichtiges Kriterium.

STANDARD: Wie stufen Sie Österreich im Hinblick auf den Umgang mit Homosexualität, speziell mit Lesben, ein?

Von Känel: Österreich ist beim Thema gesetzliche Gleich­s‍tellung zwar teilweise fortschrittlicher als andere Länder, trotzdem konnte die "Ehe für alle" noch nicht durchgesetzt werden. Es gibt also auch hier noch Handlungsbedarf in Bezug auf eine Antidiskriminierung in be­s‍tehenden Strukturen.

STANDARD: Die auseinanderklaffende Schere zwischen Frauen- und Männergehältern ist hierzulande nach wie vor ein großes Thema. Erfahren lesbische Frauen hier eine zweifache Bela­s‍tung?

Von Känel: Ja. Bei Themen wie Lohngleichheit sind Frauen noch immer benachteiligt, das allein ist schon eine Herausforderung. Sind sie dann auch noch lesbisch, erfahren sie oft eine zusätzliche Diskriminierung.

STANDARD: Seit Jänner 2011 gibt es in Österreich die eingetragene Partnerschaft für Lesben und Schwule, in Deutschland seit kurzem die "Ehe für alle" – wo gibt es noch Handlungsbedarf?

Von Känel: Ein wichtiger Meilen­s‍tein ist, die lesbische Marginalisierung und Diskriminierung sichtbar zu machen und für die Akzeptanz lesbischer Lebensformen einzutreten. Lesben sind eine Minderheit und auch weniger sichtbar als schwule Männer. Ein Grund dafür sind meiner Meinung nach die typischen Geschlechterrollen, die noch sehr präsent sind. Dem männlichen Geschlecht wird von Anfang an mehr Verantwortung zugesprochen, sie werden ernst genommen. Frauen müssen erst anerkennen, daß sie sich auch organisieren und stärker unter­s‍tützen dürfen. Sie müssen sich besser vernetzen. Spannend finde ich Länder, die Aktionspläne für lesbische Frauen aufge­s‍tellt haben, um diese gezielt zu fördern.

STANDARD: In welchem Land Europas sehen Sie noch den größten Gleich­s‍tellungsbedarf zwischen hetero- und homosexuellen Menschen?

Von Känel: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Ich persönlich glaube, daß wir die Chancengleichheit noch in keinem Land erreicht haben. Zwar arbeiten nordische Länder schon länger daran – Studien zeigen aber, daß sich auch in diesen Ländern manche Frauen noch nicht trauen, öffentlich zu ihrer Homosexualität zu stehen. Es müssen auch die Lebensqualität und damit verbunden die Möglichkeiten für Frauen in der jeweiligen Gesellschaft berücksichtigt werden. Daran dürfen wir alle noch arbeiten.

STANDARD: Wie könnte man sich ob der unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen für Lesben – etwa in Bezug auf reproduktive Rechte – innerhalb Europas solidarisieren?

Von Känel: Sich individuell zu solidarisieren ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg. Es gibt keine universellen Lösungen. Jedes Land hat sein politisches Sy­s‍tem, seine Historie und verschiedene Ressourcen, die zu diesem Zweck genutzt werden können. All diese Puzzleteile können sehr unterschiedlich sein – es braucht Menschen, die damit arbeiten und ihre Anliegen formulieren können. Das ist der er­s‍te Schritt, den wir mit der Konferenz gehen wollen. Es geht darum, ein kollektives Bewußtsein für die einzelnen Themen zu schaffen und am Status quo anzuknüpfen.(Foto-Gründe.de)

STANDARD: Außerhalb Europas gibt es noch zahlreiche Länder mit massiven Repressionen gegenüber Lesben und Schwulen. Wird das auch Thema der Konferenz sein?

Von Känel: Es wird eine Podiumsdiskussion geben, die asiatische Länder thematisieren wird. In solchen Ländern ist es gesetzlich noch viel schwieriger, deshalb brauchen Menschen dort einen geschützten Raum, um sich auszutauschen, zu solidarisieren – und vor allem auch zu informieren. Sehr viele Vorurteile über lesbische Frauen sind tief verwurzelt. Von dieser negativen Konnotation muß man sich befreien. Das kann natürlich nicht von heute auf morgen passieren. Auch in Österreich entwickelte sich eine solidarische LGBTI-Community erst nachdem einzelne Menschen so mutig waren, öffentlich zu ihrer Orientierung zu stehen.

STANDARD: Wie wollen Sie die Themen nach der Veranstaltung nach außen tragen?

Von Känel: Das ist die Grundfrage der Konferenz – darüber müssen wir reden. Es werden 400 Frauen aus 44 europäischen und zentralasiatischen Ländern teilnehmen. Ich bin überzeugt, daß das einen wahnsinnigen Impact auf das Ver­s‍tändnis der Gleich­s‍tellung haben kann. Ein wichtiger Schritt wird sein, ein gemeinsames Fundament zu schaffen, indem konkrete Anliegen zusammengefaßt werden. Daran wollen wir in den kommenden Tagen arbeiten. (von Nina Horcher-derstandart.de)

Die AfD hat ein Problem mit Homosexuellen

Auch Homosexuelle können AfD-Anhänger sein. Doch Alice Weidel ist kein Beweis dafür, daß die Partei ein Befürworter der gleichgeschlechtlichen Liebe ist.

Als ich mich vor Jahren zum Eintritt in die AfD entschied, geschah dies aus rein politischen Gründen. Ich glaubte, daß die AfD wirksame Strategien zur Lösung der Euro-Krise finden könnte. Daß meine sexuelle Orientierung bei diesem politischen Engagement eine Rolle spielen könnte, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Im Verlauf einer Vor­s‍tellungsrunde im Kreisverband Recklinghausen erwähnte ich seinerzeit, daß ich homosexuell bin. Und was folgte darauf? Nichts. Keine Häme, kein böses Wort und keine homophoben Äußerungen. Ich wurde ermutigt, mich aktiv in die Partei einzubringen und mir wurde versichert, wie sehr man sich über meinen Entschluß, mir ein eigenes Bild über die Arbeit in der AfD zu machen, freue. Ich hatte den Eindruck, daß die sexuelle Orientierung für die Arbeit in der AfD keine Rolle spielt. Dies änderte sich in meiner aktiven Zeit in der Partei nicht. (Foto-Blog.zeit.de)

Ganz anders sah es außerhalb der Partei aus. In meinem Bekanntenkreis wurde ich häufig angegriffen und man gab mir klar zu ver­s‍tehen, daß man kein Ver­s‍tändnis dafür aufbringen könne, warum ich ausgerechnet in die AfD eingetreten war. Auch Freunde, die in der AfD eingetreten waren – ebenfalls homosexuell – sahen sich gleichartigen Vorwürfen ausgesetzt.

Die Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl, Alice Weidel, lebt mit einer Frau zusammen.Das Paar zieht zwei Kinder auf. Immer wieder wird auch sie gefragt: Paßt ein homosexueller Mensch in das Selbstver­s‍tändnis einer konservativen Partei?

Die Gegenfrage muß doch lauten: Warum nicht? SPD, Grüne und die Linken vermarkten sich zwar als Kämpfer für Homosexuelle und sie deklarieren die Themen der Gleichberechtigung, beispielsweise bei der Diskussion um die Ehe für Alle, als eigenes Wahlkampffeld. Seit Jahrzehnten gehen diese Parteien so auf Stimmenfang in der LGBT-Community. Doch insbesondere die Sozialdemokraten revidierten nach den Wahlen und in an­s‍tehenden Koalitionsverhandlungen überraschend schnell ihre Versprechungen zu Gun­s‍ten anderer Themen. Die Schuld dafür konnten sie ohne Mühe dem Koalitionspartner zuschreiben.

Umso er­s‍taunlicher war es, als ausgerechnet Angela Merkel eine Ab­s‍timmung über die Ehe für Alle in der eigenen Partei ermöglichte und den anderen Parteien ein wichtiges Wahlkampfthema nahm, das sich dieses Mal sogar die FDP zu eigen machen wollte. Ausgerechnet das konservative Parteibündnis aus CDU/CSU ebnete Homosexuellen den Weg zu einer gleichberechtigten Ehe.

Auf die Sexualität beschränkt

Schade und oft sogar ärgerlich ist für mich, daß homosexuelle Menschen in der Politik zumeist auf ihre Sexualität beschränkt werden. Wenn ein homosexueller Mensch es trotzdem wagt, sich von dem Thema der Sexualität zu lösen und von seinem Recht Gebrauch macht, ein politisches Wesen zu  sein, zu dem nun einmal auch das gesamte Spektrum konservativer Ansichten gehört, können ihm erhebliche gesellschaftliche Konsequenzen drohen. Wer als Homosexueller die von der Politik  für ihn als zulässig erachteten Betätigungsbereiche verläßt, regt andere Homosexuelle zum Nachdenken an und ermutigt sie möglicherweise, seinem Beispiel zu folgen. Er wird so zu einer Bedrohung für das oben beschriebene, für ihn vorgegebene Spektrum politischen Handelns. Viele Parteien würden es  begrüßen, wenn sich eine Frau wie Alice Weidel, statt sich für die AfD stark zu machen, gar nicht in der Politik engagierte.

Homophobe Äußerungen in der AfD

Eine ganz andere Frage ist aber, ob der schwule Mann und die lesbische Frau homophobe Tendenzen, wenn sie in der eigenen Partei klar zu erkennen sind, negieren und tolerieren darf. Laut ihrem Programm ist die AfD eine Partei, die alle sexuellen Orientierungen akzeptiert. Man braucht nicht lange zu suchen, um in AfD-Internetforen, WhatsApp-Gruppen, aber auch an Stammtischen oder auch Parteitagen auf die er­s‍ten Spannungen zu stoßen. Die Geschehnisse um Mirko Welsch zum Beispiel werfen Fragen auf. Welsch war Bundessprecher der Homosexuellen in der AfD, die sich zunächst vor allem für die Belange Homosexueller einsetzte.(Zeit.de)

Größtenteils ignoriert

Verwunderlich war, daß die Gruppe es nie geschafft hat, von der Partei offiziell als Verband innerhalb der AfD anerkannt zu werden. Auf Parteitagen be­s‍teht, per Antrag, dafür die Möglichkeit. Diesbezügliche Versuche von Welsch scheiterten jedoch. Während sich immer mehr rechtskonservative Verbände in der Partei durchsetzen konnten und nur darum stritten, welche Gruppierung nun die Werte von Deutschland am ehe­s‍ten vertrete, wollte sich kein Parteitag des Themas annehmen. Die Vereinigung der Homosexuellen wurde als Gruppe akzeptiert, aber größtenteils stillschweigend ignoriert. Als Welsch seine Parteikollegen für das "Anbiedern an rechtsextreme und nationalsoziali­s‍tische Milieus" kritisierte, sah er sich Anfeindungen aus der Partei ausgesetzt. 2017 trat er aus der AfD aus. Kurz vor der Auflösung des Bundesinteressenverbands der Homosexuellen in der AfD, so die offizielle Bezeichnung, kam es zu einer Abspaltung. Es ent­s‍tand die Schwul-Lesbische Plattform, öffentlich wirksam wurde sie nie. Bis heute hat es keine homosexuelle Gruppierung geschafft, von der Partei und somit von den Mitgliedern anerkannt zu werden.

Ein anderer Hinweis auf ein Problem der AfD mit homosexuellen Mitgliedern ist der oftmals euphemi­s‍tische Umgang mit deutlich homophoben Aussagen einzelner Parteimitglieder. Im Sommer 2016 diskutierte man beispielsweise im Landtag von Sachsen-Anhalt darüber, die Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsländern erklären zu wollen. Auf den Hinweis einer Abgeordneten der Linken, daß Homosexuelle dort mit erheblichen Repressionen und Gefängnisstrafen zu rechnen hätten, rief Andreas Gehlmann (AfD), man sollte dies auch in Deutschland wieder machen. Die AfD-Landesspitze bemäntelte das als Mißver­s‍tändnis, eine Di­s‍tanzierung blieb aus. Dieser kritiklose Umgang mit menschenverachtenden Aussagen kann als ein eindeutiges Zeichen gewertet werden.

Keine wirkliche Kritik an Höcke

Doch es geht weiter. Im Oktober 2016 warf Björn Höcke der Thüringer Landesregierung vor, man würde in den Schulen Mittel für Klassenfahrten kürzen, um das Geld in die "Bespaßung" für Schwule zu inve­s‍tieren. Konkret ging der Vorwurf an den Linken-Politiker Bodo Ramelow, dem Höcke vorwirft: "Für Bodo ist Analsex pädagogisch wertvoll." Höcke wurde, wie so oft, von seinem Weggefährten Alexander Gauland geschützt, der ihn gerne einen "Nationalromantiker" nennt. Eine wirkliche Kritik gab es auch hier nicht. Die AfD weiß zwar mittlerweile um die Gefahr, die für die Reputation der AfD von Björn Höcke ausgeht, kann sich aber nicht so recht entscheiden, gegen ihn vorzugehen.

Besonders Frauke Petry scheitert immer wieder mit ihrer Forderung für einen kritischen Umgang mit dem Parteikollegen Höcke. Aber auch die Bundessprecherin der Partei weiß gegen Homosexuelle Stimmung zu machen. So sagte sieim Interview mit dem Blog Jung und Naiv: "Und wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fast kein Spielfilm in Deutschland mehr damit auskommt, ohne das schwule Pärchen (…), dann möchte ich einfach nicht, daß das zum Standard erhoben wird."

Kein Aushängeschild für die AfD

Die Essenz all dieser Aussagen ist nicht das ganze Problem. Denn sie lassen sich zu leicht entschuldigen. Es heißt dann immer, daß diese Anfeindungen keine Programmbasis seien. Sie spiegelten nicht die Meinung der Mehrheit wider, oder man erklärt, daß es schwierige Charaktere überall gäbe. Viel gefährlicher ist das Schweigen nach solchen menschenverachtenden Äußerungen. Sie unkommentiert und unkritisiert stehen zu lassen, sie also zu dulden, ist ein eindeutiges Statement. Der Vorwurf homophober Tendenzen läßt sich also durchaus begründen.

Es ist also das gute Recht von Alice Weidel, sich in einer rechtskonservativen Partei zu engagieren und sich für Themen auch jenseits ihrer Sexualität einzusetzen. Aber ebenso wenig ist sie nur auf Grund ihrer Sexualität eine gute Politikerin oder gar ein Aushängeschild für eine angeblich schwulen- und lesbenfreundliche Entwicklung in der AfD. (von  Andre Yorulmaz-Zeit. Online)  


"Ich würde meine Homosexualität niemals verschweigen"

Vier junge Menschen erzählen von ihrem Coming-out im Job

Es geschah ganz beiläufig: In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" erzählte Telekom-DeutschlandchefNiek Jan van Damme im Februar 2016 von seinem Mann. Es war das erste Mal, dass sich ein Dax-Vorstand offen als homosexuell outete – und bisher auch das einzige.

Studien gehen davon aus, dass zwischen fünf und zehn Prozent der Bevölkerung schwul oder lesbisch sind; der tatsächliche Anteil lässt sich nur schwer bestimmen. Bei fast 200 Dax-Vorständen müssten also mindestens zehn homosexuell sein. Nur traut sich offenbar niemand, das auch zu sagen.

Obwohl wir glauben, in einer einigermaßen offenen und toleranten Gesellschaft zu leben, gibt es nach wie vor Berufsfelder, in denen ein Coming-out schwer fällt. In denen man auf eingefahrene Traditionen und Ablehnung stößt, wenn man offen homosexuell lebt. Oder in denen man vorsichtshalber die Klappe hält, um den eigenen Aufstieg nicht zu behindern.

In einer Untersuchung der Universität Köln gaben fast 60 Prozent der mehr als 2000 Befragten an, dass sie es schon einmal für notwendig gehalten hätten, ihre Homosexualität am Arbeitsplatz zu verschweigen. Zehn Prozent sagten, dass sie mit keinem Kollegen offen über ihre sexuelle Identität sprechen würden.

Hinter all diesen Zahlen stecken persönliche Geschichten, die viel über unsere Gesellschaft erzählen.

Wir haben deshalb vier junge Menschen gefragt, wie sie ihr Coming-out erlebt haben und wie sie im Job mit ihrer Homosexualität umgehen.

Frank Echsler, 24, studiert Evangelische Theologie in Tübingen und will Pfarrer werden.

Ich hatte immer eine enge Anbindung an die Kirche: Als Kind war ich in der Kindermusikgruppe, spielte im Krippenspiel und engagierte mich später auch im Gottesdienst. In der Oberstufe begann ich, nach einem passenden Beruf zu suchen. Ich stellte fest, dass das Pfarramt viele Dinge kombiniert, die ich gerne mag: der enge Kontakt mit Menschen, die Kreativität, die Freiheiten, mein christlicher Glaube. Ich beschloss, Evangelische Theologie zu studieren.

Damals wusste ich schon, dass ich schwul bin, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Christliche Bekannte hatten mir vermittelt, dass Gott Schwule und Lesben ablehnt. Ich bat ihn, mich von meiner Homosexualität zu befreien. Ich dachte, dass ich mit starkem Willen und starkem Glauben auch heterosexuell leben könnte.(Frank Echsler (links) und sein Mann Florian bei ihrer Hochzeit (Bild: David Klumpp)

Im August 2010 begann ich mein Studium an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal mit dem Hebräischkurs in den Sommerferien. Nach wenigen Tagen lernte ich Floriankennen, er war auch neu in Wuppertal, um Hebräisch zu lernen. Eine Woche nachdem wir uns näher kennengelernt hatten, wurden wir ein Paar. Das war total verrückt. Ich hatte nicht erwartet, dass meine Homosexualität ausgerechnet an der Kirchlichen Hochschule plötzlich so greifbar werden würde.

Florian und ich wohnten im Wohnheim auf dem gleichen Stockwerk, wir kauften zusammen ein, kochten, machten den Haushalt. Wir umarmten uns, wenn niemand in der Küche war, wir küssten uns nur in unseren Zimmern. Alle paar Wochen diskutierten wir, ob wir uns outen sollten – und taten es nicht. Es gab an der Hochschule keine aktive Homophobie, trotzdem hatten wir Angst.

Was würden die anderen denken? Würde sich etwas verändern? Könnten wir damit umgehen, öffentlich zu zeigen, was wir füreinander empfinden? Welche Probleme erwarteten uns mit unseren christlichen Freunden, in der theologischen Diskussion?

Ich dachte, dass ich mit starkem Willen und starkem Glauben auch heterosexuell leben könnte.

Im dritten Semester erzählten wir schließlich unseren Freunden, dass wir ein Paar sind. Alle reagierten offen und freundlich; einige sagten sogar, dass sie es schon vorher geahnt hätten. Wir hatten gehofft, dass sich nichts zum Schlechten wenden würde, es ist in Erfüllung gegangen. Unsere Freunde vor dem Outing waren auch danach noch unsere Freunde.

Zum Wintersemester 2013/14 wechselte ich nach Tübingen, Florian kam ein Semester später nach; dort stellten wir uns gleich als Partner vor. Auch auf Tagungen unserer Kirchen, der Oldenburgischen und der Rheinischen, treten wir als Paarauf und werden genauso freundlich und respektvoll wahrgenommen wie jedes andere Paar.

Wir sind sehr selbstbewusst geworden. Als wir uns vergangenes Jahr verlobten, machten wir unsere Freunde auch auf Facebook darauf aufmerksam. Sie freuten sich mit uns, negative Reaktionen gab es nicht. Inzwischen sind wir verheiratet und wohnen in unserer ersten gemeinsamen Wohnung.

Es wird immer ein Outing bleiben.

Das Theologiestudium hat mir auch geholfen, meine Homosexualität zu akzeptieren. Ich traf viele Menschen, die ebenfalls schwul oder lesbisch sind und einen christlichen Glauben haben. Außerdem lernte ich, Bibeltexteüber Homosexualität besser zu verstehen: Wenn man sie zum ersten Mal und wortwörtlich liest, denkt man, Homosexuelle seien zum Tode verdammt, aber jetzt kann ich sie historisch und kulturell einordnen. Dabei geht es nicht darum, die Texte so zu machen, wie man sie gerne hätte – sondern zu verstehen, was die Menschen damals glaubten und welche Vorstellung von der Welt sie hatten.

Später, als Pfarrer in der Gemeinde, wird es sicher immer wieder passieren, dass Menschen sagen: "Aber Sie als Theologe…" oder: "Aber in der Bibel steht doch…" Das wird uns nie loslassen. Ich sehe es als meinen Auftrag an, den Menschen zu erklären, wie diese Bibelstellen interpretiert werden können, und bin überzeugt, dass Florian und ich ihnen zeigen können, dass unsere Liebe füreinander gleichwertig ist mit der Liebe von einem Mann zu einer Frau.

Trotzdem wird es immer ein Outing bleiben. Da kommen immer wieder neue Menschen, die Fragen haben und gegenüber denen man sich outen wird. Den Gedanken, dass es besser wäre, eine Frau an meiner Seite zu haben, hatte ich aber nie. Wir gehören zusammen.

Alexander Lotz, 33, unterrichtet Biologie und Chemie.

Ich wollte schon immer Lehrer werden, das wusste ich schon in der Schule. Wegen meiner Homosexualität machte ich mir keine großen Gedanken. Ich war mir sicher: Ich mache das irgendwie.

Ich wuchs in einer Umgebung auf, in der es keine Homosexuellen gab. Entweder man sprach gar nicht über sie, oder sehr negativ. Heute sehe ich es als meinen pädagogischen Auftrag an, Lesben und Schwule in meinem Unterricht sichtbar zu machen. Ich glaube, das ist wichtig, um die Situation an Schulen zu verbessern – für Lehrkräfte und Schüler.

Seit Februar unterrichte ich an einer Gemeinschaftsschule in Berlin-Kreuzberg. Als ich die erste Chemiestunde in einer neunten Klasse hielt, fingen ein paar Jungs an, sich gegenseitig als "Schwuchtel" zu beschimpfen. Einer rief immer wieder: "Ich bin hetero!" Irgendwann wurde es mir zu viel – und ich sagte zu ihm: "Ich bin nicht hetero, und damit ist das jetzt geklärt."

Er machte trotzdem weiter, begann irgendwann, mich persönlich zu beleidigen. Jetzt muss er sich in einem Jugendstrafverfahren verantworten. Meine Schulleiterin hat mich sehr unterstützt, sie steht voll und ganz hinter mir. In der gleichen Klasse gibt es natürlich auch Schülerinnen und Schüler, die positive Einstellungen zu Homosexualität haben.(Alexander Lotz (Bild: Alexander Lotz))

Das erste Schuljahr wurde zum Spießrutenlauf für mich.

Ich bin bisher immer sehr offen mit meinem Schwulsein umgegangen – und habe damit ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Nach meinem Referendariat kam ich an ein Gymnasium in Frankfurt, dort war Homosexualität zuvor nie ein Thema gewesen. Als ich gegenüber einer Klasse erwähnte, dass ich schwul bin, verbreitete sich das wie ein Lauffeuer. Das erste Schuljahr wurde zum Spießrutenlauf für mich. Wenn ich durch die Gänge ging, riefen mir Schüler "schwule Sau"hinterher.

Wenn wir im Biologieunterricht über Sexualität sprachen, versuchte ich, die Vielfalt davon zu zeigen. Manche Eltern beschwerten sich deswegen beim Schulleiter. Eine Mutter sagte, ich würde die Kinder überfordern. 

Es war schwer, aber ich hatte immer die Motivation, weiterzumachen, nicht aufzugeben. Nach und nach erarbeitete ich mir den Respekt der Schüler. Indem ich immer und immer wieder offen mit meinem Schwulsein umging, schaffte ich es, die Beschimpfungen und die Kritik abzustellen. Als ich nach vier Jahren nach Berlin wechselte, hatte ich das Gefühl, dass sich etwas verändert hatte.

Sie wollten wissen, wie ich gemerkt hätte, dass ich schwul bin.

In Berlin unterrichtete ich zuerst an einer Sportschule. Die Schulleitung dort hielt es nicht für notwendig, Homosexualität zu thematisieren. Ich wurde am Anfang sogar gebeten, mich mit einem Outing zurückzuhalten; schließlich seien die Schüler homophob, vor allem die Fußballer.

Ausgerechnet die baten mich dann aber, eine Fragestunde zum Thema zu veranstalten. Sie wollten wissen, wie ich gemerkt hätte, dass ich schwul bin, wie das an der alten Schule gewesen sei.

Auch wenn ich manchmal Probleme habe: Ich kann und will meine Homosexualität nicht verstecken, ich würde mich damit nicht wohlfühlen. Im Lehrerberuf spielen Persönlichkeit und Authentizität eine besonders wichtige Rolle. Die Schüler merken, wenn ich nicht ich bin. Dann habe ich nicht den pädagogischen Einfluss, um guten Unterricht zu machen.

Jurastudentin, 21, möchte anonym bleiben.

Früher habe ich mir oft vorgestellt, wie ich meinen Eltern von meiner Homosexualität erzähle. Wie ich vorher eine Tasche packe und dann erst einmal wegrenne. Im Job geht das natürlich nicht, da kann ich nicht einfach weglaufen.

Ich habe erst vor etwa zwei Jahren akzeptiert, dass ich lesbisch bin. Damals erzählte ich einer Freundin, dass ich wahrscheinlich nie eine heterosexuelle Beziehung führen werde. Das war befreiend. Zuvor hatte ich gedacht, wenn ich nicht darüber rede, ist es auch nicht da.

Inzwischen wissen meine Eltern und meine engsten Freunde Bescheid. Alle haben es sehr positiv aufgenommen und bestärken mich. Einen offensiven Umgang mit meiner Sexualität meide ich aber noch immer, deshalb möchte ich auch hier anonym bleiben und kein Foto von mir zeigen.

Grundsätzlich frage ich mich: Wen geht meine Homosexualität etwas an? Ist es überhaupt wichtig? Gerade mit Blick auf mein späteres Berufsleben mache ich mir solche Gedanken. Schließlich geht es um meine Identität und nicht um irgendein Bewerbungskriterium. Wenn ich irgendwann in eine Kanzlei einsteige, wüsste ich nicht, ob und wie ich das anspreche. Ich habe immer das Gefühl, dass ich etwas sehr Intimes von mir preisgebe, was andere nicht müssen. Man macht sich angreifbar, wenn man es sagt.

Man macht sich angreifbar, wenn man es sagt.

Klar, es gibt bestimmt auch homosexuelle Anwälte, aber ich bin noch keinem begegnet. Die Anwälte, die ich kenne, sind verheiratet, haben Kinder und wohnen bestenfalls im eigenen Haus. Das alles ist für mich kein Thema; ich stelle mir viel grundsätzlichere Fragen: Beziehung, ja oder nein? Offen leben, ja oder nein?

Letzten Sommer absolvierte ich mein erstes Praktikum in einer Kanzlei. Einmal erzählte einer der Anwälte beim Mittagessen, dass er bei einem schwulen Friseur gewesen sei. Er sagte, er hätte das nicht so gern, wenn der ihm mit seinen Fingern auf dem Kopf rumwurschtelt. Irgendwie fühlte ich mich dabei ertappt, oder zumindest angesprochen. Wie würde er reden, wenn er von mir gewusst hätte?

Da ich nicht offen lesbisch lebe, habe ich solche Diskriminierungen noch nicht selbst erlebt, aber sie machen mir Angst. Ich hoffe, man sieht mir nicht an, dass ich lesbisch bin. Mit meinem Auftreten nicht dem Klischee zu entsprechen, ist mir sehr wichtig. Ich möchte nicht als "männlich" wahrgenommen werden.

Als Jugendliche kam ich überhaupt nicht mit dem Thema in Berührung, deshalb habe ich auch so lange gebraucht, um meine eigene Homosexualität zu akzeptieren. An meiner Schule gab es einen schwulen Lehrer, aber er sprach nie darüber, dachte sich sogar eine Freundin aus. Im Nachhinein hätte es mir unheimlich viel gebracht, wenn da jemand gewesen wäre, der offen damit umgegangen wäre.

Wir brauchen mehr Vorbilder.

Ich glaube, wir brauchen mehr Vorbilder – Lehrer, Politiker, Stars, die offen über ihre Homosexualität sprechen. Ich schaue gern Videos von homosexuellen YouTubern wie Tyler Oakley oder Troye Sivan, sie haben mir sehr geholfen. Ich glaube, wenn eine ganze Generation mit Menschen wie ihnen aufwächst, kann sich viel verändern.

Ich möchte meine Homosexualität nicht immer geheim halten müssen. Aber wie lange es dauert, bis ich mich ganz öffne, weiß ich nicht.

Florian Krause, 31, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an der Universität Hannover

Ich versuche, meinen Job gut zu machen. Wenn ich durch meine Leistung keine Angriffsfläche biete, ist meine Homosexualität egal. Im Prinzip ist das wie mit Kleiderkonventionen: Wenn ich einen guten Vortrag halte, wird mich niemand dafür kritisieren, dass ich keine Krawatte anhabe. Wenn nicht, kriege ich das zusätzlich aufs Brot geschmiert.

Ich habe Volkswirtschaftslehre und Philosophie in Trierstudiert und nach dem Studium zunächst dort gearbeitet. An der Uni Trier war offenes Schwulsein sehr sichtbar und selbstverständlich, was mir sehr entgegenkam. Bald wurde ich als Schwulenreferent in den Allgemeinen Studierendenausschuss gewählt. Ein explizites Coming-out gab es in Trier deshalb nie.(Florian Krause (Bild: Karl Mai))

In Hannover ist der Umgang verschlossener, Homosexualität ist nicht so präsent. Aber auch hier bin ich von Anfang an selbstbewusst aufgetreten. Wenn ich mich zu Beginn des Semesters in einer Vorlesung vorstelle, sage ich natürlich nicht, dass ich schwul bin, das spielt dort keine Rolle. Aber ich würde meine Homosexualität niemals verschweigen oder mich zurücknehmen, damit man es bloß nicht merkt.

Wenn ich mich zu Beginn des Semesters in einer Vorlesung vorstelle, sage ich natürlich nicht, dass ich schwul bin.

Einmal kamen Studierende nach einer Vorlesung zu mir und sagten, dass manche herumerzählen würden, ich sei schwul. Ich antwortete, wenn sie Zweifel an meiner sexuellen Orientierung hätten, würde eine kleine Recherche bei Google oder ein Blick in meine Vita auf der Homepage schon Aufklärung bringen. Da wurde ein Geheimnis aus meiner Sexualität gemacht, obwohl ich vollkommen transparent damit umgehe.

Ich glaube, der Grund für meine Offenheit ist, dass ich nie wirkliche Ablehnung erfahren habe. Klar, in der Schule wurde ich eine Zeit lang gehänselt und als Schwuchtel bezeichnet. Ich wollte mich einfach nicht wie ein typischer Junge verhalten; ich spielte gerne mit Barbies, Fußball mochte ich nie. In der achten Klasse sagte ich schließlich offen, dass ich auf Männer stehe.

Meine Familie hat mich immer unterstützt, ich suchte mir schon früh einen Freundeskreis außerhalb der Schule, ging in schwule Jugendgruppen. Je selbstbewusster ich mit meiner Homosexualität umging, je selbstverständlicher das für mich selbst war, desto weniger eignete ich mich als Angriffsziel. 

Ich glaube, dass ich heute als Dozent eine Vorbildfunktion habe.

Ich glaube schon, dass ich heute als Dozent eine Vorbildfunktion habe. Ich glaube, dass es Leuten hilft, wenn sie andere sehen, die offen mit dem Thema umgehen. Je sichtbarer Homosexuelle sind, desto einfacher wird es, darüber zu sprechen. In Deutschland haben sich Führungskräfte bisher meist erst sehr spät geoutet, der ehemalige Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger zum Beispiel. Das muss sich ändern. Es muss sichtbarer werden, dass es diese Form von Liebe überall gibt, sonst bleibt sie etwas Ungewöhnliches.

Mein Ziel ist, irgendwann eine Professur zu bekommen. Ich glaube nicht, dass meine Homosexualität ein Hindernis darstellt. Aber ich kann natürlich nicht sicher sagen, ob es diese gläserne Decke am Ende nicht doch gibt. Vielleicht wird es irgendwann doch relevant, ob ich eine Frau und zwei Kinder habe – damit werde ich dann eben nicht aufwarten können.(von Sophia Schirmer-bento- Mitarbeit:  Sarah Wiedenhöft)

Kinder verstehen, was Trans-Sein bedeutet – Erwachsene sind das Problem

Eltern wollen eine Grundschule verklagen, weil ein Transmädchen ihren Sohn traumatisiert haben soll. Schwachsinn, sagen Expertinnen.

Ein christliches Ehepaar plant, eine britische Grundschule zu verklagen. Der Grund: Die Lehreinrichtung der englischen Kirche hatte einem sechsjährigen Transmädchen erlaubt, im Kleid zur Schule zu kommen. Sally und Nigel Rowes sagten gegenüber der Daily Mail, daß ihr sechsjähriger Sohn "verwirrt" gewesen sei, "warum ein Junge jetzt ein Mädchen ist". Außerdem sind sie der Meinung, daß es sie in ihrer religiösen Freiheit einschränke, wenn sich die Schule an das Gesetz hält und Transpersonen nicht diskriminiert, sondern in ihrer Identität schützt.

"Wir machen das, weil wir uns für Eltern einsetzen wollen, die wie wir das Gefühl haben, daß hier eine Agenda vorangetrieben wird, die unseren Glauben beschneidet", erklärte Nigel Rowe. "Wir glauben, daß es falsch ist, sehr jungen und empfindlichen Kindern ein falsches Versprechen von Transgenderismus vorzuleben."

Laut der BBC hat das Paar seinen sechsjährigen Sohn seit dem Vorfall aus der Schule genommen und unterrichtet ihn nun zu Hause. Ihr achtjähriger Sohn war schon ein Jahr zuvor von der Schule genommen wurden, nachdem eine weitere Transmitschülerin ebenfalls ein Kleid getragen hatte. Die Sunday Times berichtet außerdem, daß die beiden Eltern vor Gericht wohl damit argumentieren wollen, daß die Schule sie daran hindere, ihre Kinder im Einklang mit ihrem Glauben zu erziehen.(Foto-onetz.de)

Mermaids, eine britische Charity-Organisation für Transkinder, sprach mit den Familien der beiden nicht-genderkonformen Kinder und identifizierte beide als trans. "Es macht mir ein bißchen Sorgen, daß diese Debatte überhaupt stattfindet", sagt Mermaids-Sprecherin Susie Green. "Transkinder gibt es."

Ein Sprecher der Diözese von Portsmouth, die die Schule betreibt, erklärte gegenüber der Mail: "Unsere Einrichtungen sind inklusive, sichere Orte, an denen die Schüler lernen, Diversität in jeder Form zu respektieren. Wir bewegen uns im rechtlichen Rahmen des Equality Act von 2010 und glauben, daß sich in unserer Lerngemeinde alle willkommen, geschätzt und unter­s‍tützt fühlen sollten."

Laut Pace, einer Organisation, die sich für psychische Gesundheit bei LGBTQ-Personen einsetzt, haben 48 Prozent junger Transmenschen bereits einen Selbstmordversuch unternommen. Frühe Unter­s‍tützung in der Schule und durch Gleichaltrige kann den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Gleichzeitig stellte ein Bericht der Antidiskriminierungs­s‍telle des Bundes 2015 fest, daß auch Schulen und Lehreinrichtungen oft überfordert seien, wenn es um den Umgang mit Transpersonen geht.

Wie also spricht man darüber am Be­s‍ten mit Kindern?

"Ich glaube, wir sollten nicht zu viele Rückschlüsse über das Kind in diesem Fall ziehen", erklärt Dr. Bernadette Wren, eine klinische Psychologin, die mit Transkindern arbeitet. "Wir wissen schließlich nicht genau, was da alles sonst noch so passiert ist."

"[Die Rowes] sagen, daß ihre Söhne verwirrt seien. Aber meine Kinder haben auch oft Probleme, ihre Mathe-Hausaufgaben zu ver­s‍tehen. Also erkläre ich es ihnen."

Sie würde im Gespräch mit Kindern wahrscheinlich nicht einmal das Wort trans verwenden, sagt sie. Stattdessen solle man eine ver­s‍tändlichere, zugänglichere Sprache verwenden. "Ich würde erklären, daß von den Leuten früher mehr erwartet wurde, sich auf eine be­s‍timmte Art und Weise zu kleiden oder zu spielen, je nachdem ob sie ein Mädchen oder ein Junge waren. Heutzutage können sich die Leute aussuchen, was sie tun wollen."

Green ist derselben Meinung. "Du mußt einfach sehr direkt und klar sein", sagt sie. "Die Welt ist so divers und jeder ist einzigartig. Manche Menschen werden vielleicht im Körper eines Jungen oder eines Mädchens geboren, das paßt dann aber nicht zu der Person, die sie in ihrem Kopf sind." (Foto-Mannsbild)

Ihrer persönlichen Erfahrung nach, würden Kinder diese Vor­s‍tellung problemlos akzeptieren. "Kinder ver­s‍tehen das sehr schnell. Es sind normalerweise die Eltern, die Probleme damit haben." Wichtig sie außerdem, ergänzt Wren, daß um die Kinder, die sich in keine Geschlechter-Schublade stecken lassen, kein großes Aufsehen gemacht werde.

"Man sollte nicht noch zusätzliche Aufmerksamkeit auf diese Kinder lenken. Wenn sie gerade Gender und Gender-Rollen erforschen, sollte man ihnen die Möglichkeit geben, das ohne jede Einschränkung tun zu können. Man darf ihnen nicht das Gefühl geben, daß das ein Thema ist, mit dem Erwachsene ein Problem haben", erklärt sie. "Wenn das Kind plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, kann ihm das sehr unangenehm sein."

Schlußendlich ist man dann ein gutes Elternteil, wenn man es fertig bringt, seinen Kindern Dinge ruhig und ohne jede Vorurteile zu erklären. "[Die Rowes] sagen, daß ihre Söhne nicht ver­s‍tehen, was da passiert, und daß sie verwirrt seien", sagt Green abschließend. "Aber meine Kinder haben auch oft Probleme, ihre Mathe-Hausaufgaben zu ver­s‍tehen. Also erkläre ich es ihnen und sie sind nicht mehr verwirrt. Das ist exakt dasselbe."(von Sirin Kale-broadly)

Wie es sich anfühlt, wenn dein Freund merkt, dass er eine Frau ist

Maya* (26) ist seit fast zwei Jahren mit ihrer Freundin Emma* (25) zusammen. Sie hatten sich vor einem Club kennengelernt, im Sommer 2015, am Einlass, wo sie beide warten mussten. Sie liefen sich wieder und wieder über den Weg und ziemlich bald wussten beide: Da stimmt was, zwischen uns beiden, das fühlt sich richtig an. Es folgte das klassische Programm: Romantische Abende zu zweit, gemeinsame Studentenpartys und lange Gespräche in diversen Küchen. 

Nur, dass Emma damals noch Lukas hieß.

Wenn ein Mensch sein Geschlecht ändert, dann ist das für ihn ein großer Schritt – und auch für die Menschen um ihn herum. Deshalb haben wir mit Maya darüber gesprochen, wie sich der Prozess für sie anfühlt.(Foto-Live-Sciense)

Wann wurde dir klar, dass dein Freund vielleicht deine Freundin ist?

Nach einigen Monaten wurden Emmas Zweifel an ihrer Geschlechtsidentität immer mehr zum Thema. Sie hat sich dann häufiger geschminkt. Es war erst Mal komisch, "meinen Freund“ geschminkt zu sehen. 

Als wir zum ersten Mal Sex hatten, während sie geschminkt war, war ich völlig verwirrt.

Durch die Schminke habe ich sie als Frau gelesen. Das hat meine Wahrnehmung von ihr so verändert, dass sie mir erstmal ziemlich fremd vorkam. So, als ob wir zum ersten Mal was miteinander hätten. Ich habe dann schnell gemerkt, dass sie trotzdem noch dieselbe Person ist.

Konntest du die Veränderungen direkt akzeptieren?

Ich konnte mir nicht so richtig vorstellen, was das alles bedeuten würde. Aber vor allem ging es viel um Emma. Sie war in der Zeit sehr belastet. Ich habe sie darin unterstützt die Therapie anzufangen, die man, braucht, um später eine Hormonbehandlung machen zu können. Erst später, als wirklich klar war, dass sie ihr Geschlecht anpassen wird, habe ich stark an der Beziehung gezweifelt.

Aber du bist mit ihr zusammen geblieben.

Stimmt. Ganz einfach, weil die Beziehung richtig gut lief. Alle meine Ängste bezogen sich nur auf die Zukunft. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich mich nicht jetzt sofort entscheiden muss, ob ich den ganzen Weg mitgehen möchteoder nicht.

Wovor hattest du Angst? 

Ich hatte Angst vor den ganzen Veränderungen in der Beziehung. Die Hormonbehandlung kann starke Nebenwirkungen haben. Ich wusste überhaupt nicht, was da auf uns zukommt. Und habe mir den ganzen Prozess extrem schwierig vorgestellt. Emma meinte da schon, dass sie glaubt, dass es mehr Entlastung, als Belastung sein werde. Aber auch Angst vor Homophobie und Diskriminierung haben eine Rolle gespielt.

Was hat dir geholfen, deine Ängste zu überwinden?

Gelöst haben sie sich als ich zu einer Beratungsstelle gegangen bin. Dort habe ich gemerkt, dass ich viele Ängste einfach unterdrückt habe. Mir wurde klar, dass sie auch ihren Platz brauchen – dass ich auch zweifeln darf und unsicher sein. Das auszusprechen und mich nicht schuldig dafür zu fühlen, hat mir sehr geholfen. 

Aber Emma hat Recht behalten, und der Prozess war dann eher entlastend…

Auf jeden Fall! Es ist enorm, wie viel Belastung von ihr abgefallen ist. Und immer noch von ihr abfällt. Sie ist jetzt seit ungefähr einem halben Jahr in hormoneller Behandlung, hat sich geoutet, ihren Namen geändert, einen neuen Pass beantragt und wartet gerade auf einen Termin für die OP.

Das Outing war ungefähr ein Jahr nachdem ihr zusammengekommen seid.

Genau. Sie hat allen Bescheid gesagt, dass sie jetzt Emma heißt. Sie hat sich neue Klamotten gekauft und ist geschminkt auf die Straße gegangen. 

Ich musste mich erstmal daran gewöhnen, einen neuen Namen zu benutzen.

Die Zeit nach dem Outing war insgesamt sehr schön. Zu sehen wie sich Emma immer mehr traut, wie viel Last von ihr abfällt und sie selbstbewusster wird – das hat richtig Spaß gemacht! 

Aber Schwierigkeiten gibt es schon auch?

Klar! Anstrengend ist vor allem die ganze Bürokratie. Zum Beispiel muss man für den neuen Personalausweis nachweisen, dass man drei Jahre unter dem Zwang lebt, sein Geschlecht anpassen zu wollen. (Foto-huffingtonpost)

Der ganze Prozess zieht sich durch die vielen unsinnigen Bestimmungen sehr in die Länge. Immer wieder Geduld dafür aufzubringen, und dabei mit den Belastungen weiterleben zu müssen, ist für Emma sehr hart. Jedes Mal, wenn sie ein Paket bei der Post abholt, feiern geht oder das Semesterticket in der Bahn kontrolliert wird, ist das sehr unangenehm für sie. Weil da Lukas drin steht und es trotzdem der Ausweis einer Frau ist. 

Ihr tretet jetzt auch in der Öffentlichkeit als homosexuelles Paar auf. Was hat sich dadurch verändert?

Homophobie spielt jetzt eine Rolle - das ist neu. Man wird angestarrt, uns wird hinterhergepfiffen und allgemein haben sich die Blicke und Reaktionen veränder – das ist halt ätzend.Besonders schwierig ist, dass in Konflikten Emmas Stimme tief wird. Dann sind wir nicht einfach ein homosexuelles Pärchen, sondern dann wird deutlich, dass Emma trans* ist. Und Gewalt und Ausgrenzung gegen Trans*personen sind weit verbreitet.

 Wie haben denn deine Familie und Freunde reagiert?

Viele kannten bisher keine Trans*person, aber es hat trotzdem niemand abweisend reagiert. 

Alle waren sehr offen und neugierig.

Das konnte dann fast schon ein bisschen nerven, immer die gleichen Fragen zu beantworten, aber es ist natürlich voll schön, dass so viele Fragen gestellt werden!

Meinst du, du wirst Lukas irgendwie vermissen?

Nö – ich bin ja immer noch mit der gleichen Person zusammen. Traditionelle Geschlechterrollen haben wir in unserer Beziehung noch nie gelebt, da wird sich kaum etwas ändern. 

An die körperlichen Veränderungen müssen wir uns natürlich gewöhnen – und im Bett einiges neu ausprobieren.

Hat sich mit Emmas Geschlechtsangleichung auch deine Sexualität verändert?

Verändert hat sie sich dadurch nicht. Ich hatte schon vorher überlegt, ob ich vielleicht bisexuell bin. Im Laufe der Beziehung ist das Thema natürlich nochmal aufgekommen. 

Mittlerweile würde ich sagen, dass es mir egal ist, welchem Geschlecht sich jemand zuordnet. Ich habe mich in eine Person verliebt, und auch wenn sich viel verändert hat, liebe ich immer noch denselben Menschen.  

Sie ist nur ein bisschen mehr sie selbst geworden.(Pia Siber-bento)

* Die Namen beider Protagonisten wurden zu ihrem Schutz geändert.

Aserbaidschan: das «vergessene Land»

Gemäß Aktivi­s‍ten wurden in Aserbaidschan 50-100 LGBT-Menschen festgenommen und teilweise gefoltert. Wie diverse Quellen berichten, waren die Häftlinge Schlägen, Beschimpfungen und erzwungenen medizinischen Untersuchungen ausgesetzt. Das Verhalten der Behörden in Aserbaidschan erinnert an die Verhaftungen und Folterungen in Tschetschenien.

Die für das Innenmini­s‍terium arbeitende Polizei hat einige der Verhafteten gezwungen, Namen und Adressen von weiteren LGBT-Menschen anzugeben, die dann wiederum ebenfalls verhaftet und das gleiche dehmütigende Verhalten über sich ergehen lassen mußten. Viele wurden 20 oder 30 Tage lang festgehalten. In einer Erklärung äußert sich die Polizei, die Menschen seien wegen Pro­s‍titution verhaftet worden, nicht wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Menschen mit «nicht-traditioneller sexueller Orientierung» seien in der Innen­s‍tadt von Baku, der Haupt­s‍tadt Aserbaidschans, als Pro­s‍tituierte unterwegs gewesen, heißt es in der Erklärung.(Foto-Theguardian)

«Daß westliche Kreise versuchen, diese Kreaturen zu verteidigen, die Quellen der Unmoral, gefährlichen Krankheiten und von Gott verflucht sind, ist nur der Versuch, unsere nationalen Traditionen unter dem Deckmantel der Menschenrechte zu zer­s‍tören», sagt der stellvertretende Vorsitzende der «Ju­s‍tiz Partei» Ayaz Efendiyev.

Das aserbaidschanische Innenmini­s‍terium sieht keine Diskriminierung von LGBT im eigenen Land. «Sexuelle Minderheiten sind in unserem Land nie verfolgt worden», sagte ein Sprecher. Das sieht ILGA-Europe, die europäische LGBT-Organisation, anders: im jährlich erscheinendem Bericht «Rainbow Europe» rangiert Aserbaidschan in diesem Jahr auf 49. Platz als Schlußlicht in Europa – noch hinter Armenien oder Rußland (die Schweiz liegt auf Platz 26, Deutschland auf Platz 14).

Laut Aktivi­s‍ten erpreßte die Polizei mehrfach auch ungeoutete LGBT-Personen und versuchte sie als Zeugen in politisch motivierten Prozessen aussagen zu lassen – mit der Drohung, sie öffentlich zu outen, sollten sie sich weigern. Teilweise wurden LGBT-Personen wieder entlassen, nachdem sie den Behörden 90-300 USD bezahlt hatten.

Europäische Regierungen sind gefragt
Javid Nabiyev organisierte 2014 die er­s‍te Gay-Pride in Baku und gründete die «Nefes LGBT Azerbaijan Alliance» – was ihm im eigenen Land zum Verhängnis wurde. Er mußte vor massiven Diskriminierungen und Drohungen nach Deutschland flüchten. «Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich Diskriminierung in der Öffentlichkeit oder Gewalt durch die Polizei erlebt habe», sagt er der Mannschaft. «Nach der er­s‍ten Gay-Pride wurde die Lage immer gefährlicher, bis ich schließlich gehen mußte.» Heute lebt er in einem kleinen Zimmer in Deutschland, die weissen Wände sind geschmückt mit der Regenbogenflagge und der Landesfahne von Aserbaidschan.
Er berichtet seit seiner Flucht nach Deutschland laufend über die LGBT-Situation in seinem Heimatland und ist nun auch Treiber und Sprachrohr in der aktuellen Verhaftungswelle. «Zur Zeit haben wir vier Anwälte, die sich ehrenamtlich für die Verhafteten einsetzen und Einspruch gegen die Klagen erhoben haben», sagt er der Mannschaft. Es sei besonders schwierig gewesen, alle Verhafteten zu finden, weil viele veräng­s‍tigt seien und von der Polizei eingeschüchtert wurden. «Unsere Anwälte gehen seit Tagen von Polizeistation zu Polizeistation, um Informationen zu den betroffenen Menschen, zu den Anklagepunkten und zur Höhe der Bussen zu erfahren.»

Unter­s‍tützt in seiner Arbeit für die LGBT-Community in Aserbaidschan fühlt sich Javid in Deutschland nicht. «In den drei Jahren hier in Deutschland, habe ich unzählige Male versucht, die Aufmerksamkeit der hiesigen LGBT-Organisationen auf Aserbaidschan zu richten, was aber nie auf Interesse ge­s‍tossen ist.» Es fühle sich an, als sei Aserbaidschan in Sachen LGBT-Rechte das «vergessene Land».

Javid fordert die deutschen Behörden auf, aktiv zu werden. «Das deutsche Außenmini­s‍terium hat die Kompetenz und Macht, bei der Regierung in Aserbaidschan Druck zu machen und damit ein Zeichen zu setzen, daß Deutschland die LGBT-Gemeinschaft nicht alleine lassen will». Die Forderung zu Handeln, gelte selbstredend auch für die Schweizer Regierung. Besonders streicht er die Rolle des Europarates hervor, dessen Mitglied auch Aserbaidschan (und auch Deutschland oder die Schweiz) ist. Er appelliert an alle Parlamentarier_innen des Europarates, mit den Vertreter_innen von Aserbaidschan die schwierige Lage für LGBT anzusprechen und zum Thema zu machen.

Opfer geschlagen, gedemütigt und auf Social Media ausgefragt
Die Situation für LGBT-Menschen erscheint beäng­s‍tigend. A.*, eine verhaftete Transfrau, erzählt: «Ich wurde brutal geschlagen. Es gibt fast keine unversehrte Stelle mehr auf meinem Körper. Ich wurde rasiert, verleumdet und bedroht. Obwohl mehrere internationale Organisationen mir und meinem Freund Hilfe anboten, um mich und meinen Freund aus dem Land herauszuholen, weigere ich mich, meine Heimat­s‍tadt Baku in diesem Moment zu verlassen.»

Lokale Aktivi­s‍ten_innen berichten zudem von rätselhaften Nachrichten via Social Media. Sie zeigen, wie sie Nachrichten von gefälschten Profilen in sozialen Netzwerken erhalten haben, die LGBT-Personen einladen, sich zu treffen. Eine unbekannte Person beginnt das Gespräch, indem sie sagt: «Ich bin eine Transfrau und diese Verhaftungen sind eine Lüge. Niemand wurde verhaftet. Treffen wir uns. Ich suche Arbeiter_innen in meinem Büro. Erzähle deinen anderen Freunden, daß ich dafür gut bezahlen werde und dann treffen wir uns. Nachdem die angesprochene LGBT-Person sich weigert und sagt, sie wisse, daß es sich um ein Fake-Profil handelt, reagiert der_die Schreiberling verärgert und beleidigend: «Wir werden schnell rausfinden wer du bist und wo du lebst.».

HIV-Prävention als Vorwand?
Wie der Pressedienst des Innenmini­s‍teriums in Aserbaidschan mitteilte, wurden bei 16 der festgenommene Menschen, die Diagnose «AIDS oder Syphilis» diagno­s‍tiziert. Es macht den Anschein, als werde versucht, die Verhaftungen als Präventionskampagne gegen Geschlechtskrankheiten zu verkaufen. «Das aserbaidschanische Innenmini­s‍terium ver­s‍tand rasch, daß es für sie «vorteilhaft» sei, die HIV-Prävention in Zusammenhang mit den Verhaftungen zu setzen,», so Javid. Auch der betreffende Mini­s‍ter, Ehsan Zahidov, be­s‍tätigte, daß die inhaftierten Personen einer «obligatorischen medizinischen Untersuchung» unterzogen worden seien und bei diesen mehrere Geschlechtskrankheiten gefunden wurden. Nachdem Aktivi­s‍ten diesen vorgeschoben Vorbehalt öffentlich gemacht hatten, wiederspricht sich der Mini­s‍ter in einem zweiten Statement wieder und sagt, daß solche Pflichtuntersuchungen «im Widerspruch zu den entsprechenden Artikeln des Gesetzes über Zwangsuntersuchungen stehen». Die regierungsnahe aserbaidschanische Presse schreibt, die Häftlinge seien «mit den gefährlichsten Krankheiten infiziert, einschließlich AIDS», eine beliebtes Online-Forum berichtete freudig über die Verhaftungen unter der Überschrift «Die Jagdsaison auf Homosexuelle ist eröffnet.». (Foto-boell.de)

Unabhängig davon, warum genau die LGBT-Menschen nun festgenommen wurden, versuchen Aktivi­s‍ten und Menschenrechtsorganisationen, sie aus dem Gefängnis zu bringen und mit rechtlichem Bei­s‍tand zu unter­s‍tützen. ILGA-Europe und Stonewall UK werden demnächst Spenden für die notwendigen Anwaltsko­s‍ten sammeln.

ILGA-Europe wollte sich auf Anfrage der Mannschaft nicht konkret äußern. Sie prüfe zur Zeit die Faktenlage und verweist auf ihre aktuell­s‍te Medienmitteilung. Dort äußerst sich Direktorin Evelyne Paradis kritisch: «Die Versuche der Behörden in Aserbaidschan, diese Inhaftierungen herunterzuspielen, sind nicht überzeugend».

Es sei schon beunruhigend genug, daß LGBT-Menschen gezwungen werden, sich gegen ihren Willen medizinisch untersuchen lassen zu müssen, «aber wir haben auch zahlreiche Berichte über verbale und körperliche Übergriffe erhalten. Es gibt keine Rechtfertigung für diese wahllose Zielgruppenansprache von Menschen, die als Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft wahrgenommen werden. Es ist ein klarer und schwerwiegender Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention.»

Der Europarat hat sich noch nicht zur Situation in Aserbaidschan geäußert. Auch die Schweiz und Deutschland haben sich bislang noch nicht öffentlich verlauten lassen.( von Batian Baumann-Die Mannschaft)  

* Name der Redaktion bekannt

Heiße Liebesbriefe unter Männern

Rosa von Praunheim hat soeben in Weimar und Gotha sein Dokudrama über Homoerotik in der Goethezeit abgedreht.

Weimar. Der junge Goethe träumt, so schreibt er im August 1774 in Frankfurt, den Augenblick: „habe deinen Brief und schwebe um dich.“

Und: „Du hast gefühlt, dass es mir Wonne war, Gegenstand deiner Liebe zu seyn. – O das ist herrlich dass jeder glaubt, mehr vom andern zu empfangen als er giebt! O Liebe, Liebe!“

Dergleichen schrieb er keiner Frau, nicht irgendeiner Lotte etwa, sondern dem „lieben Fritz“, dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi.(Foto-Queer.de)

Der Brief kommt vor im Dokudrama „Männerfreundschaften“, das Rosa von Praunheim soeben in Weimar und Gotha abgedreht hat. Goethe tritt darin als die durchgehende Figur auf; Matthias Luckey vom Staatsschauspiel Dresden spielt ihn.

Der 74-jährige Filmregisseur, eine Ikone der Schwulenbewegung, wiederholt mit Goethe jedoch nicht, was er einst mit Alfred Biolek oder Hape Kerkeling in einem „Verzweiflungsschrei“ tat: Er outet ihn nicht als schwul. „Ob er eine homosexuelle Erfahrung hatte, ist ja auch schwer nachzuvollziehen“, sagt von Praunheim im Gespräch mit unserer Zeitung. „Auf jeden Fall hat er aber eine große Toleranz gehabt.“ Die Briefe an Männer waren „sehr viel liebevoller und inniger“ als jene an Frauen: eine Mode der Zeit, die „nicht als schwul empfunden“ worden ist.

Von Praunheim befasst sich in seinem Film, so heißt es auch in der Synopsis, mit einem in der Weimarer Klassik sehr verbreiteten Freundschaftskult unter Männern. Als Quellen dafür dienen demnach leidenschaftliche Briefwechsel, intime Tagebucheinträge und homoerotische Auszüge aus literarischen Werken.

„Goethe hat viele schwule Gedichte geschrieben“

Der Regisseur verweist auf „eine gewisse Freiheit“ im Zeitalter der Aufklärung, das die Religion in ihrer Bedeutung zurückdrängte oder aber doch veränderte. Das zeitigte „etwas Erstaunliches“, sagt er: dass deutsche Männer heiße Liebesbriefe austauschten. „Von heute aus gesehen klingt das alles sehr schwul, aber natürlich war es das nicht immer.“ Im 19. Jahrhundert ging es mit der Romantik dann „wieder spießiger“ zu.

Rosa von Praunheim beruft sich unter anderem auf das Buch „Warm Brothers“ (warme Brüder), das ihm zu einer Initialzündung wurde. Der Literaturwissenschaftler Robert Tobin brachte es 2000 bei der Pennsylvania-Universität heraus. Darin wendete er die Queer-Theorie aufs Goethe-Zeitalter an, also den Zusammenhang von biologischem und sozialem Geschlecht sowie dem sexuellen Begehren dazwischen.

Ein anderes Buch zum Thema veröffentlichte der Berliner Literaturprofessor Andreas Kraß 2016: „Ein Herz und eine Seele. Geschichte der Männerfreundschaft“. Kraß, der die Forschungsstelle „Kulturgeschichte der Sexualität“ an der Humboldt-Universität gründete und am dortigen Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien mitarbeitet, tritt in von Praunheims Film als einer der Experten auf. Mit der Weimarer Literaturwissenschaftlerin und Autorin Annette Seemann hat der Regisseur ebenfalls gesprochen.

„Man hat Goethe und seine Zeitgenossen immer heterosexuell gesehen“, sagt er nun, „und kam gar nicht darauf, den Bezug zu Männern zu untersuchen. Das fand ich sehr spannend: weil Goethe ja als großer Frauenliebhaber galt, aber nach allem, was man wissen kann, erst mit 36 erstmals Sex hatte; die Frauengeschichten waren Schwärmereien.“

Dafür aber habe Goethe „viele schwule Gedichte“ geschrieben. Literatur ist ein Bezugsrahmen des Filmes. Von Praunheim verweist unter anderem auf die androgyne Mignon im Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, die Goethe mal als sie, mal als ihn beschrieb. Oft als Zwitterwesen betrachtet, nennt von Praunheimsie „nach heutiger Auffassung eine Transgender-Figur“.

Schwule Szenen sind aber schon mehrfach auch in „Faust II“ ausgemacht worden: „Die Racker sind doch gar zu appetitlich“, ließ Goethe dort seinen Mephisto sagen.

Ähnliches gilt für Schillers letztes, Entwurf gebliebenes Drama „Die Malteser“. Ein Trauerspiel in „griechischer Manier“ sollte es werden, in dem eine homosexuell gedeutete Beziehung zweier Ritter vorkommt. „Aber auch die Männerfreundschaft in ,Don Karlos‘ ist ja sehr intensiv“, erinnert Rosa von Praunheim.

Der erste Schwulenroman der deutschen Literatur indes stammt aus Gotha: „Kyllenion – Ein Jahr in Arkadien“. Autor war Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg.

Herzog August, die Tunte aus Gotha

Von ihm ist überliefert, dass er nicht nur exzentrische Kostüme gerne trug, sondern auch Frauenkleider. „Von heute aus betrachtet“, so von Praunheim, „würde man vielleicht sagen: Das war eine Tunte.“ (Foto-queer.de)

Solchen und anderen Figuren nähert sich der Film seinem Regisseur zufolge stets von der Gegenwart aus: Schauspieler von heute verwandeln sich sichtbar in Menschen von damals. In historischen Kostümen schlugen sie am 26. August auch beim Erfurter „Christopher Street Day“ (CSD) auf. Dabei entstand „ein interessanter Kontrast“.

Die meisten Schauspieler übernahmen mehrere Rollen. So auch die aus Gothastammende Petra Hartung, bis 2013 am Deutschen Nationaltheater in Weimarengagiert. Als Caroline Gräfin Görtz drehte sie zum Beispiel im Kirms-Krackow-Haus. Die Gattin eines häufig verreisten Prinzenerziehers übermittelte diesem in Briefen stets den neuesten Tratsch aus Weimar; heute gilt sie als eine Zeitzeugin für den Beginn der Klassik-Epoche.

War diese bei den einen von Andeutungen und Spekulationen geprägt, wusste man bei anderen deutlich mehr: Den Begründer der Kunstgeschichte, Johann Joachim Winckelmann, dem soeben eine große und großartige Ausstellung im Neuen Museum gewidmet war, kannten seine Zeitgenossen bereits als Homosexuellen. Ähnliches gilt für den Dichter August von Platen, der seine Sexualität in Literatur goss. Der intime Briefwechsel der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Johann Georg Jacobi in Halberstadt wurde damals schon zum Skandal. Sie alle tauchen in von Praunheims Film ebenso auf wie Heinrich von Kleist oder Alexander von Humboldt.

Finanziert unter anderem von der Mitteldeutschen Medienförderung, drehte der Regisseur bereits im September 2016 eine Woche in Weimar für sein Dokudrama. Nun folgten im August zwei weitere Wochen auch in Halberstadt und Gotha.

Hauptquartier der Produktion war die „Other Music Academy“ um Alan Bern in Weimar. Dort ist unter anderem der Berliner Performer, Tanzwissenschaftler und Kulturaktivist Valentin Schmehl verortet, den von Praunheim gut kennt. Schmehlverkörpert im Film einige der Rollen.

Bis Ende des Jahres soll das Werk fertiggestellt sein und dann auf einem Festival Premiere feiern. In die Kinos kommt es, prognostiziert Rosa von Praunheim, im nächsten Frühjahr.(Michael Helbing / 08.09.17-TLZ.de)


Schwule, Lesben und die Klischees -  Wer ist bei euch der Mann?

Es hat sich herumgesprochen, daß nicht alle Friseure schwul sind und nicht alle Lesben kurze Haare haben. Deutschland hat jetzt die Ehe für alle und ist mit Homosexuellen so tolerant wie nie zuvor, es gibt kaum Vorurteile mehr, könnte man meinen. In der Wirklichkeit sieht das etwas anders aus.

Jan Noll, Chefredakteur des schwul-lesbischen Stadtmagazins „Siegessäule“, kennt die Klischees, die nach wie vor herumgei­s‍tern. „Der schwule Friseur hält sich“, sagt er. Noch immer würden bei Schwulen die Männlichkeit und bei Lesben die Weiblichkeit infrage ge­s‍tellt.

Wenn Noll sein Berliner Umfeld und die Filterblase im Internet verläßt, hört er solche Sätze: „Ich finde ja toll, daß du so offen schwul bist. Aber warum müssen denn alle Schwulen so tuntig sein?“ Er vermißt in Deutschland das Gespür für Alltagsdiskriminierung. Das gesellschaftliche Klima sieht er dank „AfD und Konsorten“ eher rückwärtsgewandt. „Es wäre naiv zu glauben, daß das, was wir erreicht haben, in Stein gemeißelt ist.“ (Foto-Pinterest)

Paradiesvogel mit Prosecco-Flasche?

Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland bemerkt noch viel Unsicherheit in der Gesellschaft. „Je näher man ranzoomt, de­s‍to brüchiger wird es“, sagt Ulrich. Nach dem Motto: „Sie sollen zwar heiraten dürfen, aber ich möchte nicht sehen, daß sie sich küssen.“ Selbst wenn Homosexuelle anders sind: „Darum kann es nicht gehen.“ Und auch wenn alle Schwule Friseure wären und alle Lesben kurze Haare hätten: „Gibt es deswegen einen Grund, sie schlechter zu behandeln?“

Das Klischee vom schwulen Mann als Paradiesvogel mit Prosecco-Flasche in der Hand hat überlebt. Das liegt auch daran, daß die schrillen Dragqueens bei den Straßenparaden zum Chri­s‍topher Street Day so ein gutes Fotomotiv sind. Wer interessiert sich da schon für die vielen Leute mit Jeans und T-Shirt?

Für Frauen gibt es das Magazin „Straight“, das weg will von den Klischees. In einem „Bullshit Bingo“ li­s‍tete es Hetero-Sprüche auf: „Ich kenn' auch welche. Die sind eigentlich ganz normal“. Oder: „Und wer ist bei euch der Mann?“

Vermissen Lesben etwas im Bett?

Gängig ist auch die Frage, ob die Lesben nicht doch etwas im Bett vermissen. „Nein danke, uns fehlt nichts“, schreibt Autorin Nadine Lange dazu im gerade erschienenen Buch „Heteros fragen, Homos antworten“. „Wir vermissen keine Typen im Bett - deswegen sind wir ja Lesben. Glaubt's einfach.“

An einem Klischee ist dem Buch zufolge aber etwas dran: Viele Schwule mögen Schlagersängerin Marianne Rosenberg („Er gehört zu mir“). Aber klar gibt es auch Schwule, die „Kitschtrullas“ wie Barbra Streisand und Liza Minnelli nicht leiden können. Dem Selbstbewußtsein von maskulinen Frauen, in der Szene „butches“ genannt, hat es gut getan, daß es mit Ker­s‍tin Ott jetzt eine Schlagersängerin aus ihren Reihen gibt. Andere halten sich bei Otts Hit „Die immer lacht“ die Ohren zu.(Foto-Pinterest)

Was die Ehe für alle angeht, die am Sonntag die eingetragene Lebenspartnerschaft ablöst, so kennen die Hochzeitsplaner schon lange die Fe­s‍te, die Männer- und Frauenpaare feiern. Die sind gar nicht so viel anders. „Es gibt alles“, sagt Hochzeitsplaner Marco Fuß. Manche Lesben stehen demnach ganz konservativ mit Sägebock vorm Standesamt. Schwule Hochzeiten seien manchmal sogar spießiger als Hetero-Hochzeiten. Planer Ulrich Knieknecht sieht bei den homosexuellen Paaren, daß es bei ihnen wenig um formale Gründe geht. „Wenn sie heiraten, ist es eine ganz bewußte Entscheidung aus Liebe.“ (dpa-BerlinerZeitung)

Wenn die Gewalt ganz subtil daher kommt: Jenaer Institut forscht zu Diskriminierung

Was ist Diskriminierung? Wo fängt sie an? Warum schützen Gesetze nicht genug? – Antworten von Janine Dieckmann vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena.

Jena. Vieles ist geregelt, zum Beispiel im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, weshalb falsche Formulierungen in den Stellenanzeigen zu Klagen führen können. Und doch begegnen wir Diskriminierung im Alltag. Frauen erfahren sie, Homosexuelle, Sozialschwache und andere Gruppe mehr. „Nur weil es Gesetze gibt, heißt es nicht, dass es Diskriminierung nicht mehr gibt“, sagt Janine Dieckmann. Die Wissenschaftlerin am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft arbeitet an dem Thema Diskriminierung.

Frau Dieckmann, was ist eigentlich Diskriminierung?

Sozialpsychologisch ausgedrückt ist Diskriminierung die als ungerechtfertigt wahrgenommene Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund einer Gruppenzuschreibung. Das heißt, Menschen fühlen sich diskriminiert, wenn sie sich aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit schlechter behandelt fühlen als andere. In Bezug auf das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland wird im Grundgesetz und im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) genau definiert, aufgrund welcher Merkmale Menschen vor Diskriminierung besonders geschützt werden müssen: zum Beispiel aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Behinderung, ihrer Religion.(Foto-Bibliomedpflege)

Also gibt es zwei Ebenen einer Definition: Die, die im AGG festgezurrt ist, und ein sozialpsychologischer Prozess?

Ja, das sind unterschiedliche Perspektiven, die psychologische und die gesetzliche. Im Sinne einer demokratischen Gesellschaft wird nicht alles als Diskriminierung definiert. Die Benachteiligung und die Schlechterbehandlung von übergewichtigen Menschen ist zum Beispiel gesetzlich nicht als Diskriminierung definiert, kommt aber in unserer Gesellschaft häufig vor.

Liegt Diskriminierung vor, wenn die Fans des FCC die Anhänger von RW Erfurtnicht mögen und dies auch äußern?

Gutes Beispiel. Ja, die diskriminieren sich auch gegenseitig, aus sozialpsychologischer Sicht. Aber aus menschenrechtlicher Sicht im Sinne einer Teilhabe und persönlichen Entfaltung in unserer demokratischen Gesellschaft wird diese Art der Diskriminierung eben nicht gesetzlich als Diskriminierung definiert. Es gibt kein Menschenrecht auf die Liebe zum Fußballverein. Gruppenzugehörigkeiten, die vor Diskriminierung geschützt werden, sind nicht einfach so zu verändern und meist nicht selbst gewählt, zum Beispiel das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, Religion oder Herkunft.

Wo im Alltag begegnen wir Diskriminierung?

Überall. Sie kann uns in Gesprächen am Arbeitsplatz oder der Freizeit, also auf individueller Ebene, begegnen. Dann gibt es die institutionelle Ebene, also die behördliche: Bestimmte Menschen werden durch Institutionen anders behandelt als andere: Frauen sind in Vorständen, auch in Thüringer Unternehmen, weniger vertreten als Männer. Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund haben schlechtere Bildungschancen und so weiter. Auch die Berichterstattung in einigen Medien ist vorurteilsbehaftet und diskriminierend. Oftmals ist übrigens auch das Ignorieren und Nicht-mit-denken von bestimmten Gruppen ein Problem, zum Beispiel beim Thema barrierefreier Bau von neuen Gebäuden.

Das Thema ist also so präsent, dass es eine Umfrage rechtfertigt. Woran machen Sie das fest?

Wir sind ja mit dem IDZ ganz nah an zivilgesellschaftlichen Akteuren dran. In Gesprächen mit diesen bekomme ich immer wieder mit, wie wichtig es ist, unterschiedliche Diskriminierungsformen in Thüringen sichtbar zu machen. Erst dann können mehr Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Ezra, die Mobile Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen, ist ein ganz gutes Beispiel. Das ist eine Beratungsstelle für Betroffene von Gewalt, aber was ist mit den Menschen, die keine körperliche Gewalt erfahren haben, die auf subtile Art und Weise im Alltag ausgegrenzt und diskriminiert werden oder eben von Behörden? Für die gibt es in Thüringen keine Beratungsstelle.

Taucht man in das Thema ein, tun sich Abgründe auf: Wir leben vermeintlich in einer aufgeklärten Welt, diskutieren über die Gleichstellung von Mann und Frau, es gibt die AGG, bei Stellenausschreibungen sind Hinweise auf das Geschlecht und die Religion nicht mehr statthaft. Eigentlich könnte man glauben, dass alles geregelt ist. Und doch scheint der Nachholbedarf enorm zu sein.

Nur weil es Gesetze gibt, heißt es nicht, dass es Diskriminierung nicht mehr gibt. Und auch nicht alle Fälle von Diskriminierung kann man so einfach gesetzlich regeln. Erst kürzlich wurde mir in Erfurt der Fall erzählt, dass eine Frau mit einem Kopftuch zwar eingeladen wurde zum Bewerbungsgespräch, es in diesem Gespräch dann aber nur um die Fluchterfahrung dieser Frau ging und nicht um ihre fachliche Qualifikation. Sie bekam den Job nicht. Aber natürlich klagte die Frau auch nicht – aus Angst vor den Folgen.

Welche Gruppe ist besonders von Diskriminierung betroffen?

Da möchte ich keine Betroffenenhierarchie erstellen. Die psychologischen Auswirkungen von Diskriminierung sind für alle Menschen gleich schlimm. Manche Menschen haben ein höheres Diskriminierungsrisiko, vor allem Menschen, die mehrere Merkmale aufweisen, zum Beispiel Frauen mit Behinderung oder schwule Migranten.

Sind Schwule und Lesben mit der gleichen Form von Diskriminierung konfrontiert?

Was die Auswirkungen anbelangt, gibt es keine Unterschiede. Bei Frauen kommt allerdings noch der sexistische Faktor hinzu. Lesben sind mit Homofeindlichkeit und Sexismus konfrontiert. Wenn Frauen zum Beispiel Fußball spielen, liegt doch häufig eine Homosexualitätsannahme vor. Die muss doch lesbisch sein und ist keine „richtige Frau“.

Ein doppeltes Risiko also.

Ja. Ein doppeltes Risiko, Opfer einer Diskriminierung zu werden. Eine Migrantin mit Behinderung ist zum Beispiel auch einem höheren Risiko ausgesetzt, als ein deutscher Mann ohne Behinderung.

Zu Beginn des Jahres hat ein offener Brief junger Frauen aus Jena für Aufsehen gesorgt: Sie klagten über sexuelle Übergriffe in den Jenaer Clubs. Überraschend daran war, dass die Fälle in einem Umfeld geschahen, in denen man es nicht vermutete. Clubs, in denen ein vermeintlich aufgeklärtes Klientel verkehrt. Hat Sie das überrascht?

Nein, das überrascht mich nicht. Sexismus findet sich in allen gesellschaftlichen Milieus. In Räumen, in denen man es nicht vermutet, fällt es auch mehr auf. In anderen Clubs wird es eventuell manchmal auch als normal angesehen, wenn sexistische Witze oder Übergriffe stattfinden. Individuelle Diskriminierung wird immer aus Sicht des oder der Betroffenen bewertet.

Wie meinen Sie das? Ein Klaps auf den Po ist nicht immer ein Klaps auf den Po?

Ob sich eine Person diskriminiert fühlt, muss sie in erster Linie selbst entscheiden. Wenn Frauen diesen Klaps nicht als Diskriminierung wahrnehmen, ist es unerheblich, wie wir es als Außenstehende bewerten. Meine Wertvorstellungen sind nicht der Maßstab. Diskriminierung ist situationsabhängig. Wenn die Frau den Klaps als Diskriminierung empfindet, ist es gut, dass sie darauf aufmerksam macht und somit das Umfeld – zum Beispiel die Clubs – für das Problem sensibilisiert. Die Jenaer Clubs haben sich danach alle mit dem Thema beschäftigt, soweit ich weiß, und haben Maßnahmen ergriffen.

Ist Diskriminierung ein typisches rechtsextremes Thema?

Diskriminierung hat nicht immer einen rechtsextremen Hintergrund. Aber Menschen mit einer rechtsextremen Ideologie sind häufig diskriminierend: Sie haben eine ausgeprägte Ungleichwertigkeitsideologie von unserer Gesellschaft, glauben, dass es Gruppen gibt, die höherwertig sind. Wichtig aber ist es auch, Diskriminierung jenseits von Rechtsextremismus sichtbar zu machen. Diskriminierung ist in unserer Gesellschaft schon immer vorhanden und lässt sich bei vielen Orten und Menschen finden.(Foto-Gewalt gegen Männer in Heterosexuellen Partnerschaften-Manndat)

Die AfD huldigt traditionellen Werten und betont die Familie, kürt aber eine Frau zu Spitzenkandidatin, die in einer lesbischen Beziehung lebt. Ist das ein Widerspruch?

Anscheinend funktioniert es für die Partei. Auch unter Lesben und Schwulen gibt es Menschen, die manche Ungleichbehandlungen nicht als Diskriminierung ansehen. Die Ungleichwertigkeit der homo- und heterosexuellen Partnerschaft und damit Lebensweise, welche die AfD in ihren Positionen vertritt, scheint die Lesben und Schwule in der AfD nicht zu stören. Die Mehrheit der Menschen in Deutschlandstören die diskriminierenden Ungleichwertigkeitsvorstellungen der AfD.

Sie haben betont, dass der wiederholte Konflikt um die Behindertenparkplätze am Universitäts-Klinikum in Jena keine Überraschung sei. Warum?

Weil es ein Symptom ist von diskriminierenden Strukturen und Denkweisen. Es kommt doch immer wieder vor, dass Behindertenparkplätze von Menschen ohne Behinderung blockiert werden. Auch der Rollstuhlfahrer, der dann doch wieder vor Treppen steht, ist keine Seltenheit. Warum verfügen in Thüringen nicht alle Bahnhöfe über einen Fahrstuhl?

Die Stadt Jena räumt ein, dass nicht alle Wahllokale barrierefrei sind, aber behinderte Menschen gegebenenfalls auf Hilfe hoffen können. Können Sie das akzeptieren?

Nein, kann ich nicht. Das ist 2017 ein Unding. Man könnte sehr schnell die Situation verändern, wenn man zum Beispiel mobile Rampen an dem Tag einsetzt. Da fehlt mir das Mitdenken. Da bewegen sich die Behörden immer noch zu langsam.

Und das Wahlrecht für Behinderte? „Wahlberechtigt ist, wer das 18. Lebensjahr vollendet hat“ – so steht es im Grundgesetz.

Es steht im Grundgesetz und dennoch gilt es für Zehntausende, die eine Behinderung haben, nicht. Sobald ein Betreuungsrichter diesen Menschen einen Betreuer „in allen Angelegenheiten“ zuspricht, werden sie aus dem Wahlregister gestrichen. Zum Glück gibt es da auch viel Protest aus der Behindertenbewegung und hoffentlich ändert sich das nach dieser Wahl.

Nun trat in Jena ein Direktkandidat an, der schwerbehindert und arbeitssuchend ist. Fehlt dieser Klientel eine Stimme im Bundestag?

Eine Repräsentanz von gesellschaftlich stigmatisierten und schwächer gestellten Gruppen in der Politik und in sonstigen Gremien ist immer wünschenswert. Sonst werden ihre Belange und Anliegen nicht direkt gehört.

Sind wir als Gesellschaft bereit, das Thema Inklusion voranzutreiben oder bleibt es eine Utopie?

Wir müssen viel mehr Basisarbeit leisten. Da fehlt immer noch ein Grundverständnis und die Sensibilität für die Bedürfnisse der Menschen. Dabei geht es mir nicht nur um das Bewusstsein in der Politik. Dieses Bewusstsein muss in der ganzen Gesellschaft gesteigert werden, sonst wird sich nichts ändern.

Schon lange beklagen sich Menschen, dass die Minderheitenförderung längst zu einer umgekehrten Diskriminierung geworden sei. Haben sie recht?

Individuell mag das so wahrgenommen werden. Historisch betrachtet gibt es doch einen Grund, warum jene Minderheiten besonders gefördert werden. Sie waren bislang immer schlechter gestellt gewesen sein und wurden weniger unterstützt.

„Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt eingestellt."

Genau. Das mag man individuell diskriminierend finden, historisch betrachtet muss man aber doch erkennen, dass Frauen weniger Rechte und geringere Chancen hatten. Um diese lange Ungleichbehandlung auszugleichen, ist es eben nun wichtig, zum Beispiel bei öffentlichen Arbeitgebern die Maßgabe zu setzen, den Frauenanteil zu erhöhen. Und irgendwann ist das hoffentlich nicht mehr nötig, dann, wenn Frauen und Männer in der Arbeitswelt gleichbehandelt werden.

Gibt es eine Diskriminierung von sozial schwachen Menschen?

Natürlich. Wer über ein geringes Einkommen verfügt, wird in unserer Gesellschaft doch ganz anders behandelt als Wohlhabende. Die Diskriminierung beginnt auf dem Amt, in der Schule der Kinder und endet beim Kinobesuch, der unerschwinglich ist. Langzeitarbeitslose sind eine Gruppe, die sehr häufig diskriminiert wird. Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat gezeigt, dass der soziale Status ein häufiger Grund für Diskriminierung ist. Er rangiert an zweiter Stelle. Schon die Einführung von Hartz IV hat dazu geführt, dass es die Empfänger als stigmatisierte Gruppe gibt. Viele ALG-II-Empfänger berichten, dass sie sich beim Ämterbesuch so fühlen und so behandelt werden, als ob sie sich etwas erschleichen wollen. Da ist bereits eine Voreingenommenheit auf Seiten der Behörden zu spüren, die man mit Fortbildung wieder abbauen könnte.

Gibt es ein Stadt-Land-Gefälle?

Menschen, die einem höheren Diskriminierungsrisiko ausgesetzt sind, leben lieber in den Städten. Dort geht es anonymer zu. In einem 100-Seelen-Dorf mag eher eine homogene Werte-vorstellung vorherrschen, von der man ganz schnell abweichen kann.(Thorsten Büker-TLZ.de)

Erwartbar große Empörung

Eine Studie will untersuchen, wie Lehrer über das Thema sexuelle Vielfalt denken: Das ist eine sinnvolle Sache, wäre da nicht diese heikle Frage.

Eine Studie will herausfinden, wie Lehrer über das Thema sexuelle Vielfaltdenken: Stehen sie dem eher offen oder doch ablehnend gegenüber? Wie viel wissen sie überhaupt, zum Beispiel über Intersexualität? Thematisieren sie es im Unterricht, wenn auf dem Schulhof jemand als „Schwuchtel“ beschimpft wird? Sinnvolle Sache, findet die Arbeitsgemeinschaft Schwule Lehrer bei der Gewerkschaft GEW. Wichtig sei diese Befragung, sagen unisono die queerpolitischen SprecherInnen von Linken, Grünen und der SPD.

Da haben sie recht: Wer wissen will, muß Fragen stellen. Und gerade Schule darf beim Thema Diskriminierung keine Blackbox sein. Umso ärgerlicher, daß sowohl die beteiligten Wissenschaftler von Humboldt-Universität und der privaten Sigmund Freud Universität als auch die Senatsbildungsverwaltung als Auftraggeberin den Erfolg der Studie, die zu Wochenbeginn öffentlich wurde, so unbedacht aufs Spiel setzen: „Was ist Ihre sexuelle Orientierung?“, heißt eine der letzten Fragen. Mit anderen Worten: Sind Sie schwul?


Müssen Lehrer eigentlich jede Frage beantworten?(Foto-dpa)

Klar, daß sich die Medien darauf stürzen würden: „Hetero oder nicht? – Sex-Schnüffelei an Berlins Schulen“, schrillt die B.Z. Klar, daß die CDU, zumal so wenige Tage vor der Bundestagswahl, sich extrem empört geben würde und in Windeseile den parlamentarischen Antrag fertig hatte, mit dem sie diese „abstruse Befragung“ unverzüglich beenden will. Da können die Forscher wie auch die Berliner Datenschutzbeauftragte hinterher noch so sehr beteuern: Alle personenbezogenen Angaben – und die Studie fragt davon reichlich ab – würden selbstver­s‍tändlich codiert oder gelöscht.

Denn selbst wenn alles ganz korrekt sein sollte beim Datenschutz, bleibt am Ende offen: Warum braucht es diese heikle Frage nach der sexuellen Orientierung überhaupt? Zumal die Forscher nach dem ganzen Schlamassel selbst betonten: Die Frage sei nur „ein (vergleichsweise unbedeutender) Faktor unter vielen anderen“.

Eigentlich hätte man sie also auch weglassen können? Aber so durften die Forscher jetzt nochmal viel Zeit darauf verschwenden, gerade zu rücken, was im Prinzip alle wissen: Nur weil man Hetero ist, ist man noch lange nicht homophob, und nicht in jedem Schwulen wohnt ein liberaler Geist. Bleibt zu hoffen, daß die Studie durchkommt – und der Erkenntnisgewinn am Ende für alle Seiten groß ist. (Anna Klöper-taz)

Kommentar LGBTI und AfD

Homo-Projektionen

Alice Weidel hält die AfD für die einzige Schutzmacht der Angehörigen sexueller Minderheiten. Das ist mehr als abenteuerlich.

Es ist ungefähr die lächerlich­s‍te Behauptung, die die AfD in diesem Wahlkampf lanciert: daß sie „die einzige echte Schutzmacht für Schwule und Lesben in Deutschland“ sei. Das sagt Spitzenkandidatin Alice Weidel, und sie sollte sich auskennen, denn sie ist eine unver­s‍teckt lesbische Frau – und jener, der sie diese Abenteuerlichkeit sagen läßt, ist der Publizist David Berger, sowohl bekennendes CDU-Mitglied wie auch AfD-Wähler.

Tatsächlich meinen beide damit, daß die AfD die sie wählende Gunst weiblicher wie männlicher Homosexueller verdiene, weil sie als einzige Partei auf die Gefahr durch sogenannte muslimische Gangs hinweise und sie beseitigen möchte. Die politische Forderung kollidiert allerdings mit den Realitäten der Bundesrepublik: Keine Stati­s‍tik belegt, daß die böse gesinnten Thesen Weidels wie Bergers zutreffen.

Es gibt im bundesdeutschen Alltag häßliche Szenen gegen offene Lesben und Schwule und Trans*menschen. Und sehr oft von migrantischen Jugendlichen gegen alles, was sie für weich und schwächlich halten. Unwahr ist jedoch, daß es ein exklusiv muslimisch grundiertes Mobbing gegen Homosexuelle gibt.(Foto-Nerdica.net)

Worüber von Weidel nichts zu hören ist: Die AfD will in Schulen alles getilgt sehen, das der Aufklärung über und mit Homosexuelle(n) dient. Genderwahn heißt es dann. Die AfD ist es, die den haßerfüllten Skeptizismus gegen alles schürt, was nicht die völkisch-heterosexuelle, bevölkerungspolitisch orientierte Norm erfüllt.

Wie können sie nur als Schwule und Lesben!

Jedoch: Ein Staunen darüber, daß Menschen wie Alice Weidel und David Berger für die AfD kämpfen – Motto: Wie können sie nur als Schwule und Lesben! –, verfehlt den Gedanken, daß Angehörige sexueller Minderheiten, und lebten sie ihre Homosexualität auch noch so unverhüllt, ebenso reaktionär, lügnerisch oder rechtspopuli­s‍tisch sein können. Es steht ihnen sogar zu, ob es einem behagt oder nicht.

Daß die AfD mit derartigen Thesen überhaupt Wahlkampf machen kann, hat andererseits auch damit zu tun, daß linke und libertäre Kräfte in der Bundesrepublik es vielfach versäumt haben, Äng­s‍te von LGBTI ernst zu nehmen – besonders jene vor homophob agilen Menschen, die aus Ländern stammen, in denen Schwule mit dem Tod bedroht werden.(Jan Federsen-Taz)

Der Pendler

Im Grunde ist jeder Mensch bi, sagte Sigmund Freud. Bisexualität sei neben Hetero- und Homosexualität «die dritte große sexuelle Orientierung», kann man auf der Seite bisexuell.net lesen. Trotzdem ist das B aus der LGBT-Familie er­s‍taunlich wenig sichtbar. Stefan aus Neckargemünd stellt eine mutige Ausnahme dar.

Mit fünf Jahren wußte Stefan Hölscher, daß er auf Männer steht. Aber das Umfeld, in dem er in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufwuchs, belegte gleichgeschlechtliche Gefühle mit einem Tabu. «Homosexualität war ein absolutes No-Go», erinnert er sich. Zumal er als Schüler das bischöfliche Gymnasium im niedersächsischen Hildesheim besuchte. Ironie des Schicksals: Gegen den Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen wurden später Vorwürfe erhoben, er habe sich an Meßdienern vergangen.

Obwohl Stefan immer schon sexuell an Jungs interessiert war, fing er in der zehnten Klasse an, Beziehungen mit Frauen einzugehen. «Die er­s‍ten mögen Alibibeziehungen gewesen sein», sagt er, «aber es gab Beziehungen, die waren richtig gut. Besser auch, als ich sie später mit Männern hatte – in punkto Verbundenheit, Vertrauen und gemeinsame Interessen.» (Foto-zazzle)

«Ich würde meine Frau gegen nichts und niemanden eintauschen.»

Im Alter von 26 lernte der Managementberater, Trainer und Coach seine heutige Frau kennen, über die er sagt: «Ich würde sie gegen nichts und niemanden eintauschen. Wir lieben uns sehr, und im Laufe der Zeit hat das immer noch mehr zugenommen.» Die Beziehung zu seiner Partnerin empfindet er auch als «sexuell relevant». Männer machen ihn allerdings rein körperlich mehr an. Auf Kontakte mit ihnen will er nicht verzichten. Die findet er auf einschlägigen Dating­portalen, hat aber auch langjährige Freunde, mit denen er sich trifft. Seinen «allerbe­s‍ten Sexpartner» etwa kennt er schon seit über siebzehn Jahren.

Mit seiner Frau führt er eine offene Beziehung: Sie weiß von den Treffen, weiß in der Regel auch, wann ihr Mann bei einem anderen Mann ist, und sie akzeptiert es. «Sie ist sehr selbstbewußt und sehr tolerant», sagt Stefan und klingt dabei ein bißchen stolz. Die beiden haben zwei Söhne im Alter von siebzehn und vierzehn Jahren. Auch die wissen, daß ihr Vater bisexuell ist und seine Männerkontakte nebenher braucht. «Sie haben gelernt, daß das kein Problem für eine Beziehung ist. Sie leiden nicht darunter, ihnen fehlt dadurch nichts.» Auch im Freundeskreis wissen alle bescheid, negative Reaktionen gab es nicht.

Die Angst, erwischt zu werden
Die Gründe, warum viele bisexuelle Männer es vorziehen, sich zu ver­s‍tecken, seien vielfältig und durchaus nachvollziehbar, findet Stefan. Da sei die Angst, daß man die Partnerin verlieren könnte, weil sie es nicht schafft, sich dieser Herausforderung zu stellen. Viele Bi-Männer hätten auch mit sich selbst ein Problem; sie befürchten, kein «normaler Mann» zu sein, haben Angst davor, wie sie in ihrem Umfeld wahrgenommen werden.

Der bisexuelle Mann – das unbekannte Wesen? In einer nicht-­repräsentativen Umfrage des Internetportals bisexuell.net und der Partnervermittlung Gleichklang.de unter bisexuellen Menschen gaben jeweils knapp die Hälfte der befragten Männer und Frauen an, sich von beiden Geschlechtern gleich stark angezogen zu fühlen. Die andere Hälfte der Befragten formulierte eine Vorliebe: Bei Männern dominierte die heterosexuelle Präferenz, wobei 40 Prozent der Männer insgesamt angaben, lieber mit einer Frau als mit einem Mann schlafen zu wollen. Lediglich 16 Prozent der Männer zogen Männer als Sexualpartner vor. Was Beziehungswünsche betrifft, so meinte jeder dritte Mann, sowohl bereit für eine Partnerschaft mit einem Mann wie mit einer Frau zu sein. Über die Hälfte (57 %) der Bi-Männer bevorzugte eine Partnerin. Nur acht Prozent der befragten Männern war eine Beziehung mit einem Mann lieber.

Stefan, so könnte man etwas plump sagen, liegt mit seiner Lebensführung voll im Trend. Was viel wichtiger ist: Man hat hier einen Mann vor sich, der vollkommen mit sich im Reinen ist und in sich zu ruhen scheint. Die offene, fast schon offensive Art, mit der Stefan seine Bisexualität in seinem Umfeld thematisiert, ist beeindruckend – und man hat das Gefühl, daß es auch nur so funktionieren kann.

Bei seinem Coming-out als bisexueller Mann war er Mitte 20. Seither hat er nicht oft Ablehnung erfahren. Wenn doch, dann vor allem in der schwulen Community. Nicht selten findet er beim Online-Cruisen in den Profilen anderer User die Ansage: «Keine Fetten! Keine Tunten! Keine Bi-Männer!» Er findet das legitim. Jeder dürfe entscheiden, mit wem er etwas nicht machen will. Aber natürlich weiß er auch, daß in der Gesellschaft immer noch ein grosses Vorurteil herrscht: «Der ist eigentlich schwul, tut aber nur so als ob. Seine Bisexualität ist doch nur eine Fassade.»(Foto-nyheter)

Was andere über ihn diesbezüglich sagen, ist ihm «scheissegal», sagt Stefan – und die Art, wie er es sagt, läßt daran keine Zweifel aufkommen. Ohnehin, erklärt der studierte Philosoph, macht sich jeder das Bild von einem Menschen, das er haben will. Das müsse einem gleichgültig sein, sonst mache man sich abhängig von der Meinung anderer Leute.

«Ich habe früher in dieser Entweder-oder-Logik gedacht, daß ich entweder so oder so bin. Ich bin lange hin und her gependelt.»

Diese Ein­s‍tellung mußte er sich in einem langjährigen Prozeß natürlich erst erarbeiten. Bis er 26 war, quälte er sich. Seine Äng­s‍te, denen er sich nicht stellte, verursachten psychosomatische Beschwerden. Er definierte sich lange als schwul, weil er es nicht besser wußte, nicht wissen wollte. Er suchte dringend nach einem Mann fürs Leben – und fand schließlich seine Frau, mit der seit mittlerweile 26 Jahren zusammen ist. Daß es keine bisexuellen Vorbilder gab, wenn man mal von David Bowie und Inge Meysel absieht, machte es nicht leichter für ihn. Offen schwule Männer fielen einem damals schon eher ein. Also versuchte sich auch Stefan in eine Schublade einzusortieren, um zu wissen, wohin er gehört – entweder empfand er sich als schwuler Mann, oder wenn er Zweifel hatte, als Hetero. Daß es etwas anderes gab, etwas dazwischen, konnte oder wollte er nicht sehen. «Ich habe früher in dieser Entweder-­oder-Logik gedacht, daß ich entweder so oder so bin. Ich bin lange hin und her gependelt.»

Das ist natürlich auch eine Sichtweise, die eine Gesellschaft auf den Einzelnen hat. Viele verlangen Eindeutigkeit, erwarten von einem Individuum, daß es sich festlegt: Bist Du Mann oder Frau, hetero oder homo? Der Entschluß, bei dieser streng binären Zuordnung von Sexualität nicht mehr mitzumachen und zu sagen, daß man hetero- und homosexuell sein kann, hat Stefans Leben verändert. Ihn erfüllt heute eine ganz andere Energie, gewonnen aus Partnerschaft, Liebe und erfüllender Sexualität, wie er sagt. «Der Unterschied zu früher ist dramatisch.»

Aber auch in der Gesellschaft bewegt sich was. Viele internationale Stars aus dem Musik- und Filmgeschäft outen sich fast schon beiläufig als bisexuell – Drew Barrymore, Kir­s‍ten Stewart, Lady Gaga. Auch in Deutschland: Allein im er­s‍ten Halbjahr 2017 haben sich etliche Prominente als bisexuell geoutet: Der Landarzt-­Dar­s‍teller Walter Plathe, «The Voice Kids»-Jurorin und Nena-­Tochter Larissa Kerner sowie Anna Ermakova, Model und Sproß des mehrfachen Wimbledon-­Siegers Boris Becker. Daß es in der Mehrzahl Frauen sind, die sich als bisexuell outen, scheint darauf hinzudeuten, daß Männer noch immer ein größeres Problem damit haben. Vielleicht weil bisexuell eben nach wie vor irgendwie schwul ist und «schwul» als beliebtes Schimpfwort auf Schulhöfen und in Fußball­s‍tadien nicht aus der Mode kommt.

Während man jahrelang davon ausging, daß sich der Anteil an Schwulen und Lesben irgendwo zwischen 5 und 10 % bewegt (laut Dalia-Studie aus dem Jahr 2016 liegt der Anteil von queeren Menschen europaweit in Deutschland am höch­s‍ten, nämlich bei 7,4 %), ist gerade in der jüngeren Generation eine viel größere Offenheit zu beobachten. Die sogenannten Millennials bezeichnen sich mehrheitlich nicht als heterosexuell, wie die repräsentative YouGov-Studie im Jahr 2015 herausfand: Nur 46 % der Briten zwischen 18 und 26 bezeichneten sich als ausschließlich heterosexuell. 6 % gaben an, ausschließlich homosexuell zu sein, während sich 43 % irgendwo dazwischen definierten. Irgendwo dazwischen – das nennen die einen «fluid» oder eben bisexuell.(Foto-improveme)

Immer mehr Menschen lehnen eindeutige Labels wie hetero oder homo ab, glaubt auch Stefan und geht davon aus, daß dieser Trend die Gesellschaft verändert. Viele schauten heute eher auf die Persönlichkeit eines Menschen, wenn sie sich verlieben, nicht auf das Geschlecht. Vielleicht kann man es so ausdrücken: Wer seine Energie nicht mehr darauf verwendet, zwischen zwei Polen zu pendeln und sie als Gegensätze wahrzunehmen, kann sich vollkommen darauf konzentrieren, zu leben und zu lieben. Stefan hat diesen Zu­s‍tand bereits erreicht.(vonKriß Rudolph/diemannschaft)   


Homosexuelle Männer verdienen weniger Geld als gleichqualifizierte Heterosexuelle. Das hat das Deutsche In­s‍titut für Wirtschaftsforschung anhand von Stati­s‍tiken herausgefunden. Doch was sind die Gründe für die Benachteiligung?

Das Deutsche In­s‍titut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat herausgefunden, daß homosexuelle Männer weniger Geld verdienen als gleichqualifizierte heterosexuelle Männer in vergleichbaren Berufen. Heterosexuelle Männer verdienten etwa 18 Euro brutto die Stunde, homosexuelle dagegen nur 16,40 Euro. Dieser Ab­s‍tand mag deutlich geringer sein als der Ab­s‍tand zu den Frauen, die nur 14,40 Euro verdienten. Aber dennoch ist es ein erklärungsbedürftiger Befund. Insbesondere weil er etwas verrät über die Schwierigkeit, aus einem stati­s‍tischen Merkmal auf soziale Diskriminierung zu schließen und diese dann auch noch mit einer kausalen Begründung zu erklären.

Ein präsentes kulturelles Phänomen

Als kulturelles Phänomen mögen Schwule, Lesben und Bisexuelle in der deutschen Gesellschaft sehr präsent sein – in der Sozialstati­s‍tik hingegen weiß man über ihre Lebenslagen er­s‍taunlich wenig. Das liegt auch daran, daß große Bevölkerungsumfragen wie etwa der amtliche Mikrozensus des Stati­s‍tischen Bundesamtes nur die klassischen Daten der sozialen Schichtung abfragen – also Alter, Geschlecht, Ausbildung, Einkommen, Partnerschaftsverhältnisse, Religion, Kinder, Haushaltsgrößen und Herkunft, aber nicht die sexuelle Orientierung. Das DIW selbst konnte in seiner großen Sozialbefragung, dem Sozioökonomischen Panel (SOEP), seit 1984 ebenfalls nur indirekt über die Fragen zur Haushaltszusammensetzung sowie den Partnerschaftsverhältnissen auf die sexuelle Orientierung seiner Befragten schließen. Seit 2016 können die DIW-Forscher nun erstmals auch direkt nachfragen, ob sich ein Teilnehmer als hetero-, homo- oder bisexuell ver­s‍teht. Und wer dann fest­s‍tellt, daß es nicht unerhebliche Unterschiede bei den Einkommen gibt, wird sofort mit der Rückfrage konfrontiert werden, ob der stati­s‍tische Befund der Benachteiligung von Homosexuellen damit erklärbar ist, weil sie eben homosexuell sind.(Foto-Pinterest)

Die Studie des DIW kann solche kausalen Antworten natürlich nicht liefern. Sie kann nur fest­s‍tellen, daß der besagte Lohnnachteil auch unter Berücksichtigung von Unterschieden in Qualifikationen, Stellung im Beruf, Berufserfahrung, Arbeitszeitmodellen und Branchen be­s‍tünde. Das ist auch deshalb er­s‍taunlich, weil die Homosexuellen in dieser SOEP-Auswertung eine höhere Schul- und Berufsausbildung haben als die Heterosexuellen, nämlich 47 Prozent (Fach)Hochschulreife gegenüber nur 36 Prozent. Und doch steige der Lohnvorteil der Heterosexuellen sogar auf über zwei Euro, wenn man diese durchschnittlich höhere Schulbildung stati­s‍tisch berücksichtige. Aber warum ist das Abitur eines Homosexuellen insofern weniger wert als das eines Heterosexuellen?

Diskriminierung äußert sich in indirekten und subtilen Formen

Ein einfaches Modell von Diskriminierung müßte annehmen, daß man wegen seiner sexuellen Identität nur benachteiligt werden könne, wenn diese Identität bekannt ist. Jemand zeigte also etwa bei einer Bewerbung um einen Job seine Homosexualität ganz offen, und würde dann von einem potentiellen Arbeitgeber genau deshalb abgelehnt. Oder als bereits Beschäftigter bei Beförderungen und Gehaltserhöhungen übergangen – erneut wegen seiner bekannten Homosexualität. Nun weiß man bereits aus der umfangreichen Forschung zur Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, daß es leider nicht so einfach ist. Leider? Ja, wenn es nämlich um die rechtliche Bekämpfung von Diskriminierung geht, wäre es so viel leichter, diese nachzuweisen und einen dafür Schuldigen zu identifizieren. In der Wirklichkeit jedoch äußert sich Diskriminierung in indirekteren und subtileren Formen. Man muß wohl den Umweg über den Begriff des sozialen Netzwerkes gehen: Arbeitsplätze sind Teil von Organisationen – von Betrieben, Behörden, Teams. Über Erfolg oder Mißerfolg entscheidet hier mehr als nur fachliche Kompetenz, Fleiß oder Ehrgeiz. Die Einbettung der Erwerb­s‍tätigkeit in ein ganz eigenes soziales Leben von Freundschaftsverhältnissen, Kollegen, Betriebsfeiern, und eben auch Klatsch und anderen informellen Informationsquellen entscheidet oft mit über persönliche Vorteile, die Karriere, den Auf­s‍tieg. Wer dort sozialen Erfolg hat, kann diesen oft in ökonomische Gewinne übertragen. Das mag für jemanden Nachteile bedeuten, der entweder durch das Verbergen seiner sexuellen Identität oder gerade durch deren offenes Ausleben von solchen Netzwerken der heterosexuellen Mehrheit zumindest zum Teil ausgeschlossen wird, also: nicht mitfeiert, keine Kollegen nach der Arbeit trifft oder den Chef nie zum Essen einlädt.(Foto-Pinterst)

Aber natürlich wirft ein solches Modell schwierige Fragen auf: Haben wir es hier nicht auch mit Selbstdiskriminierung zu tun? Daß ein Homosexueller vielleicht kein Interesse an der Freizeitkultur seiner heterosexuellen Kollegen hat, ist ja völlig legitim. Oder eine junge Mitarbeiterin an der ihrer älteren Kolleginnen. Wäre es anders, würde man ihnen also das Recht auf eine eigene Kultur absprechen, läge ja genau darin die Diskriminierung. Die Frage ist aber, ob man die Folgen einer solchen kulturellen Selb­s‍tabgrenzung gleichzeitig als ökonomische Diskriminierung beklagen kann. (von Gerald Wagner-FAZ.)


Hetze gegen Homosexuelle

Die Rechte von sexuellen Minderheiten werden fast überall in Afrika mit Füssen getreten.

Was Bischof Chri­s‍topher Senyonjo sagt und tut, ist nur wahr und vernünftig, aber es könnte ihn ins Gefängnis bringen, wenn in Uganda ein neues Gesetz über das Verbot der Homosexualität angenommen wird. Der 78-jährige anglikanische Geistliche im Unruhe­s‍tand betreibt in einem ehemaligen Ladenlokal der Haupt­s‍tadt Kampala eine Familienberatungs­s‍telle. Er ist bekannt dafür, daß seine Türen auch homosexuellen Paaren offen­s‍tehen. Schwule und Lesben hätten in Uganda ein schweres Los, sagt Senyonjo. Sie litten an Schuldgefühlen oder daran, daß sie keine Partner fänden. Wenn sich ihre Veranlagung herumspreche, würden sie drangsaliert.

Rufer in der Wü­s‍te

Der Bischof spricht ruhig und im gepflegten Englisch älterer Ugander, die noch während der Kolonialzeit in die Missionsschule gingen. Er trägt einen Ring aus Amethyst, der zum violetten Talar paßt. Diesen hat er wie zum Trotz angezogen, wenn er sonntags in die Kirche geht. Der Erzbischof von Uganda untersagte ihm, Messen zu lesen. Senyanjo hatte sich geweigert, seine Haltung gegenüber Homosexuellen zu widerrufen. Die mei­s‍ten Homosexuellen könnten sich nicht ändern, sagt er. «Sie sind Menschen wie du und ich.» (Foto-Mambaonline)

In Uganda gelten solche Ansichten als ketzerisch. Sektenprediger und Politiker schüren seit zwei Jahren eine in afrikanischen Gesellschaften latent vorhandene Homophobie. Dabei spielen sie sich als Wohltäter auf, die Schwule und Lesben von ihrem Zu­s‍tand «erlösen» wollten, und sei es mit der Androhung drakonischer Strafen. Die Hetze wurde von Martin Ssempa ausgelöst, dem Leiter der Makerere Community Church, einer der Pfingstbewegung nahe­s‍tehenden Erweckungskirche.

Vor seiner eigenen Bekehrung hatte Ssempa das ugandische Anti-Aids-Programm mitgestaltet, das mit amerikanischen Geldern der Administration Bush finanziert worden war. Dabei lernte er Missionare des Family Life Network kennen, einer amerikanischen Organisation, die im Kampf gegen Aids Treue und sexuelle Ab­s‍tinenz propagiert. 2008 und 2009 lud er seine Verbündeten zu Vortragsreihen ein, um die Ugander über die Gefahren der Homosexualität aufzuklären. An den Veranstaltungen nahmen auch Polizi­s‍ten, Lehrer und Politiker teil. Eine Kernaussage der Seminare lautete nach Beobachtern, ausländische Schwule wollten «die afrikanische Familie» zer­s‍tören.

Schwulenbars vor dem Out

Laut Pepe Onziema von der Bürgerrechtsbewegung Sexual Minorities Uganda (Smug) werden Homosexuelle seither sy­s‍tematisch drangsaliert. Eine Boulevardzeitung («Red Pepper») veröffentlicht Namenli­s‍ten von Homosexuellen, die Polizei hält Schwule und Lesben oft stundenlang fest. Laut Onziema machen sich «Boda-Bodas», Fahrer von Motorradtaxis, einen Sport daraus, Schwule zusammenzuschlagen. Lesben würden, häufig von Familienmitgliedern, mit dem höhnischen Ruf bedroht, sie benötigten «eine Lektion». Onziema, eine bekennende Lesbe, kleidet sich weiterhin eigenwillig in Anzug und Krawatte, aber die 29-Jährige gibt mehr für Taxifahrten aus als für das Essen. Sie fühle sich nur in geschlossenen Räumen sicher, sagt sie.

In Kampala sind fast alle Schwulenbars verschwunden. Zuvor hatte es drei solche Treffpunkte gegeben; sie waren an allen Tagen geöffnet. Die Polizei soll darauf Gespräche mit den Besitzern geführt haben, worauf diese die Etablissements schlossen oder den Pächter auswechselten. Zurzeit können Homosexuelle noch einen Nachtklub besuchen, ohne behelligt zu werden – einmal pro Woche. Die Stimmung in dem Lokal ist an einem dieser Abende aufgeräumt. Auf einer Freiluftbühne treten Gruppen von jungen Frauen oder Männern auf, die zur aufgelegten Musik tanzen. Zwei Conférenciers reissen anzügliche Sprüche. Die Schwulen sind in der Minderheit. Sie bewegen sich ungeniert, aber nicht schamlos. Niemand weiß, wie lange die Toleranz noch währt. Im Februar wechselte die Betriebsführung auch hier.

Letztes Jahr sprangen Politiker auf den Anti-Schwulen-Zug auf. Ugandas Mini­s‍ter für Ethik und Integrität, James Buturo, warf der Uno vor, Afrikanern die Duldung der Homosexualität aufzwingen zu wollen. Anfang dieses Jahres rief er Bürgerrechtlern zu, Homosexuelle könnten «ihre Menschenrechte vergessen». Bereits im September hatte David Bahati, ein bisher weitgehend unbekannter Jungpolitiker des regierenden National Resi­s‍tance Movement, im Parlament den Entwurf für ein Anti-Homosexuellen-Gesetz eingebracht.

Rabiates Gesetz

Nach dem Gesetzesvorschlag muß als Mindeststrafe für homosexuelle Handlungen lebenslänglicher Freiheitsentzug verhängt werden. Wiederholung­s‍täter und Personen, die mit Jugendlichen sexuell verkehren, sollen gehenkt werden. Unter­s‍tützung für Homosexuelle würde mit bis zu sieben Jahren, die Beihilfe zu Homo-Ehen mit lebenslänglich Gefängnis bestraft. Wer Kenntnis hat von homosexuellen Umtrieben, muß diese innert 24 Stunden der Polizei melden; Zuwiderhandlungen werden mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft. Außerdem soll Uganda alle internationalen Verträge kündigen, welche die Rechte von Homosexuellen gewährlei­s‍ten.

Martin Ssempa, der Urheber der homophoben Welle, steht an einem sonnigen Sonntag als Vorbeter vor seiner Gemeinde. Der Gottesdienst findet in einer Halle der Universität Makerere statt. Zur Ein­s‍timmung werden Kirchenlieder gesungen. Der Pastor gibt im Rhythmus den Text vor, die rund 350 Besucher psalmodieren. Auf der Bühne täuschen feenhaft gekleidete Frauen Ek­s‍tase vor, während eine elektrische Orgel und eine Baßgitarre das Erlebnis untermalen. Ssempas Kirche ist keine Armenkirche, in der die Anhänger schnell einmal den Kopf verlieren. Laut Teilnehmern sind die meist jugendlichen Mitglieder Studenten und an der Uni ausgebildete Berufsleute.

Ssempa pflegt seine Predigten mit Fakten zu untermauern. An diesem Tag wettert er gegen die Ausbeutung der Massen durch ausländische Mobiltelefonie-Unternehmen und läßt dazu eine mehrseitige Dokumentation verteilen. Mit ähnlicher Zielsetzung projizierte er kürzlich pornografische Bilder der wü­s‍te­s‍ten Sorte an die Wand. Ssempa erwähnt sein Lieblingsthema diesmal nur am Rande, im Zusammenhang mit dem besonderen Verkaufsargument seiner Kirche, nach dem alle Sünder, ob Ausbeuter oder Homosexuelle, Läuterung erwarten dürfen. «Yes, you can», lautet das aus Amerika importierte Motto.

Penelope Kirabo, die als Sekretärin in einem Anwaltsbüro arbeitet, ist mit Ssempa einver­s‍tanden. Schwule hätten «Probleme mit ihren Geschlecht­s‍teilen», die niemanden gleichgültig lassen könnten. Sie glaubt auch die demagogische Behauptung des Pastors, Ausländer lockten Studenten mit Stipendien an, um sie «für die Sache der Homosexualität zu rekrutieren». Die Absicht rechtfertige die Todesstrafe, sagt sie.

Homophobie dringt nicht nur in Uganda in den öffentlichen Raum ein, sondern in mehreren Ländern Afrikas (siehe Zusatz). Die Aktivi­s‍tin Pepe Onziema sieht als einen Grund dafür das wachsende Selbstbewußtsein von Schwulen und Lesben. In Uganda hatte die Gruppe Smug 2007 erstmals eine Medienkampagne unter dem Titel «Let us live in peace» geführt. Danach hätten die Angriffe begonnen. Eine zweite Ursache liegt wohl darin, daß Politiker die Homophobie als Resonanzkörper für wohlfeile Reden entdeckt haben, mit denen sie von der Korruption und der versäumten Entwicklung ablenken. Ssempa, der mit der First Lady, Janet Museveni, befreundet ist, hat die Korruption an der Staatsspitze bezeichnenderweise noch nie aufgegriffen.(Foto-bbc.com)

Tabuisierung Aids-freundlich

Die dritte Triebfeder ist die Furcht vor Aids. Die amerikanische Organisation Human Rights Watch dokumentierte schon 2003, wie in Staaten des südlichen Afrika Regierungspolitiker Schwule zum Sündenbock machen. In Tat und Wahrheit ist es umgekehrt – die Tabuisierung der Homosexualität erhöht die An­s‍teckungsgefahr, wie eine letztes Jahr in der Fachzeitschrift «Lancet» veröffentlichte Untersuchung nachweist. Danach heiraten Schwule in Afrika häufig Frauen, die so einem erhöhten Risiko ausgesetzt werden. Außerdem sind Schwule oft von Angeboten im Rahmen von Anti-Aids-Maßnahmen ausgeschlossen.

Ein vierter Grund liegt in der Krise der afrikanischen Großfamilie. Früher regelte die Sitte die sexuellen Rechte und Pflichten von Familienmitgliedern rigoros. Zur Zeit seiner Eltern seien Tabus so mächtig gewesen, daß in seinem Dorf im Südwe­s‍ten Ugandas Verwandte mit abweichendem Verhalten von einem hohen Felsen ge­s‍tossen worden seien, sagt der Familiensoziologe Peter Atekyereza. In der Folge von Modernisierung und Ver­s‍tädterung ist die In­s‍titution der Großfamilie in Auflösung begriffen und lebt für viele Afrikaner nur noch in der Erinnerung fort. Als umso attraktiver erweisen sich symbolische Stützen, welche wahre und vermeintliche Traditionen anbieten.

Die Zukunft der ugandischen Vorlage ist offen. Sie ist populär und verspricht der bedrängten Regierungspartei bei den Wahlen 2011 Stimmengewinne. Aber weil das entrü­s‍tete Ausland mit einer Kürzung der Finanzhilfen droht, ist Präsident Museveni in der Zwickmühle. Gut möglich, daß er das Gesetzesprojekt schubladisieren läßt.(Markus M. Haefliger, Kampala-nzz.ch)



Glücklich erst nach Operationen Transsexuelle berichtet: Mein Leben als Mann war wie ein Straflager

Innerlich fühlte Stefan schon immer wie eine Frau. Seit einem Jahr hat sich auch das Aussehen gewandelt und aus Stefan wurde Sabine. Was dafür alles nötig war und wie ihre Umwelt auf die Umwandlung reagierte.

Der er­s‍te Eindruck – sehr feminin, ein weiches Gesicht, umrahmt von sanften blonden Locken. Daß Sabine schon Ende 40 ist, sieht man der groß gewachsenen Frau nicht an – und schon gar nicht, daß sie noch vor einem Jahr äußerlich ein typischer Mann war – mit großer Nase, ausgeprägten Geheimratsecken und Bartwuchs.(Foto-woman.at)

Nase und Kinn wirkten zu männlich

Damals ließ sich die Münchner Mathematikerin Kinn und Nase operieren. Den Eingriff nahm Jens Baetge vor, Chefarzt für Pla­s‍tische und Ästhetische Chirurgie an der „Nürnberger Klinik“. „Ich hatte ihm gesagt, ich möchte eine Frau sein, also weibliche Züge haben“, sagt Sabine Schmidt (Name geändert).

„Das Ergebnis ist phänomenal“, sagt sie begei­s‍tert. Als sie jetzt beim Einkaufen an der Kasse einer früheren Freundin gegenüber­s‍tand, erkannte diese sie nicht. Für die Operation nahm Sabine übrigens selbstver­s‍tändlich Urlaub und zahlte rund 11.000 Euro aus der eigenen Tasche.

Sorgfältige Bartepilation dauert Jahre

Neben der Gesichtsoperation ließ die Transsexuelle oder Intersexuelle – es gibt verschiedene Bezeichnungen für die „Wanderer zwischen den Geschlechtern“ - durch Haartransplantation einen weiblichen Haaransatz zaubern. Mit der Bartepilation hatte sie schon fünf Jahre vorher begonnen - „eine langwierige und schmerzhafte Prozedur“, sagt Sabine heute.

Sabine nimmt seit über einem Jahr Hormone: Das ist einerseits Östrogen, also das weibliche Sexualhormon, zusätzliche ein Te­s‍to­s‍teronblocker, um die Bildung der männlichen Hormone zu unterdrücken. Die tiefe Stimme ist davon leider unbeeinflußt, daher hilft jetzt Sprechtraining dabei, der Stimme einen höheren, weiblicheren Klang zu verleihen.

Stefan war körperlich eindeutig ein Mann

Das hört sich alles ziemlich einfach an und als ob Sabine rasch mal von einem Arzt zum anderen jettete, um äußerlich vom Mann zur Frau zu werden. „Ganz so unkompliziert war es nicht“, gibt sie zu. Obwohl Stefan eindeutig ein Mann war – mit tiefer Stimme, Penis, Hoden, typisch männlichem Haarwuchs, fühlte er sich in seiner Haut falsch. „Das begann bereits in der Grundschule“, erinnert sie sich heute.

Stefan wollte am lieb­s‍ten mit Mädchen spielen, „Fußball fand ich langweilig.“ Sein ganzes Leben schien wie von einem Grauschleier überschattet, durch den die Sonne nicht richtig durchkam. Erst vor einem Jahr, als er mit der Hormonbehandlung begann, „wurde dieser Schleier mit einem Ruck weggerissen.“

Internet brachte die er­s‍ten Informationen

Als in den 90er Jahren dann das Internet seine Pforten öffnete, begann er zu recherchieren. War er alleine mit seinem Problem? Stefan erkannte erleichtert, daß es viele andere gab, die ähnlich fühlten – und daß es Selbsthilfegruppen gibt und ärztliche Hilfe.

Doch den fe­s‍ten Entschluß, auch äußerlich eine Frau zu werden, faßte er erst vor wenigen Jahren. „So geht es nicht weiter, sonst erschieße ich mich “, erinnert sich die Mann-zu-Frau-Transsexuelle heute. Ein Psychiater und eine Psychologin (von Rechts wegen ohnehin für die Hormontherapie vorgeschrieben), führten ihn schließlich auf den richtigen Weg.

Der näch­s‍te Schritt ist dabei die Änderung seines Namens im Ausweis, gemäß des Transsexuellengesetzes. Dazu braucht es mehrere Gutachter, die Stefan selbstver­s‍tändlich aus eigener Tasche bezahlen muß. Dann gibt es eine Anhörung vor Gericht und dort wird beschlossen, ob aus Stefan dann auch offiziell Sabine wird. Der Termin ist in wenigen Wochen.(Foto-improveme.se)

Wie aus dem Penis operativ eine Vagina wird

Im näch­s‍ten Jahr ist eine Brustvergrößerung geplant. „Es paßt nicht, daß eine Frau von über 1,80 Meter einen Busen der Größe Cup A hat“, sagt Sabine. Auch für die Operation, die seine Geschlecht­s‍teile angleichen soll, ist Stefan bereits angemeldet. Dabei bildet der Chirurg zwischen Enddarm und Blase eine Neovagina, die mit der umge­s‍tülpten Penisschafthaut ausgekleidet wird. Vorhaut und Eichel bleiben erhalten – die Vorhaut wird zu inneren Schamlippen geformt, die Eichel zur Klitoris gebildet. Die Harnröhre wird entsprechend verkürzt.

„Noch ist die Wartezeit auf diese Operation lang, doch die Ärzte sagten, sie kann sich noch verkürzen“, sagt Sabine. Denn oft wird der OP-Termin storniert – auch weil manche vorher verzweifeln und Suizid begehen. Genaue Zahlen dazu gibt es aber noch nicht.

Wie Freunde und Kollegen auf die Umwandlung reagieren

Sabine scheint hier jedoch nicht gefährdet zu sein. Sie ist glücklich – denn ihr Umfeld hat, anders als sie es erwartet hat, sehr positiv reagiert. „Ich hatte befürchtet, viele Freunde zu verlieren, aber ich habe zusätzlich noch neue gewonnen“, freut sie sich. „Fast alle Freunde und Kollegen haben es sehr positiv aufgenommen“, berichtet Sabine.

Und wie sieht es mit Liebe und Sex aus? „Ich hätte gerne eine fe­s‍te Partnerin, bin also jetzt natürlich lesbisch“, erklärt sie offen. Doch die Chancen, daß eine lesbische Frau eine Transsexuelle liebt, sind sehr gering, darüber ist sich Sabine im Klaren.

Rat an andere Betroffene

Rückblickend erklärt Sabine: „Als ich mich zum er­s‍ten Mal mit weiblichem Gesicht, Haaren und selbstver­s‍tändlich der entsprechenden Kleidung im Spiegel sah, fühlte ich mich endlich befreit.“ Rückblickend kann sie sagen, ihr Leben als Mann hatte sich wie ein Straflager angefühlt, wie ein „Leiden in einem Gulag.“ (Monika Preuk-Focus.de)

Anderen Betroffenen rät sie heute, Mut zu haben. Die Vorbehalte in der Umwelt sind wesentlich geringer als früher. Die mei­s‍ten Menschen sind tolerant und sehen das nicht als Problem an. „Wenden Sie sich an einen Psychiater, der auf Transsexualität, Transidentität oder Transgender spezialisiert ist, diese Fachleute gibt es in jeder größeren Stadt.“ Hilfreich sind jedoch vor allem auch Selbsthilfegruppen wie etwa:

Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

Trans-Ident e.V.


Sexuelle IdentitätHomo, Bi und Trans - das bedeuten die Begriffe

Homophobie, Transphobie, Biphobie: Menschen, die nicht der traditionellen Form der Heterosexualität entsprechen, schlägt zuweilen Haß, Verachtung und Gewalt entgegen. Ein Überblick über sexuelle Identitäten neben der klassischen Aufteilung von Mann und Frau.

Homosexuelle ("homo", aus dem Altgriechischen, deutsch: "gleich"): Lesben und Schwule begehren in der herrschenden Welt der zwei Geschlechter das eigene.

Bisexuelle ("bi-", Lateinisch, "zwei-"): Sie verlieben sich in Menschen, egal welche äußeren Geschlechtsmerkmale sie haben.

Transsexuelle ("trans", Lateinisch, "hinüber"): Sie identifizieren sich nicht mit ihrem angeborenen Geschlecht. Oft versuchen sie, ihren Körper etwa mit Hormonen oder mit Operationen dem bevorzugten Geschlecht anzugleichen.

Transgender ("gender", Englisch, "sozio-kulturelles Geschlecht"): Sie fühlen sich zwar dem angeborenen Geschlecht nicht zugehörig, lassen ihren Körper aber auch nicht unbedingt medizinisch verändern.

Intersexuelle ("inter", Lateinisch, "zwischen"): Ihre Körper haben bei der Geburt Ähnlichkeit mit beiden Geschlechtern - sei es genetisch, hormonell oder anatomisch.

Queer (Englisch, ursprünglich: "eigenartig"): Der Begriff bezeichnet allgemein von der Heterosexualität abweichende Identitäten.

Fremd im eigenen Körper: Das bedeutet Transsexualität

Der jugendliche Sohn Ihrer Freundin bezeichnet sich plötzlich als transsexuell. Jetzt fragen Sie sich, was genau darunter zu ver­s‍tehen ist. FOCUS Online klärt über Transsexualität auf.

Transsexualität hat nichts mit Homosexualität oder mit Transve­s‍tismus zu tun, obwohl diese Begriffe gerne in einen Topf geworfen werden. Transsexualität bedeutet, ein Mensch fühlt sich nicht dem Geschlecht zugehörig, das sein Körper angibt. Konkret bedeutet das:

Biologische Männer in einem Männerkörper fühlen sich als Frauen

Biologische Frauen in einem Frauenkörper fühlen sich als Männer

Experten schätzen, daß in Deutschland rund 6.000 Transsexuelle leben. Rund doppelt so viele Männer wie Frauen verspüren das Bedürfnis, ihr Geschlecht zu wechseln. Die Gründe für Transsexualität sind noch nicht erforscht. Manche Wissenschaftler denken, daß Hormon­s‍törungen während der Schwangerschaft dafür verantwortlich sein könnten. Andere Forscher haben stecknadelgroße Nervenknoten in den Gehirnen von Transsexuellen entdeckt, die einen biologischen Grund für Transsexualität liefern könnten.(Foto-improveme.se)

Der falsche Körper: eine Verhaltens­s‍törung?

Offiziell gilt Transsexualismus heute als Geschlechtsidentitäts­s‍törung, die zu den Persönlichkeits- und Verhaltens­s‍törungen zählt. Zumindest führt ICD-10, die zurzeit gültige Fassung der Internationalen Klassifizierung von Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der WHO (Weltgesundheitsorganisation), Transsexualismus in dieser Kategorie.

Ob diese Klassifizierung auf dem aktuellen Wissens­s‍tand beruht, scheint fraglich. Im Entwurf für die neue Richtlinie ICD-11 spricht man nur noch davon, daß die Geschlechtsmerkmale nicht mit dem Körper überein­s‍timmen und nennt das Ganze "gender incongruence".

Ist Transsexualismus angeboren?

Fest steht, daß die Gründe für Transsexualismus noch nicht ausreichend erforscht sind – obwohl Transsexualismus seit der Antike bekannt ist. Es gibt jedoch Indizien dafür, daß Menschen transsexuell geboren werden. Kinder wissen in der Regel bereits sehr früh, ob ihnen das Geschlecht ihres Körpers liegt oder nicht. Eine Studie untersuchte 100 Kinder. Die jüng­s‍ten Kinder fühlten sich mit vier Jahren im falschen Körper, die älte­s‍ten mit 13 Jahren.

Der tatsächliche Geschlechtswechsel

Obwohl Transsexualismus ein altes Phänomen ist, wurde es erst im 20. Jahrhundert möglich, tatsächlich das Geschlecht zu wechseln. Lili Elbe vollzog 1930/31 den Schritt vom Mann zur Frau an der Frauenklinik in Dresden. Magnus Hirschfeld leitete die geschlechtsangleichenden Operationen. "The Danish Girl". Ein Film von Tom Hooper aus dem Jahr 2015 beschreibt die Geschichte von Lili Elbe.

Die politische Lage in Deutschland ab 1933 verhinderte es, diese Techniken weiterzuentwickeln. In den 50er Jahren verrichtete der Amerikaner Harry Benjamin Pionierarbeit in den USA. Er betreute viele Transsexuelle, die eine Hormontherapie erhielten.

Die Gesellschaft wandelt sich

1952 wurde erneut eine operative Geschlechtsangleichung in den USA durchgeführt, obwohl Transsexuelle zu diesem Zeitpunkt noch als Gei­s‍teskranke galten. In den 60er Jahren änderte sich die Ein­s‍tellung der Mediziner. Das Johns Hopkins Medical Center in Baltimore richtet 1966 eine Gender Identity Clinic ein. In Deutschland begann man Ende der 70er Jahre erneut, diese Operationen in Gießen und Heidelberg/Mannheim durchzuführen.

Schwierige Phase: Die Pubertät

Ungeachtet der WHO-Klassifizierung neigen die mei­s‍ten Mediziner heute dazu, Transsexualismus als eine angeborene Tatsache zu betrachten. Die mei­s‍ten Transsexuellen sind bereits als Kinder felsenfest von ihrem eigentlichen Geschlecht überzeugt. Während sie in den Kinderjahren damit noch relativ gut zurechtkommen, beginnen in der Pubertät die eigentlichen Probleme. Bartwuchs oder Brü­s‍te, allgemein sichtbarer Ausdruck von Geschlechtszugehörigkeit, ver­s‍tärken das Gefühl, im falschen Körper zu leben.

Männer, die Frauen sein wollen, haben dabei die schwierigere Rolle. Die Gesellschaft akzeptiert nach wie vor eher Mädchen, die sich männlich geben, als weibliche Männer. In dieser Lebensphase empfiehlt sich eine Psychotherapie, um die Akzeptanz des eigenen Körpers zu stärken. Manchmal stellt sich dabei die Transsexualität als vorübergehend heraus.

Neu: Pubertät unterdrücken

Wenn Transsexuelle bereits sehr früh ihre Neigungen entdeckt haben, unterdrücken Ärzte gelegentlich die Pubertät. Zum er­s‍ten Mal wurde diese Technik 2007 in Boston angewendet. Das erspart ihren Patienten zusätzlichen Leidensdruck. Allerdings wird diese Entscheidung erst nach eingehenden psychologischen Tests gefällt.

Durch die Gabe von Östrogenen kann der Stimmbruch verhindert werden. Der Körper nimmt weibliche Formen an. Te­s‍to­s‍teron kann dagegen Bartwuchs anregen und die Stimme verändern. Allerdings sind die Risiken dieser enormen hormonalen Eingriffe in den wachsenden Körper nicht bekannt.



«Wir klären auf – durch unsere blosse Exi­s‍tenz»

In vielerlei Hinsicht gestaltet sich der Alltag von Regenbogenfamilien gleich wie derjenige traditioneller Familien. Das Wohlergehen der Kinder etwa ist gleichermassen gewahrt. In jenen Bereichen, in denen noch Unterschiede be­s‍tehen, ist nicht zuletzt der Staat gefordert.

Die Forschung spricht eine klare Sprache: Kindern, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, geht es gut. Die juri­s‍tische Fakultät der renommierten US-amerikanischen Columbia-­Universität zum Beispiel evaluierte 79 wissenschaftliche Studien zum Thema. Der Befund: 75 der Studien zogen das Fazit, daß Kinder schwuler oder lesbischer Elternpaare gegenüber anderen Kindern nicht benachteiligt sind. «Wir identifizierten nur vier Untersuchungen, die zum gegenteiligen Schluß kamen», schreibt das Forschung­s‍team auf whatweknow.law.columbia.edu. Allerdings seien diese vier Studien zu relativieren, da sie ausschließlich Kinder berücksichtigten, deren Eltern geschieden oder getrennt lebten. «Es ist bekannt, daß das Wohlergehen der Kinder zusätzlichen Risiken unterliegt, wenn sich die Familienstruktur auf diese Weise ändert. Deshalb sind die vier Analysen nicht zuverlässig», wird ausgeführt. Alles in allem, so die Schlußfolgerung, «ergibt sich aus der vorhandenen Forschung der überwältigende Konsens, daß es Kindern in keiner Weise schadet, wenn sie schwule oder lesbische Eltern haben.» (Foto Vickyanne Wright Studio)

Repräsentative deutsche Umfrage
Dieses Ergebnis deckt sich mit den Resultaten wissenschaftlicher Untersuchungen aus Ländern wie den Niederlanden oder Deutschland. Im Jahr 2009 etwa erschien die er­s‍te repräsentative Studie zur Situation deutscher Kinder in Regenbogenfamilien. Durchgeführt wurde sie von der Univer­s‍tität Bamberg, befragt wurden damals über 1000 Eltern in homosexuellen Lebensgemeinschaften und 693 Kinder. Die Erkenntnisse werden auf aerzteblatt.de wie folgt zusammengefaßt: «Regenbogeneltern sind genauso gute Eltern wie heterosexuelle Paare, das Kindeswohl ist bei ihnen ebenso gewahrt wie in anderen Familien.»

Das Pferd mal andersrum aufzäumen
Ausführlich mit dem Thema befaßt hat sich Katja Irle – die Journali­s‍tin schrieb ein ganzes Buch dazu. Während eines halben Jahres pflegte sie intensive Kontakte zu insgesamt fünf Familien, besuchte diese oft. «Ich wollte sie kennenlernen und sehen, wie sie wirklich leben», so Irle. Mit weiteren Familien habe sie regelmässig telefoniert, insgesamt mit rund fünfzehn. Die Familien waren dabei ganz unterschiedlich zusammengesetzt. Ein klassisch lesbisches Paar wirkte mit, ein schwules Paar, das per Leihmutterschaft zum Väterglück gekommen war, aber auch zwei lesbische Mütter und zwei schwule Väter, die das Kind in einer Viererkon­s‍tellation gemeinsam großziehen. «Eine gewisse Vielfalt war mir wichtig – Regenbogenfamilie ist nicht gleich Regenbogenfamilie.»

LGBT – die besseren Eltern?
Der Titel von Katja Irles Buch lautet «Das Regenbogen­experiment – sind Schwule und Lesben die besseren Eltern?». Eine Überschrift, die je nach Auffassung durchaus provoziert. «Den Verantwortlichen beim Verlag und mir war von Anfang an klar, daß man dies als Provokation auffassen könnte», sagt die Autorin gegenüber der Mannschaft. Sie habe sich aber aus einem ganz be­s‍timmten Grund für den Titel entschieden. «Bis jetzt ging man in den Diskussionen immer von der gegenteiligen Frage aus: Können Schwule und Lesben überhaupt Kinder erziehen? Sollten sie das überhaupt dürfen?» Ihr sei es darum gegangen, den Spieß einmal umzudrehen und darauf zu verweisen, daß Homosexuelle «natürlich gute, und manchmal eben auch bessere Eltern sein können. Es gibt einige wenige Studien, wonach Regenbogenfamilien vorurteilsfreier erziehen, ihre Kinder sozial sehr kompetent und emotional stabiler sind.»

«Von Kindesbeinen an haben wir selbst Stigmatisierung erlebt. Wir wissen, was es heißt, diskriminiert zu werden.»

«Die besseren Eltern sind wir nicht, nur weil wir LGBT sind», ist Maria von Känel überzeugt. Sie ist die Geschäftsführerin vom Dachverband Regenbogenfamilien, gemeinsam mit ihrer Frau Martina hat sie zwei Kinder im Grundschulalter. Daß viele gleichgeschlechtliche Eltern aber bewußt versuchten, ihren Kindern Werte wie Toleranz und Mitgefühl zu vermitteln, sei nicht von der Hand zu weisen. «Von Kindesbeinen an haben wir selbst Stigmatisierung erlebt. Wir wissen, was es heißt, diskriminiert zu werden», so von Känel. «Anderen soll das nicht widerfahren – wir versuchen, unsere Kinder entsprechend zu erziehen.» Daß dies auch viele Heterosexuelle täten, läge aber auf der Hand.

Die gleichen Fragen
Dieser Einschätzung entsprechen auch Katja Irles Erkenntnisse bezüglich der elterlichen Qualitäten. Ihrer Ansicht nach seien schwule und lesbische Eltern wie alle anderen auch, machten dieselben Fehler, sorgten sich wegen derselben Dinge. «Kriegen wir einen Platz in der Kinderkrippe? Wie vereinbaren wir den Job, die Erziehung der Kinder und das Paarleben?» Homosexuelle stellten sich grundsätzlich die gleichen Fragen, so Irle, und sie habe von ihnen die gleichen Antworten gehört.

Stabilität entscheidend
Was das Kindeswohl angeht, so ist auch die Autorin davon überzeugt, daß der Nachwuchs gleichgeschlechtlicher Eltern keine Nachteile erleidet. Ausschlaggebend für das Wohlbefinden eines Kindes sei die sichere, liebevolle Bindung zu einer Bezugsperson. Ob zwei Väter oder zwei Mütter diese Bezugspersonen dar­s‍tellten, spiele keine Rolle. «Viel entscheidender als die Geschlechts­identität und die sexuelle Orientierung der Eltern ist deren Beziehung zum Kind und die Stabilität innerhalb der Familie – das hat die Wissenschaft be­s‍tätigt, und das ist auch meine persönliche Meinung.» Darüber hinaus hält sie es im Hinblick auf die Identitätssuche der Kinder für unerläßlich, daß diese über ihre Herkunft informiert werden. «Daraus ergibt sich gerade für homosexuelle Eltern bisweilen die Frage, wie sie den Kindern diese Thematik erklären und die Drittperson – den Samenspender oder die Leihmutter – in den Alltag einbinden wollen.» Jene Familien, mit denen sie gesprochen habe, seien mit einer Ausnahme alle im Kontakt mit den entsprechenden Personen, sagt Irle. Gleicher Ansicht ist auch Maria von Känel. «Wir empfehlen, daß man die Kinder darüber aufklärt, wie sie ent­s‍tanden sind – das stärkt.» (Foto-huffingtonpost.com)

Langer Weg zum Wunschkind
Einen Unterschied zwischen Regenbogenfamilien und klassischen Kon­s‍tellationen beschreibt Katja Irle im Hinblick auf die Zeit vor der Ankunft des Kindes. «Diese Phase gestaltet sich bei Homosexuellen oft grundlegend anders.» Eine spontane Ent­s‍tehung des Kindes – das liegt in der Natur der Sache – sei sehr selten. «In der Regel muß die Elternschaft von langer Hand geplant werden. Der Weg zum Kind ist für Schwule und Lesben sehr viel komplizierter, steiniger und länger», beschreibt es Irle. Dementsprechend erscheint ihr auch das viel zitierte Argument plausibel, wonach Regenbogeneltern meist sehr viel Fürsorge in die Erziehung der Kinder geben. «Es handelt sich in der Regel um Wunschkinder.»

Regenbogeneltern mit erhöhtem Erziehungsstreß
Auf einen weiteren Unterschied zwischen gegen- und gleichgeschlechtlichen Eltern weist die zuvor erwähnte Studie der Universität Bamberg hin. Sie spricht vom sogenannten «Erziehungsstreß», von dem homosexuelle Eltern häufiger berichteten. Dieser Streß, so wird vermutet, wird bei Letzteren dadurch ausgelöst, daß Regenbogenfamilien zum Teil noch Skepsis entgegengebracht wird. «Klar, dieses Gefühl kennen wir», be­s‍tätigt Maria von Känel, «und so ergeht es auch anderen Paaren, die wir kennen. Die Gegner gleichgeschlechtlicher Eltern wollten und wollen aufzeigen, daß unsere Kinder leiden.» Gegenwind könne immer wieder einmal aufkommen, zu einem gewissen Grad gehörten Diskriminierungserfahrungen zum Alltag. «Das reicht vom Kind, das wegen der religiösen Ein­s‍tellung seiner Eltern nicht zur Geburtstagsfeier unserer Tochter kommen darf, bis hin zum Vater, der meiner Frau nach wie vor die Hand nicht gibt, wenn sie unseren Sohn zum Fußballtraining bringt.»

Insofern hätten Regenbogeneltern einen Mehraufwand zu bewältigen – sie stehen vor der Aufgabe, sich auf zusätzliche Art und Weise auf ihr Mütter- und Vätersein einzu­s‍tellen. «Zum einen müssen wir uns mit kritischen Fragen auseinandersetzen und die angemessenen Reaktionen darauf verinnerlichen», erklärt von Känel. Dabei sei es wichtig, gelassen zu bleiben. «Zum anderen gilt es, uns selbst und auch die Kinder bewußt zu stärken und auf allfällige Probleme vorzubereiten.» An dieser Stelle weist Maria von Känel darauf hin, daß sich nicht nur Regenbogenfamilien in dieser Situation befänden. «Alle, die einer Minderheit angehören, werden mit solchen Fragen konfrontiert – so zum Beispiel auch Familien aus anderen Ethnien.»

«Unsere Tochter hat erst vor kurzem wieder erzählt, ein paar neue Mitschüler hätten ihr zuerst nicht geglaubt, daß sie zwei Mütter habe.»

Ehrlich darüber reden
Eine wichtige Voraussetzung, um innerhalb der Familie mit solchen Herausforderungen umgehen zu können, ist laut von Känel eine offene Kommunikationskultur. «Wir sprechen die Dinge sehr direkt an und machen gegenüber unseren Kindern kein Geheimnis daraus, daß das Thema sowohl ihnen als auch uns als Familie regelmässig begegnen wird.» Immer, wenn die Kinder eine neue Schul­s‍tufe erreichten, immer, wenn neue Kinder in die Klasse kämen, könne die unkonventionelle Familienkon­s‍tellation erneut zur Sprache kommen. Manchmal finde sie es schon er­s‍taunlich, so von Känel. «Als Regenbogenfamilie lei­s‍tet man Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit allein durch die Tatsache, daß man exi­s‍tiert. So hat unsere Tochter zum Beispiel erst vor kurzem wieder erzählt, ein paar neue Mitschüler hätten ihr zuerst nicht geglaubt, daß sie zwei Mütter habe.»

Politische Forderung
In dieser Hinsicht sieht Maria von Känel den Staat vermehrt in der Pflicht: «Es wäre wichtig, daß dieser Verantwortung übernimmt, aktiv Aufklärungsarbeit betreibt und auf den Abbau gesellschaftlicher Vorurteile hinarbeitet.» Es dürfe nicht nur darum gehen, daß Regenbogeneltern und ihre Kinder endlich rechtlich gleichge­s‍tellt würden, so von Känel. Vielmehr müsse das Konzept der Diversität in grundlegender Art und Weise positiv besetzt werden. «Derzeit liegt es noch allzu sehr an den Minderheiten, sich stets aufs Neue aktiv für ihre Rechte einzusetzen», meint von Känel.

Natürlich würden schon vielerorts entsprechende Bemühungen unternommen und gute Projekte durchgeführt, um besonders die Jugend für Frage­s‍tellungen rund ums Thema Vielfalt zu sensibilisieren. «In der Klasse unserer beiden Kinder wurden etwa die verschiedenen Familienformen behandelt», freut sich von Känel. Noch entspreche dies aber nicht einer flächendeckenden Praxis. Verbesserungspotential sieht sie nicht zuletzt auch im Bereich der behördlichen Erhebungen. «In den neuen Familienbericht des Bundesrates zum Beispiel flossen nur jene Regenbogenfamilien mit ein, bei denen die Eltern in einer eingetragenen Partnerschaft leben.» Alle anderen Kon­s‍tellationen, in denen homosexuelle Eltern und ihre Kinder eine Familie bilden, blieben in den Stati­s‍tiken unberücksichtigt – mit dem Resultat, daß die Realität nur ungenügend abgebildet wird. «An Beispielen wie diesem merkt man, daß es weiterhin viel Öffentlichkeitsarbeit braucht.»(von Markus Stehle die Mannschaft)



Der Regenbogen ist ein Zeichen der Verdrängung

Das farbenfrohe Band steht für viele Minderheiten. Doch je mehr Rasse, Religion und Kultur in die Differenztheorie einsickern, umso schwächer wird der Gedanke des Universalismus.

ls Gilbert Baker im Jahr 1978 die Regenbogenflagge erfand, wollte er dem rosa Dreieck, einem Stigma und Symbol schlimm­s‍ter Repression, ein Zeichen des Aufbruchs und Selbstbehauptung entgegensetzen. Das Symbol entfaltete ungeheure Kraft.

Die Farben ordnete Baker noch wolkigen Begriffen wie „Leben“, „Heilung“ und „Sonnenlicht“ zu. Das Kürzel „LGBT“ mit all den folgenden Weiterungen war noch nicht erfunden: Heute werden die Farben sehr häufig mit all den in diesem Kürzel enthaltenen Formen der Sexualität verknüpft.

Allerdings kann sich der Gay Pride nicht allein auf den Regenbogen berufen. Schon lange vor der Schwulenbewegung hatte sich zum Beispiel die Genossenschaftsbewegung eine Regenbogenflagge zum Symbol erkoren. (Foto-Tagesspiegel)

Und fast parallel zur Schwulenbewegung entwickelte Jesse Jackson seine „Rainbow Coalition“ in der Hoffnung, daß Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und kultureller Herkunft gemeinsam gegen Rassismus und Unterdrückung eintreten. Eine ähnliche Idee dürfte Bischof Tutu geleitet haben, als er seinem Volk im Dezember 1991 zurief: „You are the Rainbow People of God.“

Verschiedene Formen der Unterdrückung

Die postkoloniale und Gender-Linke baut den Regenbogen immer weiter aus. Mit dem Begriff der Intersektionalität soll die Gleichzeitigkeit und Verschachtelung verschiedener Formen der Unterdrückung gedacht werden. „Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus, Handicapism oder Klassismus addieren sich nicht nur in einer Person, sondern führen zu eigen­s‍tändigen Diskriminierungserfahrungen“, sagt die Wikipedia im einschlägigen Artikel.

So komplex die Struktur der Unterdrückung damit zu werden droht, so simpel ist die Zuschreibung ihrer Ursache: Wirkendes Prinzip in diesen Stratifikationen ist immer der weiße Mann. „Critical Whiteneß“ sucht Wege der Therapie.

Daß dieses Denken längst nicht mehr nur in esoterischen Zirkeln an Ostkü­s‍ten-Universitäten gepflegt wird, sondern große politische Kraft entfaltet, zeigt der jüngst von Familienmini­s‍terin Katarina Barley vorge­s‍tellte „Aktionsplan gegen Rassismus“. Dort werden die Begriffe der postkolonialen und Gender-Theorie zur Analyse- und Handlungsgrundlage der Bundesregierung gemacht: „Durch die Verbindung von Geschlecht und weiteren Merkmalen, die die Lebenssituation von Frauen prägen (Intersektionalität), werden diese zu einer besonders verletzlichen Gruppe“, heißt es da.

„Dies gilt insbesondere, wenn sexi­s‍tische und rassi­s‍tische Diskriminierung zusammentreffen. So ist eine Frau, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch trägt, als Muslimin zu erkennen und daher leichter von islamophob motivierter Diskriminierung in der Öffentlichkeit oder am Arbeitsplatz betroffen.“

Die eigentliche Frauenfrage wird geopfert

Hier fällt uns der ganze Kladderadatsch dieser Theorien auf die Füße: Die Diskriminierung einer Frau mit Kopftuch wird als „Rassismus“ bezeichnet. Religion wäre also eine Art angeborenes und nicht abzulegendes Merkmal der Person. Muslimische Frauen werden im Sinne des bewußt angeeigneten Begriffs der „Intersektionalität“ als doppelt unterdrückt angesehen – aber doppelt unterdrückt von der Mehrheitsgesellschaft: als Frau und als Muslimin. Daß das Kopftuch selbst Zeichen der Unterdrückung innerhalb einer anderen Kultur ist, fällt unter den Tisch.


Mit anderen Worten: Die eigentliche Frauenfrage, die die Hälfte der Menschheit in allen Kulturen und „Rassen“ betrifft, wird der religiösen Differenz geopfert, die von der Mehrheitsgesellschaft zu respektieren wäre.


Die Begriffe „Religion“, „Kultur“ und „Rasse“ sind die Einfallstore der Reaktion in den Diskurs der allerneue­s‍ten Linken. Und das geht schon länger so: Jesse Jackson ist Pastor. Daß die Bürgerrechtsbewegung stark von religiösen Akteuren vorangetrieben wurde, wird oft übersehen. Aber diese fortschrittliche Aufbruchsbewegung beinhaltete seit je strikt konservative Elemente.

Jackson setzte sich zeit seines Lebens gegen Abtreibung ein und stand in diesen Fragen der Pro-Life-Bewegung näher als New Yorker Femini­s‍tinnen, auch weil seine Regenbogenklientel in Fragen von Reproduktion und Sexualität äußerst konservativ denkt.

Das Konstrukt der „Islamophobie“

Noch heute ist männliche Homosexualität unter Schwarzen in den amerikanischen Süd­s‍taaten ein absolutes Tabu. Darum gibt es unter schwarzen Homosexuellen in den USA eine höhere Aids- und HIV-Rate als in den am schlimm­s‍ten betroffenen afrikanischen Staaten, berichtete jüngst die „New York Times“.

Noch massiver zog religiöser Konservatismus durch den inzwischen erfolgreich etablierten Begriff der „Islamophobie“ in die United Colors of Multiculturalism ein. Der schon zitierte „Aktionsplan gegen Rassismus“ der Bundesfamilienmini­s‍terin zieht mit: „Zum Teil erfolgt Islam- und Muslimfeindlichkeit über eine Umwegkommunikation der sogenannten Islamkritik, die häufig mit dem Eintreten für Meinungsfreiheit vorgetragen und legitimiert wird“, heißt es da.

Eine aus der Aufklärung kommende Kritik an Religion steht hier also von vornherein unter dem Verdacht der Islamophobie, hinter der sich „häufig ethnisch konnotierte, rassi­s‍tische Vor­s‍tellungen“ verbergen.

Ein anderes Indiz für die Inkonsi­s‍tenz des Gender- und postkolonialen Diskurses ist der ungenierte Umgang mit dem Begriff der „Rasse“. Rassismus wird nicht im Namen der Gleichheit, sondern der Differenz bekämpft: Wer die einzelnen „Rassen“ des Regenbogens – hier die Schwarzen, dort die Natives und da vielleicht gar die Muslime – immer nur als Opfer eines aus einer einzigen Richtung kommenden Energiestroms der Unterdrückung sieht, macht sich letztlich die Kategorien des Feindes zu eigen.

Auch Antirassi­s‍ten sind rassi­s‍tisch

Pascal Bruckner sprach 2007 vom „Rassismus der Antirassi­s‍ten“. Und der britische Autor Kenan Malik erzählt im „Observer“ anhand eines Streits über Adoptionsrecht, wie Rassi­s‍ten und Antirassi­s‍ten zu konfliktueller Komplizenschaft fanden.

Einem britischen Paar indischer Herkunft wurde von einer Gemeinde verboten, ein weißes Kind zu adoptieren, erzählt Malik da. Weißer Rassismus der Behörden? Aber „transrassische“ – allein der Begriff! – Adoption ist auch bei manchen Sprachrohren des Multikulturalismus unbeliebt. Malik zitiert: Schon 1983 verurteilte die Association of Black Social Workers transrassische Adoption als eine „Mikroform der Unterdrückung schwarzer Menschen und eine neue Form des Sklavenhandels“. Was ein schwarzes Kind vor allem brauche, sei eine „positive schwarze Identität“.

Das Problem ist, so Malik, daß sich eine solche Haltung „den Kern rassi­s‍tischen Denkens zu eigen macht, statt Rassismus zu bekämpfen“. Es ist ein posthumer Triumph von Malcolm X über Martin Luther King, des schwarzen Nationalismus über die Idee der Gleich­s‍tellung und des Universalismus.

Die universalen Fragen aber stellen sich : In allen Kulturen gibt es homosexuelle Männer, und so gut wie überall werden sie unterdrückt. Auch die Frauenfrage stellt sich jenseits aller Differenzen auf der ganzen Welt. Die Frage der Frauenrechte ist identisch mit der Frage der Menschenrechte.(Foto-Welt.de)

Abtreibung ist Selbstbe­s‍timmung

Man kann sich fragen, ob die ultrahippen Differenzdiskurse nicht dazu sind, genau diese eine Differenz – die zwischen dem Status der Männer und der Frauen – zu begraben. Länder, die nicht auf dem Weg sind, Frauenrechte zu verwirklichen, versagen ganz, und nicht nur bei einem Teil ihres Reformbedarfs. Die ungemütliche Frage ist hier immer die der Selbstbe­s‍timmung und letztlich die der Abtreibung: Selbst in Europa gibt es Länder, in denen Abtreibung in allen denkbaren Fällen verboten ist.

Abtreibung ist in den letzten Jahren auch in westlichen Ländern schwieriger geworden. Als die Polinnen gegen die dra­s‍tischen Pläne ihrer Regierung auf­s‍tanden, regte sich an den gei­s‍teswissenschaftlichen In­s‍tituten unserer Universitäten kaum Solidarität.

Auch das LGBT-Kürzel, das je nach Queerneß noch um das eine oder andere Zeichen oder Sternchen verlängert wird, verdeckt, daß das eigentliche Skandalon nach wie vor die männliche Homosexualität ist: Schwule wurden in die KZs ge­s‍teckt, Schwule werden im Iran an Kränen aufgehängt, Schwule werden in Tschetschenien gefoltert. Selbst in Deutschland kam die Homoehe erst durch, als sie in Ehe für alle umbenannt worden war. So gesehen ist der Regenbogen auch ein Zeichen der Verdrängung.(Welt.de von Thierry Chervel)



Echtes Wunschbaby

Mama, Mama, Papa Homosexuell und ein eigenes Kind? Das ist heute nicht mehr ungewöhnlich. Ein Schwuler erzählt von seinen Vaterplänen

Ein schwuler Vater, zwei lesbische Mütter. Co- Parenting nennt sich das inzwischen

Früher habe ich gedacht, dass Schwule keine Kinder bekommen können. Also nicht Homosexuelle allgemein, sondern eben Schwule. Lesben haben es da einfacher. Man kann als Frau auch in einer homosexuellen Beziehung schon irgendwie schwanger werden, auch wenn der Staat gefühlt alles dafür tut, dass nur klassische Hetero-Familien Kinder bekommen. Die meisten Reproduktionshilfen sind hierzulande nämlich nicht erlaubt. (Foto-ZDF)

Aber dann zeugte ein enger Freund von mir vor etwa drei, vier Jahren mit einem lesbischen Paar ein Kind, und dann noch eins. Und dann folgte ein weiterer Freund mit schwulen Vaterplänen. Dieser nahm mich dann Anfang 2017 zu einem Stammtisch für schwule Väter hier in Berlin mit. Dort hatten manche schon Kinder, manche warteten gerade auf die Geburt und manche planten noch.

Bei dem Stammtisch konnte man sich austauschen und typische Probleme besprechen. Kurz davor hatte es über eine Freundin, die mich ihrer Ex-Freundin und deren Partnerin empfohlen hatte, ein erstes Kennenlernen gegeben. Wir würden bald die Konstellation anstreben, die die meisten Homosexuellen wählen, um sich einen Kinderwunsch zu erfüllen: Ein schwuler Vater, zwei lesbische Mütter. Co-Parenting nennt sich das inzwischen. Früher war ich immer davon ausgegangen, dass ich zwar Kinder wollen kann, aber es dafür keinen praktikablen Weg gibt. Was für andere selbstverständlich ist, war in meiner heteronormativ geprägten Wahrnehmung faktisch nicht möglich. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich mit der Vorstellung angefreundet hatte, schwul zu sein und dennoch Vater werden zu können.

Co-Parenting

Als postmoderne Form der Familiengründung wird Co-Parenting oft beschrieben. Bei dieser Form tun sich mindestens eine Frau und ein Mann – oft auch drei oder vier Personen – zusammen, um ohne Liebesbeziehung (und in der Regel ohne Sex) ein Kind zu bekommen. Bei Co-Parenting-Familien handelt es sich oft um Homosexuelle, die sich auf diese Weise ihren Kinderwunsch erfüllen. Es gibt aber auch Heterosexuelle, die das Kinderkriegen und -erziehen bewusst von einer Liebesbeziehung entkoppeln wollen. Auf Internet-Plattformen wie modamily.com können Interessierte nach Partnern suchen. Typisch für Co-Parenting-Familien ist es, dass viele Fragen der Kindererziehung lange vor Zeugung und Geburt des Kindes geklärt werden. Jan Pfaff

Nach dem ersten Treffen sagte ich den beiden Frauen, dass man sich gern wieder treffen könne. Die beiden sehen das wie ich. Also machten wir alles, um uns kennenzulernen. Wir gingen ins Kino, ins Museum. Wir gingen essen und lernten gegenseitig unsere Freunde kennen, denn wir müssen, wenn das mit dem Kind klappen sollte, natürlich auf lange Sicht miteinander auskommen. Aber eben als Freunde, nicht als Liebende.

Dann erzählte ich alles meinen Eltern. Ich war sehr unsicher, wie sie das auffassen würden, da es nun nicht gerade etwas Alltägliches ist. Wenn es von ihrer Seite massive Vorbehalte gegen diese Art der Familienplanung gegeben hätte, hätte ich meinen Plan wahrscheinlich noch einmal überdacht. Aber: Sie freuten sich darauf, dass ihr Sohn endlich Enkelkinder in die Welt setzen wollte. Ob der Weg dahin unkonventionell ist oder nicht – das ist ihnen nicht wichtig. Meine Eltern sicherten mir ihre Unterstützung zu, ihre Vorfreude ist schon groß.

Nun wird es konkreter: Die beiden Frauen und ich besprechen ein paar Rahmenbedingungen, etwa wie wir uns die Erziehung vorstellen – denn wie viele, die dieses Familienmodell wählen, werde ich das Kind zur Adoption freigeben. Was für manche befremdlich wirkt oder wie eine leichtfertige Entscheidung, finde ich normal. Ich möchte Kinder, ich will ihnen auch ein Vater sein, indem ich mit ihnen Zeit verbringe, ich möchte sie miterziehen und was man als Elternteil sonst so macht. Aber ich habe keinen stark ausgeprägten Wunsch, dass das Kind oder die Kinder hauptsächlich bei mir leben. Gern regelmäßig, aber nicht immer.

In erster Linie ist es eben doch das Kind der Frauen. Durch die Adoptionsfreigabe kann die Partnerin der Mutter das Kind auch als das ihre annehmen. Ich bin vor dem Gesetz dann nicht mehr der Vater. Die Mütter wollen sich damit rechtlich absichern, und ich finde das in Ordnung. Ausgegangen ist alles ja von ihnen und das Kind wird hauptsächlich bei ihnen wohnen. Sie wollen ein Kind, ich will helfen und dabei natürlich Anteil am Kind, aber ich habe nicht vor, dass das Kind bei mir wohnt. Kümmern aber will ich mich, und zwar nicht zu knapp. Auch finanziell, obwohl ich das nach der Adoptionsfreigabe rechtlich gesehen nicht muss.

Wir halten deshalb ein paar Grundsätze bezüglich des Kindes notariell fest. Das hat vor Gericht eigentlich kein Gewicht, aber es ist besser, wenn beide Seiten etwas in der Hand halten können. Und schon da merkt man, über wie viele Sachen man sprechen muss. Eine will taufen, der Nächste sagt „aber doch nicht katholisch!“ und wieder eine will es lieber gar nicht. Viele, die das alles schon durch haben, sagen aber, dass das einer der Vorteile am Co-Parenting sei. Man geht nicht davon aus, dass dieses und jenes selbstverständlich so ist, sondern man bespricht alles Mögliche – allein schon deshalb, weil man sich nicht mit rosaroter Brille anschaut, wie das meist bei Hetero-Paaren auf dem Weg zum ersten gemeinsamen Kind der Fall ist.(Foto-Pinterest)

Die Bechermethode

Es findet übrigens kein Sex statt, das wollen beide Seiten nachvollziehbarerweise nicht. Die Vorgehensweise nennt sich „Bechermethode“. Diese Form der künstlichen Befruchtung funktioniert – was die Zeugungswahrscheinlichkeiten betrifft – nicht weniger gut als Beischlaf. Ich hoffe aber trotzdem, dass wir bei einem der ersten Versuche Glück haben.

Über den Namen des Kindes haben wir bisher noch nicht gesprochen. Ein Bekannter wurde zum Beispiel im Zweitnamen des Kindes verewigt. Was da entsteht, ist eine selbstgewählte Familienform. Schon jetzt passen die einen auf die Kinder der anderen auf. Man plant, in die Nähe voneinander zu ziehen und verspricht sich, die gewählte Stadt als Lebenszentrum beizubehalten, wegen der Kinder. Manche haben auch Wohnungen nebeneinander gekauft und machen einen Durchbruch zwischen beiden in der Küche. Auf der einen Seite wohnt der Vater, vielleicht mit seinem Freund, auf der anderen Seite die Mütter. Mir scheint, in den meisten Fällen ist es ein Vater und zwei Mütter, aber auch Konstellationen mit einem schwulen Vater und einer lesbischen Mutter kommen vor, genauso wie zwei schwule Väter und zwei lesbische Mütter.

Aber egal, in welcher Konstellation Kinder aus Regenbogenfamilien genau aufwachsen, das Wichtigste ist – wie in allen Familien –, dass die Eltern ihre Kinder lieben. Ein Kind wundert sich zwar mal, dass bei Klassenkameraden ein Vater zu Hause wohnt und nicht zwei Mütter, aber damit hat vor allem die der Realität hinterherhinkende Gesellschaft ein Problem. Klar kann es auch für das Kind zu Problemen führen, wenn es deshalb gehänselt oder gar gemobbt wird. Aber nur wenn wir neue Wege wagen, können wir die Gesellschaft verändern. Glücklich sind auch die Kinder von heterosexuellen Paaren nur, wenn sie so sehr gewollt werden wie jene von Lesben und Schwulen, denn wir haben eine Menge mehr Hürden hinter uns zu bringen, um unsere Kinderwünsche zu erfüllen. Lieben und aufziehen können wir aber Kinder genau so gut wie jeder andere auch.  (Johannes Heim  -der Freitag)



«Batman und Robin im Bett – das wäre der Durchbruch!»

Batwoman ist lesbisch, Green Lantern schwul und Deadpool pansexuell. Seit mehreren Jahren werden in der Welt des Mainstream-Comics immer wieder Superhelden und -heldinnen geoutet. Es ist ein Trend, der nicht zuletzt von Holly­woods Top­regisseuren befeuert wird.

«Ein Freund für Deadpool wäre grossartig!» Mit diesen Worten äußerte sich Hollywood­s‍tar Ryan Reynolds zum Privatleben der Comicfigur «Deadpool», die er im gleichnamigen Kinofilm mimt. Die Figur stammt aus dem Superheldenuniversum des Marvel-Verlags und gehörte einst der berühmten «X-Men»-Garde an. Das Interessante an Deadpool – abgesehen davon, daß er reihenweise Bösewichte vermöbelt und mit Vorliebe derbe Sprüche klopft: Er ist der er­s‍te pansexuelle Superheld überhaupt. Und daraus wird auch kein Geheimnis gemacht, wie das Statement von Ryan Reynolds zeigt. Dieser wäre denn auch sofort dabei, wenn ihm in einer Fortsetzung ein Liebhaber zur Seite ge­s‍tellt würde, wie er auf dem roten Teppich einer Premierenfeier erzählte.

Nicht hetero – na und?
Diese offen kommunizierten amourösen Präferenzen des Protagoni­s‍ten sind in der heutigen Filmwelt zwar noch außergewöhnlich genug, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der Popularität des Streifens taten sie aber keinen Abbruch. Bereits am Startwochenende im Februar lockte er das Publikum in Scharen vor die Leinwand, der Film brach mehrere Rekorde. Laut dem US-amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes hat «Deadpool» in den Vereinigten Staaten unter anderem das erfolgreich­s‍te Kinodebüt aller bisherigen X-Men-Filme hingelegt, und Ryan Reynolds wirkte bis anhin noch in keinem Film mit, der am Eröffnungs­wochenende mehr Geld in die Kassen spülte. Foto-Pinterest.de

Deadpool – einer von vielen
Deadpool ist prominentes und jüng­s‍tes Beispiel in einer immer länger werdenden Reihe von Mainstream-­Comic-Helden und -Heldinnen, deren sexuelle Orientierung von der Heteronorm abweicht. Vor rund vier Jahren zum Beispiel schaffte es «Green Lantern» in die Schlagzeilen, der bekannte Star aus dem Verlagshaus DC. «Coming-­out eines Superhelden» oder «Green Lantern ist ab sofort schwul» titelten etwa Spiegel Online oder der Tages-­Anzeiger, nachdem Autor James Robinson ohne grosses Brimborium angekündigt hatte, Green Lantern werde in der Neuauflage der Serie «einfach schwul sein». Mit «Batwoman» ist eine weitere berühmte DC-Heldin homosexuell. Im Comicalltag heißt sie Kate Kane, 2006 wurde sie als lesbisch geoutet.

Es wird befürchtet, ein allzu moderner und offener Umgang mit LGBT-Fragen könnte viele Comicfans überfordern.

Bereits 1992 outete sich Marvel-Held «North­s‍tar» und im Jahr 2012 führte er in Nummer 51 der «Astonishing X-Men»-Serie seinen Freund gar vor den Traualtar. North­s‍tar wurde damit zum er­s‍ten Mainstream-Superhelden, der seinen gleichgeschlechtlichen Partner ehelichen durfte. Im Marvel-­Universum tummeln sich zahlreiche weitere LGBT-­Charaktere. Auf der Internetseite marvel.wikia.com werden in eigens eingerichteten Kategorien sämtliche Figuren aufgeli­s‍tet, die schwul, lesbisch, bi, transgender oder asexuell sind. Die mei­s‍ten von ihnen sind eher unbekannt und meist nur eingefleischten Comicfans ein Begriff. Zwei davon: «Wiccan» und «Hulkling». Die beiden sind ein offen schwules Paar und Teil der «Young Avengers».

Diese stehen in enger Verbindung zu den berühmten «Avengers», denen Helden wie Iron Man, Thor oder Captain America angehören und deren Abenteuer und ruhmreiche Taten in den letzten Jahren gleich in mehreren kommerziell erfolgreichen Hollywood-Adaptionen erzählt wurden. Bisher eher unbekannt, erfreuen sich Wiccan and Hulkling nun einer wachsenden Popularität: Nebst ihren Auftritten in den Comic-Heften werden sie zum Beispiel im neuen Lego-­Videogame «Marvel’s Avengers» als spielbare Figuren eingeführt.

Konservative Leserschaft
Die großen Verlage wagen es also zunehmend, ihre Heldinnen und Helden zu outen. Das ist insofern erfreulich, als die «Mainstream-Comics der gesellschaftlichen Entwicklung hinterherhinken, gerade im Superhelden-­Bereich», sagt Kevin Clarke. Er hat zusammen mit sechs Co-Kuratorinnen und -kuratoren die Aus­s‍tellung «Super­Queeroes» konzipiert, die im «Schwulen Museum*» in Berlin noch bis Ende Juni die Geschichte queerer Comic-­Heldinnen und -Helden zeigt (siehe Ka­s‍ten). «Die Leserschaft in den USA ist zum Teil sehr konservativ», erklärt Kevin.

Die Großzahl der Fans lebe im mittleren We­s‍ten und damit in Gebieten des Landes, in denen noch ein «anderes Ver­s‍tändnis von Sexualität» vorherrsche. «Die bekannten Verlage machen sich bisweilen Sorgen um die Loyalität dieser Leserinnen und Leser.» Es wird befürchtet, ein allzu moderner und offener Umgang mit LGBT-Fragen könnte viele Comicfans überfordern und vergraulen. Ein Beispiel für diese Angst sieht Kevin in der teils stiefmütterlichen Behandlung des Themas durch die Fachpresse, auch in deutschsprachigen Gefilden. «Führende deutsche Comiczeitschriften haben anfangs weder unsere ‹SuperQueeroes›-­Aus­s‍tellung noch die ganzen Superhelden-Outings der letzten Jahre behandelt», sagt der 49-Jährige. Die Mainstreammedien hätten diesbezüglich sehr viel weniger Berührungsäng­s‍te gezeigt und auf unkomplizierte Art und Weise über das Thema berichtet.

Wachsender Rückhalt
Die Sorgen um eine Abkehr der konservativen Leser wirkten sich lange Zeit auch auf die Comicmessen aus. In den Aus­s‍tellungshallen der sogenannten «Comic Cons» hätten queere Comics bis vor kurzem nichts verloren, sagt Kevin. Erst in jüng­s‍ter Vergangenheit entwickle sich die Szene langsam dahingehend, daß auch Anbieter von LGBT-Werken mit ihren Ständen an den Comic Cons vertreten seien. «Immer mehr Fans stehen zu diesem Teil der Community, lassen queere Inhalte zu oder heissen sie gar willkommen», erklärt Kevin. Einer seiner Co-Kuratoren, der US-amerikanische Comicexperte Ju­s‍tin Hall, sagte es gegenüber queer.de so: «Die amerikanische Comicindustrie hat die queeren Superhelden nicht sofort mit offenen Armen aufgenommen.» Bis zu den vielen Coming-outs der jüng­s‍ten Vergangenheit sei es ein langer Weg gewesen.

Hollywoodregisseuren und X-Men sei Dank
Ein Weg, der nicht zuletzt von Hollywoodregisseuren geebnet wurde. Einer von ihnen ist der offen bisexuelle Bryan Singer, der bei mehreren X-Men-Filmen Regie führte. In Interviews hat er schon mehrfach betont, daß seine eigene Identität als Jude und Bisexueller eine zentrale Filmthematik, den Umgang mit Minderheiten, stark geprägt habe. Im Gespräch mit dem US-amerikanischen Moderator Charlie Rose zum Beispiel sagte Singer, in den Filmen gehe es nebst «all den Ko­s‍tümen und Kämpfen sowie dem ganzen Spektakel und Spaß» um wichtige philosophische Fragen. Um schädliche Vorurteile zum Beispiel, um das Gefühl, ein Außenseiter zu sein, und um die blinde Angst mancher Leute vor Unbekanntem. Viele junge Menschen, die ihren Platz in der Welt suchen, würden von diesen Themen angesprochen.

«Singer zeigte den Verlagen, daß man LGBT-Themen ansprechen und behandeln kann, ohne dies explizit zu tun.»

Gerade auch LGBT-Teenager können sich mit den Problemen der X-Men identifizieren, handelt es sich bei Letzteren doch um Menschen, deren besonderen Kräfte «sich während der Pubertät entwickeln und die sie vor der Welt verheimlichen müssen», wie es Ju­s‍tin Hall beschreibt. Es fällt nicht schwer, dieses Konzept der X-Men auf queere Art und Weise zu lesen. «Singer zeigte den Verlagen, daß man LGBT-Themen ansprechen und behandeln kann, ohne dies explizit zu tun», so Kevin. Dies ist ein Prinzip, das sich zum Beispiel auch in vielen Disney-Zeichentrickfilmen findet (Mannschaft berichtete in der Septemberausgabe). Klassisches Beispiel ist der Kassenschlager «Die Eiskönigin – Völlig unverfroren», der sich um Prinzessin Elsa dreht. Sie verfügt über die Gabe, Eis, Frost und Schnee zu erzeugen. Ihre Eltern verlangen von ihr, daß sie ihre Zauberkraft unterdrückt und verborgen hält, was Elsa zunehmend von ihren Mitmenschen isoliert – bis sie, als Erwachsene, aus dem elterlichen Schloß entflieht und ihre Kräfte endlich raus- und zuläßt. Die Parallelen zu einem Coming-out liegen auf der Hand.(Foto-Pinterest)

Test be­s‍tanden – vorerst
Trotz implizit queerer Botschaft, der Erfolg der X-Men-­Serie blieb nicht aus und auch die öffentlichen Outings von Deadpool, Green Lantern oder Batwoman seien gut aufgenommen worden, sagt Kevin. Auf die großen Comicverlage dürfte dies ermutigend wirken.
Wobei: Gerade das Coming-out von Green Lantern muß laut Kevin Clarke etwas relativiert betrachtet werden. «Es gibt verschieden­s‍te Versionen und Varianten des Green Lantern, und das erst noch in verschieden­s‍ten Paralleluniversen», erklärt er die nicht ganz einfach zu ver­s‍tehenden Gesetze und Funktionsweisen der Comicwelt. (Foto-pinterest.de)

Als offiziell schwul erklärt wurde nicht derjenige Green Lantern, der 2011 publikumswirksam über die Kinoleinwände flackerte, sondern eine Frühfassung des grünen Helden, den nur wenige kannten. Für eine Neuauflage des Comics wurde diese Figur nun einfach verjüngt und homosexuell darge­s‍tellt. «Beim schwulen Green Lantern handelt es sich gewissermassen um eine Testversion, die aufzeigen soll, wie das Publikum einen homosexuellen Helden aufnimmt», faßt Kevin zusammen. Immerhin, der Test verlief gut. Das ist sicherlich auch auf den bemerkenswerten gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre und die zunehmende Akzeptanz von Homo­sexualität zurückzuführen. Und trotzdem: Ob das große, kommerzielle Publikum für einen bekannten schwulen Superhelden schon bereit wäre, kann gemäß Kevin noch nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Die Fledermaus darf noch nicht raus
Bei keinem Geringeren als Batman, einem der ganz großen Comic-Helden, böte sich ein solches Coming-out jedenfalls an. Seit Jahrzehnten wird darüber debattiert, ob der Fledermausmann wohl schwul sei und mit seinem Gehilfen Robin auch nach getaner Heldenarbeit unter einer Decke stecke – im wahr­s‍ten Sinne des Wortes.
Vor ein paar Jahren setzte Grant Morrison, seit 2006 offizieller Batman-Autor, diesen Diskussionen im Prinzip ein Ende. In einem vielbeachteten Interview mit dem Playboy äußerte sich Morrsion dahingehend, daß Batman «sehr, sehr schwul ist», wobei das nicht abschätzig gemeint sei. Vielmehr sei einfach nicht zu leugnen, daß das «ganze Konzept vollkommen schwul ist».

Tatsächlich ist mit Blindheit geschlagen, wer dies von der Hand weisen will: Bruce Wayne, der Mann hinter Batman, ist ein ewiger Junggeselle, der seine Zeit am lieb­s‍ten mit seinem älteren Butler sowie dem jungen Mann verbringt und in einem eng anliegenden, jeden Muskel zur Geltung bringenden Ko­s‍tüm, um das ihn jeder Fetischparty-­Besucher beneidet, Nacht für Nacht auf Schurkenjagd geht. Trotz alledem: Der DC-Verlag hat Batmans Homosexualität noch immer nicht be­s‍tätigt. «Daß Batman und Robin offiziell als schwul geoutet werden, ist die Urangst vieler Comicfans», sagt Kevin Clarke. Für ihn steht fest: «Batman und Robin zusammen im Bett, das wäre der Durchbruch.»

Wann dieser Durchbruch erfolgt – und ob er überhaupt erfolgt –, ist unklar. Doch die Zeichen stehen gut, daß auch Batman bald einmal zu seiner gleichgeschlechtlichen Orientierung stehen darf. Nach all den Jahren und all den guten Dien­s‍ten, die er der Welt erbrachte, hätte er es mehr als verdient.( von Markus Stehle-mannschaft.com)


Zweisam, dreisam, viersam

Polyamorie Ist die Vielliebe die Wiederkehr der freien Liebe? Oder doch Ausdruck der Mulitoptionsgesellschaft?

Atman Wiska spricht gern über die drei Grundwerte der Polyamorie. Sie lauten: Einvernehmlichkeit, Transparenz und Langfri­s‍tigkeit. Wiska ist Administrator der größten deutschsprachigen Polyamorie-Facebookgruppe mit über 4.000 Mitgliedern. Und er erlebt es im Netz immer wieder, daß Menschen ein medial stark verzerrtes Bild der Vielliebe haben. Es gehe nicht darum, daß einfach jeder mit jedem schlafe. „Wenn du die drei Grundwerte nimmst, fällt eine Menge raus, was die Leute gemeinhin unter ‚viel Liebe‘ ver­s‍tehen“, sagt Wiska.

Kaum ein Beziehungsratgeber, kaum ein soziologisches Lehrbuch hat sich bislang an einer Definition des Worts versucht. Sie könnte so lauten: Polyamorie ist es, wenn zwei Menschen eine prinzipiell nicht exklusiv-monogame Beziehung führen, sich darüber einig sind, miteinander offen darüber reden und ihre Beziehung auf lange Sicht so weiterführen wollen.

Die polyamore Szene hat in den vergangenen Jahren starken Zulauf erfahren. In so gut wie jeder großen Stadt gibt es mittlerweile Poly-Stammtische, die offen für neugierige Besucher sind. Und seit 2008 gibt es den er­s‍ten deutschen Polyamorie-Verein, das PolyAmore Netzwerk (PAN). Zweimal im Jahr veranstaltet der Verein ein Treffen. Im Juni treffen sich über 100 Teilnehmer in einer ehemaligen Jugendherberge, nahe einem thüringischen 500-Seelen-Nest. Für fünf Tage schlagen die Polys hier ihre Zelte auf oder beziehen Bungalows. (Foto-Männer.de)

Wie tanzt man zu dritt?

Das Treffen dient vor allem dem Erfahrungsau­s‍tausch. Es gibt Gesprächsrunden und Workshops. Wie gehe ich mit Eifersucht um? Wie gelingt die Kindererziehung in einem Beziehungsgeflecht, einem „Polykül“, wie es hier scherzhaft heißt? Aber auch: Wie tanzt man zu dritt, zu viert? Durch das Polytreffen weht ein hippiesker Hauch. Trotz der bunten Mischung aus Jung und Alt, aus esoterisch-spirituell bis pragmatisch-rational, ist der Umgang mit körperlicher und emotionaler Nähe spielerisch, aber immer respektvoll.

Wer auf einem Polytreffen vor allem Sexpartner sucht, ist auf dem Holzweg – das wird bereits vor der Anreise klarge­s‍tellt. Natürlich ist es erlaubt, sich näherzukommen. Die Atmosphäre dafür ist weder schmuddelig noch restriktiv, sondern „sexpositiv“, wie der szeneinterne Begriff heißt.

Wenngleich einige Sprachcodes und Umgangsformen auf einen Außen­s‍tehenden befremdlich wirken, wünscht man sich doch bald, daß ein bißchen von dieser selbstver­s‍tändlichen Achtsamkeit gegenüber den Grenzen und Bedürfnissen des anderen Einzug in jede groß­s‍tädtische Clubnacht halten würde. Sexismen sind hier fremd – und das nicht, weil das ein Plenum so entschieden hat, sondern einfach so.

Das Polytreffen ist auch nicht akademisch. Zum Glück, findet Nelly Stockburger, die teilnimmt. Als sie in ihren Zwanzigern war, hieß Polyamorie noch freie Liebe. Wenn Stockburger in den Gesprächsrunden von ihrer Zeit in einer Art Kommune, später dann in einer femini­s‍tischen Frauengruppe in Trier erzählt, lauschen alle gespannt. Sie hat über ihre Erfahrungen damals ein Buch geschrieben, es heißt Briefe von Draußen: Über Liebe und Revolution. Ihr Fazit ist zwiespältig. „Unser gemeinsamer Nenner war der blinde Idealismus und die Unerfahrenheit bezüglich der Einschätzung der drohenden Gefahren, die in den ideologischen Extremen dieser wilden Jahre lauerten“, schreibt sie.

Sie meint damit den Zu­s‍tand, wenn das Ideal zum Imperativ wird. Die Revoluzzer ver­s‍tanden die Thesen von Wilhelm Reich und Herbert Marcuse als Gegenbewegung zur bürgerlichen Gesellschaft, die den Faschismus hervorgebracht hatte. Das gab ihnen quasi automatisch recht, egal ob die Theorie mit der Praxis überein­s‍timmte. Stockburger erzählt von einer Situation, in der ein Mann ihre Eifersucht ideologisch verklären wollte: „Du darfst nicht eifersüchtig sein, das ist spießbürgerlich, konterrevolutionär.“ Sie war damals aber eifersüchtig, und Erklärungen aus dem theoretischen Überbau halfen da nicht weiter. (Mehr zum Thema auch im Buch, einfach das Bild anklicken)

Heute freut sie sich, wenn die Polyszene jedes Gefühl ernst nimmt und gezielt über alles redet, auch wenn die Gesprächsrunden mitunter an kollektive Psychotherapien erinnern. Alles ausleben ist okay – aber nicht als Zwang, nicht als Diktat, nicht, wenn es jemand anderem weh tut!

Unter ihresgleichen

Bei den 68ern war das radikaler. Wilhelm Reich sah die Triebunterdrückung der bürgerlichen Gesellschaft als Treib­s‍toff für die NS-Barbarei. Anders als Sigmund Freud forderte er, nicht nur über unbewußte, unterdrückte Triebe in der Gesprächstherapie zu reden, sondern ihnen bewußt freien Lauf zu lassen. Das Elend der Welt, psychische Krankheiten, wahnhafte Mordfantasien – das alles sei die Folge eines verdrängten Sexualtriebs, den die Gesellschaft nur unterbindet, damit der Kapitalismus florieren kann. Schon Friedrich Engels befand, daß die monogame Ehe nichts weiter sei als ein Konstrukt, daß der Vererbung von Privateigentum diene und damit den Erhalt der Klassengesellschaft stütze. Marxi­s‍ten waren noch nie Romantiker.

Von diesem gesellschaftspolitischen Anspruch ist die Polyszene heute aber weit entfernt. Trotz Treffen und Stammtischen wollen Polys zuweilen lieber unter sich bleiben. Weil Polyamorie mit dem Vorurteil bela­s‍tet ist, nicht mehr als viel Sex zu sein, möchte der ein oder andere das lieber vor dem Arbeitgeber oder den Eltern verbergen. Die Überschneidungen zu Gruppen aus der queeren Szene, zum Beispiel zur Bi-, Trans- oder Homosexualität, sind zahlreich. Alle eint ein Stigma, auch die Polys sprechen vom „Outing“. Dabei wollen sie der heteronormativen Gesellschaft mit ihren exklusiven Zweierbeziehungen gar nicht unbedingt zu Leibe rücken.

Atman Wiska sagt: „Man könnte behaupten, daß Polyamorie eine Konterrevolution für die freie Liebe ist, weil sie sich wieder dem Eheähnlichen, dem Verbindlichen und dem Partnerschaftlichen annähert.“ Er träumt auch von einer Anerkennung der Polyamorie als eingetragener Lebenspartnerschaft, wobei diese nach der Entscheidung für die „Ehe für alle“ nun gerade abgeschafft wird.

Bei einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit mehr als zwei Partnern könnten mehrere Partner das gemeinsame Sorgerecht bei Kindern haben: „Mit einer Lebenspartnerschaft wäre das quasi amtlich, dann hat man da auch Rechte. Das fände ich sehr sexy“, sagt Wiska.

Polyamorie – das Beziehungsmodell der Generation beziehungsunfähig? Derjenigen, die alles haben, aber sich nie festlegen wollen? Derjenigen, die vor lauter Flexibilisierungszwang eine fe­s‍te Partnerschaft mit einem Partner für eine Zumutung halten? Das Thema spricht viele junge Menschen an und hat vor allem Einzug in die linke Subkultur gehalten. In vielen Texten junger Autoren liest sich die Tendenz zu nichtmonogamen Beziehungsformen weniger wie ein Wunsch zur gesellschaftlichen Veränderung und mehr wie ein Zwang zur Selb­s‍toptimierung: Alles auf eine Karte? Viel zu unsicher. Was, wenn ich es mir morgen anders überlegt habe?

Der Autor Friedemann Karig brachte Anfang des Jahrs sein Buch Wie wir lieben heraus. Seine Be­s‍tandsaufnahme der traditionellen Liebe ist vernichtend: Fast jede zweite Ehe wird geschieden, und auch die stabilen Partnerschaften be­s‍tehen aus viel Lug und Betrug. Eine Studie des Online-Dating-Portals Parship will herausgefunden haben, daß 16 Prozent von knapp 1.000 befragten Männern und Frauen schon einmal ihren Partner betrogen haben. Weitere 11 Prozent taten das noch nicht, kämpften aber mit der Versuchung. Ist die Polyamorie womöglich eine Konfliktlösungsstrategie für die nicht lebbare Fiktion der lebenslangen treuen Partnerschaft?

Lebenslange Monogamie – das wissen Psychologie, Biologie, Soziologie und letzten Endes auch Geschichte, Literatur und Kunst – entspricht nicht dem menschlichen Wesen. Sie ist ein Treueschwur, der allzu oft mehr Krampf ist als Freude. Und doch ist Betrogenwerden nicht nur sagenhaft schmerzvoll, sondern gilt auch als Scheitern am gesellschaftlichen Ideal der gelingenden Zweierbeziehung.

Auf der anderen Seite umgibt uns Sex täglich, minütlich. Ihn viel und gut zu haben gilt als erstrebenswert. Aber bitte nicht zu viel – das ist dann wieder krank, oder für Frauen oft noch schlicht unerhört. Stati­s‍tisch gehen deswegen Befragungen zur Anzahl der Sexpartner nie auf. Daß Männer „sie alle“ haben können und Frauen keine „Schlampen“ sein sollen, ist derart stark verankert, daß selbst bei anonymen Befragungen gelogen wird.

Und Attraktivität ist ein Imperativ. Auch in einer fe­s‍ten Beziehung wollen wir anderen noch gefallen, dürfen das Kompliment des Flirts aber nicht zu sehr zulassen. Ein Widerspruch, dessen Lösung immer nur scheinheilig ist: Betrug oder Selbstbetrug. Trotzdem können laut Parship-Studie kaum mehr als zwei Prozent der Deutschen mit alternativen Beziehungsmodellen etwas anfangen. Polyamorie trägt ein Stigma. Die Praktizierenden werden gefragt: Wie haltet ihr das aus, wenn der Partner jemand anderes hat? Sie könnten die Frage aber auch zurück­s‍tellen: Wie haltet ihr das aus, lebenslang treu zu sein?

Leicht ist beides nicht. Nicht alle Polys sehen in ihrer Beziehungsform eine Erlösung. Viele ge­s‍tehen sich ein, daß es ein Kampf sein kann. Aber: So gut wie nie bereut es jemand, den Versuch gewagt zu haben. Atman Wiska hat recht, wenn er sagt, die Polyamorie sei gar nicht so progressiv, sondern eher ver­s‍teckt-reaktionär, der „Verrat“ an dem linken Revolutionsversuch der freien Liebe, sozusagen die SPD unter den Beziehungsmodellen.

Polyamorie, das bedeutet Achtsamkeit, Empathie und auch Regeln. Regeln für ein Spiel, in dem es keine Fairneß gibt. „Fairneß gehört in den Sport. In der Liebe kämpft man aber nicht gegeneinander“, sagt eine Teilnehmerin des Polytreffens in Thüringen. Für die Polys ist Liebe kein Wettstreit, bei dem es am Ende einen Gewinner gibt. Sie sind überzeugt: Die Liebe wird nicht weniger, nur weil man sie teilt. (Der Freitag Konstantin Nowotny)



Prägung durch Gene und die Bedingungen im Mutterleib als mögliche Faktoren

Das Darwinsche Paradox der Homosexualität

Eine der Errungenschaften des letzten Jahrhunderts ist die Enttabuisierung der Homosexualität. Über deren Ursachen weiß man jedoch noch wenig. Aus biologischer Sicht stehen zwei Theorien im Vordergrund, die zumindest die männliche Variante ansatzweise erklären.

Für gewisse Teile der Gesellschaft ist Homosexualität noch immer ein heikles Thema. Für die Evolutionsbiologie ist sie dagegen vor allem faszinierend: Wie kann es sein, daß sich ein solches für die eigene Fortpflanzung denkbar ungün­s‍tiges Verhalten überhaupt halten kann? Denn dadurch, daß rein homosexuelle Frauen und Männer keine Nachkommen haben, befinden sie sich aus evolutionärer Sicht in einer Sackgasse: Ihre Gene werden nicht weitergegeben und ihre Linie stirbt aus.

Hinweise aus Zwillings­s‍tudien

Genetische Studien zur Homosexualität sind noch selten. Seit den 1990er Jahren haben aber Zwillings­s‍tudien gezeigt, daß Homosexualität zumindest teilweise genetisch bedingt ist. So ist bei eineiigen Zwillingspaaren, bei denen einer der Zwillinge homosexuell ist, der Bruder oder die Schwe­s‍ter in ungefähr 30 Prozent der Fälle auch homosexuell oder lesbisch, während dies bei zweieiigen Zwillingen nur in etwa 10 Prozent der Fälle vorkommt. Dies ist darauf zurückzuführen, daß eineiige Zwillinge identische Gene aufweisen.

Eine solche genetische Veranlagung zur Homosexualität kann aber nur schwer mit Charles Darwins Theorie der natürlichen Selektion in Einklang gebracht werden. Diese besagt nämlich, daß nur Gene, welche für das Überleben oder die Fortpflanzung ihres Trägers von Vorteil (oder zumindest nicht von Nachteil) sind, in einer Spezies fortbe­s‍tehen. Gemäß dieser Theorie dürften somit «Schwulen- oder Lesbengene», die der Reproduktion ihrer Träger offensichtlich abträglich sind, gar nicht vorkommen. Sie müßten von der natürlichen Selektion bereits eliminiert worden sein. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Darwinschen Paradox der Homosexualität.

Wie dieses Paradox zumindest für die männliche Homosexualität gelöst werden könnte, zeigte Andrea Camperio-Ciani von der Universität in Padua mit einem Psychologen-Team erstmals 2004. Die Wissenschafter hatten in Italien zahlreiche homo- und heterosexuelle Männer über ihre Verwandtschaft befragt. Dabei interessierte sie vor allem, wie viele weitere Fälle von Homosexualität in der Familie der Befragten vorkommen und ob diese eher mütterlicherseits oder väterlicherseits zu finden sind. Wie sich heraus­s‍tellte, wies die mütterliche Verwandtschaft von homosexuellen Männern signifikant mehr Fälle von männlicher Homosexualität auf als die väterliche und auch als die Mutterseite von Heterosexuellen. Vor allem aber zeigte sich, daß die weiblichen Vorfahren mütterlicherseits von homosexuellen Männern im Durchschnitt mehr Kinder gebaren als die weiblichen Vorfahren väterlicherseits oder jene von heterosexuellen Männern.

Positiver Einfluß auf die Fruchtbarkeit

Wenn man nun von der Exi­s‍tenz eines Homosexualitäts-Gens ausgeht, dann würde ein solches also unterschiedliche Funktionen einnehmen, je nachdem, ob es sich in einem Frauen- oder in einem Männerkörper befindet. Bei Frauen hätte dieses Gen einen positiven Einfluß auf die Fruchtbarkeit, während es bei Männern, zumindest in gewissen Fällen, zur Homosexualität führte. Es be­s‍tünde also ein Interessenskonflikt, ein sogenannter «Trade-off», zwischen mütterlicher Fruchtbarkeit und männlicher Homosexualität: Je fruchtbarer die Mutter, de­s‍to größer die Wahrscheinlichkeit, daß sich unter ihren Nachkommen auch ein homosexueller Sohn befindet. Die erwähnte evolutionäre Sackgasse, in der sich rein Homosexuelle als Individuen befinden, würde somit in der Familie durch diese höhere Fruchtbarkeit mütterlicherseits aufgehoben. Das wiederum bedeutet, daß die eigene Linie, indirekt zumindest, fortbe­s‍teht.

Zwar wurde Camperio-Cianis Studie seither von ihm und von zwei weiteren Forscherteams aus London mehrere Male be­s‍tätigt. Auch zeigte eine vor zwei Monaten veröffentlichte stati­s‍tische Analyse, daß diese Theorie der weiblichen Fruchtbarkeit fast alle Befunde der dokumentierten Untersuchungen zur männlichen Homosexualität erklären kann. Darüber, wie genau ein «Homosexualitäts-Gen» seine Wirkung entfalten könnte, tappt man jedoch weiter im Dunkeln. Einzig zu seiner Lokalisation gibt es Hinweise. Weil ein solches Gen immer über die Linie der Mutter vererbt wird, könnte es sich auf dem mütterlicherseits vererbten X-Chromosom befinden. Da aber eine der wenigen größer angelegten Arbeiten zum Genom Homosexueller 2005 zum Schluß kam, daß es bei homosexuellen Männern und ihren Müttern nicht nur einen typischen Abschnitt auf dem X-Chromosom gibt, sondern auch auf anderen Chromosomen, bleibt sogar die Lokalisation eines solchen Gens weiterhin unklar. ( Foto-SlidePlayer.org)

Die Reihenfolge der Geburten

Die andere heute gängige Erklärung für die männliche Homosexualität liefert der Kanadier Ray Blanchard vom psychiatrischen In­s‍titut der Universität Toronto. Laut seiner Theorie hängt Schwulsein mit der Reihenfolge bei der Geburt zusammen. So konnte er anhand mehrerer Studien, die bis in die 1980er Jahre zurückgehen, aufzeigen, daß die Wahrscheinlichkeit für einen Mann, homosexuell zu sein, zunimmt, je größer die Anzahl älterer Brüder ist: Sie beträgt bis zu 30 Prozent bei zweitgeborenen und 40 Prozent bei drittgeborenen Söhnen. Blanchard erklärt dies mit einer Immunreaktion der Mutter. Da jeder Fötus zur Hälfte aus väterlichen Genen be­s‍teht, ist er im Grunde genommen zur Hälfte ein Fremdkörper im Mutterleib; diese Fremdheit ist bei einem männlichen Fötus noch ausgeprägter. Laut Blanchard löst demnach jeder männliche Fötus durch Sub­s‍tanzen, deren Baupläne durch Gene auf dem Y-Chromosom be­s‍timmt sind, eine Abwehrreaktion im Mutterleib aus. Dies wiederum beeinflusse die Entwicklung des Fötus, vor allem die Entwicklung von dessen heranwachsendem Hirn. Wie bei einer Impfung würde eine solche Immunreaktion beim er­s‍ten Sohn noch bescheiden ausfallen, sich aber bei jedem weiteren männlichen Nachkommen ver­s‍tärken.

Molekulare Kandidaten für solche durch das Y-Chromosom definierte Sub­s‍tanzen gibt es einige, allen voran könnten geschlechtsspezifische Hormone oder Moleküle an der Zelloberfläche eine Rolle spielen. Blanchard selber verweist auf eine Arbeit von 1987, in welcher indische Forscher demonstrierten, daß mit männlichen Milzzellen immunisierte Mäuseweibchen männliche Nachkommen zeugten, welche sexuell wenig aktiv waren. Weil ein Mangel an sexueller Aktivität aber nicht ausreicht, um eine Maus «homosexuell» zu nennen, und weil diese Arbeit nie wiederholt und bisher auch keine entsprechende Sub­s‍tanz gefunden wurde, bleibt die Exi­s‍tenz eines solchen Moleküls allerdings fraglich.

Wenig zur weiblichen Homosexualität

Im Prinzip könnten beide Theorien auch für die weibliche Homosexualität zutreffen, jedoch fehlen dafür die Anhaltspunkte. So konnten familiäre Studien bei homosexuellen Frauen weder mütterlicherseits noch väterlicherseits eine erhöhte Fruchtbarkeit in deren Verwandtschaft nachweisen. Auch die Reihenfolge bei der Geburt scheint keine Rolle zu spielen. Die Fachliteratur weist hier große Lücken auf, was angesichts der ähnlich häufig auftretenden weiblichen Homosexualität er­s‍taunt.

Was die männliche Homosexualität betrifft, schliessen sich Blanchards Theorie der brüderlichen Geburtenfolge und Camperio-Cianis Theorie der weiblichen Fruchtbarkeit übrigens keineswegs gegenseitig aus, zumal Mütter, welche mehrere Söhne gebären, auch als fruchtbar gelten können. Ebenso wenig widersprechen die beiden Theorien einem möglichen Einfluß der Kindheit und Adoleszenz auf die sexuelle Orientierung. Wahrscheinlich ist vielmehr, daß sowohl genetische und pränatale als auch postnatale Faktoren eine Rolle spielen und daß vorhandene Veranlagungen zur Homosexualität durch spätere Erfahrungen unterschiedlich stark akzentuiert werden. Interessanterweise käme dies Sigmund Freuds Po­s‍tulat nahe, wonach alle Menschen von Geburt an bisexuell sind.(NZZ-Johannes Gräff)



Fragen, die die Studie zum "Sexualverhalten der Deutschen" aufwirft

Deutschland, wir müssen reden.

Männer haben deutlich mehr Sex als Frauen. Und der Großteil der Deutschen hatte schon mal Vaginalverkehr. Das sind die wenig überraschenden Ergebnisse einer im Ärzteblatt veröffentlichten Studie, die sich mit dem Sexualverhalten der Deutschen auseinandersetzt. Insgesamt 2.524 Leute im Alter zwischen 14 und 99 Jahren wurden dazu per Fragebogen zu ihrer sexuellen Ausrichtung, Verhütung und sexuellen Praktiken befragt.

Ziel der Studie der TU Braunschweig, des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsens, der Uniklinik Jena und der Uni Hildesheim war es eigentlich herauszufinden, wie man sexuelle Krankheiten eindämmen und besser behandeln kann. Aber natürlich ist es interessant, was die Nachbarn im Bett treiben – oder zumindest Menschen, die theoretisch unsere Nachbarn, Freunde, Bekannte sein könnten. Und die Studie lässt einige interessante Rückschlüsse auf die Einstellung der Deutschen in Bezug auf Sexualität zu. Wir hätten da allerdings noch ein paar Fragen zu den Ergebnissen.

Haben Deutsche Angst davor, offen bisexuell zu sein?

Was vielen bei der Studie als Erstes auffallen dürfte: Sie ist wahnsinnig heterola­s‍tig. Bei der Frage nach ihrer sexuellen Orientierung gaben 84 Prozent an, heterosexuell zu sein, drei Prozent identifizierten sich als überwiegend heterosexuell und nur ein Prozent als jeweils homosexuell und bisexuell. Als überwiegend homosexuell sah sich keiner der Studienteilnehmer.

Die restlichen rund zehn Prozent waren womöglich genauso verwirrt wie wir: Vielleicht verstehen wir nichts von wissenschaftlichen Erhebungen, vielleicht hatte jemand zwei Spalten zu viel im Fragebogen angelegt und die mussten dann zwingend mit Antwortmöglichkeiten ausgefüllt werden, aber: Was soll "überwiegend heterosexuell" beziehungsweise "überwiegend homosexuell" überhaupt bedeuten? Wenn jemand nicht nur auf ein Geschlecht steht, warum dann nicht offen dazu stehen, bisexuell zu sein? Was sind dann die sexuellen Begegnungen mit dem nicht-bevorzugten Geschlecht? Ausrutscher?

"Grün ist Lila", ein feministisches Projekt der Grünen, formulierte es mal so: "Bisexuelle Männer sind nicht eigentlich schwul und bisexuelle Frauen nicht eigentlich hetero." Eine bisexuelle Frau bestätigte  gegenüber VICE ebenfalls, dass ihre Sexualität "keine Unentschlossenheit, keine Phase" ist, aus der man irgendwann rauswächst. Womöglich sollte dieser Gedanke nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Wissenschaft ankommen.

Wieso konnten nur Männer angeben, aktiven Anal- oder Vaginalverkehr gehabt zu haben?

Ja, wir wissen, wie Penetration funktioniert und dass die meisten Menschen mit Penis sich als männlich identifizieren. Unsere Gesellschaft sollte mittlerweile allerdings auch aufgeklärt genug sein, um zu verstehen, dass es Personen gibt, die mit einem Penis geboren wurden (und somit aktiv andere Menschen penetrieren können), sich selbst aber als Frauen verstehen. Haben ausschließlich Cis-Menschen bei dieser Studie mitgemacht?

Gleichzeitig können auch Frauen mit Vagina aktiven penetrativen Sex haben. Sei es mit Umschnalldildo oder ihren Fingern. Sex geht auch ohne Penis, Leute!

Ist es immer noch ein Tabu, sich in den Arsch ficken zu lassen?

Klar, Analverkehr ist insofern ein kontroverses Thema, als dass es viele Menschen gibt, die grundsätzlich kein Interesse daran haben. Und das ist OK. Nur weil eine Körperöffnung existiert, muss man nicht zwingend etwas in sie einführen.

Interessant an der Studie ist allerdings, dass sich vergleichsweise viele Menschen nicht dazu äußern wollten, ob sie schon mal anal penetriert wurden. Neun Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen wählten auf die Frage nach passivem Analverkehr die Antwort "keine Angabe". Mit Ja antworteten nur vier Prozent der Männer und 17 Prozent der Frauen.

Dass nur wenige Männer die Frage bejahten, mag auch damit zusammenhängen, dass sich allgemein sehr wenige der Teilnehmer als homosexuell identifizierten. Die Studie macht an anderer Stelle ja auch schon klar, dass Männer wohl nur von anderen Männern penetriert werden können. Bei den vergleichsweise vielen Enthaltungen kann allerdings davon ausgegangen werden, dass es eine gewisse Dunkelziffer an Männern gibt, die durchaus schon passive anale Erfahrungen gemacht haben – sie trauen sich nur nicht, es zuzugeben. Anderen, denen auffiel, dass man ihnen so trotzdem auf die Schliche kommen könnte, haben deswegen vielleicht lieber gleich "Nein" angekreuzt. Das Ganze nennt sich unter Forschern "soziale Erwünschtheit": Menschen sind geneigt, das zu antworten, was die Gesellschaft hören will. Und Studien sollten eigentlich so konzipiert werden, dass Menschen sich sicher fühlen, ehrlich zu antworten. Auch wenn es ihnen peinlich wäre, die Wahrheit laut vor ihren Nachbarn auszusprechen.

Und Analsex sollte 2017 eigentlich niemandem mehr peinlich sein. Wenn der Superheld Deadpool keine Angst davor haben muss, als unmännlich zu gelten, weil er auch mal was im Rektum stecken hat, müsste ihr es auch nicht. Interessante Randnotiz: Ab 30 scheint die Zahl der Männer, die offen dazu steht, sich anal penetrieren zu lassen, dramatisch abzunehmen (von 11,3 auf 6,7 Prozent).

Warum hat niemand nach Orgasmen gefragt?

OK, klar: Wenn es den Forschern nur darum ging, einen Überblick über die Häufigkeit von Sexualpraktiken zu bekommen, um die Verbreitungsmöglichkeiten von Krankheiten besser einschätzen zu können, spielen sexuelle Höhepunkte natürlich eine untergeordnete Rolle. Wäre es aber nicht trotzdem schön gewesen, den Leuten mitzugeben, dass nicht nur das rein Mechanische, sondern eben auch die Befriedigung irgendwie wichtig für ihre Sexualität ist? Gerade bei der Frage, wer wann wie häufig kommt, wäre der Vergleich zwischen Männern und Frauen spannend gewesen.

Schließlich gibt es genug Menschen, die nach wie vor glauben, dass reine Penetration ausreicht, um die meisten Frauen zum Orgasmus zu bringen. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass eine internationale Studie bereits zeigen konnten, dass Frauen beim Sex mit anderen Frauen häufiger kommen als beim Sex mit Männern. Laut derselben Studie gibt es übrigens auch eine "Orgasmus-Lücke" zwischen Männern und Frauen, nach der die Herren der Schöpfung öfter kommen als ihr weibliches Pendant. Das könnte auch die nächste und letzte Frage erklären.

Wieso haben Männer so viel häufiger Sex als Frauen?

Es ist immer ein bisschen traurig, wenn sich bestimmte Klischees bestätigen, aber: Laut der Befragung scheint das männliche Geschlecht wirklich auch das sexuellere zu sein. Rund 33 Prozent der Männer gaben an, im vergangenen Jahr Vaginalverkehr gehabt zu haben. Bei den Frauen waren es nur 25 Prozent. Auch heterosexuellen Oralverkehr hatten Männer deutlich häufiger als Frauen – sowohl aktiv (rund 13 Prozent gegenüber einem Prozent bei Frauen) als auch passiv (elf Prozent gegenüber einem Prozent).

Könnte das wirklich damit zusammenhängen, dass Männer generell einfacher zum Orgasmus kommen als Frauen und deswegen im Zweifelsfall einfach mehr vom Akt haben? Oder hat auch diese Antworthäufigkeit was mit sozialer Erwünschtheit zu tun? Schummeln Männer nicht nur bei der Länge, sondern auch bei Häufigkeit?

Männer haben übrigens nicht nur häufiger Sex verschiedenster Art als Frauen, sie sind insgesamt auch die Bevölkerungsgruppe, die überhaupt offener gegenüber verschiedenen Sexualpraktiken zu sein scheint. Es hatten nicht nur mehr Männer überhaupt schon einmal passiven (56 Prozent) oder aktiven (51 Prozent) Oralverkehr als Frauen (48 beziehungsweise 45 Prozent). Sie hatten laut Studie außerdem häufiger schon einmal aktiven Analverkehr (19 Prozent) als Frauen passiven (17 Prozent).

Bei all den offenen Fragen, bleibt uns zumindest eine Gewissheit: Die Deutschen haben quer durch alle Altersgruppen Sex – egal wie häufig das Bild der vermeintlich sex losen Millennials beschworen wird.(Vice Staff)


Ehe für nicht ganz alle

  • Ab dem 1. Oktober gilt für die      Ehe in Deutschland: Sie "wird von zwei Personen verschiedenen oder      gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen."
  • Die etwa 100 000 intersexuellen      Menschen sind von dieser Formulierung ausgeschlossen.
  • Familienprofessor Dieter Schwab      fordert die Ehe für wirklich alle, und zwar in folgenden Konstellationen:      Mann-Frau, Mann-Mann, Frau-Frau, Mann-Inter, Frau-Inter und Inter-Inter.

Es musste schnell gehen, sonst wäre es in dieser Legislaturperiode nichts mehr geworden mit der Ehe  für alle. Das Ehe-für-alle-Gesetz ist, obwohl die einschlägigen Gesetzentwürfe schon viele Jahre herumgeschoben wurden, ein Ruck-Zuck-Gesetz - und man merkt es ihm an.

Die Gesetzesmacher hatten offensichtlich nicht die Zeit, die Rechtsordnung insgesamt auf stimmige Terminologie durchzuschauen. Und so tritt zwar am 1. Oktober die Ehe für alle in Kraft, aber im Bundes- und Landesrecht wimmelt es nach wie vor von "Ehefrauen" und "Ehemännern" und selbst im Eherecht des Bürgerlichen Gesetzbuchs stehen nach wie vor "Mann" und "Frau" als Rollenbezeichnung für Ehegatten.

Der Gesetzgeber hat im neuen Paragraph 1353 Absatz 1 Satz 1 den Kernsatz der Ehe für alle formuliert. Statt wie bisher "Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen" heißt es dort nun: "Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen." Aber schon ein paar Paragraphen weiter hat der Gesetzgeber das wieder vergessen: Da ist der nun möglichen Gleichgeschlechtlichkeit in der Ehe mitnichten Rechnung getragen, da stehen nämlich dann "Mann" und "Frau" als Rollenbezeichnungen für Ehegatten. Der Regensburger Familienrechtsprofessor Dieter Schwab hat diese offensichtlichen Redaktionsmängel in einem Aufsatz der jüngsten Ausgabe der FamRZ, der "Zeitschrift für das gesamte Familienrecht", aufgelistet und aufgespießt. Schwab kündigt an, dass man mit "Bereinigungsgesetzen" rechnen müsse.

Das neue Gesetz ist ein Ruck-Zuck-Gesetz voll unstimmiger Terminologien

Das ist nicht schön, weil es von einer unguten Hast des Gesetzgebers zeugt. Aber so schlimm ist es auch wieder nicht, weil man die alten Bezeichnungen einfach im Lichte des neuen Kernsatzes der Ehe für alle berichtigend auslegen kann. Schlimmer ist ein anderer Mangel des neuen Gesetzes - ein Mangel, der im Kernsatz des neuen Rechts steckt. Denn bei genauem Lesen dieses Satzes erweist sich nämlich, dass die Ehe für alle keine Ehe für wirklich alle ist. Die vom Gesetzgeber beschlossene Ehe für alle schließt nämlich die etwa hunderttausend Intersexuellen in Deutschland aus.

Die Ehe wird, heißt es im Ehe-für-alle-Gesetz, "von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts" geschlossen. Mit dieser Formulierung wird also die Zugehörigkeit der Menschen, die heiraten wollen, zu einem bestimmten Geschlecht verlangt und festgeschrieben. Das heißt: Menschen, die weder dem männlichen, noch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden, sind von der Ehe ausgeschlossen. Darf die eindeutige Geschlechtlichkeit in dieser Weise hervorgehoben und betont werden? Darf ein Mensch mit uneindeutigen geschlechtlichen Merkmalen nicht heiraten? (Foto-sputniknews.com)

Das wäre seltsam. Seit 2013 gilt das neue Personen­s‍tandsgesetz. Das sieht folgendes vor: "Kann das Kind weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personen­s‍tandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregi­s‍ter einzutragen". Bis zu diesem Gesetz, bis zu diesem Paragraphen 22 Absatz 3 Personen­s‍tandsgesetz vom 7. Mai 2013, ging dieses Gesetz davon aus, dass es Männer und Frauen gibt - und sonst nichts. Seit 2013 gibt es nun ganz offiziell, wie es die Familienrechtler nennen, das "unbestimmte Geschlecht".

Das neue Personen­s‍tandsgesetz war eine Revolution, die sich dem Gesetzgeber nicht eingeprägt hat

Das war und ist eine rechtliche Revolution - die sich aber offenbar nicht einmal dem Gesetzgeber richtig eingeprägt hat. Wie sonst ist es zu erklären, dass die intersexuellen Menschen, kurz "inter" oder "divers" genannt, im neuen Gesetz über die Ehe für alle nicht vorkommen? Die Ehe für alle gilt nach der Formulierung des Gesetzes für alle - abzüglich der etwa einhunderttausend intersexuellen Menschen.

Der Gesetzgeber, der 2013 das Personen­s‍tandsgesetz geändert hat, respektierte damit, daß es Menschen mit nicht eindeutigen körperlichen Geschlechtsmerkmalen gibt. Das wird zwar auch nach dem neuen Personen­s‍tandsrecht nicht so ins Geburtenbuch eingetragen, dort steht also nicht der Vermerk "Zwitter" oder "intersexuell" oder "divers". In dem Datenfeld, in dem das Geschlecht anzugeben ist, steht aber seitdem gegebenenfalls gar nichts mehr, es bleibt leer. Der intersexuelle Mensch kann sich dann später für das männliche oder weibliche Geschlecht entscheiden, und dann den entsprechenden Eintrag im standesamtlichen Register vornehmen lassen; er muss es aber nicht. Er kann sich auch dafür entscheiden, zeitlebens ohne eine solche Zuordnung zu bleiben. ( Foto-Münchner Merkur)

Wenn er dies tut, wird ihm das Standesamt Schwierigkeiten machen, wenn er heiraten will. Er muss nämlich, so die Eheregel, die ab 1. Oktober gilt, ein Geschlecht haben. Der Familienrechtler Schwab hält das für "untragbar": Wenn Ehe für alle, sagt er, "dann wirklich für alle!" Mit der Ehe für alle sollte die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare beendet werden. Der Ausschluss der Intersexuellen von der Ehe wäre und ist eine grobe neue Diskriminierung.

Wenn man die Eigenschaft "intersexuell" als drittes Geschlecht betrachtet, ergeben sich für die Ehe für alle - so li­s‍tet es Dieter Schwab auf - folgende Konstellationen: Mann-Frau, Mann-Mann, Frau-Frau, Mann-Inter, Frau-Inter und Inter-Inter. Ist das verwirrend? Eigentlich nicht. Es entspricht der schon 2013 geschaffenen Rechtslage. Die sollte der Gesetzgeber auch im Jahr 2017 noch im Kopf haben.(SZ.de-Heribert Prantl)


Er will mit seinen besten Freundinnen auf ein Zimmer, Schwuler Tim (15) kämpft gegen Klassenfahrt-Regeln. – (Da ist sie wieder diese kleine Versteckte Homophobie in unserer Gesellschaft)

Eigentlich ist die Klassenfahrt im Oktober ein Grund zur Freude. Aber Tim (15) möchte sich ein Zimmer mit seinen besten Freunden teilen. Und die sind Mädchen ...

Greifswald – Mit einer Petition will der homosexuelle Schüler Tim (15) aus Mecklenburg-Vorpommern erreichen, dass er sich ein Zimmer mit seinen besten Freundinnen teilen darf.

Tim ist schwul. Das weiß der 15-Jährige seit der achten Klasse. Seine Eltern unterstützen ihn, alles könnte gut sein. Könnte. Tim möchte in England ein Zimmer mit Menschen teilen, mit denen er sich besonders gut versteht – das sind in seinem Fall Mädchen. Für Tims Eltern geht das in Ordnung, auch die Eltern der anderen Schülerinnen sind einverstanden.

Aber dass Mädchen und Jungs in einem Zimmer schlafen, ist grundsätzlich nicht vorgesehen. Und alle anderen, mit denen der Schüler bislang gesprochen hat, zeigen für seinen Wunsch kein Verständnis.

Die Lehrer rieten ihm, „keinen großen Aufstand“ zu machen, sagt Tim im Gespräch mit BILD. Es sei ja nicht schlimm, er sei ja nur nachts da. „Und wenn dir langweilig ist, kannst du ja ein Buch lesen“, soll ihm geraten worden sein.

Auch der Direktor Ulf Burmei­s‍ter soll sich stur gestellt haben. „Er argumentiert rücksichtslos mit ‚Deine Homosexualität ist kein triftiger Grund dafür, dass du mit Mädchen in ein Zimmer darfst'“, sagt Tim. Ein triftiger Grund sei es, so der Schulleiter, wenn die Jungs Tim gemobbt hätten.

Homosexualität fühlt sich plötzlich falsch an

Aber wo fängt Mobbing an? Tim erzählt, dass sich die Jungs in seiner Klasse seit seinem Coming-out anders verhalten. Mit einigen war er vorher befreundet, aber dann brachen sie den Kontakt ab. Nun soll er vielleicht mit drei von ihnen ein Zimmer teilen.

Für den Schüler fühlte sich seine Homosexualität plötzlich falsch an. „Warum darf jeder mit seinen Freunden in ein Zimmer, außer ich? Ich muss mit den Jungs in ein Zimmer, mit denen ich nicht zurechtkomme. Ich darf zuschauen, wie jeder mit seinen Freunden in ein Zimmer kommt.“

Die Schüler sind in Gastfamilien untergebracht. Die Zimmeraufteilung für die Klassenfahrt nimmt eine Agentur vor. Nach der Intervention des Direktors wird sie seinen Wunsch nun nicht weiter verfolgen.

Kampf mit Petition

Der Zehntklässler fühlt sich nicht ernst genommen. Er hat das Gefühl, man möchte sich nicht in seine Lage versetzen. Darum hat der Schüler eine Petition ge­s‍tartet, die schon über 800 mal unterschrieben wurde. Darin wirft der 15-Jährige auch weitere Fragen auf: Wie soll sich ein schwuler oder bisexueller Junge verhalten, wenn er sich gar nicht bei den Lehrern outen möchte? Was soll ein Schüler tun, der vom gleichen Geschlecht dafür gemobbt wird, daß er zu seiner sexuellen Orientierung steht?

Jährlich kämpfen Millionen von Schwulen und Lesben auf Chri­s‍topher Street Days um mehr Akzeptanz und dafür, beachtet zu werden. „Warum wird also bei jedem Schüler pauschal angenommen, er sei heterosexuell?“, fragt Tim.

Was, wenn er mit seiner Petition nicht weiterkommt? Schuldirektor Burmei­s‍ter hat den Schüler vor die Wahl gestellt: Entweder er geht mit auf Klassenfahrt nach Oxford und nimmt ein Zimmer mit drei Jungs – oder er bleibt in Deutschland und macht ein einwöchiges Praktikum.

Die Schulleitung und die SPD-Politikerin Birgit Hesse haben sich auf Anfrage bislang nicht geäußert. (Bild.de-Kriß Rudolph)

Du möchtest die Petition unterstützen, ich hab es auch schon, dann klick das Bild an.



"Gezielte homophobe Hetze in Russland"

Der 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homophobie. Im Interview erläutert die Historikerin Irina Roldugina, wie Homophobie in Stalins Russland entstand und wie sie unter Präsident Putin instrumentalisiert wird.

Frau Roldugina, wie ist es in Russland zur weit verbreiteten Intoleranz gegenüber Homosexuellen gekommen?

Irina Roldugina: Homophobie ist ein sehr komplexes Phänomen. Sie hat viele Ursachen und hängt von vielen Faktoren ab. Wenn man das Mittelalter und die frühe Neuzeit in Russland mit dem damaligen Europa vergleicht, dann stellt man fest, dass Europa viel homophober war. Auch im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gab es in Russland weder Todesurteile wegen Sex unter Männern noch irgendwelche großen Skandale und aufsehenerregende Gerichtsprozesse wie in Europa.

Jedoch sollte man daraus nicht den Schluss ziehen, Russland sei besonders tolerant. In den Weiten des Landes gab es einfach nicht solche Möglichkeiten zur Kontrolle. Die heutige Form der Homophobie in Russland bildete sich meiner Meinung nach seit der Stalin-Zeit heraus. Sie ist eng mit Gefangenenlagern und Hierarchien hinter Stacheldraht verbunden, also mit der Lager-Vergangenheit des Landes. Damals waren die Menschen, die in Stalins Lager gerieten, erstmals in größerem Ausmaß mit - meist gewalttätigen - gleichgeschlechtlichen Kontakten konfrontiert.

Welche Politik verfolgte Stalin gegenüber Homosexuellen?

Josef Stalin führte im Jahr 1934 den Artikel wieder ein, der Sex unter Männern unter Strafe stellte. In dieser Zeit wurden auch Abtreibungen verboten und Scheidungen erschwert. Interessant ist, dass im Gegensatz zur damals öffentlich und lautstark geführten Anti-Abtreibungs-Kampagne der Artikel zum Verbot von Sex unter Männern von der Öffentlichkeit fast unbemerkt eingeführt wurde. Homosexuelle in Moskau und Leningrad wurden von der sowjetischen Geheimpolizei massenweise festgenommen.

Aber die sowjetische Staatsmacht hat sich weder in den 1930er Jahren noch danach zum Ziel gesetzt, alle Homosexuellen zu vernichten oder in Lager zu stecken, so wie es in Nazi-Deutschland war. Die Homosexualität von Menschen war ein weiterer Hebel, sie unter Druck setzen zu können. Das nutzte das sowjetische Regime ausgiebig aus, so auch der KGB, um ausländische Diplomaten und Studenten zu erpressen oder des Landes zu verweisen. Einen Strafartikel gegen Frauen gab es in der Sowjetunion nicht. Aber Homosexualität unter Frauen galt als Krankheit. Lesben kamen in Zwangsbehandlung und wurden von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Foto - baltinfo.ru

Nach dem Ende der Sowjetunion wurden in Russland 1993 homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen legalisiert. Präsident Wladimir Putin hat keine Strafen für Sex unter Männern eingeführt - sehen Sie trotzdem Parallelen zwischen Putin und Stalin?

Putin hat zwar keinen Strafartikel eingeführt, aber er lässt sich von einer ähnlichen Logik leiten. Das jetzige Gesetz gegen "Schwulenpropaganda" beinhaltet den Gedanken, Homosexualität sei etwas Kriminelles und Krankhaftes. Man müsse sich ihrer Schämen und sie verstecken. Nach offen zugänglichen Quellen haben Homosexuellen-feindliche Straftaten zugenommen.

Aber umfassende Statistiken über solche Straftaten gibt es in Russland gar nicht. Erstens werden solche Straftaten selten angezeigt und zweitens sieht die Polizei oft kein "Hass Motiv". Mit dem Gesetz will man die Gesellschaft polarisieren und "minderwertige" Gesellschaftsgruppen brandmarken. Man richtet niedrigste menschliche Instinkte - unter dem Deckmantel "traditioneller Werte" - gegen die empfindlichsten Bevölkerungsgruppen. Homophobie ist für die Staatsmacht ein praktisches Mittel, innerhalb des Landes Hass zu schüren.

Am 17. Mai 1990 beschloss die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten zu streichen. Warum ist in Russland Homophobie immer noch so verbreitet?

Die Haupteigenschaft von Homophobie ist, dass sie Hass erzeugt, manchmal in sehr schrecklichen Formen. Aber man kann sie durchaus bekämpfen. Sie ist nicht "angeboren". In Holland wurden einst homosexuelle Kontakte mit dem Tod bestraft. In den USA, wo Menschen gleichen Geschlechts heiraten, gibt es keine Anzeichen dafür, dass das Land am Abgrund des Höllenfeuers steht. Im Gegenteil, die Gesellschaft ist lebendiger und freier.

Ich glaube, wenn es in Russland keine gezielte homophobe Hetze gäbe, die Polizei professioneller und weniger korrupt und die Schulen aufklärungsfreundlicher wären, würden wir nicht über Homophobie in der russischen Gesellschaft reden, sondern über Homosexualität als etwas Selbstverständlichem. Wir haben in Russland eine spezifische Staatsmacht. Hass ist für sie ein ideales Mittel, um die eigenen Positionen zu halten.

Irina Roldugina ist eine russische Historikerin. Sie ist Dozentin für Geschichte an der Hochschule für Wirtschaft (Higher School of Economics University) in Moskau, eine der größten russischen Universitäten. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Geschlechtergeschichte. (DW-Elina Ibragimowa)


Syrische Flüchtlinge prostituieren sich

„Ich bin billig, gerade mal 40 Dollar“

Im Libanon prostituieren sich immer mehr Männer. Aus Geldnot bieten sich dort auch syrische Flüchtlinge zu Dumpingpreisen an.

Es ist Samstagnacht. Vor einem unscheinbaren Hauseingang im Industrieviertel von Beirut drängen sich junge Männer. Sie warten auf den Einlass ins Posh, einen der größten Queer-Clubs im Libanon. Der Türsteher winkt einen nach dem anderen durch. Mit dem Aufzug geht es in die fünfte Etage, und als die Stahltüren sich langsam aufschieben, dröhnt Elektromusik in die Kabine. Die Tanzfläche füllt sich schnell. Schwarzlicht setzt grelle Neon-Effekte auf die tanzenden Körper. Bunte Musikvideos flimmern über eine riesige Leinwand. Zweimal in der Woche öffnet das Posh in verschiedenen Locations um und in Beirut. Heute werden laut Veranstalter bis zu 1.000 Gäste erwartet. Aber nicht alle kommen, um zu feiern.

Vor dem Club wartet Jamal* auf Kundschaft. Im schummerigen Licht der Straßenlaterne wirkt der Zweimetermann mit den muskulösen, tätowierten Armen einschüchternd. Selten löst ein Lächeln seine harten Gesichtszüge. Jamal arbeitet als Escort, wie im Milieu ein männlicher Prostituierter genannt wird. Viele seiner Kollegen halten im Club Ausschau nach Freiern. Er ist nicht in Feierlaune, deshalb bleibt er lieber draußen.

Jamal ist 40 Jahre alt. In den 90ern kam er aus Syrien nach Beirut. „Eigentlich bin ich gelernter Schuster. Aber als ich damals in den Libanon kam, bot mir ein Mann 600 Dollar für eine gemeinsame Nacht an. Da habe ich eingeschlagen. Das ist nun 12 Jahre her und war der Beginn meiner Escort-Karriere.“ Doch spendable Freier kommen nur noch selten nach Beirut.

Aufgrund der Nähe zum Syrienkrieg verbringen bedeutend weniger reiche Araber aus den Golf­s‍taaten ihre Urlaube im Libanon. „Die Saudis waren meine besten Kunden – fast alles verheiratete Männer. Mein Standardpreis ist 150 Dollar. Das können viele Libanesen nicht bezahlen“, sagt Jamal.

Escortdien­s‍te via App

Er lernt die mei­s‍ten seiner Kunden durch Apps wie Grindr kennen, der homosexuelle, flirtwillige Männer im näheren Umkreis anzeigt. Auch in Internetportalen für Homosexuelle wie Manjam.com können Escort unter der Rubrik „Busineß“ ein Geschäftsprofil anlegen. Andere männliche Prostituierte arbeiten im Hammam. In manchen dieser traditionellen arabischen Bäder können sie einen Raum anmieten und bieten ihren Kunden neben Wellness auch gewissen Extraservice. Wieder andere treten mit Freiern lieber in Queer-Clubs und Bars in Kontakt. Und davon gibt es in Beirut einige.

Im Libanon tritt die lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle Gemeinschaft (kurz: LGBT) viel öffentlicher auf als in anderen arabischen Ländern. Legal ist Homosexualität trotzdem nicht: Artikel 534 des Strafgesetzbuches besagt, dass „unnatürliches Sexualverhalten“ mit bis zu einem Jahr Gefängnis geahndet werden kann. Darunter fällt je nach Auslegung auch gleichgeschlechtlicher Verkehr.

2015 nahm die Polizei 36 Männer in einem Beiruter Kino fest. Um ihnen homosexuelle Handlungen nachzuweisen, mussten sie eine Rektaluntersuchung über sich ergehen lassen. Lokale zivilgesellschaftliche Organisationen verurteilten die erniedrigende Pseudo-Praxis, die als solche keinen Beleg für gleichgeschlechtlichen Verkehr liefert. Noch im selben Jahr bannte das Justizministerium die Rektaluntersuchung bei Verdacht auf homosexuelle Handlungen.

Doch die libanesische LGBT-Gemeinschaft hat noch einen langen Weg vor sich, obwohl der Libanon im Vergleich zu anderen arabischen Ländern als liberaler gilt. Erst 2013 gab die libanesische Psychiatrie-Vereinigung bekannt, dass sie Homosexualität nicht länger als mental-gei­s‍tige Störung einstuft, die mit Medikamenten zu behandeln sei. Artikel 534 besteht jedoch weiter.

Prostitution mit „Künstler-Visum“

Und so haben es Escort im Libanon doppelt schwer. Prostitution ist zwar legal, aber nur für Frauen. Die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa oder Nordafrika und arbeiten für maximal sechs Monate in „Super Night Clubs“ entlang des Kü­s‍tenhighway. Die Frauen erhalten ein sogenanntes „Künstler-Visum“. Laut einer Studie von Human Rights Watch werden pro Jahr bis zu 5.000 dieser Visa ausgestellt.t

Foto-taz.de

„Die Frauen werden von Banden kontrolliert. Mit denen sollte man sich besser nicht anlegen“, sagt Jamal und zieht ein letztes Mal an seiner Zigarette, bevor er sie wegschnippst. Escort arbeitet im Verborgenen und sind meist allein unterwegs. Damit besteht auch ein höheres Risiko, Opfer von gewalttätigen Freiern zu werden. „Man weiß nie, wo die Reise hingeht. Ich steige in fremde Autos ein und dann hoffentlich irgendwo wieder aus.“ Mit seiner hünenhaften Gestalt macht er sich aber relativ wenig Sorgen. Wer nach Stress sucht, ist bei ihm an der falschen Adresse.

Jamal hat kein Problem damit auf den Strich zu gehen, obwohl er sich selbst nicht als homosexuell bezeichnet. Aber es bringt viel Geld. Und es war seine freie Entscheidung. Anders als in Sams* Fall. Er ist vor dem Krieg in Syrien geflohen und in Beirut gestrandet. In Damaskus hatte der 25-Jährige BWL und Englische Philologie studiert und bereitete sich auf seinen Master vor. Doch dann erreichte ihn der Einberufungsbefehl der syrischen Armee und er verließ das Land, so schnell er konnte. Im Libanon steht er nun vor dem Nichts.

Sam war anfangs wenig begeistert davon, ein Interview zu geben. Nach einigem Hin und Her willigte er doch ein. Sein Zögern begründet er so: „Meine Geschichte ist kein Futter für Neugierige, die mal kurz in mein trauriges Leben reinschnuppern wollen.“

„Man sieht mir die Armut an“

Das Dilemma des jungen Mannes ist groß. Als syrischer Palästinenser hat er im Libanon so gut wie keine Rechte. Die meisten der über 400.000 libanesischen Palästinenser verteilen sich auf zwölf Camps im Land, in denen Wohnraum und Arbeit knapp sind. Da bleibt kaum Platz für die palästinensischen Flüchtlinge aus Syrien. Auch wurde im Mai eine Gruppe syrischer Palästinenser am Beiruter Flughafen mit gefälschten Reisedokumenten aufgegriffen und zurück nach Syrien gebracht. Seitdem gelten verschärfte Einreise- und Aufenthaltsbedingungen.

„Als ich 2013 in den Libanon kam, hatte ich lange Zeit kein Dach über dem Kopf und nichts zu essen. Der Libanon hasst die Palästinenser“, sagt Sam. Nach erfolglosen Versuchen, Arbeit zu finden, sah er nur den Ausweg, seinen Körper für Geld zu verkaufen. „Ich mach das nicht aus freien Stücken. Selbst als Müllmann bräuchte ich eine Arbeitserlaubnis, die ich als Palästinenser aus Syrien nicht bekomme“, sagt Sam über seine missliche Lage.

Nur in größter Geldnot sucht Sam nach Freiern. Zu seinen Kunden zählt er Männer aus Bahrain, Kuwait, Libanon aber auch Skandinavien. „Ich bin billig. Ich koste gerade mal 40 Dollar, da ich weder besonders attraktiv noch Libanese bin. Man sieht mir die Armut an. Reiche Kunden mögen das nicht“, fügt Sam trocken hinzu. Anders als Jamal hat er sehr wohl Erfahrung mit gewalttätigen Freiern gemacht. Sam möchte nicht ins Detail gehen, doch einmal musste er sich eine Woche lang von einem Vorfall erholen. „Die Menschen hier machen mir Angst. Manchmal wünsche ich mir, dass ich als Schoßhündchen auf die Welt gekommen wäre, das alle lieb haben und knuddeln.“

Neues Leben in Europa?

Im Juni war Sam plötzlich verschwunden. Er hatte seine Familie in Syrien besucht und wurde vom syrischen Regime aufgespürt. Nach ein paar Wochen in Haft kam er mit anderen Gefangen frei, die Assad nach seiner Wiederwahl zum syrischen Präsidenten begnadigen ließ. Sam ging zurück nach Beirut. Hoffnungsvoll in die Zukunft blickt er nicht: „Ich würde gerne woanders hin; wieder studieren und einen guten Job finden. Aber da ich Palästinenser bin, ist es fast unmöglich, ein Visum für ein anderes Land zu bekommen.“

Auch Jamal will den Libanon verlassen, obwohl es ihm dort nicht schlecht geht. Doch vor kurzem hat sich ihm eine einmalige Gelegenheit eröffnet: Ein ehemaliger Freier, der sich in Jamal verliebt hat, will ihn zu sich nach Europa holen. Sollte er ein Schengen-Visum bekommen, ist er bereit, ein komplett neues Leben zu beginnen. (BEIRUT taz |)


Tagesgeschäft Schwulenverfolgung

In den Sechzigern schickte der Richter Klaus Beer Homosexuelle in den Knast. Viele Berufskollegen fällten solche Urteile. Beer ist der einzige, der heute darüber spricht.

Im Sommer 1965 betritt der 39-jährige Wilhelm G., ein stadtbekannter Kleinkrimineller, das Bratwurst­s‍tüble am Ulmer Bahnhof. Darin wartet wie abgemacht Walter S., 69 Jahre alt, etwas gebrechlich. Die beiden Männer haben sich die Nacht zuvor beim Roten Kreuz kennengelernt. Dort verbrachten sie die Nacht, beide sind seit Jahren obdachlos. Der Alte überzeugt den Jungen, "ihm zur Verfügung zu stehen". So steht es in den Gerichtsakten. Sie betreten die Toilette der Kneipe, entkleiden sich und vollziehen "Schenkelverkehr". Der Alte zahlt dem Jungen zehn Mark. Als sie die Toilette verlassen, werden sie festgenommen. Ein Spitzel hat sie beobachtet.

Wenige Wochen später stehen sie vor dem Ulmer Amtsgericht. Die beiden Männer werden zu zwei Monaten und zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Der Richter, der darüber entscheidet, heißt Klaus Beer und ist 30 Jahre alt. Seine Urteilsbegründung ist eine halbe Schreibmaschinenseite lang, Tagesgeschäft.

Der Fall ist einer von rund 100.000, in denen Männer zwischen 1949 und 1969 aufgrund des Paragraphen 175, des Antischwulenparagraphen, verurteilt worden sind. Darin stand: "Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen lässt, wird mit Gefängnis bestraft."

Dieser Paragraph gilt heute als Unrecht. Diese Einsicht liegt aber keineswegs so weit zurück, wie man meinen könnte. Zwar wurde er schon 1969 abgeschafft, 1994 gestrichen, doch erst in den letzten Wochen hat der Bundespräsident ein Gesetz zur Entschädigung der Opfer unterzeichnet. Doch was ist mit den Tätern? Wer ist überhaupt Täter, wenn die Tat rechtens ist? Das ist bislang kaum aufgearbeitet worden.

Gegen die Menschenwürde

Die Geschichte von Klaus Beer ist eine der institutionalisierten Schwulenverfolgung in der Bundesrepublik. Aber auch eine von Schuld, Einsicht und dem Mut, sich dem Urteil der Öffentlichkeit zu stellen. Eine Geschichte von Gerechtigkeit und was es heißt, Unrecht zu begehen, während man es eigentlich besser weiß.

Beer ist heute Richter im Ruhestand, 85 Jahre alt. Er sitzt in seinem Wohnzimmer im schwäbischen Leonberg, am Rande einer Neubausiedlung. Beer ist ein großer, breiter Mann. Er spricht langsam und nachdrücklich. Um ihn herum stehen massive Bücherwände, durch die Tür ins Arbeitszimmer blickt man auf noch mehr Bücher, über die AfD etwa, dazwischen Gerichtsunterlagen und Familienfotos. Auf dem Wohnzimmertisch hat Beer Akten ausgebreitet: Aufsätze, vergilbte Zeitungsausschnitte und seine alten Urteile.

"Der Bundestag hat meine Arbeit als Verletzung der Menschenwürde klassifiziert", sagt er. "Und das ist richtig so." In vier Fällen hat Beer insgesamt sechs Menschen nach dem Paragraphen 175 verurteilt.

Seit 1994 ist Beer in Pension. Seitdem arbeitet er das auf. Er schreibt Aufsätze, steht für Dokumentationen zur Verfügung, erzählt seine Geschichte. Als einziger. Niemand sonst, kein Polizist, Richter, Staatsanwalt, keiner, der von Amtsseite an der Schwulenverfolgung in der Bundesrepublik beteiligt war, hat sich bislang dazu geäußert. *

Beer ist in Hamburg geboren, 1945 wurde die Familie ausgebombt, über Umwege landeten sie in Ulm. Er studierte erst Mathematik und Physik, später Jura. Seit seiner Jugend war er in der SPD aktiv. "Sozi und Jurist", sagt er, "ich dachte, damit könnte man etwas in die richtige Richtung bewegen."

Beer las als Student den soziologischen Sammelband Sexualität und Verbrechen. Theodor Adorno schrieb darin: "Gegen den Homosexuellen-Paragraphen ist eigentlich nicht zu argumentieren, sondern nur an die Schmach zu erinnern." Beer war überzeugt, der Paragraph sei überholt. Er kannte die Geschichte des Gesetzes, seine Einführung 1871, als seine Notwendigkeit mit "Volksmoral" begründet wurde, die Homosexuellen untergrüben sie, hieß es damals. Er kannte auch die Begründung der Verschärfung des Paragraphen 1935 unter Hitler, weil Homosexuelle nach Ansicht der NSDAP den "Volkskörper" schädigten. Beer nannte den Paragraphen "ideologischen Müll", hielt Vorträge in juristischen Nachwuchsgruppen und bezeichnete die Abschaffung des Paragraphen 175 als eine der notwendigen anstehenden Reformen.

Die Nachkriegsju­s‍tiz war da ganz dezidiert anderer Meinung. Nach 1945 wurden unter Mitwirkung des Alliierten Kontrollrates große Teile des Reichsstrafgesetzbuches novelliert, um daraus das Bundesstrafgesetzbuch zu machen. Die Todesstrafe und die Zuchthausstrafe wurden abgeschafft. Paragraph 175 aber blieb in der Nazifassung erhalten.

1951 wurde das neue Strafgesetzbuch bestätigt. 1955 entschied die Europäische Kommission für Menschenrechte, der Paragraph verstoße "offensichtlich" nicht gegen die Menschenrechtscharta. Dort werden Geschlecht, Ethnie oder Religion als schützenswert genannt, nicht aber die sexuelle Orientierung. 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht den Paragraphen 175 als grundgesetzkonform. Die deutsche Rechtsprechung war sich einig, also folgte die deutsche Beamtenschaft. Und mit ihr auch Klaus Beer.

Urteile nach Paragraph 175                         © Fabian Federl

In seinem Referendariat begleitete Beer Ulmer Kriminalpolizi­s‍ten auf der Fahrt in ärmere Stadtviertel. Die Polizisten schlichen sich an Häuser heran und schauten durch Fenster von Wohnungen, in denen ledige Männer wohnten. Um vorsorglich nachzusehen, was die da trieben. "Behördlich organisiertes Spitzeltum" nennt Beer das. Er fand das auch damals schon falsch, glaubte aber, die Strukturen verändern zu können, von innen. 

Das stellte sich als nahezu unmöglich heraus. Eine Richterkarriere begann damals als Assessor, Richter auf Probe. Das bedeutet, der Richter darf zwar richten, die älteren Kollegen aber, also jene, die später die Personalentscheidung treffen, schauen sich diese Urteile genau an. Sie tauschten sich untereinander aus und verglichen sie mit ihren eigenen Urteilen. "Auf zwei, drei junge Richter", sagt Beer, "kamen zwölf bis 15 alte." Als alt bezeichnet er diejenigen, die schon in der NS-Ju­s‍tiz gerichtet hatten. Das galt für das gesamte Ju­s‍tizsy­s‍tem. In einem Fall saß ihm als Anwalt Gerhard Klopfer gegenüber, ehemaliger SS-Gruppenführer, Teilnehmer der Wannseekonferenz als Spezialist für "Rasse- und Volkstumsfragen".

 "Wenn ich heute zurückblicke", sagt Beer, "hätte ich in dem Moment sagen sollen: Nein, mit Ihnen spreche ich nicht!" Diese Kraft habe er nicht gehabt. Dasselbe galt für die Urteile nach Paragraph 175. Hätte er sie nicht gefällt, hätte das die Ablehnung eines ganzen Sy­s‍tems bedeutet – und seiner beruflichen Zukunft. Er sah damals nur zwei Möglichkeiten: Entweder er hielt sich an die Urteile des Oberlandesgerichts, der Bundesgerichte, des Bundesverfassungsgerichts, des Europäischen Rats für Menschenrechte und blieb Richter. Oder er lehnte sich gegen all diese Instanzen auf suchte sich einen neuen Beruf.

Wäre er damals erfahrener gewesen, sagt Beer, hätte er auch von der dritten Möglichkeit gewusst. Jene, die viele Richter zu dieser Zeit nutzen. Er hätte die Vagheit des Paragraphen zur Milderung nutzen können. "Gesetze sind absichtlich so geschrieben, dass sie Spielraum lassen."  Vor allem , wenn sie auf so unpräzisen Worten wie „ Unzucht „ basieren. Doch Beer war unerfahren, er wollte Richter bleiben, also hielt er sich an das, was er kannte: die Regeln.

Beer verurteilte in drei Verfahren vier Männer zu Gefängnis, in einem zwei Männer zu Geldstrafen. Diese letzte, sanftere Strafe konnte er deshalb verhängen, sagt Beer, weil er zu dem Zeitpunkt die Probezeit bestanden hatte und sich freier fühlte. Die Zweifel, ob das, was er tat, richtig war – ob rechtens oder nicht –, hörten aber nicht auf. Im Gegenteil. 

Beer vertrat nun ein Strafrecht, das er selbst als "ideologischen Müll" betrachtete, und richtete nach ihm. Er sah das besondere Unrecht gegenüber Homosexuellen, aber auch das Allgemeine, die "Klassenju­s‍tiz" vor Gericht, wie er heute sagt. Der Antischwulenparagraph 175, der Antiabtreibungsparagraph 218 und viele andere moralbegründete Gesetze seien alle im Kern gegen die unteren Schichten gerichtet gewesen. In den Bahnhofskneipen wurde kontrolliert, bei Arbeitern und deren Familien. "Hinter den Villenmauern konnte man machen, was man wollte", sagt er. Unerträglich für Beer, der als "Sozi und Jurist" antrat, um, wie er sagt, "etwas Vernünftiges" zu machen.

Kurz nach dem vierten Fall stellte Beer einen Antrag auf Versetzung. Er ging ans Zivilgericht Stuttgart, später in die Abteilung zur Wiedergutmachung von NS-Opfern. Als 1969 der Paragraph 175 mit den Ju­s‍tizreformen unter Gu­s‍tav Heinemann abgemildert wurde, hatte Beer nichts mehr mit dem Strafrecht zu tun. Er machte sich, so erinnert er sich, auch keine "größeren philosophischen Gedanken" mehr darüber. Bis die Opfer des Unrechts, an dem auch Beer beteiligt war, entschädigt wurden, dauerte es mehr als 50 Jahre. Und in der Zwischenzeit ging das Unrecht an anderer behördlicher Stelle weiter.

Die Polizei führte bis in die achtziger Jahre sogenannte Rosa Listen, in München waren etwa 3.000, in West-Berlin 4.500 Männer in einer Kartei erfasst, eine polizeiliche Registrierung und Überwachung Homosexueller. Im Handbuch der Kriminalistik von Hans Groß und Friedrich Geerds aus dem Jahr 1978 wird die Homosexuellenkartei als "notwendige Maßnahme" für die Sicherheit der Bevölkerung bezeichnet. Der Spiegel zitierte 1979 Staatsanwalt Wolf Wimmer: "Es geht nichts über ein mit griffelspitzischer Sorgfalt geführtes Homosexuellenregi­s‍ter. Denn aus diesen Kreisen, das ist nun einmal nicht zu leugnen, kommen die gefährlichen pädophilen Triebtäter." In Thüringen, Bayern und Nordrhein-Westfalen war "homosexuell" bis 2005 eine ausgewiesene Tätergruppe, ihre Treffpunkte potentielle Tatorte. Europol sammelt bis heute Daten zum Sexualleben von Menschen.

Nachsinnen, bereuen

Als 1994 der Paragraph 175 gestrichen wurde, begann Beer, nun in Pension, mit seiner Aufarbeitung. Immer wieder hat er die Urteile aus seinen Unterlagen geholt, sie ausgebreitet, wieder und wieder gelesen, sich vorgestellt, was aus den von ihm verurteilten Menschen geworden sein könnte. Er schrieb diese Gedanken auf, veröffentlichte sie in Betrifft Justiz, einer Fachzeitschrift für Richter. Ein Aufsatz handelte explizit davon, dass er es bereut, den Paragraphen 175 angewendet zu haben.

Am 11. Mai 2012, in seinem 18. Pensionsjahr, las Klaus Beer eine Randspalte im Politikteil der Süddeutschen Zeitung, der Artikel handelte von Opfern des Paragraph 175. Beer schrieb einen Leserbrief, der am 19. Mai erschien. Ein Geständnis, eine Selbstbezichtigung, ein Einblick in die Gedanken eines Mannes, der Unrecht getan hat und es weiß. "Nicht selten habe ich die Urteile hervorgezogen und gelesen und über das weitere Leben der Männer nach meinem Dienst am 'Recht' nachgesonnen." Der Brief endete mit einer Forderung: "Ich erwarte, dass der Gesetzgeber endlich meine Urteile aufhebt!" Beer ist bis heute der einzige, der den Mut hatte, sich im Namen der Aufarbeitung dem Urteil der Öffentlichkeit auszusetzen.

Mit der Unterschrift des Bundespräsidenten unter dem Entschädigungsgesetz wurden nun, im Juli 2017, auch die damaligen Urteile ungültig. Jene von mehr als zehntausend Amtsrichtern, die laut Beers Schätzung mit Fällen nach Paragraph 175 zu tun hatten. Ein Amtsrichter hatte bis zu einem Dutzend solcher Fälle im Jahr. Einige der damals jungen Richter müssten heute noch leben und könnten darüber berichten. Zwei von ihnen fragte Beer vor einigen Jahren. Sie sprachen mit ihm, öffentlich wollten sie das aber nicht tun, es sei ihre Sache, was sie darüber denken. "Ich kann mir vorstellen, dass viele ihre Urteile heute noch für richtig halten", sagt Beer. Den allermeisten, schätzt Beer, sei es einfach gleichgültig.

Beer blättert durch die vergilbten Urteile, die gesammelten Zeitungsausschnitte, seinen Leserbrief. "Auch wenn die Urteile nun ungültig sind", sagt er, "die Schuld bleibt." Was er in seinem Leserbrief schrieb, dass er den Leben der verurteilten Männer "nachsinnt", ist wörtlich zu verstehen. Beer zieht die Akte der beiden Obdachlosen aus dem Bratwurst­s‍tüble vor. Auch über deren Zukunft hat er nachgesonnen und es aufgeschrieben: "Beide trieben sie ohne Arbeit und Wohnsitz durchs Leben, und sie werden wohl, der Junge länger, der Alte kürzer, mit häufigem Ausgleiten die Schattenseiten des Daseins durchschritten haben." (Zeit.online- von Fabian Federl, Leonberg)


Was junge Flüchtlinge über Sex lernen

Neues Land, fremde Kultur, andere Sitten - und dann noch in einem Alter, in dem sich manche intime Frage aufdrängt. Um mit Geflüchteten über ein Tabu-Thema zu reden, nehmen zwei Frauen auch Plüschfiguren zur Hand.

Annett Warmschmidt trinkt schnell noch einen Schluck Kaffee. Vor ihr auf dem Boden steht eine Kiste mit flauschigen Stoffpenissen. Ihre Kollegin Sina Herrmann rückt die in einem Kreis stehenden Stühle zurecht. Die beiden Sozialpädagoginnen der Aids-Hilfe Chemnitz warten auf die nächste Gruppe Jugendlicher. Mit ihnen wollen sie über Sexualität, Geschlecht und Krankheiten, wie HIV und Aids, sprechen. Mit ein wenig Verspätung schlurfen fünf Jungen müde durch die Tür - keiner älter als 18. Ein Anzeichen von Begeisterung sucht man vergeblich in ihren Gesichtern. Doch kaum haben sie den Kicker tisch im Eingangsbereich der Aids-Hilfe entdeckt, hellen sich die Minen auf. Schnell fliegt der Spielball zwischen den Pla­s‍tikfußballern hin und her. Dann kommt die zweite Gruppe. Nochmal fünf junge Männer, ebenso kickerbegei­s‍tert. Ein Gespräch aber kommt zwischen den Jugendlichen nicht zustande, sie sprechen unterschiedliche Sprachen. Sie alle sind geflüchtete Minderjährige, die ohne Eltern in Deutschland sind. Hier leben sie in betreuten Wohngruppen im Chemnitzer Umland. Sie kommen aus verschiedenen afrikanischen und vorderasiatischen Staaten, die meisten sind Muslime. Keiner ist länger als ein Jahr hier.

Eine zentrale Regelung für die Sexualaufklärung Geflüchteter gibt es in Deutschland nicht. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung betreibt seit 2016 das Internetportal "Zanzu - Mein Körper in Wort und Bildern", das Fragen über Sex und Sexualität in verschiedenen Sprachen beantwortet. Sexualaufklärung gehört auch zum Unterrichtsstoff in Biologie, die meisten der minderjährigen Flüchtlinge besuchen eine Schule. Doch mitunter gibt es Hürden oder Vorbehalte, mit den Geflüchteten über dieses schambesetzte Thema zu sprechen, so die Erfahrung von Annett Warmschmidt und Sina Herrmann. An dieser Stelle kommen sie ins Spiel. Vor zwei Jahren sprach sie der Lehrer eines Deutschkurses für Geflüchtete an. Ihm schien es unangenehm, selbst über Sex zu sprechen.

Seitdem reden die beiden Frauen der Adishilfe mit geflüchteten Jungen und Mädchen über Sexualität. Es ist ein freiwilliges Angebot, für das sich die Jugendlichen in ihren Wohngruppen anmelden können. "Es sind sehr junge Menschen, die alleine in unser Land gekommen sind. Sie haben viele Fragen über eine Gesellschaft, die sehr offenherzig mit Sex umzugehen scheint", sagt Warmschmidt. Manchmal würden die Geflüchteten fragen, ob diese Sitzungen nur deshalb stattfinden, weil sie Ausländer sind. Das verneinen die Frauen, denn über Sexualität kann jeder dazu lernen. Sie gehen ja auch in Schulklassen und bieten offene Sprechstunden an.

Der Anfang ist wohl das schwierigste. Warmschmidt und Herrmann, 36 und 28 Jahre alt, beginnen immer mit einer Vor­s‍tellungsrunde. Die Jungen nehmen im Stuhlkreis Platz. Kaum hat Sina Herrmann ihren Namen gesagt, wird sie schon unterbrochen. "Sina - das heißt doch Brust", ruft einer der Jungen. "Ja, stimmt auf Hindi heißt das Brust. Du kannst mich also auch Mina nennen, wenn du magst", bietet Sina an. Alle lachen, für einen kurzen Moment scheint das Eis gebrochen. Aber die Vor­s‍tellungsrunde ist zäh. Manchen Jungen fällt es schwer, sich auf Deutsch auszudrücken. Dolmetscher bitten die Frauen dennoch nicht dazu. Sie haben das Gefühl, es würde den direkten Kontakt zu den Jugendlichen erschweren. Warmschmidt beginnt zu erzählen, worum es heute geht, während ihre Kollegin Symbolbilder auf den Boden legt. Sie zeigt auf das Bild mit einem Kondom und einer Pillenpackung. "Darüber können wir heute sprechen. Wisst ihr was das ist", fragt sie. Alle nicken. Dann zeigt sie auf die Abbildung einer Hormonspirale. Jetzt schütteln alle den Kopf. Sina Herrmann malt ein Fragezeichen auf ein Stück Papier und legt es zu dem Bild der Spirale. Annett Warmschmidt hebt eine Stoffigur hoch, die eine Gebärmutter darstellen soll. Einer der Jungen guckt kritisch und sagt, die Figur sehe aus wie ein Wolf. Die Aufklärerin lacht und setzt zu einer Erläuterung an. Da steht einer der Jungen auf. Ob er keine Lust mehr hat? Er schüttelt den Kopf. Weil das Angebot freiwillig ist, hält ihn keiner vom Gehen ab. Kaum hat er den Raum verlassen, klingelt von einem anderen das Telefon. Er beginnt ein lautes Gespräch. Die Frauen gucken sich genervt an. Fünf Minuten Pause. Die Jungen springen auf und schon fliegt wieder der Ball über den Kickertisch.

Foto - mz.web.de

Über ihre Erfahrungen haben die Chemnitzerinnen bereits bei einer Fachtagung über sexuelle Bildung von geflüchteten Minderjährigen in Leipzig berichtet. Auch darüber, dass sie das Wort Unterricht meiden. "Wir können niemandem Sexualität beibringen. Wir können ihnen aber unsere Sicht geben", sagt Annett Warmschmidt. Die Jungen hätten viele Fragen zum Thema Selbstbefriedigung, Mädchen über das Jungfernhäutchen. Und beide Gruppen wollen mehr über Homosexualität erfahren. Über die gleichgeschlechtliche Liebe wird am hitzig­s‍ten zwischen den geflüchteten Jugendlichen diskutiert. Doch wenn die Sozialpädagoginnen versuchen, diese Themen direkt anzusprechen, machen die Jugendlichen oft dicht. Deswegen reden sie meistens zuerst über die Krankheiten HIV und Aids. Der Umweg schaffe eine gewisse Di­s‍tanz zwischen den Jugendlichen und dem Thema Sex. Dadurch trauten sie sich, später auch andere Fragen zu stellen.

So versuchen es die Sozialpädagoginnen auch nach der Pause. Sie erklären das Wort Immunsy­s‍tem, malen einen männlichen und einen weiblichen Körper an die Tafel. Warmschmidt nimmt kleine Magneten in die Hand, die aussehen wie Viren, und schiebt sie auf der Tafel von einem Körper zum anderen. So erklärt sie, daß die Viren beim Geschlechtsverkehr übertragen werden können und daß das mit einem Kondom verhindert werden kann. Jetzt lauschen die Jungen gebannt. "Das nennt sich Verhütung. Habt ihr das Wort schon mal gehört?", fragt Sina Herrmann. "Ne, schreib an!", sagt einer der Jungen. Einige zücken ihre Handys, um einen Übersetzer zu verwenden. Die Frauen gehen dazu über, die Geschlechtsteile zu erklären. Dafür holen sie eine Plüschvagina hervor und fragen nach der passenden Bezeichnung. Ein Junge überlegt angestrengt. Man sieht ihm an, daß er nach der richtigen Vokabel sucht, sie aber nicht findet. Dann grinst er verschmitzt und sagt: "Zentralhalte­s‍telle". Sina schreibt das Wort "Vagina" an die Tafel. Wo genau denn dieser G-Punkt sei, fragt der nächste. Und ab welchem Alter Sex in Deutschland erlaubt ist, möchte ein anderer wissen. Jetzt lehnt sich sogar der bisher stillste junge Mann nach vorn. Die Runde ist lockerer geworden, die Jungen stellen Fragen, bis die Stunde vorbei ist. "Wollt ihr wiederkommen?", fragt Annett Warmschmidt. Alle halten ihre Daumen nach oben. (Freie Presse – Pia Siemer)


Schluss mit Schwulenwitzen über Trump und Putin!

Blowjobs, Bromance und heiße Blicke: Alle Welt erotisiert belustigt Politiker-Kumpeleien. Eine schwule Widerrede.

Mächtige Männer unter sich: Ja, da kommt die Fantasie in Wallung. Zum Beispiel Trump und Putin: Sie sitzen mit freien Oberkörpern auf einem Pferd, Trump schwabbelt sich von hinten an Putin ran und knetet ihm die Brustwarzen. Eine Variation des berühmten Fotos von Putin beim Ausritt oben ohne. Oder: Trump krault Putin versonnen das Brusthaar. Oder: Trump und Putin in SM-Lederkluft, Putin hält Trump an der Sklavenkette. Nur drei der unzähligen Trump-Putin-Schwulensex-Montagen und -Memes, die das Internet und die sozialen Netzwerke seit Monaten überschwemmen. Teils sind sie auf T-Shirts gedruckt zu kaufen.

Auch im Fernsehen droht präsidiale Erotik: Als die Macher der amerikanischen Comedy-Sendung "Saturday Night Live" eine Pointe für jenen Sketch brauchten, in dem es um die komplette Hörigkeit des vorletzten Pressesprechers Sean Spicer (gespielt von Melissa McCarthy) gegenüber Trump (Alec Baldwin) ging, ließen sie die beiden Schauspieler innig knutschen. Das Publikum johlte. Nur als der Comedian Stephen Colbert in seiner "Late Show" im Kontext der Russland-Enthüllungen sagte, Trumps Mund sei nur für eines gut, nämlich Putin einen zu blasen, gab es in den USA mal ein bisschen Protest. Die "Queer Voices"-Redaktion der Huffington Post titelte: "Wir müssen endlich aufhören, Schwulenwitze über Trump und Putin zu machen". Recht hatten sie, aber die FCC, die Rundfunk- und Zensur-Behörde der USA, rügte Colbert nicht. Weil er ja eigentlich ein guter Liberaler ist oder weil das Wort "dick" (Schwanz) weggepiept war?

Beim Versuch, sich über Maskulinums lustig zu machen, landet man häufig dabei, ihn zu verschwulen

So oder so: Witze dieser Art sind nicht nur inflationär, sondern einfach homophob. Per definitionem: Homophobie ist eine soziale, gegen Lesben und Schwule gerichtete Aversion gegenüber ihren Lebensweisen. Also auch: eine Aversion gegen ihre sexuellen Praktiken. Genau diese Aversion - oder die Erinnerung daran, dass sie irgendwann vor gar nicht allzu langer Zeit in großen Teilen der Gesellschaft noch herrschte - kommt in derartigen Witzen zum Tragen, ja, dank ihrer zünden sie erst.

In der Ära Trump, die ja jegliche Satire schon vorwegzunehmen scheint, liegt es wohl nahe, erst mal auf das abzuheben, was offensichtlich ist: dass Trump und Putin Hardcore-Maskulini­s‍ten sind. Aber beim Versuch, sich über diesen Maskulinismus lustig zu machen, landet man dann häufig wieder dabei, ihn zu verschwulen, und damit nimmt man in Kauf, Schwul sein zu diffamieren und zu pathologisieren. Trump und Putin teilen

manches: Sie sind extrem Machtbewusstsein, herrschsüchtig, rücksichtslos, machi­s‍tisch

und nehmen es weder mit der Wahrheit noch mit der Demokratie sehr genau.

Aber sind sie heiß aufeinander? Wohl kaum.

Offenbar stehen Männerfreundschaften längst unter GeneralverdachtWobei: Viele Schwule lachen mit. Was einigermaßen rätselhaft ist. Und zu einem möglicherweise etwas gewagten Erklärungsversuch führt: Kann es sein, dass viele Schwule - nach den langen Jahrzehnten, in denen die öffentliche Darstellung schwulen Verlangens tabu war - immer noch reflexhaft darauf trainiert sind, es erst mal toll zu finden, wenn irgendwo zwei Männer öffentlich beim Knutschen oder Fummeln zu sehen sind? Egal wer und in welchem Zusammenhang? Womöglich. Inzwischen sollte man zweimal hinsehen, wenn die eigene schwule Sexualität zum Spaß in den Dreck gezogen wird.

Wie krass der Kult um Männlichkeit ist, zeigt sich auch darin, dass es die schwulen Staatsmänner-Witze nicht nur auf Kosten von Schurken wie Putin und Trump gibt. Als sich im Juni Barack Obama und Ju­s‍tin Trudeau in Montreal zum Abendessen trafen, li­s‍tete BBC News akribisch auf, was auf der Karte ihres "Bromance-Menüs" stand. Als Ende Mai in Italien Ju­s‍tin Trudeau und Emmanuel Macron beim G-7-Gipfel aufeinandertrafen, schrieb der Stern, schon beim ersten Mal habe es "gefunkt". Auch die Süddeutsche Zeitung schrieb zum selben Treffen auf jetzt.de, es sei der "Beginn einer neuen Politiker-Bromance" und dass die Fotos gewirkt hätten, als seien Trudeau und Macron "auf ihrer eigenen Hochzeit".

Foto - SZ.de

Schon das Wort "Bromance", dieses in den vergangenen Jahren vor allem in den USA populäre Kofferwort (zu Deutsch: "Brumanze", also: "Bruder-Romanze"), ist im Kern homophob. Eigentlich sollte Bromance das bezeichnen, was eine enge platonische Männerfreundschaft ist. Der neue Begriff wurde jedoch anscheinend gebraucht, weil enge platonische Männerfreundschaften unter Generalverdacht stehen, seitdem sich vor einigen Jahrzehnten im Zusammenwirken von Sexualwissenschaften und Homosexuellen-Emanzipation in den westlichen Gesellschaften eine distinkte Identitätskategorie namens "schwul" herausgebildet hat. Sie hat auf Seiten heterosexuell veranlagter Männer zu einer erheblichen Verkrampfung geführt und aufwendigen Abgrenzungsmanövern.

Ständig müssen heterosexuelle Männer heute offenbar beweisen, dass sie nicht schwul sind. Heute kann - Achtung Bromance! - jeder Handschlag und jedes Lächeln unter Männern erotisiert und sexualisiert werden. Als führe von dort kein Weg mehr zurück in den Schoß der Frau. Das Problem daran ist, dass homosexuelles Begehren dabei lächerlich gemacht wird. Es ist das, was andauernd angedeutet, dann aber gleich wieder ausgeschlossen werden muss - was mittelschwer paranoid wirkt und gar nicht lustig. Die Staatsmänner sollen bitte einfach Staatsmänner sein. Und die Schurken eben Schurken. (Kommentar von Jan Kedves-SZ.de)


„ Der heilige Stand“ – oder  „Der Kampf ist noch nicht zu Ende“

Die evangelische Kirche hat die Ehe für alle zu hastig bejubelt und zu wenig erklärt. Die Basis grummelt. Warum die Kirchenleitung zur Abwechslung mal wieder an ihre Mitglieder denken sollte

Starke Gefühle, die sich mit Wucht entladen – vielleicht muss das so sein, kurz vor den großen Ferien, so wie die Hitzegewitter, die sich sommerlich entladen. Am 30. Juni beschließt das Parlament in Berlin die „ Ehe für alle“, und die Protestanten sind so überhaupt nicht verkopft und abwägend, wie es das Vorurteil will. Kaum ein "Ja, aber" ist öffentlich zu vernehmen. Führende Protestanten zeigten sich emotional, sie begrüßten die politische Entscheidung in sozialen und anderen Netzwerken und hielten sogar Bibeln mit Regenbogeneinband in die Luft. Manch einer tat so, als habe der Staat nach langem Zaudern und vielen Bedenken im Rechtsausschuss des Bundestages endlich eine göttliche Weisung befolgt. Andere kippten auf die düstere Seite der Gefühlsskala und wüteten, das sündige Babylon feiere fröhliche Auferstehung. Für diese beginnt die Zeit der Gottlosigkeit. Dann fuhren sie alle in die Sommerfrische. Die "Ja, aber"- oder "Nein, aber"-Protestanten jedoch nahmen das Unbehagen mit.

Was viele Christinnen und Christen in den Gemeinden irritiert, ist nicht nur die Geschwindigkeit, in der die evangelischen Kirchen ihre Haltung zu Ehefragen in den letzten Jahren verändert haben. Es ist die Konfrontation mit dem Umstand, dass es so etwas wie die Normativität des Normalen nicht mehr zu geben hat. Wer vorsichtige Vorbehalte gegen eine grundlegende Neube­s‍timmung des Begriffs der Ehe äußert, hat ein Problem. Ja, "Normalität" sei das Problem, eine von Grund auf falsche Orientierung. Mit trivialen Restbeständen kulturtheoretischer Lektüren wird ihnen versichert, dass Normalität nur eine Form retuschierter Vorurteile sei, die Christen sich endlich eingestehen müssten.

Wer schärfer fragt, gilt als homophob oder, etwas unbestimmter formuliert, als rückwärtsgewandt, in jedem Falle als die eigentliche Randgruppe, die die gesellschaftliche Fortentwicklung behindert und die Kirche zu einer kleinkarierten Nische verkommen lässt. Viele, die jetzt fast schamvoll leisen Fragen stellen, haben weder ein Problem mit Homosexuellen noch mit gleichgeschlechtlichen Paaren im Freundes-, Familien- oder Kirchenkreis. Es geht ihnen vielmehr um etwas, was der Kirche unbedingt abverlangt wird: eigenständige theologische Nachdenklichkeit. Es geht ihnen um mehr Klarheit in der Unterscheidbarkeit zwischen staatlichen und christlichen Ehever­s‍tändnissen. Sie betonen, dass das kirchliche Trauver­s‍tändnis nicht zur Disposition des staatlichen Gesetzgebers steht und Agenden nicht über Presseerklärungen leitender Geistlicher verändert werden.

Sie vermissen die innere Unabhängigkeit ihrer Kirche in Fragen der rituellen Praxis, vor allem aber in der theologischen Reflexion dieser Praxis. Viel ist in den letzten Jahren gestritten worden um Sexualität und Familienbegriffe. Dabei ist die ethische Reflexion im Grunde bei den Minima Theologica stehen geblieben, die als eine Art Verantwortungsethik für soziale Nahbeziehungen zusammengefasst ist. Eine theologische Reflexion der Ehe als ausgezeichneter Lebensform gibt es kaum, vielmehr wird auf Podien und in Publikationen immer wieder Luthers Halbsatz von der Ehe als "weltlich Ding" zitiert, als sei man damit argumentativ aus dem Schneider.

Die Ehe ist in evangelischer Perspektive kein Sakrament. Dass die Ehe für den Reformator allerdings ein "heiliger Stand" war, wird gerne unterschlagen. Dabei müsste genau hier das öffentliche evangelische Nachdenken über die Ehe beginnen, wenn sie als ausgezeichnete Lebensform kenntlich bleiben soll. Immer wieder wird die Begeisterung für die "Ehe für alle" mit dem Hinweis unterstrichen, diese Entscheidung stärke die Ehe als Lebensform. Was aber macht die Ehe zu einer "heiligen Angelegenheit"? Die reformatorische Theologie hat hier einschlägige Hinweise gegeben, denen nachzugehen wäre. Zunächst: Wie Paare leben, nicht dass sie miteinander leben, macht ihre Partnerschaft zu einer Ehe vor Gott und so zu einem heiligen Stand.

Diese Pointe des evangelischen Ehever­s‍tändnisses verdient mehr Aufmerksamkeit. Hier geht es um anderes als um einklagbare Rechte, einen Trausegen vor dem Altar und eine Trauurkunde. Die christliche Ehe ist eine Art geistliche Kunst der Lebensführung. Diese Kunst denkt nicht daran, das Zusammenleben unter ständiger Gewissensprüfung möglichst moralisch einwandfrei zu gestalten oder in einer Art Beziehungsperfektionismus in vorzüglicher Weise verheiratet zu sein. Vielmehr geht es um eine vitalisierende Perspektive auf die Partnerschaft. Diese Perspektive gibt sich nicht mit einer narzisstischen Sicht auf eigene Bedürfnisse, Ansprüche, Interessen und Rechte auf den Partner und die Partnerschaft zufrieden. Es geht hier überhaupt wenig um Ansprüche. Vielmehr um Respekt, um Achtung, um Erstaunend, dass es zu so etwas wie tiefem wechselseitigem Vertrauen kommen kann. Es geht um ein anderes Verständnis souveräner Lebensführung, einer Lebensführung, die diesen Namen verdient, weil das Leben elementar vom Partner, von Kindern und von Gott mit geführt wird. Das Eheleben geht nicht in der nackten Tatsache der Teilung von Tisch und Bett auf – christlich gesehen. Es lebt, wie Martin Luther einmal eingeschärft hat, von der Erkenntnis, in keinem Augenblick des Lebens einen Partner einfach zu haben, sondern seinen Partner täglich zu finden, in der fortwährenden Arbeit am Vertrauen, dem Interesse an Fürsorge, an Versöhnung, um nur einige Kriterien zu nennen, die für ein ebenso zeitgemäßes wie sachgemäßes christliches Ehever­s‍tändnis zusammengetragen werden müssen.

Zu diesen Kriterien wird eine Deutung der Ehe als einer monogamen Partnerschaft zählen. Es gilt zu entfalten, worin die hohe Gabe der Konzentration auf ein partnerschaftliches Gegenüber liegt. Wieso ist diese Konzentration eine Gnade, ein Segen? Was bedeutet es denn, im Partner ein von Gott anvertrautes Gegenüber zu erkennen, zu dem ich gerade auch dann kommen kann, wenn ich in meinem Leben anderen, mir selbst oder auch dem Partner etwas schuldig geblieben bin?

Foto - kath.ch

Mit Sicherheit ist auch die innerprote­s‍tantische Auseinandersetzung um die Schöpfungsperspektive der Ehe nicht schon deshalb erledigt, weil das Parlament eine Entscheidung getroffen hat. Ist eine Ehe deshalb eine Ehe, weil sie potentiell auf die Sorge um Kinder angelegt ist? Wie kann das – ohne frivol zu werden – im Angesicht von Paaren gesagt werden, deren Kinderwunsch tragisch unerfüllt bleibt? Und was heißt das – jenseits naturrechtlicher Erwägungen angesichts von Adoptionsrecht und der biologischen Tatsache, dass bis auf weiteres nur die in einem Mutterleib ausgetragene, von einer männlichen Samenzelle befruchtete Eizelle zu einem Kind heranreifen kann? Wie kommt hier die Frage der Unterscheidung von Partnerschaften und das Risiko einer Diskriminierung in den Blick? Wie muss hier stärker dafür sensibilisiert werden, dass eine allgemeine rechtliche und gesetzliche Festlegung keineswegs schon für Verhältnisse sorgt, die Menschen gerecht werden?

Mit Rechtsreformen verbinden sich nicht selten ethische Pyrrhussiege. Welche Folgen haben Adoptionsvisionen und -ansprüche von Paaren auf den Umstand, dass sich das Elternwohl am Wohl der Kinder zu orientieren hat und niemals umgekehrt? Sind Lebenskon­s‍tellationen denkbar, in denen Ansprüche von Erwachsenen diskriminiert werden müssen, um zu verhindern, dass Lebensbiographien von Kindern zu Diskriminierungsbiographien werden? Orientiert sich die evangelische Kirche in ihrer seelsorgerlichen Begleitung und Traupraxis ernsthaft genug an diesen Fragen?

Schließlich sind Provokationen nicht zu scheuen. Nach reformatorischer Auffassung hat eine Partnerschaft erst dann das Zeug zu einer christlichen Ehe, wenn beide Partner zu der Gewissheit gelangen können: Das gefällt Gott! Wer wagt heute noch, so zu fragen? Welche aufklärerische Kraft liegt in dieser Frage, angelegt an das Eheleben? Und wie lässt sich diese Frage mit der nötigen Sensibilität für die Wechselfälle auch eines Ehelebens sinnvoll stellen?

Es wäre viel gewonnen, wenn Satzanfänge "Nach christlicher Auffassung kann die Ehe nur …" aus der entsprechenden Klärungsarbeit verschwinden würden. Das muss aus Respekt vor Gott und vor in dieser Frage anders Denkenden und anders Empfindenden gesagt werden. Schon der karge Hinweis genügt, dass eine evangelische, der Heiligen Schrift verpflichtete Kirche mit dem Umstand umzugehen hat, dass sich Jesus von Nazareth zur Ehe kaum und zur Ehescheidung gelegentlich, dann aber vehement zu Wort gemeldet hat.

Jesus hat nicht die Ehe als Institution eingesetzt. Er hat auch keinen Eheritus ge­s‍tiftet. Auch sei vor einer allzu heiteren Berufung auf das scheinbar toleranzträchtige Motiv von der Ehe als Bund gewarnt. Das Bundesmotiv scheint ja zunächst modern und nicht so fertilitätsversessen zu sein – scheint die christlich verstandene Ehe auch für Menschen zu öffnen, die in diese Welt keine Kinder setzen wollen oder keinen Kinderwunsch hegen, weil es eben nur auf den Bund zwischen zwei Menschen ankomme. Allerdings wirft das Bundesmotiv emanzipatorisch schwierige Folgefragen auf. Denn in den biblischen Bundesschlüssen hatte Gott das Sagen. Das ist für eine gleichberechtigte Partnerschaft nicht gerade analogieträchtig; ganz abgesehen davon, dass Bundesschlüsse bereits im Alten Te­s‍tament regelmäßig mit beträchtlichen Vermehrungsansagen einhergingen. Der Bund Gottes mit Abraham etwa war kein Zweier-Abkommen zwischen Gott und einem biblischen Stammvater. Abraham wurden Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel verheißen.

Die anstehende theologische Reflexion muss am Ende nicht nur Antworten geben. Sie darf auch Fragen stellen, die offenbleiben und die deshalb konsequent evangelisch gedacht Gewissensfragen bleiben müssen.

Unter diesen offenen Fragen werden auch solche sein, die in ökumenischer Perspektive mit dem entsprechenden Ernst verhandelt werden müssen. Es ist noch nicht lange her, da wurde im März 2017 in Hildesheim mit großer Geste festlich versichert, evangelische und katholische Kirche in Deutschland würden fortan in ethischen Fragen um gemeinsame Positionen ringen. Auf dieses Versprechen ist zurückzukommen. Denn diesem Ansinnen vertiefter Ökumene sollten auch in gesellschaftlichen Fragen Taten folgen. Dann bestehen gute Chancen, dass an die Stelle von Hitzegewittern nun nicht gleich der theologische blaue Himmel auf Erden, aber in jedem Falle klarere Sichtverhältnisse in Sachen Ehe treten.  

( Zeit.de - Von Petra Bahr und Stefan Schaede)



Ein Gesellschaftsbeweger

Eduard Stapel gilt als Gründer der Schwulenbewegung in der DDR. Die Entscheidung für die Ehe für alle kommt für ihn zu spät.

35 Jahre haben Sie sich für die Ehe für alle eingesetzt. Vor Kurzem beklagte nun Ministerpräsident Reiner Haseloff, dass das Thema im Bundestag zu schnell abgehandelt worden sei. Was sagen Sie zu seiner Aussage?

Eduard Stapel: Tja, an der Stelle ist Herr Haseloff 35 Jahre lang eine Schlafmütze gewesen. Noch dazu, wo er doch von hier stammt und ein Kirchenmann ist, wenn auch katholisch. Die Diskussion über die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen hat in den 80er Jahren in der DDR zwar vorrangig in der evangelischen Kirche stattgefunden, aber einige katholische Bistümer haben das Thema auch angesprochen. Das ist also nichts ganz Neues für einen Katholiken – für Herrn Haseloff aber offenbar doch. Der zweite Punkt: Es steht im Koalitionsvertrag – den schien er auch nicht zu kennen. Und der dritte Punkt ist, dass das Thema 30 Mal im Rechtsausschuss des Bundestages war, und 30 Mal hat die CDU das Thema dort nicht zugelassen. Es ist natürlich eine perfide Aussage, wenn man bedenkt, dass er das mit Sicherheit eben doch gewusst hat.

1982 hat Eduard Stapel unter der Überschrift „Tabu Homosexualität - Wie gehen wir damit um?“ zu einer Diskussion am Theologischen Seminar in Leipzig eingeladen. Ein Plakat von der Aktion hat er immer noch. Archivfoto: Thomas Pusch

Wie haben Sie den 30. Juni, an dem der Bundestag über die Ehe für alle abgestimmt hat, erlebt?

Wie jeden anderen Tag auch. Inzwischen ist das – für mich jedenfalls – schon langweilig gewesen, weil die Debatte über so viele Jahre ging. Ich habe an dem Thema 35 Jahre gesessen, in den letzten 15 Jahren ging es mit den immer gleichen Argumenten – oder gar keinen Argumenten – hin und her. Für mich war klar, dass die Entscheidung irgendwann kommt. Es war bloß die Frage, ob wir noch zehn oder 30 Jahre brauchen.

Auch wenn es für Sie zu lange gedauert hat – können Sie sich dennoch über den Beschluss freuen?

Ich freue mich schon, dass uns das gelungen ist. Ich breche bloß nicht in Freudentränen aus, dafür hat es zu lange gedauert. Mir fehlt immer ein Bild, um das ordentlich zu beschreiben. Es ist, wie wenn man ein ganzes Leben lang einen Fünfer im Lotto haben wollte und fünf Minuten vor dem Friedhof kriegt man ihn endlich.

Ist die Gleichberechtigung Homosexueller jetzt erreicht?

Nein. Denn zu 90 Prozent kann man nicht gleichberechtigt sein. Gleichberechtigung meint eben gleiche Rechte in allen Bereichen. Und da fehlt noch so manches. Die Juristen sagen uns beispielsweise, dass wir dafür im Grundgesetz in Artikel 3 Absatz 3 – der Gleichheit vor dem Gesetz – noch die Aufnahme der sexuellen Orientierung beziehungsweise sexuellen Identität brauchen. Aber bisher klappt das noch nicht. Und Reiner Haseloff hat schon öfters gesagt, dass er die Landesverfassung in diesem Punkt auch nicht ändern will.

Was sehen Sie als Ihre größten Erfolge an?

Mit der Gründung des Schwulenverbandes Deutschland haben wir es geschafft, die am meisten verachteten Leute in der DDR zu einer Bewegung zu bringen und dann diese Bewegung in den ganzen Einheitsstrudel nach Westen auszudehnen. Wir sind somit eine richtige Vereinigung andersrum, wie sich das gehört. (lacht) Soweit ich weiß, ist das auch das Einzige, was sich von Ost nach West ausgedehnt hat. (von Anne Toss – Volkstimme.de)





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LGBT-Engagement in Kanzleien "Der Mehr­heit ist nicht klar, wie sich die Min­der­heit fühlt"

Homosexuelle Anwälte mussten sich früher oft verstecken, ihre sexuelle Orientierung sollte im Kanzleialltag „Privatsache“ bleiben. Heute leben sie offener, vernetzen sich in LGBT+-Gruppen und kämpfen um Gleichstellung. 

Am Donnerstag, den 29. Juni, setzen sich der Anwalt Dr. Malte Stübinger und sein Lebenspartner nach der Arbeit spontan in den Zug und fahren von Hamburg nach Berlin. Das Paar ist am nächsten Morgen pünktlich am Bundeskanzleramt, als der Bundestag die „ Ehe für alle“ billigte. Strahlend vor Glück lachen Stübinger und sein Partner in die Kameras. Sogar bis in die Online-Ausgaben der New York Times und des Guardian

schafft es ihr Foto von diesem besonderen Moment. Der jahrzehntelange Kampf

um die völlige Gleichstellung homosexueller hat ein Ende.

Rund einen Monat zuvor ging in München das Kanzleien-Netzwerk "LGBT+ LegalNetworkGermany" an den Start. LGBT+ kommt aus dem Englischen und bedeutet Lesbian Gay Bisexual Transgender (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender), das + steht für weitere Formen der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität, wie etwa intersexuell oder queer.

Das neue Netzwerk gründet auf dem Engagement von sechs Kanzleien. Die Initiatoren sind häufig bereits in kanzleiinternen LGBT-Netzwerken aktiv und kennen sich über die Messe Sticks & Stones für LGBT+-freundliche Arbeitgeber oder die Juri­s‍tenmesse Alice.

Mit vereinten Kräften für Gleichstellung

"Mit dem neuen LGBT+-Netzwerk gibt es nun eine physische Plattform, die offen für alle Interessierten ist", sagt David Scholz, Senior Business Development Manager bei Freshfields. "Insbesondere möchten wir eine Möglichkeit zum Networking und Austausch für Kollegen aus kleineren Kanzleien bieten."

Foto - LGBT+Network

"Das Netzwerk ist eine gute Möglichkeit, um einen größeren Zirkel von Menschen zusammenzubekommen und mit noch mehr Gewicht aufzutreten, als uns dies mit den eigenen, kanzleiinternen Netzwerken möglich ist", findet auch Malte Stübinger, der als Associate bei Latham & Watkins arbeitet. Dort sind die Mitglieder der LGBT-Gruppe an einer Hand abzuzählen.

"Wir wollen nach außen zeigen, dass wir gemeinsam für Gleichstellung kämpfen." Das Netzwerk will also kein elitärer Zirkel weniger Großkanzleien sein, sondern sich gemeinsam mit kleinen Einheiten engagieren

Vorbilder sind wichtig

"Als Anwälte sind wir auch Vertreter des Rechts und nicht nur Geschäftsleute. Daher finde ich es wichtig, dass wir in dieser Sache Position beziehen", ist Dr. Mark Butt überzeugt. Der Verwaltungsrechtler ist einer der Initiatoren des neuen Netzwerks und Partner im Münchner Büro von GSK Stockmann. Er selbst sieht sich in einer Vorbildfunktion: "Auf einem Panel der Messe Alice habe ich darüber gesprochen, wie man mit Outing im Geschäftsleben umgehen kann. Im Publikum saßen junge Leute, die mich mit großen Augen angeschaut haben. Da ist mir wieder klargeworden, wie wichtig es für sie ist, Vorbilder zu haben."

Fehlende Rollenvorbilder waren auch für Scholz von Freshfields der Grund, warum sich sein Outing als Transperson sehr lange hinzog. "Erst nach einer Fernsehdokumentation über einen transidenten Juristen habe ich gesehen, dass dies auch in einem konservativen Umfeld wie der Anwaltsbranche möglich sein könnte", erinnert er sich.

Die Reaktionen auf seinen Namenswechsel waren ausnahmslos positiv und bestärkend. Er hatte ohnehin keine Wahl: "Im Gegensatz zu Homosexuellen kann ich mich nicht verstecken, denn es geht dabei um meine Identität." Das Coming Out geheim zu halten war für Scholz keine Option, da er sich einer Geschlechtsangleichung unterzog und seit rund zwei Jahren als Mann lebt.

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Unterkunft in Berlin -Treptow

Hier finden homo- und transsexuelle Geflüchtete Schutz

Sie kommen aus dem Irak, aus Syrien, dem Iran, aber auch aus den ehemaligen Sowjetstaaten und aus Nordafrika: Etwa 120 schwule, lesbische und transgeschlechtliche Geflüchtete aus insgesamt 19 Ländern leben derzeit in einer besonderen Unterkunft in Treptow. Seit eineinhalb Jahren gibt es ein Heim für LGBTI-Geflüchtete – die erste größere Einrichtung dieser Art in Deutschland. Die genaue Adresse ist aus Sicherheitsgründen nur wenigen bekannt.

„Etwa 80 Prozent der Bewohner sind schwule oder bisexuelle Männer, 20 Trans-Frauen und einige wenige lesbische Frauen“, sagt Stephan Jäkel von der Schwulenberatung, die die Unterkunft betreibt. Der Großteil ist zwischen 20 und 30 Jahren alt. Für viele von ihnen ist das Haus der erste Ort, an dem sie sein können, wie sie sind: Die meisten wurden in ihrer Heimat aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt. In vielen muslimisch geprägten Gesellschaften ist Homosexuellenfeindlichkeit weit verbreitet. In neun Ländern droht Schwulen und Lesben sogar die Todesstrafe.

Gewalt durch Mitbewohner in anderen Unterkünften

„Die Menschen, die wir betreuen, sind schwer traumatisiert von Kriegen in ihrer Heimat, von der Flucht – aber auch, weil sie schon ihr Leben lang kriminalisiert, stigmatisiert, ausgegrenzt oder misshandelt wurden“, sagt Jäkel. Viele grausame Geschichten haben er und sein Team schon gehört. Manche der Bewohner hätten auch Gewalt in Deutschland erfahren – etwa durch Wachpersonal oder Mitbewohner in anderen Unterkünften. Immer wieder berichten Geflüchtete von Beschimpfungen, Bedrohungen, Erpressungen, Schlägen, sogar von Vergewaltigungen. Die Täter stammen häufig aus den gleichen Ländern wie die Opfer: Die Peiniger sind diejenigen, vor denen sie aus ihrer Heimat geflohen sind.

Foto-queerpride.de

Diskriminierung erleben schwule, lesbische und transgeschlechtliche Geflüchtete aber auch im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten, etwa durch homophobe arabische Übersetzer. 50 solcher Fälle – vor allem Beleidigungen – hat es laut Senatsverwaltung für Justiz im vergangenen Jahr gegeben.

29 Wohnungen

Der Bedarf nach besonderen Schutzräumen wie der Unterkunft in Treptow ist daher immens. Seit das Haus im Februar 2016 eröffnet wurde, ist es fast durchgängig voll ausgelastet. Insgesamt 29 Wohnungen sind vorhanden, zwischen einem und vier Zimmern sind diese groß, verteilt auf sechs Etagen.

Das Haus ist Erstaufnahmeeinrichtung und Gemeinschaftsunterkunft zugleich. Viele Ehrenamtliche helfen mit, es gibt verschiedene Workshops und Beratungsangebote. „Das Haus soll aber nur eine Unterkunft sein. Wir wollen, dass die Bewohner rausgehen und sich integrieren“, sagt Jäkel. Sie sollen das Leben in Berlin kennenlernen und sich nicht abschotten.

Auch wenn mittlerweile weniger Geflüchtete in die Stadt kommen – dass das Haus bald nicht mehr gebraucht wird, daran glaubt Jäkel nicht. „Wir brauchen weitere Unterkünfte. Etwa kleinere Wohngemeinschaften, in denen diejenigen, die besondere Unterstützung brauchen, besser betreut werden können.“ Zudem sucht die Schwulenberatung Menschen, die freie Wohnungen haben, damit möglichst viele Geflüchtete ein ganz normales Leben in Berlin beginnen können. (Dominik Mai, Berliner Zeitung )


Berlin

Homosexuelle werden im Job benachteiligt

Antidiskriminierungs-Beauftragte fordert Betroffene auf, sich zu wehren. Immer mehr Lesben, Schwule und Bisexuelle outen sich bei der Arbeit

Die Diskriminierung von Homosexuellen gehört einer neuen Studie zufolge im Arbeitsleben in Deutschland vielerorts zum Alltag – und kennt zahlreiche Varianten: Einer lesbischen Altenpflegerin wird gekündigt, weil sie angeblich nicht zum Unternehmen passt. Ein frisch eingestellter Geschäftsführer erhält die Entlassung, da dem Eigentümer zu Ohren kam, dass sein neuer Mitarbeiter mit einem Mann und nicht mit einer Frau zusammenwohnt. Ein renommierter Anwalt einer Großkanzlei wird von seinem Partner aufgefordert, zu festlichen Mandantentreffen doch eine Frau mitzubringen. Der Jurist aber steht auf Männer, eine Alibi-Hochzeit für die Karriere kommt für ihn nicht infrage. Seine Konsequenz: Er quittiert selbst den Job.

Eine große Mehrheit von 76,3 Prozent der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen sind in ihren Jobs bereits diskriminiert worden. Dies hat eine Befragung von rund 2880 Menschen durch das Institut für Diversity- und Antidiskriminierungsforschung (IDA) ergeben, deren Kernergebnisse unter dem Titel "Out im Office?!" am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurden.

Zwei Drittel der Betroffenen erleben vor allem "voyeuristisch-gesteigerte" Auseinandersetzungen. "Dabei wird über sie getuschelt, es werden Lügen verbreitet oder sie werden lächerlich gemacht", führt der IDA-Studienleiter Dominic Frohn aus. Rund 43 Prozent der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen würden isoliert, ausgegrenzt oder nicht ernstgenommen. 39 Prozent wurden sexuell belästigt. Manche berichteten von Aggressionen, körperlicher Gewalt, der sie ausgesetzt seien, andere würden beleidigt oder beschimpft. Ein Fünftel dieser Fälle sei sogar strafrechtlich relevant, mehr als die Hälfte ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).

"Die Befragung zeigt leider deutlich dass lesbische, schwule, bisexuelle und Trans-Menschen nach wie vor Ausgrenzung, Mobbing und Belästigungen am Arbeitsplatz erleben", sagt Christine Lüders, Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, welche die Studie gefördert hat. Da der Arbeitsplatz ein existenziell wichtiger Ort sei, forderte Lüders alle Betroffenen auf, sich gegen jegliche Diskriminierung offensiv zu wehren. Der Arbeitgeber sei verpflichtet, solche Missstände zu beheben. "Ein Beschäftigter muss in seinem Job offen sagen dürfen: Meine Ehefrau ist ein Mann, ich bin schwul. Und zwar ohne dafür gemobbt oder ausgegrenzt zu werden." Andernfalls helfe auch die Antidiskriminierungsstelle, die seit ihrem Bestehen rund 800 Beschwerden von Homosexuellen erhalten habe.

Insgesamt ist bundesweit aber auch eine zunehmende Offenheit bei Homosexuellen feststellbar. Die Mauer des Schweigens bröckelt. Das gesellschaftliche Klima ändert sich – zumindest etwas. Knapp ein Drittel (28,9 Prozent) der Betroffenen macht laut Studie aus der eigenen Homosexualität kein Geheimnis mehr, sondern spricht mit allen Kollegen offen darüber. Vor zehn Jahren, als die Studie erstmals erhoben wurde, wagten dies nur 12,7 Prozent. Noch größere Offenheit herrscht unter Führungskräften: 40,4 Prozent aller lesbischen oder schwulen leitenden Persönlichkeiten geben an, mit allen Mitarbeitern offen über das Thema zu reden. Dies sind fast doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.

Doch noch sind längst nicht alle Hürden abgebaut. Auch heute hüllt sich noch fast ein Drittel der Befragten in Schweigen – oft aus Angst vor Benachteiligung. 30,5 Prozent der Betroffenen sprechen mit niemandem oder nur mit wenigen Personen über ihre eigene sexuelle Identität. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 trauten sich laut damaliger Befragung noch 51,9 Prozent nicht, mit jemandem über ihre Homosexualität zu reden. Unter den Führungskräften spricht nur jeder Vierte noch immer nicht über seine sexuelle Veranlagung – 2007 waren dies in dieser Gruppe auch noch fast doppelt so viele.

Am schwersten fällt das "Outing" heute Bi- und Transsexuellen. Mehr als die Hälfte der Bisexuellen (55,5 Prozent) unterhalten sich mit keinem oder wenigen Kollegen über ihre sexuelle Identität, gegenüber Führungskräften ist die Verschwiegenheit von 60,8 Prozent der Befragten noch größer. Trans-Personen zeigen sich am reservier testen. Dort sprechen 69 Prozent mit niemandem über ihre Geschlechtsumwandlung.

Der IDA-Leiter empfiehlt Unternehmen, sich möglichst offen gegenüber Homosexuellen zu zeigen, wie dies große Konzerne wie die Commerzbank, IBM, Telekom oder Vodafone seit Jahren durch eigene Netzwerke oder Diversity-Trainings praktizierten. Denn ein weiteres Studienergebnis zeige, so Frohn: "Je selbstverständlicher die Beschäftigten mit ihrer sexuellen Identität umgehen können, desto höher sind ihre Arbeitszufriedenheit und Verbundenheit mit dem Unternehmen." ( Berliner Morgenpost – 20.07.2017)


Christopher Street Day in Berlin

Wem gehört der CSD?

Was als Demonstration linker Schwulen- und später Lesbengruppen begann, hat im Verlauf vierer Jahrzehnte viele und vieles integriert. Aber wer darf mitlaufen?

Am heutigen Samstag (dem 22. Juli 2017) ist eine Menge los im queeren Berlin. Vom Kurfürstendamm bis zum Brandenburger Tor wälzt sich der Lindwurm des CSD Berlin, vorne mit Fußgruppen und politischen Forderungen, hinten mit Partywagen und Tamtam.

Gleichzeitig läuft ein Queer Liberation March durch den Nollendorfkiez, dessen Veranstalter gegen einen CSD protestieren, der nichts sei, als ein „Zurschaustellen des Pinkwashings von Unternehmen und staatlichen Organisationen zur Mehrung ihrer Profite und ihrer Macht“. Und wenn queeren Menschen der eine Aufzug zu kommer­ziell und der andere zu aggressiv ist, dann können sie in einem sicheren queer space in der Hasenheide picknicken.

Vielfalt vom Feinsten also, würden die Unbedarften sagen, doch in Wahrheit verbirgt sich dahinter ein seit Jahrzehnten erbittert geführter Kampf: Wem gehört der CSD?

Was in Berlin 1979 als Demonstration linker Schwulen- und Lesbengruppen begann, hat im Verlauf der Jahrzehnte viele integriert: Sportvereine und Chöre, die Aidshilfen, Parteien – zunächst die Grünen, dann all die anderen bis hin zur CDU – und seit den Neunzigern auch Unternehmen von Lufthansa bis Ebay.

Wundersame Besitzansprüche vonseiten der AfD

Und von Anfang an tobt der Streit, wer zu Recht mitläuft, wer auf dem Rücken der homo- und trans*politischen Sache sein Süppchen kocht, wer seine schmutzige Homowäsche reinwäscht und wem das Mitmarschieren verboten werden sollte.

Es ist schon wundersam, wer so alles an diesen CSD Besitzansprüche stellt. Als im Februar 2017 das neue Motto bekannt gegeben wurde („Mehr von uns – jede Stimme gegen Rechts!“), erhob sich der offen schwul lebende Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Frank-Christian Hansel. Ohne Not würden die CSD-Offiziellen mit ihrem diesjährigen Slogan gegen rechts zahlreiche Homosexuelle, Bisexuelle und Transgender ausgrenzen. Schließlich stünden viele dieser Menschen zu bürgerlichen und konservativen Werten.

Foto - rbb-online.de

Tatjana Meyer, Vorstand des CSD e. V.

„Ich wünsche mir, dass der CSD noch politischer und inklusiver wird“

Uff – die jetzt also auch noch? Tatjana Meyer vom Vorstand des CSD e. V. schüttelt den Kopf. Sie ist sich sicher, dass es Grenzen braucht, „und die ziehen wir da, wo wir sehen, dass sich jemand gegen so viele Forderungen, für die wir auf die Straße gehen, positioniert“.

Doch der bekannte Berliner Aidsaktivist Heiko Großer bezweifelt, dass dies nur für homosexuelle AfDler gilt. „Nach dem ganzen Theater um die Ehe für alle“, sagt er, „und der Tatsache, dass die CDU bei der Entschädigung der Opfer des Paragrafen 175 uns erneut über ein willkürliches Schutzalter diskriminiert, wäre es auch an den Lesben und Schwulen aus der Union zu sagen: Für diese Partei gehen wir nicht mehr auf den CSD.“

„Mit Martin Schulz in eine glitzernde Zukunft!“

Beim Veranstalter, dem CSD e. V., kennt man diese Bedenken und hat sich vor Jahren auf eine Regel geeinigt: Es sind nie Parteien oder Unternehmen selbst, die mitfahren, sondern „immer diejenigen, die sich innerhalb ihrer Kreise dafür einsetzen, dass unsere Rechte vertreten werden“. Klingt erst mal einleuchtend, aber auch da steckt der Teufel im Detail. Setzen sich die tatsächlich existenten „Homosexuellen in der AfD“ innerhalb ihrer Partei nicht auch ein? „Vielleicht ist das aus ihrer Sicht so“, sagt Meyer, „aber das wage ich zu bezweifeln.“

Aus Großers Sicht werfen nicht nur die homosexuellen AfDler Legitimitätsfragen auf. Zwar gesteht er einer Gruppe wie ­SPDqueer zu, dass sie „Leidtragende waren, die von ihrer eigenen Partei auch 30-mal verschaukelt wurden“. Der Knackpunkt ist für ihn aber: „Wie treten sie auf? Und wenn sie mit der Person Martin Schulz kommen, dann ist es die falsche Veranstaltung, genauso wie die LSU, wenn sie mit dem Personenkult um Merkel kommen. Was anderes wäre es, wenn sie ihre nächsten Forderungen präsentieren und sagen, wir kämpfen in der SPD für diese Themen.“

( TAZ.de/22-23.07.2017)  Denn ganzen Artikel, einfach das Bild im Text anklicken.



10 Gründe gegen ein Adoptionsrecht für Homosexuelle? Eine Replik

Bald können Homosexuelle in Deutschland nicht nur heiraten, sie besitzen auch das volle Adoptionsrecht. Während sich eine große Mehrheit darüber freut, hetzen andere weiter. Chri­s‍tel Vonholdt etwa formuliert zehn Gründe gegen ein Adoptionsrecht für Lesben und Schwule. Dabei offenbart die Medizinerin vor allem eines, ihr zutiefst anti-homosexuelles Menschen- und Weltbild.

Laut Selbstbeschreibung forscht und informiert das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) "über zukunftsfähige Lebensgrundlagen und nachhaltige Entwicklungsarbeit in den Bereichen Lebenskultur, Ehe und Familie, Identität, Sexualität, Homosexualität, Menschenrechte, Diakonat". Von Wissenschaftlichkeit und dem Gedanken, Familien in ihrer Vielfalt ernstlich zu fördern, fehlt auf der Homepage des Institutes jedoch in den weitesten Teilen jede Spur. Stattdessen finden sich zahlreiche Texte, die nicht heteronormative Lebensweisen wie etwa Regenbogen-Familien mit pseudowissenschaftlicher Argumentation zu diskreditieren versuchen. Viele dieser Schriften stammen aus der Feder der Ärztin und früheren Leiterin des DIJG Christel Vonholdt

Das DIJG ist ein Studienzentrum der Offensive Junger Christen e.V.. Dieser Verein wiederum ist eine ökumenische Kommunität in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und im Fachverband im Diakonischen Werk der EKD. Aufgrund dieser Zugehörigkeit ist es notwendig, die Aktivitäten sowie Publikationen des DIJG einer kritischen Lektüre zu unterziehen und die Frage zu stellen, ob die dort vertretenen Positionen mit dem Evangelium beziehungsweise den Grundsätzen der Evangelischen in Kirche Deutschland (EKD) sowie des Diakonischen Werks der EKD vereinbar sind. Dazu greife ich im Folgenden einige der zentralen Thesen aus Vonholdts   Text  „Das Recht des Kindes auf Vater und Mutter. Zehn Gründe gegen ein Adoptionsrecht für homosexuell lebende Paare“ auf.

Meine Fragen dabei sind: Welches Menschenbild drückt sich in diesen Thesen aus? Und wieviel Substanz hat die Argumentation?

In These neun erklärt Vonholdt: "Für das Mädchen ist der Vater das wichtigste Rollenvorbild dafür, was es selbst einmal von einem Mann erwarten kann". Das ist eine krasse Überschätzung und auch Überhöhung der Funktion der Elternfiguren für die psychische und soziale Entwicklung des Kindes. Zweifelsohne sind Eltern als die primären Bezugspersonen in vielerlei Hinsicht prägend für ihren Nachwuchs. Was allerdings die Entwicklung von seelischen Dispositionen bezüglich der Geschlechtlichkeit angeht, spielt der Einfluss der Gesellschaft eine viel stärkere Rolle. Ich illustriere dies an einem Beispiel: Stellen wir uns vor, in einer Familie ginge die Mutter einer Berufstätigkeit nach und würde allein für das Einkommen sorgen. Die Pflege der Kinder sowie den größten Teil der Hausarbeit übernähme der Vater. Nach Vonholdts Theorie müsste der Nachwuchs die väterliche, also männliche Rolle, mit Hausarbeit, Fürsorge und Kindererziehung assoziieren. Doch eben dies passiert nicht. Weil die Kinder sich in ihrem sozialen Umfeld sehr bald gewahr würden, dass der Vater eine Ausnahme darstellt und Hausarbeit, Fürsorge und Kindererziehung weiblich konnotiert sind.

Zeichnung - Regenbogenfamilien-nrw.de

Familie ist nur ein Ort, an dem Kinder Geschlechtsrollen internalisieren, ausprobieren und bestenfalls auch kritisieren. Geschlecht durchdringt aber als primäres Ordnungsprinzip alle Bereiche der Gesellschaft. Geschlecht und eben auch Geschlechts­s‍tereotype werden in der Schule geprägt, wenn der Lehrer Mädchen und Jungen segregiert, Geschlecht wird im Spielzeuggeschäft geprägt, wenn auf der Verpackung für die Puppenküche nur Mädchen und auf der Verpackung für die kleine Werkbank nur Jungen abgebildet sind, Geschlecht wird durch das Fernsehen geprägt, das hilfsbedürftige Prinzessinnen und starke Helden zeigt.

Wenn Frau Vonholdt schreibt, der Vater sei das wichtigste Rollenvorbild, dann impliziert das auch die Frage, welches Rollenvorbild sie meint. Ein Vorbild welcher Rolle? Der des Mannes? Aber wer ist der Mann? Scheinbar gibt es für die Medizinerin nur eine Männlichkeit, eine Form Mann zu sein, eine Form Frau zu sein, ein Rollenarrangement, wie Frauen und Männer sind und sich in der Interaktion zu verhalten haben. Das aber ist eine unhaltbare Simplifizierung menschlichen Lebens.

Dass sie dieser Theorie jedoch anzuhängen scheint, offenbart Vonholdt auch in ihrer achten These, dort heißt es: "Für die lesbisch lebende Frau ist es kennzeichnend, dass sie den Mann und das Männliche in der Nähebeziehung nicht haben will oder haben kann. Dies wird sich erschwerend und hemmend auf die männliche Identitätsentwicklung von Jungen auswirken." Hier wird zunächst mit einer absoluten Stereotypisierung gearbeitet. Vonholdt behauptet, es gäbe die lesbisch lebende Frau, demnach glichen sich alle lesbischen Frauen in ihren Kennzeichen, also Einstellungen, Begehrensweisen, Interessen usw. und diese lesbisch lebende Frau, die will den Mann und das Männliche nicht in der "Nähebeziehung" haben. Es klingt so, als wolle die Medizinerin sagen, alle lesbischen Frauen hassten Männer und dieser Hass, würde die Identitätsentwicklung ihres männlichen Nachwuchses negativ beeinflussen. Was viele lesbische Frauen - und nicht nur diese - in der Tat ablehnen ist das Patriarchat, die Herrschaft heterosexueller Männer über Frauen und Homosexuelle. Denn von dieser Form der Herrschaft werden sie unterdrückt, marginalisiert und diskriminiert und dass in doppelter Weise - als Frauen und als Homosexuelle. Und es ist zu hoffen, dass nicht nur lesbische Frauen die Nähe zu Männern, die diese Form der Männlichkeit leben, meiden und ihren Söhnen diese nicht als Rollenvorbild anempfehlen. Das sollte vielmehr eine Selbstverständlichkeit in der Erziehung jeden Kindes sein, egal wo es aufwächst.

Es ist auffällig, dass Vonholdt in keiner ihrer Thesen näher bestimmt, was denn nun den Mann respektive die Frau in ihrer jeweils spezifischen geschlechtlichen Rolle ausmacht. Die Ärztin postuliert einfach einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern, den sie aber unbestimmt lässt, was sie nicht daran hindert, diesen zu einer unerlässlichen Entwicklungsvoraussetzung für Kinder zu erheben. Der Nachwuchs brauche Mutter und Vater, deren Verschiedenheit, die elterliche verschiedengeschlechtliche Spannung sei unerlässlich für eine positive Entwicklung, postuliert Vonholt in der dritten und vierten These. Doch darin klingt eine Überhöhung der geschlechtlichen Differenz, quasi eine Kosmologie der Geschlechter an. Gerade so als würde sich das gesamte Spektrum der menschlichen Diversität wesentlich und zentral in der Einheit der Pole aus Frau und Mann, aus Vater und Mutter widerspiegeln, so wie Yin und Yang. Oder wie die Theorie der Geschlechtscharaktere aus dem 19. Jahrhundert, die der Frau etwa das Emotionale und dem Mann das Rationale, der Frau das Häusliche und dem Mann das Öffentliche, der Frau die Sanftheit und dem Mann die Härte normativ zuschreibt. Nur vor solchen Folien lassen sich gleichgeschlechtliche Elternschaft skandalisieren, weil den Kindern dieser Logik zufolge Fundamentales fehlen würde. Doch es handelt sich dabei um eine tiefgreifende Verkennung menschlicher, ja vielmehr schöpferischer Vielfalt. Jeder Mensch hat einen unterschiedlichen Charakter, eine individuelle Art sein Geschlecht zu leben, unverwechselbare Leidenschaften, Wesenszüge usw. Und es gibt nicht den Mann, die Frau, die Lesbe und auch nicht den Vater, die Mutter.

Es kommt nicht darauf an, wer die Eltern der Kinder sind, sondern was für Eltern sie sind. Dass sie ihren Kindern Liebe, als das Wichtigste und Elementarste überhaupt geben. Dass sie sie respektieren und sie Respekt vor Gott und den Menschen lehren. Es stünde Frau Vonholdt gut an, statt sich hinter pseudowissenschaftlichen Studien, Allgemeinplätzen, Leerstellen, Mutmaßungen und abstrusesten Argumentationen zu verstecken, einmal in die Familien zu gehen, wo Kinder und gleichgeschlechtliche Eltern leben, mit ihnen eine Zeit zu leben, zu sehen, wie die Beziehungen dort gelebt werden und die Augen für das offen zu haben, was da ist.

Doch - und das ist bitter - darum geht es Frau Vonholdt, dem DIJG und vielen anderen scheinbar gar nicht. Sie wollen lieber eine tote Form, die der heteronormativen (nicht der heterosexuellen!) Kleinfamilie, so wie diese als Ideal in ihren Köpfen verankert ist, verteidigen. Sie wollen ordnen, klassifizieren und kategorisieren, was nicht überschaubar zu machen ist und was uns als Menschen auch nicht zusteht. Ein Baukasten, in dem es die Schablone für den Mann und die Frau gibt, mag Sicherheit in einer unsicheren Welt bieten. Doch diese Form der Sicherheit ist eine Illusion. Eine Illusion, die dazu noch blind macht für Gottes Schöpfung, die in ihrer Vielfalt unergründlich, unermesslich und bis zum Bersten überbordend ist und bleibt.

Ich wünsche Frau Vonholdt, dem DIJG und vielen anderen aufrichtig, dass es ihnen gelingt, ihre Herzen zu öffnen. Dass sie beginnen, Familien, Kinder, Mütter, Väter dort zusehen, wo sie es bislang noch nicht begreifen. Vielleicht kann dann ihr Brennen für Familie, für die Zukunft der Schöpfung und ihren Erhalt zu einem wahren Segen werden. (Von Matthias Albrecht – kreuz &queer  - evangelisch.de)



Behördenwillkür ?!?

Wenn Geflohene sich älter machen, um die Grenzen zu passieren !

An einem klaren Sommermorgen sitzt Zoya auf einem Hartschalensitz im Foyer der Ausländerbehörde und wartet auf die Erlösung. Sie hat eine Nummer gezogen und ihren Rucksack unter sich auf das fleckige Linoleum gelegt, an der Wand gegenüber blinken rote Leuchtziffern.

Es ist Montag, der Tag, an dem sich entscheiden soll, ob ihr Leben als 16 Jahre altes Mädchen weitergeht – oder ob sie als 24 Jahre alte Frau zurechtkommen muss. Zoya Qassemi, rundliche Wangen und lange Haare, trägt einen Rock, Leggins und Turnschuhe. Vor einem Monat hat sie ihren Pass eingereicht, und wenn es gut läuft, wird die Behörde das Dokument als Beleg akzeptieren. „Und dann bekomme ich mein wahres Alter zurück“, sagt sie fast tonlos.

Zoyas Geschichte handelt davon, wie leicht Jugendliche, die allein aus fremden Ländern geflüchtet sind, in Deutschland durch die Raster fallen. Es geht um das Wirrwarr der Berliner Behörden, um gekaufte Papiere und widersprüchliche Daten.

Wenn minderjährige Flüchtlinge einreisen und sich nicht ausweisen können, prüft das Landesjugendamt ihre Angaben bei einer qualifizierten Inaugenscheinnahme. 2016 begutachtete die Behörde rund 1900 junge Menschen und stufte 400 als volljährig ein. In diesem Jahr ging die Zahl der Inaugenscheinnahmen wegen der sinkenden Zugangszahlen auf bisher knapp 300 zurück,. 140 Mal fiel das Urteil volljährig.

Queere Flüchtlinge sind nicht mehr willkommen: Das BAMF empfiehlt ihnen, nach der Abschiebung ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität in ihren Heimatländern zu verheimlichen. (Bild: SPD Sachsen)

Wie häufig Fehleinschätzungen passieren, ist nirgends erfasst. Aber es gibt ein paar Details, die viele Fälle gemeinsam haben. „Es gibt keinen roten Faden, wie man solche Fälle lösen kann“, sagt ein Psychologe, der in einer Notunterkunft für Flüchtlinge arbeitet. Er will anonym bleiben, weil er nicht befugt ist, öffentlich zu sprechen. Er ist unter den erwachsenen Männern in dem Heim bereits fünf Mal auf junge Menschen gestoßen, die er zweifellos für Teenager hielt: „Die Jugendlichen sind auf sich allein gestellt in einem Land, wo jeder weiß, wie schwierig Asylverfahren sind – im Prinzip sind das verlorene Menschen.“

Zoya hebt den Kopf, als ein Mitarbeiter in den Warteraum tritt; er reicht ihr ein Schreiben, sie soll in vier Wochen wiederkommen, die Polizei braucht noch Zeit, um ihren Pass zu prüfen, sagt der Mann kühl. „Wir glauben nämlich, dass das Ding gefälscht ist.“

Sie hastet zur U-Bahn, Tränen laufen über ihre Wangen, aber sie will noch zur Schule, trotz allem. In ihrer Klasse in Kabul war sie Zweitbeste, in ihrer Willkommensklasse langweilt sie sich bereits.

Ohne Stirnfalten

Auch Jawid Shirzad möchte gern lernen. Bloß ist er noch nie zur Schule gegangen, nicht in Berlin und nicht im Iran, wo er aufgewachsen ist. Schon mit sechs arbeitete er, auf Baustellen meist, einer von zwei Millionen afghanischen Flüchtlingen im Iran. Jetzt lebt er in Berlin – in einem Heim für erwachsene Flüchtlinge. Wenn es stimmt, was er sagt, ist er 17 Jahre alt. Ein Mopp schwarzer Haare fällt schräg in sein glattes Gesicht, er sitzt in einem Büroraum des Heims, zieht die Schultern zusammen, als wolle er sich noch schmaler machen, als er ist.  Als Minderjähriger hätte er Anspruch auf Schulbildung, auf Förderung auf Jugendhilfe. Nichts davon bekommt er, weil er bei den Behörden als Mann Ende 20 erfasst ist.

Zoya und Jawid heißen eigentlich anders. Ihre echten Namen sollen verschwiegen werden, sie sind ja auf die Berliner Behörden angewiesen. Sie kommen aus unterschiedlichen Welten, Zoya, die aus einer gut situierten Familie in Kabul stammt, und auf der anderen Seite Jawid, der frühere Kinderarbeiter. Aber beide haben in Deutschland Zuflucht gesucht, weil sie in ihrer Heimat nicht sicher waren, allein, ohne Familie.

 „Es gilt das Primat der Jugendhilfe“

2015 kamen mehr als 4 200 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Berlin, 2016 waren es knapp 1400. Seit Ende 2015 regelt das Sozialgesetzbuch, § 42f SGB VIII, wie eine Altersfeststellung ablaufen muss. Das Landesjugendamt kann seine Entscheidung in eigener Verantwortung treffen, an andere Behörden ist es nicht gebunden. Damit steht das Jugendamt vor einer heiklen Aufgabe: Es kommt vor, dass sich Erwachsene als jünger ausgeben. Denn minderjährige Flüchtlinge sind bessergestellt als volljährige – deswegen sind sie auch teurer, die Unterbringung und Versorgung kostet pro Monat zwischen 3000 und 4000 Euro.

Andrea Petzenhammer vom Verein Encourage, der ehrenamtliche Vormünder vermittelt, hört seit einigen Monaten häufiger von jungen Menschen, die nachträglich für volljährig erklärt werden, vor allem Afrikaner sind betroffen, aber zunehmend auch Afghanen. „Viele machen sich an den Grenzen älter, weil sie als Minderjährige nicht weitergelassen würden“, sagt sie, und diese Angaben hängen ihnen dann nach. Zwar seien Fehler bei der Alterseinschätzung nie ausschließen, zumal viele der Jugendlichen mit äußerst komplexen Geschichten kommen. „Aber dann müsste es auch Wege geben, falsche Entscheidungen zu korrigieren.“

Wie gewichtet die Senatsjugendverwaltung die Informationen? Eine Sprecherin schreibt, es gebe ein „abgestimmtes Verfahren zur Änderung von Geburtsdaten“, daran seien neben der Senatsverwaltung die Ausländerbehörde, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten beteiligt. Aber: „Es gilt das Primat der Jugendhilfe.“

Teil des Artikels in der berliner-zeitung.de – Mehr wenn Du das Bild anklickst.

Hanau - Homosexueller kämpft gegen seine Abschiebung

Adnan aus Pakistan sucht in Deutschland Asyl. In seiner Heimat droht ihm Verfolgung wegen seiner Homosexualität. Doch das Verwaltungsgericht in Frankfurt kommt zu einem anderen Urteil.

Von Gregor Haschnik – Frankfurter Rundschau

Der Mullah aus Adnans Dorf hatte ihn in einer Predigt für vogelfrei erklärt: Ein Mann liebt einen Mann - für den Geistlichen eine Todsünde. Spätestens ab da wurde Adnans Leben von „Angst und Ausgrenzung“ erstickt, erzählt er. Sein Vater sagte: „Wir wollen nicht mehr mit Dir an einem Tisch sitzen.“ Und sein Bruder, ein Polizist, richtete eines Tages seine Waffe auf Adnan. Die Mutter ging dazwischen und wurde an der Schulter verletzt. Sie hatte sich noch nicht erholt, da gab sie Adnan Geld für die Flucht. Er ging nach Deutschland - und will nie mehr zurück nach Pakistan: „Wenn ich abgeschoben werde, weiß ich nicht, wie ich weiterleben soll.“

So schildert der Mann, der nun in Hanau wohnt, die Zeit vor seiner Flucht und seine jetzige Gefühlslage. In Wirklichkeit heißt er anders, der Name Adnan soll ihn schützen, weil es auch in der städtischen Gemeinschaftsunterkunft Leute gibt, für die Homosexualität ein Verbrechen ist. Dort muss er sich ebenfalls verstellen, genauso wie er es in Pakistan getan hatte, bis seine Beziehung zu einem Mann bekannt wurde.

Adnan kämpft gegen seine Abschiebung und wird dabei vom Verein Queer Hanau und der Frankfurter Gruppe Rainbow Refugees unterstützt, die sich für homosexuelle Geflüchtete einsetzen. Weil ihm in seiner Heimat Verfolgung und Tod drohen, hat Adnan 2015 einen Asylantrag gestellt.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) lehnte diesen jedoch ab, die Klage dagegen vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt scheiterte ebenfalls. Das Gericht folgt im Wesentlichen dem Bamf und schreibt, „dass es zwar eine soziale Ausgrenzung Homosexueller in Pakistan gibt und Homosexualität zudem unter Strafe steht, homosexuelle Handlungen aber vom Staat tatsächlich praktisch nicht verfolgt werden“.


Als Beleg wird ein Bericht des Auswärtigen Amtes genannt. Zudem habe der Kläger keinen Kontakt mit staatlichen Behörden gehabt, sondern „lediglich Schwierigkeiten mit seiner Familie und radikalen Muslimen“, heißt es in der Begründung. Den Problemen könne er „durch Verlagerung des Wohnsitzes“ entgehen. Insbesondere in den pakistanischen Millionenstädten sei es möglich, homosexuell zu leben, besonders „wenn er dies nicht offen zur Schau trägt“.

Foto - Queeramnesty Hamburg

Adnan war über einen Flyer auf das Beratungsangebot von Queer Hanau aufmerksam geworden. Jetzt kämpfen sie gemeinsam dafür, dass die Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts zugelassen wird. „Ich kann gar nicht beschreiben, wie dankbar ich für diese Hilfe bin“, sagt der Mann, der in einem Restaurant arbeitet.

Der Geflüchtete und seine Mitstreiter kritisieren, dass das Gericht „völlig einseitig“ die Sicht des Bamf übernommen, andere Quellen ignoriert habe und die Anhörung nur fünf Minuten gedauert habe. Anders als das Bundesverwaltungsgericht in einer Leitentscheidung fordere, habe der Richter den Sachverhalt „allenfalls holzschnittartig“ gewürdigt. Hätte er das „persönliche Verfolgungsschicksal“ und die Situation der Homosexuellen in Pakistan angemessen betrachtet, hätte Adnan Flüchtlingsschutz bekommen, erklärt Adnans Anwalt.

Adnans Seite argumentiert mit Dossiers des britischen Innenministeriums und der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Diese berichten von gewalttätigen Übergriffen - auch in Metropolen - und Morden an Homosexuellen, welche durch mediale Aufrufe zu Gewalt gefördert worden seien. Außerdem, so David Faubel von Queer Hanau, werde die Strafbarkeit von Homosexualität in Pakistan benutzt, um zu drohen und zu erpressen, auch von Polizisten. Homosexuelle würden Übergriffe deshalb meistens nicht anzeigen. Und in einigen Fällen seien tatsächlich Freiheitsstrafen für homosexuelle Handlungen verhängt worden. Staatliche Verfolgung existiere also tatsächlich.

Adnan und seine Unterstützer wollen „alle Rechtsmittel ausschöpfen“, damit er bleibt, sagt Faubel. Der Fall habe Präzedenzcharakter und eine „grundsätzliche Bedeutung“ für viele homosexuelle Asylsuchende.


Vorwurf der Diskriminierung

Peinliche Fragen an homosexuelle Asylbewerber

Von Bernd Kastner – SZ-online.de

Der Schwulen- und Lesbenverband (LSVD) und Asylexperten kritisieren den Umgang der Behörden mit homosexuellen Asylsuchenden scharf.

Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hätten diesen Fragen zu Themen gestellt, die das Amt nichts angingen.

Der Grüne Volker Beck sagt, die "Missachtung asylrechtlicher Vorgaben" habe System.

Da feiert die schwul-lesbische Community gerade ihre neuen Eherechte, und zugleich wird bekannt, welche Fragen sich ein Schwuler unlängst in einer deutschen Behörde stellen lassen musste: "Wie oft hatten Sie mit Ihrem Freund Geschlechtsverkehr?" "Wie haben Sie den Verkehr empfunden?" Ein Asylbewerber aus Pakistan sollte die Antworten geben, im November 2016, als es für ihn darum ging, ob er Schutz in Deutschland erhält.

Foto - Stadt Koeln.de

Der betreffende Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge  (Bamf) habe Details wissen wollen, die das Amt nichts angingen und nichts zur Sache täten, kritisieren Vertreter der schwul-lesbischen Community und Asylexperten. Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) erkennt beim Umgang mit Asylgesuchen von Homosexuellen ein "strukturelles Problem".

Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck, ein profilierter Kämpfer für die Rechte von Homosexuellen, hat ein Dossier mit fragwürdigen Bamf-Entscheidungen zusammengestellt. Die Fälle lassen aus seiner Sicht eine systematische "Missachtung asylrechtlicher Vorgaben" erkennen.

Ablehnungsbescheide würden oft darauf verweisen, Homosexuelle könnten sich ja unauffällig verhalten, soll heißen: Wer seine Neigung versteckt, vermeidet Repressionen. Beck erinnert daran, dass der Europäische Gerichtshof diese Argumentation als rechtswidrig eingestuft hat. Auch die Bundesregierung hat bekräftigt, es sei Homosexuellen nicht zuzumuten ihre Neigung zu verbergen.

Schwulen und Lesben, denen in ihrer Heimat Strafen drohen, werde oft mit der Begründung Schutz verwehrt, die Sanktionen würden meist ja doch nicht verhängt. Das empört Beck. Diese Menschen hätten eine "begründete Furcht vor Verfolgung und daher Anspruch auf Schutz in Deutschland". Allein die Existenz solcher Strafparagrafen schaffe ein Klima der Angst. Für das UN-Flüchtlingshilfswerk stellen sie eine Menschenrechtsverletzung dar.

Wie viele Homosexuelle in Deutschland Asyl beantragen und damit Erfolg haben oder scheitern, weiß niemand, das Bamf führt keine Statistik über Fluchtgründe. Bekannt ist, dass viele aus Ländern wie Russland, Uganda, Senegal oder arabischen Staaten fliehen. Und es gibt Bamf-Bescheide wie den für einen Kenianer vom Mai 2016. Der Asylbewerber berichtete in seiner Anhörung, in Kenia von Bürgern verprügelt worden zu sein, die gesehen hätten, dass er einen Mann geküsst habe.

"Homosexuelle bewegen sich in einer Grauzone"

Die Polizei habe ihn drei Tage lang festgehalten, nur gegen Bestechungsgeld sei er freigekommen. Im Bescheid wird die Situation Homosexueller in Kenia einerseits als bedrohlich skizziert: "Auf die sexuelle Orientierung zielende Diskriminierung  ist häufig und weit verbreitet. Homosexuelles Verhalten ist unter Strafe gestellt." Bis zu 14 Jahre Gefängnis drohten.

"Homosexuelle bewegen sich in einer Grauzone, in der sie erpressbar sind und schon aufgrund der geltenden Strafbestimmungen eine strafrechtliche Verfolgung nicht ausgeschlossen ist." Zu einer Anerkennung als Flüchtling führte dies aber nicht: Es gebe keine Berichte über tatsächlich vollzogene Strafen, heißt es im Bescheid, Polizeihaft geschehe oft zum Schutz vor einem wütenden Mob.

Und auch wenn die Gesellschaft homophob sei: Es würden viele Schwule und Lesben in Kenia leben, sogar ein Menschenrechtsverband kämpfe für sie. Unterm Strich sei "eine schwerwiegende Verletzung der grundlegenden Menschenrechte (...) aus staatlicher Richtung nicht erkennbar", so das Bamf.

Bamf verweist auf ausgebildete Sonderbeauftragte

Nach dieser Logik, sagt Volker Beck, würden Schwule und Lesben nirgends verfolgt, da Homosexualität in jedem Land existiere. Und Markus Ulrich vom LSVD kritisiert, so würde bei politisch oder religiös Verfolgten nie argumentiert werden.

Eine Bamf-Sprecherin weist die Kritik zurück. Laut Vorgaben dürfe es "keinen Verweis auf gefahrvermeidendes, diskretes Verhalten" geben. Außerdem habe man ausgebildete Sonderbeauftragte für geschlechtsspezifische Verfolgung.

In deren Sensibilisierung sieht Sara Schmitter vom Münchner Beratungszentrum Letra noch Nachholbedarf: Knapp 20 Klientinnen aus Uganda hätten im Mai und Juni ablehnende Bescheide erhalten. Oft werde den Frauen gar nicht geglaubt, dass sie lesbisch seien. Dass sie oft zwangsverheiratet und Mütter sind, mache sie vermutlich unglaubwürdig, so Schmitter.


Homophobie in Reinkultur

Erika Steinbach: Ehe-Öffnung dient „ Pädointeressen“ (dk –queer.de)

Die erzkonservative Bundestagsabgeordnete stellt einen Zusammenhang zwischen der Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben und dem Missbrauch von Kindern her.

Erika Steinbach sorgt wieder einmal mit einem homophoben Kommentar für Empörung: In sozialen Netzwerken erklärte die fraktionslose Abgeordnete, die im Januar aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik und die angebliche Anpassung an den Zeitgeist aus der CDU ausgetreten war, am Montag, dass die Grünen mit ihrer Forderung nach der Ehe für alle "Pädointeressen" vertreten würden.

"Die GRÜNEN habe[n] im Wahlprogramm 'Ehe für alle' beschlossen. Eine völlig offene Formulierung!", schrieb Steinbach etwa auf Facebook. "Das ist auch die Hintertür für Pädophilen Interessen, die in der Vergangenheit eine starke Lobby bei den Grünen hatten." Dazu veröffentlichte die 73-Jährige das Video einer ihrer Bundestagsreden aus dem Jahr 2010, in der sie gegen die Ökopartei wettert.

Als Reaktion gab es auf Twitter scharfe Kritik unter dem Hashtag #ErikaDrehtHohl. Auf Steinbachs Facebook-Seite erhielt sie aber auch Lob. So schrieb eine Nutzerin: "Na prima, dann kann ich endlich meinen Kühlschrank heiraten."

Erika Steinbach kämpft jetzt auch mit der Pädo-Keule gegen die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben (Bild: Deutscher Bundestag / Lichtblick / Achim Melde)

Steinbach spielt mit ihrer provokanten Äußerung auf die fragwürdige Toleranz der Grünen gegenüber dem Missbrauch von Kindern in den Siebziger- und Achtzigerjahren an, von der sich die Partei aber bereits scharf distanziert hat und die minutiös aufgearbeitet wurde .Der im Deutschen relativ neue Ausdruck "Ehe für alle", der aus dem französischen Ausdruck "mariage pour tous" entlehnt wurde, wird außerdem nie als Motto für die Legalisierung von sexuellem Kindesmissbrauch genutzt, sondern nur für die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht.

Ein entsprechender Gesetzentwurf der Ökopartei liegt bereits in dieser Legislaturperiode dem Bundestag vor und dürfte Steinbach bekannt sein. Am Wochenende hatten die Grünen die Forderung nach der Ehe für alle in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl bekräftigt und als Koalitionsbedingung benannt .

Bereits in der Vergangenheit hatte sich Steinbach, die dem Bundestag seit 1990 angehört, als Hardlinerin gegen LGBTI-Rechte profiliert. Die Einführung der Lebenspartnerschaft lehnte sie ebenso ab wie spätere Weiterentwicklungen des Instituts. So stimmte sie "aus Gewissensgründen" gegen das von Karlsruhe erzwunge Ehegattensplitting für gleichgeschlechtliche Paare. "Ich gestatte mir, eine andere Auffassung zu haben, was die Verfassungsgründer im Sinn hatten", sagte sie dazu. Bereits zur Entscheidung des Gerichts zur Sukkzessivadoption hatte sie getwittert: "Wer schützt eigentlich unsere Verfassung vor den Verfassungsrichtern?"

Die Ehe für alle bringt auch manch homophoben Zeitungsredakteur in Rage. So veröffentlichte die "Rhein-Neckar-Zeitung" am Mittwoch eines bizarren Texts, der als Glosse markiert wurde. Darin wird die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben als "Ausstieg aus der Mann-Frau-Beziehung" beschrieben und den Grünen vorgeworfen, mit ihrer Forderung nach der Gleichbehandlung die Ehe zu verspotten.


Homosexualität in Tunesien

«Schlimmer, als die Pest zu haben»

von Beat Stauffer Neue Züricher Zeitung

Homoerotische Praktiken wurden im Maghreb lange Zeit schweigend geduldet. Diese Ära ist nun vorüber: Der Suizidversuch eines jungen schwulen Aktivisten hat Tunesiens Zivilgesellschaft aufgeschreckt.

Ahmed sah keinen Ausweg mehr. Am 9. Juli schluckte der junge Mann Dutzende von Schlaftabletten. Als er in die Notfallstation eingeliefert wurde, lag er bereits im Koma. Wie durch ein Wunder überlebte er. Seither hält er sich versteckt.

Der Selbstmordversuch von Ahmed Ben Amor hat die tunesische Zivilgesellschaft erschüttert. Zwar versuchen verzweifelte junge Menschen in Tunesien regelmäßig, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch der Fall von Ben Amor war anders gelagert. Er hatte es als einer der ersten jungen Tunesier gewagt, offen zu seiner Homosexualität zu stehen.

Eine Hassorgie

Seine Leidensgeschichte begann vor rund zwei Jahren. Ahmed lebt in der Gegend von Mahdia, besucht das Gymnasium, ist hübsch und intelligent. Doch er ist schwul. Als er sich gegenüber seiner Familie outet, wird sein Leben zur Hölle. Sein Vater und sein Onkel schlagen ihn blutig und binden ihn mit den Armen an einem Haken an der Decke fest. Nur durch Flucht aus dem Spital kann sich Ahmed anschließend vor der familiären Lynchjustiz retten. Doch damit nicht genug. Der Direktor des Gymnasiums von Mahdia wirft Ahmed aus der Schule. Kein anderes Institut in Tunesien ist bereit, ihn aufzunehmen.

Er findet Unterschlupf bei Freunden in Tunis. Schon bald engagiert er sich für einen im Frühjahr 2015 gegründeten Verein, der sich «Shams» nennt – zu Deutsch Sonne. Es ist die erste Organisation in der arabischen Welt, die sich offen für die Rechte von sexuellen Minderheiten einsetzt. Ahmed wird Vizepräsident und kämpft mit jugendlichem Elan für das Anliegen.

Ahmed Ben Amor ist öffentlich für die Rechte der Homosexuellen eingetreten. Der junge Tunesier zahlte einen schrecklichen Preis für seinen Mut. (Bild: Augustin Le Gall / Haytham-Rea / Laif)


Ende April 2016 nimmt er an einer Talkshow des TV-Senders al-Hiwar Ettounsi teil. Dort sitzt Ben Amor einem konservativen Imam sowie einem Schauspieler gegenüber, der durch seine schwulenfeindlichen Äusserungen landesweit für Aufsehen sorgte. Der junge Mann kann dem Bombardement religiöser und stockkonservativer Argumente kaum standhalten und erhält auch keine Unterstützung durch den Moderator.

In der aufgeheizten Stimmung nach der TV-Sendung erhält Ahmed Hunderte von E-Mails, in denen er aufs Gröbste beschimpft oder gar mit dem Tod bedroht wird. Er getraut sich tagelang nicht mehr, seine Wohnung zu verlassen. Keine bekannte Persönlichkeit wagt es, für die mutige junge Schwule Partei zu ergreifen und ihn moralisch zu stärken. In der Verzweiflung versucht Ahmed schließlich, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Nach der tunesischen Revolution hofften zahlreiche Angehörige von Minderheiten – so auch Schwule – auf mehr Freiheiten. Sie wurden bald eines Besseren belehrt. So geriet etwa das neu herausgegebene Schwulenmagazin „ Gayday „ ins Visier der islamistischen Regierung. Einen neuen Hoffnungsschimmer erblickten ein paar Schwule und Lesben in der 2014 verabschiedeten neuen Verfassung, garantiert sie doch individuelle Freiheitsrechte. Im Mai 2015 gründeten sie «Shams» und reichten bei den Behörden ein Gesuch um eine offizielle Bewilligung ein. Diese wurde ihnen nach langem Hin und Her gewährt.

In der Zwischenzeit wurde aber klar, dass die neue Verfassung die Rechte sexueller Minderheiten in der Praxis in keiner Art und Weise garantierte. So wurden etwa 2015 sechs Studenten aus der Stadt Kairouan wegen «homosexueller Handlungen» zu langen Gefängnisstrafen und – man höre und staune – zu einer „Verbannung aus der Stadt Kairo wären drei Jahren“ verurteilt. Das Gericht stützte sich dabei auf den noch immer gültigen Artikel 230 des tunesischen Strafgesetzbuches, welcher «Sodomie» auch unter erwachsenen Personen unter Strafe stellt. Infolge heftiger Reaktionen aus dem In- und Ausland wurde das Urteil später auf einen Monat Haft und eine Geldstrafe reduziert.

Dass solches Vorgehen gegen Homosexuelle aber beileibe kein Bloß verfassungsrechtliches Problem ist, zeigte im Frühling dieses Jahres die Predigt eines Imams der südtunesischen Stadt Sfax, der offen dazu aufrief, der «Sodomie» überführte Männer mit dem Tod zu bestrafen. Dabei empfahl er, die Sünder von der Dachterrasse eines mehrstöckigen Hauses zu Stoßen und anschließend zu steinigen. Der betreffende Imam ist weiterhin im Amt.

Tradition der Bisexualität

Diese mittelalterlich anmutende Einstellung gegenüber Homosexuellen ist umso unverständlicher, als Tunesien wie auch der gesamte Maghreb eine uralte Tradition der gelebten Bi- und Homosexualität aufweisen. Dafür gibt es unzählige Belege; etwa Anleitungen zum erotischen Genuss, in denen meist auch ein Kapitel den «hübschen, bartlosen Jünglingen» gewidmet ist. Anders als im arabischen Osten, so schreiben Erdmute Heller und Hassouna Mosbahi in ihrem Werk «Hinter den Schleiern des Islam», stammten diese Werke im Maghreb nicht von Literaten, sondern «aus den Reihen des religiösen Establishments».

Von der weiten Verbreitung bi- und homosexueller Praktiken im Alltag zeugen auch unzählige Berichte europäischer Reisender und Diplomaten. Diese Praktiken waren demnach nicht nur unter Gottesmännern, Literaten und Künstlern, sondern in der Alltagskultur breiter Bevölkerungsschichten verankert und weitgehend toleriert. Nicht ohne Grund glaubten europäische Homosexuelle, die den Maghreb ab dem 19. Jahrhundert bereisten, in dieser Hinsicht geradezu paradiesische Gefilde vorzufinden.  Sind dies vor allem europäische Phantasien beziehungsweise Projektionen europäischer Homosexueller, welche die soziale Realität ausblenden? Ein Eldorado für Schwule war der Maghreb, wenn überhaupt, wohl nur für Europäer, nicht aber für einheimische Homosexuelle. Dennoch besteht kein Zweifel, dass Homosexualität in Nordafrika weit weniger unterdrückt wurde als in Europa bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Allerdings gab es im Maghreb nie emanzipierte, selbstbewusste Schwule wie heute in westlichen Ländern, und im Vordergrund stand stets die sexuelle Beziehung zu jüngeren Partnern.

Beobachter sind sich weitgehend einig, dass sich die Verhältnisse für Homosexuelle im Maghreb in den vergangenen Jahren aufgrund des stärker gewordenen Einflusses von Islamisten deutlich verschlechtert haben. Diese zwängen die Behörden dazu, vermehrt gegen «dekadente» und «unmoralische» Verhaltensweisen vorzugehen. Manche vertreten auch die Ansicht, dass Schwule unter Ben Ali deutlich besser geschützt waren als heute.

Ein offenes Gefängnis

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Gräueltat in Bagdad

Norbert Blech-Queer.de

Irak: Entsetzen über brutalen Mord an jungem Schauspieler

Karar Noshi könnte wegen seines Aussehens getötet worden sein, spekulieren Medien im In- und Ausland – manche vermuten die gezielte Tötung vermeintlicher Homosexueller als Motiv.

In irakischen Medien sorgt seit Tagen ein brutaler Mord an einem jungen Zivilisten für eine Debatte über den Einfluss gewalttätiger Milizen. Karar Noshi, Kunststudent, Model und Schauspieler, war am Wochenende in seiner Heimatstadt Bagdad getötet worden

Noshi, der auch für eine Satiresendung arbeitete, hatte auf Facebook tausende Follower, nachdem sich Bilder von ihm als Model verbreitet hatten. Er postete dort viele Bilder von sich, aber auch Aussagen zu einer modernen Gesellschaft im Einklang mit dem von ihm gelebten muslimischen Glauben. Auf Spott, er sei der "Schönheitskönig von Irak", antworte er, die wahren Schönheitskönige des Landes seien "alle jungen Männer, die mit all ihrer Ehre kämpfen, die Nation zu verteidigen".

Foto-m.20min.ch

Bekämpft weil er anders war

Entgegen manchen Medienberichten ist nichts über Noshis sexuelle Orientierung bekannt. Schlagzeilen, er habe sterben müssen, weil er "zu schwul" ausgesehen habe, entstanden zuerst in ausländischen Medien. Abwegig ist der Gedanke allerdings auch nicht.

So äußerten Freunde des Mannes durchaus, dass er wegen seines ungewöhnlichen und modischen Aussehens ermordet worden sein könnte. Zuletzt sei er in sozialen Netzwerken heftigst angegriffen und bedroht worden, auch weil das Gerücht auftauchte, er würde an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen – was er abgestritten hatte.

Die zahlreichen Bilder auf Facebook zeigten seine Arbeit vor der Kamera, auf die er stolz sei, schrieb Noshi auf Facebook. "Ich schätze meine persönliche Freiheit, mir ein einzigartiges äußeres Erscheinungsbild zu schaffen. Ich schweige zu den den schimpfenden Reaktionen, die zweifellos das Niveau ihrer Autoren widerspiegeln."

Homo- und Transsexuelle seit Jahren auf Todeslisten von Milizen

Irakische Medien und Freunde des Schauspielers vermuten, dass er von lokalen schiitischen Milizen ermordet wurde – nicht vom "Islamischen Staat", wie vor allem einige deutsche Boulevardmedien behaupteten, sondern von Gruppen, mit denen die Regierung teilweise gegen den IS ankämpft. Die Terrororganisation hatte in den von ihr eingenommenen Gebieten im Irak und Syrien in den letzten Jahren dutzende Menschen wegen angeblicher Homosexualität getötet und oft Aufnahmen der Hinrichtungen verbreitet.

Allerdings hatten auch die Milizen im Irak seit 2006 Homo- und Transsexuelle ermordet, wobei sie das oft einfach an Kleidung oder Frisur der Opfer festmachten – 2012 machten so in vielen Medien Berichte über eine Mordwelle an "Emos" die Runde ,die wohl auch non-konforme Jugendliche traf, aber nach einer Untersuchung der BBC und von Menschenrechtsorganisationen wohl klar auf Homosexuelle und auch Transpersonen zielte. Opfer wurden teilweise gefoltert und zur Tötung von Hochhäusern gestürzt oder mit Betonsteinen erschlagen.

In Vierteln tauchten damals öffentliche "Todeslisten" auf mit Namen von Menschen, denen angeraten wurde, ihr Verhalten zu ändern – ansonsten müssten sie sterben. Neben fanatischen Milizen seien auch Polizei und Militär an den Säuberungen beteiligt gewesen, so die BBC. Die Organisation Human Rights Watch vermutet, dass nach einer ähnlichen Flugblätter-Kampagne im Jahr 2009 bis zu mehrere hundert Schwule ermordet wurden.

Noch heute komme es zu solchen Morden, berichtet die von einem aus dem Irak nach Schweden geflohenen Aktivisten gegründete Organisation IraQueer. Im Januar seien sieben Menschen aus mutmaßlich ähnlichen Gründen wie Karar getötet worden, sagte Amir Ashour dem US-Magazin "Daily Beast". Gerüchten zufolge hätten sie auf einer "Todesliste" mit 100 Namen gestanden.

Die Probleme der LGBT-Community würden mit dem Fall des "Islamischen Staates" nicht enden, befürchtet Ashour: "Der größte Gegner von LGBT ist die Regierung selbst. Sie bieten uns nicht nur keinen Schutz, sondern sie beteiligen sich an der Verletzung unserer Rechte." Der Staat arbeite mit mörderischen Milizen zusammen und unternehme keine Schritte, Menschen zur Verantwortung zu ziehen, die Homo- und Transsexuelle töteten.

Angela Merkel wird die Rechte von LGBT* beim G20-Gifpel nicht ansprechen!

In vielen G20-Ländern werden LGBT* verfolgt, gefoltert und getötet. Trotzdem will Angela Merkel die Menschenrechte nach nicht ansprechen.

BuzzFeed News - Juliane Löffler

Angela Merkel wird die Rechte von Schwulen und Lesben in anderen Ländern nicht zum Thema beim G20-Gipfel machen. "LGBT-Rechte sind nicht explizit Teil der Gipfelagenda", schrieb ein Regierungssprecher auf Anfrage von BuzzFeed News. Bundespolitiker und Aktivisten fordern von Merkel jedoch, genau das zu tun. Denn in vielen G20-Ländern werden LGBT* verfolgt oder sogar getötet.

"Wenn man Klimafragen verhandelt, gemeinsame Wirtschaftspolitik oder Friedenspolitik, ist es genauso wichtig, dass man auch die Menschenrechte mitverhandelt", sagte der queerpolitische Sprecher der SPD, Johannes Kahrs, im Telefonat mit BuzzFeed News. "Dafür ist der G20-Gipfel da." Auch Vertreter von Linken und FDP erwarten von Merkel eine klare Ansprache der Länder, welche die Rechte von LGBT* einschränken.

In vielen der G20-Länder werden LGBT* von der Regierung diskriminiert und verfolgt. In Saudi-Arabien werden queere Menschen mit dem Tode bestraft, auch in Indien, China, Russland, Indonesien und der Türkei sind LGBT* verboten oder werden streng sanktioniert.

Wie Homosexuelle weltweit verfolgt werden, wurde in den vergangen zwei Monaten mehrfach deutlich. In Tschetschenien sorgte systematische Verfolgung, Verhaftung und Folter weltweit für Aufsehen. Angela Merkel ermahnte Russland Präsidenten Wladimir Putin deshalb bei einem Treffen in Sochi Anfang Mai. Vor wenigen Wochen wurden außerdem Videos aus Indonesien veröffentlicht, in denen zwei Männer wegen ihrer Homosexualität eine öffentliche Folterstrafe von je 85 Stockhieben ertragen mussten.

Erst Ende Juni verboten die türkischen Behörden die jährliche Gay Pride in Istanbul zum dritten Jahr in Folge. Als am 25. Juni trotzdem Aktivist*innen zusammenkamen, um zu demonstrieren, setzte die Polizei Gummigeschosse und Wasserwerfer ein und nahm  Berichten zufolge 30 Menschen fest, darunter auch Presse.

Minderheiten-Rechte sind in der Regel kein Thema auf dem G20-Gipfel, doch mit dem Beschluss für die Ehe für alle hat sich der deutsche Bundestag klar zu den Rechten von LGBT* bekannt. Die Bundesregierung will dies zumindest beim Gipfel selbst dennoch nicht zum Thema machen. "Die Themen möglicher bilateraler Gespräche der Bundeskanzlerin mit anderen Staats- und Regierungschefs können wir nicht vorwegnehmen", schrieb ein Regierungssprecher auf Anfrage.

Der queerpolitische Sprecher der SPD, Johannes Kahrs, hatte Angela Merkel schon bei der Abstimmung zur Ehe für alle in der vergangenen Woche vorgeworfen, sich nicht für die LGBT*-Gemeinschaft einzusetzen.

Europa-Staatsminister und SPD-Bundestagsmitglied Michael Roth nutzte den anstehenden Gipfel, um am Mittwoch erneut auf die Verfolgung Homosexueller in Tschetschenien hinzuweisen.

Sowohl Linkspartei als auch die FDP erwarten von Merkel bei G20 eine klare Positionierung für die Rechte von LGBT*. "Ich erwarte von der Bundeskanzlerin, dass sie die Wahrung und den Schutz der Menschenrechte für LGBTI* auf dem G20-Gipfel in Hamburg, vor allem gegenüber Erdogan, Putin und den Vertretern aus China, Indien und Saudi-Arabien thematisiert", schrieb Harald Petzold, Medien- und queerpolitischer Sprecher der Bundesfraktion die Linke, auf Anfrage von BuzzFeed News.

"Unterdrückung und Diskriminierung von Minderheiten sind stets Angriffe auf die Freiheit der gesamten Weltbevölkerung", schrieb die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Katja Suding in einer E-Mail an BuzzFeed News. "Deshalb müssen alle Länder angesprochen werden, die LGBTI-Rechte einschränken. Davon gibt es leider immer noch zu viele."

Auch Aktivisten wie der Lesben- und Schwulenverband LSVD fordern von Merkel mehr Einsatz für queere Menschen. "Der LSVD erwartet, dass Kanzlerin Merkel Präsident Putin erneut auf die Verfolgung von Homosexuellen in Tschetschenien anspricht und sich über den Stand der Ermittlungen durch die föderale Staatsanwaltschaft in Russland informiert", schrieb LSVD-Pressesprecher Markus Ulrich auf Anfrage von BuzzFeed News. "Merkel muss auf lückenlose Aufklärung der Vorkommnisse sowie die Strafverfolgung für Täter bestehen."

In Hamburg selbst organisiert sich die LGBT*-Gemeinschaft bei einem GAY20-Gipfel. Der Verein Hamburg Pride e.V. wird am Freitag eine Kundgebung abhalten. Dort sprechen unter anderem Volker Beck und eine Vertreterin des Istanbul Pride. Sie rechnen nicht damit, dass Merkel auf den Gipfelgesprächen LGBT*-Rechte ansprechen wird und wollen deshalb zivilgesellschaftlichen Druck aufbauen.

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Grundgesetz und gesellschaftlicher Wandel Das Ehegrundrecht muss mit der Zeit gehen

Frauke Brosius-Gersdorf und Hubertus Gersdorf -  Rechtswissenschaftler – Tagespiegel

Am 30. Juni 2017 hat der Deutsche Bundestag die Einführung der Ehe für alle durch Änderung des Zivilgesetzbuchs (BGB) beschlossen. Während die Ehe bislang im BGB nicht definiert war, lautet die vom Bundestag beschlossene Definition der Ehe nun: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen." Dadurch ist es auch gleichgeschlechtlichen Paaren möglich, zu heiraten.

Diese Einführung der Ehe für alle steht mit dem Grundgesetz in Einklang. Nach Art. 6 des Grundgesetzes stehen die Ehe und die Familie unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung, ohne dass sie dort definiert sind. Zwar dürfte der Verfassungsgeber als Ehe die Gemeinschaft von Mann und Frau vor Augen gehabt haben, weil zur damaligen Zeit gleichgeschlechtliche Beziehungen weder gesellschaftlich noch gesetzlich akzeptiert waren. Männliche Homosexualität war zur Zeit des Inkrafttretens des Grundgesetzes noch strafbewehrt. Jedoch ist der subjektive Wille des Verfassungsgebers dann nicht maßgeblich, wenn er sich nicht in der Norm, d.h. nicht objektiv niedergeschlagen hat. Dies gilt insbesondere für ein normgeprägtes Grundrecht wie das Ehegrundrecht.

Der subjektive Wille des Verfassungsgebers zur damaligen Zeit ist nicht maßgeblich.

Im Gegensatz zu natürlichen Freiheiten gibt es die Ehe im Naturzustand nicht. Ehe ist ein Rechtsinstitut, das vom Gesetzgeber erst geschaffen und ausgestaltet werden muss. Im Rahmen der Ausgestaltung des Ehegrundrechts ist der Gesetzgeber nicht an die Werte und Moralvorstellungen gebunden, die in der Geburtsstunde des Grundgesetzes herrschten. Vielmehr ist der Ausgestaltungsauftrag des Gesetzgebers dynamisch und entwicklungsoffen, d.h., offen auch für Veränderungen der gesellschaftlichen Anschauungen und Werte.

Im Rahmen der Ausgestaltung der Ehe sollte der Gesetzgeber für Veränderungen gesellschaftlicher Werte offen bleiben. 

Während früher die Strafbarkeit von Homosexualität für zulässig erachtet wurde, sieht man heute hierin einen Verstoß gegen die Menschenwürdegarantie des Grundgesetzes. Diesen Wandel darf der Gesetzgeber bei der Ausgestaltung normgeprägter Grundrechte wie des Ehegrundrechts berücksichtigen. Dies hat nichts mit einem Verfassungswandel, sondern mit der Offenheit der Verfassung für gesellschaftlichen Wandel zu tun, auf den der Gesetzgeber reagieren darf. Der Gesetzgeber nimmt insoweit ihm von der Verfassung eingeräumte Regelungsspielräume wahr. Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ist Ausdruck des Regelungsspielraums, den der Gesetzgeber beim normgeprägten Ehegrundrecht besitzt.  


Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ist Ausdruck des Regelungsspielraums, den der Gesetzgeber besitzt.

Gegen die verfassungsrechtliche Zulässigkeit der Ehe für alle spricht auch nicht, dass Art. 6 Grundgesetz Ehe und Familie „in einem Atemzug“ nennt. Die Ehe ist keine Vorstufe der Familie. „Wesensmerkmal“ der Ehe ist nicht die tatsächliche oder potenzielle Fortpflanzungsfähigkeit des Ehepaars. Andernfalls dürften hochbetagte Paare nicht heiraten. Vielmehr handelt es sich bei der Ehe „und“ der Familie in Art. 6 Grundgesetz um zwei verschiedene, voneinander entkoppelte Institute, denen jeweils unterschiedliche Funktionen zu eigen sind. Dementsprechend ist auch anerkannt, dass eine Familie keine Ehe voraussetzt. So bilden nicht verheiratete Paare mit Kind, Alleinerziehende mit Kind und gleichgeschlechtliche Paare mit (Adoptiv- oder Stief-)Kind nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts eine Familie. Ebenso wenig wie die Familie eine Ehe voraussetzt, ist die Ehe eine Vorstufe zur Familie.


Die Ehe ist keine Vorstufe zur Familie. 

Und ein letztes: Soweit das Bundesverfassungsgericht in einigen Entscheidungen die Ehe als Lebensgemeinschaft von Mann und Frau bezeichnet hat, hat es dies nicht im Kontext einer Ausgrenzung gleichgeschlechtlicher Paare getan. Das Bundesverfassungsgericht hat den Verfassungsbegriff der Ehe bislang nicht exklusiv als Verbindung von Mann und Frau gedeutet.

Die Ehe für alle wird einer Überprüfung durch das Bundesverfassungsgericht standhalten.

Fazit: Die Ehe für alle wird einer Überprüfung durch das Bundesverfassungsgericht standhalten. Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare durch den Gesetzgeber nimmt einen gesellschaftlichen Wertewandel auf. Hierzu war der Gesetzgeber berechtigt, weil das Ehegrundrecht ein normgeprägtes Grundrecht ist, bei dessen Ausgestaltung der Gesetzgeber einen weiten Spielraum hat.


Teil der „ HOMO-Heiler „ – Szene??? – Mitteldeutschland - MZ

Jugendamt legt im Fall des Vereins „ LEO „ nach !

Bennungen - Mitteldeutschland

Hat der Verein für Lebensorientierung („Leo“) Homosexualität als Krankheit eingeordnet und sie gar versucht zu heilen? Diese Vorwürfe stehen seit einiger Zeit im Raum.

Kann der Verein für Lebensorientierung („Leo“) aus der freien Trägerschaft in der Jugendhilfe ausgeschlossen werden?

Um sie zu klären, hat nun das Jugendamt des Landkreises Mansfeld-Südharz Anfang Juni erneut einen Fragenkatalog an die Verantwortlichen von „Leo“ geschickt. Dadurch will der Jugendhilfeausschuss überprüfen, ob „Leo“ erneut aus der freien Trägerschaft in der Jugendhilfe ausgeschlossen werden kann. „Ich hoffe, dass die Antworten konkret genug sind, dass sie einen zweiten Ausschluss von ,Leo’ rechtfertigen“, sagt Markus Kowalski, Autor des Blogs „Leo Watch“, der sich mit einer möglichen Homophobie von „Leo“ beschäftigt.

Bereits im Dezember hatte der Jugendhilfe-Ausschuss des Landkreises gefordert, einen erneuten Ausschluss von „Leo“ aus der freien Trägerschaft zu prüfen, weil die Enthüllungen zur versuchten „Homo-Heilung“ nach wie vor im Raum stehen. Doch es kam nur zu einer allgemeinen schriftlichen Anfrage.

Nach dem MZ-Bericht und der Veröffentlichung auf Kowalskis Blog bohrt das Jugendamt nun doch nach - diesmal nicht nur an den Vereinsvorsitzenden, sondern an alle Mitglieder des Vorstands persönlich. Die Fragen beziehen sich nun konkret auf den Verdacht, dass Mitglieder und Verantwortliche von „Leo“ diskriminierende Angebote zur „Heilung“ von Homosexualität machen. Fragen wie „Halten Sie als Mitglied des Vorstandes Homosexualität für eine Krankheit?“ oder „Bietet oder bot ,Leo’ sogenannte Konversations- und Reparativtherapien an?“, müssen mit Ja oder Nein angekreuzt werden. Es gibt aber auch offene Fragen wie „Halten Sie die Sexualität eines Menschen für veränderbar, wenn ja, dann wie?“

Insgesamt zehn Fragen sollen bis zum 10. Juli beantwortet werden. Auf Basis der Antworten will der Jugendhilfeausschuss im August über die Rechtmäßigkeit eines zweiten Ausschlusses entscheiden. „Die Antworten sind auch schon eingegangen“, sagt Landkreis-Sprecherin Michaela Heilek. „Die Prüfung dauert allerdings noch an.“

Foto - Instagram

Fernsehbericht deckt auf: Zweiter Vorsitzender Stephan Brückner bietet Konversationstherapien an

„Ich dränge natürlich auf einen zweiten Ausschluss“, sagt Kowalski, der das Thema schon seit dem Jahr 2014 begleitet. „Nach allen Informationen, die mir vorliegen, könnte das auch klappen.“ Die Fragen seien allerdings schon so konkret, dass er optimistisch sei, dass die Wahrheit ans Licht gerate, sagt Kowalski. „Allerdings muss auch ein politischer Wille sichtbar sein“, fügt er an. Kowalski fühlt sich in seinem Engagement bestätigt, seit in einem Fernsehbeitrag nachgewiesen wurde, dass auch Stephan Brückner, Arzt und zweiter Vorsitzender des „Leo“, so genannte Konversationstherapien anbietet. Sie widersprechen all dem, was der aktuelle Stand der Wissenschaft zum Thema Homosexualität ist. „Diese Enthüllung zeigt, dass es eben nicht nur Bernhard Ritter ist, der diese Pseudo-Methoden anbietet, sondern dass sich bei „Leo“ weitere Leute als Anhänger dieser unwissenschaftlichen Praktiken versammeln“, sagte Kowalski bereits im Mai.

Bereits 2014 hatte der Jugendhilfeausschuss den Verein ausgeschlossen. Das allerdings hatte das Verwaltungsgericht in Halle revidiert. Unter anderem hatten die Richter die vorgelegte Begründung als nicht ausreichend erachtet. Im vergangenen Jahr verzichtete man auf eine Berufung gegen dieses Urteil, wonach „Leo“ wieder ein Träger der Jugendhilfe sein darf. Man fühlte sich unzureichend vorbereitet. (mz)


Staatliche Homophobie

China ordnet Zensur von Homosexualität im Internet an

Die kommunistische Regierung des Landes verbietet die Darstellung von gleichgeschlechtlicher Liebe in Online-Videos.

China hat am Freitag angeordnet, dass alle der in der Volksrepublik zugänglichen Online-Videos keine "abnormalen" sexuellen Aktivitäten mehr behandeln dürfen, was auch jegliche Darstellung von Homosexualität oder gleichgeschlechtlichen Beziehungen beinhaltet. Das berichtet die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Als "abnormal" gelten neben Homosexualität auch Inzest und sexuelle Gewalt.

Das Verbot ist Teil von strengen Auflagen bei audiovisuellem Online-Material, die vom staatlich kontrollierten Verband der Internetindustrie (CNSA) erlassen wurden. Nach Xinhua-Angaben müssten alle Videos "politische und ästhetische Standards" erfüllen. Chinesische Firmen werden zudem aufgefordert, "sozialistische Werte und die chinesische Kultur zu fördern".

Die Bestimmungen enthalten eine lange Liste von verbotenen Themen. Dazu gehöre alles, was dem "nationalen Interesse" schade, "revolutionäre Anführer" kritisiere, "religiösen Extremismus" fördere oder pornografisch sei. Auch die positive Darstellung von Gewalt, Mord, Glücksspiel, Drogen oder "Aberglaube" wie Reinkarnation sei untersagt. Zudem dürfe nichts gezeigt werden, was zur "leichtsinnigen und blinden Verehrung" von Prominenten verführe.

Foto - pinterest.de

"Mindestens drei Profi-Zensoren" pro Video notwendig

Um die umfassende Überwachung zu erreichen, müssten Video-Platformen in China jedes Video vor der Veröffentlichung von "mindestens drei Profi-Zensoren" bewerten lassen. Diese müssten laut den Vorschriften alle Videos von der ersten bis zur letzten Sekunde betrachten, bevor sie entscheiden könnten, ob die Videos ungekürzt online gehen dürften.

Li Yinhe, einer der bekanntesten Sexualwissenschaftlerinnen der Volksrepublik, kritisierte nach Angaben der britischen Zeitung "Independent" die neuen Vorschriften scharf. Diese verletzten das Recht von sexuellen Minderheiten, "ihre sexuelle Präferenz zum Ausdruck zu bringen", erklärte die 65-Jährige.

China bekämpft bereits seit längerem die Darstellung von Homosexualität im öffentlichen Leben. Im vergangenen Jahr war etwa die Darstellung von homosexuellen Beziehungen in fiktionalen Fernsehserien untersagt worden. Auch bei diesem Verbot wurde Homosexualität vom verantwortlichen Industrieverband in eine Reihe mit Inzest und sexueller Gewalt gestellt.

Die gleichgeschlechtliche Liebe gilt trotz mancher Liberalisierungstendenzen in den letzten Jahrzehnten in China noch immer als Tabu. Analverkehr zwischen Männern wurde zwar 1997 legalisiert, 2001 wurde Homosexualität außerdem von der Liste der Geisteskrankheiten gestrichen. Allerdings trauen sich die meisten Schwulen und Lesben nicht, sich zu outen. Laut einer Studie der Universität Peking halten mehr als 85 Prozent der Homosexuellen ihre sexuelle Orientierung vor ihren eigenen Familien geheim. Mehr als die Hälfte derjenigen, die sich geoutet haben, berichten von Diskriminierungen als Folge des Coming-outs. (dk – queer.de )


Hauptsache Liebe

Kommentar von Matthias Drobinski – SZ.de

Die Ehe für alle nimmt den heterosexuellen Ehen nichts und gibt den homosexuellen Paaren alles. Eines Tages wird man staunen, dass man das je anders gesehen hat.

Es erstaunt, welchen Wert hierzulande die Ehe hat, im Zeitalter der Vorläufigkeit und Bindungsangst. Mehr als 400 000 werden pro Jahr in Deutschland geschlossen, Tendenz steigend. Und die Hälfte davon hält ein Leben lang, trotz aller Krisen, Verteilungskämpfe, Gesichtsfalten und Sex-Debatten, obwohl Kinder ins Leben brechen und es irgendwo immer einen attraktiveren Partner geben könnte.

Homosexuellenverbände und Politiker wie Volker Beck haben quasi ein Leben lang dafür gekämpft, dass diese Ehe auch Schwulen und Lesben offensteht, eine Ehe mit allen Rechten, Pflichten, Himmelsahnungen und Katastrophen - die spätpubertäre These vieler Linker widerlegend, dass dies alles doch nur ein spießbürgerliches Relikt sei. Die Ehe hat wahrlich schon schlechtere Zeiten erlebt.

Foto - SZ.online.de

Nun ist, nach einer denkwürdigen Parlamentswoche, tatsächlich der Tag gekommen, an dem sich diese Ehe auch Schwulen und Lesben geöffnet hat. Es war, gemessen an der historischen Bedeutung des Schrittes, ein eher banaler Vorgang. Es brauchte eine taktische Panne der Kanzlerin und eine SPD, die den Kairos, den Gott der Gelegenheit, am Haarschopf ergriff .Es gab am Freitag um acht Uhr nur 45 Minuten Debatte, in der zum Glück Polemik und Häme weitgehend fehlten. Dann die Abstimmung: Auch 75 Abgeordnete der Union waren dafür, , die Sache war beschlossen.

Deutsche Kirchen reagieren zurückhaltend

Das entspricht der Stimmung im Land, wo die Ehe für alle weithin als überfällig angesehen wird und allenfalls das Tempo der Entscheidung und ihre Nähe zur Bundestagswahl Stirnrunzeln erzeugt. Der Protest dagegen war leise geblieben und trug manchmal resignative Züge.

Die Evangelische Kirche in Deutschland erklärt nun, dass die Ehe für alle den heterosexuellen Paaren nichts wegnehme, sondern vielmehr die Ehe insgesamt stärke. Nur die katholische Kirche besteht darauf, dass eine Ehe die auf Dauer ausgelegte und für Kinder offene Verbindung von Mann und Frau ist. Doch auch hier blieb die Wortwahl vorsichtig. In Spanien oder Frankreich haben katholische Bischöfe zu Massendemos gegen die Ehe für Schwule und Lesben aufgerufen - in Deutschland erscheint das undenkbar.

Jener Teil des Konservatismus, der hinter der Ehe für alle den ultimativen Durchbruch des Gender-Wahnsinns sieht, mag das als feige empfinden und sich nach jener gar nicht so fernen Zeit zurücksehnen, da Papst Benedikt XVI. die Homo-Ehe als "Zerstörung von Gottes Werk" bezeichnete. Der Grund für die Zurückhaltung liegt aber tiefer: Auch viele tief katholische Menschen akzeptieren nicht mehr, dass Homosexualität der Natur des Menschen widersprechen und dass deshalb die Lebenspartnerschaft von Schwulen und Lesben einen unaufhebbaren Makel haben soll - egal, wie sehr sich die Partner lieben und achten. Und ebenso wenig glauben viele tief katholische Menschen noch, dass Gottes gute Schöpfung ausgerechnet daran zugrunde gehen soll, dass sich in Deutschland pro Jahr ein paar Tausend schwule und lesbische Paare das Jawort fürs Leben geben.

Das ist nicht der Aufbruch ins Zeitalter der Beliebigkeit. Die Ehe für alle zeigt aber, wie sehr sich im Bereich von Ehe und Familie, Kinderkriegen und Kindererziehen das Verhältnis von Naturrechtsdenken und Sozialethik verschoben hat. Als dem Wesen des Menschen gemäß erscheint mittlerweile, dass er nach verlässlicher Partnerschaft strebt und dass Kinder dort in Liebe und Sicherheit aufwachsen. Dass sich Mann und Frau verbinden und Kinder zeugen, gilt zwar als Normalfall, aber nur noch als eine von mehreren Möglichkeiten, eine Ehe zu leben.



Deshalb ist es gut, dass es nun ein Gesetz gibt, dass diesem Wandel Rechnung trägt. Es nimmt den heterosexuellen Ehen nichts und gibt den homosexuellen Paaren endlich die volle Anerkennung ihres Jaworts zueinander. Wahrscheinlich wird man sich einmal wundern, dass man das je anders gesehen hat - so wie man heutzutage staunt, dass Frauen einst ihren Mann um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten.

Die Abgrenzungsdebatten sind noch lange nicht vorbei

Die Zweifelsfälle des Zusammenlebens werden allerdings nicht verschwinden. Die Ehe für alle ist eben nicht für alle, sondern auf Zweierbeziehungen nicht verwandter Menschen begrenzt. Die Fragen werden kommen: Warum soll nicht das Brüderpaar heiraten und sich um adoptierte Kinder kümmern? Warum nicht die beiden lesbischen Frauen und der Mann, der biologischer Vater ihres Kindes ist - und wenn ja, warum nicht der Muslim und seine beiden Frauen?

Die Abgrenzungsdebatten und die Frage, was denn nun die Natur der Ehe ist, wird auch die "Ehe für alle" nicht loswerden. Es werden sich die Debatten verschärfen, die schon jetzt ums Kinderkriegen jenseits der natürlichen Zeugung kreisen: Ist es gut, um jeden Preis ein Kind zu wollen, per Adoption auf grauen Wegen, über die Qual der künstlichen Befruchtung, indem sich ein reiches schwules Paar eine arme Leihmutter aus Indien besorgt?

Verfassungsgericht soll Ehe für alle prüfen

Vielfältige Gesellschaften sind komplizierte Gesellschaften, auch daher rührt das Unbehagen mancher Menschen an der Ehe für alle. Man sollte dies nicht einfach als reaktionär abtun. Und ja, es sollte auch das Verfassungsgericht die Ehe für alle prüfen; schon allein um der Rechtssicherheit willen, die solche Verbindungen brauchen.

Vor allem aber wird sich verstärkt zeigen: Je weniger der Staat definieren kann, was die Ehe ist, umso stärker wird die Leere spürbar sein, die dieser Rückzug bewirkt. Seit 40 Jahren  maßt sich der Gesetzgeber nicht mehr an, den Schuldigen an einer Trennung zu benennen; nun verzichtet er darauf, die sexuelle Orientierung zum Kriterium dafür zu nehmen, ob zwei Menschen heiraten dürfen oder nicht.

Er beschränkt sich nun darauf, einen Rechtsrahmen zu setzen, der die Finanzen klärt, den Schwächeren vor dem Stärkeren schützt und Regeln fürs Auseinandergehen aufstellt. Der Staat kann diesen Rahmen im Grunde gar nicht füllen. Seine Repräsentanten können von Treue, Verlässlichkeit und dem "Ja" zum Kind reden. Sie können dies alles weder verlangen noch produzieren. Den Rahmen füllen müssen andere. Vor allem: die Eheleute selber - egal, ob homo- oder heterosexuell.


Störfeuer von Union und AfD - (mize – Queer.de)

Ehe für alle: Innenminister sieht „massive Probleme“ bei Umsetzung

Immer mehr Politiker von CDU/CSU wollen gegen die Eheöffnung klagen. Die AfD will auch nach Karlsruhe ziehen, kann's aber gar nicht. Ihr Kandidat Nicolaus Fest wettert gegen "Päderastie für alle".

Scheinheiliger geht's nicht: Unions-Fraktionschef Volker Kauder fürchtet bei einer Klage gegen die Ehe für alle vor dem Bundesverfassungsgericht eine Verunsicherung der Betroffenen. "Wir haben einen unguten Schwebezustand", sagte der Gleichstellungsgegner der Nachrichtenagentur AFP. Schuld daran seien jedoch nicht etwa seine Kollegen aus CDU und CSU, die lautstark den Gang nach Karlruhe fordern, sondern SPD, Linke und Grüne. Die Befürworter der Ehe für alle hätten "eine breitere Debatte anstreben sollen, anstatt schnell einen recht unausgegorenen Gesetzentwurf mal eben schnell aus dem Rechtsausschuss zu holen".

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sieht Erfolgschancen bei einer Verfassungsklage gegen die Ehe für alle. Er habe im Bundestag gegen das Gesetz gestimmt, da aus seiner Sicht als Jurist dafür eine Änderung des Grundgesetzes nötig wäre, sagte er gegenüber der "Bild am Sonntag". Zudem sei die Ehe für ihn "eine Verbindung zwischen Mann und Frau".


Der Innenminister warnte zudem davor, dass das Gesetz "nicht ohne Weiteres umsetzbar" sei, weil eine Reihe von Folgeregelungen fehlten. So sei unklar, ob und wie eingetragene Lebenspartnerschaften in Ehen umgewandelt würden. "Es wird massive Probleme bei der Umsetzung geben, die man dann hinterher reparieren muss", prophezeite der CDU-Minister.

Panikmache und heiße Luft

Hinter dieser Warnung steckt jedoch entweder Panikmache – oder das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit. Das vom Bundestag beschlossene Gesetz ist in der Frage der Umwandlung eindeutig: "Eine Lebenspartnerschaft wird in eine Ehe umgewandelt, wenn zwei Lebenspartnerinnen oder Lebenspartner gegenseitig persönlich und bei gleichzeitiger Anwesenheit erklären, miteinander eine Ehe auf Lebenszeit führen zu wollen", heißt es darin. "Die Erklärungen können nicht unter einer Bedingung oder Zeitbestimmung abgegeben werden. Die Erklärungen werden wirksam, wenn sie vor dem Standesbeamten abgegeben werden." Das sollte sich doch organisieren lassen.

Die Stimmen in der Union, die eine Klage in Karlsruhe fordern, werden unterdessen immer lauter: Armin Schuster, Obmann der CDU im Innenausschuss, erklärte gegenüber der "Heilbronner Stimme", dass er diesen Schritt unterstütze: "Die Ehe aus Mann und Frau ist ein nicht dem Zeitgeist unterliegendes Institut mit Ewigkeitsgarantie, nur aus ihr entsteht neues Leben". Die Eheöffnung sei grundgesetzwidrig und bedürfe einer Verfassungsänderung, erklärte auch der Justiziar der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), der "Passauer Neuen Presse".

Bundesinnenminister Thomas de Maizière fühlt sich von der Umsetzung der Ehe für alle überfordert. Der CDU-Politiker stimmte im Bundestag gegen das Gesetz (Bild: Pressefoto)


Im Deutschlandfunk sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU): "Ich glaube auch angesichts einer festen Rechtsprechung des Verfassungsgerichtes bisher, dass Ehe eben die Verbindung von Mann und Frau ist – das ist verfassungsgerichtlich feste Rechtsprechung." Diese Auffassung sei auch "über viele Jahrhunderte in der europäischen, in der Menschheitsgeschichte völlig unbestritten selbstverständlich" gewesen.

Gegen die Ehe für alle klagen könnte ein Viertel der Mitglieder des Deutschen Bundestages oder eine Landesregierung. Eine entsprechende Normenkontrollklage in Karlsruhe müsste also beispielsweise von mindestens 158 Abgeordneten getragen werden – gegen die Ehe für alle stimmten 225 Unions-Politiker. Wahrscheinlicher erscheint eine Klage der bayerischen CSU-Alleinregierung. Von den 56 CSU-Abgeordneten im Bundestag stimmten nur sieben für die Ehe für alle.

Die Aussichten auf Erfolg einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wird von der Mehrheit der Staatsrechtler allerdings als gering eingeschätzt. Sie glauben nicht, dass Karlsruhe sich dem gesellschaftlichen Wandel widersetzt und sehen die Ausgestaltung des Rechtsinstituts der Ehe als Aufgabe des Gesetzgebers. Zudem erkannten die höchsten Richter bereits im Jahr 2008 gleichgeschlechtliche Ehen nach der Geschlechtsanpassung eines transsexuellen Partners an.

Auch die AfD will klagen – kann es aber gar nicht


Die Gleichstellung lesbischer und schwuler Paare möchte am liebsten auch die AfD in Karlsruhe kippen: "Wir prüfen derzeit eine Klage beim Bundesverfassungsgericht", erklärte Spitzenkandidat Alexander Gauland gegenüber der "Bild am Sonntag". "Ich bin für einen solchen Schritt. Die Ehe für alle bedeutet eine Wertebeliebigkeit, die unserer Gesellschaft schadet."

Da eine Normenkontrollklage aber nur von der Bundesregierung, einer Landesregierung oder einem Viertel der Mitglieder des Bundestages eingereicht werden kann, ist Gaulands Drohung nur heiße Luft. Selbst für eine individuelle Verfassungsbeschwerde müsste ein Kläger nachweisen, dass er durch die Ehe für alle in seinen eigenen Grundrechten verletzt wird – das dürfte schwierig werden.

Parallel überschlägt sich die homophobe Hetze aus der AfD in den sozialen Netzwerken: Nach AfD-Pressesprecher Christian Lüth, der Volker Beck auf Twitter mit einem Gorilla verheiraten wollte, legte AfD-Bundestagskandidat Nicolaus Fest in einem Youtube-Video nach. Das Adoptionsrecht für Lesben und Schwule nannte der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der "Bild am Sonntag" darin "Familie nachspielen" – und setzte die Ehe für alle mit "Päderastie für alle" gleich: "Vor allem jedoch für eine Gruppe ist die Ehe für alle super: Für Päderasten. Sie können sich zu Paaren zusammentun und Knaben adoptieren.


Reaktion auf Verfolgungswelle

Berlin nimmt fünf homosexuelle Tschetschenen auf

In Tschetschenien waren in den letzten Monaten über 100 Männer wegen angeblicher Homosexualität verschleppt und gefoltert worden, einige starben

In Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt hat der Senat fünf Betroffenen ein humanitäres Visum erteilt.

Auf Grund der "massiven Verfolgungswelle von Homosexuellen in Tschetschenien" hat sich Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) bereit erklärt, fünf besonders Gefährdeten in einem besonderen Verfahren schnell und unbürokratisch in der Hauptstadt Schutz zu gewähren.

Wie die Senatsverwaltung in einer Stellungnahme erklärte, erfolge die Aufnahme in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt aus dringenden humanitären Gründen. Zu der Entscheidung sagte Innensenator Andreas Geisel: "Diese Menschen wurden allein auf Grund ihrer sexuellen Orientierung auf besonders grausame Weise verfolgt, erpresst und misshandelt. Ich möchte mit der Aufnahme ein aktives Zeichen gegen Homophobie und Folter setzen. Ich bin zuversichtlich, dass die Tschetschenen in unserer Stadt die nötige Unterstützung und Betreuung bekommen, die sie benötigen."

Grundlage für die Aufnahme der fünf Personen aus Tschetschenien ist § 22 Satz 1 Aufenthaltsgesetz. Demnach kann einer Ausländerin oder einem Ausländer für die Aufnahme aus dem Ausland aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden.


Mehrere EU-Staaten halfen bei der Flucht

Im Juni hatte Deutschland den ersten Mann aufgenommen, der vor der Verfolgung in der autonomen Teilrepublik geflohen war. Auch dieser Aufnahme waren ausführliche Gespräche in der russischen Botschaft in Moskau in Zusammenarbeit mit dem russischen LGBT Network voraus gegangen. Auch andere Länder, überwiegend aus der EU wie Frankreich und Litauen sowie einige nicht öffentlich genannte, hatten so Betroffenen geholfen – in einem leicht bürokratischen, aber auch seltenen Verfahren.



Das LGBT Network konnte über 50 Menschen bei der Flucht aus der Region helfen und teilweise in Notunterkünften unterbringen. Der Verband versucht, die Männer ins Ausland zu vermitteln – die Gefahr, ansonsten durch Verwandte oder Behörden weiter verfolgt zu werden, sei groß, gerade weil etwa für die Aufnahme einer Arbeit die neue Adresse nach Grosny gemeldet würde.

Die Dunkelziffer der Betroffenen und privat Geflüchteten dürfte höher liegen – sie könnten auch privat auf andere Wege versuchen, in ein EU-Land zu kommen, um dort einen Asylantrag zu stellen. Bereits in den letzten Jahren hatte mehrere LGBTI-Flüchtlinge aus Tschetschenien wie aus Russland in Deutschland Anträge gestellt – einige von ihnen wurden inzwischen anerkannt, einige auch abgelehnt.

Im Frühjahr war bekannt geworden, dass in Tschetschenien über 100 Männer wegen des Verdachts der Homosexualität in mehrere inoffizielle Gefängnisse verschleppt und dort gefoltert worden sind, um die Namen weiterer Schwule preiszugeben. Einige Menschen starben dabei oder wurden später durch Verwandte getötet.


Homophobie – Deutsche Welle

Homosexuelle aus Balkan-Ländern: "In Deutschland haben wir keine Angst"

Auf dem Balkan gehört die Angst vor Gewalt und Diskriminierung für Angehörige der LGBTI-Gemeinschaft zum Alltag. Homosexuelle Paare halten ihr Liebesleben geheim. Haris und Lazar haben sogar ihre Heimatländer verlassen.

Haris und Lazar (Namen von der Redaktion geändert) sind seit zweieinhalb Jahren zusammen. Früher lebte einer in Sarajevo und der andere in Belgrad. In Bosnien-Herzegowina und Serbien mussten sie ihre Beziehung verstecken. "Würden unsere Familien davon erfahren, wären wir dort eine Schande für sie", erklärt Haris. Das war einer der Gründe, warum beide sich entschlossen haben, ihre Heimat zu verlassen.

"Von unseren Familien kam nie Unterstützung. Oft haben sie nebenbei gesagt, dass sie keinesfalls einen schwulen Sohn möchten. Für sie ist es noch immer am wichtigsten, was die Nachbarn über einen erzählen und denken", sagt der 25-jährige Haris. Wegen solcher Kommentare wagte er es nie, mit den Eltern über seine Homosexualität zu sprechen.

Ähnlich war es auch bei Lazar, und so beschlossen die beiden, nicht in einer Umgebung zu bleiben, in der sie nicht akzeptiert werden und ständig in Angst leben müssen. Vor einem Jahr zogen sie nach Frankfurt am Main.


Gewalttätige Übergriffe 

In Bosnien-Herzegowina wurde noch nie eine Gay Pride Parade organisiert. Selbst viele kleinere Veranstaltungen mit einem Queer-, Gay- oder LGBTI-Bezug (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle) wurden durch gewalttätige Übergriffe unterbrochen. Zum Beispiel ein Queer Festival in Sarajevo 2008, oder sechs Jahre später das Queer-Filmfest "Merlinka". Die mutmaßlichen Täter wurden zwar vorübergehend festgenommen, bald darauf aber wieder freigelassen. Zu einer Anklage kam es nie.

Als im Mai das Offene Zentrum Sarajevo (SOC), das sich für LGBTI-Rechte einsetzt, einen Marsch für Menschenrechte veranstalten wollte, scheiterte das Vorhaben an den Behörden. Sie stellten eine Genehmigung zu spät aus, so dass die erforderlichen Sicherheitsbestimmungen nicht erfüllt werden konnten. "Das erweckt den Eindruck, dass Homophobie und Transphobie in Bosnien toleriert werden", schreibt das SOC in einer Presseerklärung.

In Deutschland sind Haris und Lazar eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen

"Eltern misshandeln ihre homosexuellen Kinder" 

Dem "Pink Bericht" des SOC zufolge haben 2016 die Fälle von häuslicher Gewalt gegen LGBTI-Personen zugenommen. Auch an Schulen wird die Homophobie immer stärker. 

"Eltern misshandeln oft ihre homosexuellen Kinder - körperlich und seelisch. Sie schließen sie im Haus ein und versuchen, sie unter Zwang zu 'heilen', wie sie es nennen. Häufig sind auch die Geschwister daran beteiligt", sagt SOC-Geschäftsführerin Emina Bošnjak. An Schulen komme es zu Gewalt durch Mitschüler als Mittel zur Demütigung und Einschüchterung gegen alle, die sich nicht den traditionellen Gesellschaftsrollen anpassen: "LGBTI-Kinder und Jugendliche sind dementsprechend sehr oft Opfer von Homo- und Transphobie."

Gesetze werden nicht immer eingehalten

Solche Erfahrungen haben auch Lazar und Haris gemacht. Allerdings sei es für Homosexuelle in Serbien etwas leichter als in Bosnien-Herzegowina: "In Belgrad gibt es viele Gay Clubs, und auch die Gay Pride Parade findet dort statt, wenn auch nur mit einem großen Polizeiaufgebot", sagt Lazar.

In Serbien gelten Gesetze zum Schutz der Menschenrechte von LGBTI-Personen. Doch oft bleibe es nur bei "leeren Worten", kritisiert Jelena Vasiljević von der Organisation "Labris" in Belgrad, die sich für die Rechte von Lesben einsetzt.

"Trotz einer Homosexuellen an der Spitze der serbischen Regierung (der neuen Premierministerin Ana Brnabić) und trotz der geltenden Gesetze, die Diskriminierung und Gewalt verbieten, gibt es immer noch viele Fälle von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen, die ungeahndet bleiben", sagt Vasiljević.

Die LGBTI-Gemeinschaft lebt nicht auf einer Insel 

Weder in Serbien noch in Bosnien-Herzegowina gibt es bisher Gesetze, die gleichgeschlechtliche Ehen oder Lebenspartnerschaften ermöglichen. Allerdings erwartet man in Serbien viel von der neuen Regierung. "Wir hoffen, dass während der Amtszeit der neuen Premierministerin das Gesetz zur Einführung von eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften beschlossen wird und dass die serbische Regierung viel mehr auf die Probleme von LGBTI-Personen achtet", sagt Vasiljević.

In Bosnien-Herzegowina ist man davon allerdings noch weit entfernt: Das Thema ist noch gar nicht auf der Tagesordnung der Regierung. "Es gibt einige positive Veränderungen, aber es fehlt die Erkenntnis, dass die LGBTI-Gemeinschaft nicht auf einer Insel lebt, sondern in der Mitte der Gesellschaft. Sie braucht nicht nur Schutz vor Diskriminierung und Gewalt, sondern hat auch eigene Bedürfnisse in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und bei der Arbeit", sagt Emina Bošnjak.

Lazar und Haris haben nicht auf die volle Gleichberechtigung gewartet. Sie sind nach Deutschland gezogen und leben in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. "Hier können wir ohne Angst unsere Liebe auf der Straße zeigen, uns küssen oder an den Händen halten. Vielleicht können wir eines Tages sogar Kinder adoptieren", sagt Lazar, und wirkt dabei fröhlich. Allerdings mussten sie ihr Glück und ihre Sorglosigkeit mit dem Verlust der Heimat bezahlen. Und trotz allem wollen sie lieber anonym bleiben: Wegen ihrer Familien glauben sie, es sei immer noch zu riskant, sich öffentlich zu ihrer Homosexualität zu bekennen


"Ehe für alle"

Das müssen Sie zur homosexuellen Ehe in Deutschland und der Welt wissen

Bundeskanzlerin Merkel hat ihre Meinung zur Ehe für alle geändert. Eine Gleichstellung homosexueller Paare mit heterosexuellen scheint nun in greifbarer Nähe. Doch wie sieht überhaupt der aktuelle gesetzliche Stand in Deutschland aus und welche Regelungen gibt es dazu in anderen Ländern?

Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel stellt einen Kurswechsel zur "Ehe für alle" in Aussicht. Sie strebe eine Gewissensentscheidung im Bundestag an, ob Homosexuelle auch bei der Ehe völlig gleichgestellt werden sollen, sagte sie am Montagabend in Berlin. Zuvor hatten SPD, Grüne, Linke und FDPdie völlige Gleichstellung von homosexuellen bei der Ehe zur Bedingung für eine Koalition gemacht. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) beantwortet einige Fragen zum Thema gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, "Homo-Ehe" und "Ehe für alle".

Wie wird Homosexualität weltweit bewertet?

1990 beschloss die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten zu streichen. In vielen westlichen Ländern wurden bereits in den späten 60ern oder 70er Jahren die Paragrafen abgeschafft, laut denen Homosexualität strafbar war. Das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität ist zumindest in Westeuropa kein Tabu mehr. Trotzdem werden in vielen Ländern, zum Beispiel in Russland i, Schwule und Lesben weiter diskriminiert. In anderen Teilen der Welt gelten gleichgeschlechtliche Beziehungen immer noch als illegal, besonders in Afrika und in einigen arabischen Ländern.

Foto - Gruene.de

Wie sieht die rechtliche Situation homosexueller Partnerschaften in der EU aus?

In 14 EU-Ländern können Homosexuelle mittlerweile die Ehe eingehen. 1989 erlaubte Dänemark als erstes Land standesamtlich registrierte Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare. 2001 waren es die Niederlande, die als weltweit erster Staat die "Homo-Ehe" auf den Weg brachten. Zwei Jahre später folgten Belgien und Spanien, später Norwegen, Schweden, Portugal, Dänemark, Frankreich, Luxemburg, Slowenien und Großbritannien (mit Ausnahme von Nordirland).

2015 und 2016 erlaubten auch die katholisch geprägten Länder Irland (nach einer Volksabstimmung) und Italien die "Homo-Ehe"; dort gibt es allerdings Einschränkungen beim Adoptionsrecht. Als vorerst letztes Land folgte im März 2017 Finnland. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied 2016, dass die "Homo-Ehe" kein Menschenrecht sei. Staaten in Europa haben demnach das Recht, die Gleichstellung zu verweigern und die Ehe als exklusives Rechtsinstitut für Mann und Frau zu definieren.

Und was besagt das Recht in Deutschland?

2001 hat die rot-grüne Koalition für homosexuelle Paare die Möglichkeit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft durchgesetzt. Diese sichert ihnen ähnliche Rechte wie Heterosexuellen zu, zum Beispiel die Option auf einen gemeinsamen Namen oder bestimmte Versorgungsregelungen bei Trennung oder Tod. Wichtige Regelungen wie das Besuchsrecht in Krankenhäusern und das Aufenthaltsrecht für Nicht-Deutsche in binationalen Partnerschaften wurden eingeführt. Das Bundesverfassungsgericht forderte in den vergangenen Jahren in mehreren Urteilen eine steuerliche Gleichstellung, etwa die Gewährung des Familienzuschlags für verpartnerte Beamte sowie die Abschaffung von Ungleichheiten bei der Erbschafts- und Grunderwerbssteuer.

Wo bestehen weiter rechtliche Unterschiede zwischen Lebenspartnerschaft und Ehe?

Der größte Unterschied besteht beim Adoptionsrecht: Homosexuelle Lebenspartnerschaften können bislang nicht gemeinsam ein Kind adoptieren. Seit 2005 kann allerdings ein Partner leibliche Kinder des anderen annehmen; diese sogenannte Stiefkind Adoption ist der häufigste Fall bei Adoptionen. Seit 2014 haben eingetragene Lebenspartnerschaften auch das Recht auf eine Sukzessiv Adoption. Das heißt, sie dürfen nach einer bestimmten Frist ein Kind adoptieren, das einer der Partner bereits adoptiert hat.

Foto - Mainpost.de

Was hat die Bundesregierung bislang getan?

Im Koalitionsvertrag sprachen sich 2013 Union und SPD allgemein gegen eine Diskriminierung Homosexueller aus. Rechtliche Regelungen, die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften schlechter stellen, sollten in allen gesellschaftlichen Bereichen beseitigt werden. 2015 wurden in einem Gesetzentwurf von Justizminister Heiko Maas (SPD) in 23 verschiedenen Gesetzen und Verordnungen die Vorschriften für die Ehe auf Lebenspartnerschaften ausgedehnt. In den vergangenen Wochen machten SPD, Grüne, Linke und FDP die völlige Gleichstellung von homosexuellen bei der Ehe zur Bedingung für eine Koalition nach der Bundestagswahl.

Wie sehen die christlichen Kirchen allgemein gleichgeschlechtliche Paare?

Nach katholischem Verständnis ist die Ehe ein Sakrament, das nur zwischen einer Frau und einem Mann geschlossen werden kann. Auch eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare wird weithin abgelehnt. Die evangelische Kirche betont, dass die Segnung nicht mit der christlichen Trauung´ zu verwechseln sei. In einer Vielzahl der Landeskirchen sind Segnungen nach Genehmigung durch die Kirchengemeindeleitung und den Ortspastor möglich. Altkatholische Kirchen ermöglichen ebenfalls die Segnung der Paare.

Und warum ist die katholische Kirche gegen die "Ehe für alle"?

Der Familienbischof der Bischofskonferenz, der Berliner Erzbischof Heiner Koch, betont, eine "Ehe für alle" wäre ein Bruch mit einem Jahrhunderte alten Eheverständnis und würde eine qualitative Neuausrichtung des Begriffs Ehe bedeuten. Diese Position der Bischöfe sei "keinesfalls homophob motiviert", sagte Koch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Eine Unterscheidung zwischen Ehe und einem Rechtsinstitut für gleichgeschlechtliche Paare bedeute keine Diskriminierung, ganz im Gegenteil werde so "der Unterschiedlichkeit der Lebensformen adäquat Rechnung getragen".

Für die Kirche sei die Ehe die lebenslange Verbindung von einem Mann und einer Frau mit prinzipieller Offenheit für die Weitergabe von Leben. Eine Öffnung des Ehebegriffs könne eine Spaltung des Verständnisses von Ehe herbeiführen und "zu einer allgemeinen und nicht zuletzt rechtlichen Verwirrung" beitragen.


Gay Marriage Nears Legalization – Handelsblatt Global

A political showdown between German Chancellor Angela Merkel and her Social Democrat rival Martin Schulz has suddenly put legalizing same-sex marriage at the federal election's forefront. A vote could come Friday.

After years of lagging behind other Western nations in LGBT rights, Germany’s political scene has witnessed a sudden shift that could lead to same-sex marriage becoming legal in a matter of days, almost overnight.

Speaking on Monday evening, Chancellor Angela Merkel shocked the country by doubling back on her notoriously stalwart stance against marriage equality. “I would rather like to shift the discussion in a direction of a vote of conscience rather than imposing anything from the top,” she said.

A short but sweet statement – with the chancellor’s typical no-fuss attitude stamped all over it – caused a big commotion nonetheless. A vote of conscience, allowing lawmakers to cast ballots without toeing the party line, almost certainly guarantees the law would be passed – not just among opposition parties, which have proposal several unsuccessful gay marriage bills over the years, but also parliamentarians from Ms. Merkel’s own Christian Democratic Union who have long disagreed with their party’s say-so, such as openly gay members Jens Spahn and Stefan Kaufmann.

LGBT groups in Germany are in high spirits that reform could finally be on the political doorstep, with the hashtag #EheFuerAlle, or in English “MarriageForAll,” trending on Twitter.

Foto - ARD.de

Ms. Merkel’s comment was actually meant to be a small opening. Other CDU officials said she intended for a vote to come during the next legislative session, after federal elections in September. Yet with the cat out of the bag, others saw a unique opportunity: Many members of parliament are now demanding a vote be hurried through before the German parliament starts its summer recess at the end of this week, with the Social Democratic Party’s leader Martin Schulz vowing it will force the issue to a vote with opposition parties.

A vote is now expected on Friday, meaning gay marriage in Germany could be astonishingly legalized before Pride Month comes to a close.

It’s a stunningly quick turnabout. The CDU’s parliamentary secretary Volker Kauder said his party had been taken by surprise and called the move to a vote a “breach of trust” by the SPD, which is in a coalition government with Ms. Merkel. Yet Mr. Kauder acknowledged they could do nothing to stop it.  By the end of Tuesday, the CDU faction in parliament had no choice but to accept the vote as planned, and formally agree with Ms. Merkel that lawmakers will be allowed to vote their conscience.

The annual Christopher Street Day gay parade in Berlin could get a big reason to celebrate this year. Source: Getty Images    

 

For years, marriage equality has fallen to the wayside at the hands of Ms. Merkel and the power of the CDU, which has refused to stray from its conservative ideal of traditional family values. The chancellor herself voiced personal opposition to the idea more than once, famously in a televised debate where she said she had “difficulties” with gay marriage and the right for gay couples to adopt, and again in 2015 when she defined marriage as “coexistence between a man and a woman.”

Ms. Merkel, the daughter of a Lutheran pastor, said a “memorable experience” had contributed to her change of heart, a recent encounter with a lesbian couple caring for eight foster children in her Baltic coast electorate.............

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Ehe für alle Von den Grenzen der sexuellen Selbstbestimmung

Die "Ehe für alle" kommt. Doch die Debatte darüber hat gelehrt, dass es weniger um Liebe und Gleichberechtigung geht als um Macht und Konventionen. Ein Kommentar.

von Malte Lehming - Tagespiegel

Das war’s. Ende der Debatte. Die „Ehe für alle“ kommt. Angela Merkel überlässt das Thema der Gewissensentscheidung der Unions-Abgeordneten. Eine Mehrheit im Parlament ist sicher, und diese Mehrheit entspricht einer Mehrheit in der Bevölkerung. Also ist klar: Schwule und Lesben dürfen bald heiraten, mit allen Rechten und Pflichten. Sie dürfen laut und verbindlich Ja sagen zueinander – und zu einem gemeinsamen, lebenslangen Weg. Sie dürfen sich das Wort geben, das großen Mut verlangt, weil sich in einer Ehe zwei Menschen auf eine gemeinsame Zukunft festlegen, ohne Grundlage und Bedingungen dieser Zukunft kennen zu können. Schon seltsam, dass ausgerechnet Konservative den Homosexuellen diese Möglichkeiten und Rechte lange Zeit verwehrten.

Foto-NTV.de

Der Weg zur vollen rechtlichen Gleichstellung war lang und bitter. Er begann mit Verbot, Verfolgung und Zwangskastrationen. Er setzt sich bis heute fort über aggressive Formen der Homophobie bis hin zu subtilen Diskriminierungen. Der Kampf dagegen hört nicht auf und bleibt von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Klar sollte auch sein, dass die „Ehe für alle“ das volle Adoptionsrecht einschließen muss. Adoptivkinder sind Wunschkinder. Ihnen wird in aller Regel extrem viel Liebe, Hinwendung und Fürsorge entgegengebracht. Studien belegen, dass das auch für homosexuelle Paare gilt. Das Wohl des Kindes hängt nicht davon ab, dass dessen Eltern unterschiedlichen Geschlechts sind.#

Was aber ist die „EHE für alle“ ? Es sind damit durchaus ja nicht all jene gemeint, die einander aufrichtig lieben und deren Liebe keinen anderen Menschen schädigt. Das volle Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Eheschließung beschränkt sich nach wie vor auf zwei erwachsene Personen. Polyamorös lebenden Menschen, die eine Mehrfachehe eingehen wollen, wird dies ebenso verweigert wie Verwandten in gerader Linie. Eltern und Großeltern dürfen keinen Sex mit Kindern und Enkeln haben, selbst wenn diese volljährig sind. Leiblichen Geschwistern ist und bleibt der Geschlechtsverkehr ebenfalls verboten.

Bild-Toonpoll.com

Das Argument vom drohenden Dammbruch?!?

Darauf hinzuweisen, bedeutet nicht, das oft von Homo-Ehe-Gegnern bemühte Argument vom drohenden Dammbruch zu reaktivieren, nach dem Motto: Wenn erst die Homo-Ehe erlaubt ist, gibt es auch bald Inzest und Polygamie. Solche Ängste sind unbegründet. Die diesbezüglichen Tabus sind in Deutschland tief verankert. Als die saarländische Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer einst die Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie verglich, brach ein Entrüstungssturm über sie herein.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. In Frankreich, den Niederlanden, Japan, Spanien, Portugal und der Türkei etwa ist der Inzest nicht verboten. Auch der Deutsche Ethikrat plädiert für eine Entkriminalisierung. Denn es fällt schwer, rationale Gründe für ein Verbot zu finden, die mehr sind als bloße normative Setzungen. Das zweifellos erhöhte Risiko, erblich belastete Kinder zu zeugen, trifft auf viele Behinderte und Frauen über 40 ebenso zu, denen weder die Ehe noch das Recht auf Nachkommenschaft verwehrt wird. Warum dürfen die einen und die anderen nicht?

Bild - Schoenescheise.de

Warum muss die Ehe auf zwei erwachsene Menschen beschränkt bleiben?

Kaum mehr als eine heteronome Setzung ist auch der Ausschluss der Polygamie. Warum muss die Ehe auf zwei erwachsene Menschen beschränkt bleiben? Kann es nicht auch Fälle geben, in denen die Geliebte eines verheirateten Mannes (oder der Geliebte einer verheirateten Frau) innerhalb der Ehe rechtlich überhaupt erst abgesichert ist?

So steht womöglich am Ende der Debatte über die Homo-Ehe die Erkenntnis, dass es in Fragen der Ehe- und Sexualmoral weniger um Liebe, Autonomie und Gleichberechtigung geht als vielmehr um gesellschaftliche Machtverhältnisse, Konventionen und kulturelle Prägungen. Die Homo-Ehe zu befürworten, aber Inzest und Polygamie abzulehnen, ist eine Haltung, die zwar die ethisch akzeptierte Lebenswirklichkeit widerspiegelt, sich aber einer moralisch rationalen Letztbegründung entzieht.

Die Homo-Ehe gehört bald zur deutschen Leitkultur. Das ist gut und richtig. Zu dieser Leitkultur muss indes auch die Einsicht gehören, dass Tradition, Herkunft, Religion und Kultur eine normative Welt konstituieren, die zu verändern es eines sehr langen Atems bedarf. Sexuelle Selbstbestimmung ist kein absolut geltender Wert. Sie muss in eine Balance gebracht werden mit heteronomen Kategorien, die zum identitätsstiftenden Fundament einer Gesellschaft gehören. Nur dann kann Veränderung gelingen.


Juhu, im September kommt die Ehe für alle!

Jenny Kallenbrunnen – Stern.de

Mit der nächsten Bundesregierung kommt endlich die Ehe für alle! Schließlich haben das alle Parteien, die mit der CDU eine Koalition eingehen könnten, versprochen. Der Herbst wird dann also wohl die neue Hochzeitssaison für schwule, lesbische und bisexuelle Paare.

Liebe Liebespaare!

Ob schwul, ob lesbisch, ob bisexuell: Sind Sie bereit? Haben Sie schon Ihre Anzüge, Kleider, Caterer, Floristen, etwas Altes, Neues, Geliehenes, Blaues beisammen? Legen Sie los, allzu viel Zeit bleibt Ihnen ja nun nicht mehr. Mag jetzt gerade die Saison der schnöden heterosexuellen Hochzeiten sein - ab September ist Ihre Zeit! Dann gibt es die Ehe für alle endlich auch in Deutschland. Das haben die Spitzenkandidaten schließlich versprochen. Sie haben es doch auch gehört?


Mit der nächsten Bundesregierung kommt nun also tatsächlich die Ehe für alle - sofern die konservative CDU keine absolute Mehrheit erhält. Denn nach den Grünen haben nun auch SPD und FDP die Gleichstellung homosexueller zur Bedingung für eine Koalition festgelegt. Ob es also jetzt eine Koalition aus Rot, Grün, Gelb und nochmal Rot wird (das ist dann ja schon fast ein ganzer Regenbogen!) oder ob man doch noch die CDU an die Hand nehmen muss: Endlich Ehe für jeden, der will. (Foto-© Rainer Jensen/DPA)



Zuerst hatten die Grünen auf ihrem Parteitag die vollständige Gleichstellung homosexueller Paare zur Voraussetzung für eine Regierung nach der Bundestagswahl mit egal wem erklärt. Auf dem Parteitag der SPD posaunte Kanzlerkandidat Martin Schulz dann: "Ich werde keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem die Ehe für alle nicht verankert ist." Und sogar Christian Lindner von der FDP will seiner Partei "empfehlen, die #Ehefüralle als Koalitionsbedingung für die Bundestagswahl festzuschreiben". Wollen wir hoffen, dass die Ehe der FDP dann doch mehr ist als ein Hashtag auf Twitter.  (Foto-© Rainer Jensen/DPA)

Prinzipien, die älter sind als die CDU selbst

Das bedeutet also, liebe Liebenden, dass entweder gleich bloß Parteien an die Macht kommen, die Sie rechtlich mit allen anderen Paaren gleichstellen oder die Union sich im Falle eines Wahlsiegs beugen muss, wenn sie mit jemandem regieren will (gut, mit der AfD koaliert ja ohnehin keiner): Sicher ist so oder so - die Ehe ist ab September also wirklich für alle.

Eine Koalition aus Rot, Grün, Gelb und nochmal Rot wird (das ist dann ja schon fast ein ganzer Regenbogen!) oder ob man doch noch die CDU an die Hand nehmen muss: Endlich Ehe für jeden, der will.  (Foto-© Rainer Jensen/DPA)

Und das obwohl CDU und CSU bislang zäh und verstaubt konservativ an Prinzipien festhalten, die viel älter sind als CDU und CSU selbst: Die Ehe von Mann und Frau steht unter besonderem Schutz - denn man könnte, wenn man wollte, ja das Kondom weglassen und ein Kind zeugen. "Eine sehr stabile Grundsatzposition" nennt CSU-Chef Horst Seehofer das. Das wird sich nun ändern müssen, wenn ab Herbst in Deutschland irgendjemand Deutschland regieren will. Die CDU plant keine klare Festlegung zur Ehe für alle in ihrem Wahlprogramm, wie es aus Parteikreisen heißt.

Ob dieses unverhandelbare Wahlversprechen der bunten Parteien neben der Union dann zur Verhandlungsmasse wird? Seehofer hat sich jedenfalls schon sehr enttäuscht zu den Forderungen von SPD, FDP und Grünen geäußert. "Wir werden uns jetzt mit der CDU in aller Ruhe unterhalten, wie wir mit diesen Äußerungen umgehen", sagte er am Montag. "Umgehen", sehr witzig, ein Januswort in diesem Kontext. Er bedauere die Forderungen sehr, da aus seiner Sicht so "höchstpersönliche Entscheidungen" nicht Teil einer Parteipolitik werden sollten. (Foto-© Rainer Jensen/DPA)

Na ja, Seehofer hat ja gut reden. Der hat ja schon zweimal geheiratet. Und die Tochter aus seiner außerehelichen Beziehung darf er adoptieren. Hauptsache, Sie sind vorbereitet.

Kommentar zu homophoben Anfeindungen

von Sebastian Goddemeier - Queer-Bild

Was ist dein Problem mit Homosexualität?

„Ich habe ja nichts gegen homosexuelle Paare, aber in der Öffentlichkeit muss das echt nicht sein.“ 

Das ist einer der Sätze, den ich nur allzu häufig auf sozialen Netzwerken lese und der mich jedes Mal zum Verzweifeln bringt. Denn es ist nicht nur ein einfacher Satz, diese Aneinanderreihung von Worten ist hochgradig homophob.

Was der User mir da eigentlich sagen möchte: Ich finde deine sexuelle Ausrichtung okay, so lange sie für mich nicht greifbar wird und somit nicht für mich existiert. Soll auch heißen: Nimm deinen Kerl und bleib‘ zu Hause! Sperr dich ein! Das hier ist mein Territorium, auf dem ich mich sicher fühlen möchte.

Letzten Endes ist meine sexuelle Orientierung für dich also doch nicht okay, oder?


Jetzt mal ehrlich: Wenn ich im Kino sitze und neben mir ein (in der Regel heterosexuelles) Pärchen sitzt und so wild ineinander verschwindet, dass der Speichel sich noch in den Reihen davor verteilt, ist das für mich unangenehm. Kein Entkommen.

Aber hey, das ist Liebe und das ist nun einmal Zuneigung. Also rege ich mich darüber auf? Sage ich den Leuten, dass sie doch bitte verschwinden mögen, da ich mich von so viel Heterosexualität gestört fühle? Nö. Ganz im Gegenteil: Ich akzeptiere die Situation und freue mich, dass sich zwei Menschen gefunden haben. Wollen wir das nicht alle?

Also frage ich mich, wo eigentlich das Problem ist, wenn mein Freund mich auf der Straße küsst oder meine Hand hält.

Klar, homosexuelle Paare gehören zu einer Minderheit. Wir leben immerhin in einer Hetero-Welt. Ich verstehe auch, dass man als geneigter Hetero in seinem Hetero-Fußball-ich-fahre-Opel-Prollo-Universum nicht so gut damit klarkommt, wenn man einen Mann auf einmal als Frau versteht.


Ein Gefallen für die CDU – Anja Maier / TAZ

Die FDP interessiert sich nicht für Minderheiten. Mit ihrer Schönwetterpolitik will sie als Koalitionspartner der CDU Regierungspartei werden.

Nein wirklich, man kann Christian Lindner keinen Vorwurf machen. Ist doch toll, dass der FDP-Vorsitzende die Ehe für alle wichtig findet. Er werde, hat er in einem WAZ-Interview gesagt, seiner Partei „empfehlen, die Ehe für alle als Koalitionsbedingung für die Bundestagswahl festzuschreiben“.

Nun ja, empfehlen ist nicht fordern, kann man einwenden. Aber es ist etwas anderes, das an Lindners Aussage stört: nämlich der interessengeleitete Umgang mit Minderheitenforderungen. Pünktlich vor Wahlen erinnern sich Politikerinnen gern an Forderungen benachteiligter Gruppen. Mal sind es die Alleinerziehenden. Dann wieder die Zuwanderer. Nun also die Schwulen und Lesben.


Grüne setzen sich hingegen schon lange für die Ehe für alle ein, etwa die ehemalige Hamburger Senatorin Krista Sager (rechts im Bild)


Ist doch gut, oder? Wann, wenn nicht in Wahlkampfzeiten, kann man die Politik inhaltlich festnageln? Ist leider nicht so gut. Fühlt sich nämlich blöd an. Angehörige von Minderheiten haben ein gutes Gedächtnis, warum in der Vergangenheit welche Partei erklärt hat, ihr Thema sei jetzt gerade so was von unwichtig. Das 2014 von der CDU in Aussicht gestellte Zuwanderungsgesetz etwa hätte in der Flüchtlingskrise Menschenleben retten können. Passiert ist nichts, obwohl die SPD mitregiert hat – man wollte die AfD- und Pegida-Anhänger nicht noch mehr reizen.

Nun also die Homo-Ehe. Klar ist: Sie wird kommen. Die gesellschaftliche Akzeptanz für gleichgeschlechtliche Paare ist riesig, und zwar in Stadt und Land. Hinzu kommt, dass Deutschland sich mit seiner geltenden Rechtslage international längst lächerlich macht. Auch Angela Merkel dürfte das mittlerweile klar sein.

Was als selbstbewusste Geste der FDP daherkommt, ist reine Wahlkampfpolitik

Was also als selbstbewusste Geste der FDP daherkommt, ist nichts weiter als Machtpolitik. Und Christian Lindner tut der Union sogar noch einen Gefallen. Im Falle einer Koalition mit den Liberalen könnte die argumentieren, vom Partner quasi gezwungen worden zu sein. Gleichberechtigung als Morgengabe – lesbische und schwule Paare muss diese Haltung schmerzen.


Warum die „Ehe für alle“ zum Hit im Wahlkampf werden kann - Walter Bau/WAZ

Kommt in Deutschland die Ehe für alle?!?

Die Einführung der Ehe für homosexuelle Paare erhitzt die Gemüter. Das heikle Thema könnte im Wahlkampf die CDU in Bedrängnis bringen.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow machte am Samstag per Twitter einen pfiffigen Vorschlag: Seine Partei solle doch in der nächsten Woche, bevor der Bundestag in die Sommerferien geht, noch schnell gemeinsam mit Grünen und Linkspartei die „Ehe für alle“ beschließen – mit der rot-rot-grünen Mehrheit der Mandate im Parlament rein rechnerisch machbar.

Foto - blu.fm

Bülow, der zum linken Flügel der SPD gehört und in dessen Heimat Dortmund die Sozialdemokraten an diesem Sonntag ihren Bundesparteitag abhalten, befeuert mit seinem provokativen Vorschlag eine Debatte, die in den letzten Tagen ohnehin mächtig an Dynamik gewonnen hat: Es geht um die Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Lebenspartnerschaften, kurz „Ehe für alle“.

Lindner will Ehe für alle zu Koalitionsbedingung machen

So preschte am Samstag FDP-Chef Christian Lindner mit der Ansage vor, die Liberalen würden die Einführung der „Ehe für alle“ zur Bedingung für eine künftige Regierungsbeteiligung im Bund machen. „Ich werde meiner Partei empfehlen, die Ehe für alle als Koalitionsbedingung für die Bundestagswahl festzuschreiben“ „Wenn Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, sollen sie auch gleiche Rechte haben – unabhängig vom Geschlecht.“

Seit 2001 können homosexuelle Paare in Deutschland eine eingetragene Partnerschaft eingehen. Sie ist aber mit der Ehe nicht vollständig gleichgestellt.

Foto - luzifer-lux-blogspot.com

Vor Lindner hatten sich bereits SPD, Grüne und Linke für die Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare ausgesprochen. Wo die Liebe hinfällt, muss die Liebe möglich sein“, hatte etwa Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt kürzlich auf der Bundesdelegiertenkonferenz ihrer Partei erklärt. Auch die Grünen sagen: Ohne „Ehe für alle“ kein Koalitionsvertrag.

CDU und CSU stehen bei dem Thema auf der Bremse

Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) appellierte an die Union, sich für die „Ehe für alle“ zu öffnen. Den Sozialdemokraten sei die „völlige Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Lebenspartnerschaften ein unglaublich wichtiges Anliegen“, sagte sie unserer Redaktion. Es sei unverständlich, dass die CDU das Projekt blockiere.

Tatsächlich stehen CDU und CSU im Bundestag bei dem Thema auf der Bremse. Zwar gibt es auch in der Union Befürworter der Gleichstellung – doch wie schwer sich viele Christdemokraten damit tun, verdeutlichte die Rede des CDU-Abgeordneten Stefan Kaufmann im vorigen Jahr im Parlament.

Er zeigte Verständnis für das Drängen der Befürworter, fügte aber an: „Sie müssen auch uns verstehen.“ Viele in der Union täten sich mit dem Gedanken schwer, „wir müssen noch Überzeugungsarbeit leisten“. Der mit einem Mann in eingetragener Partnerschaft lebende Katholik sprach von einer „wachsenden Offenheit“, „selbst in der katholischen Kirche“, jedenfalls in Deutschland. Aber eine Neufassung des Begriffs der Ehe falle eben „einer Partei mit C im Namen schwerer als einer, die sich betont atheistisch gibt“.

Foto - ftp.de

Kirche tut sich besonders schwer

Das „C“ im Namen macht es aber vielen Christdemokraten schwer. Vor allem für die katholische Kirche stellt die „Ehe für alle“ immer noch einen Bruch mit einem Jahrhunderte alten Eheverständnis dar, wie der Berliner Erzbischof Heiner Koch gerade erst der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagte. Er fügte hinzu, die deutschen Bischöfe betrachteten die Ehe als lebenslange Verbindung von einem Mann und einer Frau mit prinzipieller Offenheit für die Weitergabe von Leben. Diese Sicht sei „ganz im Sinne der Väter und Mütter des Grundgesetzes“.

Das Unerträgliche an deutschen Geschichtsdebatten

Kein Schritt vorwärts ohne zwei zurück - Leo Fischer über die Aufarbeitung der Geschichte

In dem Dialekt, in dessen Hörweite ich große Teile meiner Kindheit und Jugend verbringen musste, hat das Wort »aufarbeiten« eine hübsche Nebenbedeutung - nämlich: »durch häufigen oder unsachgemäßen Gebrauch ruinieren«. Leider hat es diese Nebenbedeutung nicht in die Hochsprache geschafft, sonst wären Aufsätze wie der Adornos zur »Aufarbeitung der Vergangenheit« noch einmal zu lesen, wäre die deutsche Geschichte auch vor den Ereignissen der vergangenen Woche als vollends aufgearbeitet zu betrachten.



Da verabschieden Union und SPD ein Gesetz zur Rehabilitierung all der Männer, die wegen des Naziparagrafen 175 als Schwule verfolgt wurden - und schafften es nicht, nicht auch noch in dieses Gesetz eine Prise urdeutscher Perfidie einfließen zu lassen. Rehabilitiert werden demnach nur solche Männer, die gleichgeschlechtliche Beziehungen zu Leuten über 16 Jahren hatten; das gesetzliche Schutzalter liegt jedoch nach wie vor bei 14 Jahren. So hat man den »Jugendschutz«, der seinerzeit zur Verteidigung des Paragrafen 175 angeführt wurde, als Argument zusammen mit den Schwulen rehabilitiert - Jugendliche müssen eben nach wie vor stärker vor den Homos geschützt werden als vor Ottonormalmissbraucher; dem Stammtisch, der Schwule schon immer als eigentlich pädophil erkannte, wurde so indirekt auch noch recht gegeben. Nicht rehabiliert hingegen werden diejenigen, gegen die lediglich Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden - als wären durch solche Verfahren weniger Karrieren, Familien, Lebensentwürfe ruiniert worden als durch Verurteilungen. Man kann eben hierzulande Unrecht nicht aufarbeiten, ohne auch den Opfern noch eine Kopfnuss mitzugeben.


Gleichzeitig gelingt es der SPD, die »Ehe für alle« einerseits in der Regierung zu torpedieren und gleichzeitig stolz als Wahlkampfversprechen zu führen. Alle Anträge über die »Ehe für alle« in der aktuellen Koalition wurden wieder und wieder vertagt - nicht etwa, weil die böse CDU das so wollte, sondern weil die SPD auf Stimmenfang gehen will bei jenen LGBT-Leuten, die dieses niederträchtige Manöver nicht durchschauen: Denn eben erst hat die Bundes-SPD versprochen, in den ersten 100 Tagen einer Kanzlerschaft Schulz die »Ehe für alle« einzuführen. Unter Merkel IV hingegen kann man das Ding dann ruhig auch wieder auf Eis legen, um weiter die CDU zu düpieren. Für solche Spielchen sind der SPD die Rechte der Bürger gerade gut genug; die Rechte derjenigen, die man vor noch nicht einmal 80 Jahren wegen ihres bisschen Andersseins zu Tode folterte; die Rechte derjenigen, die die russischen Busenfreunde der SPD in Tschetschenien gerade zu Freiwild erklärt haben.

Kopfnüsse für die, die dem deutschen Vernichtungswillen gerade noch entkommen sind, gab es diese Woche auch im Fernsehen. In einem beispiellosen Tiefpunkt der Mediengeschichte schaffte es der WDR, der zunächst die Antisemitismusdoku »Auserwählt und ausgegrenzt« unter den fadenscheinigsten Vorwürfen kassiert hatte, diese doch noch auszustrahlen; nicht jedoch, ohne in einer von vorn bis hinten unwürdigen Diskussion bei Maischberger über sie Tribunal zu halten. Da faselte Norbert Blüm über »Semiten«. Da gab es Experten, die muslimische Jugendliche keine KZ-Gedenkstätten besuchen lassen wollten, weil es sich ja um ein deutsches Problem handele. Da gab einen »Faktencheck«, der mit inquisitorischer Penetranz die Autoren des Films mit Unterstellungen konfrontierte, die schon auf rein kollegialer Ebene unerträglich waren.


Gaja hat zwei Papis und die finden: „ Das ist alles total normal

Zwei Männer bekommen eine Tochter und machen ihr Glück öffentlich. Denn sie wollen, dass über diese Familiensituation gesprochen wird. Und sie hoffen, dass es jene homosexuellen Paare mit Kinderwunsch nach ihnen einfacher haben werden.

Ciccio (37) und Raphael (36) sind vor einem halben Jahr Vater geworden. Und noch immer überwältigt. Das spiegelt sich in ihren Gesichtern wider, wenn sie ihre Tochter Gaia ansehen.

Die Berner Raphael (r.) und Ciccio mit ihrer Tochter Gaia, 6 Monate. - Fotos Fabienne Bühler


«Es ist Liebe pur. Schwierig, so ein Gefühl zu beschreiben», sagt Ciccio. Der Informatiker und der Flugbegleiter aus Bern sind zwei 15 Jahren ein Paar. Und dank einer Leihmutterschaft in den USA jetzt auch eine Familie. 

Die Männer tragen ihr Vaterglück bewusst nach aussen. Raphael: «Wir finden es wichtig, dass man über dieses Thema redet. Dass es Kinder gibt mit zwei Vätern oder zwei Müttern. Und dass das alles im Bereich des total Normalen ist.»

Ciccio gibt Gaia das Fläschchen: «Sie ist eine langsame Trinkerin.» - Fotos Fabienne Bühler


Kostenpunkt über " 100 000 Franken "

Gaia ist entstanden aus der Eizelle einer anonymen Spenderin und den Spermien von Ciccio. Eine Leihmutter aus den USA hat Gaia zur Welt gebracht, eine 37-jährige Krankenschwester. Kostenpunkt: über 100'000 Franken.

Für diesen Weg haben sich Raphael und Ciccio entschieden, weil homosexuelle Paare in der Schweiz keine Kinder adoptieren dürfen. Bewusst haben sie eine Frau aus den USA gewählt und nicht eine aus Indien oder der Ukraine: «Es gibt viele Frauen, die gezwungen werden, das zu machen. Und das unter prekären Verhältnissen machen. Wir wollten nicht das Leid einer Person ausnutzen», sagt Ciccio.

Die italienische Familie und der Kinderwunsch

Er war es, dessen Kinderwunsch stärker war. «Ich bin in einer italienischen Familie gross geworden, Familie war für mich sehr wichtig. Und als ich merkte, dass ich schwul bin, habe ich gedacht, das wird sicher funktionieren.»

Raphael hingegen hatte den Kinderwunsch abgelegt. «Das Coming-out hat für mich auch geheissen, dass ich keine Kinder haben werde.» «Ein Krampf» sei es gewesen, sich von diesem Gedanken zu verabschieden.

Der Weg zum Kind war für die beiden ein langer. Am Schluss ging dann alles ganz schnell: Gaia kam per Notkaiserschnitt zur Welt.

Ciccio und Raphael waren zur Geburt in die USA gereist. «Ein starkes Gefühl, es ist dein Kind, das auf die Welt kommt», Raphael ist noch heute sichtlich bewegt von diesen Momenten.

Ciccio: «Wenn zwei Väter einen Kinderwagen schieben, gucken die Leute.» - Fotos Fabienne Bühler


Die Frage nach der Mama wird kommen ?!?

"Gaias ersten Geburtstag feiert die Familie auch mit der Leihmutter. «Der Kontakt ist noch da», sagt Ciccio. «Und er wird auch in Zukunft da sein. Das ist auch wichtig für Gaia.» Raphael: «Die Frage nach dem Mami wird kommen. Und wir haben eine Antwort parat.»

Den Einwand, ein Kind brauche eine weibliche elterliche Komponente, lassen die beiden aber nicht gelten. Raphael: «Was machen denn alleinerziehende Eltern mit diesem Vorwurf? Zudem hat unsere Tochter viele Bezugspersonen, auch weibliche.»

Ein Geschwisterchen für Gaia wäre theoretisch geplant. Die Väter wünschen sich ein zweites Kind. «Aber das», sagt Ciccio, «ist eine finanzielle Frage.» (smo)



Geschlecht: X - Die Queer-Theorie

Janek Kronsteiner

Auf dem Personalausweis kann man zwischen zwei Geschlechtern wählen. Männlich und Weiblich natürlich. Aber reicht das an Auswahlmöglichkeiten. Das und andere Probleme untersucht die Queer-Theorie. Ob Gender, Sex oder Queer: Hier wird es erklär

Geschlecht: X (Janek Kronsteiner)

Männlich? Weiblich? X!

Bald könnte dieser kleine Buchstabe auf einigen Personalausweisen und Führerscheinen stehen. Der US-Bundesstaat Oregon hat das X als dritte Geschlechtskategorie eingeführt. Buchstabe steht für alle Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen. Darunter fallen auch Inter-Sex-Personen. Natürlich aber auch Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht. Dies gilt als großer Erfolg für Gruppen, die sich für diversere Geschlechtsbilder einsetzen.

Bild-blick.ch

Menschen, die sich außerhalb des monogamen hetero Spektrums bewegen nennen sich Queer. Der Name ist ein Sammelbegriff für LGBTIQA - Menschen. Also Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, intersexuell, asexuell oder eben queer identifizieren. Viele von ihnen versuchen die klassischen Geschlechtsbilder zu dekonstruieren. So auch die Künstlerin Heather Cassils. Für eine Kunstperformance versuchte sie ihren Körper dem eines Mannes anzugleichen. Nur durch Ernährung, Sport und einige Hormone. In einer Umfrage in der Fußgängerzone hatten viele Schwierigkeiten ihr ein Geschlecht zuzuordnen.

Bild-Paradisi.de

Auch in Leipzig setzen sich Menschen für eine neue Perspektive auf die Geschlechtskategorien ein. Die Hochschulgruppe Queerseitig ist eine Anlaufstelle für Queer-Personen an der Universität Leipzig. Sie organisieren regelmäßig offene Treffen und vernetzen sich so mit Menschen, die in ähnliche Erfahrungen machen wie sie. Viele haben eine ganz persönliche Geschlechtsidentität entwickelt.

Queer-Communities kämpfen schon lange für die Anerkennung von mehr als nur den zwei klassischen Geschlechtern. Wissenschaftlich fundiert wird das ganze von der sogenannten Queer-Theorie. Diese untersucht das Verhältnis zwischen Sex, Gender und sexueller Orientierung.


„ Ich werde euch töten“:Ich werde in Rußland bedroht und soll trotzdem abgeschoben werden. ( von Igor Powilowski)

Igor Popialkovskii und Pavel Tupikov sind vor drei Jahren aus Sankt Petersburg nach Bayern geflohen, weil Polizei und Nachbarn das schwule Paar drangsalierten. Doch trotz Todesdrohungen, Beschimpfungen und homophoben Gesetzen sollen sie Ende Juni nach Rußland abgeschoben werden - Popialkovskii befürchtet das Schlimm¬ste.

Ich hätte nicht glücklicher sein können, als ich Pavel vor fünf Jahren kennengelernt habe: Es war meine er¬ste fe¬ste Beziehung. Bereits nach zwei Monaten entschieden wir uns zusammen zu ziehen in eine kleine Wohnung im Zentrum von Sankt Petersburg. Die Einraumwohnung wurde von mir gemietet.


Anfangs gab es keine Probleme mit den Nachbarn. Das änderte sich schlagartig, als sie mitbekamen, daß wir ein Paar sind.

Zuerst wurden die Hausbewohner unfreundlich, dann aggressiv. Jemand schrieb "Schwuchtel" an unsere Tür. Ein paar Tage später wurde Pavel von einem Nachbarn verprügelt. Späte¬stens zu diesem Zeitpunkt fühlten wir uns nicht mehr sicher. Wir spürten täglich den Haß der anderen Bewohner.

Die russische Gesellschaft ist homophob

Doch umziehen? Unmöglich. In Rußland ist es quasi ausgeschlossen, als homosexuelles Paar gemeinsam eine Wohnung zu mieten - selbst im sich offen gebenden Sankt Petersburg.

Zur Polizei gehen? Es ist naiv zu glauben, daß die Beamten helfen - im Gegenteil. Denn offiziell gibt es keine Diskriminierung, dennoch werden Schwule gezielt zu politischen Zwecken instrumentalisiert - beispielsweise mit dem "Gesetz gegen Homopropaganda".

Zudem ist Homophobie in der russischen Gesellschaft extrem verbreitet, viele halten Homosexualität für eine Krankheit. Bereits ein Kuß oder eine Umarmung kann zu Mord führen.

Aber erst der Vorfall Ende Februar 2014 zwang uns zur Flucht nach Deutschland:

Unser Nachbar hatte den Behörden gemeldet, daß wir ein "schlechtes Beispiel für die Kinder" seien. Ein Polizist kam zu uns und drohte: "Wenn ihr jetzt nicht abhaut, dann werde ich euch töten." Er gab uns ein Woche Zeit, aus meiner Wohnung zu verschwinden.

"Bereits ein Kuß oder eine Umarmung kann zu Mord führen."

Mein Bruder, der seit 14 Jahren in Deutschland lebt, riet mir, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Er ist der einzige in meiner Familie, zu dem ich noch Kontakt habe.
Seit März 2014 sind wir nun in Deutschland. Mehr als zwei Jahre mußten wir auf unsere er¬ste richtige Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) warten.

Allerdings waren wir nach dem Gespräch im Juli 2016 guten Mutes, daß unser Antrag bewilligt wird.

Einerseits machte uns der Bamf-Entscheider Hoffnung. Er war freundlich und sagte, er ver¬stehe alles - fragte aber weder nach Papieren noch nach Dokumenten.

Andererseits hatte ich während des Asylverfahrens auch andere russische Schwule kennengelernt, die bereits in Nordrhein-Westfalen oder in Sachsen-Anhalt Asyl bekommen hatten.
Mein Ex-Freund wurde mit 22-Messer¬stichen ermordet
Aber im April kam für uns beide der Schock: Pavel und ich erhielten unsere Ablehnungsbescheide.

Für mich ist die Begründung des Bamf unfaßbar: Das Gesetz gegen die sogenannte Homopropaganda sei keine Diskriminierung, in Rußland gebe es kein Problem mit Schwulenrechten, die Verfolgung von Homosexuellen sei erträglich.

Vom Bamf kam auch der Vorschlag, daß wir doch in eine Gro߬stadt ziehen könnten. Aber genau da kommen wir doch her! Und auch in Moskau oder Sankt Petersburg werden Schwule gejagt. Sie werden verprügelt, mißhandelt oder gar getötet.

So wie mein Ex-Freund Dmitri. Er wurde vor einem Jahr bei einem Fake-Date in Sankt Petersburg ermordet. Der Täter stach 22 Mal zu.

Er wurde zwar festgenommen, aber vor kurzem nur zur Minimalstrafe für einen Mord verurteilt - acht Jahre Gefängnis. Dabei hatte er offen zugegeben "die Welt von Schwulen reinigen" zu wollen. Und es gibt die Möglichkeit, daß er bereits früher entlassen wird, nach zwei oder drei Jahren. Das alles sind politische Zeichen.
"Auch in Moskau oder Sankt Petersburg werden Schwule gejagt."

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schwule nur bedingt willkommen          

von Jörg Sanders

Osnabrücker Wirt schmeißt Schwule aus seiner Kneipe

Osnabrück. Der Wirt einer Gast­s‍tätte in der Osnabrücker Johannisstraße hat in der Nacht zu Samstag, 20. Mai, vier schwule Männer aufgrund ihrer Homosexualität aus seiner Kneipe geworfen.

Die vier Männer feierten bis spät in die Nacht, bis sie irgendwann in der Gast­s‍tätte in der Johannisstraße landeten. Als sich zwei der Männer dort küßten, habe der Wirt die Gruppe übelst beschimpft und aus seinem Lokal geworfen.

Rauferei auf der Straße

So beschreibt es ein Mitglied in der geschlossenen Facebookgruppe „Was los in Osnabrück“. Einer der Rausgeworfenen, der anonym bleiben möchte, be­s‍tätigte die Vorgänge im Gespräch mit unserer Redaktion und konkretisiert: Nachdem der Wirt seine Freunde und ihn aus der Gast­s‍tätte wegen eines Kusses geworfen habe, hätten sich beide Seiten mit Beleidigungen nicht zurückgehalten. Das Ganze sei gegen 3.30 Uhr passiert, als das homosexuelle Quartett bereits recht betrunken gewesen sei.

Der Wirt einer Gast­s‍tätte in der Osnabrücker Johannisstraße soll schwule Männer beleidigt und aus seiner Kneipe geworfen haben. Archivfoto: Swaantje Hehmann

Wirt gibt Rausschmiß zu

Im Gespräch mit unserer Redaktion be­s‍tätigt der Wirt, die Männer aus seiner Kneipe geworfen zu haben, nachdem sich zwei der Männer geküßt hatten. „Was die in ihrem Leben machen, ist mir scheißegal, aber nicht in meinem Laden“, sagt er. Der rausgeworfene Gast sei als Homosexueller „kein normaler Mensch“.

Kommen ja, Küssen nein

Mit Schwulen wolle der Kneipier nichts zu tun haben. Er habe daher von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht. Auf Nachfrage sagte der Wirt, daß Schwule zwar zu ihm kommen dürften, „aber dann sollen sie sich benehmen und nicht knutschen“.

Der Gast berichtet ferner, der Wirt habe ihn auf der Straße mit einem Schlag­s‍tock angegriffen, nachdem er ihn ebenfalls beleidigt hatte. Er habe sich daraufhin verteidigt und den Wirt angegriffen.

Wirt weist Gewaltvorwurf zurück

Dieser dementiert: Er habe die vier Männer in keiner Weise körperlich attackiert und sei auch selbst nicht geschlagen worden. Er besitze keinen Schlag­s‍tock. Den Vorwurf der Gewalt erachtet der Wirt als geschäftsschädigend. „So eine Lüge macht mir das Geschäft kaputt.“ Von den vier Männern habe er sich übel beschimpfen lassen müssen, unter anderem als Nazi.

Keine Anzeige erstattet

Auf Facebook schreibt das Mitglied, das den Vorgang dort veröffentlicht hatte, daß „zwischenzeitlich Anzeige erstattet wurde und entsprechend polizeilich ermittelt wird“. Das be­s‍tätigt der Gast nicht: Der Zwischenfall mit dem Wirt sei geklärt, man lasse sich künftig gegenseitig in Ruhe. Auch die Polizei be­s‍tätigt auf Anfrage unserer Redaktion, keine Anzeige des Ga­s‍tes in ihrem Sy­s‍tem zu haben.



Männlichkeit in der Krise ?!? Auch in Deutschland ?

( SZ.de- Interview von Johanna Bruckner, New York )

Für die AfD-Unter­s‍tützer steht Merkel für die Entmannung des deutschen Mannes. Für sie ist Merkel die Verkörperung des Problems, dass der deutsche Staat schwächlich handelt, weil er sich schuldig fühlt wegen des Zweiten Weltkriegs.

 „ Trump macht die männlichste Politik, die wir je hatten „

Foto Süddeutsche.de

Viele wütende weiße Männer in den USA fühlen sich von einer "weibischen Regierung" gegängelt, sagt der Soziologe Michael Kimmel. Und erklärt, welches Problem AfD-Wähler mit Merkel haben.

Was hinter dem Begriff „ Nanny State „ steckt

Sie sehen die Regierung als eine geschlechtstypisch weibliche Regierung, die von hart arbeitenden Männern nimmt und es Menschen gibt, denen Dinge wie eine Krankenversicherung, Bildung oder Sozialhilfe gar nicht zustehen - all diese Dinge, die sehr feminin konnotiert sind. Man muss bei Trump nicht das Geschlecht des Mannes selbst betrachten, sondern das seiner Politik. Was Trump tun möchte, ist doch: Er will die Kohleförderung wieder hochfahren, in die Infrastruktur investieren und ins Militär - nun, diese Dinge sind alle mit einem Geschlecht besetzt, nicht wahr? Und wenn er all das tun, woher holt er sich das Geld? Er holt es sich von den nationalen Zuwendungen für die Kunst, die Musik, für Bildung und den Umweltschutz. Trump macht die gegendert­s‍te, männlichste Politik, die wir jemals hatten.

In Deutschland gewinnt seit zwei bis drei Jahren die rechtsgerichtete Alternative für Deutschland (AfD) an Stimmen. Der Erfolg der Partei wird meist mit der Flüchtlingskrise in Verbindung gebracht. Denken Sie, als Experte für Politik und Männlichkeit, daß es noch einen anderen Grund geben könnte? Immerhin haben wir seit fast zwölf Jahren eine Kanzlerin.

Für die AfD-Unter­s‍tützer steht Merkel für die Entmannung des deutschen Mannes. Für sie ist Merkel die Verkörperung des Problems, dass der deutsche Staat schwächlich handelt, weil er sich schuldig fühlt wegen des Zweiten Weltkriegs. Für diese Menschen scheint es, als dürfe jeder herkommen, als würden sämtliche Einwanderer ins Land gelassen. "Und wenn sie einmal da sind, nehmen sie uns die Jobs weg" - so denken sie. Der Gedankengang "Wir sind starke Männer, aber uns wird gesagt, daß wir schwach sein sollen, daß wir uns zurückhalten sollen" - das sind einmal mehr die wütenden, weißen Männer; das ist, was ich "gekränkter Anspruch" nenne.

Foto youtube.com

Wir haben über Amerika und Deutschland gesprochen. Gibt es ein Land oder eine Region in der Welt, in der Männlichkeitsproblematiken nicht in die aktuelle Politik hineinspielen?

Natürlich, es gibt viele Länder, in denen ein anderer Männlichkeitsbegriff exi­s‍tiert. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Es ist nicht so, als gäbe es überall, wo es Männer gibt, diese Ideen. Aber überall, wo diese Ideen auftreten, werden Sie Männer finden. Es sind Männer, die an diese Ideen glauben. Für mich hat das nichts damit zu tun, biologisch ein Mann zu sein, es ist eher so, daß ein be­s‍timmtes Männlichkeitsver­s‍tändnis bei Leuten be­s‍timmte politische Ein­s‍tellungen hervorbringt. Es ist nicht zwangsläufig so, daß jemand gegen Einwanderer ist und sagt "Wir sollten unsere Grenzen schließen", weil er sich entmannt fühlt. Diese Verbindung muß bewußt herge­s‍tellt werden: indem wir die Grenzen schließen, bekommst du deine Männlichkeit zurück, indem wir die Kohleförderung ankurbeln, geben wir dir deine Männlichkeit wieder.

Foto SZ.de

Reicht es, mit diesen Menschen zu sprechen, sich anzuhören, wie sie sich fühlen? Mir scheint es, als seien solche Überzeugungen tief verwurzelt in der Persönlichkeit dieser Männer.

Sagen wir es so: Ich glaube, man kann sie nicht erreichen, ohne mit ihnen über Männlichkeit zu reden. Die er­s‍te Regel jedes Therapeuten ist: Du sagst Menschen nicht, daß ihre Gefühle falsch sind. Aber du kannst ihnen sagen, daß ihre Gefühle keine akkurate Einschätzung ihrer Situation sind. Ich fühle insofern mit diesen Typen, als daß ich tatsächlich glaube, daß sie über den Tisch gezogen wurden. Sie haben ein schlechtes Geschäft gemacht - aber ich glaube nicht, daß es Einwanderer waren, die ihnen räuberische Kredite für ihre Häuser gegeben haben. Ich glaube nicht, daß Femini­s‍tinnen für den Klimawandel verantwortlich sind. Ich glaube nicht, daß Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender ihre Jobs outsourcen. Diese Menschen haben ein Recht wütend zu sein, aber ihre Wut richtet sich gegen die Falschen. Es sind die Wirtschaftseliten, die ihnen das angetan haben. Auf die sollten sie ihre Energien richten. Sie sollten mehr auf Spring­s‍teen hören und weniger auf Bannon.

Das ganze Interview, klick die Bilder an!


Geständnis

Dragan S.: „ Mit 16 Jahren habe ich mich an Männer verkauft!“   ( Kosmos at.)

Prostitution ist wohl eines der größten Tabuthemen unserer Gesellschaft – vor allem, wenn Männer dieser nachgehen. Auf meiner Suche nach einem Interviewpartner aus dieser Szene traf ich zufällig in einem Schwulen-Café auf Dragan S.*, welcher mich an seiner Geschichte teilhaben ließ. (*Name von der Redaktion geändert)

„Ich war relativ jung, als ich mein erstes Mal hatte und wie soll ich sagen – die Lust am Sex war ziemlich groß. Mein erstes Mal mit einem Mann hatte ich als normaler User auf einer Dating-Plattform für Schwule. Es kommt dort häufig vor, dass man angeschrieben und gefragt wird, ob man Lust auf ein Sexdate hat und so hatte ich auch mein erstes Mal“, schilderte mir Dragan seine ersten sexuellen Erfahrungen.

(FOTOS: iStock Photos)

Auf die Dating-Plattform kam er über das Internet, genauer gesagt über einen „Er sucht ihn“-Chat. Dort wurde er gefragt, ob er denn auch auf Romeo sei. Nichtwissend worum es sich handelt, googlelte er, stieß so auf Gayromeo und erstellte sich dort ein Profil.

„Es hat sich dann einfach irgendwann einmal ergeben, dass mich jemand auf Romeo angeschrieben und mich gefragt hat, ob ich Lust hätte, TG zu verdienen. Ich, neu in dieser Szene, wusste nicht was das ist. Er hat mit dann erklärt, dass es eine Abkürzung für Taschengeld ist und bedeutet, dass er für Sex bezahlt.“


Das er­s‍te Treffen mit einem Freier
„Probehalber habe ich mir gedacht, warum nicht. Beim er­s‍ten Mal habe ich 70 Euro dafür bekommen. Der er­s‍te, der mir Taschengeld angeboten hat, war um einiges älter, mit Sicherheit 40 oder 41. Wir haben uns damals im zweiten Bezirk, beim Nestroyplatz getroffen“, erzählt Dragan von seinem er­s‍ten „Date“ für sogenanntes TG.

Dort haben wir uns auf Hallo-Hallo kennengelernt. Er hatte dann gemeint, dass es für ihn ‚gut ausschaut‘ und mich aufs Zimmer eingeladen. Wir sind dann in eine Seitengasse des Nestroyplatzes gegangen. Anfangs wusste ich nicht genau, was mich erwartet. Ist es ein Bordell, ist es ein normales Hotel? Im Endeffekt hat sich herausgestellt, dass es ein Stundenhotel war. Wir sind hinauf ins Zimmer.“

„Wir haben uns langsam herangeta­s‍tet, angefangen zu knutschen – dies ist übrigens nach Absprache, da nicht jeder Freier Küssen möchte – und Sex gehabt. Es war für mich normaler Sex, nichts Anderes als bei einem Sexdate. Wir haben uns davor nicht genau abgesprochen, was wir genau machen, da ich nicht wußte, wie so ein ‚Date gegen TG‘ überhaupt abläuft…………………..

Weiter lesen? Klick die Bilder an.

Es gibt einen großen Bedarf  ( Lothar Bassermann Junge Welt)

Refugee-LGBTIQ*-Conference in Brandenburg: Kennenlernen und Vernetzen gegen Homophobie und Rassismus. Ein Gespräch mit Emma Silberstein

Sie haben am Wochenende bereits die zweite »Refugee-LGBTIQ*-Conference« in Brandenburg an der Havel veranstaltet. Wie lautet Ihr er­s‍tes Resümee?

Wir sehen, daß es einen großen Bedarf gibt, sich zu treffen und zu vernetzen. Hierfür hat die Konferenz einen guten Raum geboten. Gleichzeitig ist solch ein Projekt für unser kleines Organisation­s‍team kräftezehrend, knapp hundert Menschen zu verpflegen, unterzubringen und zugleich das Konferenzprogramm am laufen zu halten ist schwierig.

Nach der Konferenz sind wir traurig und glücklich zugleich. Traurig, weil wir als Team manchmal gern intensiver mit den Teilnehmenden diskutiert hätten. Glücklich, weil so viele Menschen unserer Einladung gefolgt sind, sich au­s‍tauschen konnten und viele sich so herzlich von uns verabschiedet und bedankt haben.

Welche Angebote auf der Konferenz waren bei den geflüchteten LGBTIQ* besonders gefragt?

Wir haben am Freitag eine Diskussion mit integrierter Gruppenarbeit auf dem Plan gehabt, mit dem Ziel, allen Teilnehmenden die Chance zu geben, zu Wort zu kommen, Meinungen und Erfahrungen auszutauschen und die Ergebnisse dann zusammen zu diskutieren. In den Arbeitsgruppen haben sich die Menschen näher kennengelernt. Am Samstag hatten wir eine Workshopreihe zum Themenbereich »Recht und Gesetze«. Sie war sehr gut besucht, es wurde viel diskutiert und nachgefragt, denn die deutschen, europäischen und internationalen Gesetze sind teilweise schwer zu ver­s‍tehen und zu interpretieren, gleichzeitig stellen sie die Basis für eine mögliche Anerkennung als Flüchtling dar.

Foto: Hardy Krüger/Presseservice Rathenow

In den letzten Tagen gab es Berichte über zunehmende Anfeindungen und Übergriffe auf ­geflüchtete LGBTIQ* in den Sammelunterkünften und Behörden Berlins. Die Stadt hat insoweit reagiert, als eine spezielle Einrichtung eröffnet wurde. Wie gehen Betroffene sonst mit dem Problem um?

Viele Betroffene versuchen in diese speziellen Unterkünfte zu gelangen, die es nicht nur in Berlin gibt. Da sie aber immer voll sind, sind die Chancen entsprechend schlecht. Das Resultat ist, daß die Menschen zurückgezogen und möglichst unauffällig in ihren Unterkünften leben oder bei Bekannten unterkommen, bis sich eine dauerhafte, legale Lösung finden läßt. Viele Geflüchtete sind in den Lagern gezwungen, ihre sexuelle Orientierung geheimzuhalten, da sie sonst Gefahr laufen, von Mitbewohnern physisch und psychisch diskriminiert zu werden. Dies betrifft besonders Menschen aus dem arabischen und afrikanischen Raum, denn dort stehen nichtheterosexuelle Handlungen häufig unter Strafe. Heterosexuelle Geflüchtete legen während ihrer Flucht nicht einfach ihre Abneigung gegenüber LGBTIQ* ab.

Das Ver­s‍tecken der eigenen sexuellen Orientierung führt fast immer zur Isolation der Betroffenen, so daß sie häufig keinen Zugang zu Hilfsangeboten haben. Somit erleben sie vom Prinzip her die gleiche Situation wie in ihren Herkunftsländern.


Pro und Contra Ehe zu dritt ( B.Werneburg/TAZ Kultur)

Verliebt, verliebt, verliebt, verheiratet

Erstmals wurde eine Dreier-Ehe in Kolumbien geschlossen. Fortschritt oder falsch verstandene Toleranz?

Alles zu erlauben, ist falsch!

Drei verliebte Männer mit ineinander verschlungenen Händen und glücklichen Gesichtern – natürlich ist die Ehe von Manuel Bermúdez, Víctor Hugo Prada und Alejandro Rodríguez herzerwärmend fortschrittlich. Allein schon deshalb, weil es alle Erzkonservativen ungemein ärgert, daß so etwas in irgendeinem Staat der Erde überhaupt erlaubt ist, möchte man sich mitfreuen.

Doch die erstmals geschlossene und anerkannte Dreier-Ehe in Kolumbien ist keineswegs der Beginn eines neuen Zeitalters, das die Unterdrückung unkonventioneller Liebesbeziehungen abstreift wie einen zu eng gewordenen Schnürschuh. Nicht alle, die diese Ehe form in Anspruch nehmen würden, wären Liebende aus dem queeren Milieu oder andere progressiv gesinnte Menschen.

Just married: die drei Ehegatten in Medellín, Kolumbien  Foto: Gonzalo Accogli/dpa

„Anything goes“, soll doch jeder heiraten, wen er will – das klingt wunderbar liberal und nach einem Vorgeschmack auf die gelebte Utopie. Es funktioniert als progressives Modell in einer egalitären Gesellschaft. Doch die Möglichkeit der Vielehe öffnet auch Tür und Tor für Ausbeutung, Unterdrückung und noch mehr Männermacht im Hier und Heute.

Warum die Zweierbeziehung privilegieren?

Polygamie für alle, oder was? Angesichts der harten Kämpfe, die Frauen in manchen muslimischen Ländern ausfechten, um die Polygamie abzuschaffen, wirkt die Ehe zu dritt, zu viert oder zu fünft, wie sie in Kolumbien nun anerkannt wurde, erst einmal höchst befremdlich. Aber es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen beidem: die Machtverhältnisse.

Die einen sind Frauen, die in jüngsten Jahren, von ihren Eltern vermittelt oder genötigt, als Zweit- oder Drittfrau verheiratet werden. Sie können sich vielleicht de jure wieder scheiden lassen, de facto haben viele von ihnen als geschiedene, alleinstehende Frau keine Exi­s‍tenzmöglichkeit. Sie sind in einer Zwangslage. In einer solchen Situation die Machtlosen durch ein Gesetz zu schützen, ergibt Sinn


Berlin 355 Übergriffe auf LGBTI-Flüchtlinge in drei Jahren ( Quelle Queer.de cw)

Eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Tom Schreiber bringt erschreckende Zahlen an den Tag – zu den Tatverdächtigen gehören auch Wachleute.

Dokumentiert sind nach Angaben des Senats insgesamt 355 Fälle in den Jahren 2014 bis 2016. Knapp die Hälfte der Vorfälle betraf schwule Männer, gefolgt von trans* Menschen und lesbischen Frauen. Nur die wenigsten Fälle wurden bei der Polizei angezeigt.

Die Zahlen stammen von den drei LGBTI-Hilfsinitiativen LesMigraS der Lesbenberatung, dem schwulen Antigewaltprojekt Maneo und MILES vom LSVD. Mehrfachnennungen seien dabei nicht auszuschließen, wenn ein Flüchtling sich bei verschiedenen Beratungsstellen gemeldet hat, räumte die Ju­s‍tizverwaltung ein. Andererseits müsse von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.


47 Übergriffe durch Wachleute in 2016

Die Aggressionen gegen LGBTI-Flüchtlinge gehen nicht allein von Mitbewohnern in den Unterkünften aus, sondern auch vom Sicherheitspersonal. Allein im Jahr 2016 meldete LesMigraS 47 Übergriffe durch Wachleute. "Hierbei handelte es sich bei 37 Meldungen um verbale Beleidigungen, bei acht um körperliche und bei zwei um sexualisierte Gewalt", heißt es dazu in der Antwort auf die SPD-Anfrage. Das Projekt Maneo meldet für 2015 zwei Betroffene von Gewalt durch Mitarbeiter. Angaben zu den Unterkünften liegen nicht vor.


50 Vorfälle von Beleidigungen sollen sich zudem im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten bzw. in der Vorgängerbehörde Lageso ereignet haben: "Die Betroffenen berichteten dabei mehrheitlich von der Verwendung beleidigender Begriffe sowie beleidigenden verbalen und nonverbalen sonstigen Äußerungen."


Der Senat hat reagiert

Die Antwort auf die Kleine Anfrage zeigt jedoch auch, dass sich der Senat des Problems bewusst ist und es ernst meint, LGBTI-Flüchtlinge besser vor Gewalt und Diskriminierung zu schützen. Auf sechs Seiten werden zahlreiche bereits eingeleitete Maßnahmen aufgeführt, darunter die Einrichtung einer eigenen Fach­s‍telle sowie von spezifischen Unterkünften, Schulungsmaßnahmen für Sprachmittler und Mitarbeiter in den Heimen, die Ernennung von besonderen Ansprechpersonen oder die Einladung geflüchteter Menschen ins Polizeipräsidium.

In Kürze sollen zudem die Handreichung "Was tun bei Gewalt gegen Frauen und LSBTI in Unterkünften" sowie ein Gesprächsleitfaden zur Identifizierung von besonderen Schutzbedarfen erscheinen.



Offizielle Li­s‍te der Polizei - ( (cw) / Queer.de

Der Regenbogenkiez gehört zu den zehn gefährlichsten Orten Berlins

Das Viertel am Nollendorfplatz wurde von der Polizei als "kriminalitätsbela­s‍teter Ort" eingestuft – Personen dürfen dort ohne Anlass kontrolliert werden.

( Bild http://berlin.gaycities.com )

Auf Anordnung des rot-rot-grünen Senats hat die Berliner Polizei ihre bislang geheime Li­s‍te der kriminalitätsbela­s‍teten Orte (kbO) veröffentlicht. Zu den zehn besonders gefährlichen Gegenden der Haupt­s‍tadt gehören demnach auch "Schöneberg-Nord im Bereich Nollendorfplatz und Teile des so genannten 'Regenbogenkiezes'".

Regenbogenfahne am U-Bahnhof Nollendorfplatz in Berlin (Bild:  Oh-Berlin.com / flickr)


Die Einstufung als kbO setzt nach Angaben der Polizei voraus, "dass dort Straftaten von erheblicher Bedeutung begangen werden". So wurden im Nollendorfkiez laut einem Bericht der "Berliner Morgenpost" im Zeitraum zwischen Mai 2016 und März 2017 insgesamt zwölf Fälle schwerer homophober Hass Kriminalität angezeigt – im vergleichbaren Zeitraum ein Jahr zuvor war es nur ein Fall. Außerdem kam es zu 2.276 Diebstählen, 167 Sachbeschädigungen, 113 Beleidigungen, 70 Raubtaten und 38 Bedrohungen.

( Foto - https://hiveminer.com )

Für viele Diebstahlsdelikte waren sogenannte Antänzer verantwortlich – erst am vergangenen Wochenende wurden etwa zwei Jugendliche im Viertel geschnappt.

Auch Kleiner Tiergarten und Kottbusser Tor auf der Li­s‍te

Auf der Liste der zehn kriminalitätsbela­s‍teten Orte stehen mit dem Kleinen Tiergarten (Cruising) und dem Kottbusser Tor (Szenebars "Möbel Olfe" und "Südblock") zwei weitere Gegenden, die für die queere Community in Berlin eine Rolle spielen. Während der Kleine Tiergarten vor allem als Drogen-Umschlagplatz bekannt ist, wurden am "Kotti" mehr Roheits- und Dieb­s‍tahlsdelikte festge­s‍tellt.

Als ebenfalls gefährlich gelten der Alexanderplatz in Mitte sowie der Hermannplatz in Neukölln, wo in den vergangenen Monaten auch homophobe Straftaten angezeigt wurden.

Die Ein­s‍tufung be­s‍timmter Gegenden als kbO soll der Prävention dienen. Nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz dürfen Polizi­s‍ten dort Personen durchsuchen und ihre Identität fest­s‍tellen, ohne daß es einen konkreten Anlaß gibt.

Die Li­s‍te der kriminalitätsbela­s‍teten Orte wird nach Angaben der Polizei regelmäßig überprüft. Sobald die Zahl der erfaßten Straftaten zurückgehe und sich die Sicherheitslage in diesem Bereich nachhaltig verbessere, werde der kbO-Status wieder aufgehoben.


Rußland

Mit Schwulenhaß Biobrot verkaufen

Eine Biobrot-Ladenkette in Russland wirbt um Kunden mit einer homophoben Tafel. Dahinter steckt ein skurriler Geschäftsmann, der offenbar keine strafrechtlichen Konsequenzen fürchtet.

Ein Mann mit Vollbart wechselt die zerschlagene Fensterscheibe in einem kleinen Brotladen in Moskaus Stadtmitte aus. "Schwuchteln haben das Fenster kaputt gemacht", sagt er grimmig. Das homophobe Schimpfwort ist auch hinter dem zerborstenen Glas auf einer Holztafel zu lesen, die offenbar Ziel des Angriffs war. "Kein Zutritt für Schwuchteln", steht da in geschwungener altslawischer Schrift. Der Vorfall Ende Mai sei nicht der erste, sagt leise eine junge Verkäuferin.

DW / E.Samedowa

Die nach ihm benannte Biobrot-Ladenkette des russischen Geschäftsmanns German Sterligow wirbt seit April mit homophoben Tafeln um Kunden. Den Anfang machte St. Petersburg, später tauchten solche Tafeln in einem Dutzend Sterligow-Brotläden landesweit auf, auch in der Hauptstadt.

Ex-Millionär mit skurrilen Ansichten

Sterligow, Jahrgang 1966, ist ein Geschäftsmann, der vor einigen Jahren auch von ausländischen Medien gerne als Aussteiger porträtiert wurde. Als Mitbegründer der ersten Börse in der späten Sowjetunion wurde er Millionär, versuchte sich als Politiker und kandidierte unter anderem für das Bürgermeisteramt in Moskau. Er scheiterte, verlor viel Geld und zog aufs Land, um sich seiner kinderreichen Familie und der Bio-Landwirtschaft zu widmen. Sein Markenzeichen: Lebensmittel, hergestellt wie im vorindustriellen Zeitalter. Günstig sind sie allerdings nicht. Ein Brot vom Vortag kostet umgerechnet rund 10 Euro, ein frisches Brot das Doppelte oder gar das Dreifache.

picture-alliance/Russian Look/ Photoagency Interpress

Mit seinem skurrilen Lebensstil, rechtskonservativen und christlich ultraorthodoxen Ansichten sorgt Sterligow immer wieder für Schlagzeilen. So wettert er gegen Abtreibungen, gegen Ärzte und Wissenschaftler allgemein. Seine neueste Idee: Den Strom auf dem ganzen Planeten abschalten, um die Natur zu retten.



Studienergebnisse zur Situation männlicher Escorts vorgestellt ( Olaf Alp )

Die befragten Escorts haben sehr unterschiedliche Einstellungen zur Sexarbeit. Diese reichen von Sexarbeit als Erwerbstätigkeit über Sexarbeit als homosexueller Lebensstil, bis zur Sexarbeit als Überlebensstrategie.

Der Anteil von männlichen Sexarbeitern ist deutlich gestiegen. Darüber hinaus sind männliche Escorts an schwulen Szeneorten oder an öffentlichen Plätzen immer weniger anzutreffen, vielmehr verlagern sich ihre Anbahnungsaktivitäten fast vollständig in die einschlägigen Internetportale. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Aidshilfe NRW zur Lebenslage von Escorts in Dortmund, Essen, Düsseldorf und Köln. 

Die 125 Befragten waren von 17 bis 54 Jahre alt, im Durchschnitt 28,6 Jahre und damit über fünf Jahre älter als in der Studie von 2008 (23 Jahre). Etwa die Hälfte der Befragten gibt an, auch privat am liebsten nur mit Männern Sex zu haben. Die andere Hälfte erklärt, privat gerne mit Männern und Frauen (28%) oder nur mit Frauen (24%) Sex zu haben. 

Herkunft der Sexarbeiter

Mit der aktuellen Befragung ist es gelungen, mehr ausländische Escorts zu erreichen, insgesamt 41,4% der Befragten. Sie stammen aus anderen EU-Ländern (25,6% aus Bulgarien, Tschechien, Ungarn, Rumänien) und aus West-Balkanländern, die nicht in der EU sind (8,8%). Personen aus anderen EU-Staaten, insbesondere aus Bulgarien und Rumänien bilden den größten Teil der Escorts in den Szenetreffpunkten der Erhebungsorte. Sie leben in der Mehrheit in prekären Lebensverhältnissen und ohne Krankenversicherung. Der Anteil von Escorts mit Migrationshintergrund ist deutlich gestiegen.

Foto Eurocreme.com

Gründe für die Sexarbeit

Die befragten Escorts haben sehr unterschiedliche Einstellungen zur Sexarbeit. Diese reichen von Sexarbeit als Erwerbstätigkeit über Sexarbeit als homosexueller Lebensstil, hierunter auch Migranten aus anderen EU-Ländern, bis zur Sexarbeit als Überlebensstrategie. Die sexuelle Orientierung spielt dabei eine entscheidende Rolle, insbesondere für heterosexuell orientierte Escorts ist das Thema Sexarbeit ein kaum berührbares Tabu. 

Auch der biographische Zugang zur Welt der Sexarbeit erweist sich als prägend für Einstellungen und Handlungskompetenz. Einige Interviewpartner waren Opfer von sexuellem Missbrauch, sexueller Ausbeutung und Vernachlässigung in Kindheit und Jugend. Viele leiden bis heute unter multiplen gesundheitlichen Belastungen. Andere Interviewpartner nennen als Motiv den Wunsch, Spaß mit Geldverdienen zu verbinden. Weitere Interviewpartner hatten schon vor ihrem Einstieg eine positive Einstellung zu Sexarbeit, fanden die Verdienstmöglichkeit attraktiv oder wollten Schulden begleichen. 11% der Befragten haben angegeben, mit der Sexarbeit in erster Linie ihren Drogenkonsum zu finanzieren. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich um Individuen in sehr unterschiedlichen Lebenslagen handelt, die drei Gruppen zuzuordnen sind:…………

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Nachtleben in Neukölln Clubgänger werfen dem „ Schwuz „ Rassismus vor

Türsteher des Clubs sollen Gäste wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert haben - zumindest prangern das viele Facebook Nutzer an. Die Betreiber wollen klären, was passiert ist. von Angie Pohlers

Es sollte eine lustige, lange Nacht werden im „Schwuz“" einem Club für queere, trans- und homofreundliche Partys im Neuköllner Rollbergkietz. Doch im Nachgang der "Beyoncélicious"-Party am Pfingstsonntag hagelt es nun viel Kritik an den Securitykräften, die den Einlass regeln.

Queer feiern. Wer im Schwuz durch die Nacht tanzt, entscheiden auch hier Tür­s‍teher.Foto: Tilmann Warnecke

Welche Seite hat Recht?

Entsetzt von dem Shitstorm, der sich da gerade im Netz zusammenbraut, ist auch Florian Winkler-Ohm, einer der beiden Geschäftsführer des "Schwuz". Es habe am Dienstag Gespräche mit den Türstehern gegeben, die beim Club angestellt sind und nicht von einer externen Sicherheitsfirma beschäftigt werden. "Nach ihrer Darstellung wurde eine Gruppe von sieben Leuten an der Tür abgewiesen, weil sie in der Schlange zu laut waren und nicht auf die Bitten, leiser zu sein, eingegangen sind." Daraufhin hätten sich andere Wartende in der Schlange mit den Abgewiesenen solidarisiert.

Queer feiern. Wer im Schwuz durch die Nacht tanzt, entscheiden auch hier Tür­s‍teher.Foto: Tilmann Warnecke

Tatsächlich soll die Situation etwas komplexer gewesen sein, erzählt Muna Yaffai, die am Sonntag ebenfalls vor dem Club stand. Eine Gruppe von zwei schwarzen Frauen und zwei weißen Männern soll laut gewesen sein. "Die Jungs wurden dann trotzdem reingelassen", sagte sie dem Tagesspiegel. Die Frauen und ihre ebenfalls schwarzen Freundinnen wurden abgewiesen und hätten als Zeichen des Protests gesungen und getanzt. Danach seien viele Leute, die nicht weiß sein, abgewiesen worden.

Es gibt aber auch Gäste, die die harsche Kritik am “Schwuz” nicht nachvollziehen können. “Ich finde es krass, wie jetzt gehetzt wird”, sagt Chris Schmittlein. Er sei am Sonntag schon im Club gewesen, als der Vorfall passierte. Bei einer Raucherpause vor dem Gebäude sei ihm aufgefallen, dass die Gruppe viel Lärm gemacht habe - “obwohl eigentlich alle wissen, dass man wegen der Nachbarn leise sein muss”. Später sei er nochmal vor der Tür gewesen, da hätten die Frauen ein “Riesendrama” gemacht, weil die Türsteher sie abgewiesen hätten. “Ich finde es nicht richtig, dass immer gleich die Rassismus keule geschwungen wird.”



Demonstration für LGBT – Rechte in Warschau

Tausende Polen haben bei der "Gleichheitsparade" für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) demonstriert. Rechtsorientierte Nationalisten versuchten, die Parade zu blockieren.

"Liebe ist keine Sünde" und "Homophobie verursacht Herzkrankheiten", hieß es unter anderem auf den Plakaten der überwiegend jungen Demonstranten, die durch die Hauptstadt des katholisch geprägten Landes zogen. Die Teilnehmer trugen außerdem Regenbohnenfahnen und -schirme, die als Symbol für vielfältige Lebensformen steht.

Foto Reuter Agensi

Die Botschaften von rund 40 Ländern, darunter Frankreich und die USA, hatten zum Ausdruck gebracht, die Parade zu unterstützen.

Polen gehört zu den wenigen EU-Ländern, in denen die Situation gleichgeschlechtlicher Paare nicht gesetzlich geregelt ist, wie Aktivisten kritisieren. Die polnische Organisation "Kampagne gegen Homophobie" (KPH) fordert die nationalkonservative Regierung außerdem auf, LGBT-Menschen mit Gesetzen vor aus Hass und Homophobie motivierten Verbrechen zu schützen. Polen landete im diesjährigen, sogenannten Regenbogen-Report der Organisation ILGA Europe EU-weit auf dem drittletzten Platz. Die rechtliche Situation war innerhalb der EU demnach nur in Litauen und Lettland schlechter.

Foto Reuter Agensi

ust/qu (dpa, ap)


Aufbruch in Asien

Neue Hoffnung auf eingetragene Partnerschaft in Thailand



Seit drei Jahren liegt ein Gesetzentwurf zur rechtlichen Anerkennung homosexueller Paare auf Eis – nun kündigt das Justizministerium parlamentarische Beratungen an.


Die Entscheidung der Verfassungsrichter vor einer Woche in Taiwan, dass die Ehe für lesbische und schwule Paare geöffnet werden muss, beflügelt nun auch die Diskussion um LGBTI-Rechte in Thailand. Nach einem Bericht der "Bangkok Post" vom Dienstag kündigte das Justizministerium an, die vor drei Jahren durch den Militärputsch unterbrochene Beratung eines Gesetzentwurfs für eingetragene Partnerschaften wiederaufzunehmen.


Obwohl Thailand bei Touristen als queeres Paradies gilt, haben homosexuelle Paare im Land des Lächelns keinerlei Rechte, auch mangelt es an einem wirksamen Schutz vor Diskriminierung. Nach einer jüngsten Umfrage der World Bank Group unter Arbeitnehmern in Bangkok gaben über die Hälfte der LGBTI-Teilnehmer an, dass ihnen aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Orientierung schon mal eine Anstellung verweigert wurde. Rund 40 Prozent der trans* Mitarbeiter wurden von Kollegen gemobbt.



Warum gibt’s im Iran so viele Geschlechtsumwandlungen? ( Gregor Schenker )

Das Irania Film Festival in den Kinos Houdini und Riffraff beleuchten die Widersprüche einer von der Religion geprägten Gesellschaft.

«Apricot Groves» handelt von Bruderliebe. Allerdings kam Aram (r.) als Frau zur Welt.

Homosexualität steht im Iran unter Strafe, nicht jedoch Transsexualität. Ayatollah Khomeini selbst erklärte Mitte der 80er, dass Geschlechtsumwandlungen mit dem Islam vereinbar seien. In kaum einem anderen Land wird die Operation häufiger durchgeführt. Sie ist nicht zuletzt ein Ausweg für Homosexuelle, die sich zwar nicht im falschen Körper fühlen, aber so der Strafverfolgung zu entgehen hoffen.


Ähnlich geht es Aram, dem Protagonisten von «Apricot Groves»: Als Frau geboren, lebt er inzwischen in den USA als Mann. Dort hat er eine Armenierin kennen­gelernt und sich in sie verliebt, nun möchte er sie heiraten. Dafür reist er nach Armenien. Der Vater der Verlobten willigt zwar in die Hochzeit ein, doch bevor diese stattfinden kann, lässt sich Aram von seinem Bruder in den Iran fahren. Dort ist schon alles für eine Operation vorbereitet.


Sapporo: Japans toleranteste Stadt ( von Jan Knüsel )

Sapporo anerkennt seit dem 1. Juni 2017 die eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare, wie die Asahi Shimbun berichtet. Und nicht nur das: auch Transgender-Paare erhalten von den Behörden der Hauptstadt der Nordinsel Hokkaido künftig ein entsprechendes Zertifikat.

Sapporo in der Nacht. (Foto: flickr/ Jason Luk)

Letzteres ist ein Novum in Japan. Sapporo ist somit die erste Stadt in der gesamten nördlichen Region des Landes, die sich für die LGBT-Gemeinde öffnet. Mit 1,95 Millionen Einwohnern ist sie das politische und wirtschaftliche Zentrum der Nordinsel.


Bizarre Antwort auf Frage zur Schwulenverfolgung (von Norbert Blech)

So schroff regiert das russische Außenministerium auf Fragen zu Tschetschenien.

Wer etwas zur Lage in der Republik wissen wolle, solle doch hinreisen, ätzte die Pressesprecherin einem Journalisten minutenlang entgegen – und bat Präsident Kadyrow um Organisation des Trips.

Marija Sacharowa ist Trägerin der Auszeichnung "Für Transparenz in der Presse" der Moskauer Journali­s‍tenunion sowie des "Ordens der Freundschaft". Original Seite, wenn du das Bild anklickst.


Russlands: Säuberung gegen Schwule in Tschetschenien

Opfer von Strafmaßnahmen noch immer in Gefahr!

(New York) – Die tschetschenische Polizei hat Dutzende schwule oder bisexuelle Männer zusammengetrieben, geschlagen und erniedrigt, mit dem Ziel, die tschetschenische Gesellschaft von ihnen zu „säubern“, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht.

Die russischen Behörden müssen dafür sorgen, dass ihre Ermittlungen zu diesen widerwärtigen Menschenrechtsverletzungen wirksam vorangetrieben werden und geeignet sind, die tschetschenischen Behörden zur Rechenschaft zu ziehen. Ausländische Regierungen sollen den Opfern sichere Zuflucht bieten, da diese, solange sie in Russland bleiben, in unmittelbarer Gefahr schweben.

Ein Opfer der Angriffe berichtet im April 2017 an einem sicheren Ort in Zentral-Rußland darüber, was er erleben mußte.                      © 2017 Nataliya Vasilyeva für Human Rights Watch


„Die Männer, die diesen Säuberungen unterworfen wurden, haben in Tschetschenien ein schreckliches Martyrium erlebt“, so Graeme Reid, Direktor der Abteilung für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender bei Human Rights Watch. „Der Kreml trägt die Pflicht, die Verantwortlichen für die Gewalt zur Rechenschaft zu ziehen und alle Menschen in Russland ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung zu schützen.“

Transgender Kind – ich bin kein Mädchen

Mia Lemay war zwei Jahre alt, als sie ihren Eltern zum ersten Mal klarmachte, dass sie lieber als Junge leben möchte. "Ich bin kein Mädchen!" Diesen Satz habe sie immer wieder gesagt, erinnern sich die Eltern. Heute heißt Mia Jacob und ist sieben Jahre alt.


Joe und Mimi Lemay entschlossen sich, ihr Kind als Junge leben zu lassen. Sie hatten sich damals in einer Klinik über transsexuelle Kinder informiert. Dort habe ihnen eine Therapeutin geraten: "Lassen Sie es ruhig angehen. Zwingen Sie ihrem Kind kein Geschlecht auf."


"Es ging nicht nur darum, dass er kurze Haare und Klamotten für Jungs tragen wollte", sagten seine Eltern dem Internetportal Boston.com. "Er zog sich immer mehr zurück und war gereizt."


"Wir beobachteten ihn und merkten, dass es ihm schlechter und schlechter ging", berichten die Eltern über die Zeit vor dem Wandel. "Auf gewisse Weise sah ich mein Kind vor meinen Augen zerbrechen", erinnerte sich Joe Lemay


Vor drei Jahren entschied sich die Familie schließlich, Mia zu Jacob werden zu lassen: Er bekam einen Kurzhaarschnitt, neue Klamotten und einen neuen Vornamen, und er wechselte die Vorschule. Für eine Hormontherapie oder eine Operation ist Jacob noch zu jung. Zu Jacobs fünftem Geburtstag schrieb Mimi Lemay ihm einen Brief, den sie auch im Internet veröffentlichte. Darin erinnerte sie an die Jahre seit seiner Geburt und wann ihr aufgefallen ist, dass er nicht ist wie seine beiden Schwestern.


Jacob stellte sich bei Gruppenaufgaben zu den Jungen in der Klasse und diskutierte zu Hause mit seinen Schwestern und den Eltern über Rollenklischees. "Wir dachten, dass du deine Vorliebe für 'nicht mädchenhafte' Sachen klarmachen wolltest", schreibt Mimi in ihrem Brief."Wir verstanden nicht, dass du dir überhaupt vorstellen konntest, was ein Geschlecht ist. Du hattest doch gerade erst mit der Vorschule angefangen."


Doch dann sagte Mia: "Ich will ein Junge sein und Jacob heißen" - und damit brach das Eis in der Familie. "Du standst wieder aufrecht und sahst den Menschen in die Augen", schreibt Mimi. "Du machtest innerhalb von einer Woche deinen ersten richtigen Witz, und du hörtest nicht mehr auf zu plappern - als ob dir jemand einen Maulkorb abgenommen hätte."


"Zusammen bestritten wir die vielen ersten Male. Das erste Mal, als wir deinen Namen schrieben - ein Triumph für dich, Tränenbäche bei mir", schreibt Mimi Lemay. Seine Eltern müssen sich viel Kritik von anderen Menschen anhören: Ein so kleines Kind könne nicht wissen, was seine sexuelle Identität sei. "Es ist so einfach zu leugnen, daß Transsexualität eine reelle Sache ist, wenn man noch nie so jemanden getroffen hat", sagten Mimi und Joe gegenüber Boston.com.

Jacobs Familie engagiert sich seitdem für die Rechte von Betroffenen und ist mit zahlreichen anderen Eltern von transsexuellen Kindern und mit Menschenrechtlern vernetzt.

Alle Fotos AFP


SEXUALITÄT - Susanne Holz – Tageblatt

Drei Männer erzählen von ihren mehr oder weniger heimlichen Beziehungen zu anderen Männern. Klar wird: Es ist nicht gesund, gegen seine Gefühle zu leben. Und mit Toleranz und Mitgefühl ist jede Liebe möglich.

Verheiratete leiden unter dem zusätzlichen Tabu und grenzen sich auch unter anderen Homosexuellen aus. Der wohl schönste Liebesfilm seit langem – «Moonlight» – erzählt von schwuler Liebe. Er erzählt aber nicht von einer offenen homosexuellen Beziehung, sondern zeichnet die Biographie eines Mannes nach, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter, der verunsichert ist und benachteiligt wird – nicht nur wegen seiner dunklen Hautfarbe, sondern auch wegen seiner Gefühle für männliche Mitmenschen.

«Moonlight» trifft einen voll ins Herz: Weil dieser Film ein wunderbar Großes Plädoyer für Toleranz und Liebe ist. Dass unsere Gesellschaft auf der Gefühlsebene noch immer Zwängen und Normen verhaftet ist, beweist nicht zuletzt die Tatsache einer hohen Dunkelziffer an Männern, die andere Männer im Geheimen lieben.

(Bild: Spencer Platt/Getty)




Mein Sohn ist schwul, na und …. (Sana Weisz – 29.05.2017)

Das Glück der Kinder ist wichtig für Eltern. Umso schöner ist es, wenn im Frühling ein 17-Jähriger mit einem Lächeln im Gesicht durch die Wohnung läuft.

Meine Freundin hat einen 17-jährigen Sohn, den sie in den vergangenen Wochen kaum wiedererkannte. Mathematikschularbeit fiel ihm leicht, das Geschirr räumte er nach dem Frühstück in den Geschirrspüler,..

Mehr will ich nicht verraten, den der Artikel ist so süß, unbedingt lesen

foto: getty images/istockphoto/svetikd



„Der lange Weg zur Normalität: Was es bedeutet, in einer Migrantenfamilie schwul zu sein“

von Anthony C. Ocampo – 29.05.2017

Ich bin Soziologe, und habe nun nahezu zehn Jahre damit verbracht, das Leben von LGBTQ-Kindern aus Einwanderfamilien zu recherchieren. Viele von ihnen (inklusive mir) glaubten, dass sie mit ihrem Coming-Out den Traum ihrer Eltern zerstören würden.Deswegen versteckte ich mein schwules Dasein - meine Freunde, die Orte, an denen wir herumhingen, und natürlich, mit wem ich gerade ging.

Foto Anthony C. Ocampo

Ich hatte Angst, ihnen von meinem Partner zu erzählenMit der Zeit aber hörte ich auf, mein Einwandererleben von meinem Leben als Homosexueller zu trennen, weil es zu anstrengend wurde.


Migration  24.05.2017

Warum männliche Flüchtlinge in die Pro­s‍titution abrutschen

Aus der Not heraus gehen männliche Flüchtlinge in vielen deutschen Städten der Pro­s‍titution nach. Was treibt die jungen Männer dazu?



Jakob Pa­s‍tötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, sagt, Die Männer könnten so einfach relativ schnell und unproblematisch Geld verdienen. Ralf Rötten vom Berliner Verein "Hilfe für Jungs" stimmt zu: "Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, wie man ohne Sprachkenntnisse und Arbeitserlaubnis an Geld kommt.


Von Sprach-, Beratungs- und Beschäftigungsangeboten für Flüchtlinge wiesen die Flüchtlinge oft nichts.

stammen aus Afghanistan, Irak und Iran. Während des Asylverfahrens hätten sie keinen Zugang zu Sprach- und Integrationskursen. "Minderjährige, allein eingereiste Flüchtlinge werden noch betreut. Aber sobald sie erwachsen werden, stehen sie ohne Betreuung dUnbetreute Flüchtlinge   23.05.2017

20 bis 30 Euro für Sex

Um an etwas Geld zu kommen, sehen viele junge männliche Geflüchtete in Deutschland nur den Weg der Pro­s‍titution.

Der nach eigenen Angaben 21 Jahre alte Afghane verdient sein Geld im Tiergarten nahe der Siegessäule mit Prostitution. Anschaffen zu gehen sei für ihn die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, erzählt er später.

Prostitution