Queer - Impulse

So leb Dein Leben, wir haben nur das eine ?!?



Von Beruf(ung) Callboy

Denn sie sind jung und wollen das Geld

Schwule Sexarbeit hat sich von ihrem einstigen Schmuddel-Image zu einer professionellen Hochglanz-Dienstleistung emanzipiert.

In Zeiten des Internets hat sich die Gay-Callboy-Szene grundlegend gewandelt. In dem Business warten heute in der Regel weder Freier noch obdachlose Stricher stundenlang irgendwo an einem dunklen Bahnhof auf eine schnelle Nummer, wie veraltete Klischees glauben machen wollen. Was zeichnet schwule Callboys und Escorts von heute aus, was hat sich verändert?(Foto-Pinterest)

Oft ist der erste Schritt in den Callboy- oder Escortservice rein zufälliger Natur. Entgegen vieler oftmals junger Stricher, die – meist aus osteuropäischen Ländern wie etwa Rumänien oder Bulgarien kommend – gezielt ihr finanzielles Glück in reicheren, westeuropäischen Industrienationen suchen, rutschen viele Schwule hierzulande oftmals rein aus einer zufälligen Gegebenheit heraus in das Gewerbe. Jemand kennengelernt zu haben und nach getanem Vergnügen plötzlich und überraschend vom Freund bezahlt zu werden, ist zwar nicht unbedingt jedermanns Sache, mag in dem einen oder anderen doch eine zündende Idee entflammt zu haben.

Viele erliegen darauf hin dem verlockenden Gedanken, das Angenehme doch einfach mit dem Nützlichen verbinden zu können. Derart "Angefixte" werden es anschließend mit einem ersten gezielten Versuch weiter ausprobieren, wenn erstmal Blut geleckt ist.

Wege in einen Dienstleistungsberuf

Andere dagegen sind in das horizontale Gewerbe durch Hinhalte-Taktiken im Netz geschliddert. Wenn plötzlich ein beharrlich hingehaltener Werber meint, sich nicht erwiderte Liebe aus Verzweiflung erkaufen zu müssen und aus schierer Not mit einem kompromittierenden Geldschein winkt, kann ein zweites Szenario entstehen, aus dem heraus es "Klick" im Kopf des Umworbenen machen kann.

Aber einfach auch nur, wenn Betroffene in existentielle finanzielle Nöte geraten und kein anderer Ausweg aus dem Dilemma herauszuführen scheint, greifen so manche nach dem finanziellen Strohhalm Prostitution.

So zahlreich wie die Gründe für ein Beschreiten des Weges hin in die professionelle Sexarbeit erscheint, so relativ klar umrissen ist das Einstiegsalter. Umfragen unter Callboys ergaben, dass das Einstiegsalter bei 20 bis hin zu 35 Jahren liegt – in Einzelfällen jedoch sogar noch höher.

Callboy versus Stricher

Es mag sicherlich Ausnahmen von der Regel geben, tendenziell verfügen Callboys und Escorts aber im Gegensatz zu Strichern über reguläre Einnahmequellen jenseits vom Sexgewerbe (etwa in Form eines festen Jobs), Internet zu Hause, das nötige Knowhow, sich sicher im Netz zu bewegen und sich auch virtuell zu vermarkten, ein höheres Bildungsniveau sowie einen geringeren wirtschaftlichen Druck.

Bei Strichern steht in der Regel dagegen eher der tägliche Kampf um Geld im Vordergrund, da eine ausreichende Erwerbsgrundlage fehlt und ihnen der Zugang zu einer anderen Einnahmequelle komplett fehlt.

Callboys indessen bieten zusätzlich ihre Dienste über das Internet an, um sich etwa spezielle Konsumwünsche zu erfüllen. Oftmals wird die nebenberufliche Tätigkeit daher nur bei Bedarf und sporadisch ausgeübt, um sich einen langgehegten Wunsch zu finanzieren.

Während Stricher meist auf jeden Freier angewiesen sind, leisten es sich Callboys bisweilen auch, Anfragen abzulehnen und nicht anzunehmen, gerade auch weil viele unter ihnen den legalen Job als Callboy nebenberuflich ausüben und die Kundschaft nicht immer attraktiv ist.

Buntes Beschäftigungsportfolio

Die Arbeitsmöglichkeiten von Callboys sind vielfältig. Ob hauptberuflich oder in Teilzeit, ob auf eigene Faust oder angestellt – als Tabledancer in einer Gay-Bar oder professioneller Begleiter von Herren wie Damen in einem Escort Service – mit der Ware Sex Geld zu verdienen, gibt es für Callboys zuhauf. Mit stilvollem Auftreten und Niveau steigen denn auch die Chancen, bei hochklassigen Begleitagenturen unterzukommen, die in der Regel eine lukrativere Vergütung im Angestelltenverhältnis offerieren.

Andere hingegen gehen vollkommen parallel vollkommen andere Wege und suchen ihr Glück als Erotik-Darsteller im Pornbiz, um Bekanntheitsgrad und Aufmerksamkeit imagefördernd zu steigern. Denn um zahlungskräftige Stammkundschaft zu ergattern, gilt es Image und eigenen Marktwert als Callboy zu steigern. Und ein nicht zu verachtendes "Taschengeld" gibt es noch obendrauf: Für das Mitwirken in einem Pornofilm wird heute zwischen 250 und 500 Euro pro Tag bezahlt, für Top-Darsteller auch schon mal 1.000 Euro und mehr.

Die überwiegende Mehrheit jedoch geht nur nebenberuflich von zu Hause aus anschaffen, da in den eigenen vier Wänden die Wahrscheinlichkeit am größten ist, sich aus Diskretionsgründen relativ rasch einen Kundenstamm aufbauen zu können. Denn: Viele Freier schätzen die Anonymität einer Privatwohnung für kurzfristige Besuche.

Ohne Moos nichts los

Dementsprechend gibt die Mehrzahl aller professionellen Callboys an, mindestens ein- oder zweimal im Monat Besuch zu bekommen, manche gar bis zu fünfmal in der Woche. Die meisten Freier wiederum treffen sich durchschnittlich bis zu dreimal im Monat mit einem Callboy, oft auch seltener.

Dabei wechseln je nach Location 100 bis 150 Euro für ein 60 bis 90 Minuten langes Treffen und bis zu 400 Euro für eine ganze Nacht den Besitzer – bei "vollem Leistungsumfang". Preise an in der Szene beliebten Outdoor-Treffs wie etwa im Park, Sex-Kino, Zoo oder am Bahnhof liegen meist um einiges günstiger als wenn der Kunde die Callboy-Wohnung aufsucht oder sich in Hotels oder den eigenen vier Wänden besuchen lässt.

Grundsätzlich gilt in der Branche: Wer etwas mehr bezahlt bekommt meist besseren Service. Der Preis richtet sich nach Dauer und Art des Angebotes. Prinzipiell verlangen Agentur-Callboys und Escorts darüber hinaus weitaus höhere Preise als Freischaffende, mitunter auch einem sichereren Umfeld bei den Treffs geschuldet. Im Übrigen müssen Angestellte auch die Margen der Agenturen mitverdienen.

Professioneller Callboy-Sex ist im Gegensatz dafür planbarer als Treffs mit Amateuren, weil er schnell und besser zu organisieren ist und pünktlich stattfindet. Umso leichter ist auch eine Koordination mit allen anderen Terminen möglich, gerade wenn der Terminkalender prall gefüllt ist, wie etwa bei Geschäftsleuten üblich. Zudem wird ein höheres Maß an Diskretion gewährleistet.

Für viele nebenberufliche Callboys ist gelegentliche Prostitution Ausdruck eigener Sexualität, die Entlohnung Teil der Befriedigung

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  Homofeindlichkeit in Berlin

"Man wird als Person in Frage gestellt“

Angriffe im Regenbogenkiez, Hassbotschaften auf Facebook: In Berlin sind homofeindliche Übergriffe Alltag. Ein Professor für Kriminologie untersucht diese Gewaltdelikte. Eine Spurensuche.

Die Frau war so was von genervt. Können diese Typen nicht ein bisschen leiser sein, müssen sie mit ihrer Musik die ganze Nachbarschaft beschallen? Schlimm genug, dass die Musik so dröhnte, aber die Schallwellen erreichten ihre Wohnung als erstes, sie wohnte schließlich gleich nebenan. Und die Nachbarn war erstmal nur laut; dass sie auch schwul waren, spielte jetzt noch keine Rolle. Das sollte erst später kommen, bei Eskalationsstufe vier. Erstmal versuchte sie es mit genervtem Reden, dann mit lautem Reden, dann mit Gebrüll. Half alles nichts. Die Nachbarn brüllten zurück, sie waren Männer, sie waren noch lauter.(Foto-Tagesspiegel)

Also fing die Frau an zu tippen. Sie schrieb auf Facebook, mit jedem Satz fielen ihr noch mehr Schimpfworte ein, es dauerte nicht lange, bis sie die Homosexualität der beiden als ideales Angriffsziel entdeckte. Und nun ging es erst recht los. Eine homophobe Bemerkung nach der anderen, eine Kaskade an schwulenfeindlichen Sätzen.

Wenn Beleidigungen ins Homofeindliche kippen

Wie der Streit endete, weiß Claudius Ohder auch nicht, es ist auch egal. Es geht um die Form des Streits. Die Aggressivität steigerte sich wie die Musik bei Ravels Bolero. Und es geht um den Zeitpunkt, wann die Beleidigungen ins Homofeindliche kippten. Das führt nämlich zum Kernsatz von Ohders Botschaft: Klassische, rein homophobe Straftaten sind sehr selten. Meist vermischen sich verschiedene Delikte, bei denen dann homophobe Teile eine Rolle spielen.

Ohder, Professor für Kriminologie an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR), hat dazu mit seinem Kollegen Helmut Tausendteufel eine Studie ausgearbeitet. Sie trägt den etwas sperrigen Titel „Präventionsorientierte Analyse von Gewaltdelikten gegen homosexuelle Männer“. Bei einem Werkstattgespräch der HWR, auf dem Campus in Schöneberg, hat er sie vorgestellt. Die Autoren konzentrierten sich dabei auf Gewalt gegen Schwule.

70 Prozent der Täter haben einen deutschen Pass

Schöneberg hat in diesem Fall auch für eine symbolische Bedeutung. Es steht in einer besonderen Statistik für einen erschreckenden Wert. 25 Prozent aller homofeindlichen Taten in Berlin, die 2014 und 2015 von der Polizei protokolliert wurden, geschahen in Schöneberg. Wenig überraschend, schließlich ist rund um den Nollendorfplatz der größte Regenbogenkiez. In Mitte passierten 20 Prozent der Taten, in Kreuzberg zehn. Mit Zahlen kann man viele Geschichten erzählen. Zum Beispiel, dass die Polizei vieles nicht aufklären kann. 2012 registrierte das Landeskriminalamt 79 homofeindliche Taten, konnte aber nur 25 aufklären. 2014 sah es etwas besser aus. Von 57 Fällen wurden in 24 die Täter festgestellt.

Wer denkt, vor allem Jugendliche fielen als Täter auf, liegt falsch. 75 Prozent der Täter waren älter als 21 Jahre. 70 Prozent hatten einen deutschen Pass, wobei Ohder signalisierte, dass darunter auch Deutsche mit Migrationshintergrund sind.

Klar ist, dass die Dunkelziffer hoch ist. 316 Taten in Bezug auf die sexuelle Orientierung des Opfers hat die Polizei im vergangenen Jahr in Deutschland festgestellt. In Berlin protokollierte die Polizei  in diesem Zeitraum 162. Doch Maneo, das schwule Anti-Gewalt-Projekt, notierte 2016 allein für Berlin mehr als 700 Vorkommnisse, in 291 Fällen wurde ein homofeindlicher Hintergrund bestätigt. Und noch eine interessante Erkenntnis aus Ohders Studie: 80 Prozent der Täter waren wegen allgemeiner Gewalt bereits vorbestraft.

"Eine Verletzung der homosexuellen Identität"

Den Opfern ist das freilich völlig egal, die interessiert keine trockene, blutleere Statistik, die interessiert nur die seelischen und die körperlichen Wunden, welche die Täter geschlagen haben. „Das Opfer“, sagt Ohder, „erlebt eine Verletzung der homosexuellen Identität. Man wird als Person in Frage gestellt.“(Foto-Tagesspiegel)

Die Täter empfinden selbstverständlich ganz anders, es geht um Macht, es geht um das prickelnde Gefühl von moralischer und körperlicher Überlegenheit. „Sie stärken die soziale Identität“, sagt Ohder. „Diese Stärkung dient dazu, die eigene Gruppe aufzuwerten und die andere, die homosexuelle, abzuwerten.“ Oder aber auch: „Die harte Männlichkeit wird verteidigt.“ In vielen Fällen ist es auch eine Art Verdrängung, eine Form von Selbstschutz. Einige Täter haben Angst, dass sie auf selber auf homoerotische Signale reagieren könnten. Es gibt Versuche, die zeigen, dass besonders homophobe Täter auf homophile Bilder reagieren.

Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit gibt es auch in den feinsten Kreisen

Aber, noch eine Kernbotschaft von Ohder: Es gibt nicht diesen Reißbrett-Täter, der alle Klischees erfüllt. Den man quasi am Computer basteln und dann als Stereotype darstellen kann. Klar, das sagt auch Ohder, junge Männer mit geringem Selbstwertgefühl, eher ungebildet, finanziell eher klamm, die sind natürlich besonders anfällig für Homophobie. Aber Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit gibt es auch in den feinsten Kreisen.

Und wie bekämpft man nun frühzeitig und erfolgreich solche homofeindlichen Tendenzen? Sinn und Zweck der Studie ist es auch darauf Antworten geben zu können. In der wissenschaftlichen Darstellung, in der Theorie quasi, ist das gar nicht so schwer. Mit Aufklärung zum Beispiel, mit Gesprächen bei Leuten, die erst am Anfang ihrer kriminellen Laufbahn stehen, die also noch erreichbar sind. Oder eine stärkere Beachtung der homophoben verbalen Gewalt im Internet. „Die Polizei sollte sich überlegen, ob sie bei der Tatermittlung den homophoben Taten noch mehr Aufmerksamkeit widmet“, sagt Ohder. Quasi zur Vorbeugung vor Schlimmeren. „Es werden relativ wenig Taten aufgeklärt. Aber wenn sich das nicht ändert, stabilisieren sich die Zahlen.“

Wie erkennt man homofeindliche Hintergründe?

Es spricht der Wissenschaftler, der Professor für Kriminologie, der Mann für die Analyse. Aber beim Werkstattgespräch waren auch Praktiker. Polizisten, die jeden Tag auf der Straße sind, die im Regenbogenkiez mit Opfern reden, Taten protokollieren, nach Tätern jagen und fahnden. Und diese Praktiker können mit dieser Theorie nicht viel anfangen. Wie sollen wir denn feststellen, ob eine Tat homophobe Bezüge hat, fragten sie. Wie sollen sie wissen, ob der Mann gerade überfallen wurde, ein Zufallsopfer war oder Pech hatte, weil es schwul ist? Wie soll man denn herausfinden, ob der Täter überhaupt wusste, welche sexuelle Orientierung sein Opfer hatte? Wie soll man homofeindliche Hintergründe erkennen, wenn die Opfer das selber nicht einschätzen können? Solche Fragen stellten sie.


Darauf hatte der Kriminologe Ohder aber nun auch keine zielführende Antworten.(Von Frank Bachner-Tagesspiegel)


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Hommage an Martin Dannecker

Was mir Lust bereitet, kann nicht falsch sein

Theoriepapst der Schwulen: Die Aus­s‍tellung „Faszination Sex“ im Schwulen Museum Berlin würdigt den Vordenker und Aktivi­s‍ten Martin Dannecker.

Eingangs steht eine Statuette, eine naturgetreue Nachbildung von Martin Dannecker im Kleinformat. Trenchcoat, frisch rasiert, hohe Stirn, Pilotenbrille auf der Nase. So wie man ihn von einem historischen Foto vom 29. April 1972 kennt. Dannecker führte damals in Mün­s‍ter Deutschlands er­s‍te Schwulendemonstration an, in der einen Hand ein Mikrofon, in der anderen eine Parole, schwarze Schrift auf weißer Pappe: „Brüder & Schwe­s‍tern warm oder nicht. Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!“ So sieht also ein linker Schwuler zu Beginn der 70er Jahre aus. Der aus Frankfurt angerei­s‍te Dannecker unterscheidet sich deutlich von seinen Mitdemonstranten, die eher langhaarig sind, bärtig, nachlässig gekleidet.(Foto-Pinterest)

In der Momentaufnahme, noch einmal eingefangen in der Skulptur, steckt die ganze Geschichte dieses Mannes, den das Schwule Museum mit einer eigenen Aus­s‍tellung ehrt. Ein Schwulenaktivist auf dem Weg zum anerkannten Sexualwissenschaftler mit einem ausgeprägten Hang für alles Ästhetische.

Er will mehr wissen über das Geheimnis Homosexualität

Zum Schönen zog es ihn schon hin, als er noch klein war. 1942 geboren in einem kleinen Dorf im Schwäbischen, aufgewachsen in bäuerlicher Umgebung, schwärmt er gänzlich unangepaßt für schicke Damen mit lackierten Fingernägeln. Da sein Vater ihm das Gymnasium verweigert, verläßt Martin Dannecker bereits mit 13 die Schule und beginnt eine kaufmännische Ausbildung. Mehr scheint als Auf­s‍tieg in diesem Milieu nicht vor­s‍tellbar. Aber schnell ist er sich sicher: „Ich muß hier raus.“ Zum Abschluß seiner Lehre unterschreibt er einen Arbeitsvertrag in der großen weiten Welt – in Stuttgart.

Fortan arbeitet er in einem Großraumbüro und spürt er­s‍tes homosexuelles Verlangen. So viel kann er in Erfahrung bringen: Männer, die Männer begehren, treffen sich in einem Schwimmbad am linken Neckarufer. Hier knüpft er er­s‍te Kontakte, sein sexuelles Interesse, aber auch sein intellektuelles, sind geweckt. Er will mehr wissen über das große Geheimnis Homosexualität. In Bibliotheken forscht er nach und findet in allen Büchern das Gleiche – Negatives, Pathologisierendes, Abwertendes. Sein Ver­s‍tand rebelliert: Das, was mir Lust bereitet, kann nicht falsch sein. Für diese Einsicht will er sich einsetzen, will er arbeiten.

Zwischen Theater und Wissenschaft

Dannecker beginnt eine Schauspielausbildung und jobbt nebenbei für die Soziologin Maria Borris. Der Traum von der Bühne ist schnell erledigt, zusammen mit Borris geht er als ihr Mitarbeiter nach Frankfurt am Main. Mit ihrer Unter­s‍tützung wird er 1966 Student der Soziologie. Er zieht in eine Wohngemeinschaft, wird Teil der studentischen Linken. Dabei legt er Wert darauf, daß man nichts gegen ihn, den Schwulen, hat. Und er be­s‍teht auf seiner modischen, mitunter extravaganten Kleidung: „Ich konnte nie einen Gewinn daraus ziehen, scheiße angezogen zu sein,“ wird Dannecker in der Aus­s‍tellung zitiert.

Noch vor Beginn der neuen, westdeutschen Schwulenbewegung 1971, kommt Dannecker in Kontakt mit dem Filmemacher Rosa von Praunheim. Der erhält 1969 einen Auftrag vom WDR, im Zuge der er­s‍ten Reform des Paragraphen 175 einen Film über schwules Leben zu drehen. Daraus wird eine kitschige Lovestory, doch der Soziologie­s‍tudent Martin Dannecker kommt ins Spiel und unterlegt die süßlich-schummerigen Leinwandbilder mit einem knallharten politischen Text.

Wie "schwul" vom Schimpfwort zum Kampfbegriff wird

Das Ergebnis, „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, wird bei der Berlinale 1971 uraufgeführt. Und löst heftige Debatten aus. Die traditionellen Schwulen fühlen sich verunglimpft, andere aus dem Studentenmilieu nutzen den Film als Startschuß für eine linke, politische Bewegung. Dannecker und Praunheim ziehen durch die Lande, in vielen Universitäts­s‍tädten kommt es zu spontanen Gründungen von Aktionsgruppen. Und mit dem Film kommt das kleine Wörtchen „schwul“ zu neuer Bedeutung, aus dem ein­s‍tigen Schimpfwort wird jetzt der Kampfbegriff einer jungen, selbstbewußten Generation homosexueller Männer.

Noch während der Arbeit an dem Film ist Dannecker andernorts engagiert, zusammen mit seinem Studienkollegen Reimut Reiche arbeitet er an einer empirischen Studie über homosexuelle Männer. Theoretisches Rüstzeug für diese Untersuchung sind die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, der Marxismus und die Psychoanalyse. Das Ergebnis erscheint 1974 in Buchform: „Der gewöhnliche Homosexuelle“. Der Blick auf Schwule, ihre Sexualität, Alltag und Subkultur beschönigt nichts, ist aber immer parteiisch. Dannecker etabliert sich damit als Wissenschaftler, wird in Schwulenkreisen zum Theoriepapst, veröffentlicht weiterhin, wird gerne interviewt und ist häufiger Gast in Talkshows. Eloquent und in klarer Sprache weiß er sein Publikum zu überzeugen, seine brennende Zigarette legt er dabei nie aus der Hand.(Foto-Pinterest)

Als Martin Dannecker mit Rosa von Praunheim bricht

Der erfolgreiche Wissenschaftler wird Mitarbeiter am Frankfurter In­s‍titut für Sexualwissenschaft und mischt sich heftig ein in die öffentliche Debatte um AIDS, die zunehmend medialen Raum einnimmt. Es kommt zum offenen Bruch mit Rosa von Praunheim, der Schwule dazu aufruft, im Angesicht der Krankheit auf ein promiskuitives Sexualverhalten zu verzichten. Dannecker setzt sich dagegen weiterhin für gelebte Sexualität ein und argumentiert gegen die moralische Abwertung ungeschützten Geschlechtsverkehrs. 1990, nach seiner Habilitation, lehrt und forscht Dannecker weiter zu sexualwissenschaftlichen und soziologischen Themen. 2006 zieht er um nach Berlin, jetzt beschäftigen ihn Fragen nach schwulem Cybersex und zu Schwulen und ihrem Drogenkonsum.

All diese Lebensstationen kommen in der Aus­s‍tellung zur Geltung. Aber wie zeichnet man das Leben eines Wissenschaftlers nach, ohne nur kleingedruckte Aufsätze und Flugblattexte zu präsentieren? Der Kuratorin der Aus­s‍tellung, der Polittunte Patsy l’Amour laLove, ist es gelungen, mit großzügigen Fotostrecken, vielen Audiomitschnitten und einigen Objekten ein abwechslungsreiches Porträt von Martin Dannecker zu zeichnen. So liegen mitten im Raum drei überdimensionale Zigarrettenkippen, zu benutzen als Sitzgelegenheiten, die auf Danneckers Leidenschaft fürs Rauchen hinweisen sollen.

Die Aus­s‍tellung ist unbedingt empfehlenswert. Vor allem für queere Generationen, denen der Name Dannecker nicht mehr viel sagt. Sie sollen wissen, daß sie etliche der Annehmlichkeiten ihrer aktuellen Lebenssituation auch der Arbeit und dem Engagement Danneckers verdanken. Oder, wie es Patsy l’Amour laLove einmal formulierte: „Wir müssen doch wissen, auf welchen Schultern wir stehen.“

Schwules Museum, bis 28. 2., So – Mi, Fr 14 - 18 Uhr, Sa 14 – 19 Uhr, Do 14-20 Uhr

(Von Elmar Kraushaar-Tagesspiegel)

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10 Fragen an eine Lesbe, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Warum sehen so viele Lesben gleich aus? Und warum können sie Frauen besser zum Kommen bringen als ein Mann?

Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung ist homosexuell, das haben die meisten zum Glück mittlerweile kapiert. Und eigentlich sollte es nicht überraschen, dass das für Männer wie für Frauen gilt. Die Welt sollte also damit klarkommen, dass es Frauenpaare gibt. Trotzdem werden sie auf der Straße angestarrt wie Einhörner—und müssen mit der Unterstellung kämpfen, dass sie bisher einfach nicht den richtigen Kerl getroffen haben. Was ihnen ziemlich auf den (nicht vorhandenen) Sack geht.(Foto-Pinterest)

Felicia Mutterer ist Chefredakteurin von STRAIGHT , einem Magazin für Frauen, die Frauen lieben. STRAIGHT gibt es, weil sie genervt von dem Image war, das die Welt von Lesben hat.

Vielleicht habt ihr eure lesbischen Freunde schon alles über ihr Sex- und Liebesleben gefragt. Wir vermuten allerdings, das trifft nicht auf alle von euch zu. Wüssten alle Bescheid, müssten sich Lesben nicht von fremden Männern auf der Straße fragen lassen, ob sie "Hilfe brauchen". Deshalb hier: zehn ernst gemeinte Fragen und ehrliche Antworten.

Macht es manchmal auch Spaß, eine Männerfantasie zu sein?
Felicia Mutterer: Nein. Ich habe mal einem Bekannten am Telefon erzählt: "Ich geh' jetzt zu meiner Freundin." Wir legen auf. Ein paar Minuten später bekomme ich eine SMS: "Ich wäre jetzt gerne dabei." Viele Männer verletzen die Intimsphäre, wenn sie zwei Frauen miteinander erleben. Wir werden zu einer Männerfantasie, ohne es zu wollen, ohne es kontrollieren zu können. Und das nervt mich. Ich möchte nicht, dass Männer es selbstverständlich finden, übergriffige Kommentare abzugeben, nur weil sie wissen, dass zwei Frauen aufeinander stehen.


Nerven die Heten, die mal Sex mit einer Frau haben wollen, oder sind diese Frauen leichte Beute?
Beides. Es gibt Lesben, die das genießen. Aber klar: Wenn man an was Ernstem interessiert ist, ist eine Hetero-Frau nicht die Lösung. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Hetero-Frauen mal Sex mit einer Frau wollen. Eine Nacht mit einer Lesbe ist ein richtiger Kassenschlager.

Stehen Lesben eigentlich auf klassische YouPorn-Lesbenpornos?
Ich nicht. Ich kann es kaum ertragen, wenn zwei Frauen vor der Kamera rummachen, bei denen man förmlich hört, wie ein männlicher Vollpfosten im Hintergrund Regieanweisungen gibt. Ich kenne lesbische Frauen, die sich lieber Schwulenpornos angucken als das. Ich sehe lieber feministische Pornos, bei denen die Lust der Frau im Zentrum steht.

Warum sehen so viele Lesben ähnlich aus: anrasierte kurze Haare, Schlabber-T-Shirts, Tattoos?
Ehrlich gesagt stelle ich mir die Frage auch. Jeder soll aussehen, wie er möchte. Es sind eben die Frauen, die am leichtesten zu identifizieren sind. Aber ich bin mir sicher, es gibt genauso viele Frauen, die dem Klischee nicht entsprechen und auf Frauen stehen. Wir haben deswegen das Magazin STRAIGHT gegründet, weil wir denken, dass Frauen, die Frauen lieben, vielfältig sind, innen wie außen.

Kann eine Frau eine andere Frau besser zum Kommen bringen als ein Mann?
Frauen kennen ihren Körper. Sie wissen, was sie selbst gut finden. Das macht es schon einfacher. Es gibt ja einiges, was man falsch machen kann. Es muss richtig dosiert sein. Zunge wie Finger.

Fehlen Penisse?
Ich mag puristischen, sinnlichen Sex. Aber für Andere: Es gibt Dildos. Und wer Penetration mag, wird sich sicher zu helfen wissen.

Wie fühlt es sich für dich an, mit einem Mann zu schlafen?
Sex mit Männer ist animalischer, simpler, schneller. Mir fehlen Brüste und Leidenschaft.(Foto-Pinterest)

Was können Männer, was Frauen nicht können?
Sie wollen nicht alles ausdiskutieren. Sie lassen die Dinge einfach mal sein, wie sie sind, und machen sich nicht über alles Gedanken. Das erspart eine Menge Drama.

Wie sehr beschäftigt es dich, dass Kinderbekommen komplizierter ist?
Klar, die ehrliche Antwort ist, dass es einfacher wäre, eine Familie zu gründen, wenn man die Lebensform wechselt. Bei Hetero-Paaren bezahlt oft sogar die Krankenkasse künstliche Befruchtung. Wenn man Kinder möchte, ist das schon ein höherer Stress-Faktor für lesbische Paare. Es ist ein Kraftakt.


Gibt es Momente, in denen du so tust, als seist du hetero?
Ja. Wenn ich nicht auffallen will. Das kam in meinem Leben oft vor. Ich vermeide es nachts, im Taxi, auf der Straße, eine Frau zu küssen oder zärtlich zu berühren. Ich will nicht, dass Männer mich sexualisierter wahrnehmen. Und das tun sie leider. Und deswegen stellen viele auch so bescheuerte Fragen: Ob was mit einem Mann falsch lief; ob es eine Phase ist; kann ich einen Dreier haben?(von Vice-Staff)

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Ehe für Alle Tanja und Tina sagen Ja

Heute heiraten Tanja und Tina als eines der er­s‍ten homosexuellen Paare im Rhein-Main-Gebiet. Warum es nicht mehr als ein Wohnmobil, zwei Hunde und zwei Kinder, Gott und die große Liebe im Leben braucht, erzählen sie in ihrer bewegenden Geschichte.

Kelkheim.  Bennet* kommt im August 2017 auf die Welt. Er ist ein absolutes Wunschkind. Gezeugt wurde das Baby mit den feuerroten Haaren bei einem gemütlichen Abend mit Sekt und Pizza. Seine Eltern waren mit dem Wohnmobil zu Besuch bei ihrem Freund Torben* in Norddeutschland. Dort ist es passiert, in dem Wohnmobil, das sie an diesem Freitag im November in einem beliebten Szeneviertel in der Groß­s‍tadt geparkt hatten, gleich neben einem Kiosk. Es war ein milder Novemberabend, die Menschen tummelten sich auf den Straßen. Stimmengewirr, Gläserklirren und Gelächter drang von außen durch die dünnen Wände des mobilen Heims. Nach dem Schäfer­s‍tündchen sind sie mit Torben noch um die Häuser gezogen.(Foto-lto.de)

Ein schmaler Strich

Zehn Tage später zurück im Rhein-Main-Gebiet: Tanja stürmt am Morgen mit einem Schwangerschaft­s‍test in der Hand in das gemeinsame Schlafzimmer. „Siehst du den Strich?“, ruft sie. Und tatsächlich: Tanja ist schwanger. Ein zweiter schmaler Strich erscheint auf dem Teststreifen. Bennet ist auf dem Weg.

Was nach einer klassischen Familiengründung klingt, ist eigentlich viel mehr als das. Denn Bennets Eltern sind zwei Frauen. Tanja-Mama und Tina-Mama. Tanja ist eine ruhige und überlegte Frau. Braune Locken, herzliches Lächeln, gemütliches Wesen. Wenn sie spricht, dann ruhig und unaufgeregt. Sie ist Pädagogin und arbeitet in einer Sozialeinrichtung. Tina ist groß, blond und direkt. Sie spricht gerne, ist impulsiv, ergreift das Wort. Sie arbeitet als Analy­s‍tin an der Deutschen Börse. Sie sagt „nice“ anstatt „nett“, Frankfurter Busineß-Sprech eben. Beide glauben an Gott, sind praktizierende Chri­s‍tinnen. „Der Glaube ist ein riesengroßes Thema“, sagt Tina. Und ohne ihn, davon sind die beiden Frauen überzeugt, hätten sie sich nie für ein gemeinsames Kind entschieden.

Echte Spießer

Tina und Tanja sind echte Spießer – das sagen sie selbst. Sie wünschen sich ein geruhsames Leben im Grünen, ein Reihenhäuschen, sonntags in die Kirche, Familienhund und Kinder. Aber sie machen auch ihr Ding: Als am Freitag, 30. Juni 2017, der Deutsche Bundestag der Ehe auch für homosexuelle Paare mehrheitlich zu­s‍timmte, war Tanja bereits hochschwanger. Denn Tanja und Tina hatten sich schon längst für dieses gemeinsame Leben entschieden. Trotzdem war das ein emotionaler Moment für die beiden, erinnert sich Tina. Denn es bedeutet, daß die beiden tatsächlich heiraten können. Und das ist ihnen als Chri­s‍tinnen wichtig. Und für die Zukunft des kleinen Bennet. Denn auch die Adoption von Bennet sollte sich mit einer Ehe beschleunigen können.
27. September 2017: Tina sitzt mit Tanja und deren Tochter Josefine* in ihrem Reihenhäuschen in Liederbach. Die Zwölfjährige stammt aus einer früheren Beziehung. Tanja teilt sich mit dem Kindsvater das Sorgerecht. Bennet schläft bei Tina auf dem Arm. Gleich beim zweiten Date hatten sie über Gott gesprochen, erzählt Tina und schaut zu Tanja. Die lächelt zurück. Das war im Januar 2016. Schnell war Beiden klar: Das paßt. Im Februar 2017 sind sie zusammengezogen.
Tanja kommt aus dem We­s‍terwald, war dort eng mit ihrer evangelischen Gemeinde verbunden, hat Konfi-Freizeiten mit organisiert. Für sie bedeutet der Glaube: Gesang, Gemeinschaft, Liebe und Vergebung. Ein geschützter, behüteter Ort. Als sie sich dann mit 30 Jahren das er­s‍te Mal in eine Frau verliebte, war das kein Problem – zumindest nicht, was ihre Konfession betrifft.

Ein Krieg gegen sich selbst

Tina indes hat jahrelang einen Krieg gegen sich selbst geführt. Sie wuchs im erzkatholischen Seligen­s‍tadt auf. Homosexualität war für den christdemokratisch geprägten Teil ihrer Familie keine Option. Und für Tina als gläubige Katholikin und Familienmensch blieb keine Wahl als sich selbst zu verleugnen. Aber sie liebt das „Spektakel bei den Katholiken“, wie sie sagt. Daß sie auch Frauen liebt, wollte und konnte sie nicht wahrhaben.
Dann stirbt ihre Mutter. Da ist Tina 24 Jahre alt. Der Boden war weg und der Moment gekommen, ihrem Wesen zu folgen, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen und aus der Kirche auszutreten.  „Die wollen mich nicht, also zahle ich ihnen auch kein Geld.“ In die Kirche geht sie sonntags trotzdem noch. „Ich mag diese Interaktion. Ich mag die Verse in Latein“, sagt sie und schaukelt das Baby auf ihrem Arm. „Ich will auch Buße tun, ich will mich als Sünderin fühlen dürfen.“ Sie meint das ernst, aber sie lacht dabei. Sie liebt das Sakrale und auch das Unterwürfige. Darüber schüttelt Tanja lächelnd den Kopf.(Foto-LVZ)

Vater mit Onkelfunktion

Die beiden Frauen haben zwar nicht lange, aber sehr intensiv darüber nachgedacht, wie sich der Kinderwunsch am be­s‍ten erfüllen läßt und welche Rolle der Samenspender in ihrem Familienleben spielen soll. Sie stöberten im Internet nach den Optionen. Und stießen dabei auch auf bizarre Aussagen: „Da schrieb zum Beispiel einer, daß eine Zeugung durch Sex für Kind und Mutter immer noch am be­s‍ten sei“, erzählt Tina. Der war dann natürlich raus aus dem Rennen. Schließlich entschieden sie sich für den Vater mit Onkelfunktionen. „Bennet hat keinen Papa, aber dafür zwei Mamas“, erklärt Tanja. Aber der Kleine soll seinen Vater kennen und auch eine Beziehung zu ihm haben, nur eben keine väterliche.  Für die Zeugung brauchte es nicht mehr als einen Becher, ein Handtuch zum Warmhalten und eine Aufziehspritze. Und natürlich einen Torben, ihren Freund im Norden. Keinen Arzt, kein Haarnetz, keinen Krankenhauskittel. Und, daß Torben vorher ein sorgsam eingewickeltes Becherchen zum Wohnmobil brachte. Sie hatten Glück. Es hat beim er­s‍ten Versuch geklappt.

12. Oktober 2017: Tanja und Tina beim Brautkleider-Shoppen. Sie wollen kein „Lesben-Klischee“ sein. Keine von beiden möchte einen Anzug tragen, sie wollen nur optisch zueinanderpassen. Während Tanja Kleider anprobiert, steht Tina vor den Umkleiden. Ihr gefällt alles, was ihre Freundin anprobiert. Begei­s‍tert spaziert sie um sie herum, zupft und bewundert. Tanja ist skeptisch. „Viele homosexuelle Frauen wollen unter sich bleiben, sich bewußt abgrenzen“, erzählt Tina, während Tanja wieder in der Umkleide verschwindet. „Sie sind deshalb zum Beispiel in Lesben-Sportvereinen.“ Das wollen die beiden nicht. Im Gegenteil. Sie wollen dazugehören. Sie wollen ein glückliches konservatives Leben führen. Und mit der „Ehe für alle“ dürfen sie das auch offiziell.


27. Oktober 2017: Tanja und Tina stehen im Kelkheimer Trauzimmer. Tanja trägt ein weißes Hochzeitskleid. Das war eigentlich nicht der Plan, aber als sie mit dem Prinzessinnenkleid auf dem Podest im Brautgeschäft stand und Tina anstrahlte, war die Sache entschieden. Tina trägt ein bordeauxrotes, langes Abendkleid. Anschließend geht es in den Rettershof zum Essen.
Im Juli 2018, wenn Bennet fast ein Jahr alt ist, werden sie kirchlich heiraten. Mit „allem Drum und Dran“, sagt Tina – natürlich in einer evangelischen Kirche. „Die Entscheidung nehmen uns die Katholiken ja ab“, sagt sie. Und die guten Wünsche für ihr gemeinsames Leben gehen an ihre Kinder: „Ich wünsche mir, daß sie leben und lieben können, wen sie möchten. Daß die Unterschiede der Menschen künftig nicht unbedingt unterschiedliche Rechte generieren“, sagt Tanja.


Helmut Kohl als Trauzeuge bei Homoehe

Im Jahr 2013 war CDU-Altkanzler Helmut Kohl, damals 83-jährig, Trauzeuge, als ein homosexueller Freund von ihm heiratete. „Ich habe es sehr gern getan“, sagte er damals. Der Wunsch von Tanja und Tina ist also vielleicht gar nicht so unreali­s‍tisch. * Die Namen sind von der Redaktion geändert.(von Rebecca Röhrich-Frankfurter Neue Presse)


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Sex unter Freunden. Kann das gut ­gehen?

Netflix-Abend. Du liegst mit deinem be­s‍ten Freund auf dem Bett, ihr schaut einen Film und unterhaltet euch dabei. Doch diesmal ist irgend etwas anders. Es liegt etwas in der Luft. Ihr kuschelt sogar ein bißchen. Dann überkommt es euch: Ihr wollt Sex! Gute Idee? Schlechte Idee?

Dein be­s‍ter Kumpel pennt mal wieder bei dir. Du liegst mit ihm auf deinem Bett, ihr schaut einen Film und unterhaltet euch dabei. Doch diesmal ist irgend etwas anders. Es liegt etwas in der Luft.

Plötzlich bemerkst du, daß ihr ganz nah beieinander liegt. Ihr kuschelt sogar ein bißchen. Dann überkommt es euch, ihr wollt einen vertrauten Menschen berühren, streicheln, ihn spüren. Doch euer Drang sagt euch, ihr wollt noch mehr. Ihr wollt Sex!

Es kann sehr schnell gehen. Das Gefühl überrennt dich förmlich und du stolperst in eine Situation, die dir unbekannt ist. Schnell und ohne Vorwarnung. Doch was jetzt? Sollst du dich deinen Gefühlen hingeben?

Mit jemandem Sex haben, den du vielleicht schon viele Jahre kennst? Kann das gut­gehen? Ist die Freundschaft danach noch so wie vorher? Oder wird sich dadurch alles ändern? Viele Fragen tun sich auf, wenn du in die Situation kommst Sex mit dem be­s‍ten Freund?(Foto-Pinterest)

Vorteile

Natürlich könntest du sagen: Was ist denn besser als einen lieb­gewonnenen Freund in den Arm zu nehmen, ihn zu küssen und vielleicht auch ein bißchen mehr mit ihm zu machen? Ihr kennt euch in- und auswendig, würdet für den anderen die Hand ins Feuer legen. 

Du hättest nicht das Gefühl, nur einen unbekannten One-Night-Stand vor dir zuhaben. Könntest deinem Freund blind vertrauen. Eigentlich liebst du deinen Kumpel ja nicht. Du magst ihn. Also, was steht euch eigentlich im Weg? Ihr könntet schön ausgehen, danach noch einen Film zuhause schauen, eine heiße Nacht verbringen und am näch­s‍ten Tag gemütlich brunchen gehen.

Solange jeder von euch für den anderen "nur" Freundschaft fühlt und kein Problem damit hat, sich dem anderen hinzugeben, solange wird das Ganze auch gut­gehen.

Es gibt aber auch die andere Seite der Medaille...

Nachteile

So schnell wie es bei euch zum Sex kommen kann, so schnell kann es auch passieren, daß nichts mehr so ist wie vorher. Es passiert, daß die Freundschaft auf Sex reduziert wird, ihr euch eigentlich nur noch zum Sex trefft, weil es ja so unkompliziert ist. 

Die Freundschaft kommt zu kurz. Aus ihr wird ein immer wiederkehrendes Sexdate. Der normale Umgang leidet. Ihr fühlt vielleicht eine gewisse Verpflichtung dem anderen gegenüber zum Sex. Weil er euer Kumpel ist und ihr wollt, daß er glücklich ist. Genau diese ganzen Emotionen und Eindrücke unter Kontrolle zu haben, fällt den Mei­s‍ten unheimlich schwer.

Eine klare Trennung zwischen Freundschaft und Sex seht ihr nicht mehr. Und einen Umgang nach dem Motto "Es ist ja gar nichts passiert" miteinander zu gestalten, ist auch nicht gerade einfach. Außer ihr seid Verdrängungskünstler und könnt das, was geschehen ist, wirklich komplett ausblenden.

Und jetzt?

Je nachdem, wie ihr an die Sache rangeht, ob es spontan oder geplant passiert, genauso kann auch das Ergebnis sein. Ihr habt euch alles gutüberlegt und könnt für euch ausschließen, daß einer von beiden danach ein Problem hat? Dann steht euch natürlich nichts und niemand im Weg. 

Oder habt ihr Zweifel, wie alles sein wird und wie ihr euch danach verhalten sollt? Dann laßt die Finger voneinander und erfreut euch an eurer gut funktionierenden Freundschaft. Denn diese ist hundertmal mehr Wert als einmaliger Sex.

Falls es euch überrannt hat und ihr nun in der Klemme steckt und nicht weiter wißt, versucht in einem Gespräch die Situation zu klären. Sprecht darüber, was es euch bedeutet hat, mit dem anderen Sex zu haben, und was euch eure Freundschaft bedeutet. 

Vielleicht könnt ihr so das Vergangene aufarbeiten, um wieder normal miteinander zurecht zu kommen. Freundschaft bedeutet meist nun mal, daß man von Umarmungen und Kuscheln abgesehen auf Körperlichkeit verzichtet. 

Aber wenn die Freundschaft doch eng und gut ist, tust du dies vielleicht auch gerne. Sex mit Freunden ist halt nun mal etwas mehr als ein normales Sexdate, weil enorm viel Vertrauen im Spiel ist. Für die einen heißt es nun mal: Sex und Freundschaft kann ich gut trennen, also warum nicht? 

Und für die anderen: Freundschaft ist Freundschaft und Sex ist Sex!( Redaktiondbna)

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15 Fragen zur TransidentitätDas Leben im falschen Körper

Die «Bachelor»-Kandidatin Daryana sorgte als er­s‍te Transfrau in der Kuppelshow für Aufsehen. Wir haben mit ihr, einem Chirurgen sowie dem Verein «Transgender Network Switzerland» über Geschlechtsanpassung, Namensänderung und Militärpflicht gesprochen.

1. Wie heißt es denn nun richtig?

Als Transmänner bezeichnet man Männer, die mit den Geschlechtsmerkmalen eines Mädchens zur Welt kamen. Transfrauen sind Frauen, die im Körper eines Jungen geboren wurden. Transgender steht als Überbegriff für alle Transmenschen. Transsexualität meint dasselbe, stiftet laut der Organisation «Transgender Network Switzerland» (TGNS) jedoch Verwirrung, da nicht die blosse Sexualität und die damit verbundenen romantischen Präferenzen im Zentrum stehen sollen. Außerdem wurde der Begriff «in einer Zeit geprägt, in der Trans* als schwere Persönlichkeits­s‍törung bezeichnet wurde». Ob sich der Betroffene einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hat oder nicht, spielt keine Rolle für die Bezeichung. Personen, die nicht trans sind, bezeichnet man im übrigen als Cis-Menschen.(Foto-Youtube)

2. Sind Transmenschen homo- oder heterosexuell?

Bei Transmännern und -frauen gibt es genau wie bei Cis-Menschen alle Variationen sexueller Orientierung. Ein Transmann kann also sowohl schwul wie hetero sein. Dasselbe gilt für Transfrauen.

«Ich betrachtete mich schon immer als heterosexuelle Frau und war immer nur an Männern interessiert. Vor meiner Operation hatte ich einfach nur die Möglichkeit, Analsex auszuüben. Aber stets mit heterosexuellen Partnern. Mit einem Schwulen wäre das gar nicht gegangen. Ich würde auch nicht sagen, daß mein Körper in der Vergangenheit männlich war, schließlich wurde ich auch schon vor der Operation mit Frauen verwechselt. Es war nur das Geschlecht­s‍teil zwischen meinen Beinen, das nicht zu mir gehörte», sagt die «Bachelor»-Kandidatin Daryana zu Blickamabend.ch.

3. Welche Optionen stehen einer Transfrau zur Verfügung, um ihre Geschlechtsidentität anzupassen?

Die Einnahme von Östrogen und Te­s‍to­s‍teronblockern ermöglicht den Betroffenen laut «TGNS» eine physische und psychische Transformation. Hat man die männliche Pubertät bereits hinter sich, können einige äußerliche Merkmale - wie die Körpergrösse, die Breite von Schultern und Händen oder die Stimmhöhe - nicht mehr verändert werden. Die Gesichtszüge werden jedoch weiblicher, die Brü­s‍te größer, die Körperbehaarung weniger und die Hoden kleiner. Außerdem ändert sich die Fettverteilung.

Reicht eine Hormontherapie nicht aus, greift man zu Bru­s‍timplantaten, schleift den Adamsapfel ab, und verändert die Stimme durch Stimmbandverkürzung oder logopädisches Training. Entscheidet man sich für eine Genitaloperation, werden die Hoden und der Penis entfernt. Aus deren Haut ent­s‍tehen eine sogenannte Neo-Vagina, die Klitoris sowie äußere und manchmal auch innere Schamlippen.

4. Welche Optionen stehen einem Transmann zur Verfügung?

Statt Östrogen nehmen die Transmänner Te­s‍to­s‍teron zu sich. Wenn dieses alleine nicht genügt und die Menstruation nach mehreren Monaten nicht ausbleibt, können zusätzliche Blocker eingesetzt werden. Durch die Einnahme des Hormons nimmt die Körperbehaarung zu, die Gesichtszüge werden männlicher und die Klitoris wächst um einige Zentimeter. Die Haut wird gröber und die Stimme tiefer. Es kann jedoch auch zu Haarausfall und Glatzenbildung kommen, schreibt «TGNS».

Bei einem operativen Eingriff werden die Brü­s‍te, die Eier­s‍töcke und die Gebärmutter entfernt. Die gewachsene Klitoris wird freigelegt und nun Klitorispenoid genannt. Durch ihn wird die Harnröhre gelegt. Die Scheide wird entfernt und verschlossen. Um einen «richtigen» Penis zu formen, wird die Haut von einer anderen Körper­s‍telle - meist Unterarm - genommen und der sogenannte Penoid an Lei­s‍te oder Klitoris angeschlossen. Penetration gelingt mithilfe einer Pumpe. Aus Schamlippen werden die Hoden geformt.

5. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um mit einer Hormontherapie anzufangen?

«Bevor ich mit den Hormonen anfangen durfte, mußte ich ein Jahr lang in die psychologische Therapie», erzählt Daryana von ihren Erfahrungen im Teenager-Alter. «Da wird kontrolliert, ob man wirklich diesen Wunsch hat, ob man stark und stabil genug ist und wie man im Alltag mit Konflikten und verschiedenen Emotionen umgeht.»

6. Was passiert während der Hormontherapie?

«Für eine Hormontherapie muß man stark sein, denn die verändert nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Ich wurde in dieser Zeit zurückhaltender und suchte meine Ruhe. Es fühlte sich wie in einer Schwangerschaft an. Ständig hatte ich Stimmungsschwankungen, konnte wegen jeder Kleinigkeit anfangen zu heulen, und dann im näch­s‍ten Moment wieder lachen. Das größte Highlight in dieser Zeit war für mich, als meine Brü­s‍te angefangen haben, zu wachsen», erinnert sich die «Bachelor»-Teilnehmerin.

7. Kann ein Transmensch nach der Operation noch einen Orgasmus haben?

In den mei­s‍ten Fällen bleiben die Sensibilität und die Orgasmusfähigkeit erhalten, heißt es bei «TGNS». Auch Daryana kann das be­s‍tätigen. «Bei mir klappt es wunderbar. Ich kann klitorale Orgasmen, wie jede andere Frau auch, haben.»

8. Womit haben die Betroffenen in der Zeit der Transformation am mei­s‍ten zu kämpfen?

«Das Warten ist das Schlimm­s‍te. Die Sitzungen beim Therapeuten empfand ich nicht als hilfreich, weil ich schon immer wußte, daß ich eine Frau bin, die im falschen Körper steckt. Mir war es wichtig, schnell mit den Hormonen zu beginnen und dann die Operation durchzuführen. Ich wollte so schnell wie möglich ans Ziel kommen und glücklich sein. Doch ich mußte warten, bis der Therapeut sein Einver­s‍tändnis gibt», erzählt Daryana.(Foto-nordstadtbloger)

9. Wer bezahlt das alles?

Grundsätzlich müssen die Ko­s‍ten für die medizinische Angleichung der primären und der sekundären Geschlechtsmerkmale von der Grundversicherung der Krankenkasse übernommen werden, wenn die Angleichung in der Schweiz gemacht wird, sagt Alecs Recher, Leiter Rechtsberatung bei «TGNS». Verlangt wird die Diagnose Trans* («Gender Dysphorie» oder «echter Transsexualismus») und eine Be­s‍tätigung, daß die gewünschte Maßnahme notwendig ist, daß es nicht ohne diese und auch keiner ko­s‍tengün­s‍tigeren Variante geht.

Aufgrund eines Bundesgerichtsentscheids verlangen Ärzte und Kassen zum Teil noch zwei Jahre Therapie bei einem Psychiater, bevor die Operationsko­s‍ten übernommen werden. Die psychiatrische Behandlung, die Hormontherapie, die geschlechtsangleichenden Operationen, die Logopädie nach Überweisung und die Epilationen bei einem Dermatologen werden mei­s‍tens ebenfalls bezahlt. Lei­s‍tungen, die im Ausland erbracht wurden, werden von der Krankenkasse in der Regel nicht finanziert.

10. Wie viele Transmenschen leben in der Schweiz?

Laut «TGNS» gibt es keine genauen Zahlen, da es darauf ankommt, wen man alles mitzählt. Studien aus dem Ausland zeigen ganz verschiedene Häufigkeiten. So fanden Forscher aus Holland, daß einer von 200 Menschen sich nicht mit dem Geschlecht identifiziert, dem er nach der Geburt zugeordnet wurde. Das wären in der Schweiz etwa 40’000 Menschen. Andere zählen nur die Transmenschen, die bereits eine geschlechtsangleichende Operation machen liessen. Das sind in der Schweiz nur ein paar Hundert.

Dr. Richard Fakin, pla­s‍tischer Chirurg im Universitätspital Zürich, führt pro Jahr ca. 45 geschlechtsangleichende Operationen bei Transfrauen durch und etwa zehn Ma­s‍tektomie-Eingriffe bei Transmännern.

11. Darf ein Transmann vor einer geschlechtsangleichenden Operation auf die Männer-Toilette?

«Jeder darf seine Geschlechtsidentität so leben, wie er es möchte. Demnach darf ein Transmann die Männer-Toilette benutzen, sich als Mann kleiden oder seine Post an «Herr» adressiert bekommen - egal, ob er sich einer geschlechtsanpassenden Operation oder einer Hormontherapie unterzogen hat», meint Alecs Recher.

12. Welche Voraussetzungen müssen für eine Namensänderung erfüllt werden?

Laut «TGNS»-Informationen darf eine Transperson den Namen ohne irgendwelche Genehmigungen bei privaten Papieren wie Bankkonten, Mitgliederausweisen, Halbtax/GA oder Krankenkassenausweisen ändern lassen. Handelt es sich jedoch um amtliche Dokumente, wie ID, Paß oder Führerausweis, ist eine amtliche Namensänderung notwendig. Dafür wird ein Gesuch bei der kantonalen Verwaltungs­s‍telle des Wohnorts eingereicht. Die Voraussetzungen für einen positiven Entscheid variieren von Kanton zu Kanton. Mei­s‍tens braucht man ein Arztschreiben und in einigen Kantonen ist die Einnahme von Hormonen dafür ebenfalls Pflicht. Auch Jugendliche dürfen eine Namensänderung beantragen. Dafür müssen sie nur urteilsfähig sein und brauchen keine Zu­s‍timmung der Eltern.

13. Wie verläuft die amtliche Geschlechtsänderung?

Unabhängig von der Namensänderung können Transmenschen auch ihr offizielles Geschlecht ändern. Dafür muß beim Zivilgericht er­s‍ter In­s‍tanz eine Klage eingereicht werden. In der Schweiz be­s‍teht nur die Möglichkeit «männlich» oder «weiblich» eintragen zu lassen. Ein drittes, neutrales Geschlecht, wie es im US-Bundes­s‍taat Oregon der Fall ist, gibt es bei uns nicht. Auch ist es nicht erlaubt, gar keinen Geschlechtseintrag zu haben.

Genau wie bei der Namensänderung, gibt es auch bei der Geschlechtsänderung keine einheitlichen Voraussetzungen. «In der Praxis werden heute vor allem ein Gesuch und eine Be­s‍tätigung von Psychologen und Psychiatern verlangt. Medizinische Eingriffe zu verlangen wäre eine Menschenrechtsverletzung», sagt Alecs Recher.

Nach einer Geschlechtsänderung darf der Transmensch, gleich wie jede andere Person, dasselbe Geschlecht heiraten. Ein Transmann darf also mit einer Frau die Ehe schliessen oder mit einem Mann in einer eingetragenen Partnerschaft leben.

14. Was passiert mit der Militärpflicht?

«Grundsätzlich gelten Transmenschen als doppelt untauglich. Es gibt aber einzelne, die dennoch zugelassen wurden», meint Alecs Recher.

15. Bleibt ein Transmann die Mutter für ein bereits geborenes Kind oder wird er dann zum Vater?

«Aus rechtlicher Perspektive (die selbstver­s‍tändlich nichts mit dem gelebten Familienalltag zu tun haben muß) ist diese Frage noch kaum geklärt. Es ist eine Interessenabwägung vorzunehmen zwischen den Interessen der Eltern und denen des Kindes», so Recher.(von Anastasia Mamonova-blick am Abend)

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Crystal Meth, HIV und Pornosex: Drei schwule Männer sprechen über Sex auf Drogen

„Dass ich Crystal nehme, weiß niemand aus meinem Freundeskreis, mit dem ich nicht auch Sex habe, und die nehmen's selber."

Dass Party und Drogen zusammengehören, wird sich einigen noch erschließen: Man betrinkt sich vorm Ausgehen gemeinsam mit Freunden, raucht was, zieht eine Line. Im Club wird nachgelegt, Teile geschmissen, bis in den Morgen oder Nachmittag gefeiert. Das Resultat fährt danach neben dir mit handtellergroßen Pupillen S-Bahn.(Foto-VICE)

In der schwulen Community verfestigt sich der Trend, nicht nur Party, sondern auch Sex und Drogen zu kombinieren. Chemsex ist mittlerweile auch dem letzten Provinzhomo ein Begriff. Auf Dating-Apps wie PlanetRomeo, Grindr und Scruff stehen Begriffe wie PnP (Party and Play), slammen (sich Zeug spritzen) und chems-friendly immer öfter in den Profilen sexsuchender Männer. Wir sprechen hier also nicht von einem Joint vorm Ficken, sondern von chemischen Drogen: GHB/GBL, Ketamin, Crystal Meth, MDMA, Mephedron, etc. Die Berichterstattung zu Chemsex in deutschsprachigen Medien nahm zu, nachdem im März 2014 die britische South London Chemsex Study veröffentlicht wurde und die BBC eine Reportage zum Thema sendete. Die Boulevardpresse mit ihrem Lieblingsthema „Drogentote" hatte Futter bekommen und BILD und Konsorten berichteten über tagelange Sexpartys und „Horrordrogen". In der schwulen Pornowelt sind diese Drogen schon längst angekommen: Nicht nur Amateurfilme mit entsprechenden Titeln sind auf Xtube und Co. abrufbar, sondern auch professionell gedrehte Streifen wie SLAMMED (dieser Link ist überraschenderweise NSFW) vom US-amerikanischen Pornolabel Treasure Island. Passend zur UK-Studie über Chemsex unter Männern, die mit Männern Sex haben, spielt der Film aus dem Jahr 2012 in London.

Forschung zum Thema bestätigt, was Drogenkonsumenten aus Erfahrung kennen: Sind harte Drogen im Spiel, sinkt die Hemmschwelle, auch mal das Kondom wegzulassen und ohne Gummi—bareback—Sex zu haben oder Nadeln zu teilen. Autoren wie Dr. Kevin Clarke vom schwulen Lifestyle-Magazin MÄNNER bringen steigende HIV-Neuinfektionen und vermehrte Ansteckungen mit Hepatitis C in direkten Zusammenhang mit Sex auf Drogen.

Was sind das für Leute, die sich so zudröhnen, dass sie mehrere Nächte auf Sexpartys verbringen und dabei jede Hemmung verlieren und Risiken eingehen, die sie clean nie eingehen würden? Ich habe drei Männer getroffen, die ganz unterschiedlich mit dem Thema Chemsex umgehen. Zwei der Jungs sind mit mir befreundet, den dritten habe ich über die Dating-App Scruff gefunden.

Martin, Anfang 30

Martin und ich sind befreundet, nicht sonderlich gut, aber schon so, dass wir uns ein, zwei Mal im Monat begegnen. Wir treffen uns in seiner Wohnung auf ein paar Bier.

Wir kennen uns jetzt wie lange?
Martin: Vier Jahre? Fünf Jahre? Fünf.

Als ich den Aufruf auf Facebook gepostet habe, mir zu schreiben, wenn man für ein Interview zum Thema Chemsex unter Schwulen bereitsteht, hätte ich nicht gedacht, von dir Post zu bekommen. Du siehst nicht aus, wie man sich das typische Crystal-Meth-Opfer vorstellt.
[Lacht] Arschloch. Mit Crystal hab ich auch erst vor einem halben Jahr angefangen. Das war so die krasse Grenze—alles andere kannst du nehmen, G [GHB; Anm. d. R.], Keta, MDMA, aber Crystal war bei mir echt tabu.

Warum?
Klar hört man Storys. Einmal drauf und nicht mehr wegkommen, krasse Come-Downs und sowas. Und ich habe immer an Spritzen gedacht. Da wusste ich gar nicht, dass man das Zeug auch ziehen kann. So hat das dann auch angefangen, ich dachte, das wäre eine Line Speed. War's dann aber nicht. [Lacht]

Für mich ist der Sex dann wie ein Porno. Du bist derbe geil, du kannst ewig ficken, und selbst wenn du sonst nicht der Bottom bist, auf Crystal kriegst du alles rein.

Woran hast du das gemerkt?
Das knallt krasser. Speed ist ein Scheißdreck dagegen. Ist aber ein angenehmes High. Ich erinnere mich noch gut, weil ich beim ersten Mal auf T [kurz für Tina, wie Crystal gerade unter Schwulen oft genannt wird; Anm. d. R.] nackt im Pool geschwommen bin und mit keine Ahnung wie vielen Typen gefickt hab. Das war bis dahin der beste Sex, den ich je hatte.

Und den willst du dann noch mal.
Den willst du dann immer. Ich hab das Zeug dann angefangen zu rauchen, das hat noch geiler geklatscht. Das ist übrigens das, was du bei Pornos oft hörst, wenn die Typen am Anfang husten. Die haben dann vorher eine Pfeife geraucht. Das geht jedenfalls direkt rein. Also wenn du eine Vorstellung willst, wie das ist, auf Tina zu ficken, guck mal so einen Porno, wo die Jungs rauchen. So ist das wirklich. [Lacht] Klingt vielleicht albern, aber für mich ist der Sex dann echt wie ein Porno. Du bist derbe geil, du kannst ewig ficken, und selbst wenn du sonst nicht der Bottom bist, auf Crystal kriegst du alles rein. Das klingt immer nach Klischee, aber du hast halt echt keine Hemmungen mehr. Meine erste Faust hatte ich auf Crystal drin. Und ich bin eigentlich immer eher aktiv.

Was sind das für Dates, bei denen du Crystal rauchst?
Da geht's um Sex, also nur Sex. Ich glaub, mit den meisten Typen würde ich auch nicht viel anderes machen. Ich würde sagen, 90% der Dates mach ich online, also GayRomeo oder Scruff. Das geht auch zack-zack, die meisten haben ja im Profil stehen, was sie wollen. Wenn du also wen hast, der auf Chems steht, checkst du, ob's optisch passt, wer was hat und wohin es geht. Ich hab zum Beispiel immer ein Fläschchen G im Kühlschrank, das ich dann mitbringe.

Was macht das?
Das macht dich geil. Also pornodarsteller-geil. Und du hast alle lieb. Aber du bist auch ein bisschen träge, ich hab dann nicht mehr so wirklich Bock, mich zu bewegen. Also meistens nehme ich ein paar Pipetten, wenn ich gefickt werden will, weil ich davon total offen werde. Oder halt mit Ecstasy zusammen, das ist auch eine gute Kombi.

Mit GHB assoziiere ich immer die komatösen Berghain-Leute, die in irgendwelchen Ecken wegdämmern.
Du darfst es halt echt nicht übertreiben. Und auch aufpassen mit Alkohol, also nichts dazu trinken, sonst kann das schon schiefgehen. Ich hab auch ein, zwei Mal überdosiert und bin dann weggepennt. Deswegen auch lieber Crystal. Ich trink halt auch echt gerne und das kannst du auf G nicht machen. Auf Crystal geht das auf jeden Fall, merkst du dann gar nicht. Ähnlich wie auf Speed oder Koks.

Wie oft nimmst du Drogen beim Sex?
Mittlerweile eigentlich immer. Nicht immer Mischkonsum, aber schon immer etwas. Also so einmal die Woche bestimmt, zweimal manchmal. Das ist auch in etwa, wie oft ich mir ein Sexdate klarmache.(Foto-Vice)

Ohne Drogen ist es langweilig?
Ich sag mal so: Mit ist es wirklich viel, viel geiler als ohne. Ich glaub nicht, dass sich das jemand vorstellen kann, wenn der das noch nicht probiert hat.

War das schon so, bevor du mit Crystal angefangen hast?
Also da gab's auf jeden Fall auch so Nächte, in denen ich auf diversen Sachen war, aber ich würde sagen weitaus weniger als jetzt. Ich hatte damals auch noch einen Freund, mit dem habe ich zwar auch zusammen was genommen, also meistens G oder mal 'ne Line Speed oder Koks, aber das war eher die Ausnahme. Kostet ja auch. Da war schon viel Vanilla [harmloser Sex, „Kuschelsex"; Anm. d. R.], aber ich war damals auch noch nicht so drauf wie heute, dass ich auch auf—ich sag mal—härtere Sachen stehe.

Ich hab dann einfach keinen Bock mehr zu checken, ob der Typ auch wirklich ein Kondom drüber hat.

Das Klischee vom Crystal-Meth-User ist ja, dass der Konsum in einer Lebenskrise beginnt. Wenn du jetzt sagst, du hattest damals noch einen Freund, hängt die Trennung dann mit dem Konsum zusammen?
Keine Ahnung, ob das so direkt miteinander zu tun hat, glaub ich nicht. Aber nachdem das mit meinem Freund zu Ende war, habe ich natürlich erstmal rumprobiert, also auch sexuell. Wir waren nicht super offen, also wir haben schon zusammen mal jemanden mitgenommen oder eingeladen oder so, aber das ist alles immer zusammen passiert. Als dann Schluss war, da war das dann erstmal eine ganz neue Welt, endlich mal wieder flirten, Typen abschleppen, mal auf 'ne Sexparty gehen. Auf so einer Party habe ich dann auch das erste Mal Crystal gezogen. Aber das war jetzt keine bewusste Entscheidung, dass ich gesagt habe; „Hey, ich probier jetzt mal Crystal aus!" Das ist eher passiert.

Wissen deine Freunde davon?
Außer die, mit denen ich auch rummache, nein. Ich glaube, du bekommst ganz schnell die Reaktion, die du am Anfang hattest: „Du siehst ja gar nicht so aus wie ein Junkie." Da hab ich keinen Bock drauf. Ich glaube schon, Leute wissen, dass ich ab und zu diverse Sachen nehme. Ich gehe ja auch mit Freunden aus, da ist das ja offensichtlich. Aber dass ich Crystal nehme, weiß jetzt so gesehen niemand aus meinem Freundeskreis, mit dem ich nicht auch Sex habe, und die nehmen's selber.

Man hört immer wieder, dass Sex auf Chems oft unsafe ist.
Ja, das ist der Effekt, den ich vorhin meinte, wenn ich zum Beispiel auf G bin. Ich hab dann einfach keinen Bock mehr zu checken, ob der Typ auch wirklich ein Kondom drüber hat. Du bist halt geil in dem Moment und willst dann auch in dem Moment ficken. Und ganz ehrlich, ohne Gummi ist es halt auch echt geiler. Am Anfang, als ich mit Chems losgelegt habe, hab ich schon noch versucht, drauf zu achten, dass es safe ist. Vor vier Monaten hab ich dann meinen positiven HIV-Test bekommen. Ich mein, mir geht es gut damit, und ich wusste auch irgendwie schon, dass ich mir was gefangen habe, aber das war schon erstmal ein Dämpfer. Aber irgendwie dann auch eine Genugtuung, du hast es halt weg und mit den Medikamenten heute brauchst du da auch keine Angst mehr haben. Ich bin mittlerweile unter Nachweis [nach einiger Zeit in einer wirksamen Therapie ist im Blut kein HIV mehr nachweisbar, die Viruslast ist dann unter der Nachweisgrenze; Anm. d. Red.] und nehm jetzt eigentlich gar kein Kondom mehr. Bisher geht das auch gut, ich hatte jetzt einmal einen Tripper, aber das war's auch. Diese Horrorszenarien mit Hepatitis C und so sind, glaube ich, übertrieben, da muss man schon Nadeln zusammen benutzen oder irgendwie anders mit Blut in Kontakt kommen.

Warum slammst du nicht?
Ich bin oft bei Partys, wo geslammt wird, und das ist bestimmt auch ein geileres High, so wie das aussieht, aber ich hab einfach Schiss vor Spritzen. [Lacht] Und das ist auch so der letzte Schritt zum Junkie-Sein. Wenn du injizierst, hast du echt ein Problem. Also zumindest sehe ich das für mich so.

Würdest du sagen, du hast ein Drogenproblem?
Würde ich jetzt so nicht sagen. Zum Problem wird das für mich, wenn ich nicht mehr richtig funktioniere, also wenn ich nicht mehr arbeiten kann oder anfange, das auch unabhängig vom Sex zu nehmen, um dann halt zu funktionieren. Aber ich würde für mich schon eher das Label Freizeitkonsument beanspruchen. Wenn's so weit ist, sag ich dir aber Bescheid. [Lacht]

Andreas, Anfang 30

Ich kenne Andreas von Partys, auf denen er halbnackt rumspringt und mehr Zeit auf dem Klo verbringt als auf der Tanzfläche. Mit seinem Konsum ist er immer sehr offen umgegangen, aber es hat nie den Eindruck erweckt, dass er ein Problem damit hätte. Seit einigen Monaten geht Andreas nicht mehr aus und hat auch auf einer Social-Media-Plattform gepostet, dass er sich aus dem Partyleben verabschiedet. Wir treffen uns in einem veganen Restaurant in Berlin-Kreuzberg. (Ohne Scheiß.)

Ich hab dich das letzte Mal nur in einem Jockstrap in einem Club gesehen.
Andreas: Oh Mann. Ja, klar. Das war so hedonistische Heilsfront.

Du hast mich angeschrieben und meintest, dass du dir nicht ganz sicher bist, ob du mit mir über Chemsex reden willst, weil du gerade erst mit chemischen Drogen aufgehört hast.
Ja, weil das noch ziemlich frisch ist. Andererseits find ich's gut, wenn auch mal eine andere Geschichte erzählt wird als dieses ewige „Drogen sind harmlos und machen Spaß". Das hab ich genug im Freundeskreis gehabt. Klar machen Drogen Spaß, aber harmlos—da können wir gerne drüber reden.

Du hast wann damit aufgehört?
Vor ziemlich genau drei Monaten.

Warum?
Du fragst das jetzt so, als ob ich dir da eine einfache Antwort drauf geben kann. Also, das hat eigentlich drei Gründe. Erstens mal bin ich vor drei Monaten ziemlich krank geworden. Beim Arzt kam dann raus, dass das nicht nur eine Syphilis war, sondern auch eine akute HIV-Infektion. Und dann hab ich mich dummerweise auch noch verknallt. [Lacht] Und drittens ging's mir einfach richtig scheiße, also körperlich. Jetzt nicht direkt wegen der Krankheit, sondern auch schon vorher, das hat sich dann aber verstärkt.

Wenn man drauf ist, das ist halt anders als—ich sag jetzt mal—normal Sex zu haben. Das gehörte für mich zusammen, G und Sex und Sex und G.

Was hast du vor deiner Drogenpause ...
Keine Pause, ich plane da kein Ende.

Was hast du genommen, bevor du aufgehört hast, Drogen zu konsumieren?
G, Koks, MDMA, das Übliche. [Lacht] Aber größtenteils G. Ich war immer der, der mit der Pipette durch den Club gelaufen ist und die Leute zum Nachlegen überredet hat.

War das für dich mit Sex verbunden oder warum hast du das beim Weggehen genommen?
Das war eindeutig sexuell. Du hast auf G die ganze Welt lieb und alle sind wahnsinnig sexy. Und beim Weggehen lernst du halt die meisten Leute kennen. Ich bin nicht so der Typ, der vorm Laptop sitzt und ewig chattet. Dafür tanze ich auch viel zu gerne. Wenn ich drauf war, war ich immer echt happy und horny. Ich hab teilweise auf dem Dancefloor Typen den Schwanz geblasen und solche Scherze. Das ging dann so weit, dass ich mich am nächsten Tag davor geekelt hab, wenn mir das erzählt wurde, weil die Typen dann wohl doch nicht so sexy waren, wie ich dachte.

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Wenn dir das erzählt wurde, das heißt, du hast dich nicht selbst dran erinnern können?
Eher selten, auf G hatte ich oft komplette Filmrisse.

Und du hast es trotzdem weiter genommen?
Ja, schon, weil wenn man drauf ist, das ist halt anders als—ich sag jetzt mal—normal Sex zu haben. Das gehörte für mich zusammen, G und Sex und Sex und G.

In manchen Momenten hast du einfach nicht auf dem Schirm, dass du jetzt ein Kondom nehmen solltest oder dass es vielleicht nicht ganz so klug ist, wenn der Typ seinen Schwanz in dich reinsteckt.

Du hast erwähnt, dass es dir auch körperlich nicht gut ging. Hatte das mit deinem Konsum zu tun?
Ich denke schon, also zumindest mein Arzt sagt ja. Ich hatte große Probleme mit Reizmagen. Ich habe dann trotzdem weitergemacht, halt mit Magenschutz, Pantoprazol. Das ist aber trotzdem schlimmer geworden, ich habe halt so weiter gemacht wie vorher. Teilweise habe ich den Drink wieder ausgekotzt, wenn ich ihn gerade runter hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das vom G kam.

Wie oft hast du was genommen?
Immer, wenn ich aus war. Also mindestens einmal die Woche. Sonntagnachmittag Berghain, immer, das stand nicht zur Debatte. Schön gefrühstückt und schon im O-Saft die erste Pipette. Im Hain war ich dann auch viel im Darkroom, obwohl da sonntags immer eher Resteficken war, da gibt's bessere Locations. Aber wie gesagt, wenn du drauf bist, kümmert dich das nicht so sehr, ich habe da, glaub ich, echt mit jedem gefickt.

Safe oder bare?
Immer safe. [Lacht] Also, zumindest die Male, an die ich mich erinnere. [Lacht] Nein, mal im Ernst, keine Ahnung. Ich denke nicht immer. Also nicht, dass mir das nicht wichtig war, aber in manchen Momenten hast du einfach nicht auf dem Schirm, dass du jetzt ein Kondom nehmen solltest oder dass es vielleicht nicht ganz so klug ist, wenn der Typ seinen Schwanz in dich reinsteckt und du nicht weißt, wie der aussieht, was der hat, ob der überhaupt ein Gummi drüber hat. Das war meistens in Darkrooms das Problem. Bei Sexdates habe ich da schon mehr drauf geachtet, da, würde ich sagen, war ich zu 90% safe.

Du hast dann eine Syphilis bekommen und was war dann?
Syphilis kannst du ja auch ohne Arzt erkennen. Ich hatte halt eine eindeutige Stelle am Schwanz und dachte: „Fuck, musst du halt durch." Ich hatte vorher schon mal eine und weiß, wie das wehtut. Du bekommst eine Spritze in den Arsch und kannst dann erstmal zwei Tage nicht mehr laufen. Mein Arzt hat dann auch auf andere STDs [sexuell übertragbare Infektionen; Anm. d. Red.] getestet und dabei ist dann halt rausgekommen, dass ich mich relativ frisch mit HIV angesteckt hatte. Das war ein ziemlicher Schock für mich.

Hast du nicht damit gerechnet?
Damit rechnen ist das eine, damit leben das andere. Ich hab schon gedacht, dass das Risiko da ist, aber ich hab's in dem Moment nicht vermutet. Ich dachte, das ist Syphilis und das war's. Dass das im Doppelpack kommt, hat mich ziemlich unerwartet getroffen. Ich habe dann auch mit dem Feiern aufgehört, weil ich die erste Zeit ziemlich depressiv war. In der Zeit hat sich ein guter Freund um mich gekümmert und das war dann die Offenbarung: „Krass, da macht jemand was für dich, ohne was dafür zu wollen." Das klingt so kitschig [Lacht], aber das war eine ganz andere Form von Zuneigung, was ich vorher gewohnt war. Ich habe mich dann auch ziemlich verknallt oder bin's noch immer. Aber da ist auch noch viel Unsicherheit, keine Ahnung, ob ich das wirklich will.

Hast du seitdem auch schon mal clean Sex gehabt?
Ja, mehrmals. Das ist aber echt nicht so einfach, weil du auf diesen Apps echt zugeballert wirst mit Chem-Zeug. Ich muss zugeben, dass mir das noch schwerfällt. Ich hatte neulich ein Sexdate mit einem Typen, der war im Chat ganz angenehm. Der kam dann zu mir und hat gefragt, ob es OK ist, wenn er kurz eine Pfeife [Crystal Meth; Anm. d. Red.] raucht. Das hat mich ziemlich fertig gemacht, ich habe das dann abgebrochen. Seitdem habe ich explizit im Profil stehen, dass ich mich als Ex-Junkie definiere und keine Leute date, die Drogen nehmen.

Oliver, 41

Oliver als Chems-User zu identifizieren, war nicht schwer. Sein Profilname auf Scruff ist eindeutig. Im Beschreibungstext stehen die Abkürzungen BB, T, PnP—bareback, Tina, Party and Play. Wir treffen uns im Berliner Tiergarten, einem weitläufigen Park, der bei Cruisern beliebt ist, gehen spazieren und unterhalten uns, während ein paar Meter weiter in den Büschen auffallend viele Männer herumschleichen.

Oliver: Das ist hier Cruising-Area, sind aber auch viele Stricher hier.

Gehst du auch manchmal hierher?
Im Sommer ja, aber jetzt wär mir das zu kalt. Lieber bei Typen in der Wohnung.

Während unseres gesamten Spaziergangs hat Oliver sein iPhone in der Hand und zeigt mir, welcher Typ wie nah ist. Er benutzt Scruff nicht nur zur Sexsuche, sondern kauft auch seine Chems bei Typen, die er datet.

Was gibst du in der Woche für Drogen aus?
Keine Ahnung, das müsste man mal hochrechnen. Ich kaufe ja jetzt nicht einmal die Woche immer ein bisschen. Kommt auch drauf an, was. Pulver [Crystal Meth; Anm. d. Red.] hol ich zum Beispiel mehrmals die Woche.

Wie viel bekommst du für 20 Euro?
So zwei Portionen, kommt drauf an, wo ich kaufe. Aber normalerweise für ein gutes High so zehn Euro.

MOTHERBOARD: Aufstieg und Falll eines 20-jährigen Online-Dealers

Und du spritzt das Zeug?
[Lacht] Rauchen stinkt. Nee, klar, geslamt ist am besten. Ist auch irgendwie sexy. Also die ganze Ästhetik mit der Spritze und dem Ritual. Das ist ja nicht so wie bei den Heroin-Junkies, dass du dir das durch irgendwelche Kippenfilter ziehst. Ich hab mein eigenes Set.

Oliver zeigt mir ein echt schickes Etui mit Spritzen und einem kleinen Fläschen mit weißem Pulver.

Ich habe bis vor Kurzem gedacht, Crystal sind Kristalle.
Gibt's auch, rauchst du, aber Pulver ist zum Spritzen oder Sniefen.

Und wie lange nimmst du das schon?
Zwei Jahre oder so. Mit Slammen hab ich vor einem guten Jahr angefangen.

Nimmst du auch andere Chems?
Manchmal eine Pille dazu oder eine Line, aber sonst nicht. Lieber einen Joint für 'ne verpeilte Session.

Wie sieht denn so eine „verpeilte Session" aus?
Ich bin lieber zu Besuch bei Gruppen, da sind dann mehrere Typen, so drei, vier, aber auch nicht mehr. Ist schwer zu organisieren, viele wollen dann doch nicht aus dem Haus oder kommen nicht. Ich habe ein paar Paare, mit denen ficke ich regelmäßig, da sind dann auch oft andere Besucher.

Die slammen auch?
Klar, darum geht's.

Ich habe jetzt schon oft gehört, dass es nicht immer um den Sex geht, sondern gerade auch um die Drogen. Also dass nicht nur der Sex im Mittelpunkt von Chemsex steht, sondern auch die Drogen, quasi gleichberechtigt.
Ist komisch gesagt, aber kann schon sein. Ich komm zum Beispiel nicht immer bei so einer Session.

Du hast Sex und spritzt dann nicht ab?
Geht halt nicht immer. Du bist hart und geil und alles, aber du kannst nicht immer kommen. Aber es ist trotzdem geiler als Sex ohne Pulver, selbst ohne Abspritzen. Und du hast diesen Druck weg, also dieses Ziel, dass du zu einem Sexdate gehst, um abzuspritzen. Du gehst dann halt da hin, um verpeilt Spaß zu haben, egal wie das endet.

Ich glaube, die Wenigsten, die druff Sex haben, machen das safe. Das wissen ja auch alle, die da mitmachen.

Du hast gesagt, du nimmst Crystal jetzt seit zwei Jahren. Macht sich das nicht gesundheitlich bemerkbar?
Also jetzt nicht mehr als andere Spaßmacher, würde ich sagen. Ich nehme das ja auch nicht wie die Leute, die das zum Leben brauchen. Kenne aber auch Leute, die dann schon etwas mitgenommen aussehen, das hat aber oft auch andere Gründe, also wenn da noch Krankheiten im Spiel sind.

Bist du gesund?
Positiv [HIV; Anm. d. Red.] seit 2001 und HCV [Hepatitis C; Anm. d. Red.] seit 2009.

Das war also, bevor du angefangen hast, Crystal zu nehmen.
Ja, damals hab ich gar nichts mit Drogen gemacht, das war einfach Pech. 2001 hast du noch ganz andere Medikamente bekommen, das ist mittlerweile echt besser. Die Hep C habe ich mir wahrscheinlich beim Fisten gefangen. Aber mit Chems hatte das beide Male nichts zu tun.

Achtest du auf Safer Sex, wenn du zu so einer Chem-Session gehst?
[Lacht] Ich sag mal so: Kenne dein Risiko. Ich glaube, die Wenigsten, die druff Sex haben, machen das safe. Das wissen ja auch alle, die da mitmachen. Ich hab in meinen Profilen, also hier bei Scruff und bei GayRomeo, auch drin stehen, dass ich niemals Safer Sex mache. Ich geh aber auch offen mit meiner Erkrankung um und sag das den Leuten und wen's nicht stört, stört's halt nicht. Ich krieg dann auch manchmal Nachrichten mit „Virenschleuder" oder „Seuchenamt" oder sowas, aber das juckt mich echt nicht mehr, das sind für mich frustrierte Kerle, die das schreiben. Ich wette mit dir, dass ich mehr Spaß hab als die, und darauf kommt's für mich halt an.(von Ronny Matthes-vice)

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Der Regenbogenkiez in Schöneberg ist in Gefahr

Berlins tolerante­s‍ter Kiez gerät immer öfter in den Schlagzeilen. In Schöneberg häufen sich homophobe Übergriffe und Raubtaten.

Das "Sally Bowles" an der Eisenacher Straße liegt mitten im Regenbogenkiez. Wer sich an einem Wochenende abends auf einen der Außenplätze setzt, kann beobachten, warum das Schöneberger Gebiet als eines von zehn kriminalitätsbela­s‍teten Orten in Berlin gilt. Die 200 Meter zwischen Fugger- und Courbiere­straße werden dann zum "Lauf­s‍teg". Junge Männer, viele davon aus Rumänien und Bulgarien, sind auf der Suche nach Freiern. Viele von ihnen sind nur wenige Wochen im Kiez und konkurrieren mit den alteingesessenen Strichern. Kommen Alkohol und Drogen hinzu, wird die Stimmung aggressiv.

"Ich kenne viele vom Sehen her", sagt Seba­s‍tian Ungruhe, Chef vom "Sally Bowles". Seine Bar liegt mitten in Berlins bekannte­s‍tem Schwulenkiez. Schon oft seien Besucher belä­s‍tigt worden. Die Palette reiche vom harmlosen Fragen nach Zigaretten bis zum Entblößen vor Gä­s‍ten. Ungruhe hat schon häufiger ein Machtwort gesprochen oder Menschen, die belä­s‍tigt wurden, Zuflucht in seiner Bar gegeben. "Dieser Kiez lebt von seiner Toleranz. Deshalb kommen so viele Menschen gern hierher. Und das soll auch so bleiben", sagt Ungruhe.

Von den Strichern selbst will keiner seinen Namen in der Zeitung lesen. Die mei­s‍ten reagieren abweisend, wenn sie Kamera und Notizblock sehen. Einer sagt, daß er "Adonis" heiße. Seine Freunde, die um ihn herum stehen, aber nicht reden wollen, lachen. Viele Stricher geben sich Fantasie-Namen. "Ich bin nur ein paar Wochen hier", sagt der junge Mann. Dann gehe es für ihn weiter in eine andere Stadt. Streß wolle er keinen. Den gebe es nur, wenn seine Kunden nicht zahlen oder um den Preis feilschen wollen. Die Spanne liege bei ihm zwischen 25 und 70 Euro. "Ich mache aber keinen Sex", sagt er. Das heißt: Anfassen ist okay, Bilder machen auch. Er sei schließlich nicht schwul, sagt Adonis. Und für Personen, die Freier ausrauben würden, habe er auch kein Ver­s‍tändnis. Das mache das Geschäft kaputt.(Foto-Siegessäule)

Der Regenbogenkiez ist, was seine Kriminalität betrifft, homogener als es auf den er­s‍ten Blick wirkt. Viele Stricher kommen aus denselben Dörfern in Rumänien. Großfamilien wie in Neukölln oder Flüchtlinge aus Afghani­s‍tan, dem Irak und Syrien sind hier indes kaum unterwegs. Sie machen um das Viertel einen Bogen.

Kiez mit traditionsreicher Geschichte

Der Regenbogenkiez hat eine stolze Geschichte. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts konzentrierte sich laut Bezirk rund um die Motz-, die Nollendorf-, die Eisenacher Straße und die Fuggerstraße die Berliner Homosexuellenszene. In dem Kiez liegen zahlreiche schwulen- und lesbenfreundliche Kneipen, Re­s‍taurants, Cafés, Hotels und Geschäfte. Wahrzeichen ist die nachts regenbogenfarbig beleuchtete Kuppel des U-Bahnhofs.

Seit ein paar Jahren ist Berlins tolerante­s‍ter Kiez aber immer öfter in den Schlagzeilen. Neu ist, daß es auch Meldungen über Haßkriminalität gibt. Das heißt: Menschen werden gezielt wegen ihrer sexuellen Orientierung angegriffen. Diese Form der Kriminalität geht oft einher mit Raub. Viele dieser Taten werden mit dem "Antanz-Trick" durchgeführt. Erst vor wenigen Wochen wurde nach Informationen der Berliner Morgenpost ein prominenter homosexueller Künstler im Regenbogenkiez auf dem Weg zu einer Feier zusammengeschlagen und ausgeraubt. Anzeige erstattet er nicht – aus Angst vor Öffentlichkeit.

Ende vergangenen Jahres zog der Betreiber der "Lieblingsbar" die Reißleine und schloß sogar sein Lokal. Als Grund hatte er die steigende Kriminalität rund um die Eisenacher Straße genannt. Viele Gä­s‍te würden die Gegend aus Angst vor Übergriffen meiden, hieß es damals. Andere Wirte aus dem Kiez halten das für übertrieben, wenngleich auch sie die aggressiven jungen Männer, die Gä­s‍te belä­s‍tigen, kennen. Man müsse das Problem endlich offen ansprechen. Es sei aber nicht so schlimm, daß man deshalb seine Bar gleich schließen müsse, sagt Ungruhe.

Seit Jahren steigende Kriminalitätszahlen

Der Blick in die Stati­s‍tik stützt indes beide Thesen. Die Polizei registrierte in den vergangenen Jahren immer mehr Straftaten – auch solche mit homophobem Hintergrund. Seit einigen Monaten gibt das Zahlenwerk allerdings auch Anlaß zur Hoffnung. In vielen Deliktsbereichen stagnieren die Zahlen oder sind leicht rückläufig. Allerdings weiß niemand, wie hoch die Dunkelziffer ist. Viele Opfer gehen aus Scham nicht zur Polizei – auch wenn Ermittler dringend dazu raten. Das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo weist seit Jahren auf diesen Um­s‍tand hin und fordert einen behutsamen Umgang mit Betroffenen.

Beim Umgang mit aggressiven jungen Männern hat Maneo-Leiter Ba­s‍tian Finke auch eine klare Meinung. "Es ist zum einen wichtig, Regeln klar durchzusetzen und deutlich zu machen, daß im Regenbogenkiez keine rechtsfreien Räume exi­s‍tieren", sagt er. Hier sei die Polizei gefordert, die schnell und gezielt reagieren müsse, die Durchsetzung der Regeln sicher­s‍telle und Straftaten sy­s‍tematisch verfolge. Doch der Maneo-Chef mahnt auch einen differenzierten Blick auf die Lage an. "Pro­s‍titution im Kiez ist nicht das zentrale Problem. Ein großes Problem sind Personen, die vorgeben, auf den Strich zu gehen, sich jedoch eigentlich auf Beutezug befinden", sagt er. Diese Täter würden die Offenheit von Menschen ausnutzen und Szene-Gä­s‍te anmachen, um sie dann auszunehmen.

Anti-Gewalt-Projekt

"Wir haben im Nollendorf-Kiez zu viele Übergriffe erlebt"

Ba­s‍tian Finke ist der Leiter des schwulen Anti-Gewalt-Projekts Maneo in Schöneberg. Er fordert einen behutsamen Umgang mit Betroffenen.

Im Regenbogenkiez rund um den Nollendorfplatz sorgen aggressive Stricher für Unruhe. Im Gespräch erklärt der Leiter des schwulen Anti-Gewalt-Projektes Maneo, Ba­s‍tian Finke, wo sexuelle Gewalt anfängt.(Foto-Morgenpost)

Wo beginnt für Sie ein sexueller Übergriff?

Ba­s‍tian Finke: Hier gibt es klare Definitionen. Der Übergriff beginnt für uns dort, wenn eine Handlung unerwünscht erfolgt, verbal, nonverbal oder körperlich, und die Würde des Menschen verletzt. Dazu zählt, daß Nein gesagt oder angezeigt wird und diese Grenze trotzdem überschritten wird. Manchmal bringen Menschen aus Angst, Scham und Unsicherheit ein klares Nein nicht über die Lippen oder trauen sich nicht, dies mit ihrem Verhalten anzuzeigen. Manchmal brauchen Menschen Zeit, ihre Situation zu realisieren.

Wie sollte ich regieren, wenn ich selbst betroffen bin, jemanden kenne, der betroffen ist oder wenn ich sexuelle Gewalt beobachte?

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Menschen Zeit, Ruhe und einen sicheren Ort brauchen, um über ihre Situation zu reden. Oft wenden sich Betroffene an enge Vertrauenspersonen. Die sollten bei Fragen auch selbst das Gespräch mit professionellen Beratungs­s‍tellen suchen. Wir bei Maneo bieten sowohl Betroffenen als auch Menschen, die sich um Betroffene kümmern, Zeit, Ruhe, Gespräche und einen sicheren Ort an.

Sollte man auf jeden Fall professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?

Unter professioneller Hilfe ver­s‍tehe ich Personen, die eine fachliche Ausbildung durchlaufen haben. Die Opferhilfearbeit bietet entsprechende fachliche Zusatzausbildungen für Personen, die mit betroffenen Menschen arbeiten. In Berlin gibt es zahlreiche Fach­s‍tellen, die über qualifiziertes Personal verfügen. An diese können sich betroffene Menschen wenden und diese würde ich auch empfehlen. Meiner Erfahrung nach ist es oft hilfreich, daß wir auch Vertrauenspersonen, an die sich betroffene Menschen gewandt haben, in die Arbeit mit einbeziehen, weil die professionelle Hilfe mit der Hilfe durch Vertrauenspersonen Hand in Hand gehen kann.

Was ist, wenn ich im Alltag Zeuge sexueller Gewalt werde?

Zuallererst Betroffenen bei­s‍tehen, sie in Sicherheit bringen oder, wenn das nicht möglich ist, sofort Polizei und Rettungsdienst ver­s‍tändigen. Die Würde und die Wünsche einer betroffenen Person sind dabei unbedingt zu beachten. Es ist wichtig, daß darauf eingegangen wird. Das kann auch bedeuten, daß Betroffene erst mal nur Schutz suchen, noch keine Aussage machen wollen. Bei einer Strafverfolgung, eben auch einer späteren Strafverfolgung, ist jedoch zu beachten, daß Beweismittel immer eine sehr wichtige Rolle spielen. Jede Spur, also auch jede Verletzung, sollte dokumentiert werden. Jugendliche und Erwachsene, die noch keine Anzeige erstatten wollen, können sich an die Gewaltschutzambulanz der Charité wenden, wo Spuren auch ohne vorherige Anzeige gesichert werden können. Mitarbeiter der Gewaltschutzambulanz können auch zu uns in unsere Räume kommen, um an Betroffenen Spuren zu sichern. Unser Ziel ist erst einmal, Betroffene zu stabilisieren. Menschen wurde gewaltsam die Regie und Kontrolle über sich geraubt. Deshalb ist es ungemein wichtig, ihnen diese Kon­trolle wieder zurückzugeben.

Ist der Regenbogenkiez für Sie ein sicherer Kiez?

Der Regenbogenkiez ist ein offener Kiez, an dem viele unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Es ist schwierig, wenn hier pauschal von einem sicheren oder auch unsicheren Raum gesprochen wird. Wir haben in den vergangenen Jahren im Regenbogenkiez viel zu viele Übergriffe und Gewaltstraftaten erlebt. Wir sehen, daß die Anzahl der Taten langsam abnimmt. Auch wenn die Zahlen weniger werden, wird es noch lange dauern, bis auch die gewachsene Verunsicherung vieler Menschen abnimmt. Es ist unser Bemühen und unser Ziel, gemeinsam mit der Polizei, dem Bezirksamt, Gewerbetreibenden und Anwohnern Kriminalität aus dem Regenbogenkiez zurückzudrängen.(von Alexander Dinger-morgenpost)

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Neue queere Partyreihe

„Berlin akzeptiert dich“

Emrah, queer und aus Turkmeni­s‍tan geflüchtet, will mit der neuen Partyreihe „Harem“ andere queere Flüchtlinge ermutigen, sich nicht zu ver­s‍tecken.

Emrah, diesen Samstag beginnt Ihre neue Partyreihe „Harem“. Warum sollte man die Show besuchen?

Emrah: Wir machen etwas völlig Neues in Berlin. Wir haben Dragqueens, die zu moderner Popmusik tanzen, aufgelegt von internationalen Star-DJs aus dem arabischen und dem westlichen Raum. Außerdem haben wir Go-go-Boys, die durch ihre Animation die Gä­s‍te zum Mittanzen anregen sollen. Und wir bringen den orientalischen Bauchtanz ein. Der Name der Show bezieht sich auf das arabische harim – das kennen wir alle, ein Ort, wo wunderschöne Tänzerinnen verborgen hinter einem Schleier tanzen.


Was war die Idee dahinter?

Für queere Menschen aus dem arabischen oder türkischen Raum ist ihre Sexualität ein Tabuthema, etwas, das sie ver­s‍tecken müssen. Bei meiner Party ist das nicht so. Jeder/Jede* kann sich genau so zeigen, wie er oder sie* ist. Niemand muß seine Gefühle „hinter einem Schleier“ verbergen. Wichtig ist, daß das Publikum nahe bei den KünstlerInnen ist. Denn nur so kann sich die Energie von der Musik auf die TänzerInnen und weiter auf die BesucherInnen übertragen. Die Bühne ist sehr klein und auf einer Höhe mit den ZuschauerInnen – sie sind aktiver Be­s‍tandteil der Aufführungen, können spontan mitmachen.(Foto-Flüchtlingshelferinfo)


An wen richtet sich die Show?

Wir wollen speziell queere Flüchtlinge ansprechen, ihnen einen Raum zum Feiern geben. Aber unsere Türen sind natürlich für alle geöffnet.

Wieso queere Flüchtlinge?

„Wir wollen speziell queere Flüchtlinge ansprechen, ihnen einen Raum zum Feiern geben“

Ich selbst bin queer und geflüchtet und weiß daher, wie sich das anfühlt. In arabischen Ländern kann man seine Sexualität nicht ausleben. Mit meinen Shows möchte ich zeigen, daß wir Menschen wie du und ich sind und genauso ein Anrecht auf coole Partys und Spaß haben wie alle anderen auch.

Sie sind vor über vier Jahren aus Ihrer Heimat Turkmeni­s‍tan geflohen. Warum ?

Wegen meiner Sexualität hatte ich große Probleme mit der Regierung dort, die konsequent gegen Homosexualität vorgeht. Menschen wie mir drohen in Turkmeni­s‍tan Gefängnisstrafen von bis zu vier Jahren. Als ich 18 Jahre alt war, fanden die Behörden durch abgefangene Chats heraus, daß ich queer bin. Mir drohte Gefängnis. Darum habe ich das Land verlassen. Aber auch meine Verwandten haben mich nicht akzeptiert. Für sie bin ich kein Teil der Familie mehr.

Wann kamen Sie nach Berlin?

Im November 2015. Ich bin nicht direkt nach Deutschland gekommen, sondern war zunächst in der Türkei. Ein Onkel, der eine wichtige Position in der turkmenischen Regierung innehat, organisierte mir ein Visum. Dafür mußte ich versprechen, niemals zurückzukommen.

Aber in der Türkei konnten Sie auch nicht bleiben?

Nein, trotz des offiziellen Visums drohte mir die Ausweisung nach Turkmeni­s‍tan. Darum habe ich mich nach zwei Jahren entschlossen zu fliehen. Wie viele andere Flüchtlinge bin ich zunächst auf einem kleinen Boot von der Türkei nach Griechenland gefahren – obwohl ich nicht schwimmen konnte. Von da ging es weiter nach Deutschland.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Ich gehe zum Deutschkurs und nehme Unterricht bei Berlins berühmte­s‍tem Bauchtänzer Zadiel Sasmaz. Näch­s‍tes Jahr treten er und ich bei einer großen internationalen Bauchtanzshow in Tempelhof auf. Ich hoffe, dadurch weiter Fuß in der Bauchtanzszene zu fassen – auch international.

Szene ist ein gutes Stichwort: Wie offen ist die queere Szene in Berlin?

Sehr offen und frei. Die Stadt akzeptiert dich, und jeder erhält eine Chance, egal ob du aus Deutschland oder Turkmeni­s‍tan kommst. Wichtig ist, wie du dich verhältst: Du mußt jeden so akzeptieren, wie er/sie* ist, dann wirst auch du akzeptiert.

Wie offen begegnen Ihnen Menschen außerhalb der Szene?

Das kommt auf den Ort an. Am Hermannplatz fühle ich mich nicht so wohl. Dort gibt es viele Familien mit islamischem Hintergrund, die gegenüber queeren Menschen nicht offen sind. Aber insgesamt habe ich schon das Gefühl, daß du hier viel freier auftreten und genauso sein kannst, wie du bist.(von Sophie-Isabel Gunderlach-Taz)

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Regenbogenfamilien

Zwei Mamas und zwei Papas

Wie geht Familie, wenn Mutter und Vater lesbisch und schwul sind? Die Geschichte von Lenja, einem ganz normalen Mädchen mit einer außergewöhnlichen Familie.

Lenja Moser kommt am Ende eines langen Tages zur Welt, sechs Minuten vor Mitternacht, sie ist 53 Zentimeter groß und 3320Gramm schwer, am Köpfchen hat sie einen dunklen Schopf. Die Eltern heißen Petra Moser & Daniel Nicolai, verbunden durch ein Et-Zeichen, genau so steht es in der Geburtsanzeige, die kurz nach diesem 29. Mai 2009 in einer Zeitung erscheint. Lenja freue sich auf eine bunte Familie, heißt es da, darunter steht ein Zitat des Philosophen Paul Watzlawick: "In der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein!" (Foto-LSVD)

Petra, damals 40, und Daniel, 45, eint zu diesem Zeitpunkt nichts außer dem Baby. Keine Beziehung zueinander, keine Liebe füreinander. Sie haben keine gemeinsame Wohnung, führen kein gemeinsames Konto. Das erste Mal begegnet waren sie einander erst im Jahr davor. Der Ort, an dem sie sich getroffen hatten, heißt www.spermaspender.de.

Es gibt kaum Fragen im Leben, die folgenreicher sind: Möchte ich ein Kind? Petra und Daniel hatten für sich eine Antwort darauf gefunden - aber eben jeder für sich. Offen blieb die Frage, die kaum weniger wichtig erscheint als die nach dem ob: mit wem? In den Beziehungen, die sie führten, war kein Nachwuchs zu erwarten. Petra ist lesbisch, Daniel schwul.

Ein sonniger Tag im Juli 2009, im Garten vor einem unauffälligen zweistöckigen Haus in Oggersheim, einem Stadtteil von Ludwigshafen. Lenja liegt links von Petra in einer Kinderwippe. Sie trägt einen gestreiften Strampler und weiße Söckchen; auf dem rosa Schnuller ist eine Tigerente abgebildet. Hinter ihr wachsen die Blumen in kundig geordneter Wildheit, auf dem Tisch steht gesunder Kuchen.

Rechts von Petra sitzt ihre Freundin, Rita. Die beiden hatten einander im Selbstverteidigungskurs kennengelernt. Rita hat sich in die jüngere Frau verliebt und ihren Mann verlassen. Im Garten erzählt sie nun viel ausführlicher und emotionaler als Petra, ihre Locken wackeln dann immer.

Wie andere Menschen, von denen hier erzählt wird, heißt auch Rita in Wirklichkeit anders. Keine Familie ist wie die andere, jede ist auf ihre Art kompliziert, jeder Beteiligte hat seine ganz eigene Sicht auf die Wahrheit, und so will oder soll nicht jeder mit aufs Porträt. Beziehungen verändern sich, man verliebt sich, entliebt sich, verlässt, wird verlassen, zumal in einem Zeitraum von acht Jahren, die zwischen den ersten und den jüngsten Besuchen bei der Familie liegen, in Oggersheim, Frankfurt, Speyer und schließlich Amsterdam.

Petra, in Gemüt und Frisur ruhiger als Rita, ist auf dem Papier Biologin und Erlebnispädagogin. Aber eigentlich baut sie Spielplätze. Sie bohrt und hämmert und schraubt, auf dass Kinder dort klettern und hüpfen und graben. Sie hatte in den vergangenen Jahren immer stärker gespürt, dass sie sich kümmern musste, wollte sie irgendwann ein eigenes Kind dort draußen spielen sehen.

Zu dritt in einem Haushalt leben, das kannte Petra bereits. Nicht nur, weil sie selbst ein Einzelkind ist, sondern auch, weil Rita eine Tochter aus einer früheren Beziehung mit in Petras Haus gebracht hatte: Lisa. Es hat eine Weile gedauert, bis Lisa die Freundin ihrer Mutter akzeptierte. Zehn Jahre wohnte sie bei den zwei Frauen. Nun war sie erwachsen und nach Berlin gezogen. Petra wollte ein eigenes Kind.

2009 kam sie auf die Welt, als Tochter einer lesbischen Mutter und eines schwulen Vaters

An die Ehe für alle und damit an die realistische Möglichkeit, in Deutschland ein Kind zu adoptieren, war damals noch nicht zu denken. Und selbst wenn: Sich den konservativen Strukturen anzupassen, dankbar zu sein für dieses Zugeständnis, das hätte Petra gar nicht gewollt. Sie zählt sich zu einer Zwischengeneration von Homosexuellen, die zwar nicht mehr strikt unter sich bleibt und permanent und überall für ihre Rechte kämpft, die sich aber auch noch nicht vollkommen vom Community-Gedanken verabschiedet hat. Sie und Rita, die ohnehin Ehe-müde war, haben sich auch nie verpartnern lassen. "Warum werden nicht Regelungen für Familien getroffen, ohne den Ehe-Fokus?", sagt Petra.

Acht Jahre und viele Debatten später, im Sommer des Wahljahres 2017, konnte es der Politik auf einmal gar nicht schnell genug gehen mit dem Ehe-Fokus. Ruckzuck stimmte die Mehrheit im Bundestag für das neue Gesetz, es regnete bunte Konfetti. Homosexuelle dürfen seit dem 1. Oktober heiraten und eben Kinder adoptieren. Aber damit beginnt nicht die Zeit der Regenbogenfamilien. Die gibt es längst.

Tausende Homosexuelle haben wie Petra und Daniel in Deutschland Kinder bekommen, offizielle Zahlen gibt es nicht, was in der inoffiziellen Natur der Sache liegt. Schwule und Lesben mussten stets ungewöhnliche Wege finden, um ungewöhnliche Familien zu gründen. Doch nicht nur diejenigen, die kürzlich im Bundestag mit Nein stimmten, fragen sich: Wie viel Ungewöhnlichkeit verträgt ein Kind? Wie kompliziert kann die Suche nach dem einfachen Familienglück sein?

Petra wählte die Methode, Mutter zu werden, nach dem Ausschlussprinzip. Eine Adoption im Ausland? "Ich kenne Chile, ich war dort oft im Urlaub. Da wäre das wohl möglich. Aber das war uns zu undurchsichtig." Der Bekanntenkreis? "Wir sind alle Männer durchgegangen, da war keiner dabei. Wir wollten aber auch keinen anonymen Spender suchen." So seien sie im Internet gelandet, erzählt Petra im Garten. Lenja schläft.

Ein anderer Tag, derselbe Sommer 2009, auch über Frankfurt strahlt die Sonne. In Daniels Wohnung ist alles an seinem Platz, ein schickes Apartment, eingerichtet mit Bedacht und Stil. Ein Wickeltisch fehlt allerdings. Daniel, ein großer, schlanker Mann mit Brille, Kinnbart und dunkelblauen Augen, Leiter des English Theatre in der Stadt, erzählt von seinen Optionen. Eine Leihmutterschaft? "Gibt es ja nicht in Deutschland. In Israel ginge das, für viel Geld. Aber dass eine Mutter das Baby, das in ihr gewachsen ist, abgeben muss, das fand ich schräg." Eine geneigte Bekannte? "Gibt es nicht." Es blieb das Internet.

Mit seinem Freund Jaap, damals 47, traf er mehrere Paare, die sich auf seine Annonce gemeldet hatten. Die Mainzer schieden aus, zu klemmig, die aus Wiesbaden waren ihm zu einfach gestrickt. Daniel war vorsichtig, "als schwuler Mann denkt man ja auch: Vielleicht quetscht die dich finanziell aus". Die Erwartungen an das Leben sollten übereinstimmen, an das eigene wie an das des Kindes. Mit einer rechten Zeugin Jehovas, sagt er, da ginge das nicht.

Petra, liberale Naturwissenschaftlerin, bekam mehr als ein Dutzend Antworten auf ihre Anzeige. Sie las Daniels Mail und arrangierte ein Treffen, in einem Café am Wasserturm in Mannheim. "Das war schon eine lustige Situation", sagt sie. Als Daniel kleinlaut zugab, dass er ab und zu raucht, mussten sie alle lachen. Weder dem vorgelegten Attest noch dem Spermiogramm haben die Zigaretten geschadet.

Drei, vier Mal trafen sie sich noch, mit jedem Gespräch wuchs das Vertrauen. Nicht nur, weil sich Petra und Daniel sympathisch waren. Sondern auch, weil entscheidende Fragen geklärt wurden, systematisch und akribisch. Vieles, was für Hetero-Paare selbstverständlich ist, mussten die beiden erst ausdiskutieren. So wie bei klassischen Familiengründungen die gegenseitige Zuneigung als Fundament dient, so fühlten sich Petra und Daniel durch die Vernunft des jeweils anderen beruhigt.

Nach Klärung aller Fragen fehlte nur noch ein Detail: die Befruchtung

Einen Menschen bedingungslos zu lieben, stand nicht am Anfang ihrer Beziehung, es war das Ziel. Doch dem Weg dorthin fehlte es keineswegs an Bedingungen. Daniel hielt die Abmachungen in einer Mail fest. Sie gleicht einem Vertrag:

"1. Schwangerschaft - Daniel findet es gut, dass alle empfohlenen Tests gemacht werden. Wir sind beide über 40. (...) Daniel muss nicht unbedingt bei Geburt sein. Wäre aber gerne informiert und will mit Daumen drücken. Gerne Hilfe in Zeit direkt nach Schwangerschaft, wenn P&R das wünschen.

2. Lebensmittelpunkt des Kindes ist die Wohnung von P&R und ihr Wohnort. Entscheidung über Namen: P&R (netter in Überlegung mit D). Beschneidung (falls es ein Junge wird), ich bin nicht dafür. Wir sollten über die Vor- und Nachteile sprechen. Daniel evtl. mehr Erfahrung. ;-)

3. Wie viel Kontakt zu Daniel - Bis zum 2. Lebensjahr häufiger Kontakt anbieten. Auch Babysitting bei P&R, so dass das Kind D. kennenlernt. Besuch ab dem 2. Lebensjahr des Kindes: Mindestens einmal im Monat. Auch gemeinsame Ausflüge, Projekte, Kindergartenfeste. Später (so Kind das will) Besuch bei Daniel, evtl. auch übers Wochenende.

4. Verantwortlichkeit - Eine Mutter verstirbt - Kind bleibt bei der anderen Mutter, vermehrter Einsatz von D., um zu helfen. (Testament). Beide Mütter versterben - Kind kommt zu Daniel. Evtl. andere Pflegeeltern sollten wir absprechen. (Testament) Daniel verstirbt - P&R halten für Kind Kontakt mit Großeltern, kann auch sporadisch sein.

5. Daniel wird nicht als Vater eingetragen. Testament über Pflegeelternschaft.

6. Finanzielles - Daniel ist für den 'normalen' Lebensunterhalt des Kindes nicht verantwortlich. Daniel möchte sich an 'besonderen' Anschaffungen beteiligen. Daniel will sich natürlich an Geschenken zu Festen beteiligen."

Nur ein Detail fehlte noch, eine biologische Formalie: die Befruchtung. Als Petra ihren Eisprung hatte, rief sie Daniel an. Der fuhr die eineinhalb Autostunden von Frankfurt nach Oggersheim, und nach einer freundlichen Begrüßung verschwand er im Schlafzimmer, alleine, in der Hand eine Plastikspritze. Als er seinen Teil beigetragen hatte zum Plan, reichte er Petra die jetzt in ein Handtuch gewickelte Spritze. Nun zog sie sich zurück ins Schlafzimmer. Ob sie das würdelos fanden? "Miteinander zu schlafen, das wäre in unserer Situation würdelos gewesen", sagt er.

Schon dieser erste Versuch war erfolgreich gewesen. Neun Monate später, am 29. Mai 2009, sechs Minuten vor Mitternacht, wurden Petra und Daniel nicht bloß Mutter und Vater, sondern Elternteile im Wortsinn, verbunden in einem wimmeligen und bunten Familienpuzzle.

Kann eine so verstreute Familie zu sich finden?

Petra, Rita und das Baby wohnen zu dritt in Oggersheim. Daniel darf sie unterstützen, wenn P&R das wünschen. Elternzeit kann er sich dafür nicht nehmen. Keine Behörde weiß von seiner Vaterschaft. Im Gegensatz zu den Frauen, die sich mit Generalvollmachten und Willenserklärungen ausgestattet haben, verzichtet Daniel auf Sicherheiten. Wenn Petra etwas zustoßen sollte, sieht er das Kind am besten weiter bei Rita aufgehoben, der Co-Mutter. Auf der Geburtsurkunde ist ein Strich, wo sein Name stehen könnte.

Aber er hat Lenja. Regelmäßig kommt er vorbei, um sie zu sehen, mit ihr ist er so geduldig, wie es ihm mit anderen Menschen unmöglich ist. Und er entwickelt nebenbei eine gewisse Freude daran, mit dem Kinderwagen am Haus des Altkanzlers entlangzuspazieren. Helmut Kohl (CDU), der Anfang der 80er-Jahre eine "geistig-moralische Wende" wider den Zeitgeist ausgerufen hatte, hätte ihn von seinem Haus aus sehen können: den Vater, der nie Vater hätte werden dürfen.

Kinder in Regenbogenfamilien haben eines gemeinsam: Sie sind alle Wunschkinder

Daniel wollte schon seit Jahren ein Kind. Nicht, um sich fortzupflanzen, sondern um ein Vater zu sein. Seinen eigenen Erzeuger hat er nie kennengelernt. John war ein amerikanischer Soldat, der noch vor der Geburt seines Sohnes wieder in die USA versetzt wurde und nie mehr zurückkam. Daniels Mutter hat sich deshalb lange Zeit Vorwürfe gemacht. Ihr Junge war sechs Jahre alt, als sie mit ihrem heutigen Mann zusammenkam. Fritz sollte Daniel fortan wie ein Vater sein. Auch, als der Junge in der Pubertät erkannte, dass er schwul ist.

Das war Mitte der 70er-Jahre, in einer Zeit, die heute irre weit weg erscheint. Gerade erst war der Paragraf 175 entschärft worden, der sexuelle Handlungen von Schwulen unter Strafe stellte. 1994 wurde er endgültig gestrichen, da war Daniel schon 30. Als nach der Ära Kohl die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder (SPD) das Lebenspartnerschaftsgesetz beschlossen hat, war er 37. Die jüngste Gesetzesänderung nun, von Angela Merkel (CDU) auf die Agenda gebracht, von ihr persönlich aber abgelehnt, kam für den heute 53-Jährigen zu spät - Jaap und er hatten bereits vor einem Jahr in den Niederlanden geheiratet.

Für Daniels wie auch für Petras Eltern ist Lenja das einzige Enkelkind. Neben seligen Omas und Opas hat das Mädchen aber auch einige Angehörige, für deren Verwandtschaftsgrad der gängige Beziehungswortschatz keine Begriffe kennt: Wie ist Lenja mit der Mutter des Sohnes des Mannes ihres Vaters verwandt? Oder mit der Tochter der Lebensgefährtin der Mutter?

Es sind dies unwichtige Fragen, verglichen mit den grundsätzlicheren: Kann eine so verstreute Familie zu sich finden? Wo sich doch genug Familien, die natürlicher geformt und konventioneller organisiert sind, ständig um ihr Glück bemühen müssen; wo schon Familien, die auf eingespieltere Verhältnisse vertrauen können, täglich um den eigenen Bestand kämpfen. Kann das auf Dauer gut gehen?

Acht Jahre später. Es regnet, und Lenja ist unglücklich. Zwei Minuten lang. Sie sitzt auf der Rückbank von Petras grünem Kastenwagen und sieht die Tropfen über die Fensterscheiben ziehen. Gleich beginnt die Reitstunde. Menno, sagt Lenja, jetzt muss sie eine Regenhose anziehen. Sie reitet, so oft sie kann. Sogar im Urlaub in Chile sei sie auf dem Pferd gesessen, sagt sie. Dort sei das Wetter besser, "das nächste Mal will ich da mal in die Berge reiten und in den Wäldern übernachten". Wenn sie lächelt, zeigen sich große, weiße Zähne, die dunkelblauen Augen leuchten. Aus dem Baby mit dem dunklen Schopf ist ein großes und sportliches, ein offenes und fröhliches Mädchen geworden. Die blonden Haare hält ein rosa Haargummi zusammen. Als das Auto hält, springt sie hinaus in den Matsch, rennt zu dem Pferd und klopft ihm freundschaftlich auf den Hals.

Über der Spüle hängt ein Schild: "Ein bisschen verrückt ist völlig normal ..."

Petra unterhält sich mit den anderen Müttern. Sie trägt die Haare ein wenig länger als früher, ein paar weiße haben sich unter die braunen gemischt. Das Brillengestell ist dicker geworden, sie selbst wirkt immer noch athletisch. Mit Lenja ist sie mittlerweile nach Speyer gezogen. Rita, die damals im Garten noch fürchtete, sie werde 70 sein, wenn Lenja mal das Haus verlassen würde, war da längst ausgezogen. Petra und sie hatten sich getrennt, als Lenja noch ein Kleinkind war. Rita und das Mädchen bekamen sich noch über Jahre zu sehen. Heute gibt es keinen Kontakt mehr. Eine komplizierte Angelegenheit, eine Familienangelegenheit eben.

Nach dem Reiten führt Lenja durch die Wohnung. In ihrem Zimmer knarzt der Boden, über dem Stockbett hängt ein Drache. In der Küche kleben über der Spüle von Lenja gemalte Bilder, daneben hängt ein Schild: "Ein bisschen verrückt ist völlig normal ..." Petra bietet Kaffee mit Sojamilch an, während Lenja mit den Nachbarskindern zum Spielen nach draußen läuft. Eine Drittklässlerin hat anderes zu tun, als ihre eigene Familie zu analysieren, selbst wenn diese sich von den meisten anderen unterscheidet.

Als sie noch kleiner war, hat Lenja den Leuten erzählt, sie habe zwei Mamas und zwei Papas. Aber irgendwann hat sie Rita und auch Jaap einfach beim Vornamen genannt. Daniels Mann ist ihr heute eher ein lustiger Onkel. Wenn Lenja sich mit Freundinnen über deren Eltern unterhält und später fragt, ob Daniel und Petra auch mal zusammen waren, dann sagt ihre Mutter: "Nein, aber wir wollten dich beide gerne haben."

Kinder von Co-Eltern haben eines gemeinsam: Sie sind alle Wunschkinder. Im Idealfall entwickeln sich um sie herum Verbindungen, die zuvorderst ihrem Wohl dienen. Das entstandene Wimmelbild definiert sich nicht durch die Klarheit seiner Umrisse. Die Architekten, mit denen Petra auf den Spielplätzen zu tun hat, würden sagen: Die Form folgt der Funktion, die Gestalt leitet sich von ihrem Zweck ab.

Petra und Daniel haben einen gemeinsamen Google-Kalender

Wie starr oder flexibel diese Form sein darf, wie eng oder weit der Begriff der Familie zu fassen ist, dazu gibt in der Gesellschaft so viele Meinungen wie Gefühle. Gegner der jüngsten Gesetzesänderung verweisen auf Tradition und auf Religion. Die Ehe sei für ihn nun mal "eine Verbindung zwischen Mann und Frau", sagte etwa Thomas de Maizière (CDU). Die Befürworter fordern gleiches Recht für alle. Martin Schulz (SPD) sagte, mit dem entsprechenden Beschluss habe die Politik nachgeholt, "was in unserer Gesellschaft längst verwirklicht ist und von vielen Menschen auch bejaht wird". Tatsächlich sprachen sich bei einer Umfrage des Instituts Insa im Juni 75 Prozent der Bürger für die Ehe für alle und 66 Prozent für das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare aus. Die Forschung immerhin hat eine recht klare Antwort auf die Glaubensfrage. 2007 bereits hat das Justizministerium eine Studie in Auftrag gegeben, die sich mit Regenbogenfamilien beschäftigte. "Lesbische Mütter und schwule Väter stehen in ihrer elterlichen Kompetenz heterosexuellen Eltern in nichts nach", heißt es da. Ihren Familien mangele es nicht an Fürsorglichkeit und Zugewandtheit. Wenn die Kinder Diskriminierung erführen, lernten sie fast alle, konstruktiv damit umzugehen.

Einmal war eine Freundin zu Besuch bei Lenja, sie fragte beim Essen, ob Schwule nicht behinderte Kinder bekämen. Sie haben dann alle am Tisch zu Lenja geschaut und festgestellt, dass das da nicht viel dran sein könne. So aß man zufrieden weiter.

Lenja hat oft Besuch, und sie ist auch oft zu Besuch. Wenn Petra viel arbeiten muss, passen ihre Eltern auf die Enkelin auf, mit einer Erfüllung, wie sie Großeltern vorbehalten ist. Auch Nachbarn und Freunde helfen mit, "früher wurden Kinder ja auch von Dorfgemeinschaften aufgezogen", sagt Petra. Sie weiß, dass sie Glück hat mit ihrem Umfeld, ist speziell sie ja nicht nur Teil eines Puzzles. Als Alleinerziehende steht sie im Zentrum dieses Wimmelbildes.

Die Werte der neumodischen Eltern klingen am Ende doch recht altmodisch

Daniel wohnt noch immer in Frankfurt, 100 Kilometer von Speyer entfernt. Spontane Besuche sind kaum möglich. Petra und Daniel sind weiterhin sehr verschieden. Sie fotografiert gerne, er ist gerne mit auf dem Foto. Sie verbringt ihre Arbeitstage mit Handwerkern, er diskutiert mit Schauspielern. Lenja fährt mit Mama zum Zelten, mit Papa in bequeme Hotels; von Petra bekommt sie Outdoor-Kleidung, mit Daniel geht sie shoppen. Die organisatorischen Strukturen, in denen Lenja aufwächst, sind mit denen einer Scheidungsfamilie vergleichbar, die emotionalen keineswegs - die Eltern sind nicht zusammen, aber sie begegnen einander ohne den Ballast sich einst Liebender.

Ritas Tochter, Lisa, die immer noch in engem Kontakt mit Petra und Lenja steht, ist nicht das einzige wirkliche Scheidungskind im Umfeld. Da gibt es auch noch, und spätestens hier wird es unübersichtlich, Helen, 14, und Karen, 11, die Töchter von Petras neuer Freundin: Birgit aus Karlsruhe. Vor zwei Jahren sind sie zusammengekommen. Birgit und ihr Ex-Mann waren da längst getrennt, sie haben sich auf ein Wechselmodell geeinigt: Eine Woche sind die Kinder bei ihr, die nächste bei ihm.

Die Frauen, die Kinder, Daniel und Jaap, sie sehen einander durch schmale gemeinsame Zeitfenster. Petra und Daniel haben dafür einen gemeinsamen Google-Kalender. Der führt Lenja und ihren Vater alle zwei bis drei Wochen zusammen. Was sie bei ihm darf und was nicht, welche Rituale es zu pflegen gilt, wird unter den Eltern besprochen. "Damit Madame mir nicht auf der Nase herumtanzt", sagt Daniel mit dem Lächeln eines Vaters, der sich nur allzu gerne auf der Nase herumtanzen lässt.

Petra hat mittlerweile handschriftlich verfügt, dass Daniel der Vater ihrer Tochter ist. Der Zettel liegt bei Freunden, für den Fall der Fälle. Eines von Daniels Lieblingswörtern, wenn er über die gewachsene Beziehung zu Petra spricht, ist "n'sync", synchronisiert. Es ist eine neumodische Bezeichnung für altmodische Tugenden: Man einigt sich auf Werte wie Verantwortung, Vernunft, Respekt, Vertrauen, die Liebe zum gemeinsamen Kind. Bekannt sind auch die Herausforderungen der Regenbogenfamilie im Alltag, haben sie doch weniger mit dem Aspekt des Regenbogens zu tun als mit dem Wesen einer Familie: Wann wird geimpft? Auf welche Schule soll Lenja? Wer kann sie dort abholen? Warum ist der/die manchmal so stur? Wer spricht mit Lenja darüber, was in der Welt passiert? Geht es unserer Tochter gut?

Im Sommer 2017 wird Petra gleich zweimal von der deutschen Geschichte überrascht. Am 30. Juni stimmt der Bundestag für die Ehe für alle, und einen Tag später wird der in ihrer alten Heimat Oggersheim verstorbene Helmut Kohl in ihrer neuen Heimat Speyer beigesetzt. Kohl, der im Alter noch seine ganz persönliche geistig-moralische Wende erlebte: 2013 war er am Tegernsee Trauzeuge bei der Verpartnerung eines alten, homosexuellen Freundes.

Daniel hat den geschichtsträchtigen Sommer zu gehörigen Teilen im Auto verbracht. Er pendelt zwischen Frankfurt, Speyer und auch Amsterdam. Dort sitzt er nun mit einer seiner Ab-und-zu-Zigaretten auf dem Balkon von Jaaps Wohnung. Drinnen in der Küche zeigt der Gastgeber bei Rotwein und Käse Hochzeitsfotos her. Auf einem Boot haben sie gefeiert, mit 30 Gästen. Lenja bekam bei der Zeremonie eine eigene Torte und einen Hammer. Mit dem klopfte sie auf den Tisch und vermählte die beiden symbolisch. Nach dem Bild, das die schicken Bräutigame zeigt, verliebt und im Kreise ihrer Verwandten, könnte man das Familienalbum zuklappen.

Aber da ist noch Jaaps Geschichte, er erzählt sie in charmant gefärbtem Deutsch. Sie handelt auch von einer Regenbogenfamilie, aber von einer, die gescheitert ist.

"Ich bin doch keine Samenbank!" Der Satz war der Anfang vom Ende eines Traums

Mitte der Neunzigerjahre lernt Jaap ein lesbisches Paar kennen. Eng sind sie nicht, und doch fragt ihn eine der beiden, wie es für ihn wäre, Vater zu werden. Jaap lässt der Gedanke nicht mehr los. Nach einer Weile sagt er zu. "Die Frauen wollten die Eltern sein, aber ich sollte ein klarer Vater sein." Auch sie hantieren mit den Plastikspritzen, aber so schnell wie später bei Daniel und Petra klappt es nicht. Mehr als ein Jahr vergeht, bis die eine schwanger wird. Doch auf einmal sind die Frauen sehr fordernd - nun will auch die andere ein Kind. Sie ruft Jaap an und schlägt vor, sich baldmöglichst zur Zeugung zu treffen. "Warum wollten sie das übers Telefon klären? Ich sagte: Ich bin doch keine Samenbank!" Die Frauen sind furchtbar gekränkt.

Im September 1996 kommt David zur Welt. Jaap erfährt davon durch eine Karte. Als Vater eingetragen ist er nicht. Das Regenbogenmodell, das ihm im Guten viel Freiheit einräumt, verweigert ihm nun im Schlechten sein Recht. Er ist abhängig von der Gnade der beiden Frauen. Erst nach zwei Wochen erlauben sie ihm, das Kind zu sehen, auf neutralem Boden, im Café l'Opera in Amsterdam. "Ein schönes Café. Aber kein schöner Ort, um sein eigenes Kind kennenzulernen. Ich war trotzdem sehr gerührt." Jaaps Eltern dürfen David nur einmal sehen. Er ist ihr einziger Enkel. Zwar hat Jaap zwei heterosexuelle Geschwister, doch die sind beide kinderlos geblieben. Jaap sagt lächelnd: "Der schwule Sohn war die letzte Hoffnung."

Fünf Jahre lang sollte er damals keinen Kontakt zu seinem Sohn haben. Erst 2001 kommt ein Brief. Davids Mutter schreibt, dass ihr Sohn nach seinem Vater frage. Jaap ist erleichtert, sie treffen sich. Bis heute stehen sie in gutem Kontakt. Die beiden Frauen indes sind längst getrennt. Die Familie ist zerbrochen. Vielleicht ist am Ende nicht glücksentscheidend, wie gut die Einzelteile des Puzzles zusammenpassen, sondern wie gut sie zusammenhalten. Jaap sagt: "Schön, dass ich mit Lenja erleben darf, dass es auch anders geht."

Ein paar Wochen nach Daniels Besuch in Amsterdam ist der Sommer vorbei, in Deutschland werden die Kragen aufgestellt und die Laubbläser angeworfen. Die Sorgen, es könnte wieder rauer werden im Land, nach dem Erfolg der selbsternannten Wertepfleger bei der Bundestagswahl, gehen am 1. Oktober kurz unter im Konfettiregen. Lenja, Daniel und Jaap können nicht mitfeiern, als an diesem Tag die ersten Homo-Ehen geschlossen werden. Die drei sind in Italien. Herbstferien.

Im Winter wird Lenja mit Petra wieder nach Chile fliegen. Sie wird dort mit den Erwachsenen in die Berge reiten und im Zelt übernachten dürfen, das große Abenteuer einer Achtjährigen. Wahrscheinlich wird es wie immer ein bisschen verrückt und völlig normal. Und es kann gut sein, dass Lenja damit sehr glücklich ist.( von Martin Wittmann-SZ)

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HOMOPHOBIE Das Schweigen der Männer

Repräsentative Studien lassen die Quote homosexueller Menschen in Deutschland irgendwo zwischen sieben und acht Prozent liegen. Im deutschen Männerfußball liegt sie, zumindest nach außen, bei null. Das muß zwangsläufig heißen: Entweder sind deutsche Fußballer alles andere als den gesellschaftlichen Durchschnitt repräsentierende Männer, oder es wird gelogen – zumindest aber geschwiegen.

Variante zwei dürfte der deutlich höhere Wahrheitsgehalt zugeschrieben werden. Stati­s‍tisch gesehen sollte es in jeder Fußball-Mannschaft mit einem 25-Mann-Kader zwei homosexuelle Spieler geben. Nur hört und sieht man davon nichts. Weil diese zwei Spieler sich eben nicht trauen, sich in einer archaischen Männerwelt zu outen – aus Angst vor Hänseleien, Gängelein, Mobbing bis hin zum Ausschluß aus dem Team.(Foto-Tagesspiegel)

Nur: Wie kann in einer immer aufgeklärteren und toleranteren Gesellschaft, in der seit diesem Jahr auch die gleichgeschlechtliche Ehe endlich legal und anerkannt ist, eine derartige Parallelwelt exi­s‍tieren, in der sich längst überholte Moralvor­s‍tellungen halten. Der Männer-Fußball in Deutschland muß aufpassen, nicht den Anschluß an die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zu verlieren.

Wer in einer modernen Welt weiter hinter vorgehaltener Hand, aber nicht minder konsequent Minderheiten ausgrenzt, läuft völlig zu Recht Gefahr, selbst bald im Abseits zu stehen. Eine Gefahr, die offenbar unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes nicht in ganzer Tragfähigkeit erkannt und auch nicht mit Konsequenz thematisiert wird. Ein paar Workshops oder Vorträge des smarten Vorzeige-Schwulen Thomas Hitzlsperger wirken angesichts der immer noch massiv vorhandenen Homophobie bis hinunter in die Niederung der A- und B-Klassen wie Feigenblättchen.

Wenn eine mächtige In­s‍titution wie der Bayerische Fußball-Verband einräumt, zum Thema Homophobie nichts sagen zu können, weil es mangels eigener Initiative schlicht keine Erfahrungswerte gibt, kommt das einer Bankrotterklärung nahe. Die Absagen der BFV-Funktionäre an die schwule Mannschaft des Teams München für eine gemeinsame Teilnahme am CSD sowieso – bei unverfänglicheren gesellschaftlichen Anlässen, werden „Terminüberschneidungen“ wohlwollender gemanagt.

Warum rutschte denn ein Thomas Hitzlsperger, der zumindest kurz nach Ende seiner Laufbahn den Mut gefaßt hatte, seine sexuelle Neigung öffentlich zu machen, ganz schnell wieder in die klassische Struktur des DFB als dessen Botschafter, Präsidiumsmitglied des VfB Stuttgart und TV-Experte, statt mit wehender Regenbogen-Fahne voranzureiten?

Offensichtlich, weil seine Aufklärungsarbeit das gewünschte Gehör nicht auf breiter Basis fand, und auch, weil Werbepartner nicht Schlange standen – in der Wirtschaft merken sie es halt am schnell­s‍ten, was der deutsche Fußball-Fan sehen will, und was nicht.

Schwule Fußballer offenbar nicht. Lesen Sie hier den Artikel zum Thema: Der Fußball ist nicht bunt Dabei hätten Vereine und Verbände mit ihrer Macht die Möglichkeiten, mittels aktiv gelebter Toleranz eine Vorbildfunktion einzunehmen.(Foto-sportbeiuns)

Würden homosexuelle Fußballer, oder auch transsexuelle (im Körper des jeweils anderen, also „falschen“ Geschlechts geboren), mit offenen Armen integriert werden, würden Vereine und Verbände ganz offensiv Spieler und Zuschauer, die solche Menschen wie auch jede andere Minderheit beleidigen, entsprechend sanktionieren – diese wären ganz schnell die Ausgegrenzten. Wie in jeder aufgeklärten, modernen, toleranten Gesellschaft: Sind es in Deutschland nicht längst die intoleranten Ewiggestrigen, die an den Rand gedrängt werden?

Die Gesellschaft abseits des Fußballsports hat längst einen anderen Weg genommen. Schwule Politiker? Na, und? Schwule Lehrer? Na, und? Schwule Nachbarn? Na, und? Die Parallele zu Fremdenhaß oder Islamphobie ist schnell gezogen.

Rück­s‍tändiges Denken führt da rasch zur Ausgrenzung. Eine AfD mag sich noch so um allgemeinverträgliche, konservative Positionen bemühen. Radikale Äußerungen einiger Protagoni­s‍ten haben die angeblich nur gemäßigte Rechtspartei an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Auch die Kirche, insbesondere die katholische, hat erfahren müssen, daß allzu hartnäckige Rück­s‍tändigkeit Mitgliederschwund zur Folge hat.

Auch wenn's beim deutschen Liebling, dem Fußball-Sport, aktuell nicht vor­s‍tellbar ist: Ewig werden die verschwurbelten Männlichkeitsriten nicht dem Druck standhalten können, daß sich da draußen, außerhalb des Platzes einiges verändert hat. So wird es letztlich die Zeit sein, die für eine Akzeptanz homosexueller und auch transsexueller Fußballer spielt. Denn eines ist ja schon seit Sepp Herbergers Zeiten bekannt: Ein Spiel dauert länger als 90 Minuten.
(Main-Post 2017)

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Queere Jugendpolitik

„Berlin ist Nachzügler“

Seba­s‍tian Walter, queerpolitischer Sprecher der Grünen, zum Koalitionsantrag auf ein queeres Jugendzentrum, der Donnerstag im Abgeordnetenhaus beschlossen wird.

Herr Walter, das Abgeordne­tenhaus stimmt am Donnerstag, dem 19. Oktober, über den Antrag von Rot-Rot-Grün ab, ein queeres Jugendzentrum einzurichten. Was unterscheidet ein Zentrum für queere Jugendliche von einem für jugendliche Heteros?




Wie soll der aussehen?

Was wir brauchen, ist ein Ort, der sowohl Freizeitangebote macht, etwa Filmabende oder ein Café, wie auch ausreichend Betreuung bietet. Entscheidend ist, daß dort eine ungezwungene Atmosphäre herrscht, in welcher man sich au­s‍tauschen und fest­s‍tellen kann: Ich bin völlig „normal“.


Das Coming-out ist schwierig für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und queere Jugendliche – das war schon so, als ich vor 20 Jahren mein Coming-out hatte, und das hat sich bis heute leider nicht geändert. Laut einer Studie des Deutschen Jugendin­s‍tituts München erfahren queere Jugendliche nach wie vor Diskriminierung im Alltag, etwa beim Sport oder in der Schule, oftmals auch in der Familie. Allein das Suizidrisiko ist auf das Vier- bis Sechsfache erhöht.

Haben Sie einen be­s‍timmten Stadtteil im Auge, wo das Jugendzentrum ent­s‍tehen soll?

Wir haben keine Präferenz für einen be­s‍timmten Stadtteil. Zen­tral und gut erreichbar sollte es aber schon sein. Mit dem Antrag wird die Verwaltung beauftragt, bis Ende des Jahres ein konkretes Konzept zu entwickeln, wie ein solches Jugendzentrum aussehen soll. Dann erst wird über den Ort entschieden.



Wie groß soll das Zentrum sein?

Ich fände es großartig, wenn es ein eigenes Haus wäre. Doch wir kennen die momentane Situation auf dem Gewerbemietmarkt und die finanziellen Spielräume des Landeshaushalts. Also wird es erst einmal eine normale Mietfläche sein.

Wie sieht es mit der Finanzierung aus?

Die ist gesichert: Im Haushalt stehen für das Jugendzentrum 2018 und 2019 je 175.000 Euro zur Verfügung.(Foto-queer.de)

Welche Altersgruppe soll angesprochen werden?

Generell gesagt: Jugendliche bis 26 Jahre. Wir müssen allerdings berücksichtigen, daß die Jugendlichen immer früher über ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität bescheid wissen, teilweise schon mit elf oder zwölf Jahren. Das heißt, daß diese Altersgruppe dann auch noch mal ganz besondere Bedürfnisse hat und einen anderen Zugang braucht, ein anderes Angebot und andere Unter­s‍tützung als ältere Jugendliche.

Dafür werden geschulte Pädagoginnen und Pädagogen benötigt. Wie werden diese vorbereitet?

Bei der Umsetzung des erarbeiteten Konzepts wird es ein Verfahren geben, in dem sich geeignete Träger bewerben können. Sie werden das pädagogische Personal aussuchen, nach Fach­s‍tandards und nach Qualitätskriterien, wie das im Sozial- und Jugendbereich üblich ist. Bewährt hat sich zudem der sogenannte Peer-to-Peer-Ansatz.

Erklären Sie das bitte genauer.

Das heißt, Jugendliche, die ein bißchen älter sind und schon ihr Coming-out hatten, werden pä­da­go­gisch fortgebildet, sodaß sie selbst geschulte Ansprechpartner für andere Jugendliche werden. Wissenschaftliche Untersuchungen beweisen, daß es besonders wirkungsvoll ist, wenn Jugendliche selbst Jugendliche beraten und ihnen Erfahrung mitgeben.

Soll die Einrichtung auch für nichtqueere Jugendliche geöffnet werden?

Es wird nicht an der Tür gefragt werden: „Bist du lesbisch oder schwul?“ Es wird darauf hingewiesen werden, was das für ein Ort ist – und dann werden die Jugendlichen schon selbst entscheiden, ob das der richtige Ort für sie ist oder nicht. Zielgruppenspezifisch ist es natürlich auf die Bedürfnisse von LSBTIQ*-Jugendlichen ausgerichtet.

Aber wenn nun Interessierte kommen, die keine queeren Jugendlichen sind, würden Sie die dennoch einlassen?

Auf jeden Fall. Wenn queere Jugendliche Freund*innen mitbringen, die nicht queer sind, dürfen die natürlich auch rein. Das ist wichtig und richtig.

Reicht ein einziges Zentrum aus?

Wir haben im Koalitionsvertrag verabredet, daß es minde­s‍tens ein queeres Jugendzentrum für Berlin geben soll. Das wollen wir nun auf den Weg bringen. Ich hoffe aber, es bleibt nicht nur bei diesem einen.

Welche Angebote für LSBTIQ*-Jugendliche exi­s‍tieren bisher?

Es gibt bereits tolle queere Jugendarbeit, etwa durch das Jugendnetzwerk Lambda oder den Verein AB Queer. Wir wollen aber, daß sich die Stadt im Jugendbereich insgesamt stärker öffnet für gesellschaftliche Vielfalt und diese vor Diskriminierung schützt. Da geht es nicht nur um LSBTIQ*-Jugendliche, sondern auch um Jugendliche of Color oder mit Behinderung.

Gibt es Vorbilder für ein solches Zentrum?

Berlin ist hier ein Nachzügler. Städte wie Köln und Frankfurt sind schon weiter. Von ihnen können wir lernen.

Befürchten Sie, daß es zu Übergriffen auf das Zentrum kommen könnte?

Gegenüber LSBTIQ* kommt es derzeit wieder ver­s‍tärkt zu Drohungen und Gewalt. Auch da müssen und werden wir handeln. Einrichtungen der queeren Community wurden glücklicherweise bislang verschont. Ich hoffe daher, daß wir ohne besondere Schutzmaßnahmen auskommen.( das Interview führte Sophie-Isabel Gundlach-Taz – Berlin)

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Homophobie

Der Fußball ist nicht bunt

Schwul. Na und? Drei Worte, zwei Satzzeichen – und beinahe schon gesellschaftliches Selbstver­s‍tändnis. Nicht unbedingt im Fußball-Sport, im Männerfußball, im Amateur-Männerfußball. Männer, die Männer lieben, haben keinen Platz zwischen Bällen, Bier und Bratwurst. Es muß sie aber geben, wenn nicht jede Stati­s‍tik ad absurdum geführt werden soll. Aber sie müssen sich ver­s‍tecken in einer archaischen Sportlerwelt, geprägt von Vorurteilen. In einer Welt, in der landläufig ein zu kurz gespielter Paß „ein schwuler Paß“ ist – einfach mal implizierend, daß Spielzüge sexuelle Neigungen haben könnten.(Foto-Tagesspiegel)

Wo hört Unsicherheit auf, wo fängt Homophobie an?

Wo hört Unsicherheit im Umgang mit Homosexualität auf, wo fängt die Angst vor ihr, die Homophobie an? Schulterzucken selbst beim Bayerischen Fußball-Verband. „Das Thema Homophobie ist bei uns nicht aktuell. Aber einfach nur deswegen, weil uns das Wissen darüber fehlt. Deswegen können wir das Thema auch nicht aktiv angehen“, sagt Frank Schweizerhof, der in der Münchner BFV-Zentrale als hauptamtlicher Sozialpädagoge Ansprechpartner ist bei Fällen von Diskriminierungen.

Nicht ein einziger Fußballer habe sich bisher beim Verband gemeldet, weil er wegen seiner Homosexualität angefeindet worden wäre. Schweizerhof glaubt auch zu wissen, warum: Es oute sich schlicht kein Fußballer, weil er wisse, was ihm bevor­s‍tehen könnte. „Und ganz ehrlich, ich kann mich jetzt auch nicht her­s‍tellen und sagen: Outet euch, dann geht es euch besser. Denn die Maßgabe bei uns im Verband lautet: Fußball im Amateurbereich ist Privatsache.“

Nicht einzugreifen heiße aber nicht, tatenlos zuzusehen, stellt Schweizerhof klar. Der BFV habe sich der Aufarbeitung des Themas Homophobie geöffnet. Wenngleich halbherzig: Einen Anfang hätte der Auftritt beim Münchner Chri­s‍topher Street Day (CSD), dem bayerischen Haupt­s‍tadt-Ableger der so traditionellen wie schrillen Homosexuellenparade, machen sollen. Einige Verbandsmitglieder sollten, so war's geplant und auch zugesichert, an diesem Tag, an dem sogar die Allianz Arena in den Regenbogenfarben leuchtete, gemeinsam mit dem ehemaligen Fußballprofi Jimmy Hartwig und homosexuellen Fußballern auf einem Präsentationswagen unterwegs sein.

Schwule Fußballer im offiziellen Ligen-Betrieb

Mit homosexuellen Fußballern? Ja! Ein paar haben sich geoutet – doch die sind unter sich. Schwule Fußballer spielen als „Team München“ im offiziellen Ligen-Betrieb. In der C-Klasse, da wo die Luft noch ein bißchen rauher ist. Nils Müller kickt im Mittelfeld, ist Abteilungsleiter – und homosexuell. Und er erzählt, warum seine Mannschaft dann zwar unter dem BFV-Banner, aber letztlich doch ohne Offizielle beim CSD mitgefahren ist: „Es hagelte in den Tagen davor Absagen, bis am Ende keiner mehr da war. Auch nicht Jimmy Hartwig. Aber immerhin hat uns der Verband finanziell unter­s‍tützt.“ Termingründe nennt der BFV für den sukzessiven Rückzug.

Klar, das Diskriminierungspotential in dieser Münchner Mannschaft liegt naturgemäß bei null. Aber wie sieht's mit den Gegnern aus? „Leider Gottes muß ich hier gängige Klischees bemühen. Insbesondere durch Mannschaften mit besonders hohem Ausländeranteil kommt es zu Anfeindungen, nicht körperlich, aber da sind schon Beleidigungen weit unter der Gürtellinie dabei. Wir haben selbst drei Türken bei uns, die schämen sich für das Verhalten vieler Landsleute“, so Müller, der aber auch eine Erklärung parat hat: „Südländische junge Männer werden anders sozialisiert, da sind Schwule im Alltag bereits tabu, erst recht natürlich auf dem Sportplatz. Da geht es, gerade wenn solche Teams gegen uns verlieren, auch um verletzten Stolz.“ Und es verlieren viele gegen das „Team München“ – die Saison 2016/17 beendete es als Vierter, punktgleich mit dem letztlich aufge­s‍tiegenen Zweiten. Und in der aktuelle Runde rangieren die Jungs, denen sich vor Saisonbeginn drei Neuzugänge angeschlossen haben, nach sieben Spielen auf dem dritten Tabellenplatz.

„Bei den Frauen klappt das“

Kaum mehr als ein Trostpfla­s‍ter für Müller und Co. Der Stachel, sich in einer freien Gesellschaft ob seiner sexuellen Orientierung ver­s‍tecken zu müssen, sitzt tief: „Es schmerzt, daß in so vielen Bereichen für Toleranz geworben wird, die Homophobie aber untergeht. Keine Frage: Es ist wichtig, daß so viel wie möglich gegen Rassismus getan wird. Aber ich vermisse eine breite öffentliche Wahrnehmung für und Solidarität mit homosexuellen Fußballern. In so vielen Sportarten gibt es das, warum nicht im Fußball? Eigentlich muß ich sagen: im Männerfußball.

Denn bei den Frauen klappt das ja.“ Lesen Sie hier den Kommentar „Das Schweigen der Männer“ Zumindest im Amateurbereich, wo auch hinter der Bande primär Frauen stehen und es nicht um Werbeverträge geht, auf die Bundesliga-Fußballerinnen bei deutlich niedrigeren Bezügen als bei den Männern angewiesen sind. Da ist es dann auch nicht selbstver­s‍tändlich, daß Spielerinnen mit ihrer Freundin zur Weihnachtsfeier kommen. Was an den hierarchischen Führungsstrukturen des Fußballs liegen mag. Im Präsidium des DFB findet sich nur eine Frau, selbst bei der Frauen-EM 2017 in den Niederlanden wurden zehn der 16 Teams von Männern trainiert. In gemischtgeschlechtlichen Strukturen würde das Thema möglicherweise weniger verkrampft diskutiert werden. Daß aber generell im Alltag Frauen weniger Probleme mit Homosexualität in ihrem Umfeld hätten, wundert Müller kaum:

„Wer hat denn die Probleme mit Schwulen? Überwiegend Männer. Und genau diese Männer haben komischerweise kein Problem mit lesbischen Pärchen, da geht dann womöglich sogar die erotische Fantasie mit ihnen durch.“ Daß er damit auch eingefahrene Rollenbilder bedient, weiß Müller – doch er provoziert bewußt, das Erlebte hilft ihm dabei.

Toleranz stagniert seit Hitzlspergers Outing

Generell habe sich das Verhalten anderer Mannschaften gegenüber den homosexuellen Kickern in den letzten Jahren kaum verändert. Während im Profifußball das – wenngleich nach Karriereende erfolgte – Outing von Nationalspieler Thomas Hitzlsperger einiges bewegt hat, stagniere, allen rosa oder lila Stollenschuhen zum Trotz, bei den Amateuren, so Müller, die Toleranz auf einem extrem niedrigen Niveau. Da freut er sich mit seinen Jungs über klein­s‍te Fortschritte: „Immerhin werden wir inzwischen schon mal zu Freundschaftsspielen eingeladen.“

Die bunte Truppe hat sich 1994 als „Streetboys“ gefunden, seit 2001 geht es in der C-Klasse um Punkte und Tore. Den Vorwurf, der Homophobie auszuweichen, indem sich die schwulen Fußballer freiwillig gettoisieren, kontert der 35-Jährige: „Es outet sich ja trotzdem jeder bei uns und damit auch gegenüber den anderen Mannschaften. Nur in der Gruppe fällt das einfacher, als wenn ein Einzelner sich im Verein der nervigen Freundin-Frage stellen und schließlich sagen müßte: Leute, ich bin schwul. Bei uns können die Fußballer vielleicht sogar das Rückgrat aufbauen für einen Wechsel zu einem ,normalen‘ Verein.“ Dann wäre ein Anfang gemacht. Nach erfundenen Frauen-Geschichten die Befreiung Ein Anfang, den zu machen Tony Quindt fünf Jahre Bedenkzeit ko­s‍tete. Eine Bedenkzeit, die mit inneren Kämpfen und Qualen verbunden war. Bis der damals 22-jährige Rußland-Deutsche sich 2008 auf einer Vereinsfeier des schleswig-hol­s‍teinischen Kreisliga-Klubs S.I.G. Elmenhorst traute und der Mannschaft seinen Lebensgefährten vor­s‍tellte.

„Ich habe danach keine schlechten Erfahrungen gemacht, mich hat nie jemand als schwule Sau oder so bezeichnet“, sagte Quindt später in die Kamera des Norddeutschen Rundfunks. Befreit wirkte er. Schließlich hatte er lange genug Frauen-Geschichten erfunden. „Ich mußte eine Rolle spielen, ich hatte Angst, daß es heißt: Du darfst nicht mehr mitspielen, weil du schwul bist.“ Hieß es aber nicht, weil die Mannschaft das beim Outing in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigte. „Fußball spielen und schwul zu sein ist kein Widerspruch! Ich hoffe, daß meine Geschichte vielen anderen Mut macht, sich zu outen“, sagte Quindt fünf Jahre nach seinem Outing noch einmal gegenüber dem Sportmagazin „11 Freunde“ – um sich letzten Endes aber doch seine Exotenrolle einge­s‍tehen zu müssen. Die Nachahmer blieben aus.

Wo echte Männer noch echte Männer sein müssen

Eine Erfahrung, die auch der Mittelrheinische Fußball-Verband machen mußte, der vor einigen Jahren die Initiative „Einer von 11 ist schwul“ startete – und bei seinen Kickern keine Resonanz fand. Wen wundert's, wenn Fußball-Prominenz wie Philipp Lahm, Arne Friedrich oder Joachim Löw demonstrativ in die Dementi-Offensive geht, kaum daß von schicker Kleidung oder sensiblem Auftreten genährte Gerüchte laut werden – anstatt die sexuelle Neigung einfach mal unthematisiert sein zu lassen. Das Nichtschwulsein ist offenbar elementar in der Welt des Fußball, wo echte Männer noch echte Männer sein müssen. Nicht nur in Deutschland wohlgemerkt.

Was das Outing des britischen Profis Robbie Rogers 2013 be­s‍tätigt: Der damals 24-jährige Mittelfeldspieler löst nur einen Tag später seiner Vertrag bei Leeds United von sich aus auf – aus Angst vor den Reaktionen in englischen Stadien, wie er sagte.

Weswegen Müller und seine „Streetboys“ vom Team München, einem Verein, der übrigens auch so gar nicht vom Schwulen-Klischee behaftete Sportarten wie Kickboxen anbietet, ihre Strategie verändert haben, nicht mehr alleine mit Penetranz den Amateur-Fußball missionieren wollen: „Wir suchen aktiv die Kooperation mit dem Bayerischen Fußball-Verband. Der BFV hat bereits signalisiert, auf seiner Webseite für das Thema Homosexualität im Amateurfußball eine eigene Plattform einzurichten. Wir sehen in unserem Handeln als Verein auch einen politischen Auftrag.“

Schwule Fanklubs: keine Außenseiter-Gruppierungen mehr

Bundesweit habe sich im Profifußball ein bißchen was entwickelt, zumindest im Umfeld: In den Bundesliga­s‍tadien sind Fanclubs wie „Andersrum Ruut-Wieß“ (1. FC Köln), „Queerpaß“ (FC Bayern) oder „Hertha Junxx“ (Hertha BSC Berlin) längst nicht mehr Außenseiter-Gruppierungen, die um Leib und Leben fürchten müßten.

Der 52-malige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger ist sicher der prominente­s‍te deutsche Fußballer, der sich als homosexuell geoutet hat, wenn auch erst nach seinem frühen Karriereende 2013, als er gerade mal 31 Jahre alt war. Als Profi war er unter anderem für den VfB Stuttgart, den VfL Wolfsburg, den FC Everton und Aston Villa aufgelaufen. Inzwischen ist der 35-Jährige seit 2016 beim VfB Stuttgart Vor­s‍tandsbeauftragter an der Schnitt­s‍telle zwischen Lizenzspielerbereich und Vereinsführung, seit 2017 auch Mitglied des Vereinspräsidiums, darüber hinaus TV-Experte und Kolumnist, sowie engagiert in einigen Projekten zu den Themen Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt. In diesem Jahr wurde Hitzlsperger zum DFB-Botschafter für Vielfalt ernannt.

Es war der Januar 2014, als sich der gebürtige Münchner in einem Interview mit der „Zeit“ outete: „Ich äußere mich zu meiner Homosexualität. Ich möchte gerne eine öffentliche Diskussion voranbringen – die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern.“ Das saß, das war eine mediale Sensation. Ein Profifußballer schwul. Hatte der nicht 2007 seine langjährige Freundin Inga Totzauer heiraten wollen? Ja, aber er hatte sich auch kurz vor der geplanten Hochzeit getrennt. 

„Viele Leute haben ein Problem mit ihrer eigenen Sexualität“

Der Druck, die innere Zerreißprobe, hatte ihn offensichtlich dazu und auch zum Outing gedrängt. Längst geht Hitzlsperger offen mit seiner Homosexualität um, spricht auch bei offiziellen Anlässen des Weltfußballs immer wieder darüber. Und hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. So antwortete der ehemalige niederländische Nationalspieler Clarence Seedorf bei einer Fifa-Podiumsdiskussion im Frühjahr 2017 zum Thema „Equality and Conclusion“ auf die Frage, warum Hitzelsperger damals aufge­s‍tanden sei und sich geoutet habe: „Heteros würden das ja auch nicht tun. Warum ist das etwas, über das man reden muß?“ Hitzlsperger konterte den Verdrängungsgedanken Seedorfs: „Ich denke, daß es sehr wichtig ist. Viele Leute haben ein Problem mit ihrer eigenen Sexualität. Fußballer sind für viele Vorbilder. Wenn sie auf­s‍tehen, können sie etwas verändern. Natürlich sagen Leute, daß es kein Problem sein sollte. Aber es ist immer noch eines.(Foto-Bild.de)

“ Bischofsheimer Betreuer outete sich nach aktiver Zeit

Dirk Warnecke, Betreuer bei den Fußballern des VfR Stadt Bischofsheim in der Rhön, sieht diese Diskussion mit innerem Zwiespalt. Er ist selbst homosexuell, hatte sich als Kicker nicht geoutet, sondern erst, als er hinter die Bande gerückt war, und sagt: „Ich bin mir nicht sicher, ob man überhaupt immer besonders auf diese Thematik hinweisen und Aktionen starten muß. Ziel ist es doch eher, völlig natürlich damit umzugehen. Warum besonders auf Natürliches hinweisen, wenn es doch eigentlich gar nichts Besonderes ist?“ Die Betonung auf „eigentlich“ ist jedoch unüberhörbar. Denn auch Warnecke kennt typische Fußballer-Sprüche, gleichwohl er ein so selbstbewußter Mensch ist, sie mit Ironie verarbeiten zu können: „ Eine Aussage, an die ich mich noch erinnern kann und über die ich etwas schmunzeln mußte, war: Solange mich von denen keiner anmacht, ist mir das egal. Diese Aussage kam und kommt ironischerweise sehr oft von Leuten, die auf der Interessenli­s‍te Homosexueller eher im unteren Bereich angesiedelt sind.“

Schon 2014, im Jahr seines Outings, als Hitzlsperger ein viel gebuchter Interviewpartner war, forderte er immer wieder den normalen, unverklemmten Umgang mit Homosexualität, ohne je einen Sonderstatus oder überproportionale Rücksichtnahme einzufordern. „Vielleicht führt es dazu, daß es in Zukunft ein Stück weit Normalität wird, daß ein Spieler in der Kabine genauso über seinen Freund sprechen kann, wie andere über ihre Freundin oder ihre Frau“, sagte er der „Welt“. „Aber aktive Spieler, die sich outen wollen, müssen stark sein und Reaktionen aushalten.“ Gegenüber der „Bild“ äußerte er 2015: „Bei mir hat sich die Unsicherheit lange hingezogen, bis ich mir sicher war, daß ich etwas verändern muß. Da war ich Ende 20 und hatte vor, mich während der Karriere zu outen. Davon wurde mir aber abgeraten.“

Sportwissenschaftlerin Tanja Walther-Ahrens, die sich seit Jahren engagiert gegen Homophobie im Fußball, darüber hinaus Delegierte der European Gay an Lesbian Sport Federation (EGLSF) ist, schreibt in ihrem Buch „Seitenwechsel“ ein Jahr nach Hitzlspergers Outing: „Sein Schritt war nicht einmal ein Startschüßchen. Es ist ein Problem, daß es homosexuelle Spielerinnen und Spieler gibt, die sich nicht wohlfühlen und aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert werden.

“ Marcus Urban war der Er­s‍te So ein Fußballer war Marcus Urban.  

Er war 2007 der er­s‍te Fußballer überhaupt, der sich öffentlich als schwul geoutet hat, allerdings ohne je annähernd so prominent gewesen zu sein wie Thomas Hitzlsperger – und vor allem lange nach seiner Laufbahn. Urban hatte alle DDR-Auswahlmannschaften durchlaufen, spielte zuletzt bei RW Erfurt, war auf dem Sprung, Profi zu werden. Doch der Druck, sich als Homosexueller in der Fußballwelt ver­s‍tecken zu müssen, verhinderte die Karriere – er wurde stattdessen Diplom-Ingenieur für Städteplanung und sitzt heute im Vor­s‍tand des Vereins für Vielfalt in Sport und Gesellschaft. 2008 erschien seine Biographie „Ver­s‍teckspieler.

Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban“, verfaßt vom Journali­s‍ten Ronny Blaschke, der sich seit Jahren gegen Diskriminierungen jeder Art einsetzt. Blaschke war es auch, der sich im Vorfeld der diesjährigen Frauenfußball-Europamei­s‍terschaft in den Niederlanden mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzte. Elf Spielerinnen der Titelkämpfe sind in der Öffentlichkeit offen lesbisch – fünf kommen aus Schweden. Die Bekannte­s‍te, Nilla Fischer, läuft bei ihrem Klub, dem VfL Wolfsburg, mit Regenbogen-Kapitänsbinde auf und unter­s‍tützt in ihrer Heimat schwullesbische Veranstaltungen. In Deutschland haben sich Trainerin Steffi Jones oder die ehemalige Torhüterin Nadine Angerer schrittweise der Debatte genähert. Angerer po­s‍tete 2016 ein Kuß-Foto von ihrer Verpartnerung.

Wie es auch ablaufen kann, zeigte Isabel Kerschowski vom VfL Wolfsburg.

In einem Interview erwähnte die Stürmerin ganz beiläufig ihre Freundin. In jüngerer Vergangenheit hat der DFB in Dutzenden Projekten für Vielfalt geworben, doch manchmal wurde das ad absurdum geführt, zum Beispiel in der Vermarktung der heimischen Frauen-WM 2011. Der offizielle Slogan: „20elf von seiner schön­s‍ten Seite“. Für ein Kosmetikunternehmen posierten Nationalspielerinnen in engen Abendkleidern, und fünf Bundesligaspielerinnen ließen sich im „Playboy“ ablichten. Spielerinnen schienen nur von Interesse zu sein, wenn sie die Klischees der lesbischen „Mannweiber“ hinter sich lassen. „Du siehst gar nicht so lesbisch aus“ Nadja Pechmann war Fußballerin. Ihrer Mutter gefiel das nicht. Als Jugendliche merkte Pechmann, daß sie auf Frauen steht.

Eines Abends bei ihrem Verein, dem FC Spandau 06, rief der Trainer sie und ihre Freundin in die Kabine. Er verbat ihnen das Händchenhalten. Bald darauf wurde die Berlinerin Schiedsrichterin. Vor allem bei Partien zwischen Männern mußte sie viele Sprüche erdulden: „Ich hoffe, du pfeifst so gut, wie dein Arsch aussieht.“ Pechmann entgegnete, daß sie Frauen mag – und erhielt die Antwort: „Du siehst gar nicht so lesbisch aus.“ Inzwischen ist Pechmann dreißig Jahre alt, sie sagt: „Entweder wurde ich als Sexobjekt darge­s‍tellt oder als Kampflesbe.“ Vor drei Jahren wurde sie von einem Kreisligaspieler während einer Partie auf dem Feld rüde geschubst. Sie legte eine Pause als Schiedsrichterin ein. Bis heute. (Mit Material von Ronny Blaschke und Michael Bauer-Mein Post)

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Politik

Sichere Herkunftsländer

Fünf Gründe warum Tunesien, Algerien und Marokko keine sicheren Herkunfts­s‍taaten sind

Die Union will leichter in den Maghreb abschieben können - er­s‍te Grüne lehnen dies ab. Zurecht.

CDU und CSU wollen, daß die geplante Jamaika-Koalition die Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsländern erklärt. Der Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter lehnte dies am Donnerstag im ZDF-»Morgenmagazin« deutlich ab. Abzuwarten bleibt, wer sich durchsetzen wird.(Foto-dw.com)

Tatsächlich geht es der Union bei der geplanten Ein­s‍tufung weniger um ein menschenrechtliches Update zur Situation in Marokko, Tunesien und Algerien. Stattdessen machen Regierungsvertreter keinen Hehl daraus, daß die Abweisung und Abschiebung von Geflüchteten die eigentliche Motivation ist. Mit dem Grundgesetz wäre eine solche Entscheidung aber sehr wahrscheinlich nicht zu vereinen. Denn dieses erlaubt eine solche Ein­s‍tufung nur dann, wenn dort keine »unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung stattfindet«. Hier sind fünf Gründe, warum das in Tunesien, Marokko und Algerien nicht zutrifft:

1. Prote­s‍ten wird mit Gewalt begegnet

Tunesien als Ursprungsland des Arabischen Frühlings gilt in Sachen Versammlungsfreiheit als Vorbild in der arabischen Welt. Das Versprechen auf »fundamentale Freiheiten«, das die neue Verfassung den Bürgern des Landes gemacht hat, ist aber längst noch nicht eingelöst. Mehrmals lö­s‍ten im vergangenen Jahr Sicherheitskräfte Demonstrationen im Land mit massiver Gewalt auf. Noch schlimmer ist die Situation in Marokko: Zwar versichern die Herrscher auch hier immer wieder, aus dem Arabischen Frühling gelernt zu haben. Monarchiegegner oder Aktivi­s‍ten, die sich für die Unabhängigkeit der Westsahara einsetzen, werden dennoch regelmäßig von öffentlichen Plätzen vertrieben. Ähnlich sieht die Situation in Algerien aus: 2014 lö­s‍ten Sicherheitskräfte die Protestbewegung »Barakat« brutal auf. In der Haupt­s‍tadt Algier sind Demonstrationen gleich ganz verboten.

2. In allen drei Staaten wird gefoltert

Die gute Nachricht zuerst: Die jüng­s‍te Ju­s‍tizreform hat in Tunesien auch Häftlingen zu mehr Rechten verschafft. Inhaftierte haben nun zum Beispiel das Recht auf einen Anwalt. Gefoltert wird laut Menschenrechtsorganisationen trotzdem. Vor allem infolge der Anti-Terrorgesetze hätten sich Fälle von Folter wie Waterboarding wieder erhöht, berichtet Amne­s‍ty International. Internationale Aufmerksamkeit erregte der Tod von Mohamed Ali Snoussi. Polizi­s‍ten verprügelten den 32-Jährigen am 24. September 2014 auf offenen Straße und verhafteten ihn anschließend. Neun Tage später starb er – wahrscheinlich an den Folgen der Folter, die er in Haft erleiden mußte. Trotz gegenteiliger Bekundungen wird auch in Marokko weiter gefoltert. Ein Bericht von Amne­s‍ty International vom Mai 2015 dokumentierte 173 solcher Fälle. Und in Algerien berichteten Häftlinge in der Vergangenheit immer wieder durch Folter durch den Geheimdienst DRS.

3. Schwule und Lesben werden kriminalisiert

In Tunesien, Algerien und Marokko ist Homosexualität laut Gesetz strafbar. Schwule und Lesben drohen in allen drei Ländern Gefängnisstrafen. Nicht nur theoretisch: In Tunesien drohten Polizi­s‍ten kürzlich einer lesbischen Frau mit der Inhaftierung wegen ihrer Sexualität, als diese einen Überfall zur Anzeige bringen wollte. Amne­s‍ty International berichtet im vergangenen Jahr von fünf Männern, die in Marokko wegen gleichgeschlechtlichen Sex zu Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren verurteilt wurden. Im März dieses Jahres sorgte außerdem ein Internetvideo für aufsehen, daß zeigte, wie eine Gruppe von Männer ein schwules Paar in ihrer Wohnung überfiel und verprügelte. Kurz darauf verurteilte ein Gericht die Beteiligten: eines der schwulen Opfer zu vier Monaten Haft wegen »unnatürlicher Handlungen zwischen Personen des gleichen Geschlechts« und die Angreifer zu zwei Monaten auf Bewährung.

4. Journali­s‍ten werden verfolgt

Seit dem Arabischen Frühling hat sich auch in der tunesischen Medienlandschaft vieles zum Besseren gewendet. Leider nicht alles. Noch immer sei Drohungen und Gewalt gegen Journali­s‍ten an der Tagesordnung, berichtet Reporter ohne Grenzen. Kritik an Amtsträgern wird mit Gesetzen aus der Zeit des alten Regimes begegnet. Auch in Algerien werden Journali­s‍ten, die kritisch über die Regierung berichten, verfolgt. Der regierungskritische Fernsehsender Al Atlas-TV mußte im März 2014 sein Programm ein­s‍tellen. Drei Monate später wurde ein Reporter zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er hatte mit seiner Kamera plündernde Polizi­s‍ten dokumentiert. In Marokko werde Kritik am König als »Angriff auf die heiligen Werte der Nation« mit Gefängnis bestraft, berichtet Reporter ohne Grenzen. Unliebsamen Journali­s‍ten würden außerdem oft Drogendelikte untergeschoben.(Foto-m-maenner)

5. Vergewaltigte Frauen bleiben oft schutzlos

Die tunesische Variante des Arabischen Frühlings galt vielen auch als Revolution der Frau. Und tatsächlich ist die neue tunesische Verfassung in Sachen Gleich­s‍tellung von Mann und Frau einmalig in der islamischen Welt. Doch trotz vieler Verbesserungen gibt es für weibliche Opfer von Gewalt in einigen Fällen immer noch keinen staatlichen Schutz: So können Vergewaltiger von Frauen, die jünger sind als 20 Jahre, in Algerien noch immer straffrei davon kommen, wenn sie ihr Opfer nach der Tat heiraten. Ein ähnliches Gesetz findet sich auch im tunesischen Strafgesetzbuch, wurde jedoch im Juli 2017 vom Parlament aufgehoben. Noch bis 2018 ist es in Kraft. In Marokko wurde das Gesetz, das die Ehe als eine Art Wiedergutmachung bei Vergewaltigung vorsah, im Jahr 2014 nach dem Selbstmord eines Opfers abgeschafft.(ND-von Fabian Köhler)


Berlin-Spandau

Schwulenkneipe noch klassisch mit Fummel

Das "To be free" ist die einzige Schwulenkneipe in Spandau. Sie erweckt Erinnerungen an das West-Berlin der 80er Jahre. Der Schöneberger Kiez ist vielen Gä­s‍ten zu anonym geworden.

Hinter dem Spandauer Bahnhof erheben sich, wuchtig und trutzig, die Spandau Arcaden. Im Windschatten des Einkaufskolosses liegt der Brunsbütteler Damm mit einer Reihe alter Bürgerhäuser. Beileibe keine teure Gegend, Spätkauf, Handyreparaturen, Kosmetiksalon. Junge Frauen tragen Kopftücher, Rentnerinnen eine leichte Tönung. Kein typischer Ort für eine Schwulenkneipe.

Doch das „To be free“, Spandaus einzige Bar für Schwule, ver­s‍teckt sich nicht. Über dem Brauereischild prangt ein Regenbogen, Pla­s‍tik­s‍tühle stehen draußen, rosa Tischdecken auf den runden Tischen. Die Neonreklame erinnert an die Schultheißkneipen, die heute selten sind.(Foto-Tagesspiegel)

Die Tür steht weit offen, ein Hit von Nino de Angelo dringt heraus. Lichter in Regenbogenfarben hängen überm Tresen, ein Straßenkandelaber steht daneben und spendet Rotlicht. An der Wand, Ikonen der schwulen Welt: Jimmy Dean und Marilyn Monroe. Am Tresen sitzen Eberhard, Louis, Peter und Seppi bei Kaffee, Bier und Zigaretten. Es ist 17 Uhr, die Kneipe hat vor einer Stunde aufgemacht.

Schöneberg, nein danke.

Ich bin hier so viermal die Woche, sagt Seppi, mit 31 Jahren der jüng­s‍te der Gä­s‍te. In Schöneberg, dem klassischen Schwulenkiez, war er schon ewig nicht mehr: „Das ist mir zuwider, da kannst du ja nirgendwo mehr hingehen. Ich habe keinen Bock auf Streit“, sagt er und meint die vermeintlich zunehmend nicht-deutsche Klientel im schwulen Traditionskiez. „Hier sind wir dagegen noch wie eine Familie.“

Der fast 70-jährige Bernd Röskens und sein zehn Jahre jüngerer Ex-Freund Horst Kurtzke sind die Väter dieser Familie. Sie betreiben das „To be free“ seit 13 Jahren. Die beiden angegrauten Herren sind von der selten gewordenen Sorte Berliner Schnauze à la Wolfgang Gruner, Harald Juhnke, Brigitte Mira. Vor der Schwulenkneipe führten sie das 1. Spandauer Keglerheim.

„Spandau ist ein sehr konservativer Bezirk“, sagt Bernd. „Die Eröffnung sprach sich schnell herum und dann kamen alle, um mal zu gucken. Wir haben zu Beginn sehr strikt sortiert, aufgepaßt, daß keine Schwulenhasser reinkommen. Und wir haben geschaut, daß das Publikum gemischt bleibt. Heute fühlen sich darum auch Frauen alleine bei uns wohl.“ Ihren Entschluß, eine Schwulenkneipe in der Spandauer Diaspora zu eröffnen, haben die beiden bis heute nicht bereut. Zu Schöneberg teilen sie die Meinung ihrer Stammgä­s‍te: zu anonym, zu viele Drogen, zu viele Fremde.

Trave­s‍tieshow vom Fein­s‍ten

Das Konzept habe sich am Brunsbütteler Damm bewährt, hier, wo es schwer geworden sei, noch eine Currywurst zu bekommen, „die Straße hoch und runter ist ja alles türkisch und arabisch“, sagt Bernd, dem das nicht so ganz paßt. Die Tür wolle er aber offenhalten, betont er. „Es gibt Schwule und Lesben, die fahren lieber nach Schöneberg, da sind die Türen zu und keiner sieht sie.“

Am Wochenende brummt es im „To be free“ beim „Bingo-Abend für Jung und Alt“ und zu den Trave­s‍tieshows kommen Leute aus dem Umland und „auch viele aus Berlin“, sagt Bernd.(Foto-TZ)

In den er­s‍ten neun Jahren hat Horst sich oft selbst in Fummel geschmissen. „Ich habe sogar einige Leute betrunken gemacht, damit sie auf die Bühne steigen.“ Seine eigene Combo nannte sich „All-Angels“, die anderen heißen „Crazy Queens“ oder „Fab Si­s‍ters“. Klassische Trave­s‍tie findet hier statt, nach dem Vorbild der legendären 80er-Trave­s‍tiekünstler Mary und Gordy, mit Playback, anzüglichen Witzen einem vornehmlich heterosexuellen Publikum.

Promi-Friseur Udo Walz, so erzählen es die beiden Betreiber, habe sich bei den Shows auch schon blicken lassen. „Das ist ja wie Schöneberg vor zwanzig Jahren“, soll er gesagt haben und recht hätte er. Die Nostalgie zieht sich durch das musikalische Programm und die Getränkekarte. Zum Schlager servieren Bernd und Horst Eierlikör mit Fanta, Herva mit Mosel, Grüne Wiese und Horsts „hausgemachte Bombe“: Grüne Banane, heißer Kaffee, abgespritzt mit Schlagsahne.

Die Party geht weiter

Die Zapfanlage sieht aus wie ein großer Zeppelin, die hat Bernd aus der Insolvenzmasse eines Re­s‍taurants in Wittenau erworben. Die Schaufen­s‍ter gestaltet er jahreszeitlich. Vor der Kneipenkarriere war er Einrichtungsberater in einem Möbelhaus, Horst war Kellner.

Mehr als zwölf Jahre blieben sie ein Paar, doch ausgerechnet in den Anfangstagen des „To be free“ trennten sich privat die Wege. Menschlich aber klappt es nach wie vor, das sieht man. „Wir nehmen uns einfach nicht mehr ernst“ sagt Horst und lacht.

Wenn das „To be free“ einmal nicht mehr wäre, den Stammgä­s‍ten würde es fehlen: „Hier sind im Laufe der Jahre gute Freundschaften ent­s‍tanden“, sagt Seppi. Doch Sorgen muß er sich vorerst nicht machen, sagt Bernd. „Den Laden machen wir weiter, bis wir in der Ki­s‍te rausgezogen werden.“(Dirk Ludigs – Tagesspiegel)


Geheimhaltung statt Glückwünsche

Homosexuellen Ehepaaren droht in ihrer Heimat oft Verfolgung und Diskriminierung. Standesämter sollen ausländischen Behörden deshalb keine Auskunft erteilen, fordern Verbände.

Es ist eine gute Woche her, daß in Deutschland erstmals homosexuelle Paare geheiratet haben - wie Mann und Frau. Möglich wurden diese Hochzeiten, weil zum 1. Oktober das Gesetz zur Ehe für alle bundesweit in Kraft trat. Manche schwulen oder lesbischen Paare aber werden es sich sehr genau überlegen, ob sie tatsächlich amtlich den Bund der Ehe schließen wollen. Wenn einer der Partner aus einem Land stammt, in dem Homosexuelle diskriminiert werden, könnten die Nachteile für sie überwiegen - denn die Änderung ihres Personen­s‍tands wird den Herkunftsländern mitgeteilt.(Foto-buzzfed)

Die rosarote Brille setzt man nach einem Blick auf die Ilga-Weltkarte schnell ab; auf dieser Übersicht dokumentiert die International Lesbian and Gay Association (Ilga) den rechtlichen Status von Lesben, Schwulen, Bi- und Intersexuellen sowie Transgendern weltweit. Demnach sind es 76 Staaten, in denen homophobes Strafrecht gilt. In sieben Staaten (Iran, Jemen, Mauretanien, Saudi-Arabien, Sudan, Teile von Nigeria und Somalia) sind Schwule von der Todesstrafe bedroht. In 22 asiatischen Staaten werden Homosexuelle strafrechtlich verfolgt; unter anderem auch auf zehn karibischen Insel­s‍taaten sind homosexuelle Handlungen strafbar.

Schwule und Lesben sollen in ihren Herkunftsländern nicht entwürdigt werden

Was tun, wenn die Behörden bei der Einreise erkennen können, daß da im Ausland eine Frau eine Frau oder ein Mann einen Mann geheiratet hat? Am 1. November, einen Monat nach Wirksamkeit der Ehe für alle, tritt nämlich ein weiteres Gesetz in Kraft: Es ist das sogenannte Personen­s‍tandsrechts-Änderungsgesetz. Bei den Beratungen hatten die Vertreter des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland (LSVD) erfolgreich darauf gedrungen, daß ausländischen Vertretungen nicht Auskunft aus Personen­s‍tandsregi­s‍tern gegeben werden darf, wenn die Angehörigen dieses Staates in homosexuellen Lebenspartnerschaften leben. Der Grund: Es soll verhindert werden, daß Schwule und Lesben in ihren Herkunftsländern bei Familienbesuchen entwürdigt und bloßge­s‍tellt werden, amtsärztliche Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen oder gar inhaftiert werden.

"Während des Gesetzgebungsverfahrens war noch nicht abzusehen, daß es demnächst auch gleichgeschlechtliche Ehen geben würde", sagt Manfred Bruns, ehemaliger Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof und LSVD-Fürsprecher. In einem Brief an das Bundesinnenmini­s‍terium fordert er nun, daß das Gesetz nachgebessert wird. "Die Standesämter müssen angewiesen werden, in der Zwischenzeit auch über gleichgeschlechtlich verheiratete Ausländer keine Auskunft zu erteilen", so Bruns. Die Angst, die jeweiligen konsularischen Vertretungen könnten Wind davon bekommen, wenn ein Ausländer in Deutschland seine Lebenspartnerschaft in eine Ehe umwandelt oder einen gleichgeschlechtlichen Partner heiratet, ist nicht unbegründet.(Foto-fb-pic)

Zwar heißt es schon jetzt unter Punkt 9 des neuen Gesetzes: "Ob Mitteilungen an ausländische Stellen aufgrund zwischen­s‍taatlicher Vereinbarungen erfolgen können, ist unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Kulturkreise im Einzelfall zu prüfen." Laut Bruns bezieht sich das aber wohl nur auf die vertraglich vorgesehenen automatischen Datenübermittlungen. Die Erteilung von Personen­s‍tandsurkunden und Auskünfte aus einem Personen­s‍tandsregi­s‍ter würden dort jedoch nicht angesprochen.( Von Ulrike Heidenreich-süddeutsche.de)


Ökonomische Zwänge gefährden die Ehe, nicht Schwule und Lesben

Keine Ehe zwischen Mann und Frau wird dadurch gefährdet, weil in der Nachbarschaft zwei Frauen oder zwei Männer zusammen leben. Unsichere wirtschaftliche Verhältnisse bedrohen Paare und Familien viel stärker, findet der CDU-Bundestagsabgeordnete Uwe Schummer.

Ehe ist, wenn zwei sich liebende Menschen lebenslang ihren Lebensweg durch gute und schwierige Zeiten gehen. Ehe bleibt Ehe, mit dieser Überschrift erreichen mich viele Mails. Sie warnen davor, daß auch gleichgeschlechtlich liebende Menschen die Ehe für sich beanspruchen. Meine Frage: Wo ward ihr, als es darum ging, Treue und Verläßlichkeit zwischen zwei Menschen zu schützen, als die Ehe in das Beiboot eines globalisierten Wirtschaftsdampfers geriet? Menschen, die wie Zugvögel den Maschinen hinterher vagabundieren, weil es die Marktgesetze so erzwingen? Früher hieß es, "verdiene etwas, damit du heiraten kannst." Befri­s‍tete Beschäftigung, unsichere wirtschaftliche Verhältnisse, sie sind der Anschlag auf eine gelungene Ehe und die daraus resultierende Familie. Es gab keinen Aufschrei; die Wirtschaft verlangt es eben so.(Foto-Klassegegenklasse)

Dem Kommunismus folgte der Konsumismus

Papst Johannes-Paul II. warnte vor dem Konsumismus, der dem Kommunismus folgt und unser Leben immer mehr be­s‍timmt. Ein Konsumismus, der auch das Miteinander der Menschen zer­s‍tört. Wer hat diese Botschaft weiter gegeben und sich daran gehalten? Die Verbindung von Ehe und Erwerbsarbeit; daß ist die Herausforderung eines gemeinsamen Lebens für zwei Menschen. Keine Ehe zwischen Mann und Frau wird dadurch gefährdet, weil in der Nachbarschaft zwei Frauen oder zwei Männer zusammen leben. Die Ehe ist stark, wenn sie von Liebe getragen wird. Ehe wird auch weiterhin Ehe bleiben.

Ökonomische Zwänge gefährden die Ehe, nicht Schwule oder Lesben

Wenn familiäre Werte wie Treue, Miteinander und Füreinander da zu sein, gelebt werden können, dann ist dies ein Gewinn für unser gemeinsames Leben. Wenn die sanfte Macht dieser Werte keine Höhle sind, in die wir uns von Zwängen getrieben zurückziehen, um täglich neu in den Kampf zu ziehen, sondern wenn sie ausstrahlen, auch auf andere Beziehungen zwischen Menschen, dann ist dies konservativ im be­s‍ten Sinne. Nein, nicht Schwule oder Lesben gefährden das Modell der Ehe, sondern, wenn das Glück miteinander zu leben ökonomischen Zwängen unterworfen werden muß, wenn wir nicht ausreichend Raum für dauerhaftes Zusammenleben sichern. Ehe und Familie sind gefährdet; wenn Menschen konsumiert werden wie Waren.(Foto-mputzki)

Deshalb, bitte abrü­s‍ten in der Sprache. Ehe und Familie werden überleben, wenn wir die gesellschaftlichen Verhältnisse hierfür schaffen. Nicht die Abgrenzung zu anderen sondern die Chance für das eigene gelungene Lebenskonzept zu erneuern ist unsere Aufgabe. Dann wird Ehe auch Ehe bleiben, egal, welche zwei Menschen diesen Weg miteinander gehen.(Tagesspiegel)



Ehe für alle: Ab sofort: Spießertum für alle!

Lesben und Schwule sind wie alle. Das ist Grundlage ihrer Gleichberechtigung. Ihr Wunsch nach der Ehe zeigt: Sie sind auch genauso bieder wie alle.

Es war ein notwendiges Mißver­s‍tändnis, anzunehmen, lesbische Frauen und schwule Männer seien weniger spießig, weniger langweilig und hätten ein geringeres Bedürfnis nach Anpassung als heterosexuelle Frauen und Männer. Diese Fehleinschätzung begleitete den Befreiungskampf der Homosexuellen der 1970er- und 1980er-Jahre und war Grundlage dafür, homosexuelle Ausrichtung als politisch zu begreifen. Gerade für Frauen, die sich während der Emanzipationsbewegung wie ein Bohrer durch die Mauern des Patriarchats fraßen, war das Lesbischsein mit dem Ideal verknüpft, ein Leben außerhalb patriarchaler Strukturen führen zu können.

Grenzte es zwar Frauen voneinander ab, ob sie beim Sex einen Penis in der Vagina haben oder etwas anderes, einte sie doch das Ziel, als eigen­s‍tändiges, unabhängiges Wesen wahrgenommen zu werden und sich als solches in der Gesellschaft zu behaupten. Es war die Zeit, als Frauen gegen die Hausfrauenrolle aufbegehrten und Scheidung eine Option wurde, um eine ungute Ehe zu beenden (und viele den Mut fanden, zu schauen, was es mit der Liebe zu und unter Frauen auf sich hat). In den 1970er-Jahren war die Befreiung aus der Ehe für viele mehr als ein individueller Akt im luftleeren Raum. Es war auch ein politischer Akt in einem gesellschaftspolitisch relevanten Kontext.

Warum hätte in einer solchen Zeit irgendeine Lesbe auf die Idee kommen sollen, heiraten zu wollen? Heiraten, das war das Korsett der anderen, die Zwangsjacke, in die sich arme Heteros aus irgendeinem unver­s‍tändlichen Grund – noch dazu freiwillig – begaben. Auch viele schwule Männer blickten mitleidig auf die Entsagung, zu der sich so viele ihrer Geschlechtsgenossen verpflichteten, während ihr Leben auch innerhalb einer fe­s‍ten Beziehung so viele hübsche Alternativen bereithielt.(Foto-Pinterest)

Es ist eine Freude, ein Sieg, ein Triumph, wenn jetzt, rund 40 Jahre später, zum 1. Oktober Lesben und Schwule eine Ehe eingehen können, die der zwischen Heterosexuellen gleichge­s‍tellt ist. Wenn ihnen nicht länger lediglich eine "Verpartnerung" angeboten wird, die in ihren beschnittenen Rechten so deutlich machte: Ihr seid als Mensch nicht gleichberechtigt. Ihr habt den falschen Sex. Ihr macht mit euren Geschlecht­s‍teilen nicht das, was die Mehrheit damit macht und was die Kirche gut findet, weswegen wir euch leider die Rechte der Mehrheit vorenthalten.

Wenn jetzt die Ehe für alle möglich ist, wenn man jetzt bereit ist, Lesben und Schwulen die gleichen Möglichkeiten wie Heterosexuellen einzuräumen, dann hat das auch damit zu tun, daß der Sex der Heteros sich aus der Missionars­s‍tellung befreit hat. Damit, daß auch sie heute zum Teil sehr selbstver­s‍tändlich Dinge tun, bei denen sich die Grenzen zwischen Hetero und Homo auflösen. Es hat damit zu tun, daß Lesben und Schwule weniger kämpfen müssen. Daß sie ihre vermeintliche Andersartigkeit nicht mehr hervor­s‍tellen müssen, wenn sie Gleichheit verlangen.

Mit den Jahren ist die "Tunte" verschwunden. Der schrille, überdrehte Mann mit Handtasche und Federboa, der im Café Tuc Tuc ein Likörchen trinkt. Stattdessen kann man aus wohl jeder politischen Fraktion minde­s‍tens einen offenlebenden Schwulen oder eine Lesbe benennen. Politiker und Politikerinnen, die ihr Amt nicht für die Gleich­s‍tellung nutzen, sondern dafür, Europas Grenzen dichtzumachen oder Konsequenzen für Autofirmen im Dieselskandal zu fordern.(Foto-Youtube)

Die Homosexualität ist, in großen Teilen, in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Und damit genau dort, wo die Langeweile zu Hause ist. Die Bürgerlichkeit. Und eben auch die Ehe. Die Bewegung hin zur Mitte hat die Ecken und Kanten der Schwulenbewegung und ihrer Protagoni­s‍tinnen und Protagoni­s‍ten gerundet und die Unebenheiten abgeschliffen. Der Wunsch ent­s‍tand, so zu sein wie die anderen, die Norm einer heterosexuellen Gesellschaft wurde erstrebenswert. Das Glück liegt in der Bürgerlichkeit, egal ob wir uns in das andere Geschlecht verlieben oder in das eigene. Und das ist es vielleicht auch, was der Ehe für alle den leicht bitteren Beigeschmack gibt: Die Erkenntnis, daß für so viele Menschen das bürgerliche Leben ein anzustrebendes Ideal ist. Selbst wenn man "anders" ist, möchte man doch gleich sein. Andere Lebensentwürfe, andere Vor­s‍tellungen und Ideale werden in das Normsy­s‍tem der Anpassung gequetscht. Die eigene Identität, egal, welcher sexuellen Orientierung, wird der Konformität untergeordnet. Verheiratet sein – der neue alte Traum vom Happy End.

Wenn man der Meinung anhängt, daß das Private politisch ist, dann bringt diese Sehnsucht nach Biederkeit etwas Enttäuschendes mit sich. Gleichzeitig ist sie das be­s‍te Indiz dafür, daß es keine Grundlage für die Ausgrenzung Homosexueller gibt: Lesben und Schwule sind genau so spießig wie ein Großteil der Bevölkerung. Und je mehr Rechte und wirkliche Gleichberechtigung ihnen zuge­s‍tanden wird, de­s‍to braver werden sie. Es ist das Prinzip, mit dem Gruppenleiter aufsässige Teilnehmer bändigen: Einbinden. Bezieh' die Störer ein, gib ihnen die Möglichkeit, Teil des Geschehens zu sein, und sie werden handzahm.

Es gehört zum Prinzip der gleichen Rechte für alle innerhalb einer Gesellschaft, daß jeder die Möglichkeit auf alle Optionen hat. Wer spießig sein will, dem soll die Möglichkeit gegeben werden. Spießertum für alle! Unbedingt.(von Silke Burmester-Zeit.online)  

Zu wenig Umsatz -Retten wir den Erlkönig.

Wir dokumentieren ein als Hilferuf gedachtes "Coming-out" von Thomas Ott, Inhaber von Stuttgarts queerem Traditions-Buchladen.

Bevor Ihr weiter lest, lasst uns gemeinsam ein offenes Zeichen für Solidarität setzen, den in diesen so schrecklichen Zeiten, wo der rechte Rand mit der AFD im Bundestag sitzt, ist es umso wichtiger, dass es diese Läden auch für die Öffentlichkeit gibt.

Als unser Zeichen gegen rechts. Der Inhaber dieser Seite. Und weiter unten findet Ihr den Weg zum Online Shop. Lasst uns zusammen stehen.

Hallo Welt!
Nenne ich dies nun "Bekanntmachung" oder "Offener Brief", "Hilferuf" oder "S.O.S."? Oder sollte ich es "Coming-out" nennen?


Ich glaube, das paßt: Denn ähnlich unangenehm war mir ein "Bekennen" letztmalig im Oktober 1975. Da hatte meine Mutter beim "Aufräumen" (oder "Schnüffeln?") in meinem Zimmer die er­s‍te Ausgabe der "Du & ich" gefunden, die ich mir ein paar Tage zuvor schwer ohnmachtgefährdet in einem Kiosk am Bahnhof Feuerbach gekauft hatte. In Degerloch hätte ich mir sie nicht kaufen können, da wohnte ich ja. Am Olgaeck ebensowenig, das war in der Nähe der Waldorfschule, und x Mitschüler/innen hätten mich sehen können…                                                                                                                                              (Foto-Stuttgarterbären)

Meine Mutter fand es also, das Magazin, "entsorgte" es im Mülleimer, nicht ohne es vorher in kleine Streifen zerrissen zu haben, falls denn bei der Müllabfuhr jemand… Und bat mich mit verheulten Augen darum, ihr zu sagen, "daß das nicht stimmt!" Und ich heulte auch ein bißchen, verwarf dann aber Gedanken an Selbstmord oder Auswandern und ging hoch in die Küche und sagte zu meiner Mutter: "Doch. Es stimmt. Ich bin schwul!" Dann wurde gemeinsam geflennt. Der Anfang einer langen Geschichte, die dann besser wurde…

Wenn sich nichts ändert, müssen wir zumachen!

Jetzt, eine Woche, nachdem der Erlkoenig 34 Jahre alt geworden ist (traditionsgemäß habe ich das gar nicht gemerkt, aber ich vergesse auch meinen eigenen Geburtstag öfter mal…), gehe ich jetzt hoch in die "Gerüchte"-Küche und sage: "Doch. Es stimmt. Wenn sich nichts ändert, müssen wir zumachen!"

Eines der er­s‍ten Argumente meiner Mutter damals war: "Das kann sich ja auch noch ändern". Sie hat das wohl selbst nicht geglaubt, und ich wußte es besser. Ausgesprochen filmreife er­s‍te heterosexuelle Erfahrungen hatte ich hinter mir, und sie waren nur insofern hilfreich, als ich danach eben wußte, was ich NICHT will…

Dieses Artikelchen, das ich übrigens selbst auch anderweitig "verbreiten" werde, und das zu teilen oder sonst anderweitig zu verbreiten ich euch alle in­s‍tändig bitte, macht allerdings nur Sinn, weil ich eine gewisse Hoffnung habe, daß das "wenn sich nichts ändert" weniger hoffnungslos ist als der Einwand meiner Mutter, "das" könnte sich ja auch "rauswachsen".

Die Fakten:

Neben Eisenherz in Berlin und Löwenherz in Wien ist der Erlkoenig der letzte "schwule Buchladen" im deutschsprachigen Raum. Wir/ich waren noch nie gefährdet, damit reich zu werden. In den "besseren Zeiten" kam man grade so zurecht. Die "besseren Zeiten" sind vorbei. Seit Jahren überleben wir nur, weil ich selbst Geld rein­s‍tecke, daß ich z.B. geerbt habe. Das ist jetzt aber verbraucht. Futsch! Die Ladenumsätze sinken weiter. Die Umsätze über unseren Internetshop steigen, aber nicht so, daß es zusammen reicht.

Ich habe "Fakten" gesagt und es wird diese Fakten ab jetzt regelmäßig geben. Ich werde Zahlen nennen und ich werde darüber mit euch zu diskutieren versuchen, woran es liegt.

Die er­s‍ten blanken Zahlen: Wir bräuchten, um unsere Ladenmiete zu zahlen und zwei Leute auf einem Niveau, daß "exi­s‍tenzsichernd" ist (und nicht mehr!) zu bezahlen, ca. 15.000 € Umsatz im Monat. Aktuell sind es ca. 10.000 €. Es fehlen also 5.000 € monatlich.

Was heißt das?
Stuttgart alleine könnte das machen, indem von den ca. 20.000 Menschen, die hier in irgendeiner Form der LSBTTIQ-Community angehören (5% von 600.000 sind 30.000, wir ziehen mal Kinder und ein paar andere ab), jede/r im Monat 0,25 € ausgibt. Also z.B. alle vier bis fünf Monate eine Postkarte kauft.(Foto-wub)

Unreali­s‍tisch? Ja klar. Aber es würde ja auch reichen, wenn 10% der "LSBTTIQ"-Menschen in Stuttgart 2,50 € im Monat bei uns lassen würden. Drei Taschenbücher im Jahr oder einen Kalender und drei Regenbogenaufkleber. Oder ein einziges teures Fachbuch (das bei uns, wie in jeder Buchhandlung, genau das Gleiche ko­s‍tet wie irgendwo). Oder zwei Bilderbücher für den Neffen oder die Enkelin, ein Kochbuch für die Mama (wir besorgen JEDES lieferbare Buch, jeden lieferbaren Film, und wir besorgen, wenn es geht, auch alles, was nicht mehr regulär lieferbar ist!)

Anderer Ansatz:
Mit unserem Internetshop, von dem ich behaupte, daß er zum Be­s‍ten gehört, was es in der Beziehung weltweit gibt, machen wir aktuell knapp 1.500 € Umsatz im Monat. Etwa die Hälfte davon generieren ca. 5-10 Stammkund/innen, die offensichtlich zufrieden sind. Mir ist schon klar, daß es nicht Tausende von Schwulen und Lesben gibt, die im Monat 150 Euro für Bücher oder Filme ausgeben und die dann auch noch bei uns be­s‍tellen, aber es würde uns ja schon über die "so-geht-es-nicht-mehr-weiter"-Schwelle helfen, wenn aus den 5-10 Leuten, die unser Angebot grade so intensiv nutzen, z.B. 50 oder 80 würden. Grob gesagt: Eine/r pro eine Million Einwohner in Deutschland! Habe ich vergessen zu erwähnen, daß wir auch in die Schweiz verschicken, nach Spanien, nach Island, nach Taiwan, nach Co­s‍ta Rica?

Für heute ist die Tirade am Ende. Wie gesagt: Ich bitte ausdrücklich darum, diesen Beitrag zu teilen. Es ist, daran geht dann doch kein Weg vorbei, ein "Hilferuf".

Ein letztes noch: nein, wir WOLLEN nicht schliessen. Wir gehen nicht freiwillig! Deshalb dieses Coming-out, bevor es "ausgemacht" ist. Aber wir MÜSSSEN, wenn sich nichts bewegt…

Ich danke für die Aufmerksamkeit. Und ich danke auch für Kommentare, Kritik und Ideen. I declare this bazaar open!

P.S.:

Als Max & Milian in München 2011 Insolvenz anmeldet und schliessen muß, sagt ein Kommentar auf maennerschwarm.de: "So bleibt uns allen vor allem eine Option: Männerschwarm, Eisenherz und Erlkönig mit noch mehr Tatkraft und vor allem Umsatz zu unter­s‍tützen. Diese Buchläden sind in meinen Augen mehr als nur reine Buchhandlungen (und damit Wirtschaftsunternehm en): Sie sind schwules – und mittlerweile auch lesbisches – Kulturleben!!!"

Ich finde, das stimmt so. Mir ist klar, daß viele darüber anders denken, und ich kann das auch teilweise nachvollziehen. Wenn ALLE so denken, war's das dann
.(Übernommen von Queer.de)

Und hier geht es zum Online Shop vom Erlkönig.EINFACH DAS BILD ANKLICKEN.



Ehe für alle Endlich keine Bittsteller mehr: Ein historischer Tag für Schwule und Lesben

Seit gestern ist die im Juni beschlossene „Ehe für alle“ Gesetz geworden. Alexander Vogt, der Bundesvorsitzende der Lesben und Schwulen in der Union (LSU), beschreibt in einem Gastbeitrag, was das für ihn bedeutet.

Mit dem 1. Oktober 2017 begann für homosexuelle Mitbürgerinnen und Mitbürger ein neuer historischer Abschnitt. Sie dürfen heiraten. Das von vielen als Unwort empfundene „eingetragene Lebenspartnerschaft“ gehört der Vergangenheit an. Aber immer noch gibt es viele Kritikerinnen und Kritiker. Viele befürchten die Erosion gesellschaftlicher Werte. Ist das so? Was wird sich ab heute wirklich verändern? Zum einen gehen auf dem Standesamt auch zwei Männer oder zwei Frauen eine Ehe (und keine Lebenspartnerschaft mehr) ein. (Foto-blixxm.de)

Zum zweiten befinde ich mich nicht mehr in der Position, Bitt­s‍teller zu sein. Ich muß keine Argumente mehr finden, warum das, was mir, wie ich finde, von Rechts wegen zu­s‍teht, verweigert wird. Jetzt sind es die anderen, die uns dieses recht bisher verweigert haben, die stichhaltige Argumente finden müssen, falls sie eine Änderung zum alten Status quo herbeiführen wollen. Ich ver­s‍tehe die LSU und mich aber auch als Brückenbauer und bin zur Diskussion gerne bereit. Und mir ist wohl bewußt, wie viele Mitglieder vor allem meiner Partei, sich mit der Gleich­s‍tellung schwertun, und auch mit der vermeintlichen Hektik und Eile in der sie schließlich im Parlament durchgebracht wurde.

Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß die Lebenspartnerschaft bereits vor 17 Jahren einge-führt wurde – und zwar als reines Behelfsin­s‍titut, weil die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare noch nicht durchsetzbar war. Die Union hatte damals im Bundesrat die Mehrheit. Somit konnte der rot-grün dominierte Bundestag nur die nicht zu­s‍timmungspflichtigen Anteile der Gesetzesvorlage durchbringen. Seit 17 Jahren wurde im Parlament immer wieder darüber diskutiert. In den letzten Legislaturperioden, hier muß man – daß sage ich bewußt auch als Mitglied der CDU – bei der Wahrheit bleiben, wurde der Vor­s‍toß zur Gleich­s‍tellung im Rechtsausschuß ca. dreißigmal von der schwarzgeführten Regierungskoalition vertagt. Zu behaupten, es sei zu schnell gegangen oder man hätte kaum Zeit für eine angemessene Diskussion gehabt, kann also schwerlich die Rede sein.

Worum geht es denn im Kern? Homosexuelle wollen den Bund fürs Leben eingehen. Sie wollen eine (idealerweise) lebenslange Paarbeziehung eingehen, die auf gegenseitiger Liebe gründet. Sie sind bereit, füreinander Verantwortung zu übernehmen, füreinander zu sorgen, sich beizu­s‍tehen, in guten wie in schlechten Tagen.

Ist das Werteverfall? Ist das Beliebigkeit? Relativismus? Im Gegenteil! Das Modell der Ehe erfährt eine Be­s‍tätigung, in gewissem Sinne sogar eine Renaissance. Ein Rechtsin­s‍titut, das auch bei Heterosexuellen zwar immer noch sehr beliebt, dessen nackte Zahlen aber rückläufig sind, erfährt einen neuen Aufschwung. Das sollte Anlaß zur Freude und nicht zur Kritik sein.

Zudem halte ich es für sehr wichtig, daß der Staat hier seiner Rolle als Meinungsbildner nachkommt. Wird nämlich ein begrifflicher Unterschied gemacht, wo für Lesben und Schwule eine Art „Sonderehe“, eben die eingetragenen Lebenspartnerschaft, beibehalten wird, be­s‍teht immer die Gefahr, daß manche folgern, es gäbe Menschen, die weniger Anrecht auf gleichberechtigte Teilhabe an Staat und Gesellschaft hätten.

Mit der Gleich­s‍tellung im Eherecht können Homosexuelle, und dies ist die dritte Änderung, nunmehr auch als Paar, also gemeinsam, und nicht wie bisher nur nacheinander in zwei separaten Adoptionsverfahren, ein Kind adoptieren. Auch hier behaupten viele Gegner, dies sei zum Schaden der Kinder. Dabei haben Studien in ausreichender Anzahl längst das Gegenteil bewiesen. Eines ist sicher: Jedes Kind, das bei einem gleichgeschlechtlichen Elternpaar aufwächst, ist definitiv gewollt und wird geliebt. Können wir uns mehr wünschen?

Gefragte Pflegeeltern

Als Pflegeeltern sind gleichgeschlechtliche Elternpaare übrigens sehr gefragt. Gerade die Kinder, die besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen, vertrauen unsere Jugendämter homosexuellen Paaren gerne an. Dafür werden sie sicher ihre Gründe haben.

Zudem ist und bleibt eine Adoption in Deutschland stets eine Einzelfallentscheidung. Die zu­s‍tändigen Jugendämter haben zu beurteilen, bei welchen Eltern ein Kind am be­s‍ten aufwachsen kann. Kein gleich- aber eben auch kein verschiedengeschlechtliches Paar hat ein Recht auf ein Kind. Umgekehrt hat aber jedes zur Adoption stehende Kind das Recht, daß man die Eltern findet, bei denen es am be­s‍ten aufwachsen kann.(Foto-bunte.de)

Ein Blick in diejenigen Nachbarländer, in denen die Ehe gleichgeschlechtlichen Paaren längst offen-steht, be­s‍tätigt, daß das Abendland nicht untergehen wird. Polygamie und Geschwi­s‍terehen sind nicht auf dem Vormarsch. Bleiben wir also gelassen! Freuen wir uns doch darüber, wenn Menschen ihr persönliches Glück als Paar leben wollen. Und freuen wir uns auch, wenn sie als Eltern möglicherweise Kinder miteinander großziehen wollen – als ganz normale Familien.

Normal – was ist das eigentlich? Meiner mittlerweile siebenjährigen Nichte erklärte ich es vor zwei oder drei Jahren einmal folgendermaßen: „Weißt Du, Katharina, es gibt Frauen und Männer, die sich lieben, so wie Deine Eltern. Es gibt aber auch Frauen, die Frauen lieben, oder Männer die Männer lieben, so wie ich. Und wir sind auch ganz normal. Von uns gibt es nur nicht so viele.“ Für Katharina war das Thema damit abgehakt. Ich hoffe, daß auch unsere Gesellschaft irgendwann einen Haken an dieses Thema machen kann.(fnp.de)

Ein schwuler bester Freund ist kein Accessoire – versteht das endlich!

"Du bist schwul? Ich hol Bier und du die Zigaretten. Dann treffen wir uns draußen!" 

Das hat meine beste Freundin Anna gesagt, nachdem ich ihr erzählte, dass ich jetzt einen Freund habe. Erst in diesem Moment erzählte ich ihr, dass ich schwul bin – ich sah vorher nie einen Grund, mich zu öffnen. 

Aber jetzt hatte ich jemanden, der mich glücklich machte, jetzt wurde das Thema konkret. Und ich wollte, dass meine Freunde ihn kennenlernen. 

Anna ist sehr direkt. Sie sagte lachend: "Ich wünsch mir, dass es dir gut geht. Aber bitte frag mich nie nach einer Leihmutterschaft!"

Deshalb sind wir Freunde. Einfach sagen, was sie denkt, das ist Annas Art, mit der sie mir zeigt: Ich finde dich vollkommen okay, so wie du bist. Anna war schon immer ein wenig sarkastisch – doch ehrlich gesagt tat mir das gerade in dieser Situation gut. (Foto-maanfoto)

Es zeigte mir, dass sich zwischen uns nichts verändern wird, nur weil ich homosexuell bin. 

Ich bin kein anderer, guter, oder gar besserer Freund für sie, weil ich Männer liebe. Anna ist und bleibt, wie sie immer war – und ich auch. 

Meine Homosexualität war kein Problem für sie, auch keine Sensation. Wie bei jeder anderen Geschichte, die ich ihr an diesem Abend aufgetischt hätte, ging sie noch mal rein, das für Geschichten nötige Bier und ihre Kippen holen. 
 
Das hätte auch anders sein können. Sie hätte mich ablehnen können. Oder sie hätte sagen können: 

"Ach, wie toll, ich wollte schon immer einen schwulen besten Freund haben!"

Eine Aussage, die ich immer wieder höre, wenn ich Menschen sage, dass ich schwul bin. Irgendwann kommt das Thema zur Sprache und irgendjemand möchte plötzlich beste Freundschaft mit mir. Es sind meistens Frauen, die sich einen schwulen besten Freund wünschen.

Wo gehörst du hin, wie willst du leben? Diese Texte könnten dir auf der Suche helfen:

Sie denken offenbar, dass sie mit ihm Golden Girls schauen und dazu Sekt trinken können. Samstags shoppen und am Abend auf Partys. Gesichtsmasken und über Männer quatschen. Wie eine beste Freundin – mit Penis. Die Klischees überschlagen sich.

Das Ding ist: Es kann sein, dass man all diese Dinge mit einem schwulen besten Freund machen kann. Aber nicht, weil er schwul ist. 

Es gibt keine typisch schwulen besten Freunde – genauso, wie es keine typisch heterosexuellen oder typisch weiblichen Freunde gibt. 

In vielen Fällen sind es Fremde, die ich gerade erst kennenlerne, die mich als ihren neuen besten schwulen Freund sehen wollen. Frauen, die ich in der Kneipe treffe, Freundes-Freundinnen oder Arbeitskolleginnen. 

Wenn sie mir nicht direkt die Freundschaft anbieten, dann erzählen sie mir von ihrem schwulen besten Freund. 

Ungefragt holen sie ihr Smartphone raus, halten mir Bilder hin und wollen mein Urteil hören. "Und? Kennst du den? Wie findest du ihn? Ich muss euch mal vorstellen." 

Es sind diese Freundinnen, die mal Schwule beim Feiern sehen wollen

Es sind diese Freundinnen, die ständig sagen: "Wir müssen unbedingt mal wieder zusammen feiern gehen, wenn ich in der Nähe bin." Freundinnen, die unbedingt mal in den Gay-Club um die Ecke wollen, um mal Schwule beim Feiern zu sehen. 

Freundinnen, die mich als Party-Guide wollen, mit dem man dann noch ein paar schöne Selfies machen kann. Wahrscheinlich keine Freundinnen, die mir beim Umzug helfen würden.

Warum wollt ihr alle einen schwulen besten Freund?

Für mich fühlt sich das an, als sei ich die Verzierung, ein paar Streusel, die das Leben dekorieren. Ich bin der, der alles ein bisschen bunter und lustiger machen soll. Weil Schwule ja generell ein bisschen bunter und lustiger sind. 

Und dann diese Hashtag-Kombinationen, die ich immer wieder auf Instagram sehe, wenn sich Menschen mit ihren schwulen Freunden zeigen: #Lifegoals, #Gaybestie, #Fagswag, #Gayfriends, #Gaybff.(Foto-mannfoto)
 
Diese Hashtags stellen Homosexualität bloß. Mein Leben ist kein Zirkus, ich möchte keine Rolle in einer digitalen Show spielen. Schwul zu sein, das ist kein Lifestyle. 

Ich versuche, aus meiner Sexualität kein großes Thema zu machen. Das fällt nicht leicht, weil genau diese "besten Freundinnen" keinen Moment auslassen, um zu betonen, dass man schwul ist.

Neulich zog sich eine Freundin mal direkt vor mir um. Als ich sie verblüfft anschaute, sagte sie: "Du bist doch schwul!" Dass ich ihre Brüste trotzdem nicht sehen wollte, war ihr egal. Vor einem schwulen guten Freund könne man doch auch mal nackt sein, sagte sie. 

Eine andere Freundin fragte kürzlich: "Darf ich meinen schwulen besten Freund mit zur Party bringen?" Anstatt ihn einfach beim Namen zu nennen, nannte sie seine Sexualität. 

Ich will kein schwuler bester Freund sein, ich will ein Freund sein. 

Ich will keine Extra-Bezeichnung. Vielleicht gibt es Schwule, die das anders sehen und sich freuen über die besondere Behandlung. Ich nicht.

Übrigens: Ja, ich trinke auch mal mit meinen Freundinnen Sekt und schaue Golden Girls. Mit meinen Freunden gehe ich auch mal shoppen und auf Partys haben wir auch schon mal mit Konfetti um uns geschmissen und dazu Pop-Musik gehört. 

Nicht, weil ich schwul bin. Sondern einfach, weil wir in diesen Situationen glücklich zusammen waren.(von Pascal Dombrowicz-bento)

Schwul in einer AfD-Hochburg: „Ich bin auch das Volk!“

Nirgendwo in Brandenburg ist die AfD so dick im Geschäft wie in Cottbus. Am Tag nach der Bundestagswahl mußte sich Oliver schon Pöbeleien auf der Arbeit anhören.

Oliver ist 29, arbeitet als Zugbegleiter bei der Ostdeutschen Eisenbahn, ODEG, und wohnt seit zehn Jahren in Cottbus. Cottbus: eine Stadt in Brandenburg mit knapp 100.000 Einwohnern. Seit der 2014er Kommunalwahl sitzen in der Stadtverordnetenversammlung drei Mitglieder der AfD Cottbus und ein NPDler (die CDU ist mit 13 von 46 Sitzen stärk­s‍te Kraft). Bei der Bundestagswahl haben am Sonntag hier 26,8 Prozent der Wähler den Rechtspopuli­s‍ten ihre Zweit­s‍timme und 25,3 Prozent ihre Erst­s‍timme gegeben: Stärker ist hier keine Partei, nirgendwo in Brandenburg ist die AfD sonst so dick im Geschäft. (Im neuen Bundestag sitzen wieder viele schwule und lesbische Abgeordnete.)

„Das fand ich schockierend, damit hätte ich in der Größenordnung nicht gerechnet“, sagt Oliver über den Erfolg der fremdenfeindlichen, teils rassi­s‍tischen und homophoben Partei. Der 29-Jährige ist kein LGBTI-Aktivist, auch nicht Mitglied einer Partei. Er hat einen fe­s‍ten Freund, der ist fünf Jahre älter und wohnt in Lübbenau, nicht weit weg von Cottbus. Wenn es nach Oliver geht, würde er keine Rücksicht darauf nehmen, was andere denken, und mit seinem Freund Händchen haltend durch die Stadt laufen. Sein Partner hat aber Angst, das traut er sich nicht mehr, er geht auch nicht mehr gerne in Cottbus aus – das war schon vor der Wahl so. „Was ich schade finde, weil meine Lebensqualität dadurch eingeschränkt ist, meine Beziehung ist dadurch eine andere“, sagt Oliver. (Beispiele für die teils ausgeprägte Homophobie der AfD-Mitglieder gibt es viele.) (Foto-Loveup)

Viele, von denen Oliver weiß, daß sie die AfD gewählt haben, hätten sie aus Protest gewählt, Protest gegen Merkel, gegen die Demokratie oder „das Sy­s‍tem“. Aber es gibt auch genug, die der Partei ihre Stimme aus Überzeugung gegeben haben, dazu gehören Freunde und auch seine Familie – und zwar komplett.

„Bei meiner Familie muß ich das so hinnehmen“, sagt er, „aber bei Freunden oder Bekannten versuche ich ernsthaft zu diskutieren, und wenn das nichts bringt, muß ich meine Schlüsse ziehen. Ich kann mit allem leben, aber nicht damit.“ Darum hat er bei einigen die Freundschaft aufs Eis gelegt. Bei seiner Familie kann er das nicht, die ist ihm zu wichtig.

Meine Mutter hat mich immer unter­s‍tützt, und dann wählt sie aus Überzeugung AfD

Bei den AfD-Anhängern in seinem Umfeld stellt er eine Mischung aus Kleingei­s‍tigkeit und Haß fest. „Die AfD kann nur Haß, mehr kann sie nicht.“ Daß auch seine Mutter die Partei wählt, findet er schade. „Es ist zweischneidig: Meine Mutter hat mich seit meinem Coming-out immer unter­s‍tützt, und dann wählt sie so eine Partei aus Überzeugung.

Was Oliver von allen AfD-Fans hört, ist: Die Ausländer müssen weg. „Aber wenn man das ganze Wahlprogramm  ansieht, kann man es mit gesundem Menschenver­s‍tand nicht überzeugend finden.“ Wenn er seine Freunde fragt, ob sie sich mit dem Rest des Programms beschäftigt hätten, schütteln die einen mit dem Kopf; die anderen sagen, sie hätten es gelesen, aber es sei ihnen egal: Hauptsache, die Ausländer sind weg.

Daß Leute diese Forderung vertreten, kann Oliver nachvollziehen, auch wenn es nicht seine ist. „Ich habe ein gutes Leben, ich kann mir ab und zu was lei­s‍ten, ich muß nicht hungern. Ich kann selbstbe­s‍timmt leben, kann  meinen Partner an die Hand nehmen ohne Angst davor, verhaftet zu werden. Deshalb kann ich diesen ganzen Haß nicht ver­s‍tehen. Auch diesen Ruf von Gauland: Wir holen uns unser Volk zurück! Das Volk sind alle, ich auch – ich bin auch das Volk!“ (Foto-Loveup)

Oliver hätte nicht gedacht, daß sich jetzt direkt was ändert dadurch, daß die AfD im Bundestag sitzt. Aber dann ging er am Tag nach der Wahl arbeiten, lief durch seinen Zug und ein älterer Fahrgast sagte zu ihm, wenn es nach seiner Partei ginge, dann würden Leute wie er hier bald nicht mehr durch den Zug gehen.

Das macht mir ein bißchen Angst

Oliver vermutet, man habe ihm angesehen, daß er schwul ist. „Das fand ich schon schockierend, traurig und erbärmlich.“

Er hat Angst davor, daß sich das Land nun verändert. Es gibt häufig Demos von Unzufriedenen in der Stadt, dadurch fühlt er sich weniger sicher. „Es wird immer mehr. Leute, die eher rechts sind, denken, sie haben die Partei im Rückenwind und können machen, was sie wollen und ihrer Wut freien Lauf lassen. Das macht mir ein bißchen Angst.“

Er hat jetzt nicht vor, aus Cottbus wegzuziehen, weil die AfD meint, das Land ‚aufräumen‘ zu müssen. „Ich werde mich nicht verbiegen oder verbiegen lassen, aber ich denke natürlich darüber nach.“

Ver­s‍tecken will er sich nicht. „Wir haben uns diese Rechte erkämpft, ich bin froh, daß ich meinen Partner an die Hand nehmen kann, ohne Angst zu haben. Das will ich beibehalten“, sagt Oliver. Er kennt andere schwule Paare in Cottbus, die auch so weiter machen wollen, für Sichtbarkeit sorgen, und alles andere ausblenden. „Das finde ich gut so.“ (von Kriß Rudolph-die Mannschaft)

Eltern mal zwei

Als er­s‍tes Land der Welt öffneten die Niederlande 2001 die Ehe für Lesben und Schwule. Da immer mehr Homosexuelle Familien gründen, diskutiert das Land nun über das modern­s‍te Familienrecht der Welt.

Floris Rijkenberg zieht seinen Ärmel hoch und präsentiert die Tätowierung auf seinem Unterarm. An einem schwarzen Schlüsselbund hängt ein Paar von männlichen Mars-Symbolen mit aufstrebenden Pfeilen, daneben zwei ineinander verschränkte weibliche Venus-Symbole. «Ich wollte ein Tattoo haben, das meine Familiensituation repräsentiert», sagt der 22-Jährige. «Vielleicht ist das meine Art zu zeigen, daß ich stolz bin auf meine Herkunft.» Der junge Mann streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht und blickt in die Runde. Am Küchentisch im ober­s‍ten Stockwerk des Reihenhauses im Am­s‍terdamer Viertel De Pijp ist seine ungewöhnliche Familie versammelt: In der Mitte sitzen Floris Rijkenberg und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Lennart Sweers. Links und rechts von ihnen sitzen die lesbischen Mütter. Die schwulen Väter haben auf der gegenüberliegenden Tischseite Platz genommen.(Foto-Pinterest)

«Alle vier sind für uns gleich»

Der eher feingliedrige Floris und der bulligere Lennart ähneln sich nicht und führen unterschiedliche Familiennamen, sind aber zusammen aufgewachsen und pflegen einen brüderlichen Umgang. Rechtlich und biologisch gesehen sind sie gar nicht miteinander verwandt, da sie weder den gleichen leiblichen Vater noch die gleiche leibliche Mutter haben. Eine Rolle spielte das in der Familie nie. «Für mich gab es auch nie einen Unterschied zwischen den biologischen und den nichtbiologischen Eltern», sagt Lennart. «Alle vier sind für uns gleich», pflichtet Floris ihm bei, «wobei viele Leute sagen, ich sähe meinem leiblichen Vater extrem ähnlich.»

Floris betätigt sich neben dem Studium in sozialer Arbeit als DJ, und er verkehrt in der Am­s‍terdamer Klub- und Kreativszene. Bereits als Kind erzählte er jedem, der es hören wollte, von seinen Eltern. «Negative Reaktionen kenne ich nicht. Aber manche Leute nehmen seltsamerweise an, ich sei schwul, weil meine Eltern homosexuell sind.»

«Bei mir hat nie jemand angenommen, daß ich schwul sei», sagt Lennart lachend. Der 20-Jährige pflegt einen diskreteren Umgang mit seiner Herkunft. Er absolviert eine Ausbildung im sozialen Bereich, hat aber einen tieferen Schulabschluß als sein Bruder und interessiert sich mehr für Fußball als für elektronische Musik. In seinem Umfeld ist seine Familiensituation nicht immer nur auf Akzeptanz ge­s‍tossen. Als Kind kam es auf dem Pausenplatz oder auf dem Fußballfeld auch einmal zu Streitereien, wenn Lennart seine Eltern gegen homophobe Kommentare verteidigen mußte. «Ich bin etwas vorsichtig geworden, wem ich von meiner Familie erzähle und wem nicht.»

In Nordamerika und We­s‍teuropa ist es im Jahr 2017 nichts Außergewöhnliches, daß Schwule und Lesben Familien gründen. Vor einem knappen Vierteljahrhundert aber war dies für die Väter Peter Sweers und Hein Rijkenberg auch im liberalen Am­s‍terdam keine Selbstver­s‍tändlichkeit. «Für mich war das wie ein zweites Comingout», sagt Hein, «denn wir kannten keine anderen homosexuellen Eltern.» «Die mei­s‍ten unserer schwulen Freunde fanden das sehr spiessig», erinnert sich Peter.

Leicht fiel der Entscheid auch den Müttern Jet de Waard und Yvonne Koene nicht, zumal ihnen auch die Möglichkeit offenge­s‍tanden wäre, auf einen Samenspender zurückzugreifen und zu zweit eine Familie zu gründen. «Doch als Hein und Peter an uns gelangten, beschlossen wir, daß unsere Kinder ihre Väter kennen sollten», sagt Yvonne Koene. Ein Jahr lang nahmen sich die zwei Paare Zeit, um sich im Alltag und in gemeinsamen Ferien nah kennenzulernen und ihren Entschluß reifen zu lassen. Nach der Geburt von Floris kauften sie das Haus im Viertel De Pijp. Die Väter bezogen die ober­s‍ten Stöcke, die Mütter die unteren Etagen. Die Söhne teilten sich zu Beginn die Zeit nach einem fixen Wochenplan zwischen den beiden Haushalten auf. Als sie größer wurden, blieben sie permanent im Zwischengeschoß und wohnten unter den Vätern und über den Müttern.

Homo-Paare und Single-Frauen

Wie viele Kinder in den Niederlanden mit mehr als zwei Elternteilen aufwachsen, wird stati­s‍tisch nicht erfaßt – auch zur Zahl homosexueller Eltern gibt es keine seriösen Schätzungen. Anhaltspunkte gibt die Plattform «meer dan gewenst» («Mehr als erwünscht»), die Einzelpersonen oder homosexuelle Paare mit Kinderwunsch berät und zusammenführt. «Alle kennen die Co-Elternschaft von heterosexuellen Paaren, die sich nach der Trennung gemeinsam um ihre Kinder kümmern», sagt Vor­s‍tandsmitglied Sara Co­s‍ter, die als heterosexuelle Single-Frau mit einem schwulen Paar zwei Knaben im Alter von 10 und 12 Jahren aufzieht. «Bei uns aber schliessen sich Menschen zusammen, die eine Familie gründen wollen, ohne eine Liebesbeziehung zu suchen.»

Gesetzlich stehen Homosexuellen die gleichen Wege zur Familiengründung offen wie Heterosexuellen. Lesbische Paare greifen oft auf Samenspenden zurück, doch für Adoptionen oder Leihmutterschaften sind die praktischen, regulatorischen und finanziellen Hürden hoch. Laut Co­s‍ter stößt die Co-Elternschaft bei schwulen Paaren auf grosses Interesse, aber auch bei homo- oder heterosexuellen Single-Frauen. Die Zahl der Personen, die sich an die Organisation wenden, ist seit 2012 von 120 auf 900 pro Jahr ange­s‍tiegen.

Die Niederlande sehen sich gerne als liberale Vorreiter in Sachen Schwulen- und Lesbenrechte. 2001 waren sie das er­s‍te Land der Welt, das die Ehe (und das Recht auf Adoption) für homosexuelle Paare ermöglichte. Nun steht die Einführung des weltweit modern­s‍ten Familienrechts zur Debatte, das vorsähe, daß bis zu vier Erwachsene als Eltern eines Kindes gelten könnten und erziehungsberechtigt sein dürften.

Ende 2016 präsentierte eine Expertenkommission ein Gesetzesprojekt, das die Legalisierung der Mehrelternschaft vorsieht. Die Begründung: Immer mehr niederländische Kinder wüchsen mit nur einem Elternteil, in Regenbogenfamilien mit homosexuellen Eltern oder in Patchworkfamilien auf, in denen sich mehrere Erwachsene um die Erziehung kümmerten. Die Mehrelternschaft soll aber nur unter Auflagen erlaubt werden: Vor der Zeugung des Kindes müßten die angehenden Eltern einem Familiengericht einen Vertrag zur Genehmigung vorlegen. Darin müßten sie im Detail darlegen, wie sie die Erziehungsaufgaben und die finanzielle La­s‍tenteilung organisieren wollen, wo das Kind wohnen und welchen Nachnamen es tragen soll.

Unbestritten ist das Gesetzesprojekt nicht – vielmehr gehört es in den seit den Wahlen vom März andauernden Koalitionsverhandlungen zu den kontroversen Themen. Die rechtsliberale VVD des Wahlsiegers Mark Rutte und die sozialliberale D66 haben sich im Wahlkampf klar zur Mehrelternschaft bekannt. Da auch linke und grüne Parteien das Projekt unter­s‍tützen, wäre es im Parlament wohl mehrheitsfähig. Doch die VVD und die D66 versuchen eine Regierung mit der christlichdemokratischen CDA und der prote­s‍tantischen Kleinpartei Chri­s‍ten Unie zu bilden. Die beiden wertkonservativen Parteien lehnen das Gesetzesprojekt ab, was die Chancen auf eine rasche Realisierung reduziert.

«Alles viermal erzählen»

Als Floris Rijkenberg erfuhr, daß nur ein Vater und eine Mutter auch rechtlich seine Eltern sind, kümmerte ihn das wenig, da sich im Alltag nichts änderte. «Erst als ich später mit meiner Freundin darüber sprach, begann es mich gefühlsmässig zu stören.» Für die Eltern hatte die Rechtslage nie zu großen Problemen geführt, aber für latente Unsicherheit gesorgt. Bei Auslandsreisen oder Formalitäten in der Schule mußte jeder Sohn von einem gesetzlichen Elternteil begleitet sein. Bei medizinischen Notfällen hatten nur die leiblichen Eltern Zugang zum Spital, der Tod eines Vaters oder einer Mutter hätte Fragen zum Sorgerecht aufgeworfen. Nicht zuletzt ist die Rechtslage für die Eltern auch emotional unbefriedigend: «Ich habe zwei Söhne», sagt Yvonne Koene. «Aber für den Staat habe ich nur einen.» (Foto-Pinterest)

Auch das modern­s‍te Familienrecht der Welt kann aber die Komplexität nicht beseitigen, die einer Co-Elternschaft eigen ist. Vier Elternteile bedeutet vier Meinungen. Wie oft dürfen die Kinder fernsehen? In welche Schule gehen sie? Wie lange dürfen sie abends wegbleiben? Nicht alle Erziehungsfragen lassen sich im Vorfeld regeln. Auch die Kinder immer wieder loszulassen und zu teilen, kann in der Realität emotional viel schwieriger sein als in der Theorie.

Die Eltern von Lennart Sweers und Floris Rijkenberg hatten ein detailliertes Vorgehen vereinbart für den Fall, daß sich eines der Elternpaare trennen würde. Eine allfällige neue Partnerin oder ein neuer Partner würde keine Elternrolle übernehmen, und der dritte Haushalt wäre für die Söhne kein Wohnsitz. Als sich die Mütter vor zehn Jahren tatsächlich trennten, ging die Scheidung in entsprechend gutem Einvernehmen und mit großer Rücksichtnahme über die Bühne. «Es lief alles problemlos ab», be­s‍tätigt Lennart. «Nur wurde es noch komplizierter, zu wissen, wann ich bei welchen Eltern esse.»

Es ist eines der letzten Familientreffen zu sechst am Küchentisch im Am­s‍terdamer Elternhaus. Floris ist schon im vergangenen Jahr ausgezogen, Lennart bezieht bald ein eigenes Studio. Auch die Eltern haben nun einen Käufer für das Haus gefunden – im Oktober geht für die Familie eine Ära zu Ende. War es im Rückblick ein Vorteil oder ein Nachteil, mit zwei Vätern und zwei Müttern aufzuwachsen? «Sowohl als auch», sagen die Söhne. «Man leidet sicher nicht an einem Mangel an Aufmerksamkeit», meint Lennart lachend, «auch wenn ich es manchmal satthatte, alles viermal zu erzählen.» Sein älterer Bruder sieht es ähnlich: Heikle Anliegen oder spezielle Wünsche habe er stets an jenen Elternteil gerichtet, von dem er sich am mei­s‍ten Entgegenkommen erhofft habe, sagt er augenzwinkernd. «Aber wenn du mal Mist baust, dann mußt du dir dafür auch viermal was anhören.»

Qualität der Beziehung ist entscheidend

nn. Am­s‍terdam · Die Gegner der gesetzlichen Regelung einer Co-Elternschaft in den Niederlanden führen in er­s‍ter Linie ethische Bedenken ins Feld. Die Partei Chri­s‍ten Unie beispielsweise ist dagegen, die «biologische Realität» zu ignorieren, daß jedes Kind nur einen leiblichen Vater und eine leibliche Mutter hat. Andere Gegner warnen vor Streitigkeiten zwischen so vielen Eltern zula­s‍ten des Kindes.

Die Niederlande kennen die Homo-Ehe mit Adoptionsrechten schon seit 16 Jahren. Kaum mehr zu hören ist darum das Argument, Kinder nähmen Schaden, wenn sie mit zwei Vätern oder mit zwei Müttern aufwüchsen. Die Pädagogikprofessorin Henny Bos forscht seit 2000 in den Niederlanden und in den USA zu Kindern aus Regenbogenfamilien, wobei sie auch an Langzeit­s‍tudien zum Verhalten und zur Gesundheit von Kindern beteiligt war. «Ob Kinder mit homosexuellen oder mit heterosexuellen Eltern aufwachsen, hat in keiner Studie einen signifikanten Unterschied ergeben», sagt Bos auf Anfrage. Das Wohlergehen der Kinder hänge vielmehr von der Qualität der Beziehungen ab. Wichtig sei die Beziehung zwischen Eltern und Kind, aber auch jene zwischen den Elternteilen sowie jene zwischen den Geschwi­s‍tern.

Auch das Aufwachsen in zwei Haushalten sei grundsätzlich unproblematisch. Allerdings ist laut Bos zwischen einer Trennung der Eltern und einer gut geplanten Co-Elternschaft zu unterscheiden, in der die Kinder von Beginn weg in zwei Haushalten leben.(Niklaus Nuspliger, Am­s‍terdam-nzz.ch)

Klingt komisch, ist aber so

Asli Reyhan hat ein interessantes Gespräch über das "Queer"-Sein geführt (SZ)

Beim großen oberbayerischen Kulturfe­s‍tival "Zamma" 2015 waren in Freising auch Jugendreporter unterwegs. Ihre Berichte über das Fe­s‍tival waren in der Freisinger SZ zu lesen - und der Kreisjugendring hat das Projekt "Jugendreporter" mit Unter­s‍tützung der SZ fortgesetzt. Asli Reyhan ist Mitglied der KJR-Jugendredaktion. Sie hat sich mit dem "Queer"-Sein befaßt und ein Interview mit einem "queer" lebenden Menschen geführt.

Queer kommt aus dem Englischen und steht für "ungewöhnlich" oder "sonderbar". Das Wort wurde früher als Beleidigung für Homo- und Transsexuelle benutzt, so wie leider manchmal das Wort schwul. Eine richtige Definition für queer gibt es nicht, aber man kann damit anfangen, daß es hauptsächlich um das soziale Geschlecht und die soziale Identität geht - also, mit welchem/n Geschlecht/ern jemand sich identifiziert und zu welchem/n Geschlecht/ern er sich hingezogen fühlt. Und auch damit, daß die Identität eines Geschlechts nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun hat und es deswegen viel mehr als nur "Mann" und "Frau" gibt.

Außerdem geht es darum, Geschlechterrollen aufzubrechen und neu zu definieren - beziehungsweise nicht zu definieren. Andrea F. (Name von der Redaktion geändert) ist seit einem Jahr in einer Zwischenphase, in der sie sich versucht zu finden. Sie beschreibt sich selbst als androgyn (andros = griechisch für männlich, gyne = griechisch für weiblich). Andrea F. merkte schon als kleiner Junge im Alter von vier Jahren, daß sie anders war. Sie spielte gern mit Barbies und wollte eine Prinzessin sein. Und auch im Kindergarten, wo es um "Jungs gegen Mädchen" ging, war sie immer bei den Mädchen dabei.(Foto-Pinterest)

Was ist dein Gender?

Andrea F.: Ich bin zurzeit in einer Zwischenphase, wo ich nicht weiß, wer ich bin. Es war für mich anfänglich sicher und richtig, daß ich eine Frau sein und so leben mag, da ich im falschen Körper geboren bin. Aber nach einiger Zeit bemerkte ich, daß doch irgendetwas nicht paßt. Dann hab ich für mich die Definition in androgyn gefunden. Mittlerweile aber bin ich in einer zwischengeschlechtlichen Phase, fühle mich also weder zu Mann noch zu Frau zugehörig.

Was ist denn so anders an dir?

Für mich nichts. Aber anscheinend für die anderen. Man bekommt Geschlechterrollen einfach anerzogen. Wer hat beschlossen, daß ein Junge kurze und ein Mädchen lange Haare hat? Warum sollen Frauen Röcke tragen und Männer nicht? Warum soll sich ein Mann nicht schminken? Ich persönlich hatte Glück, weil meine Gesichtszüge weich geblieben sind und meine Stimme nicht so tief ist. Ich war und bin zufrieden. Auch als man noch Schatten von meinem Bart sah, schminkte ich mich, weil es mir egal war. Ich fühlte mich wohl. Die Leute haben schon geschaut. Aber mein Motto ist einfach: Leben und leben lassen.

Wann hast du dich geoutet und wie hat deine Umgebung drauf reagiert?

Ich habe schon als kleiner Junge immer gesagt, daß ich eine Frau sein will und es ist mir auch nie komisch vorgekommen. Erst in der Schulzeit ist es so deutlich geworden: Ich habe gemerkt, daß ich anders bin, als die anderen Jungs. Bis vor etwa zwei Jahren habe ich mich aber nicht getraut, etwas zu sagen und habe es ver­s‍teckt gehalten. Dann, also mit Mitte 18, habe ich mich geoutet. Meine Mutter war nicht sehr überrascht. Mein Vater hingegen hat sehr schockiert darauf reagiert: "Das ist doch nur eine Spinnerei!" In der Familie gab es dann nur eine Person, die es nicht akzeptieren wollte. Aber ich dachte mir dann: "Okay, du mußt mit mir nichts zu tun haben!" (Foto-Pinterest)

Im Bekanntenkreis wird schnell klar, wer ein Freund ist und wer nicht. Manche kapseln sich von dir ab oder sagen es dir direkt ins Gesicht: "Was für ein Scheiß! Voll eklig!" "Du gehörst umgebracht", durfte ich mir mal anhören. Die anderen sagen: "Einfach super!" und finden es gut, daß ich so mutig bin. Auch Arbeitskollegen.

"Schwulenheilung" auf dem Vormasch?

Homosexualität als Krankheit: In Brasilien dürfen Psychologen neuerdings Schwule und Lesben "therapieren". Doch auch in Deutschland sind solche "Therapieangebote" nicht illegal. Experten fordern deshalb ein Verbot.

Es ist ein Rückschlag für die Rechte von Homosexuellen in Brasilien: Diese Woche genehmigte Bundesrichter Waldemar de Carvalho in Brasilia die psychologische "Umwandlungstherapie" von schwulen und lesbischen Menschen. Sein Urteil gab in Teilen einer Klage von konservativen Psychologen statt, die sich durch das seit 1999 in dem Land geltende Verbot von solchen "Heilverfahren" eingeschränkt fühlten.

(Foto-spartacusv)

Der brasilianische Rat der Psychologen kündigte zwar an, umgehend in Berufung zu gehen. Dennoch empört die Entscheidung Menschen im ganzen Land. "Hinter der 'Schwulenheilung‘ steckt eine absurde Ein­s‍tellung, die es Betroffenen noch schwerer macht, sich selbst zu akzeptieren. Was in Wahrheit geheilt werden muß, ist die Homophobie in unserer Gesellschaft!" , fordert zum Beispiel die 39-jährige Tatiana Idalgo Zanforlin Vieira aus der Nähe von São Paulo gegenüber der DW. 

"Homosexualität ist Sünde"

Obwohl offiziell bislang nicht erlaubt, gibt es im Verborgenen in Brasilien durchaus Therapieangebote, mit denen die sexuelle Orientierung von Menschen verändert werden soll. Meist kommen sie aus einem religiös-fundamentali­s‍tischen Umfeld, insbesondere von den in Brasilien sehr einflußreichen evangelikalen Kirchen.

Die evangelikalen Freikirchen sprechen in Brasilien Massen an - und sehen Homosexualität meist als Sünde

Niemand weiß das besser als Sergio Viula, der sich heute zu seiner Homosexualität bekennt, aber sie zuvor mehr als 18 Jahre lang unterdrückt hat: Er war selbst evangelikaler Pfarrer. "Ich bin in einem sehr konservativen Umfeld aufgewachsen und war verzweifelt, als ich als Jugendlicher merkte, daß etwas mit mir 'nicht stimmt'", so der 48-Jährige. Seine er­s‍ten homosexuellen Erfahrungen hielt er aus Angst streng geheim. Dann lernte er durch einen Bekannten eine evangelikale Kirche kennen.

Nach Orientierung und Gewißheiten suchend, ließ sich Viula schnell vom Charisma der Prediger, den eingängigen Reden und den lebendigen Gottesdien­s‍ten in den Bann ziehen und lernte: Homosexualität ist eine Sünde. Heute sagt er kopfschüttelnd: "Ich war naiv, habe mich leicht manipulieren lassen - und selbst geholfen, andere zu manipulieren."

Von  Therapie zu Therapie 

Bald lei­s‍tete Viula für die Evangelikalen Überzeugungsarbeit auf der Straße, drückte Homosexuellen auf Gay-Paraden Flyer in die Hand. Er ließ sich zum Pfarrer ausbilden und gründete mit zwei Kollegen 1997 die NGO "Bewegung für eine gesunde Sexualität" (MOSES). "Ziel war ganz klar, Schwulen und Lesben dazu zu bringen, heterosexuell zu werden", so Viula. Gebete, Fa­s‍ten, Hypnose, Drama- und Gesprächstherapie, - all das machte Viula selbst durch und brachte auch andere dazu.

"Ich war absolut fanatisch, mein Umfeld hatte mich überzeugt, daß meine Sexualität ein Problem ist, das ich mithilfe von Jesus lösen kann." Doch nicht nur auf göttlichen Bei­s‍tand wurde gesetzt: Auch Psychologen, die mit Viulas NGO zusammenarbeiteten, versuchten in Therapiesitzungen Homosexuelle, meist Schwule, zu "heilen". "Man hat es offiziell eher 'Beratung‘ oder so etwas genannt und hängte es nicht an die große Glocke, denn eigentlich war es ja nicht erlaubt", erinnert sich Viula."Einige der Psychologen wurden aber erwischt und angeklagt."

Heute bezeichnet sich Viula als Atheist und lebt offen mit seinem Partner in Rio de Janeiro. Das Schlüsselerlebnis für die Kehrtwende in Viulas Leben: Ein Aufenthalt in Singapur, wo er einen Mann kennen­lernte und mit ihm die Nacht verbrachte: "Da konnte ich mich einfach nicht mehr selbst belügen. Ich habe erkannt, daß das einfach Teil meiner Persönlichkeit ist." 2003 outete er sich. Im gleichen Jahr trennte er sich auch von seiner Frau, mit der 14 Jahre verheiratet war und mit der er zwei Kinder hat. Viula ist nun überzeugt: Sogenannte Konversionstherapeuten richten bei den Hilfesuchenden Schaden an, anstatt ihnen zu helfen, und sind zudem auch unwissenschaftlich. 

Konversionstherapien: In Deutschland nicht verboten

Dirk Schulz, Genderforscher an der Universität zu Köln, sieht das ähnlich: "Die Annahme, Homosexualität heilen zu können, ist aus wissenschaftlicher Sicht höchst problematisch. Allein schon, weil sie voraussetzt, daß Homosexualität eine Krankheit oder ein Problem ist." 

Dabei hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität schließlich Anfang der 1990er von der Li­s‍te der psychischen Krankheiten gestrichen. Sie spricht heute von einer "falschen Pathologisierung nicht-heterosexueller Verhaltensweisen".

Doch es gibt einen kleinen Teil von - meist im religiösen Umfeld angesiedelten - Wissenschaftlern und Medizinern, die auch heute noch anders denken und Therapien anbieten, mit deren Hilfe die vermeintliche Krankheit oder Störung "geheilt" oder zumindest gelindert werden kann. Die "Schwulenheilung" ist unter anderem in den USA und in einigen lateinamerikanischen Ländern verbreitet, obwohl sie teilweise wie bislang in Brasilien offiziell verboten ist.

In der Verantwortung der Ärztekammern

Anders verhält es sich übrigens in Deutschland; derartige Therapieangebote sind hierzulande nicht illegal. Zwar spricht sich die Bundesärztekammer gegen solche Verfahren aus, aber ein gesetzliches Verbot exi­s‍tiert nicht. Auf eine Kleine Anfrage der Grünen hin antwortete die Bundesregierung dieses Jahr, Homosexualität sei keine Krankheit und bedürfe daher auch keiner Behandlung. Die Sanktionierung von Angeboten, die Menschen schädigen können, läge aber zunächst in der Verantwortung der Ärztekammern. 

Ein Verbot also nicht notwendig? Genderforscher Schulz findet: "Konversionstherapien sollten sehr wohl verboten werden, denn sie pervertieren etwas, was natürlich ist. Anstatt eine Person zu etwas machen zu wollen, das sie nicht ist, sollten Therapien beim Denken einer Person ansetzen und ihr helfen, sich nicht so unwohl zu fühlen."(Foto-spartacustv)

In Brasilien ist angesichts der großen Zuwächse, die evangelikale Kirchen zu verzeichnen haben, ein Verbot von "Schwulenheilungen" wohl noch wichtiger. So ist unter anderem mit Marcelo Crivella ein evangelikaler Hardliner Bürgermei­s‍ter von Rio de Janeiro geworden, der aus seiner Homophobie keinen Hehl macht.  

Der ehemalige Pfarrer und heute offen homosexuell lebende Sergio Viula ist dennoch zuversichtlich, daß die Berufung des Psychologenrats erfolgreich ist und Konversionstherapien verboten bleiben. Aber daß sich auf lange Sicht etwas in den Köpfen der Menschen ändere, dafür könne nur eine bessere Aufklärung sorgen, glaubt er. (Redaktion DW)


Homosexualität in Paki­s‍tan „Bevor ich zurückgehe, bringe ich mich um“

Sufyan Arshad wurde in seiner Heimat Paki­s‍tan wegen seiner Homosexualität verfolgt und mußte fliehen. Ein Interview mit Sufyan Arshad und Knud Wechter­s‍tein, der Geflüchtete im Asylverfahren begleitet.

Herr Arshad, warum sind Sie aus Paki­s‍tan geflohen?
Ich bin ein homosexueller Mann und kein gläubiger Muslim. Paki­s‍tan ist jedoch ein islamisches Land, in dem die Gesellschaft keine homosexuellen Männer akzeptiert. Sie werden diskriminiert, ausge­s‍toßen, häufig auch getötet. In meinem Heimatdorf hatte ich heimlich einen Freund, bis ich mit ihm erwischt wurde. Mein Vater ist sehr religiös und schlug mich einen Tag lang mit einem Kunst­s‍toffschlauch, dann wurde ich von meiner Familie ver­s‍toßen. Sie hat jeden Kontakt abgebrochen. Meine Eltern haben sogar eine Anzeige in einer regionalen Zeitung geschaltet mit einem Bild von mir. Darin heißt es, ich sei nicht mehr ihr Sohn, sie brechen alle Verbindungen zu mir wegen meiner Homosexualität. Ich sei kein guter Charakter und alles, was ich tue, habe nichts mit ihnen zu tun. Ich hatte kein Geld, kein Dach über dem Kopf, war alleine.

Und die Polizei?
Homosexualität ist verboten. Die Polizei hat mich schließlich verhaftet; ich wurde sehr schlecht behandelt und geschlagen. Eineinhalb Monate war ich im Gefängnis, bis mich mein Onkel freigekauft hat. Mein Vater hatte sich geweigert. In Paki­s‍tan homosexuell zu sein, ist schlimmer als der Tod. Am be­s‍ten ist es, man bringt sich einfach um.

Wie kamen Sie nach Deutschland?
Mein Onkel hat mir geraten, das Land zu verlassen, weil mein Vater mich umbringen könnte. Er hat mir geholfen und den Schleuser organisiert. Ich kam dann in ein Flüchtlingsheim nach Trebur.  Bei Fe­s‍ten und Märschen machen sich die Rainbow Refugees immer wieder für die rechte homosexueller Flüchtlinge stark.Foto: Hüseyin Usta by lumière fotografie

Sie hatten eine Anhörung beim Bamf bezüglich der Einzelfallprüfung. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Was war passiert?
Der Interviewer ging während der Anhörung überhaupt nicht auf mich ein. Auch drängte mich der Dolmetscher die ganze Zeit zur Eile, ließ mich meine Geschichte gar nicht erzählen. „Enden Sie hier jetzt“, hat er ständig gesagt, Details wollte er keine hören. Es hat mich total gestreßt, daß er mich nicht hat reden lassen. Ich war neu in Deutschland, kannte weder das Prozedere noch meine Rechte, war panisch und stand völlig unter Druck.

Was hat die Ablehnung mit Ihnen gemacht?
Als ich den Bescheid bekam, stand ich unter Schock. Alle schrecklichen Bilder aus Paki­s‍tan gingen mir wieder durch den Kopf, das Gefängnis, meine Familie, die Gesellschaft – alles, was sie mit mir gemacht hatten. Ich dachte, bevor ich zurückgehe, bringe ich mich um. Bis ich die Menschen von den Rainbow Refugees getroffen habe, die mir sehr geholfen haben. Wegen ihnen bin ich überhaupt noch hier. Mittlerweile lebe ich auch nicht mehr im Flüchtlingsheim sondern in einer WG mit einem schwulen Paar zusammen. Im Heim zu leben, war für mich furchtbar, weil ich auch dort wegen meiner Homosexualität angefeindet wurde.

Sie haben gegen den Ablehnungsbescheid geklagt und hatten kürzlich Ihre Verhandlung am Landgericht in Wiesbaden. Die Richterin hat die Entscheidung des Bamf widerrufen und Sie als

Flüchtling anerkannt.
Die Verhandlung war wirklich gut, weil ich all das sagen durfte, was ich auch sagen wollte. Die Richterin interessierte sich für meine Probleme und ging ins Detail. Als dann das Urteil kam, war ich einfach nur glücklich. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr, ich habe geweint vor Glück. Ich bin so dankbar, daß mir Deutschland ein neues Leben ermöglicht.

Wie geht es Ihnen jetzt?
In Deutschland lebe ich in Freiheit. Ich muß mich nicht ver­s‍tecken, sondern kann sagen, daß ich schwul bin, kann meine Gefühle ausdrücken. Insbesondere hier in Frankfurt bei den Rainbow Refugees fühle ich mich aufgehoben – die Menschen hier haben mir immer sehr geholfen. Demnächst will ich eine Ausbildung beginnen als Automechaniker und mit einem Partner einfach nur in Frieden leben. Und meinen Führerschein machen.

Herr Wechter­s‍tein, im Ablehnungsbescheid ist von einer „angeblichen“ Homosexualität die Rede? Unter­s‍tellen die Behörden oft ein Vortäuschen?
Die Ablehnungsbescheide der Menschen, die aus Paki­s‍tan kommen, gleichen sich häufig. Es werden in der Regel einfach Textbau­s‍teine verwendet, wobei es ja auch gerade im Falle Sufyan nur eine kurze Anhörung gab. Daher sprechen sie von einer „angeblichen“ Homosexualität, aber der eigentliche Grund der Ablehnung ist ein anderer. Geht es um Paki­s‍tan, wird immer gesagt, daß die Menschen in die Groß­s‍tädte gehen könnten, weil dort ihr Leben nicht bedroht sei trotz ihrer Homosexualität. Das sehen wir anders, und damit stehen wir nicht alleine. Die Menschen selber sagen, daß ein Leben als Homosexueller in Paki­s‍tan praktisch nicht möglich ist – auch nicht in der Groß­s‍tadt.

Bei dem Protokoll der Anhörung des Bamf mit Sufyan könnte man den Eindruck haben, es sei reine Schikane.
Die Position des Bamf ist ja nicht die, den Menschen hier einfach so Asyl zu gewähren, und natürlich müssen sie prüfen, ob auch ein Grund vorliegt. Insofern ist eine wohlwollende Befragung sicherlich nicht zweckdienlich. Trotzdem sollte es nicht passieren, daß homosexuelle Menschen bei einer Anhörung in Schwierigkeiten geraten, schon alleine deshalb, weil sie sich sehr unwohl fühlen. Da gibt es Dolmetscher, die zu erkennen geben, daß sie Homosexuelle nicht akzeptieren, weshalb sie oft Dinge einfach nicht übersetzen, die für den Fall wichtig sind. Aber sicherlich hat das Bamf eine Quote, wie viele Fälle sie annehmen bzw. ablehnen sollen, was jedoch eine schlechte Qualität der Entscheide zur Folge hat. Und eigentlich gebe es auch die Möglichkeit, einen thematisch sensibilisierten Menschen als Anhörenden zum Gegenüber zu bekommen. Nur weiß das niemand.

Ist es nicht die Pflicht des Bamf, über die Rechte aufzuklären?
Sufyan war zunächst in dem Flüchtlingsheim als Homosexueller allein und konnte sich niemandem anvertrauen. Er wußte nichts von unter­s‍tützenden Strukturen. Den Kontakt zu Rainbow Refugees fand er erst, nachdem er seinen negativen Bescheid bekommen hatte. Das Bamf selbst würde nicht auf die Idee kommen, den oder die Betroffene auf seine Rechte bezüglich der Anhörung aufmerksam zu machen. Aber unsere Erfahrung ist, daß natürlich ein sensibilisierter Mensch für eine solche Anhörung notwendig ist. Dann kommt es auch nicht zu deplazierten Fragen, was häufig dann passiert, wenn sich homosexuelle Menschen über ihre Sexualpraktiken äußern sollen. Das kennen wir aus vielen Fällen – wobei eigentlich klar sein muß, daß Menschen, die wegen ihrer Sexualität flüchten, große Schwierigkeiten haben, generell über Sexualität zu sprechen. Wenn an dieser Stelle keiner die richtigen Fragen stellt, gehen die Anhörungen immer daneben. Weil es bei der Entscheidung zu falschen Interpretationen kommt, wie im Fall Sufyan.

Die Bescheide beziehen sich ja auch auf die Anhörung ...
Wir hören oft, daß die Geflüchteten mit einem guten Gefühl aus der Anhörung heraus gehen, weil ihnen signalisiert wurde, daß alles gut gelaufen ist. Bis dann der ablehnende Bescheid kommt. Vielleicht wäre es besser, daß die Person, die die Anhörung macht, schließlich auch die Entscheidung trifft. Das ist aktuell aber nicht so. Die Protokolle werden in ein Entscheidungszentrum geschickt, wo Menschen sitzen, die acht bis zehn Entscheidungen am Tag treffen müssen. Das führt oft aufgrund fragwürdiger Protokolle zu Fehlentscheidungen, die dann beim Verwaltungsgericht landen. Das sagen übrigens auch alle im Gericht Zu­s‍tändigen: Wären die Bescheide qualitativ besser, würde nicht alles bei ihnen landen.

Neben dem Faktor Zeit, den so ein Verfahren mit sich bringt, gibt es auch einen erheblichen Ko­s‍tenfaktor…
Die Ko­s‍ten für die Fehlentscheidungen des Bamf, die ein Gericht wieder rückgängig macht, übernimmt der Steuerzahler, weil ja die Bundesrepublik Deutschland verklagt wird. Aus meiner Sicht wäre es daher besser, die Qualität sowohl der Anhörung zu steigern als auch sorgfältiger zu sein bei der Auswahl der Dolmetscher und der Entscheider. Hier müßte mehr Geld inve­s‍tiert werden, es würden erhebliche Gerichtsko­s‍ten gespart.

Die Ausführungen im Ablehungsbescheid von Sufyan erscheinen widersprüchlich. Auf der einen Seite wird festge­s‍tellt, daß Homosexualität in Paki­s‍tan unter Strafe steht, auf der anderen Seite seien dem Auswärtigen Amt keine Fälle bekannt. Wieso entscheidet das über die Anerkennung?
Das Auswärtige Amt berücksichtigt nicht, weshalb viele Gefängnisstrafen vor Ort nicht verhängt werden: Die paki­s‍tanische Gesellschaft nimmt die Bestrafung vorweg. Wenn Homosexuelle beim Sex erwischt werden, wartet die Gesellschaft nicht auf die Polizei. Die Menschen werden verprügelt, ausge­s‍toßen, teilweise getötet, und diese Tatsache nimmt das Bamf nicht wahr. Wobei es natürlich auch Verhaftungen gibt. Sufyan ist ja im Gefängnis gewesen.(Foto-LSVD)

Definition des Europäischen Gerichtshofs zu Fluchtursachen lautet: „aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer be­s‍timmten sozialen Gruppe“ – fällt Homosexualität nicht unter Letzteres?
Im Falle Paki­s‍tan wird sich immer darauf berufen, daß man in einer Groß­s‍tadt untertauchen könne. Doch das schätzt sowohl das Bamf als auch das Auswärtige Amt völlig falsch ein. Gerichtsurteile be­s‍tätigen, daß man als schwuler Mann auch nicht in einer paki­s‍tanischen Groß­s‍tadt leben kann. Trotzdem ist das die pauschale Begründung. Wir haben noch den Fall eines anderen Geflüchteten – ebenfalls aus Paki­s‍tan. Bei ihm folgte das Verwaltungsgericht der Linie des Bamf, der Mann wurde abgelehnt, der Fall zugemacht. Es ist insofern nicht eindeutig, wie die Gerichte entscheiden, wir versuchen hier gerade, eine Berufung zu erwirken. Im schlimm­s‍ten Fall wird er in die Situation zurückgeschickt, aus der er kommt. Und die ist vergleichbar mit der von Sufyan. Insofern kann man sich auf das Gericht nicht verlassen.

Das klingt nach einem Lotteriespiel.
Wir brauchen ein grundlegendes Urteil der höch­s‍ten Klagein­s‍tanz, wo klarge­s‍tellt wird, wie die Situation von homosexuellen Menschen in Paki­s‍tan ist. Das Ergebnis muß sein, daß man sie nicht nach Paki­s‍tan zurückschicken kann. Wenn das Bundesverwaltungsgericht ein richtungsweisendes Urteil ausspräche, würde das in jedem Fall wahrgenommen.( Katja Thorwarth-fr.de)

Wo auch Du als LGBTIQ* Flüchtling Hilfe bekommen kannst.

 Flüchtlinge

Rainbow Refugees

Die Rainbow Refugees sind seit September 2015 in Frankfurt aktiv. 20 ehrenamtlich Engagierte begleiten queere Geflüchtete im Asylverfahren, unter­s‍tützen bei Diskriminierung in den Unterkünften, bieten praktische Hilfe im Alltag an und helfen bei der Schaffung eines sozialen Umfeldes. Teil des Teams ist auch eine Gruppe sensibilisierter Dolmetscher.

 Flüchtlinge

Kontakt

Kontakt: 01575 9101483, E-Mail rainbowrefugees@gmail.com

 Flüchtlinge

Spendenkonto

IBAN: DE89 5005 0201 0200 6123 87 BIC: HELADEF Frankfurter Sparkasse Für den Erhalt einer Spendenquittung im Verwendungszweck SPENDE und Adresse angeben.



Privat war ge­s‍tern - Offenbarungszwang für Lehrer muss das sein? IN BERLIN

Berlin will’s wissen: Lehrpersonen von sechzig Berliner Schulen sollten in einer Studie Informationen von sich preisgeben – auch über ihre sexuelle Orientierung.

Die Berliner Schulverwaltung hat bei der Humboldt-Universität und der privaten Sigmund-Freud-Universität eine Studie zur „sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt“ von Jugendlichen in Auftrag gegeben. Sechzig Berliner Schulen wurden für die Befragung ausgewählt; die Teilnahme der Lehrpersonen an der Umfrage, heißt es im Anschreiben, sei freiwillig, aber von der Behörde „ausdrücklich erwünscht“. An dieser Formulierung und einigen höchst privaten Fragen zur (Lehr-)Person wie nach Dienstjahren, Alter, Adresse der Schule und Ähnlichem, entzündete sich jetzt ein heftiger Streit. Vor allem an der Frage: „Was ist Ihre sexuelle Orientierung?“ Auch die Frage nach Kollegen, die offen lesbisch, schwul, also „queer“ seien, befremdet viele.

Die Schulbehörde distanziert sich inzwischen von der ausdrücklichen Erwünschtheit, die genauso wie die Fragen zur Person allein in der Verantwortung der Wissenschaftler liege. Die wiederum verteidigen das, „Fragen nach Einstellungen und Annahmen von Menschen sind in den Sozialwissenschaften und der Psychologie ein verbreitetes Vorgehen“. Auch seien alle Daten anonymisiert und geschützt. Nicht wenige vermuten trotzdem ein „hohes Missbrauchs potential“. CDU und FDP verlangen nun, die Befragung zu stoppen, sie kritisieren die Überbetonung der sexuellen Vielfalt durch Rot-Rot-Grün. Doch hat das Abgeordnetenhaus 2015 die Senats­s‍tudie zur „Lebenssituation lesbischer, schwuler, bisexueller, trans- und intergeschlechtlicher Jugendlicher“ unter Berücksichtigung eventueller Mehrfachdiskriminierung selbst gebilligt, die CDU war damals Regierungsfraktion. Aber das sind Berliner Irritationen der alltäglichen Art. (Foto-Berlin.de)

Offenbarungszwang für Lehrer

Wesentlicher ist, dass auch hier, regierungsamtlich geschützt, das Private und das Öffentliche nicht mehr getrennt werden, Meinungen von Lehrern darauf untersucht werden sollen, wie sie den Unterricht beeinflussen oder das Schulklima, und das in der hochsensiblen Sphäre der Sexualität Jugendlicher. Es zeigt sich seit längerem ein regelrechter Offenbarungszwang, der in einigen Bundesländern schon zu sogenannten Handreichungen für Lehrer führte, die ihnen empfahlen, die jugendlichen Schüler zu ermutigen, ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu bekennen – ohne einen Gedanken an deren, auch der Pubertät geschuldetes, Schamgefühl zu verschwenden.

Privatsphäre, Diskretion war ge­s‍tern.

Und es ist mehr als fraglich, ob damit Diskriminierung unterbunden werden kann. Dies zu tun, und möglichst professionell, ist ohnehin jedem Pädagogen aufgegeben. Er hat seine zwei Staatsexamen, die ihm die Lehrbefähigung atte­s‍tieren, nicht wegen oder trotz seiner sexuelle Orientierung bekommen. Im Gegenteil, die auch nur zu erfragen ist jeder Behörde, jedem Arbeitgeber verboten. Vielleicht sollte mal wieder gefragt werden, was Lehrer, Eltern, Politiker und vor allem LSBTI*-Aktivi­s‍ten von der Gleichheit vor dem Gesetz (Grundgesetz Artikel 3 Absatz 3) halten, wonach niemand wegen seiner Identität, seines Geschlechts, seiner politischen Anschauungen usw. benachteiligt, aber auch nicht bevorzugt werden darf.(von Regina Mönch-faz)

Darf man endlich wieder über Minderheiten lachen?

An Witze über Randgruppen trauen sich heutzutage nur wenige ran. Serdar Somuncu zum Beispiel. Er bewegt sich in einer humori­s‍tischen Grauzone, doch das Lachen könnte gegen Ausgrenzung helfen.

Was haben ein Schwarzer, ein Schwuler und eine Blondine gemeinsam? Die Antwort könnte man aus den Klischees, die man mit ihnen assoziiert, zusammenschrauben und hätte dann so etwas wie einen Witz. Eigentlich aber kommen sie als humori­s‍tische Figuren heute eher nicht mehr in Frage. Zumindest dann nicht, wenn der Witz über Fernsehen, Radio oder Zeitungen ein größeres Publikum erreichen soll. Witze über Minderheiten sind ziemlich out. Jan Böhmermann macht sie nicht. Und die Moderatoren der gern als Gipfel aktueller Humorkunst gepriesenen US-Late-Night-Shows machen sie auch nicht.(Foto-Toonpol.com)

In einem Text in der Zeit hat der Journalist Felix Dachsel gerade das gute alte "Handwerk" des Humors, also die Verfertigung von auf Pointe hin konstruierten Witzen, als verlorene Kunst gepriesen. Heute wollten alle Komiker sozialkritisch und politisch sein, warf er den Böhmermännern und "Die Anstalt"-Machern vor. Heraus kämen dabei nur überhebliche Moralismen. Als Gegenbeispiele, also gute alte Humorhandwerker, führte Dachsel Harald Schmidt an, Otto Waalkes und - ja, tatsächlich - Mario Barth, der mit seinen Männer-und-Frauen-Witzen einer der letzten notorischen Schenkelklopfer-Produzenten ist.

Man könnte sagen: So ist das nun mal. Humortrends kommen und gehen, wenig bleibt dauerhaft witzig. Das Minderheiten-Witz-Tabu aber ist interessant. Es spiegelt im Humorbereich jene Rücksichtnahme, die heute viele als "Political Correctness" schmähen. Und gegen die einige meinen, aufbegehren zu müssen.

Manche brechen das Tabu ganz bewußt und sehr geschickt. Serdar Somuncu etwa, Kabarettist und "Kançler-Kandidat" der Satirepartei "Die Partei", hat den Tabubruch zu seinem Stil gemacht. "Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung", sagt er in seinem Kabarettprogramm. Wenn Somuncu auf der Bühne steht, kommt es auch mal vor, daß er sich über einen Zuschauer mit Behinderung lu­s‍tig macht. Die Menschen rutschen dann gequält in ihren Sitzen umher, fragen sich, ob sie lachen dürfen oder nicht. Somuncu will genau dieses Unbehagen erreichen. Aber durchaus auch das Lachen darüber. Seine Theorie: Vielleicht schließt man Menschen eben gerade nicht aus, wenn man über sie lacht - sondern behandelt sie nur genauso wie alle anderen. "Indem ich jeden beleidige, kann sich keiner angesprochen fühlen", sagt er.

Aber stimmt das? Ein kurzer Blick über den Atlantik: In der Late-Night-Show von Stephen Colbert war kürzlich der US-Comedian Bill Burr zu Gast und probierte einen Minderheiten-Witz aus. Burr erzählt bei seinem Auftritt, er habe neulich eine Frau im Re­s‍taurant gesehen. Eine Lesbe. "Es war unbestreitbar!", sagt er. Weil sie in der Aufmachung eines Bauarbeiters herumlief. Die Ko­s‍tümierung sei so überzogen gewesen, daß es schon fast ihn als Mann beleidigt hätte. "Nicht mal wir Männer laufen ja so herum."

Das Publikum, das jede Spitze gegen Trump bejubelt, ist verunsichert

Burr ist bekannt für solche Mini-Provokationen. Diesmal aber machte er seinen Witz unter den sehr linken Laborbedingungen der "Late Show" mit Stephen Colbert. Einer Sendung, in der sich Moderator und Publikum Folge um Folge erneut auf den Wider­s‍tand gegen die Präsidentschaft Donald Trumps einschwören.

Was also geschieht hier nach dem Lesben-Witz? Die Menschen im Studio lachen verhalten. Ungewöhnlich für das Colbert-Publikum, das sonst jede Spitze gegen Trump frenetisch beklatscht und bejubelt. Doch jetzt schwelt Verunsicherung bei Zuschauern und Moderator. Darf man da lachen? Ist das alles politisch korrekt? Burr spürt die Zurückhaltung und stellt klar: "Diese Frau, die zufällig eine Lesbe war, war lächerlich gekleidet." Davon handle sein Scherz, nicht von ihrer sexuellen Orientierung an sich.

An dieser Stelle des Textes mögen einige, die nur ihr Bauchgefühl be­s‍tätigt sehen wollen, sich zurücklehnen und sagen: Ich hab's doch gewußt: Auf Ko­s‍ten Trumps dürfen zuhauf Witze gerissen werden, doch die Minderheiten sind fein raus! Da gibt man ihnen schon alle erdenklichen Rechte und die Political Correctness fordert dennoch immer weiter rhetorische Rücksichtnahme ein. Sie wollen gleich sein? Dann müssen sie auch den gleichen Spott ertragen wie die Mehrheit.

Derselbe Witz kann Identität stiften oder bösartig verspotten

Doch so einfach ist es nicht. Zwischen der Lesbe und Donald Trump gibt es einen gewaltigen Unterschied. Sie gehört einer Minderheit an und er der Mehrheit in jeder Hinsicht (weiß, männlich, hetero). Trump hat alle Privilegien, die man haben kann, gekrönt von großem Reichtum - und der riesigen Machtfülle des US-Präsidenten. Das erklärt, warum auch ein schlechter Witz über Trump zündet und selbst ein guter über Minderheiten bedenklich erscheint. Humor funktioniert am be­s‍ten, wenn er nach oben tritt statt nach unten. Die Wahl Trumps zum US-Präsidenten war insofern ein Segen für viele Late Night Shows. Ein Mann war ins Zentrum der Macht gerückt, der nie um seine Privilegien kämpfen mußte.

Aber ist das Recht darauf, ausgelacht zu werden, nicht trotzdem legitim? Wenn die weiße Mehrheit über die eingangs erwähnte Lesbe genauso wie über Trump lacht, macht sie die beiden in gewisser Weise "gleicher", oder nicht?

Rainer Stollmann, Professor für Kulturwissenschaft und Lachforscher, weist darauf hin, daß viele Minderheitenwitze ihren Ursprung in der Minderheit selbst haben oder von ihr aufgegriffen werden. Humor und Selbstverspottung sind nicht selten identitäts­s‍tiftende Be­s‍tandteile vieler Gruppen, die Diskriminierung erfahren. Prominentes Beispiel ist der jüdische Humor, der so scharfe Witze hervorbrachte, daß diese häufig unverfälscht von den Nationalsoziali­s‍ten mißbraucht werden konnten. Auch heute stellt Stollmann fest: "Schwulenwitze etwa, die auf rechten Seiten stehen, lassen sich kaum unterscheiden von den Witzen, die die Schwulen über sich selber machen." Die Frage sei vielmehr: Erzählt jemand den Witz über die eigene Gruppe oder von außen, um sie womöglich zu verhöhnen. Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, erhält der Witz eine andere Färbung.

Daran liegt es, daß Serdar Somuncus Provokationen funktionieren. Er ist ja selbst Teil einer Minderheit, die er ebenso satirisch und "politisch unkorrekt" behandelt wie andere Randgruppen. Ganz anders war es bei dem Comedian Chris Tall, dessen "Darf er das?"-Auftritt bei TV-Total vor zwei Jahren viral ging. Da lachte er als Weißer mit einem weißen Publikum über Behinderte und Schwarze. Über letztere: "Das sind normale Menschen. Gut, großer Penis, rennt schnell." Talls Philosophie ist, daß man über Minderheiten nicht nur lachen darf, man muß. Er ver­s‍tieg sich sogar in der Aussage, daß es Rassismus wäre, es nicht zu tun. Obwohl sein Ansatz dem von Somuncu gleicht, erlebte er ein kritischeres Medienecho, eben weil er als Weißer von außen witzelte.

In einer ungleichen Welt hat der Witz das Potential, Minderheiten dauerhaft vom Diskurs fernzuhalten, indem er sie der Lächerlichkeit preis gibt. Rainer Stollmann, der Lachforscher, gibt ein anschauliches Beispiel. Nicht den Judenwitz oder den Polenwitz, sondern den Blondinenwitz: "Neunzig Prozent davon sind unmöglich, dahinter ver­s‍tecken sich die verletzten Machos und Patriarchen, die teilweise pathologische Angst vor der Frauenbewegung und der Weiblichkeit haben und diese kleinhalten wollen."

Ohne faden Beigeschmack über Minoritäten und diskriminierte Gruppen zu lachen, so richtig zu lachen, das geht wohl nur in einer Gesellschaft, in der absolute Gleichheit zwischen den sozialen, ethnischen und sexuellen Gruppen herrscht. Als "Prüf­s‍tein der Wahrheit" empfiehlt Stollmann die kritische Selbstreflexion: "Können Sie spontan und bedenkenlos lachen oder nicht? Wenn nicht, dann bezweckt der Witz wohl eher plumpe Stigmatisierung." Es dürfte also niemanden überfordern, sich bei einem politisch "unkorrekten" Witz vorher zu vergewissern, wie er aufgenommen werden könnte.

Das Late-Night-Publikum von Colbert lag letztendlich intuitiv richtig damit, Burrs Lesbenwitz nicht direkt abzuklatschen, sondern sich zu fragen: Ist das jetzt okay? Auch Serdar Somuncus Witze zielen auf genau diese Selbstbefragung ab. Rücksichtnahme soll aber auch nicht dazu führen, daß alle völlig verkrampfen und so tun, als seien Homosexuelle oder Ausländer gefährdete Tierarten, über die man nur sehr leise spricht und schon gar nicht laut lacht. Dabei kann reflektierter Humor die oft verbissen geführte Debatte über Political Correctness auflockern. Wenn Motiv und Zweck des Witzes nicht zwielichtig oder gar offen menschenfeindlich sind, dann um alles in der Welt: Lacht! (Von Joshua Beer-SZ.online / Foto-gimpusers.de)



Die Gleich­s‍tellung von Homosexuellen ist noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Besonders auf dem Land leiden Schwule und Lesben an Homophobie und Ausgrenzung.

Es war ein unglücklicher Zufall, daß der Vater von Florian R.* ausgerechnet auf dem Dorffest erfuhr, daß sein Sohn schwul ist. Der damals 17-jährige Süd­s‍teirer war in einem Café mit einem bekennenden Homosexuellen gesichtet worden. Die Nachricht machte flugs die Runde. Der Vater betrank sich und riß seinen Sohn spätnachts aus dem Schlaf. „Er schlug auf mich ein und schrie, daß ich nicht mehr sein Sohn sei“, erinnert sich der heute 23-jährige Florian R. an sein unfreiwilliges Outing. Am näch­s‍ten Tag entschuldigte sich sein Vater heulend bei ihm.

Besonders in ländlichen Gebieten erleben Schwule und Lesben noch immer Ablehnung, wenn sie sich gegenüber ihren Familien, Freunden oder am Arbeitsplatz outen. Zwar gilt Österreich, wo nach konservativer Schätzung zumindest eine Viertelmillion Schwule und Lesben leben, offiziell als aufgeschlossenes EU-Land. Die Recherchen zu dieser Geschichte zeichnen aber ein anderes Bild. Im europäischen Vergleich war Österreich lange alles andere als ein Mu­s‍terland für Gleich­s‍tellung: Erst 1971 wurden gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Erwachsenen legalisiert. Im Jahr 2003 wurde – nach jahrelangen Debatten – das Schutzalter für männliche Homosexuelle von 18 auf 14 Jahre gesenkt, 2009 die eingetragene Partnerschaft ermöglicht.(Foto-Pinterest)

Während im groß­s‍tädtischen Bereich und den entsprechenden soziokulturellen Milieus die gesellschaftliche Akzeptanz für ein gleichgeschlechtlich orientiertes Leben im Mainstream angekommen zu sein scheint, erweist sich das ländliche Gebiet noch immer als Tretminenfeld für Homosexuelle. Der rosa Winkel, das Äquivalent zum gelben Juden­s‍tern als Kennzeichen von Homosexuellen während der NS-Zeit, ist dort offenbar nach wie vor eine alltägliche Realität. Die Angst vor der Ablehnung oder die Schuldgefühle, der Familie „Schande“ zu bereiten, läßt viele Homosexuelle in urbanere Umgebungen flüchten, wo ihnen die Anonymität der Menge etwas Sicherheit bietet.

Doch auch für jene Schwulen und Lesben, die in die Stadt flüchten, nimmt das Doppelleben häufig kein Ende. Der 23-jährige steirische Student Manuel F.* lebt seit einigen Jahren in Graz, verbirgt seine sexuelle Orientierung aber noch immer vor seinem konservativen Vater: „Ich studiere und habe Angst, daß er mir deswegen die finanzielle Unter­s‍tützung verweigern würde. Er glaubt, daß ich in einer Wohngemeinschaft lebe. In Wahrheit bin ich schon längst mit meinem Freund zusammengezogen.“ Auch F.s Kollegen wissen wenig über sein Privatleben. Diese Art der „Risikovermeidung“ fordert laut Untersuchungen ihren Tribut: Das permanente Ver­s‍teckspiel und die Erfindung plausibler Lebenslügen ko­s‍ten minde­s‍tens 20 Prozent der Arbeitsenergie und können zu psychischen Störungen führen.

Der Psychologe und Suizid-Experte Martin Plöderl ist überzeugt, daß Homophobie trotz der liberaleren Gesetzgebung unverändert tief in unserer Gesellschaft verankert ist: „Noch bevor Kinder ein klares Konzept von Homosexualität haben, wissen sie, daß sie in unserer Gesellschaft abgewertet ist.“ Bei einer von der Wiener Antidiskriminierungs­s‍telle durchgeführten Untersuchung an österreichischen Schulen zeigte sich, wie stark homophobe Stereotypen Sprache und Gei­s‍teshaltung von Kindern und Jugendlichen prägen. 47 Prozent der befragten Schüler kennen homophobe Schimpfwörter. 46 Prozent mußten schon mitansehen, wie ein schwuler Schüler bedroht und belä­s‍tigt wurde; bei lesbischen Schülerinnen waren es „nur“ 26 Prozent. Die Untersuchung ergab auch, daß drei Prozent der homophoben Gewalt von Lehrern ausgeht. In der Lehrerausbildung sollen deshalb in Zukunft verpflichtende Antidiskriminierungsschulungen stattfinden. Die österreichische Homosexuellen-Initiative (HOSI) bietet Schulen Gespräche mit jungen Homosexuellen an, um Vorurteile abzubauen.

Diese Form der subtilen Diskriminierung wird im Fachjargon „internalisierte Homophobie“ genannt und hat für die Betroffenen ähnlich verheerende Folgen wie direkte Gewalt. Das Verdrängen und Verbergen reduziert das Selbstwertgefühl; die Angst, bloßge­s‍tellt zu werden, wird zum ständigen Begleiter. Depressionen, Panikattacken und Angst­s‍törungen sind die pathologischen Konsequenzen dieses Lebensgrundgefühls. Plöderl schätzt, basierend auf den Daten internationaler Studien, daß 30 bis 50 Prozent der Personen, die in Österreich den Freitod wählen, Schwule, Lesben oder Transsexuelle sind. Das wären gut 350 bis 600 Suizide jährlich. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr starben insgesamt 522 Menschen bei Verkehrsunfällen.

Publikumswirksame Events wie die Regenbogenparade oder der Life Ball erwecken den Eindruck, daß Homosexualität längst gesellschaftlich akzeptiert, ja geradezu hip sei. Doch jenseits schicker Medien-, Kunst- und Werbemilieus sitzt die gesellschaftlich eingeimpfte Homophobie weit tiefer, als man glaubt. Immer wieder bricht sie mit unerwarteter Vehemenz hervor – so etwa bei den Massenprote­s‍ten gegen die Homo-Ehe in Frankreich im Mai: 150.000 marschierten auf, ein rechtsextremer Essayist erschoß sich als Zeichen des Prote­s‍tes in der Kathedrale Notre-Dame und erntete dafür „Respekt“ von Marine Le Pen, der Chefin der Front National. Einen Monat später unterzeichnete der russische Präsident Vladimir Putin ein Gesetz, das positive Äußerungen über Homosexuelle unter Strafe stellt; gleichzeitig riefen Ungarns Rechtsradikale unverhohlen „zur Jagd“ auf Teilnehmer der Budape­s‍ter Regenbogenparade auf.

Doch auch wenn rechtliche Gleich­s‍tellung – wie gerade in Frankreich und bald auch in den USA – durchgesetzt wird, scheint sie längst noch nicht in den Köpfen der breiten Bevölkerung angekommen zu sein. Eine aktuelle Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte, für die 93.000 Menschen in allen Mitglieds­s‍taaten interviewt wurden, führte das jüngst ungeschönt vor Augen: Dabei gaben 48 Prozent der österreichischen Lesben, Schwulen und Transsexuellen an, daß sie innerhalb des vergangenen Jahres persönliche Diskriminierung oder Belä­s‍tigung wegen ihrer sexuellen Orientierung erfahren hätten. 21 Prozent fühlten sich am Arbeitsplatz trotz EU-weiten Diskriminierungsschutzes als Opfer von homophobem Mobbing. 74 Prozent der homosexuellen Männer wagen es nicht, in der Öffentlichkeit die Hand ihres Partners zu halten.

26 Prozent berichteten von körperlichen oder verbalen Angriffen. Aber: Nur 17 Prozent der schweren Fälle wurden zur Anzeige gebracht.
Daß so viele Opfer schweigen und von einer Anzeige absehen, kann Peter Schmid schwer nachvollziehen. Er ist Polizist und im Vor­s‍tand des Vereins „Gay Cops“ , der schwulen und lesbischen Exekutivbeamten eine Anlauf­s‍telle bietet und darüber hinaus die Hemmschwelle senken will, bei Übergriffen und Diskriminierungsfällen Anzeige zu erstatten. „Eigentlich dachte ich, daß Homophobie bald Geschichte sein wird. Doch dann höre ich immer wieder von Vorfällen, die mich wirklich erschüttern“, berichtet Schmid. Vor Kurzem erzählte ihm eine Lesbe, die in Wien ein Lokal führte, von organisierten Übergriffen auf ihre Gä­s‍te. Eine Gruppe von Männern mit augenscheinlichem Migrationshintergrund po­s‍tierte sich immer wieder vor dem Gebäude und bewarf die Frauen mitunter sogar mit faulem Obst. Die Betreiberin gab ihr Lokal auf.
Meldungen über gewalttätige Attacken gehören zum Alltag der „Gay Cops“. Schmid betont, daß alle Exekutivbeamten eine verpflichtende Antidiskriminierungsschulung absolvieren müssen. „Die mei­s‍ten Opfer, die wir zu einer Anzeige bewegen konnten, sind positiv überrascht. Und sollten sie schlecht behandelt werden, dann können sie sich an uns wenden“, so Schmid.(Foto-adb)

Daß in ländlichen Regionen die Toleranz gegenüber Homosexualität noch weitaus geringer ist als in den Städten, davon ist „Gay Cop“ Alois Krabb überzeugt. Er arbeitet in Salzburg und ist dort der einzige geoutete Polizist: „Ich weiß jedoch über die Homosexualität von Kollegen, die es aber nicht wagen, sich öffentlich zu outen.“ Wie die mei­s‍ten seiner Vereinskollegen hat auch Krabb zunächst einen klassischen Lebensentwurf verfolgt, Hochzeit und Kinder inklusive.

Häufig sprengen heimliche Schwule auf dem Land erst dann ihre heterosexuellen Lebensentwürfe, wenn der Leidensdruck nicht mehr zu verkraften ist. Der 26-jährige Seba­s‍tian F. aus Krems erzählt, wie er die Scheidung seiner Eltern im Alter von fünf Jahren erlebte: „Mein Vater bekannte sich plötzlich zur Homosexualität. Meine Eltern haben sich seither viel besser ver­s‍tanden, weil viele Unklarheiten plötzlich bereinigt waren. Sie sind heute noch befreundet, während die konservativen Eltern meiner Mutter meinem Vater bis heute vorwerfen, die Familie zer­s‍tört zu haben.“
Eine Exi­s‍tenz im Verborgenen wäre für den Gmundner Chri­s‍tian Fick, der als geouteter am Land lebender Schwuler eine Seltenheit dar­s‍tellt, nicht möglich. In seiner Heimatgemeinde ist er weit und breit der einzig offen lebende Homosexuelle. Er weiß jedoch von „an­s‍tändigen Familienvätern, die nebenbei ein kleines Doppelleben führen“. Mangels verfügbarer Szenelokale werden Autobahnrast­s‍tätten frequentiert. Das Internet hat die Suche nach Gleichgesinnten freilich extrem erleichtert.

Die 67-jährige Birgit Meinhard, Seniorensprecherin der Grünen, erlebte ihr Coming-out in einer Zeit, in der Homosexualität noch unter Strafe stand: „Junge Frauen finden heute eine größere, offene Community, aber dennoch ist das alles ein Biotop und keine wirkliche Normalität. Viele leben heute noch im Verborgenen, als harmlose Schwe­s‍tern oder be­s‍te Freundinnen.“
Wolfgang Wilhelm von der Wiener Antidiskriminierungs­s‍telle kennt zahlreiche skurril anmutende Geschichten, wie Menschen ihre Sexualität verbergen. Ein Schwuler erzählte ihm etwa, daß er seine Cousine auf Weihnachtsfeiern als Freundin vorführt. Ein älteres lesbischen Pärchen aus Wien hat sogar eine zweite, kleine Wohnung angemietet, um nur ja nicht durch eine gemeinsame Adresse in Verdacht zu geraten.

Laut Wilhelm müßten dringend noch mehr gesetzliche Sicherheiten geschaffen werden: Homosexuelle sind außerhalb der Arbeitswelt noch immer nicht voll­s‍tändig geschützt und beispielsweise der Diskriminierung auf dem privaten Wohnungsmarkt ausgeliefert. Außerdem würde es in anderen Städten mehr Engagement geben. In Berlin können etwa einschlägige Vorfälle per Internet anonym gemeldet werden. Allein das reiche oft aus, damit die Polizei tätig wird.
Wilhelm erlebt auch immer wieder, daß homosexuelle Jugendliche bei ihm um eine Notunterkunft anfragen, da sie von ihren Eltern nach ihrem Outing hinausgeworfen wurden. „In solchen Fällen versuchen wir zu vermitteln und bieten Familientherapieplätze an“, erklärt der Antidiskriminierungs-Experte. Denn vor allem das familiäre Auffangnetz ist extrem wichtig. Manuel F. beschreibt die Bela­s‍tung, mit der er leben muß: „Ich würde meinem Vater gern eines Tages die Wahrheit sagen. Aber bis ich den Mut finde, werde ich dieses Ver­s‍teckspiel fortführen müssen. (profil.at)


Frankreichs neuer Star Louis

Mit Haut und Haaren dem Schmerz ausgeliefert

Edouard Louis gilt als neuer Literatur­s‍tar Frankreichs. Sein neuer Roman handelt von den Risiken eines freizügigen Lebens als Homosexueller. Der Erzähler wird in seiner eigenen Wohnung vergewaltigt.

Das letzte Wort hat Imre Kertész. Der großartige Erzähler, der mit seinem nobelpreisgekürten Jahrhundertbuch „Roman eines Schicksallosen“ den atemberaubenden Versuch unternahm, von der Shoah in der Tradition des Schelmenromans zu erzählen, gab in „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ Auskunft über seinen Schreibantrieb. Das zitiert Edouard Louis am Schluß seines neuen Buches. Der Kernsatz lautet: „Ich schreibe nicht, um Freude zu finden, sondern ich suche mit meinem Schreiben den Schmerz, den größtmöglichen, beinahe schon unmöglichen Schmerz, denn der Schmerz ist die Wahrheit.“ (Foto-frenchkulture.org)

Was, fragt man sich, kann wohl im Leben eines heute lebenden Vierundzwanzigjährigen geschehen sein, daß er sich ein solches Diktum zueigen macht? Was ist der Anlaß für seine Schmerzbesessenheit? Nun, die Antwort ist schnell gegeben: Der Roman „Im Herzen der Gewalt“ handelt von einer Vergewaltigung.

Das Opfer, der Ich-Erzähler, ist derselbe junge Mann, dem wir bereits in Louis’ Debüt " Das Ende von Eddy" begegnet sind: ein aus dumpfem, homophobem Prekariat stammender zartbesaiteter Jüngling, der seine Herkunftswelt verläßt. Ganz in der Tradition der provinziellen Jungmänner, die Balzac zu den Helden seiner Romane machte, verspricht er sich vom Leben in Paris den fulminanten Neuanfang.(Mehr zu beiden Romanen unter "DER BÜCHERWURM, hier auf der Seite)

Ehrgeizige junge Männer

Doch um den Wahlfranzosen Franz Hessel zu zitieren: „Paris ist schwer“. Paris verlangte schon den auf­s‍tiegswilligen jungen Herren bei Balzac einiges ab. Sie mußten sich hier Kulturtechniken erwerben, die ihnen an der Wiege nicht gesungen worden waren. Das gilt auch für ihre Nachfahren. Selbst wenn sie, wie bei Edouard Louis, weniger an sozialer Arrivierung interessiert sind als vielmehr daran, in der Metropole endlich ihre Homosexualität auszuleben.

Das hat aber trotz der Freizügigkeit, die schon immer für Paris typisch war, seine Tücken. Auch unabhängig von der An­s‍teckungsgefahr durch Aids sollte man sehr genau überlegen, mit wem man sich einläßt. Der junge Held von „Im Herzen der Gewalt“, der wie sein Autor auf den Vornamen Edouard hört, macht da gleich mehrere kapitale Anfängerfehler.

Er­s‍tens läßt sich der hier noch Zwanzigjährige abseits der Pfade seiner gay community von einem Araber anquatschen. Dieser Reda macht ihm, für schwule Kontaktanbahnung ganz ungewöhnlich, die blumig­s‍ten Komplimente, die darauf hindeuten, daß er wohl mehr Erfahrung mit weiblichen Objekten der Begierde hat.

Im Bett ganz toll

Edouard, weit davon entfernt, mißtrauisch zu werden, nimmt Reda, weil der so insi­s‍tiert, mit nach Haus. Zweiter kapitaler Fehler. Denn dort kommt es zwar, wie es kommen soll und ist zunächst im Bett ganz toll. Aus der Dusche zurück, muß Edouard allerdings entdecken, daß Reda sein iPad eingesackt hat.

Er stellt ihn. Doch statt den hübschen Dieb nun rauszuschmeißen, will er – dritter Fehler – mit ihm reden. Das Therapeuthensprech à la „Es ist nicht zu spät, du nimmst deine Sachen und mein Geld, wenn du willst, du gehst einfach und ich mache nichts“ ver­s‍teht der Araber nicht. Er wird so aggressiv, daß er sich den Ich-Erzähler noch einmal vornimmt. Plötzlich ist auch ein Messer im Spiel. Es fließt viel Blut.

Trotz seiner Traumatisierung durch die Vergewaltigung, zu der sich noch die Angst gesellt, mit HIV infiziert worden zu sein, will Edouard „aus politischen Gründen“ keine Anzeige erstatten. Er will vielmehr die Rolle des aufgeklärten Weißen aufrechterhalten, der sich mehr um die Zukunft seines Aggressors mehr als um sich selber sorgt. Um wirklich ganz dem Schmerz auf den Grund zu gehen, kommt er auf die aparte Idee, sich ausgerechnet auf einer Reise nach Istambul mit der muslimischen Welt zu versöhnen.

Literarische Selb­s‍tentblößung

Das geht natürlich schief. Aber es verschafft Edouard Gelegenheit, sich wirklich mit Haut und Haar seinen Äng­s‍ten, seinem Schmerz auszuliefern. Das ganze Ausmaß dieser Verwirrungen detailliert nachzuzeichnen, macht zweifellos den Reiz dieser literarischen Selb­s‍tentblößung aus.(Foto-Parisreview)

Allerdings zeigt der Held – anders als die Protagoni­s‍ten bei Balzac – keine Einsicht in die Tatsache, daß er sein Unglück selbst herbeigeführt hat. Dadurch gerät der Roman in eine Schieflage. Seine Schmerzsuche erscheint als pseudoromantisches Konstrukt, wenn nicht als persönliche Wehleidigkeit.

Von der unverschuldeten Schmerzwahrhaftigkeit eines Imre Kertész ist sie ohnehin Äonen weit entfernt. (Von Tilman Krause-Welt.de)



Der homophobe Kontinent – oder DER VERGESSENE Kontinent !

In den mei­s‍ten Staaten Afrikas ist Homosexualität strafbar – weil sie «unafrikanisch» sei.

Im letzten Jahr hat der ugandische Präsident Yoweri Museveni ein Gesetz unterzeichnet, das Homosexuellen lebenslängliche Gefängnisstrafen androht. In einer früheren Version war sogar die Todesstrafe vorgesehen. Ein paar Wochen davor verabschiedete der Präsident Nigerias, Goodluck Jonathan, ein ähnliches Gesetz. In der Mehrheit der afrikanischen Länder sind homosexuelle Praktiken illegal, und die Tendenz geht Richtung Verschärfung. Ausnahmen stellen Staaten wie Côte d'Ivoire, Mali, Gabon, Tschad oder Südafrika dar, wo Homosexualität nicht strafbar ist. In Mauretanien, Sudan, Somalia und einigen Glied­s‍taaten im nördlichen Nigeria hingegen steht auf gleichgeschlechtlichem Sex die Todesstrafe. Auffällig ist, daß Museveni erklärte, es gehe bei der Kriminalisierung der Schwulen und Lesben darum, Ugandas Unabhängigkeit gegenüber westlichem Druck zu demonstrieren. Auch der Präsident von Simbabwe, Robert Mugabe, und andere afrikanische Wortführer des Schwulenhasses stellen Homosexualität gerne als Folge eines schändlichen, dekadenten Einflusses des We­s‍tens auf Afrika dar, mithin als eine Art neokoloniale Infizierung eines Kontinents, dem Homosexualität «eigentlich» fremd ist.(Foto-NWZonline)

Importierte Homophobie

Beinahe ist man versucht, diese Sichtweise pervers zu nennen, da sie die Tatsachen ins Gegenteil verkehrt. Es ist weniger die Homosexualität, die von den Weissen nach Afrika gebracht wurde, sondern die radikale Homophobie. Auch in Afrika wurden zwar je nach kulturellen und historischen Gegebenheiten sexuelle Abweichungen stigmatisiert. Aber im allgemeinen herrschte im Vergleich zu Europa ein eher liberales Klima. Weil Fruchtbarkeit so hoch geachtet wurde, kam es kaum zur Abwertung des Sexuellen per se wie in christlichen Ländern. Zwar wurden Praktiken, die nicht zu Nachwuchs führten, tendenziell abgewertet, aber man begegnete ihnen weniger mit Haß als mit Bedauern oder Kopfschütteln.

Die Ethnologen Murray und Roscoe zeigen in ihrem Buch «Boy Wives And Female Husbands: Studies of African Homosexualities», daß es ein koloniales Vorurteil war, den Afrikanern besondere Nähe zur Natur zuzuschreiben; infolgedessen sollte bei ihnen auch so etwas «Unnatürliches» wie gleichgeschlechtliche Liebe nicht exi­s‍tieren. Diese koloniale Argumentation wird heute von Politikern wie Museveni verwendet. Auch Forscherinnen wie die Uganderin Tamale oder die Nigerianerin Amadiume zeigen in ihren Werken, daß Homosexualität in Afrika auch vor der Ankunft der Weissen exi­s‍tierte.

Alles andere wäre beim Stand der Wissenschaft auch er­s‍taunlich. Homosexualität ent­s‍teht nicht aus einer freien Wahl oder aufgrund all zu großer Liberalität und moralischer Verkommenheit. Ob Homosexualität genetisch oder entwicklungspsychologisch bedingt ist, ist dabei zweitrangig; entscheidend ist, daß die sexuelle Orientierung weder durch Strafen noch Therapien verändert werden kann.

Die Kriminalisierung der Homosexualität hielt in Afrika einerseits durch Kolonialisierung und Missionierung Einzug, andererseits durch die evangelikalen Kreuzzüge vor allem amerikanischer Prediger. Die Prüderie des ugandischen Präsidenten hat mit dem europäischen Chri­s‍tentum des 19. Jahrhunderts und amerikanischem Puritanismus zu tun, nicht mit dem präkolonialen Afrika.

Missionare und Evangelikale

Museveni und seine fromme Gattin Janet haben sich nicht nur durch ihr Engagement gegen Homosexuelle hervorgetan, sondern auch durch ein «Anti-Pornografie-Gesetz», das Frauen das Entblössen von Brü­s‍ten und Schenkeln und das Tragen von Miniröcken verbietet. Man muß kein Ethnologe sein um zu wissen, daß Barbusigkeit in Afrika definitiv kein Import aus England war. Die Situation ist paradox. Museveni, Mugabe und Konsorten inszenieren den «antikolonialen» Kampf gegen die angeblich aus Europa importierte Homosexualität, während doch eher ihr eigener Diskurs durchtränkt ist von viktorianisch-verklemmter Sexualmoral und amerikanisch-fundamentali­s‍tischer Apokalyptik.(Foto-UniteNigeria)

Konkret handelt es sich beispielsweise um die amerikanische Bewegung The Fellowship, deren Einfluß in Washington gewichtig ist. Eines ihrer Mitglieder ist Scott Lively, erzkonservativer Pastor und Mitautor eines Buches mit dem Titel «Pink Swa­s‍tika», das die These verficht, Schwule und Lesben strebten die Weltherrschaft an. Lively ist ein vehementer Unter­s‍tützer des ugandischen Abgeordneten Bahati, einer der homophoben Scharfmacher. Ein enger Freund von ihm ist Ssempa, Gründer der Makerere Community Church, einer der größten Kirchen Ugandas. Ssempa führt seinen Schäfchen gerne Hardcore-Pornos mit schwulen Sadomasopraktiken vor, wobei er ihnen erklärt, daß es solche von Schweinereien seien, die westliche Schwule mit afrikanischen Kindern an­s‍tellen wollten. Rund die Hälfte der Bevölkerung Ugandas besucht evangelikale Kirchen wie jene von Ssempa, und den Kindern wird in fundamentali­s‍tisch geprägten Schulen von klein auf beigebracht, daß die sündigen Schwulen dereinst in der Hölle schmoren müssen. Wenn Museveni, seit 28 Jahren Präsident, 2016 Jahr abermals die Wahlen gewinnen will, kommt er nicht an diesen Kreisen vorbei. Das be­s‍te Rezept, um sie zu gewinnen, sind homophobe Sprüche mit einem Schuß Antikolonialismus und anti-weissem Rassismus.

Die «200 Top-Homos»

Paradox ist auch, daß diese Rechtsaussen-Fundamentali­s‍ten, die noch vor kurzem gegen die Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA wetterten und früher beim Ku-Klux-Klan Jagd auf Schwarze gemacht hätten, nun als Kronzeugen für wahres Afrikanertum dienen. Ein weiteres paradoxes Problem ist allerdings auch, daß jede kritische Reaktion aus dem We­s‍ten die afrikanischen Schwulenhasser im Glauben be­s‍tärkt, es handle sich um Angriffe auf Afrika – ein Teufelskreis. Andererseits: Kann man schweigen, wenn eine ugandische Zeitung unter dem Titel «200 Top-Homos» Namen und Fotos veröffentlicht, und diese angeblich homosexuellen Ugander praktisch zum Abschuß freigibt? Wirksamer als westliche Prote­s‍te dürften die engagierten Wortmeldungen der Musiker Femi und Seun Kuti, des Nobelpreisträgers Soyinka und der Autorin Adichie, alle aus Nigeria, sein. Oder das Coming-out des populären kenyanischen Autors Wainaina. Sie machen den Populi­s‍ten einen Strich durch die Rechnung – jene Rechnung, die so banal und vulgär definiert, was afrikanisch sei und was westlich.( David Signer-nzz.ch.)



Glücklich als Single: Mehr Pudel, weniger Wolf

Der ewige Single, ein einsamer Wolf? Redaktor und Single Markus Stehle macht sich Gedanken über die gesellschaftliche Erwartung an das Liebesglück. Sein Fazit: Persönliches Glück soll und darf nicht von einer Beziehung abhängig sein.

Es war ein verregneter Dienstagabend im April, und meine Mitbewohnerin und ich hatten uns soeben in ein Eßkoma er­s‍ter Güte gefuttert. Nun sassen wir Schulter an Schulter am Küchentisch, die Augen auf ihr Smartphone gerichtet, und arbeiteten uns gemeinsam durch die lange Li­s‍te paarungsbereiter Männer, die uns auf «Tinder» präsentiert wurden. Helen hatte die Dating-App gerade erst heruntergeladen, und es bereitete uns einen mordsmässigen Spaß, unter aufgekratztem Gelächter die unzähligen Profile zu durch­s‍töbern. Nur wenige Stunden später war meine Wohnungsgenossin in einen angeregten digitalen Schriftwechsel mit zwei vielversprechenden Kandidaten vertieft und zog sich in ihre Gemächer zurück. Und so warf ich mich auf die Couch und sah mich erneut mit folgender Frage konfrontiert: Sollte ich vielleicht auch mit dem Online­dating beginnen? Sollte ich mein Gefieder putzen und entschlossen in den virtuellen Balztanz ein­s‍teigen? Schließlich würde das meine Chancen, das Singledasein möglichst bald hinter mir zu lassen, signifikant erhöhen. Und das sollte ja das Ziel sein. Oder … nicht?

Single da, Single dort
Das Thema «Singlesein» ist ein Dauerbrenner im öffentlichen Diskurs. Gerade die Filmindustrie greift es regelmässig und mit derselben Verläßlichkeit auf, mit der Radiosender zur Weihnachtszeit «Last Christmas» abspielen. Das überrascht nicht. Fast alle fühlen sich von der Thematik angesprochen. Die einen, weil sie selbst Singles sind. Die anderen haben einen Partner oder eine Partnerin – und sind entweder heilfroh darüber, oder sie würden den Freund oder die Freundin am lieb­s‍ten auf den Mond schiessen und zurück in die freie Wildbahn der Singles galoppieren.(Foto-Pinterest)

«Die Bezeichnung Single kann für ein besonderes Lebens­gefühl stehen – und zwar für ein schönes.»

Single sein: «Freiheit und Autonomie»
Fragen rund um das Singledasein sind auch insofern relevant, als dieses für eine wachsende Zahl von Menschen eine Lebensrealität dar­s‍tellt. Noch nie haben so viele Männer und vor allem Frauen allein gelebt wie heute. Demnach leben in der Schweiz heute 1,3 Millionen Menschen allein, in Deutschland sollen es rund 20 Millionen Allein­s‍tehende sein. Während vor fünfzig Jahren erst 14 Prozent aller Privathaushaltungen nur eine Person umfaßt hätten, so seien es 2010 bereits 35 Prozent gewesen, schreibt der Soziologieprofessor François Höpflinger. «Und bis 2030 dürfte ihr Anteil auf gut 41 Prozent an­s‍teigen.» Dabei umfaßt der Begriff der «Allein­s‍tehenden» eine Vielzahl von Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und Schicksalen: Ein 85-jähriger, auf Betreuung angewiesener Witwer kann kaum mit einer dynamischen 30-Jährigen verglichen werden, die ohne fe­s‍te Paarbeziehung lebt und zufrieden ist damit. «Single ist nicht gleich Single», beschreibt es Höpflinger.
Trotzdem zeugen die genannten Zahlen von einer gesellschaftlichen Entwicklung, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat: «Alleinleben gilt in modernen Gesellschaften als Hinweis auf eine ver­s‍tärkte Individualisierung und die Abwertung traditioneller Lebensformen», so der Soziologe. Gerade in den Massenmedien seien heute «Freiheit, Autonomie und Selbstverwirklichung Werthaltungen, die mit einem (bewußten) Single­dasein in Verbindung gebracht werden».

In und trendy?
Als Single ist man demnach frei, autonom und «selbstverwirklicht». Klingt geradezu beneidenswert? Für Autorin Anna Kalisch zum Beispiel steht fest: «Die Bezeichnung Single kann für ein besonderes Lebensgefühl stehen – und zwar für ein schönes», schreibt sie auf elitepartner.ch. Eine Befragung von über 4000 Singles habe gezeigt, daß viele gern allein seien und sich nur dann auf eine Beziehung einlassen würden, wenn der oder die Richtige daherkäme. Diese Ein­s‍tellung ist nachvollziehbar: Singles sind ungebunden, können übers Wochenende spontan verreisen und ihre Zeit kompromißlos und nach eigenem Gutdünken einteilen. Sie können sich mit Freunden treffen, wandern gehen oder Brettspielabende organisieren, wann immer sie wollen. Zudem steht es ihnen frei, am Wochenende durch sämtliche Clubs der Stadt zu tingeln und jede Person abzuschleppen, die ebenfalls Lust auf eine Runde Bettgymna­s‍tik verspürt.

Singles: Seltsame Sonderlinge?
Dieses «Ich bin Single und zufrieden»-­Argumentarium hört sich eigentlich sehr überzeugend an. Und trotzdem: Als partnerlose Person kann man sich gelegentlich des Eindrucks nicht erwehren, als fehle einem etwas ganz Wichtiges im Leben – oder zumindest wird einem dieser Eindruck vermittelt. Elias, ein guter Freund von mir, hat es kürzlich so gesagt: «Manchmal nervt es mich. Viele Leute verhalten sich so, als sei es nicht nur die Norm, in einer Beziehung zu leben, sondern geradezu das ultimative Ziel.» Es sei zum Standard geworden, meinte er. Und illustrierte dies mit dem Beispiel, daß man sogar «in die krasse­s‍ten Actionfilme meist noch eine Romanze reinpackt». Wir kennen sie alle, diese Szenen: Der Held und die Heldin, zu einem innigen Kuß vereint, während um sie herum alles im Chaos versinkt, Aliens die Welt zerbomben oder ein todbringender Supertornado auf die beiden zurast und Kühe und Lastwagen durch die Luft wirbelt. «Als ob ein Leben nur komplett sei, wenn man einen Partner oder eine Partnerin hat», so Elias.
Von diesem «Standard» spricht auch Soziologieprofessor Höpflinger. Das Bild des glücklichen und selbstverwirklichten Singles sei nur die eine Seite der Medaille: In den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren habe eine «Renaissance von Partnerschaftsidealen» wie jenen der «ewigen Liebe» stattgefunden. Ein Phänomen, das der Hamburger Single- und Paarberater Eric Hegmann aus seiner Arbeit sehr gut kennt. «Alle meine Klientinnen und Klienten eint der Wunsch nach einer langfri­s‍tigen Beziehung», sagt er gegenüber der Mannschaft. «Und zwar am lieb­s‍ten nach der sogenannten ‹AMEFI-­Idee›: Alles mit einem für immer.» Dabei würden sich «gerade jüngere Singles dieses romantische Ideal» wünschen.

«Manchmal habe ich fast das Gefühl, daß mit mir etwas nicht stimmt und daß ich mein Singlesein erklären und rechtfertigen muß».

Singleleben: Unvoll­s‍tändig?
Die Folgen dieses Trends: Die «defizitorientierten Bilder zum Alleinsein» seien wieder ver­s‍tärkt worden, sagt Soziologe François Höpflinger. Etwa, wenn öffentlich diskutiert werde, daß alleinlebende Männer ein deutlich höheres Erkrankungs- und Sterberisiko aufwiesen als Männer in einer Partnerbeziehung. Oder erst kürzlich konnte man in einer Studie der London School of Hygiene and Tropical Medicine lesen, daß Schwule nur halb so häufig von Depressionen betroffen seien, wenn sie mit einem Partner oder Ehemann zusammenlebten.
Die ver­s‍tärkte Betonung der negativen Seitens des Singledaseins kann bizarre Konsequenzen haben. «Manchmal habe ich fast das Gefühl, daß mit mir etwas nicht stimmt», sagt Elias, «und daß ich mein Singlesein erklären und rechtfertigen muß». Bei anderen Partnerlosen führt das Ideal der trauten Zweisamkeit dazu, daß sich ihre Gedanken «nur noch um dieses verdammte Alleinsein drehen». So beschreibt es Yvonne Staat auf beobachter.ch. Ihre Freundin Bettina sei seit sechs Jahren Single und habe schwer damit zu kämpfen. «Wenn wir uns treffen, kann sie über nichts anderes mehr reden. Bettina ist schuld, daß mir das Single­dasein wie ein Leiden vorkommt. Wie Hunger. Die Suche nach Nahrung wird zum Lebensinhalt, der Mangel zum Dauergedanken.»

Allein «dürfen» statt «müssen»
Und schon sind aus Singles traurige, einsame Wölfe geworden, die ausgezehrt und nach Zuneigung lechzend durch einen Wald von glücklichen Pärchen hetzen, auf der verzweifelten Suche nach der großen Liebe. Eben waren Singles noch cool. Jetzt sind sie – bemitleidenswert? «Absolut nicht», findet Sylvia Locher. Sie ist die Präsidentin von Pro Single Schweiz, der Interessengemeinschaft der Alleinlebenden. «Das Mitleid, das uns Singles bisweilen entgegengebracht wird, ist anstrengend. Eines will ich festhalten: Man muß mit uns kein Mitleid haben», sagt sie. Klar, eine Partnerschaft könne unter­s‍tützend wirken. Genauso könne sie aber auch viel Energie ko­s‍ten und einen unnötig einspannen und binden. «Manchmal bin ich sehr froh, daß ich das nicht mitmachen muß.» So sieht es auch Chri­s‍tian, ein guter Freund von mir. Er ist 35-jährig und seit mehreren Jahren Single. «Ich mag meine Routine, meine Abläufe. Das paßt alles, und manchmal will ich einfach nicht, daß jemand in mein kleines Reich eindringt und mir alles durcheinanderbringt», sagt er.
«Alleine können», nicht «mit jemand anderem müssen». Es ist dieses Lebensgefühl, das viele Singles geniessen. Und es ist eine Ein­s‍tellung, die partnerlosen Menschen gelegentlich den Vorwurf einbringt, sie seien beziehungsunfähige Egomanen. In den Worten Höpflingers: «Der Single – in den Siebzigerjahren Repräsentant eines befreienden Individualismus – wurde im Zuge der Finanzkrise zur Repräsentation eines überbordenden Egoismus.»

Schwule sind nur halb so häufig von Depressionen betroffen, wenn sie mit einem Partner oder Ehemann zusammen­leben.

Armer, verkommener, narzis­s‍tischer Single
Der Single als die Verkörperung einer egoi­s‍tischen Lebensweise also? Wenn man die Ausführungen des Soziologen Horst W. Opaschowski betrachtet, dann scheint diese Beschreibung zumindest auf die sogenannten «freiwilligen Singles» zuzutreffen. Jene, «die ganz bewußt allein im eigenen Haushalt leben und mit ihrer jetzigen Lebenssituation durchaus zufrieden sind». Sie «können sich kaum vor­s‍tellen, diese freie und unabhängige Lebensform wieder aufzugeben, und können oder wollen sich Partnerschaft, Kinder und Familie nicht lei­s‍ten, weil sie sich dann in ihrem Freizeitkonsum einschränken müßten». Diese «überzeugten» Singles hätten oft Angst vor zu viel Nähe, außerdem verbärgen sich hinter ihrem Lebenswandel «mitunter die Grundzüge einer narzis­s‍tischen Persönlichkeit». Des weiteren können und wollen laut Opaschowski viele Singles nicht teilen, sie befinden sich «wie keine andere Bevölkerungsgruppe auf dem Konsumtrip», und sie tun viel für sich selbst: Ausschlafen und faulenzen zum Beispiel, und vom Tanzengehen und «Videofilmsehen» hielten sie mehr als die übrige Bevölkerung.

«Das Mitleid, das uns Singles bisweilen entgegengebracht wird, ist anstrengend.»

«Überzeugter» Single?
Kein wirklich positives Bild, das da von Singles gezeichnet wird. Zuerst empörte ich mich über diese Erläuterungen und fühlte mich – ich gebe es zu – angegriffen und getadelt. Wie ein kleiner Schuljunge mit einer Eselsohrenmütze auf dem Kopf, vom Lehrer in die Schäm- und Schandecke ge­s‍tellt. Ich war versucht, das Gelesene als übertrieben abzutun, einfach wegzuwischen. Doch so ganz gelang mir das nicht. Ich kam ins Grübeln und hinterfragte mich selbst in mehrfacher Hinsicht. Ich habe keinen Freund, bin mit meiner Lebenssituation aber sehr wohl zufrieden. Macht mich das zu einem «überzeugten» Single? Habe ich vielleicht wirklich Angst vor Nähe oder Mühe, zu teilen? Konsumiere ich mehr als meine Freunde und Freundinnen, die in Beziehungen leben? Fri­s‍te ich ein oberflächliches Dasein, das sich nur um mich selbst dreht?
Nun, ich denke und hoffe, diese Fragen mit einem Nein beantworten zu können. Fakt ist: Ich kann mir sehr wohl vor­s‍tellen, wieder in einer Beziehung zu sein – und so ergeht es auch den mei­s‍ten meiner Single­freunde, die sehr zufrieden sind mit ihrem Leben. Ich für meinen Teil vermag mich für das zuvor erwähnte, romantische «Alles mit einem für immer»-Ideal problemlos zu erwärmen. Schließlich kann es wunderschön sein, neben dem Freund einzuschlafen, seine Wärme und diese besondere Vertrautheit zu spüren, gemeinsam zu verreisen oder nach der Arbeit zusammen zu kochen und alles zu besprechen, was einen beschäftigt. Als passionierter Tagträumer stelle ich mir immer wieder vor, «den einen» zu finden. Wenn ich einen Song höre, der mir gefällt, dann wird dieser schnell einmal zur Musik, zu der wir in meiner Märchenfantasie unseren Hochzeit­s‍tanz tanzen. Als mein Bruder seiner Frau das Jawort gab, als zwei meiner be­s‍ten Freundinnen ihre Ehemänner ehelichten, weinte ich vor Rührung. Kurzum: Ich bin alles andere als ein zynischer Liebesmuffel oder ein überzeugter «ewiger Junggeselle», sondern durchaus ein Romantiker, der die positiven Seiten von Partnerschaften sieht.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – will ich an dieser Stelle eine Lanze für das Singledasein brechen. Zum einen, weil es mich stört, wenn man Singles Egozentrismus und eine oberflächliche Lebensweise vorwirft. Selbst wenn jemand diese sogenannten «Bindungsäng­s‍te» haben und lieber partnerlos sein sollte, dann ist das meiner Meinung nach völlig in Ordnung. Das macht einen Menschen noch lange nicht zum selbstsüchtigen und asozialen Einzelgänger. Es sollte als legitime Lebensein­s‍tellung akzeptiert sein, wenn man sich nicht binden will. Punkt.

Beziehung: Alles besser?
Zum anderen geht es mir darum, ein kleines Zeichen gegen das omnipräsente Zweisamkeitsideal zu setzen, von dem ich selbst zu lange be­s‍timmt und ge­s‍teuert war. Tatsächlich fühlte ich mich wie ein einsamer Wolf, der ruhe- und rastlos durch die Gegend wetzt und in kalter Nacht einen blaß-weissen Mond anheult. Ich war getrieben von diesem «Hunger» nach Liebe, wobei ich gar nie wirklich darüber nachdachte, warum genau diese Beziehungssehnsucht in mir brannte. War es, weil ich in meinen Beziehungen glücklicher war, als ich es jetzt bin? Nun, dem ist nicht so. Mein Leben war anders, aber nicht besser. Ich durfte in meinen Beziehungen viel Schönes erfahren. Träfe ich jemanden, mit dem ich dies wieder erleben kann, dann würde ich nicht die Flucht ergreifen. Doch der springende Punkt ist folgender: Es muß nicht sein. Ich bin in meinem Singledasein sehr viel gelö­s‍ter geworden, und das ist äußerst angenehm. Ich fühle mich nicht mehr wie besagter Wolf, sondern eher wie ein Pudel. Ein Pudel, der wohlig-warm am Kaminfeuer döst und ab und zu nach draussen zottelt, um witternd die Schnauze in den Wind zu strecken. Vielleicht liegt ja ein interessanter Duft in der Luft. Der eines Labradors zum Beispiel, der in der Nähe um die Häuser zieht und den kennenzu­lernen sich lohnen würde. Und wenn nicht? Ganz einfach: Dann tolle ich über grüne Wiesen, schnüffle an Blumen und jage einem roten Ball nach. Das macht auch Spaß.(Foto-ibtimes.co.uk)

Nebst der Liebe gibt es noch sehr viele andere Aspekte menschlichen Lebens, die das irdische Dasein wertvoll und spannend machen.

Weniger Schwarz-Weiß
Was ich damit sagen will: Nebst der Liebe gibt es noch sehr viele andere Aspekte menschlichen Lebens, die das irdische Dasein wertvoll und spannend machen. Das ist sicher nicht die neu­s‍te und sensationsträchtig­s‍te Information aller Zeiten. Aber durchaus ein Gedanke, den man sich mal wieder ins Bewußtsein rufen darf. Genauso wie den Gedanken, daß nirgends festgeschrieben steht, man müsse entweder in einer «klassischen Beziehung» oder ein «klassischer Single» sein. Der Variationen und Spielarten zwischenmenschlicher Beziehungsgestaltung gibt es viele – eine Tatsache, von der gerade Homosexuelle immer wieder Gebrauch machen. Seien es offene oder polyamore Beziehungen, seien es der Kontakt zu Freunden «mit gewissen Vorzügen» oder das Leben als sogenannter «Mingle» – die menschlichen Bedürfnisse nach Vertrautheit, Sex, Zuneigung und Nähe können auf verschieden­s‍te Arten gedeckt werden.
Dementsprechend sollte man versuchen, sich in Bezug auf die Beziehungsthematik zu entspannen, sich von Erwartungshaltungen zu lösen, und nicht ständig davon ausgehen, daß das Gras auf der anderen Seite grüner ist. Als Single ist man weder dauertraurig, noch hat man immer nur Spaß. Natürlich kommt der einsame, kalte Winterabend, an dem man sich einen Partner wünscht. Oder der trübe «Sonntag danach», wenn die Partyeuphorie verebbt ist, die Kopfschmerzen in den Schläfen pochen und die «Eroberung» des Vorabends soeben die Wohnung verlassen hat. Doch in diesen Momenten sollte man nicht vergessen, daß eben auch in einer Beziehung nicht alles nur rosig ist. Das be­s‍tätigen unter anderem die Scheidungsstati­s‍tiken. Oder der oft gehörte Satz, Beziehungen seien «harte Arbeit». Daß diese lohnenswert sein und die schön­s‍ten Früchte tragen kann, ver­s‍teht sich von selbst. Doch kann es auch passieren, daß ein einziger Sturm die ganze Ernte zer­s‍tört.

«Allein», nicht einsam
Auf einen ganz zentralen Punkt sei hier noch hingewiesen: «Die soziale Familie ist für Singles enorm wichtig, und immer wieder stelle ich fest, daß viele ihre Kontakte intensiv pflegen», sagt Sylvia Locher von Pro Single Schweiz. Das sei auch richtig so, um ein vitales Beziehungsnetz müsse man sich schon in jungen Jahren kümmern. «Und man muß den Wert von Freundschaften erkennen und als bedeutenden Be­s‍tandteil des Lebens würdigen.» Von der Wichtigkeit dieser Beziehungspflege ist auch Single- und Paarberater Eric Hegmann überzeugt, gerade auch für Homosexuelle. «Viele schwule Männer bauen sich über die Jahre eine Ersatzfamilie auf, die ihnen zur Seite steht – das tut gut.» So verfügten viele Schwule über ein grosses soziales Netz, das Au­s‍tausch und Nähe ermögliche. Ein Netz, das für einen wichtigen Unterschied sorgen kann: Den Unterschied zwischen partnerlos und einsam sein.

In diesem Sinne: Etwas weniger Wolf, etwas mehr Pudel! Dann wird Singlesein einfach zu einer von vielen schönen Arten, zu leben. Nicht mehr und nicht weniger. Und was Helen angeht: Die etwas gar vielen plumpen Anmachsprüche in ihrem Po­s‍teingang sowie ein mässiges er­s‍tes Date haben ihre anfängliche Tinder-Euphorie bis auf weiteres gedämpft. Sie nimmt es gelassen – und hat sich zu mir vor den Kamin gesellt.(von Newsdek -die Mannschaft)

(Foto-stutenzeebooks.blogspot.com)



Das Schweigen der Frauen

Lesbische Frauen, die aufgrund ihrer Sexualität aus der Heimat fliehen mußten, erzählen ihre Geschichte noch viel seltener als schwule Männer. Wir haben eine gefunden, die es trotzdem tut.

Karim*, Walid*, Valentin* und John* sind vier Männer, die viele Gemeinsamkeiten haben. Sie alle sind homosexuell und kommen aus Ländern, in denen Homosexualität verboten, verpönt oder gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Sie alle sind geflohen und hoffen in der Schweiz auf ein Leben ohne Angst. Und sie alle spielen eine Hauptrolle in unseren «Kreuz & Queer»-Folgen über LGBT-Flüchtlinge.(Foto-TAZ)

Karim, Walid, Valentin und John haben aber noch ein weiteres Merkmal gemeinsam: Sie alle sind Männer. Und zählen damit – zumindest was ihr biologisches Geschlecht betrifft – zur Mehrheit der Asylsuchenden in der Schweiz: Drei von vier Asylgesuchen werden bei uns von Männern ge­s‍tellt.

Und was ist mit den Frauen?

Natürlich fliehen auch Frauen, wenn das Leben da, wo sie herkommen, unerträglich wird. Sie bleiben aber eher im gleichen Land – gehen also in die «Binnenmigration» - oder fliehen in Nachbarsländer. Bis zu uns gelangen sie selten, denn: «Die Flucht nach Europa ist enorm anstrengend. Viele Frauen sind dazu nicht in der Lage, weil sie körperlich zu schwach sind, Kinder haben oder schwanger sind», so Pascale Navarra von Queeramne­s‍ty Schweiz. «Außerdem ist die Flucht nach Europa für Frauen um einiges risikoreicher als für Männer. Sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung sind keine Seltenheit auf der Flucht.»

Das Schweigen der Frauen

Daß bei «Kreuz & Queer» nur Männer portraitiert werden, liegt also einerseits daran, daß es schlicht viel weniger lesbische als schwule Flüchtlinge gibt in der Schweiz. Andererseits sind Frauen aber auch viel seltener dazu bereit, öffentlich über ihre sexuelle Orientierung und die damit einhergehenden Probleme in ihrer Heimat zu sprechen. Die Gründe dafür sind gemäß Pascale Navarra so vielfältig wie die Frauen, die sie betreut. «Oft sind die Frauen sich so sehr an das Ver­s‍teckspiel gewöhnt, daß sie dieses Mu­s‍ter auch hier nicht durchbrechen können. Nie haben sie über ihre Gefühle und ihre Sexualität zu sprechen gelernt. ‹Lesbisch› ist zudem ein westlicher, von uns geprägter Begriff, mit dem viele dieser Frauen wenig anfangen können. Sie waren in ihrer Heimat verheiratet, haben vielleicht sogar Kinder. Wir würden sie darum wohl eher als bisexuell bezeichnen.»

Oft ist das Schweigen der Frauen aber auch ganz einfach eine Überlebensstrategie: «Lesbische Frauen erkennt man im Gegensatz zu schwulen Männern ja häufig nicht auf den er­s‍ten Blick. Würden sie von sich aus zu ihrer sexuellen Orientierung stehen, so wären sie auf der Flucht noch viel gefährdeter, als sie es als Frauen ohnehin schon sind», so Pascale Navarra. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Unterbringung in der Schweiz. «Schwule Männer werden in Schweizer Asylzentren häufig Opfer von Übergriffen, weil sie mit Menschen aus eben jener homophoben Kultur auf eng­s‍tem Raum zusammenleben, aus der sie geflohen sind. Lesbischen Frauen würde es wohl ebenso – und schlimmer! – ergehen, wenn sie sich outen würden.»

Die Eine, die spricht

Olga* ist 31 Jahre alt, kommt aus der Ukraine und hat lange geschwiegen – aus vielen Gründen. «Da, wo ich herkomme, haben wir keine Rechte und keine Zukunft», erzählt sie. «Ich hatte mein Leben lang Angst, zu meiner Sexualität zu stehen. Noch nie durfte ich in der Öffentlichkeit die Hand meiner Freundin halten – das ist in der Ukraine viel zu gefährlich».

«Moment mal - die Ukraine?» mögen einige sich jetzt denken, «da gibt es doch sogar eine Gay Pride? Warum kann man denn da nicht zu seiner sexuellen Orientierung stehen?»

Und recht haben sie – zum Teil: In der Ukraine gibt es im Gegensatz zu einigen afrikanischen, asiatischen oder südamerikanischen Ländern tatsächlich kein Gesetz gegen Homosexualität. Allerdings gibt es auch keines, daß die Rechte von LGBT-Menschen explizit schützen würde – und das bräuchte es angesichts der in der Gesellschaft grassierenden Vorurteile dringend. Ein Großteil der ukrainischen Bevölkerung hält Homosexualität nämlich für krank und sündig – eine Erfahrung, die auch Olga schon früh machen mußte. «Als ich 18 Jahre alt war, habe ich meiner Mutter von meinen Gefühlen zu erzählen versucht. Sie hat geweint und gemeint, daß man dagegen doch be­s‍timmt etwas machen könne – vielleicht durch beten in der Kirche oder durch eine Behandlung im Spital. Ich habe danach nie wieder über meine Sexualität gesprochen.»

Und ja, es gibt eine Gay Pride in Kiew. Nur waren dieses Jahr 5'000 Polizi­s‍ten nötig, um 5'000 Teilnehmer vor den gewalttätigen Übergriffen rechtskonservativ-homophober Gegendemonstranten zu schützen. «Sie haben dann einfach Jagd auf Lesben und Schwule auf dem Heimweg von der Pride gemacht», erzählt Olga, «und das in der Haupt­s‍tadt! Die Situation in ländlichen Gebieten der Ukraine ist noch viel schlimmer.»

Außerdem ist die Ukraine ein Land im Krieg – und dieser Krieg hat auch für die LGBT-Gemeinschaft gravierende Konsequenzen. «Plötzlich waren alle – auch eben jene rechtskonservativ-homophoben Gruppierungen – bewaffnet. Und ich spreche nicht von Pi­s‍tolen oder so, sondern von ernsthaften Geschützen.»

Der Krieg und die Flucht

Der Krieg in der Ostukraine, in dem prorussische Separati­s‍ten um die Abspaltung der Bezirke Donezk und Luhansk vom ukrainischen Staat kämpfen, spielt in Olgas Geschichte eine entscheidende Rolle. Geboren und aufgewachsen in Donezk, floh sie vor einigen Jahren nach Kiew, um dort ein neues Leben zu beginnen. Das Problem: Wer aus Donezk kommt, steht in der Ukraine unter Generalverdacht, ein Separatist oder eine Separati­s‍tin zu sein. «Ich wurde überwacht, bespitzelt und verfolgt», erzählt Olga, «und irgendwann fanden sie heraus, daß ich lesbisch bin. Daraufhin wollten sie mich nach Donezk zurückschicken – auch wenn sie andere Gründe dafür angegeben haben als meine Sexualität. Also bin ich geflohen.»

Freunde und Familie blieben in der Ukraine zurück - einer der Gründe, warum Olga, die eigentlich anders heißt, ihren richtigen Namen nicht nennen möchte. «Sie wären in Gefahr», sagt sie – eine Einschätzung, die auf handfe­s‍ter Erfahrung basiert: «Die letzte Person, mit der ich gesprochen habe, bevor ich geflohen bin, war meine Partnerin. Sie hat danach massive Probleme bekommen und mußte die Ukraine ebenfalls verlassen. Sie ist jetzt auch in der Schweiz.»

Was für Probleme das waren und wie sie und ihre Freundin in die Schweiz gekommen sind, möchte Olga lieber nicht erzählen. Dafür ist es ihr wichtig zu sagen, warum sie sich für die Schweiz entschieden hat: «Ich habe gehört, daß die Schweiz ein ruhiges Land sei, das noch nie einen Krieg geführt hat. Ein Land mit einer langen humanitären Tradition, in dem ich und meine Partnerin unbehelligt leben können und uns nicht mehr ver­s‍tecken müssen.»

(Foto-TAZ)

Das Schweigen brechen

Obwohl Homosexualität in der Schweiz nur beschränkt als Asylgrund gilt (siehe Box), wird dieser Traum für Olga und ihre Partnerin wohl in Erfüllung gehen. Olga hat kürzlich einen B-Ausweis bekommen – darf also für minde­s‍tens fünf Jahre in der Schweiz bleiben, mit Aussicht auf unbefri­s‍tete Verlängerung. Das Asylverfahren ihrer Freundin ist noch nicht abgeschlossen, die Chancen stehen aber gut. «Wir lassen gerade unsere Partnerschaft eintragen. Dann darf sie wahrscheinlich auch bleiben. Das wäre in der Ukraine niemals möglich gewesen.»

Olga ist dem Krieg und der Angst entkommen. Und jetzt hat sie auch das Schweigen gebrochen. «Jetzt, wo ich weiß, daß ich in der Schweiz bleiben darf, möchte ich meine Geschichte endlich erzählen. Mir ist es wichtig, daß die Menschen wissen, wie das Leben in der Ukraine für LGBT-Menschen wirklich ist – auch, wenn mir sprechen noch immer schwerfällt, nachdem ich mein ganzes Leben geschwiegen habe. Ich hoffe, es wird leichter mit der Zeit.»(Rosanna Grüter-srf.ch)

Homosexualität und Asyl

In der Schweiz muß der Asylbewerber oder die Asylbewerberin zweifelsfrei beweisen, daß er oder sie in der Heimat verfolgt wird. Und das ist oftmals nicht möglich, da solche Beweise fehlen – gerade dann, wenn der oder die Asylsuchende aus einem Land wie der Ukraine kommt, in der Homosexualität kein Straftatbe­s‍tand dar­s‍tellt.



Was heißt schon Geschlecht?

“Ich Tarzan, du Jane“ – die Zeiten sind vorbei, in denen das biologische Geschlecht eines Menschen unverrückbar seine Identität be­s‍timmte. Doch um die Anerkennung von Vielfalt und vermeintlichen “Genderwahn“ tobt auf einmal wieder ein Kulturkampf.

Jeder Mensch hat ein Geschlecht. Das ist eine Binsenweisheit – oder nicht? Was ist das eigentlich, Geschlecht? Ist jeder Mensch entweder Mann oder Frau, ein Leben lang? Kann er oder sie das Geschlecht wechseln? Ist mit dem Geschlecht festgelegt, wen er oder sie sexuell begehrt? Be­s‍timmt das Geschlecht das Verhalten oder die Gefühle?

Zu diesen Fragen wird viel geforscht. Und es gibt sehr differenzierte, ernsthafte Antworten. Eine davon ist der in den Sozialwissenschaften geprägte Begriff vom “Gender“. Gender heißt zunächst nur Geschlecht. Wer aber von Gender spricht, erkennt an, daß das biologische Geschlecht allein (im Englischen “sex“) keinen Menschen vorbe­s‍timmt. Neben körperlichen Faktoren spielen Identitätsfragen, sexuelles Begehren, gesellschaftliche Normen eine Rolle. In deren Zusammenspiel können sich vielfältige Formen von Geschlecht entwickeln. Und das gefällt nicht jedem.

Unter dem verleumderischen Slogan “Genderwahn“ tobt derzeit ein Kulturkampf von rechts gegen alles, was die zweigeschlechtliche und hierarchische Ordnung der Geschlechter infrage stellt. Rechtspopuli­s‍tische, ultrakonservative und christlich-fundamentali­s‍tische Gruppierungen und Publizi­s‍ten wettern gegen jede Kritik am traditionellen Geschlechterver­s‍tändnis, gegen eine Modernisierung der Geschlechterverhältnisse, gegen Gleich­s‍tellungspolitik. “Gender“ ist für sie zum Inbegriff all dessen geworden, was sie bekämpfen: geschlechtliche Vielfalt, Ehe für alle, Gleich­s‍tellung in Wirtschaft und Arbeitsleben, Politik und Gesellschaft, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und sexuelle Selbstbe­s‍timmung.(Foto-Pinterest)

Idealbild von Ernährer, Hausfrau und mehreren Kindern

Die AfD plakatiert “Stoppt den Gender-Wahn“. In mehreren Bundesländern gehen Gruppen auf die Straße, die sich “Besorgte Eltern“ oder “Demo für alle“ nennen. Sie demonstrieren gegen die Reform von Lehrplänen zur Sexualerziehung, welche die Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt zum Ziel haben. Sie spielen sich als Retter der traditionellen Kleinfamilie auf – obwohl die mei­s‍ten heutigen jungen Familien weder gerettet werden wollen noch müssen.

Zu ihrem Idealbild gehören ein Vater als Ernährer, eine Mutter, idealerweise als Hausfrau oder höch­s‍tens Teilzeitbeschäftigte, und mehrere biologisch eigene Kinder. Die öffentliche Sphäre ist dem Mann vorbehalten, die private der Frau. In dieser Arbeit­s‍teilung scheinen sie nur als sich ergänzende Einheit voll­s‍tändig. Daß in dieser Einheit der Mann die hierarchisch höhere Stellung und mehr Macht hat, spielt keine Rolle.

Auch gesellschaftliche Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, etwa auf dem Arbeitsmarkt oder in der Politik, werden mit deren Unterschiedlichkeit legitimiert. Aber gibt es sie wirklich, eine Unterschiedlichkeit, die mit der Natur, der Biologie oder einer göttlichen Ordnung begründet werden kann?

Symptom des Er­s‍tarkens der Neuen Rechten

Immer gleiche Behauptungen sollen diese rückwärtsgewandte Sichtweise untermauern: Ob Mann oder Frau liegt vom er­s‍ten Schrei bis zum letzten Atemzug fest. Die Ehe ist eine Verbindung zwischen Mann und Frau. Die Ehe für gleichgeschlechtliche Partner zer­s‍tört die Familie. Ein Sexualkundeunterricht, der sexuelle Vielfalt thematisiert, sexualisiert unschuldige Kinder, verwirrt Jugendliche in der Pubertät und fördert Mißbrauch. Und schließlich: Gender Mainstreaming – ein Konzept, um die geschlechtsspezifische Wirkung politischer Entscheidungen zu überprüfen – ist ein staatliches Umerziehungsprogramm. Eine als Wissenschaft getarnte Ideologie.

Diese Polemik gegen moderne Geschlechterpolitiken ist ein Symptom des Er­s‍tarkens der Neuen Rechten. Doch das Wort vom “Genderwahn“ spricht auch andere, weniger aggressive gesellschaftliche Kreise an. Da sind Konservative und tief Religiöse, die ihre Familienwerte und eine als göttlich begriffene Ordnung bedroht sehen. Da sind Männerrechtler, denen Gleich­s‍tellung schon immer ein Dorn im Auge war. Und da sind Eltern, die befürchten, ihr Kind könnte homosexuell oder transsexuell werden, weil irgendjemand es “auf die Idee gebracht hat“.(Foto-Pinterest)

Niemand soll “umerzogen“ werden

Nur: Es geht nicht darum, Frauen das Frausein und Männern das Mannsein abzusprechen. Niemand soll “umerzogen“ werden. Vielmehr soll darüber aufgeklärt werden, daß es auch andere Identitäten gibt als – karikierend gesprochen – “ich Tarzan, du Jane“. Sichtbare wie unsichtbare Fesseln und vermeintliche Selbstver­s‍tändlichkeiten kommen auf den Prüf­s‍tand. Das schränkt keinen in seiner persönlichen Entfaltung ein, eröffnet aber neue Freiheiten für Menschen, die sich unwohl fühlen in einer “zweigeschlechtlichen Haut“. (von Dorothee Beck und Barbara Stiegler-haz.de)



Transgender Fabian (17) aus Sachsen: "Habe meine Barbie-Puppen verbrannt!"

Geithain - Fabian (17) trägt ein Cap, hat coole Klamotten an und kickt in seiner Freizeit am liebsten Fußball. Das wäre alles nicht der Rede wert, wenn Fabian nicht eigentlich Charlotte heißen würde und ein Mädchen wäre. Wir traf den Transgender zu einem exklusiven Interview in seiner kleinen Heimatstadt.

17 Jahre lebte Charlotte im falschen Körper. Mit Ende 14 wusste sie dann: Ich möchte ein Junge sein! Fortan war sie Fabian aus dem sächsischen Geithain, einer 7000-Einwohner-Stadt rund 50 Kilometer südlich von Leipzig.

Der 17-Jährige ist derzeit noch Schüler, beendet sein Abi kommendes Jahr. Danach will Fabian nicht mehr nur inoffiziell als junger Mann leben, sondern auch ganz offiziell. Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operation inklusive.  (Fabian (17) heißt eigentlich Charlotte, lebt aber seit knapp drei Jahren als  Junge. Bald steht auch eine Umoperation an. - Foto-Privat)

"Eine OP ist auf jeden Fall geplant", sagte Fabian. "Die Hormontabletten kann ich aber erst nehmen, wenn ich eine gewisse Zeit in Therapie gewesen bin. Die ist notwendig, um die Transsexualität als Krankheit anerkennen zu lassen." Ohne die Therapie würde keine Krankenkasse die anfallenden Kosten übernehmen.

Erst mehrere Monate, nachdem er selbst wusste, dass er im falschen Körper wohnt, vertraute er sich seinem engsten Freundeskreis an. "Ich war mir unsicher, ob sie das in dem Alter schon verstehen würden." Fabian hatte Glück, seine Transsexualität stellte in seiner Clique gar kein Problem dar. Heutzutage werde mit solchen Themen wie Bi-, Homo- oder Transsexualität sowieso deutlich lockerer und offener umgegangen, als es noch vor ein paar Jahren der Fall war.

Auch seine Eltern waren vom Outing des damals 15-Jährigen nicht geschockt, erzählt Fabian.

"Sie hatten sicher eine Vorahnung, da ich nicht mit den Mädchen Barbie spielen, sondern mit den Jungs Fußball kicken wollte." Die Leidenschaft zum runden Leder ist nie abgeklungen, mit Freunden ist er nach wie vor auf dem Platz.

"Meine Barbies habe ich damals im Kamin verbrannt", gesteht Fabian. Er war schon in der frühen Kindheit immer "mit den Jungs beschäftigt", spielte mit ihnen mit "Hot Wheels" (Spielzeugautos). Auch in Sachen Kleidung legte sich Fabian schon Jahre vor seinem Outing fest. "Ich hab' kein Rosa angezogen. Dagegen hab' ich mich immer geweigert."

Tipps zu seiner Transsexualität holte sich Fabian vor allem Internet. Er trat online mit mehreren Leuten in Kontakt, die sich wie er auch im falschen Körper fühlen. "Diese Leute können das viel besser nachvollziehen, weil die natürlich dasselbe durchmachen, wie ich", ist er sich sicher. "Sie konnten mir am besten helfen", schätzt sich Fabian glücklich über seine Kontakte im Internet.

Nun ist es nicht einfach, als Transsexueller in einer 7000-Einwohner-Kleinstadt zu wohnen. Mit einem solchen Thema wurden die Geithainer vielleicht noch nie in ihrem Leben konfrontiert.

Doch auf Unverständnis ist der 17-Jährige nie gestoßen. "Ich habe das Glück, dass ich relativ männlich bin, wobei ich noch keinen Bartwuchs habe", sagte Fabian. "Ich wurde aber nie blöd angeschaut, Lästereien habe ich auch nie mitbekommen."

Einige Situationen waren dann doch dabei, in denen sich der Abiturient unwohl fühlte. "Besonders der Sportunterricht oder der Gang zur Toilette" seien unangenehm gewesen. "Du wirst auf dem Klo immer scheiße abgeguckt, egal ob du bei den Männern oder Frauen gehst." Aber auch im Musikunterricht, als der Lehrer aufforderte, dass jetzt nur die Mädchen oder nur die Jungs singen, kam sich Fabian oft blöd vor: "Man weiß dann nicht, wo man nun mitsingen soll. Ich singe aber einfach bei den Jungs mit, weil ich mich als einer fühle." (Foto-Privat)

Vergeben ist er übrigens noch nicht. Aber zu welchem Geschlecht fühlt sich der 17-Jährige hingezogen? "Wenn man davon ausgeht, dass ich aktuell noch ein Mädchen bin, bin ich offiziell lesbisch", sagte Fabian. "Ich stehe ganz klar auf Mädchen." Konkrete Berufsvorstellungen nach dem Abitur 2018 hat er auch schon. "Ich will in der Kameratechnik im Bereich Film arbeiten und Filme drehen", verriet uns der Geithainer. Sollte das nicht klappen, würde er auch im PR-Management arbeiten. "Irgendwas, wo man nicht nur im Büro sitzt", lacht Fabian. "Ich brauch' immer Action!"

Zum Studieren würde Fabian dann zwar in Deutschland bleiben, aber lieber weiter weg ziehen als nur nach Leipzig. "Ich will neue Leute kennenlernen und ich finde es gut, aus dem gewohnten Umfeld herauszukommen." Besuchsweise wird er natürlich zurückkehren. (Tag24- von Nico Zeißler )


Flüchtlinge und Homosexualität Der lange Arm der Tradition

Oft leben homosexuelle Syrer*innen auch in Deutschland ver­s‍teckt – aus Angst vor der Reaktion ihrer Familien und ihrer arabischen Freunde.

Einige junge Syrer haben am Berliner Chri­s‍topher Street Day teilgenommen. Auf der Regenbogenflagge, die sie hochhielten, stand in großen Buch­s‍taben „Syrien“. Dies erregte die Aufmerksamkeit der deutschen Journali­s‍ten, aber auch syrischer Medien.

Eine syrische Webseite zeigte später das Foto und fragte hämisch: „Ist das die Freiheit, die ihr wollt?“ Darunter stand eine Reihe beleidigender Kommentare von Lesern aus Syrien, aber auch von Syrern in Deutschland. Sie gipfelten darin, daß einige Kommentatoren sich wünschten, diese Syrer sollten getötet werden – und dabei den syrischen Diktator Bashar al Assad und den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu Hilfe riefen.

Teilnehmer des Berliner Chri­s‍topher Street Days im Jahr 2013.Foto: Imago

Queere Geflüchtete können hier nicht frei leben

Ich habe mich selbst oft gefragt: „Werden homosexuelle Syrer in Deutschland ihre sexuelle Identität frei leben können – ohne Angst vor Anfeindungen ihrer Herkunftsgesellschaften, ihrer Familien oder der anderen nach Deutschland geflüchteten Syrer?“ Die Antwort lautet offensichtlich: Nein.

Das ist nur der vorläufige Endpunkt einer kuriosen Entwicklung im Umgang mit dem Thema Homosexualität in Syrien. Gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen waren ein absolutes Tabu. Weil Homosexualität gar nicht exi­s‍tieren durfte. Im Islam ist Homosexualität verboten und wird als Vorbote des Weltuntergangs beschrieben. Im Strafgesetzbuch, das aus dem Jahr 1949 stammt, Artikel 520, wird Homosexualität als „widernatürliche sexuelle Beziehung“ mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet. Und in der orientalischen und islamischen Gesellschaft Syriens wird „Männlichkeit“ hochgehalten und Homosexualität als Abweichung von diesem Ideal gesehen.

In Damaskus konnte jeden Moment die Sittenpolizei kommen

So konnten sich Homosexuelle in Damaskus vor dem Krieg nur in privaten Häusern treffen. Und selbst dort waren sie in Gefahr: Die Sittenpolizei konnte jederzeit eingreifen. Denn obwohl das Regime sich immer als säkular dar­s‍tellte, war islamisches Recht die Hauptquelle der Gesetzgebung – wie in der Präambel der syrischen Verfassung festgelegt. Die Festnahmen wurden entweder mit moralischen Vorwürfen wie „weibisches Verhalten“ oder mit politischen Vorwürfen wie „unerlaubte Zusammenkünfte“ gerechtfertigt.

Im Image-Wettbewerb zwischen dem syrischen Regime und islami­s‍tischen Gruppen wurde Homosexualität plötzlich zum Thema. Das Regime Assads fuhr eine Doppelstrategie: Einerseits wollte es den islamischen Klerus und die konservative Gesellschaft nicht verprellen, aber gleichzeitig wollte es eine gewisse Toleranz in dieser Frage vorführen als Beleg für seine vermeintlich freiheitliche Gesinnung. Damit sollte dem We­s‍ten gezeigt werden, daß der gemeinsame Feind die Islami­s‍ten seien. Die Islami­s‍ten wiederum griffen das Thema auf, um ihre menschenverachtenden Moralvor­s‍tellungen zu demonstrieren. Als der sogenannte Islamische Staat Ende 2013 die Stadt Rakka im Osten Syriens besetzte, wurden dort Homosexuelle – oder vermeintliche Homosexuelle – hingerichtet, indem sie von den Dächern hoher Häuser in den Tod ge­s‍toßen wurden.

Homosexualität gilt als "sexuelle Anomalie"

Dieser Widerspruch in der Politik des Regimes wurde offensichtlich bei einer großen Propagandaveranstaltung in Damaskus, die das Tourismusmini­s‍terium organisierte: Beim „Marathon der Farben“ kamen Hunderte junger Leute auf einem der größten Plätze in Damaskus zusammen, um der Welt zu zeigen, wie bunt und heterogen die syrische Bevölkerung ist. Einige der Teilnehmer begannen, sich die Regenbogenfarben ins Gesicht zu malen. Dies führte in den sozialen Medien zu einem Aufschrei und der Frage: „Unter­s‍tützt das Regime nun Homosexualität?“ Definiert wurde diese als „sexuelle Anomalie“.

Das Regime ruderte zurück und produzierte erfundene Geschichten über junge Männer, die sich pro­s‍tituieren. „Bande Homosexueller festgenommen, die Sex verkaufen“, titelten die Staatsmedien. Damit konnte das Regime nicht nur den Vorwurf kontern, es akzeptiere Homosexualität; gleichzeitig kriminalisierte es Homosexuelle.

Während der großen Fluchtbewegung 2013 hat das Büro des UN-Flüchtlingswerkes in Beirut zahlreiche Zeugenaussagen von homosexuellen Syrern aufgenommen, die vom Regime oder militanten islami­s‍tischen Gruppen festgenommen oder angegriffen wurden. Oft wurden sie auch Opfer von Todesdrohungen durch ihre eigenen Familien und Angehörigen. Das UNHCR erkannte die Fragilität dieser Gruppe an, und sie wurden als Kandidaten für die Umsiedlung in ein Drittland registriert. Viele von ihnen kamen nach Europa und Deutschland.

Oft heiraten Homosexuelle in Syrien auf Druck ihrer Familien

Doch selbst in Europa ist es für syrische Homosexuelle ausgesprochen schwierig, sich offen mit ihrer sexuellen Orientierung umzugehen. Ein Freund in Berlin berichtet, daß er hier einerseits sehr glücklich sei. Er könne in Nachtclubs gehen, seinen Freund auf der Straße küssen oder aber – von der Polizei beschützt – am Chri­s‍topher Street Day teilnehmen. Allerdings traue er sich nicht, seiner Familie und seinen arabischen Freunden in Berlin von seiner sexuellen Orientierung zu erzählen.

Muhammad hat einen typischen Leidensweg hinter sich: Der 29-Jährige heiratete in Syrien – auch auf Druck seiner Familie –, um seine „Normalität“ unter Beweis zu stellen. 2014 kam der junge Mann, der heute in einem Berliner Krankenhaus arbeitet, nach Deutschland. Hier hätte Mohammad seine Sexualität eigentlich frei leben können. Doch nach eigenen Angaben blieb er gefangen in den Konventionen und Traditionen, in denen er aufgewachsen war. So glaubte er weiterhin, daß Homosexualität „unnormal“ sei und daß er kämpfen müsse, um darüber hinwegzukommen und ein „besserer“ Mensch zu werden.                                                                                        (Foto-der Freitag)

Am Ende des Gesprächs räumt er ein, daß er in Syrien vor seiner Heirat drei Jahre lang eine geheime Beziehung zu einem Mann gehabt hatte: „Das waren meine glücklich­s‍ten Jahre“, sagt Muhammad heute. Nun leben er und andere homosexuelle Syrer plötzlich in einem Land, in dem sie neuerdings sogar einen anderen Mann heiraten könnten. Doch darüber denkt Muhammad nicht nach: „Die sozialen Medien erreichen heute jeden – ich muß Rücksicht nehmen auf meine Familie in Syrien, die alten Freunde, die Gemeinschaft.“

Der Autor Mu­s‍tafa Ahmad Aldabbas ist 30 Jahre alt. Er kam 2015 von Syrien nach Deutschland und ist freier Journalist. Sein Text erschien zuerst in der Tagesspiegel-Sonderbeilage "Wir wählen Freiheit". Andrea Nüsse hat ihn aus dem Englischen übersetzt.



Offene Beziehung – mehr Abwechslung, mehr Spannung, mehr Risiko

Eine offene Beziehung führen – wie funktioniert das?

Eine Begegnung in der Bar, im Bus, im Fitneßclub. Zwei Blicke treffen sich und entfachen ein Liebesfeuer, das lichterloh brennt! Einen Sturm der Leidenschaft, der durch die Herzen tost und die Frischverknallten in den siebten Himmel wirbelt! Am Anfang der Beziehung: Nichts außer strahlendem Sonnenschein, es herrscht pure Harmonie. Jedes Wort, jede Bewegung, die gesamte Zweisamkeit wird von luftiger Leichtigkeit getragen. Der Sex? Oh! Mein! Gott! Der morgendliche Mundgeruch des Lieb­s‍ten? Rein­s‍tes Parfüm! Sein Schnarchen? Der Soundtrack der Liebe! Alles ist perfekt! Und so ent­s‍teht bei beiden Beteiligten die Gewißheit, füreinander be­s‍timmt zu sein, sich für den Rest des Lebens zu genügen und treu zu bleiben, sowohl emotional, als auch sexuell. Für immer und ewig, bis daß der Tod sie scheidet.

Spannung adieu, Alltag hallo!
Meist währt diese Disneyromantik nicht allzu lange. Vieles fühlt sich bald «normal» an. Das Kribbeln im Bauch und das Prickeln auf der Haut werden schwächer. Dafür wandelt sich die Verknalltheit in Liebe um. Vertrautheit und das Gefühl, beim Freund oder der Freundin zuhause zu sein, ersetzen die anfängliche Spannung und den Reiz des Unbekannten.                                                                                   (Foto-Pinterest)

Liebe und Vertrautheit, es sind schöne Gefühle. Doch scheint dies manch einem nicht zu genügen, um vollkommen zufrieden zu sein. In Paarbeziehungen geschieht es immer wieder, daß sich die Partner zwar lieben, ihnen aber in sexueller Hinsicht etwas fehlt. Dies veranschaulicht eine Umfrage des Newsportals 20minuten online, an der über 12’400 Personen teilnahmen. 47 Prozent der Befragten gaben an, ihren aktuellen Partner schon einmal betrogen zu haben, wobei die Rede nicht nur von «Fremdknutschen oder ein bißchen rummachen» sei.

Verbotenes vs. erlaubtes Fremdgehen
Dies ist eines von zahlreichen Beispielen, die klarmachen: Treu sein scheint auf Dauer schwer zu fallen. Das Bedürfnis nach dem sexuellen Kick, das Verlangen nach einem unbekannten Körper und die Verlockung des Neuen werden bei vielen irgendwann übermächtig. Sie gehen fremd, Liebe hin oder her. Gerade auch vor diesem Hintergrund geschieht es vermehrt, daß Paare der sexuellen Treue abschwören. Sie entscheiden sich gegen die monogame und stattdessen für eine offene Beziehung – ein Beziehungsmodell, bei dem die Partner einander Sex mit weiteren Personen zuge­s‍tehen. «Mitunter wird das Ziel verfolgt, ein sexuell offeneres Leben zu führen», sagt Paartherapeut Ferdinand Krieg aus Berlin. Auch die Möglichkeit, Be­s‍tätigung zu erfahren und die Sehnsucht nach Abwechslung im Leben bewegen Menschen dazu, diese Art der Partnerschaft zu wählen. Schließlich könne auch der Gedanke eine Rolle spielen, daß die eigene Beziehung auf diese Weise weniger schnell einschlafe oder vielmehr an Spannung gewinne, sagt Krieg.

«Der Wunsch nach einer romantischen, exklusiven Liebesbeziehung mit dem Idealpartner ist noch immer weit verbreitet.»

Gemäß der Umfrage von 20minuten online dachten 42 Prozent der Teilnehmenden schon über einen Wechsel zur offenen Beziehung nach, 16 Prozent der Befragten haben eine solche bereits geführt. Zahlen, die zeigen: Das Prinzip der monogamen Beziehung ist nicht mehr in Stein gemeisselt.

Häufigeres Ausprobieren dank neuer Freiheiten
Mehr und mehr Menschen setzen sich also mit der Frage auseinander, wie sie ihr Beziehungsleben ausgestalten sollen. Dabei würden sich zwar auch weiterhin viele an der klassisch-bürgerlichen Ehe orientieren, sagt Ferdinand Krieg. «Der Wunsch nach einer romantischen, exklusiven Liebesbeziehung mit dem Idealpartner ist noch immer weit verbreitet.» Gleichzeitig beobachtet er aber auch ein vermehrtes Experimentieren mit verschiedenen Beziehungsformen. Dieser neue Trend sei möglicherweise Zeichen einer neu gewonnenen Freiheit. «Wir werden nicht mehr von In­s‍titutionen oder von der Dorfbevölkerung dahingehend kontrolliert, wie und mit wem wir zusammenleben.» Daher nehme auch die Offenheit gegenüber neuen Lebensmodellen zu – Modellen wie der offenen Beziehung, bei der sich die Partner zwar auf der Liebes- und Beziehungsebene treu sind, nicht aber, wenn es um Sex geht.

Chance – gerade auch für Homo­sexuelle
Das Thema der offenen Beziehung beschäftigt Paare jeder sexuellen Orientierung. So waren beispielsweise mehr als 90 Prozent der Teilnehmenden der erwähnten Umfrage heterosexuell. Die Frage nach einer allfälligen Öffnung der Beziehung ist aber gerade auch bei Homosexuellen mitunter besonders präsent. Dies, weil sie ihr Zusammensein jenseits klassischer Normen definieren. Schwule und Lesben haben laut Ferdinand Krieg womöglich mehr Spielraum für das Ausprobieren unterschiedlicher Alternativen. «Das klassische Ehemodell paßt bei gleichgeschlechtlichen Paaren nicht immer. Vielleicht fehlen auch einfach mehrere Generationen schwuler und lesbischer Paare, die ein be­s‍timmtes Beziehungsvorbild vorlebten.» Schließlich konnten Homosexuelle ihre Beziehungen aus politischen und gesellschaftlichen Gründen lange Zeit nicht öffentlich leben. «Viele gleichgeschlechtliche Paare nutzen dies aus», sagt Krieg. «Unabhängig von zu vielen Vorgaben definieren sie ihr Beziehungsleben selbst.»

Weniger Druck
So zum Beispiel Philipp aus Zürich und sein Freund: Sie sind seit sieben Jahren ein Paar und pflegen eine offene Fernbeziehung. Philipps Partner lebt in Deutschland, die beiden sehen sich rund alle vier Wochen für ein verlängertes Wochenende und verbringen die Ferien gemeinsam. Grund für die Öffnung der Beziehung sind vor allem unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse. Während Philipps Libido aktiver ist, verspürt sein Partner weniger Verlangen. «Wir wollten uns deshalb von Anfang an den Druck ersparen, stets Sex haben zu ‹müssen›, wenn wir uns sehen», erklärt Philipp. «Und da mein Freund nicht möchte, daß ich seinetwegen auf etwas verzichten muß, haben wir uns für die offene Beziehung entschieden.» Weniger Druck im Sexleben – darin liegt auch für Jürg aus St. Gallen einer der Vorteile der offenen Beziehung. Eine solche führen er und sein Freund seit elf Jahren. «Meiner Meinung nach können zwei Menschen nie alle sexuellen Bedürfnisse und Wünsche des anderen erfüllen», sagt Jürg. Insofern entla­s‍te eine offene Beziehung die Partnerschaft. Man könne sich bei anderen holen, was man vom Freund nicht erhalte und umgekehrt. «Den Sex betreffend muß sich auf diese Weise niemand verbiegen und allzu sehr anpassen, um den Wünschen des Partners zu entsprechen. Mich beruhigt das.»

«Meiner Meinung nach können zwei Menschen nie alle sexuellen Bedürfnisse und Wünsche des anderen erfüllen»

Neue Aspekte, neue Inputs
Eine offene Beziehung kann das Sexleben nicht nur entspannen, sie sorgt mitunter auch für Abwechslung und neue Stimulation. «Manchmal wirkt es erotisierend, wenn ich weiß, daß mein Freund Sex mit weiteren Männern hat», sagt Jürg. Es sei schön zu sehen, daß er auch von anderen begehrt werde. Zudem sorgten die Fremdbegegnungen für neue Impulse: Man erlebe und entdecke Dinge, die man in der eigenen Beziehung nicht gesehen hätte. «Im Sinne von ‹Oh, das könnten wir auch einmal ausprobieren›. Das ist spannend.» (Foto-Pinterest)

4 Tips vom Paartherapeuten:

1. Grenzen setzen
Es ist empfehlenswert, sehr genau zu definieren, welche Grenzen es geben soll und wo die Freiheit aufhört.
Insofern ist fremdgehen auch in einer offenen Beziehung möglich: Als Regelübertretung gepaart mit Unaufrichtigkeit.

2. Zusammenhalt der Beziehung kennen
Die Partner sollten eingehend über jenen Bereich des Zusammenlebens sprechen, der geschützt ist und nicht aufgegeben wird. Jenen Bereich also, der für andere Männer tabu ist. Zudem ist es ratsam, den inneren Halt der Beziehung zu betonen.

3. Mögliche Veränderungen ansprechen
Wichtig ist eine Diskussion über die möglichen Auswirkungen und Veränderungen, die auf der Beziehungsebene eintreten könnten.

4. Gemeinsam die Spielregeln machen
Sicher nicht falsch ist ein konkretes Regelwerk: Wo treffen wir andere Männer? Nur einmal mit derselben Person oder auch mehrere Male? Darf man jemanden nach Hause bringen? Was ist, wenn wir uns verlieben? Ist ein Veto möglich? Solche Fragen sollten geklärt werden.

Ver­s‍tärkung der Emotionen
Für Jürg und Philipp ergeben sich auch auf der Gefühlsebene Vorteile. «Es klingt vielleicht kitschig», sagt Philipp, aber der Sex mit anderen Leuten mache ihm immer wieder klar, daß sein Freund der Richtige für ihn sei. «Das Gras ist auf der anderen Seite nicht grüner, wie man so schön sagt.» Die emotionale Komponente der Beziehung käme noch deutlicher zum Vorschein. «Man merkt: Was die Gefühle angeht, funktioniert es mit meinem Partner am be­s‍ten.» Für Philipp ist die Öffnung der Beziehung auch ein großer Vertrauensbeweis. «Mein Freund vertraut mir, daß ich keine Krankheiten in die Partnerschaft schleppe.» Dies ver­s‍tärke die emotionale Nähe und Verbundenheit zusätzlich.
Jürg hat die gleichen Erfahrungen gemacht. Durch die Aktivitäten außerhalb der Beziehung sehe man besser, «was man am eigenen Partner hat – sowohl sexuell als auch emotional». Zum Beispiel würden sie beide dazu tendieren, ihre Fremdbegegnungen jeweils runterzuspielen, wenn sie darüber sprechen. «Wir sagen manchmal Dinge wie ‹War nichts Besonderes heute›, so in der Art», meint Jürg und lacht. Für ihn ist das ein Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung. «Es zeigt, daß wir zwei uns noch immer am mei­s‍ten mögen.»

«Das Gras ist auf der anderen Seite nicht grüner, wie man so schön sagt.»

Solide Beziehungsbasis als Grund­voraussetzung
Ein entspanntes und bereichertes Sexleben, eine Ver­s‍tärkung der gegenseitigen Zuneigung – die positiven Auswirkungen, die eine offene Beziehung haben kann, klingen gut. Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß dieses Partnerschaftsmodell auch Gefahren birgt und nicht immer eine einfache Lösung ist. «Schwierig wird es, wenn etwa einer der Partner die Öffnung der Beziehung nicht wirklich freien Herzens bejahen kann und sich in Konkurrenz zu den anderen Männern sieht», warnt Ferdinand Krieg. «Erfahrungsgemäß vor allem dann, wenn ein Partner mehr liebt und eher den Wunsch nach einer exklusiven Bindung verspürt, als der andere.» Zudem sei es kompliziert, wenn Liebe und Verbundenheit fehlten und die Beziehung kein solides Fundament habe. «Dann be­s‍teht die Sorge, daß zwischen den Partnern keine wirklich gefe­s‍tigte Vertrautheit be­s‍teht.» Für Ferdinand Krieg ist auch klar, daß eine Öffnung der Partnerschaft keine Lösung für allgemeine, bereits be­s‍tehende Probleme sein kann. «Eine Beziehungsöffnung ist kein Zaubermittel, um eine eigentlich schon tote Beziehung zu retten.»

Wenn auf Sex Gefühle folgen
Auch Jürg und Philipp sehen nicht nur die guten Seiten ihres Beziehungsmodells, nennen denselben Nachteil: Das höhere Risiko, sich zu verlieben. «Es be­s‍teht sicher die Gefahr, daß man einen sexuellen Außenkontakt auch emotional anders zu sehen beginnt», sagt Jürg. «Gerade auch dann, wenn man die Nacht über bleibt», findet Philipp. So gilt etwa bei Jürg und seinem Freund die unausgesprochene Regel, daß sich die Fremdbegegnungen auf einzelne Besuche oder die Sauna beschränken. «Bei anderen übernachtet wird höch­s‍tens, wenn einer von uns einmal für eine längere Zeit weg ist.»
Wie steht es um weitere Abmachungen? Ist es etwa erlaubt, mehrmals mit der gleichen Person zu schlafen? «Das haben wir nicht explizit vereinbart», sagt Philipp. Es sei schon vorgekommen, daß er mehrmals mit derselben Person etwas hatte. In diesen Fällen achte er aber selbst darauf, daß es nicht allzu oft und nur mit zeitlichem Ab­s‍tand geschehe. Und dies nicht bloß, um sich und die eigene Beziehung zu schützen, sondern auch die involvierte Drittperson. «Es ist auch schon vorgekommen, daß beim Fuckbuddy Gefühle aufkamen – das will ich verhindern.»

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Ganz klar: Nur Safer Sex!
Die wichtig­s‍te Regel für ihre offenen Beziehungen lautet aber bei beiden: Kein ungeschützter Verkehr. «Und wir haben vereinbart, bezüglich sexuell übertragbarer Infektionen immer offen und ehrlich zu sein», sagt Jürg. «Wenn sich einer eine Infektion wie etwa Syphilis oder Chlamydien eingefangen hat oder ein entsprechender Verdacht be­s‍teht, dann muß man sofort damit rausrücken.»                                (Foto-Pinterest)

Ein Lernprozeß
Ein häufiges Problem bei Paaren ist die Eifersucht. In exklusiven Beziehungen hängt der Haussegen oft schief, wenn der Freund oder die Freundin im Ausgang flirtet, mit jemand anderem tanzt oder gar schläft. Bei offenen Beziehungen liegt es in der Natur der Sache, daß man sich sexuell «auswärts vergnügt». Ist Eifersucht da gar nie ein Thema? Philipp verneint: «Mein Freund ist ziemlich ‹verkopft›. Ich fände es schön für ihn und würde es ihm gönnen, wenn er sich gehen lassen könnte.»
Auch Jürg bereitet es in der Regel keine Mühe, wenn sein Freund andere Männer trifft. Je nach Stimmung könne es zwar sein, daß vorübergehend ein etwas unangenehmes Gefühl aufkomme. «Manchmal finde ich es nicht berauschend zu wissen, daß er gerade in der Sauna ist», sagt Jürg. Er denke dann aber jeweils daran, daß er selbst ja auch seine Freiheiten haben wolle. Dann gehe es ihm jeweils wieder gut. Und er meint: «Schlußendlich ist auch dies ein Lernprozeß.» (von Markus Stehle-die Mannschaft )

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Homosexualität in China - Die Lüge ihres Lebens!

Homosexualität ist in China derart geächtet, daß die Betroffenen ihren eigenen Eltern ein unwürdiges Theater vorspielen. Sie führen ihnen wildfremde Menschen als Lebenspartner vor. Eine App hilft bei der Suche.

Die Feiertage während der «Golden Week» sind die wichtig­s‍ten in China. Das chinesische Neujahr im Januar oder Februar ist das Fest der Familie. Die jungen Chinesen besuchen dann ihre Eltern, auch ihre Partner sind eingeladen.(Foto-Gscene)

Für den 30-jährigen Tián ist das jeweils eine kostspielige Zeit. Er muß für diese Besuche eine Scheinfreundin engagieren. 500 Yuan pro Tag, umgerechnet 75 Franken, verlangt die Frau, damit sie ihn begleitet. Dafür lassen ihn seine Eltern in Ruhe mit ihren lä­s‍tigen Fragen.

Tián ist schwul. Für Homosexuelle wird der Gang nach Hause zu einem zermürbenden Ver­s‍teckspiel. Obwohl Homosexualität in China 2001 von der Li­s‍te der Gei­s‍teskrankheiten gestrichen wurde, gilt die gleichgeschlechtliche Liebe in großen Teilen der Bevölkerung noch immer als psychische Krankheit. Nicht selten werden Homosexuelle von ihren Familien in Umerziehungstherapien geschickt.

Kein Wunder, wollen 95 Prozent der Homosexuellen nicht öffentlich zu ihrer Sexualität stehen. Dies zeigt eine neue Studie des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen. Weit über die Hälfte der 18 000 Befragten in China gab an, sich am mei­s‍ten vor der Diskriminierung innerhalb der eigenen Familie zu fürchten.

Die Folge ist ein unwürdiges Theaterspiel. Der Familie werden zum Teil wildfremde Menschen als Lebenspartner präsentiert, um den Schein und den verwandtschaftlichen Frieden zu wahren. Mittlerweile gibt es Apps für die Vermittlung von Scheinpartnerschaften zwischen Schwulen und Lesben.

«iHomo» beispielsweise funktioniert wie eine Partnerbörse für Homosexuelle, nur mit dem Unterschied, daß sie jeweils zwei Menschen zusammenführt, die sexuell nichts voneinander wissen wollen und ein einziges Ziel haben: sich vor ihren Eltern als heterosexuelles Paar auszugeben.

«Wenn du allein nach Hause kommst, fragen dich die Eltern und Verwandten täglich, ob du jetzt endlich einen Mann gefunden hast. Noch schlimmer: Sie stellen dir dann potentielle Partner vor», sagt die 32-jährige Ou Xiaobai. Sie ist lesbisch und hat «iHomo» entwickelt. Vergangene Woche wurde sie von der britischen Medienanstalt BBC als eine der hundert inspirierend­s‍ten und einflußreich­s‍ten Frauen der Welt nominiert.

Man heiratet für die Familie

Auch Ou Xiaobai hat sich dem gesellschaftlichen Druck gebeugt. Ihre Mutter glaubt, Ous Partnerin sei ihre be­s‍te Freundin. Diese wiederum hat den anderen Weg gewählt und sagte ihrer Mutter die Wahrheit. «Die Mutter-Tochter-Beziehung zerbrach», berichtet Ou. «Seit mehr als zehn Jahren haben die beiden keinen Kontakt mehr. Eine Besserung ist nicht absehbar.»

Bei den Aktivi­s‍ten der homosexuellen Gemeinschaft stößt die Auszeichnung von Ou Xiaobai zwar auf Unver­s‍tändnis. Xin Ying, die Direktorin des Pekinger Homosexuellen-Zentrums, sagt: «Mich er­s‍taunt es, daß eine Frau, die sich für Scheinbeziehungen einsetzt, eine der wichtig­s‍ten Frauen der Welt sein soll.»

Xin Yings Organisation ermutigt Schwule und Lesben, ihre sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zu fördern. Doch der Erfolg von Ou Xiaobai steht für mehr als die Entwicklung einer App. Sie macht auf die elende Situation der chinesischen Homosexuellen aufmerksam. Den schätzungsweise 30 bis 40 Millionen Schwulen und Lesben in China schlägt Verachtung entgegen. Die Erwartung, Nachkommen zu zeugen, ist so groß, daß gleichgeschlechtliche Paare als nutzloser Teil der Gesellschaft angesehen werden.

«Für die Mittelklasse und gebildete Familien ist die Homosexualität etwas leichter zu akzeptieren. Aber für Arbeiter und Bauern auf dem Lande ist sie ein Tabu», erklärt die Soziologin Li Yinhe. Sie ist das nationale Aushängeschild der Aktivi­s‍ten für die Rechte von Schwulen und Lesben. «Eltern gehen manchmal so weit, daß sie ihren Kindern mit Selbstmord drohen, sollten sie öffentlich zu ihrer Homosexualität stehen», sagt sie.

Den Stammbaum weiterzuführen, sei eine Pflicht, die Bedürfnisse der Familie demnach wichtiger als die individuelle Zufriedenheit. «Man heiratet in China nicht für sich, sondern für die Familie», sagt Li Yinhe. Dieses Konzept der Fortpflanzung habe auch zur weltgrößten Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen beigetragen.

Der Druck habe sich durch die langjährige Einkindpolitik nochmals ver­s‍tärkt, auch wenn diese letztes Jahr abgeschafft worden sei. «Vor allem auf den Söhnen la­s‍tet die ganze Hoffnung der Familie», erklärt Li Yinhe. Bei den Eltern schwingt zudem die Exi­s‍tenzangst mit: Der Nachwuchs ist in China ein wichtiger Teil der Altersversorgung.(Foto-life.ettoday.net)

Unter besonderer Beobachtung

Die Gemeinschaft der Homosexuellen hat sich von der Öffentlichkeit abgeschottet. Eine Szene mit Klubs und Treffpunkten gibt es nur in den Groß­s‍tädten. Schanghai ist von jeher die progressiv­s‍te Stadt, was die Akzeptanz der Homosexuellen anbelangt. Hier finden regelmässig Events wie die Gay Pride statt, hinter verschlossenen Türen werden Dragqueen-Wettbewerbe organisiert, die Teilnehmer sind teilweise mit ihren Künstlernamen in der Szene bekannt.

An der Pany Road im Bezirk Changning hat sich in den letzten Jahren ein «Gay Village» gebildet, ein Quartier mit Bars, Klubs und Saunas für Schwule. Gemäß Szenenkennern müssen allerdings die Betreiber an der Pany Road mehr Geld bezahlen als andere Barbetreiber, um von den Behörden in Ruhe gelassen zu werden. «Jeder weiß, daß wir unter besonderer Beobachtung stehen», sagt Patric. Der 55-jährige Brite lebt seit fünf Jahren in Schanghai. Er bezeichnet die Pany Road als «Oase der Erleichterung».

Zwar sind seit 1997 gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht mehr verboten. Das heißt aber in China nicht, daß sie akzeptiert werden.

Der bekannte­s‍te Klub hier heißt «Lucca 390». Im Vorraum herrscht normaler Barbetrieb. Die Tanzfläche befindet sich im hinteren Bereich des Lokals, der von außen nicht einsehbar ist. Beim Tanzen wird geknutscht und gefummelt, zu zweit, zu dritt, T-Shirts fliegen durch die Luft – der Kontrast zum Vorraum mit der Bar könnte nicht größer sein.

Dort sitzt der 25-jährige Hui. Er sei auf dem Land in der südlichen Armenprovinz Yunnan aufgewachsen, erzählt er. Vor vier Jahren verließ er seine Familie, «um zu arbeiten», so der Vorwand. In Wirklichkeit wollte er seinen Eltern die Schmach wegen seiner Homosexualität ersparen. Er sei bisher nicht mehr nach Hause zurückgekehrt, nicht einmal während der «Golden Week».

Ein offizieller Kündigungsgrund

Ein Tabuthema sei die hohe Selbstmordrate bei Homosexuellen auf dem Land, sagt Ni, ein weiterer Gast. Sein Beziehungsmodell zeigt exemplarisch, zu welch bizarren Lebensformen Chinas Besessenheit von der Fortpflanzung führt.

Er hat einen Sohn, der mit seiner heterosexuellen Ehefrau bei seinen Eltern auf dem Land «im Nirgendwo» lebt. Ni jedoch zog nach Schanghai. Seine Familie sieht er etwa alle zwei Jahre. «Ich sorge für deren Unterhalt, so sind alle glücklich.»

Gewalttätige Übergriffe auf Homosexuelle sind in China zwar kaum bekannt, doch die Schwulen und Lesben leiden unter der Gleichgültigkeit der Regierung in Peking, die nichts gegen Diskriminierungen unternehmen will. So kann eine Firma ganz offiziell einen Ange­s‍tellten mit der Begründung «homosexuell» entlassen.

Das ist legal und wird gerade in traditionelleren Unternehmen in China auch gemacht. Rechtlich dagegen wehren können sich die Betroffenen nicht. Zwar sind gleichgeschlechtliche Beziehungen seit 1997 nicht mehr verboten. Doch wenn etwas nicht verboten ist, bedeutet das in China nicht, daß es nicht bekämpft wird.

Seit Jahren fordern die Homosexuellenorganisationen Gesetze, welche die Homosexuellen schützen. Schlagzeilen machte das Schwulenpaar Sun Wenlin und Hu Mingliang, das Anfang dieses Jahres vor Gericht die amtliche Registrierung ihrer Beziehung erstreiten wollte.

Zum er­s‍ten Mal in China ließ ein Gericht eine solche Klage zu – ein Meilen­s‍tein. Zwar unterlagen die beiden, doch die Bilder, wie sie Hand in Hand das Gerichtsgebäude verliessen, gingen um die Welt. Sun und Hu haben übrigens trotzdem ein Hochzeitsfest gefeiert.( NZZ Boris Gygax, Schanghai)



«Keine Schwarzen. Keine Tunten … » – Diskriminierung oder blosser Sexpragmatismus?

Wie ehrlich darf man sein, auf Grindr und Co.?

An dieser Frage scheiden sich die Gei­s‍ter. Für Redaktor Markus Stehle steht fest: Auch online sind die grundlegenden An­s‍tandsregeln einzuhalten. Ein Plädoyer für mehr Rücksichtnahme unter Schwulen.

Als schwuler, übergewichtiger Latino muß ich mich nur auf Grindr einloggen, und schon werde ich erneut daran erinnert, daß mein Körper nicht gefragt ist.» Dies schreibt der Journalist Mathew Rodriguez auf huffingtonpost.com. Er spricht damit die Tatsache an, daß zahlreiche Profile auf Grindr und anderen schwulen Dating-Apps Sätze wie «keine Fetten», «keine Tunten» oder «keine Schwarzen» enthalten.

«Sollen wir rosarote Brillen anziehen und so tun, als würden viele nicht auf Schlanke, Sportliche stehen?»                                                                        (Foto-Pinterest)

Ehrlich und praktisch?
Wer sich auf solchen Apps tummelt, kennt dieses Phänomen. Immer wieder gibt es Anlaß zur Diskussion. Vor ein paar Monaten druckte das Modelabel Marek+Richard die Sätze «Keine Fetten, keine Tunten» gar auf ein Tank-Top.
Für die einen sind diese Äußerungen diskriminierend, menschenverachtend und verletzend. Andere verteidigen sie. Es handle sich dabei bloß um die unverblümte Angabe optischer Präferenzen. «Besser von Anfang an Klartext reden, das spart Zeit», so die Devise. Purer Sexpragmatismus. Daß sich dieser im Internet noch ehrlicher und direkter manife­s‍tiere als im realen Leben, sei als unabänderliche Tatsache hinzunehmen. Das Datingbusineß: Ein Ort, an dem nun mal mit harten Bandagen gekämpft wird.

«Keine rosa Brille, bitte»
Diese Ansicht vertritt zum Beispiel der Blogger Adam Dupuis, der sich selbst als «fetten Mann» bezeichnet. «Mich stören diese Aussagen nicht», schreibt er auf in­s‍tinctmagazine.com. Ihm sei klar, daß 95 Prozent der Männer auf Grindr oder Scruff ihn unattraktiv fänden. «Wenn sie dies in ihr Profil schreiben, dann ist das in Ordnung für mich. Ich ver­s‍tehe das.» Hingegen ver­s‍tehe er nicht, warum wir eine so «verdammt politisch korrekte Gesellschaft» geworden seien, die jene verhätschle, die sich verletzlich fühlten. «Wenn die Typen auf Grindr ihre Vorlieben offen darlegen – sollte man ihnen dann nicht für ihre Ehrlichkeit danken? Schließlich können wir uns dann den Versuch ersparen, sie zu treffen.» Außerdem sei niemandem geholfen, wenn man diese Sätze aus den Profilen verbanne. Das würde bedeuten, die Realität zu verleugnen. «Sollen wir rosarote Brillen anziehen und so tun, als würden viele nicht auf Schlanke, Sportliche stehen?» Er sieht das Ganze so: «Ich weiß, wer und was ich bin. Machst du dein Glück von der Meinung und Zu­s‍timmung anderer abhängig, dann gibst du ihnen Macht über dein Leben.»

Leichter gesagt als getan
Nun, dieses Argument leuchtet ein. Doch Dupuis’ Ein­s‍tellung zu diesem Thema setzt voraus, daß jeder über das Selbstbewußtsein verfügt, das Dupuis zu haben scheint, und im Brustton der Überzeugung sagen kann: «Ich bin, wer ich bin. Und ich akzeptiere mich selbst.» Tatsache ist, daß das bei Weitem nicht allen gelingt. So liest man zum Beispiel immer wieder, daß schwule Männer häufig von Eß­s‍törungen betroffen sind. Wie eine Studie der University of the West of England ergab, würde es fast die Hälfte der schwulen Männer in Kauf nehmen, früher zu sterben, nur um gegenwärtig den perfekten Körper zu haben. Die Forscherin Rosi Prescott erklärte dieses Resultat damit, daß heutzutage sowohl der Wert der eigenen Person als auch derjenige anderer Menschen meist nach dem Aussehen bemessen werde. «Schwule stehen deshalb oft unter einem besonders hohen Druck, gut auszusehen», so Prescott.
Der Berner Psychologe Roland Sanwald erklärt dies folgendermassen: Während bei den Heterosexuellen tendenziell noch immer die Frauen die Rolle des begehrenswerten Sexualobjekts übernähmen, liege es bei den Schwulen in der Natur der Sache, daß Männer für andere Männer begehrenswert sein müssen. Und da Männer im allgemeinen einen starken Sexualtrieb aufwiesen, spiele Sexualität bei den Schwulen eine größere Rolle als in der Heterowelt. «Somit wird es auch als wichtiger bewertet, den gängigen Schönheitsnormen zu entsprechen», so Sanwald. «Das Ziel ist es, auf dem Markt Erfolg zu haben.» Für diesen «Erfolg» gehen manche zu weit. Sie hungern oder nehmen ungesunde Sub­s‍tanzen zu sich, die den Muskelaufbau fördern. Andere zerbrechen am psychischen Druck, attraktiv und begehrenswert sein zu müssen. Gerade junge Männer, die in ihrer Persönlichkeit noch weniger gefe­s‍tigt sind und noch vermehrt nach Anerkennung streben.

«Wir haben die Tendenz, schwierige Erfahrungen, Äng­s‍te und Unsicherheiten nach einem erfolgreichen  Coming-out zu vergessen.»

Ein wenig mehr Umsicht
Diese Probleme – so viel steht fest – werden nicht alleine dadurch behoben, daß die erwähnten Sätze aus den Profilen verschwinden. Doch es wäre zumindest ein Anfang. Dating-Apps sind zu einem fe­s‍ten Be­s‍tandteil des schwulen Lebens geworden und für viele homosexuelle Männer ein wichtiges Instrument, um andere Männer kennenzu­lernen. Sie sollten nicht zu einem weiteren Ort verkommen, an dem man ständig den gängigen und bisweilen bedenklichen Schönheitsidealen ausgesetzt ist. Diese Dauerberieselung schadet. Sie führt dazu, daß sich besagte Ideale in den Köpfen verfe­s‍tigen und der Konformitätsdruck zusätzlich erhöht wird.
Es mag eine naive Forderung sein, die an der Oberflächlichkeit des Onlinedatings zerschellt wie ein Holzboot an schroffen Felsklippen. Doch sollte verlangt werden können, daß jeder App-Nutzer ein Mindestmaß an Rücksicht auf die Befindlichkeit anderer User nimmt. Und sich vielleicht einmal fragt, was diese abweisenden Sätze bei denjenigen auslösen können, die sie lesen müssen. Das gebietet der An­s‍tand, Pragmatismus hin oder her. «Und wieso sollten Schwule netter miteinander sein, als es andere sind?», mag man nun einwenden, «wir sind ja auch nur Menschen.»
Natürlich. Und als solche haben auch wir die Tendenz, «schwierige Erfahrungen, eigene Äng­s‍te und Unsicherheiten nach einem erfolgreichen Coming-out zu vergessen. Und damit auch, wie schlecht es sich anfühlt, wenn man von anderen diskriminiert wird», sagt Psychologe Roland Sanwald. Genau aus diesem Grund sei hier folgender Appell erlaubt: Für einmal müssen wir uns mehr Mühe geben, nicht zu vergessen.

Online – und plötzlich ehrlich?
Des weiteren sollte man aus einem anderen, ganz einfachen Grund auf die «Kein, Kein, Kein»-Leier verzichten: Würde jemand je auf die Idee kommen, sich im realen Leben ein Schild um den Hals zu hängen und darauf pauschal alle Menschenkategorien niederzuschreiben, die man sich beim Feiern oder auf der Partnersuche in den Clubs vom Leib halten will? Wohl kaum. Und warum nicht? Weil jeder weiß, daß dies bei anderen Leuten Reaktionen hervorriefe, die für einen selbst äußerst unangenehm wären. Man würde wahrscheinlich gescholten und zurechtgewiesen, vielleicht selbst beschimpft und beleidigt. Was man sich anderen Menschen nicht ins Gesicht zu sagen traut, soll man auch im World Wide Web für sich behalten.

Warum haben wir überhaupt gewisse Vorlieben und Abneigungen? Und inwiefern werden diese von äußeren Faktoren beeinflußt?

Bloß «persönliche Präferenzen»?
Die bisherigen Ausführungen betrafen die Frage, ob der eigene Geschmack derart offen und ehrlich kommuniziert werden sollte, wie es auf Grindr und Co. bisweilen geschieht. An dieser Stelle kann man sich aber noch eine weitere Frage stellen: Warum haben wir überhaupt gewisse Vorlieben und Abneigungen? Und inwiefern werden diese von äußeren Faktoren beeinflußt?
Der Journalist Dean Eastmond schreibt hierzu, es sei normal, daß wir alle unseren Geschmack hätten. «Doch wer jegliche Diversität ablehnt, verbirgt hinter der Filterfunktion der Dating-Apps die eigene Voreingenommenheit.» Die University of New South Wales in Sydney führte vor einem Jahr eine Untersuchung zu diesem Thema durch. Die Wissenschaftler wollten Folgendes herausfinden: Hat die persönliche Präferenz hinsichtlich der Hautfarbe von Sexpartnern ausschließlich mit ungefährlichem ästhetischem Empfinden oder vielleicht doch mit Rassismus zu tun? Befragt wurden 2177 schwule und bisexuelle Männer, und das Resultat war klar. Ob und wie stark die Testteilnehmer von Männern anderer Hautfarbe angezogen wurden, hing eng mit der Frage zusammen, wie rassi­s‍tisch sie einge­s‍tellt waren. Will heissen: Unsere Präferenzen sind unter Um­s‍tänden Ausdruck persönlicher Vorurteile.

«Oft sind Sätze wie ‹keine Schwarzen› nicht einmal böse gemeint. In der Regel beruhen sie aber auf einer tieferliegenden rassi­s‍tischen  Ein­s‍tellung, derer sich der Betroffene womöglich gar nicht bewußt ist.»

Der Einfluß der Gesellschaft
In seinen Erläuterungen zu diesem Ergebnis schrieb Untersuchungsleiter Denton Callander, daß unser persönliches Begehren und Empfinden nicht einfach unser ureigenes sei. «Vielmehr wirken sich unsere Erziehung und Sozialisierung darauf aus, wen wir attraktiv finden.» Der LGBT-Politberater Joseph Ward sagt es im Gespräch mit der Mannschaft so: «Oft sind Sätze wie ‹keine Schwarzen› nicht einmal böse gemeint. In der Regel beruhen sie aber auf einer tieferliegenden rassi­s‍tischen  Ein­s‍tellung, derer sich der Betroffene womöglich gar nicht bewußt ist.» Diese Ein­s‍tellung sei das Resultat von alledem, was uns beigebracht werde – und somit auch das Spiegelbild gesellschaftlicher Miß­s‍tände. «Ich habe viele weisse Freunde, die sich selbst als offen und tolerant bezeichnen. Mit einem Menschen anderer Hautfarbe zusammen sein? Das können sie sich dann aber doch nicht wirklich vor­s‍tellen», erzählt der 30-Jährige. Auch bei Schwarzen beobachte er immer wieder rassi­s‍tische Ein­s‍tellungen, die sich gegen die eigene Person richten. Ward beschreibt dieses Phänomen als verinnerlichten Rassismus: «Ich kenne Schwarze, die eine ausgeprägte Vorliebe für Weisse haben. In vielen Fällen ist dies ein Ausdruck davon, was diesen Leuten im Alltag vermittelt wurde und wird – daß es besser sei, weiß als schwarz zu sein.»

Schließlich steht auch hinter dem Satz «Keine Tunten» ein gesellschaftliches Normkonstrukt, das uns alle mehr oder weniger stark beeinflußt: Das Patriarchat.

Nicht in Stein gemeisselt: Schönheitsideale
Auch die Tatsache, daß in hiesigen Gefilden schlanke Körper als attraktiv gelten, ist vielmehr das Resultat unserer soziokulturellen Prägung als der menschlichen Biologie. Das zeigt sich etwa daran, daß körperliche Idealbilder je nach Kulturkreis ganz unterschiedlich aussehen. In Mauretanien werden üppige Frauen derart begehrt, daß früher bereits junge Mädchen regelrecht gemä­s‍tet wurden – eine Praxis, die heute glückicherweise kaum noch angewandt wird. Dennoch wiegen die mei­s‍ten Frauen im Land so viel, daß die Regierung einschreiten mußte: In TV- und Radiospots warnen Ärzte vor den gesundheitlichen Problemen, die massives Übergewicht nach sich ziehen kann. In asiatischen Ländern schmieren sich die Menschen Bleichcremes ins Gesicht, weil sie möglichst hellhäutig sein wollen. Wir hingegen braten trotz Hautkrebsrisiko stundenlang in der Sonne, um braun zu werden. «Es ist klar, daß unsere persönlichen Präferenzen sehr viel mehr von kulturellen Normen als von einem biologischen Drang abhängen», schreibt die Autorin und Bloggerin Kitty Stryker auf huffingtonpost.com. «Es wäre ignorant, etwas anderes zu glauben.» (Foto-Pinterest)

Männlich, männlich, männlich!
Schließlich steht auch hinter dem Satz «Keine Tunten» ein gesellschaftliches Normkonstrukt, das uns alle mehr oder weniger stark beeinflußt: Das Patriarchat – die althergebrachte Dominanz des männlichen Geschlechts. Die fragwürdige Tradition, das «Männliche» zu verehren und über das «Weibliche» zu stellen. Demnach sind diejenigen Männer begehrenswert, die dominant und stark sind, auf den Putz hauen und mit den Fäu­s‍ten gegen die Brust trommeln, um es plakativ zu formulieren.
Diese konservative Denkart ist nicht nur insofern problematisch, als sie sexi­s‍tisch ist und Frauen abwertet. Sie sorgt auch dafür, daß manche Schwule leiden. Schwule Jugendliche etwa, die nicht der «Männlichkeitsnorm» entsprechen. Weil sie feingliedrig gebaut sind, zum Beispiel. Oder höhere Stimmen haben als die anderen, und sich lieber kreativ betätigen anstatt auf dem Fußballplatz zu bolzen. In den Augen mancher Mitschüler gelten solche Jungs als schwach. Sie werden gemobbt und als schwul beschimpft.

«Hetero» das neue Homo?
In mehr oder weniger ausgeprägter Form be­s‍tehen diese Stereotype in den Köpfen der Menschen noch immer. Auch in der Schwulenszene gelten traditionelle Männlichkeitsmerkmale als besonders anziehend und erstrebenswert. Vielleicht mehr denn je ist heute «männliche» Coolness gefragt, und das sogenannte «straight-acting». Ein Prinzip, das eigentlich Folgendes verlangt: Schwule sollten «heterolike» sein – und somit Männer, die zwar auf Männer stehen, aber nicht schwul wirken.
Und wo genau, mag man vielleicht fragen, soll hier nun das Problem liegen?

Homophobie: Der Feind in den eigenen Reihen
Nirgends, lautet die Antwort. Solange das erwähnte Verhalten authentisch und natürlich ist. Problematisch wird es aber, wenn man sich zu vermeintlich männlichem Benehmen gezwungen fühlt. Wenn man sich verbiegt und anpaßt, aus dem tiefen Wunsch heraus, akzeptiert zu werden – sei es von der Gesellschaft als solcher, sei es von anderen Schwulen. Der Blogger und Schauspieler Seba­s‍tian Schlecht schreibt auf viva.tv, das Wort «heterolike» impliziere, daß es wichtig sei, nicht als schwul wahrgenommen zu werden. «Das wiederum zeigt, daß es viele Schwule gibt, die ihre eigene Sexualität ablehnen und Angst davor haben, von der Gesellschaft verurteilt zu werden. Und das ist doch irgendwie schade.»

«Die sogenannten Alt-68er und Alt-80er waren und sind auch heute noch akzeptierender als viele der Schwulen, die sich mit der heutigen kommerzialisierten und wettbewerbsorientierten Szene identifizieren.»

Mehr Gemeinschaft
Ja, das ist es. Schade für den Einzelnen, der mit sich selbst und seiner Homosexualität kämpft. Und schade für die Gemeinschaft der Schwulen insgesamt: Denn wenn auf Dating-Apps Sätze wie «keine Tunten» erscheinen, dann werden letztendlich genau jene heterosexi­s‍tischen und schwulenfeindlichen Werthaltungen in die Szene hineingetragen, vor denen man in der Community eigentlich sicher sein sollte. Es sind genau jene Werthaltungen, die frühere Generationen schwuler Männer mit größtem Einsatz bekämpft und den «heutigen» Schwulen damit zu mehr Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Akzeptanz verholfen haben. Es kann nicht angehen, daß homophober, diskriminierender Wortschatz aus den eigenen Reihen dieses wertvolle und hart erfochtene Erbe wieder zer­s‍tört. In diesem Sinne sei der zuvor gemachte Appell wiederholt: Wir sollten uns Mühe geben, nicht zu vergessen. Und uns stattdessen in Erinnerung rufen, daß «das Gemeinschaftsgefühl unter schwulen Männern in den Jahrzehnten der grundlegenden Homosexuellen-
emanzipation be­s‍timmt stärker war als heute», wie der Zürcher Psychotherapeut Tim Wiesendanger gegenüber der Mannschaft erklärt. «Die sogenannten Alt-68er und Alt-80er waren und sind auch heute noch akzeptierender als viele der Schwulen, die sich mit der heutigen kommerzialisierten und wettbewerbsorientierten Szene identifizieren.» In der Regel halte ich nicht allzu viel von der Verklärung vergangener Tage. In diesem Fall klingen sie aber sehr schön, die «guten, alten Zeiten».

Über den Tellerrand blicken
Die persönlichen Präferenzen hinsichtlich unserer Wunschpartner sind real, so viel steht fest. Was wir attraktiv finden und was nicht, läßt sich weder wegdiskutieren noch mit einem Fingerschnipp einfach ändern. Man kann sich aber folgende Frage stellen: Nehmen wir unsere Begehren ein für alle Mal als gegeben hin? Und zementieren wir sie, indem wir Sätze wie «keine Tunten» in unsere Datingprofile schreiben? Oder sind wir allenfalls bereit, unseren Geschmack einmal zu hinterfragen? Zu überlegen, warum wir zum Beispiel von «richtigen Männern» angezogen sind, und wer oder was unsere Partnerwahl beeinflußt, vielleicht auf ganz unbewußte Art und Weise? Wer weiß, vielleicht sorgt diese Auseinandersetzung mit sich selbst für eine Horizonterweiterung, mehr Experimentierfreudigkeit und Offenheit. Daß sich dies lohnen kann, zeigt folgendes Beispiel: Noch vor ein paar Jahren waren zwei meiner be­s‍ten Freundinnen überzeugt, nicht wirklich auf asiatische Männer zu stehen. Diese seien meist «zu wenig männlich», so das pauschale Urteil. Unterdessen ist die eine glücklich mit einem Chinesen, die andere mit einem Halbfilipino verheiratet. Hätten sie ihre einst gehegte Überzeugung wie einen Schutzschild vor sich hergetragen und in fetten, roten Buch­s‍taben «keine Asiaten» daraufgeschrieben, dann wäre ihnen das jetzige Glück wohl verwehrt geblieben.

Letztlich hat die ganze Diskussion, wie man sich im Datingdschungel verhält, sicher auch mit Faktoren wie der persönlichen Reife und damit zu tun, was man sucht: Den schnellen Sex, oder allenfalls etwas Sub­s‍tanzielleres? In den Kommentarspalten zu Adam Dupuis’ zuvor erwähntem Artikel schrieb der User C.N. Norton: «Ich hatte auch dieses Bild des ‹perfekten Mannes› im Kopf, als ich jünger war. Diesem Ideal jagte ich nach, in den Clubs, überall. Daß ich dem selbst nie entsprechen würde, realisierte ich damals nicht. Heute bin ich glücklicher als je zuvor. Weder mein Ehemann noch ich fühlen uns von Sprüchen wie ‹keine Fetten, keine Tunten› beleidigt. Um ehrlich zu sein, insgeheim amüsieren wir uns ein wenig darüber. Denn die Leute, die solche Dinge schreiben, wissen nicht, was sie verpassen.» (von Markus Stehle-Mannschaft.de)

Schwul – Ein Wort mit einem schweren Stand

Der Begriff «schwul» beschreibt in der Umgangssprache nicht nur die gleichgeschlechtliche Männerliebe, sondern er wird auch in einem negativen Sinn verwendet: Manchmal als gezielte Beleidigung gegenüber Männern, die nicht dem traditionellen Rollenbild entsprechen, häufig auch einfach als Ausdruck für Unangenehmes. Er­s‍teres ist verwerflich, Letzteres schlicht unnötig.

er kennt sie nicht, die Situation: Man unterhält sich mit jemandem oder hört andere miteinander reden, und plötzlich fällt ein Satz wie «Das ist dermassen schwul!» Damit kann alles Mögliche gemeint sein. Die Verspätung des Busses, der plötzlich einsetzende Regen, eine häßliche Hose. Vor allem für jüngere Menschen ist am derartigen Gebrauch des Wortes nichts Ungewöhnliches. Schwul ist in der Jugendsprache zum Synonym für eine ganze Reihe von Ausdrücken geworden, die etwas Negatives bezeichnen.

Der Duden trägt diesem Um­s‍tand Rechnung und definiert schwul unter anderem als «in Ärger oder Ablehnung hervorrufender Weise schlecht; unattraktiv, uninteressant». Gegenüber der Mannschaft äußert sich der Verlag zur Aufnahme dieser Bedeutung wie folgt: «Der Dudenverlag bildet in seinem Wörterbuch den aktuellen Stand der Sprache ab. Wenn eine Wortbedeutung weit verbreitet ist oder ein Begriff eine Bedeutungswandlung oder -erweiterung erfährt, nehmen wir das auf.» Daß ein Begriff, der eigentlich die männliche Homosexualität beschreibt, auch als Schimpfwort verwendet wird, ist ein Phänomen, das nicht nur im Deutschen auftritt. Auch im Englischen zum Beispiel wird mit dem Wort gay (schwul, homosexuell) etwas Unangenehmes, Seltsames oder Unerwünschtes beschrieben.( Foto-GIGA)

Schwul ist nicht immer gleich schwul
In dieser Verwendungsform hat schwul mit seiner eigentlichen Bedeutung – der homosexuellen männlichen Liebe – in der Regel nichts zu tun. In einem Artikel der Zeitung Die Zeit schreibt der Journalist Harald Marten­s‍tein über seine Erfahrungen mit der Sprache seines 14-jährigen Sohnes. Dieser habe ihm erklärt: «Das Gegenteil von geil heißt schwul. Ein schwuler Film ist ein Film, der nicht geil war. Der Pitbull – ein schwuler Hund. Oder es heißt, dieses Mädchen finde ich schwul, jenes Mädchen finde ich geil.» Auch laut Wikipedia hat sich das Wort in den letzten Jahren vermehrt als Gegenbegriff zu geil entwickelt. In diesem Sinne sei es nicht «spezifisch homosexuell konnotiert» – was das Beispiel des «schwulen Mädchens» beweisen dürfte.

Diesbezüglich sind meine eigenen Erfahrungen dieselben. Vor allem männliche, heterosexuelle Freunde benutzten das Wort regelmässig in dieser Gebrauchsform. Nach meinem Coming-out gab es eine Phase, in der sie dies vorerst auch weiterhin taten. Ganz automatisch. Mei­s‍tens aber entschuldigten sie sich umgehend dafür, wenn sie realisierten, daß ich neben ihnen stand. Sie versicherten stets, daß dies weder gegenüber mir noch den Schwulen allgemein beleidigend gemeint war. Sie hätten sich halt einfach an diese Verwendung gewöhnt. Zu Beginn erwiderte ich immer, daß dies schon in Ordnung gehe. Ich ver­s‍tünde, wie sie es meinten. Heute wie damals ist es zwar nicht schön, das Wort in einem abwertenden Kontext zu hören, und unterdessen weise ich auch daraufhin, daß mir diese Verwendungsform nicht gefällt. Gleichzeitig ist mir auch klar, daß ein gewisses Ver­s‍tändnis angebracht ist.

Es ist schwierig, Gewohnheiten sofort zu ändern. Das erfuhr ich wiederum am eigenen Beispiel. Als ich mit einer Freundin über dieses Thema sprach und einigermassen empört verkündete, es gebe doch weiß Gott genug andere Wörter, die man an­s‍telle von schwul benutzen könnte, pflichtete sie mir zuerst ver­s‍tändnisvoll bei. Dann wies sie aber auch darauf hin, daß nicht nur «unser» Wort regelmässig verunglimpft werde. Auch Behinderte zum Beispiel hätten es diesbezüglich nicht leicht. Wie oft werde das Wort behindert in genau derselben Art und Weise verwendet!

Mir ging nicht nur ein Licht auf, ich fühlte mich auch ertappt. Mir wurde bewußt, daß ich dieses Wort regelmässig und völlig selbstver­s‍tändlich benutzte – und mir dabei gar nie überlegt hatte, was das in einer Person auslösen könnte, die selbst behindert ist oder die eine behinderte Person in ihrem Umfeld hat. Seither versuche ich, das Wort nur noch dann zu verwenden, wenn es tatsächlich um behinderte Menschen geht. Aber eben. Gewohnheiten haben die unangenehme Eigenschaft, sich festzuklammern wie ein Koalabär am Eukalyptusbaum. Die unangebrachte Verwendung von behindert konnte ich noch immer nicht voll­s‍tändig aus meiner Umgangssprache ausmerzen.

Insofern habe ich (noch) ein Restver­s‍tändnis, wenn aus Sicht eines Freundes die verei­s‍te Skipi­s‍te oder das versalzene Essen mal wieder schwul waren. Gerade auch deshalb, weil das Wort in meinem Umfeld immer seltener fällt. Einerseits liegt das an einer stärkeren Sensibilisierung meines Freundes- und Bekanntenkreises gegenüber diesem Thema. Andererseits verschwinden Jugend- und Slangausdrücke mehr und mehr aus unserem Alltagsvokabular, je älter wir werden. Jedenfalls habe ich noch nie einen Fünfzigjährigen gehört, der sich über die schwule Warteschlange an der Kasse im Supermarkt beschwert.

Jugendliche Provokation
Warum aber wird schwul überhaupt in dieser Form verwendet? Gemäß der Politologin und Psychotherapeutin Chri­s‍tine Kammerer wollen sich Jugendliche mit ihrem «oft sehr respektlosen und aggressiven Wortschatz» bewußt von den Erwachsenen abgrenzen. Die Jugendsprache werde zum «Ausdruck von Freiheitsdrang und Selbstbe­s‍timmung in einer Entwicklungsphase, die vor allem der Identitätsfindung dient.» Typisch sei dabei, daß viele Jugendliche so tiefe Unsicherheiten zu überspielen versuchten. Und für Marten­s‍tein steckt dahinter vor allem die ewige Lust der Jugend an der Provokation, wobei «die Gutwörter und die Schlechtwörter meist aus dem Bereich des Sexuellen» stammten. Dabei werde «das gesellschaftlich Akzeptierte stets negativ besetzt, das gesellschaftlich Verpönte aber ins Positive verwendet». Das zeige zum Beispiel das sehr populär gewordene Wort porno, mit dem Jugendliche neuerdings Positives ausdrückten: «Das Schulfest war voll porno».

Die Jugendsprache werde zum «Ausdruck von Freiheitsdrang und Selbstbe­s‍timmung in einer Entwicklungsphase, die vor allem der Identitätsfindung dient».

Ist es also ein Problem, wenn schwul abwertend verwendet wird? In der Pubertät wollen die Jugendlichen halt einfach provozieren, könnte man sagen. Wenn die Akne sprießt und die Hormone toben, dann wollen sich die Teenager halt einfach abgrenzen, mag man einwenden. Die sind bloß verunsichert und versuchen das mit grobem Geschwätz zu ver­s‍tecken. Alles halb so wild also?

Ein Schlag in die Magengrube
Zweifellos hat es meist nichts mit Homophobie zu tun, wenn schwul derart benutzt wird. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß ein solcher Gebrauch des Wortes schlicht unnötig ist. Schließlich konnte sich die Menschheit problemlos ver­s‍tändigen, ohne es in diesem Sinne zu verballhornen. Außerdem – und das ist der wichtige Punkt – kann diese Verwendung bei homosexuellen Knaben und Männern nach wie vor zu großer Verunsicherung führen, gerade bei un- oder erst kürzlich geouteten. Dies vor allem dann, wenn man sein Gegenüber nicht gut kennt und hinter dessen Ein­s‍tellung gegenüber Schwulen noch ein Fragezeichen steht. Hat er das Wort einfach so dahingesagt, wie die mei­s‍ten es tun? Oder hat vielleicht doch eine homophobe Note mitgeschwungen, eine subtile, beiläufige Beleidigung Schwuler?

«Wenn du das Wort schwul ständig als Schimpfwort hörst, ist es jedes Mal ein Schlag in die Magengrube.»

Auf der Internetseite des deutschen Radio­programms N-JOY befaßt sich die Journali­s‍tin Sharon Welzel mit dem Thema. Auch sie schreibt, daß es die mei­s‍ten Jugendlichen «wohl eher nicht» diskriminierend meinen, wenn sie das Wort schwul gebrauchen. Einerseits klingt das positiv. Andererseits zeigt die vorsichtige Formulierung «wohl eher nicht», daß man sich eben doch nicht immer ganz sicher sein kann. Jedenfalls zitiert Welzel in ihrem Artikel auch eine Studie der Berliner Humboldt-Universität. Diese zeige, daß sich lesbische, schwule und bisexuelle Schülerinnen und Schüler an ihrer Schule weniger sicher fühlten.

Solche Gefühle und Ungewißheiten können unter Um­s‍tänden die Persönlichkeitsentwicklung schwuler Jungs und Männer hemmen, gerade wenn diese noch jünger oder in ihrer Sexualität ungefe­s‍tigt sind. Womöglich erscheint einem Schwulen der Gesprächspartner auch unsympathisch, wenn dieser das Wort abwertend gebraucht. All das erschwert den Aufbau persönlicher Beziehungen. Das ist vor allem dann schade, wenn die Person mit der Verwendung von schwul tatsächlich nichts Böses meinte, sondern wirklich nur das Gegenteil von geil oder porno. Chri­s‍tian Lang, Vor­s‍tandsmitglied des Kölner Lesben- und Schwulentags fand in einem Interview klare Worte: «Wenn du das Wort schwul ständig als Schimpfwort hörst, ist es jedes Mal ein Schlag in die Magengrube.»

Nicht noch einmal von vorne, bitte!
Das alles klingt vielleicht überempfindlich. Der eine oder andere wird sich denken: «Entspannt euch! Den Schwulen gehts ja gut, alles in allem.» Nun, die Verwendung von schwul im beschriebenen Sinne ist nicht nur abzulehnen, weil sie Verunsicherung auslösen kann. Sondern auch, weil das Wort schon seit seinen Anfängen einen schweren Stand hatte und erst in den letzten Jahren, nach mühsamen Kämpfen früherer Generationen von Schwulen, endlich salonfähig wurde.(Foto-tectar.com.br)

Ursprünglich beschrieb schwul ein meteorologisches Phänomen: einen unangenehm heissen, bedrückenden Wetterzu­s‍tand. Das heutige schwül, als Gegenbegriff zu kühl. In seiner Bedeutung als homosexuell fand das Wort um 1900 seinen Weg in die Umgangssprache. Laut dem deutschen Sprachwissenschaftler Heinz Küpper wurde damit wahrscheinlich auf die «beklemmend heisse Atmosphäre in den einschlägigen Lokalen» angespielt, in denen sich schwule Männer damals trafen. 1967 tauchte der Begriff dann zum er­s‍ten Mal im Duden auf. Damals bedeutete er «derb für: homosexuell». Vor allem in den Groß­s‍tädten verwendeten ihn viele Schwule schon vorher, um die eigene sexuelle Orientierung und Identität zu beschreiben. Manche lehnten diese Selbstbezeichnung aber ab, denn bei einem Großteil der (heterosexuellen) Bevölkerung war das Wort – sowie auch Homosexualität als solche – verpönt und an­s‍tössig. Eine Bekannte, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufwuchs, erzählte mir einst, sie habe mit dem Begriff schwul noch immer Mühe. Es sei kein schönes Wort und «so negativ aufgeladen».

«Ursprünglich beschrieb schwul ein meteorologisches Phänomen: einen unangenehm heissen, bedrückenden Wetterzu­s‍tand.»

Zunehmend wurde schwul auch außerhalb der Szene in einem positiven Kontext verwendet, das Wort erfuhr einen Imagewandel. 2001 sagte der ehemalige Schweizer Bundespräsident Moritz Leuenberger in seiner Ansprache am Chri­s‍topher Street Day in Zürich, es sei der Beharrlichkeit der Homosexuellen zu verdanken, daß er die Wörter schwul oder lesbisch heute viel leichter über die Lippen bringe. In seiner Jugend seien dies obszöne Schimpfworte gewesen, heuten seien diese Begriffe zunehmend inhaltlich akzeptiert. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund scheint es umso wichtiger, daß das Wort seinen negativen Anstrich ein für allemal verliert. Es sollte nicht erneut durch den Dreck gezogen und nur noch in seiner eigentlichen Bedeutung verwendet werden. Das gelingt kaum, wenn schwul so häufig in einem abwertenden Kontext auftritt.

«Ich werde das Gefühl einfach nicht ganz los, daß er so verwendet wird, weil letztendlich auch Schwulsein als negativ empfunden wird.»

In künftigen Jahren ist Homosexualität hoffentlich derart selbstver­s‍tändlich, daß wir alle über Vergangenes lachen können und ein abgewandelter Gebrauch des Wortes erheiternd sein mag. Zurzeit jedoch ist das Bewußtsein noch zu stark, daß schwul sehr lange diskriminierend und beleidigend verwendet wurde und sich erst in den letzten Jahren den Schmutz des Anrüchigen und Verpönten abzuwischen vermochte. Zu bitter ist auch der Beigeschmack, daß Homosexuelle noch nicht voll­s‍tändig gleichberechtigt sind; daß sie nicht heiraten und keine Kinder adoptieren dürfen und daß sie in vielen Teilen der Welt mit erheblichen Nachteilen leben müssen. Eine Kombination von alldem kommt jeweils – wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde – in Form eines unangenehmen Gefühls in mir hoch, wenn schwul als Schimpfwort fällt. Ein Freund sagte kürzlich, es nage jeweils ein kleines bißchen an der Seele, wenn er den Begriff in dieser reduzierenden Bedeutung höre. Und er fand: «Ich werde das Gefühl einfach nicht ganz los, daß er so verwendet wird, weil letztendlich auch Schwulsein als negativ empfunden wird.» (Markus Stehle- mannschaft.com)


Verliebt, verlobt, verprügelt

Tabu Über häusliche Gewalt in schwulen Beziehungen wird oft geschwiegen. Ruß Vickery will das ändern

Er sei zwar kein zweiter Frank Sinatra, sagt Ruß Vickery. Aber den Ton halten, das könne er schon – außerdem mache es ihm einen riesigen Spaß zu singen. Wenn er bei einem Anruf in der Warteschleife hängt oder im Lift Musik läuft, kann es vorkommen, daß der Australier einfach mal mitsingt. Doch während der Zeit, in der er damals mit Greg (Name geändert) zusammen war, hörte man den eigentlich so ausgelassenen Vickery nicht mehr singen. Er sang nur noch, wenn er allein war – um sich zu trö­s‍ten.

Er lernte Greg nach seiner Scheidung kennen. Er war zuvor 17 Jahre mit seiner Frau verheiratet gewesen und hatte drei Kinder mit ihr. Obwohl er seit seiner Teenager-Zeit wußte, daß er wahrscheinlich nicht heterosexuell war, hatte Vickery das Gefühl, daß die Beziehung mit seiner Frau funktionieren könnte. Als sie sich trennten, war er bereits 42 Jahre alt.

Am Anfang sei es mit Greg ganz wunderbar gewesen, erzählt er: „So etwas fängt nicht am er­s‍ten Tag an, denn dann würde man ja erst gar keine Beziehung eingehen.“ Auch wenn es sechs Monate dauerte, bevor die körperliche Gewalt in der Beziehung begann, hatte es Anzeichen dafür schon vorher gegeben.

Greg begann, ihn zu kontrollieren. Er fand viele Wege, mit kleinen Dingen im Alltag Macht über Vickery auszuüben. Langsam sorgte er dafür, daß Vickery sich von seinen Freunden immer weiter entfernte und schickte ihm Blumen – nicht um ihm eine Freude zu machen, sondern „nur um mich wissen zu lassen, daß er genau wußte, wo ich war“.

Ist das bei Männern normal?

Vickery fühlte sich zerrissen und verwirrt, unsicher, ob das nicht vielleicht einfach das war, was man in einer Beziehung zwischen Männern erwarten mußte. „Man hat mir immer wieder gesagt, daß der Streit irgendwann körperlich wird, wenn zwei Typen zusammen sind. Ich hatte kein Barometer dafür und dachte mir, das sei normal.“ Tief in seinem Inneren wußte er, daß es nicht richtig war, aber er wollte, daß die Beziehung funktioniert. Er wollte das unbedingt.

„In meiner Situation war das so. Ich hatte gerade eine Ehe hinter mir, und ich hatte drei Kinder. Ich habe dann allen gesagt: ‚Seht her, das ist es, was ich eigentlich bin‘, und plötzlich ist diese Beziehung dann ganz furchtbar. Aber das Letzte, was man will, ist einfach zu gehen: ‚Oops, wartet mal kurz, Leute. Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht.‘ Man denkt, alle würden dann sagen, sie hätten es ja schon immer gewußt. Beziehungen zwischen Schwulen seien halt immer so.“

Vickery war nicht klar, daß Gewalt auch in LGBTQ-Beziehungen ein Problem dar­s‍tellt und stati­s‍tisch genauso häufig vorkommt wie in heterosexuellen. Als er sich schließlich um Hilfe kümmerte – zwei Jahre, nachdem er angefangen hatte, sich mit Greg zu treffen –, stellte er fest, daß das Bewußtsein für das Problem bei den Leuten, die eigentlich am be­s‍ten in der Lage gewesen wären, ihm zu helfen, nur schwach bis überhaupt nicht ausgeprägt war.  

(In einer Bühnenshow thematisiert Ruß Vickery seine Gewalterfahrungen - Foto: Robert Knapma)

Eines Nachts kam Greg betrunken nach Hause und schlug Vickery mit einem Telefon so hart auf den Kopf, daß dieser eine Schädelfraktur erlitt. „Ich schleppte mich ins Krankenhaus. Als ich wieder nach Hause kam, war er verschwunden“, erzählt Vickery. „Wir hatten damals ein schwules Billigmagazin auf dem Couchtisch liegen. Ich blätterte es durch, fand eine Hilfshotline und rief an – doch der Mensch, der den Anruf entgegennahm, hatte keinen blassen Schimmer und gab mir auch recht deutlich zu ver­s‍tehen, daß sie nicht wirklich dafür ausgestattet und ausgebildet waren, mit Leuten in solchen Beziehungen umzugehen. Man machte mir dann nur den Vorschlag, Greg dazu zu bewegen, selbst bei ihnen anzurufen.“

Es war eine harte Zeit. Heute sagt Vickery: „Wenn ich damals jemanden gehabt hätte, der sich der Sache richtig angenommen hätte, hätte mir das Jahre des Leids erspart.“

Als er schließlich in der Lage ist, die Beziehung zu beenden, hilft ihm die Musik, sein fragiles Selbstbewußtsein wieder zurückzugewinnen. Er baut sich eine Karriere als Sänger auf und entwickelt ein Kabarett-Programm, das von seinen Erfahrungen erzählt. 2014 hat es unter dem Titel My Other Closet in Sydney Premiere, gegenwärtig ist es in Melbourne zu sehen.

Er sei kein Schauspieler, und er habe auch nie eine Ausbildung in dieser Richtung gehabt, erzählt Vickery. „Wenn die Leute sehen, was ich mache, merken sie schnell, daß das kein Musical ist“, sagt er. „Der Mann, der da auf der Bühne steht, erzählt eine Geschichte. Es ist seine eigene Geschichte. Da ist nichts gespielt, überhaupt nichts davon.“

Produktionsleiter und Regisseur der Show ist Ruß’ neuer Lebenspartner, Matthew Parsons. Die beiden führen heute eine glückliche Beziehung – und auch ihre Show ist trotz der Themen, die sie verhandelt, letzten Endes fröhlich und aufmunternd. Nachdem er so lange still gewesen sei, nutze er heute wieder jede Gelegenheit, zu singen, sagt Vickery. Er covert Pop-Klassiker wie Stand by Your Man und Suzanne Vegas Luka, das von Kindesmißhandlung und häuslicher Gewalt erzählt, und das in diesem Kontext zum Teil eine neue Bedeutung gewinnt. Vickery nimmt sein Publikum mit auf eine Reise voller widersprüchlicher Gefühle und versucht einerseits, sich der Brutalität seiner Beziehung zu stellen. Andererseits legt er sich mächtig ins Zeug, um sich davon zu überzeugen, daß doch alles gut ist – solange er nur weitersingt.

Sorgen der Community

Mit der Show will er in der Community und bei Hilfseinrichtungen das Bewußtsein für das Problem erhöhen. „Wir wollen, daß die Leute ver­s‍tehen, daß Gewalt in der Familie etwas ist, das auch in unseren Beziehungen passiert. LGBTQ-Beziehungen sind so normal wie die von allen anderen Leuten auch. Manchmal können sie richtig schlimm enden, aber manchmal sind sie eben auch fanta­s‍tisch.“

Vickery und Parsons hatten zunächst Schwierigkeiten mit der Show, als sie Premiere feierte. Einige Mitglieder der LGBTQ-Community machten sich Sorgen, welche Botschaft von ihr ausgehen würde. Ruß kann diese Bedenken auch ver­s‍tehen: „Im Kampf für die Ehe für alle wollten wir den Sittenwächtern keine Munition liefern und keine Gelegenheit bieten, zu sagen, sie hätten es ja schon immer gesagt, unsere Beziehungen seien halt so.“

Doch seit die Show in Sydney gespielt wird, haben sie bereits sechs Leute getroffen, die ihre Beziehungen beendet haben, nachdem sie die Show sahen – und es könnten noch viel mehr sein. „Wir mußten auch klar­s‍tellen, daß wir weder Ratgeber noch Anwälte sind“, sagt Parson.

Vickery und Parsons haben zwei Jahre gewartet, bevor sie mit My Other Closet nach Melbourne gegangen sind. Während der australische Bundes­s‍taat New South Wales bei Projekten gegen Gewalt in LGBTQ-Beziehungen ganz weit vorn liegt, bot der Bundes­s‍taat Victoria, in dem Melbourne liegt, dem Publikum, das Vickery und Parsons ansprechen wollen, bisher weniger strukturelle Unter­s‍tützung. Anfang des Jahres hat die Regierung von Victoria aber erklärt, sie werde 5,3 Millionen australische Dollar an Hilfsgeldern für Fälle von häuslicher Gewalt bei LGBTQ-Paaren zur Verfügung stellen – damit ist sie weltweit Vorreiterin.

Der Beauftragte für Gender und Sexualität von Victoria, Ro Allen, war bei der er­s‍ten Vor­s‍tellung in Melbourne anwesend. Er sagt, es sei wichtig, ein Sy­s‍tem von Dienstlei­s‍tungen für die LGBTQ-Community aufzubauen: „Viele in unserer Community wenden sich nicht an den Staat, weil sie Angst vor Diskriminierung haben.“

Deshalb wurde eine offene Arbeitsgruppe für häusliche Gewalt ins Leben gerufen, die ein Sy­s‍tem entwickeln soll, das den Bedürfnissen von Opfern Rechnung trägt. Auf die Frage, ob er den bereits be­s‍tehenden Strukturen vertraue, antwortet Allen, so weit seien sie noch nicht. „Wir müssen das Sy­s‍tem erst noch aufbauen. Wir haben ein Gefühl von dem, was wir brauchen. Aber es braucht Zeit, um Leute auszubilden und vorzubereiten.“ Und auch die Mitglieder der Community müssen noch lernen, daß sie häusliche Gewalt nicht einfach hinnehmen dürfen. „Wir müssen in ihnen das Vertrauen in das Sy­s‍tem wecken, damit sie in der Lage sind, sich an dessen Einrichtungen zu wenden.“

Kate O’Halloran arbeitet für die Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen an der Universität Melbourne und schreibt für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt


Schwule Väter, na und?

Am Wochenende habe ich in der Zeitung einen herzerwärmenden Bericht über zwei Männer aus Bern gelesen, die Väter geworden sind. Sie sind nun Papi und Papi der kleinen Gaia, die im Bauch einer Leihmutter in den USA herangewachsen ist. Die Kommentare auf Facebook unter diesem Artikel waren dann weniger herzig. Hansjörg, Drahomira, Rolf, Rosmarie und andere empörten sich nicht etwa über den gemieteten Uterus. Dabei finde ich bezahlte Leihmutterschaft ist durchaus ein Thema, das man kritisch diskutieren sollte. Nein, sie fanden es total abartig, daß die kleine Gaia zwei Väter hat. Zwei Schwule, igitt!

Als heterosexuelle Mutter kann ich die Sorge um das Mädchen nicht nachvollziehen. Wo liegt das Problem, ihr Hansjörgs und Drahomiras?

Ihr schreibt: Ein Kind braucht Mutter und Vater!

Ich sage: Wenn das wirklich so wäre, dann müsste man ja alleinerziehende Eltern verbieten. Schwangere Singlefrauen müssten abtreiben. Und verwitweten Vätern müsste der Staat eine neue Frau zuteilen. Aber das ist zum Glück nicht nötig. Denn ein Kind braucht nicht zwingend Mutter und Vater, sondern vor allem stabile und verlässliche Beziehungen. Erwachsene, die es liebevoll begleiten. Das kann ein heterosexuelles Paar sein. Aber auch eine alleinerziehende Mutter, ein verwitweter Vater, die Großeltern. Oder eben zwei Papis.

Ihr schreibt: Das Kind wird traumatisiert!

Ich sage: Kinder können traumatisiert werden durch schlimme Dinge wie Krieg, häusliche Gewalt oder auch Vernachlässigung. Aber nicht deshalb, weil seine Eltern dasselbe Geschlecht haben. Oder was genau soll denn ein Trauma auslösen? Schwuler Sex vielleicht? Ist es das, was ihr so wahnsinnig schlimm findet? Ich kann euch beruhigen: Eltern haben in aller Regel nicht vor den Kindern Sex. Dies gilt auch für homosexuelle Eltern. Und für die Entwicklung des Kindes spielt es absolut keine Rolle, ob die Eltern zum Beispiel Analsex haben. Sonst wären auch ganz viele Kinder von Heteropaaren traumatisiert.

Ihr schreibt: Das ist doch nicht natürlich!

Ich sage: Stimmt, zwei Schwule können zusammen kein Kind machen. Und zwei Lesben auch nicht. Es braucht die Hilfe einer dritten Person. Der Rest ist dann aber absolut natürlich. Oder jedenfalls genauso natürlich wie bei heterosexuellen Paaren, die zur Erfüllung ihres Kinderwunsches eine Insemination oder In-vitro-Fertilisation benötigen. Übrigens ist Mutter Natur sowieso nicht das Beste Vorbild für menschliche Eltern: Löwenmännchen zum Beispiel fressen ihre Stiefkinder auf, Eisbären sogar die eigenen. Kuckucke platzieren ihre Kinder systematisch in Fremdfamilien. Alles ganz natürlich!

Ihr schreibt: Das Kind wird doch ausgelacht!

Ich sage: Ja, das ist möglich. Aber auch Kinder von verschiedengeschlechtlichen Eltern werden ausgelacht. Vielleicht weil sie abstehende Ohren haben. Oder einen Sprachfehler. Weil sie Viktor Heißen oder das falsche Velo haben. Als Erwachsene sind wir hier Vorbilder. Wenn wir anderen nicht offen und respektvoll begegnen, dann tun es unsere Kinder auch nicht.

Also, Rosmarie, Drahomira, Rolf, Hansjörg und wie ihr alle heißt. Gönnt doch diesen beiden Männern ihr kleines Familienglück. Sie werden das Kind schon schaukeln. Denn die sexuelle Orientierung eines Menschen sagt nichts darüber aus, was er oder sie als Vater oder Mutter taugt. Beim Eltern sein kommt es nicht drauf an, was man zwischen den Beinen hat. Sondern was man zwischen den Rippen hat: ein großes Herz, in dem es viel Platz gibt für ein Kind.(Danke Nadia Meier-blog-DerBund.ch) Der Artikel ist so Herz erwärmend und macht Mut.

Foto-Die Welt.



Vom heimlich schwulen Stripclub-Mogul zum FBI-Spitzel – die Geschichte des Michael Blutrich

Nach jahrelanger Geheimniskrämerei und einem Gefängnisaufenthalt kann Michael Blutrich in seinen Memoiren nun endlich Tacheles reden.

"Ich glaube nicht, dass du einen anderen Homosexuellen kennst, der heimlich für das FBI arbeitete und den Kopf einer großen Gangsterfamilie hinter Gitter brachte." Diese Behauptung stellt Michael Blutrich auf, als wir miteinander telefonieren. Und er hat recht.

Blutrichs neue Memoiren tragen den Titel Scores. Es ist aber der Untertitel, der die wilde Karriere Blutrichs sehr treffend zusammenfasst: "Wie ich den beliebtesten Stripclub New Yorks eröffnete, mir die Gambino-Familie Millionen Dollar abnötigte und ich zu einem der erfolgreichsten Spitzel in der Geschichte des FBI wurde."

Blutrichs Enthüllungsbuch ist Geständnis und warnendes Beispiel zugleich. Aber auch urkomische Züge lassen sich darin finden – zum Beispiel als er ahnungslosen Gangstern während einer proktologischen Untersuchung Geständnisse entlockt. Im Allgemeinen hat man als Leser jedoch das Gefühl, dass ein Mann hier einen langen Seufzer der Erleichterung ausstößt, nachdem er jahrelang mehr Geheimnisse hüten musste, als irgendjemand sollte. 

Vor seinem Gefängnisaufenthalt – der vor Kurzem endete – war Blutrichs aufregendes Leben von Geheimniskrämerei und Widersprüchen geprägt. Am Höhepunkt seiner Karriere arbeitete er als homosexueller Mann in der heterosexuellsten Branche überhaupt. Aber seine Leitung des Millionen Dollar schweren New Yorker Stripclubs Scores bedeutete auch, dass er mit der Mafia in Kontakt kam. Und damit zog Blutrich wiederum die Aufmerksamkeit des FBI auf sich. 

So war der Geschäftsmann zwischen seinem Unternehmen, der Unterwelt und der Vollzugsbehörden hin- und hergerissen. Letztgenannte hatten vorher eines der größten Geheimnisse Blutrichs aufgedeckt: Er war in einen weitreichenden Versicherungsbetrugverwickelt. Durch die Androhung einer strafrechtlichen Verfolgung brachten die Ermittler Blutrich dazu, die Gespräche mit seinen kriminellen Verbündeten heimlich aufzuzeichnen. Nachdem diese verurteilt worden waren, musste sich Blutrich 13 Jahre lang selbst in das Zeugenschutzprogramm eines Gefängnisses begeben.

Alles begann, als Blutrich in den 80er Jahren noch als erfolgreicher Anwalt  tätig war. Eines Tages unterbreitete ihm ein Klient das radikale Angebot, zusammen einen Stripclub in Manhattan zu eröffnen. Besagter Klient hatte eine hochklassige und teure Alternative zu den ganzen heruntergekommenen Etablissements am Times Square im Sinn, die zu dieser Zeit der Standard waren. Blutrich sollte Miteigentümer werden.

"Ich dachte mir damals: 'Das Letzte, was ich in meinem Leben will, ist ein Club voller nackter Frauen, die ein heterosexuelles und homophobes Publikum anziehen'", erzählt Blutrich. Dennoch sagte er zu und Anfang der 90er eröffnete das Scores. Selbst die New York Times berichtete damals davon, dass sich Oben-ohne-Bars ihren Weg aus dem schmierigen Milieu bahnten.

Zwar warf das Geschäft schon bald unglaublich viel Geld ab, aber Blutrich fühlte sich darin dennoch wie ein Fremder. Seine sexuelle Orientierung war schon immer ein Stressfaktor gewesen: "Lange Zeit konnte ich nicht ich selbst sein", sagt er. "Als Teenager hatte ich den Eindruck, der einzige Mensch mit diesen Gefühlen zu sein. Deshalb unterdrückte ich sie und heiratete." Die Ehe hielt nicht lange. "Meine Frau langweilte sich schnell", erzählt Blutrich. Die Trennung kam genau zu der Zeit, als die AIDS-Epidemie ausbrach. Obwohl der Geschäftsmann oft über ein Coming-out nachdachte, traute er sich nicht. "Die ganze Situation war so beängstigend", fährt er fort. "Niemand wusste, wie sich die Krankheit überträgt. Deshalb wurde sie einfach als Schwulenkrankheit abgestempelt."

Obwohl er öfters etwas mit Männern hatte, ließ sich Blutrich nie auf etwas Festes ein. Er mied sogar die Gegenden, in denen vornehmlich Schwule wohnten. Zu seiner Überraschung stellte sich seine sexuelle Orientierung aber als Vorteil im heterosexuellen Stripmilieu heraus. Die Tänzerinnen im Scores boten ihm nämlich sexuelle Gefallen im Gegenzug für die lukrativen Schichten an. Blutrich ließ sie immer wieder abblitzen und konzentrierte sich stattdessen auf das Geschäft. 

Es waren aber auch die oftmals selbst queeren Tänzerinnen, die Blutrichs Homosexualität letztendlich bemerkten. Die Gerüchteküche brodelte. "Schließlich sagte ich: 'Verdammt, was mache ich hier eigentlich? Irgendwann bin ich sowieso tot. Die Mädels wissen Bescheid, die Leute im Club wissen Bescheid. Niemanden stört es. Schluss mit dem Versteckspiel!'", erzählt er. 1998 folgte dann das Coming-out – sieben Jahre nach der Eröffnung des Scores.

Zu Blutrichs Erleichterung fiel ihm das Coming-out nicht so schwer, wie erwartet. Sein Geld und seine Macht halfen da sicherlich weiter. Er baute sich einen schwulen Freundeskreis auf und erinnert sich noch daran, wie er sich sogar wohl genug fühlte, um in einen Schwulen-Stripclub zu gehen. Diese Erfahrung öffnete ihm die Augen: Endlich verstand er, was die heterosexuelle Klientel in seinen eigenen Stripclub zog.

In New York war die Kacke jedoch immer mehr am Dampfen. Da die Mafia verstärkt in Blutrichs Unternehmen mitmischte, nahm seine Versicherungsbetrugsmasche immer größere Ausmaße an. Nachdem er mithilfe eines gefälschten Schecks drei seiner Klienten beim Kauf eines Versicherungsunternehmens in Florida  geholfen hatte, wurden diese Klienten zu vertrauten Investoren in das Scores. Dabei nutzten sie den Club, um Gelder zu veruntreuen und so andere Investoren und die Regierung zu betrügen. Das FBI hatte für diese Verbrechen handfeste Beweise. Deshalb brachten die Beamten Blutrich dazu, als Spitzel gegen die Mafia zu agieren. Aus Angst vor einer Haftstrafe nahm der Geschäftsmann das extreme Risiko auf sich.

"Ich bin nicht mutig!", sagt Blutrich. "Ich folgte nur den Anweisungen." Dabei wurde es mehrfach sehr brenzlig, als er sich vor Treffen mit der Mafia ausziehen und einer Leibesvisitation unterziehen musste. "Während des zweiten Auftrags wurde ich zum ersten Mal fast erwischt", erzählt er. Das Sicherheitspersonal bestand darauf, ihn zu durchsuchen. Dafür führte ihn ein Angestellter ins Bad. Beim Ausziehen verschob Blutrich das Aufnahmegerät dann vorsichtig in ein Hosenbein und fing anschließend an, dem Aufpasser einen Lapdance zu verpassen. "Der schrie daraufhin: 'Zieh dich verdammt noch mal wieder an!' Ich antwortete: 'Wenn du mich hier so demütigst, werde ich ganz steif'", erzählt er. So stellte er sicher, von diesem Aufpasser nie wieder durchsucht zu werden.

Als ein Anwalt der Mafia Blutrich vor einem anderen Treffen abtastete, kam er dem Aufnahmegerät in dessen Schritt gefährlich nahe. Also fasste Blutrich dem Anwalt ebenfalls in den Schritt. Völlig überrumpelt beendete der sofort die Leibesvisitation.

Blutrich lebte als FBI-Informant ein Jahr lang in ständiger Angst. Letztendlich halfen die Aufnahmen dabei, 35 Mafiosi in verschiedenen Punkten anzuklagen und hinter Gitter zu bringen. Blutrich selbst wurde wegen des Versicherungsbetrugs zu 16 Jahren Haft verurteilt. Er saß damit länger im Knast als viele der Männer, bei deren Verurteilung er behilflich war.

"Ich hatte mich endlich geoutet und fühlte mich wohl in meiner Haut. Und dann kam ich plötzlich wieder in ein Umfeld, in dem ich mich extrem bedeckt halten musste", erzählt Blutrich. "Im Gefängnis kann man als bekannte Person nämlich nicht einfach einen Freund haben oder mit anderen Männern schlafen."

Nach seiner Freilassung fand sich Blutrich in einer veränderten Welt wieder. "Die Offenheit der Schwulen-Community finde ich faszinierend", sagt er. "Im Gefängnis war meine sexuelle Orientierung manchmal ein Problem. Draußen verleiht sie mir Flügel. Zum ersten Mal in meinem Leben kann es mir egal sein, was andere Leute zu meinem Coming-out sagten."

Das Scores existiert – wenn auch mit einem anderen Management – auch heute noch. Seinen Ruf hat der Stripclub jedoch nicht verloren. 2004 kam durch die Tänzerinnen heraus, dass ein ausgeklügelter Kreditkartenbetrugsring  von dort aus operierte. Blutrich ist währenddessen damit beschäftigt, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Es macht ihm immer noch schwer zu schaffen, dass er damals so viele Geheimnisse so lange hüten musste. Im Alltag benutzt er einen Decknamen. Außerdem hat er absichtlich nur einen kleinen Freundeskreis, um keine Rache fürchten zu müssen.

Bei den ganzen Fassaden, die Blutrich in seinem Leben schon aufrechterhalten musste, scheint ihm die Verheimlichung seiner Homosexualität am schwersten gefallen zu sein. Nur an einer Stelle unseres einstündigen Gesprächs spricht er langsamer – nämlich als er darüber nachdenkt, wie viel Überwindung ihn sein Coming-out gekostet hat. "Ich wünschte, ich wäre in der heutigen Zeit geboren worden", sagt er. "Dann hätte ich mein Leben von Anfang an richtig genießen können." (vice.com-Matt Baume)

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Prostitution in Marokko - Auf Freiersuche im Fünfsternehotel

Marokkos Gesellschaft ist traditionell sittenstreng. Zugleich blüht vor allem in den Touri­s‍tenorten die Prostitution. Ein Filmemacher hat sich dem Tabuthema gewidmet und erhält jetzt Morddrohungen.

Marrakesch gilt nicht nur Islamisten als Sündenpfuhl. Auch vielen gewöhnlichen Bewohnern des meistbesuchten Touri­s‍tenorts in Marokko sind gewisse Entwicklungen seit langem ein Dorn im Auge. Tatsächlich ist die  „ Perle des Südens“ mittlerweile zu einer der freizügigsten Städte der arabischen Welt geworden. Da gibt es Unterhaltungslokale aller Art, Kasinos, die größte Diskothek Afrikas und Dutzende von Luxushotels, in denen bisweilen sexuelle Dienste angeboten werden.

Während die Straßenprostitution in Marrakesch eher diskret läuft, tummeln sich an den Bars vieler Hotels junge Frauen auf der Suche nach Kunden. In den Villen der Palmeraie, in Luxusappartements und Privathäusern organisieren professionelle Vermittler die gewünschten Escort-Girls. Seit Jahrzehnten gibt es in Marokko auch eine gewisse Toleranz gegenüber Schwulen und homosexueller Prostitution, wobei Einheimische viel weniger Freiraum haben als Touristen oder Ausländer, die sich in Marokko niedergelassen haben.

«Grob, vulgär und primitiv»

Die für arabische Verhältnisse erstaunliche Freizügigkeit ist derart augenfällig, dass sie ohne Duldung der Behörden unvorstellbar wäre. Dahinter dürften auch ökonomische Überlegungen stehen, denn sowohl das hedonistische Ambiente wie auch das horizontale Gewerbe sind zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Mittlerweile lockt Marrakesch Gäste aus sittenstrengen Ländern wie Algerien, Libyen und Saudi-Arabien, aber auch Jetset-Touri­s‍ten aus aller Welt. Daneben blüht die Prostitution in Marokko auch an anderen Orten, in Agadir und Tanger, aber auch in kleinen Provinzstädten im Hinterland. Dort sind es fast ausschließlich einheimische Freier, die käufliche Liebe suchen.

Nun ist das Thema Prostitution mit einem Mal brutal an die Öffentlichkeit gezerrt worden. Mit seinem Film «Much Loved» hat der marokkanische Filmschaffende Nabil Ayouch das Schicksal von vier marokkanischen Prostituierten ins Zentrum gerückt. Die Darstellung der Frauen und ihres Umfeldes gilt Kennern der Verhältnisse als glaubwürdig und authentisch. Gegenüber marokkanischen Medien erklärte Ayouch, er habe einfach einen bestimmten Aspekt der Realität in seinem Land ungeschminkt wiedergeben und eine Debatte auslösen wollen. Doch stattdessen kam es zu wüsten Beschimpfungen, und das nationale Zentrum für Filmschaffen erließ vorsorglich ein Aufführungsverbot. Die Dialoge der Frauen seien grob, vulgär und primitiv; der Film führe zu einem Imageschaden für Marokko, erklärte ein Funktionär des Mini­s‍teriums für Kommunikation.

Femen - Aktivistinnen in Rabat

Auf sozialen Netzwerken ließen vor allem islamisch-konservative Kreise ihrer Empörung freien Lauf und schreckten auch vor Mordaufrufen gegenüber Ayoch nicht zurück. Dabei gingen die Stimmen beinahe unter, die darauf hinwiesen, dass  Ayouch seit Jahren gesellschaftspolitisch wichtige Themen aufgreife und vor allem: dass sich Marokko dieser Diskussion stellen müsse.

Wie es der Zufall wollte, gab die amerikanische Sängerin Jennifer Lopez nur einen Tag nach der Bekanntgabe der Zensur von «Much Loved» ein Konzert in Rabat, das im staatlichen Fernsehen übertragen wurde. Ihre Show und ihre freizügige Bekleidung wurden dabei nicht nur von Konservativen als «unvereinbar mit marokkanischen Werten» taxiert. Wenig später demonstrierten zwei Femen- Aktivistinnen mit nackten Brüsten auf einem öffentlichen Platz in der Hauptstadt gegen die marokkanische Gesetzgebung, welche Homosexualität unter Strafe stellt. Tags darauf küssten sich dort zwei marokkanische Schwule. Nun brannten den selbsternannten Sittenwächtern alle Sicherungen durch: So wurde zur Hauptsendezeit im Fernsehen über den Vorfall berichtet, als handle es sich um ein Kapitalverbrechen. Die beiden schwulen Aktivisten wurden mit Bild und vollständigen Namen aufgeführt.

Hetze gegen Schwule

Wenige Tage später druckte die konservative Wochenzeitung «Maroc Hebdo» dann eine Titelgeschichte: Muß man die Schwulen verbrennen? Der Artikel löste derart heftige Reaktionen aus, dass die Chefredaktion einen Tag später entschied, die Zeitung aus dem Verkauf zu ziehen. Da der Fehlgriff der Redaktion ohne strafrechtliche Folgen blieb, befürchten nun viele Verfechter eines liberalen, weltoffenen Marokko eine weitere Verhärtung und letztlich einen Etappensieg der Sittenwächter.

Nun stellt Marokko bezüglich öffentlicher Moral keine Ausnahme dar. Sowohl Homosexualität wie auch Prostitution sind in allen arabischen Ländern Tabuthemen. In Tunesien hatte etwa die Zulassung eines Vereins mit dem Namen «Shams», der sich für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzt, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Samir Dilou, der ehemalige Minister für Übergangs-Ju­s‍tiz und Menschenrechte (!), hatte im Fernsehen verlauten lassen, Schwule seien «krank» und benötigten medizinische Behandlung.

Die meisten Beobachter sind sich einig, dass der gesamte Maghreb einen neuen Konservativismus erlebe. Die gemäßigten PJD-Islami­s‍ten, welche seit Anfang 2012 eine Koalitionsregierung in Marokko anführen und auch den Premierminister stellen, analysiert ein Universitätsdozent, nähmen diesen Trend gerne auf und brächten sich als Verfechter marokkanischer Werte in Position. Sexskandale seien für die PJD-Islami­s‍ten ein gefundenes Fressen und gleichzeitig eine Möglichkeit, zu testen, wie die marokkanische Gesellschaft auf ihre Haltungen reagiere.

Spirituosen und Champagner

Dabei haben Konservative und Islamisten in Marokko nach allem, was bekannt ist, deutlich bessere Karten als weltoffene Milieus. Marokko ist nach wie vor eine sittenstrenge Gesellschaft; darüber dürfen auch gewisse kulturelle Aktivitäten in der Hauptstadt Rabat nicht hinwegtäuschen. Dazu kommt ein weiterer Widerspruch: Zwar gilt der Palast seit eh und je als Beschützer von Minoritäten, und zumindest prominente europäische Schwule hatten in Marokko auch schon unter König Hassan trotz offiziellem Verbot der Homosexualität nichts zu befürchten. Auch die private Lebensführung des Monarchen und seiner Großfamilie ist, soweit bekannt, sehr liberal. Doch gleichzeitig trägt der König nach wie vor „ den Ehrentitel – Anführer der Gläubigen“  und nimmt in dieser Funktion auch regelmäßig an religiösen Zeremonien teil.

Die Verhältnisse sind somit eher kompliziert, und die Tendenz, die Probleme zu verdrängen, statt darüber offen zu diskutieren, ist offensichtlich. Auch Aziz, ein 28-jähriger Mann aus Marrakesch, findet solche Diskussionen unerheblich. Als «Vermittler» junger Frauen an reiche Golfaraber hat er einen lukrativen Job gefunden. Selbstbewusst steuert er eine Limousine mit getönten Scheiben durch sein Wohnquartier, fährt Escort-Girls in die Villen der Palmeraie und kümmert sich auch darum, dass der Kühlschrank immer gut mit Spirituosen und Champagner gefüllt ist.(nzz.ch-Beat Stauffer, Marrakesch)

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«Schwule sind die besseren Modedesigner ?!?

Männer, die sich im Biotop der Modewelt tummeln, sind in der Regel nicht hetero-, sondern homosexuell. Stimmt das? Und wenn ja, warum ist das so?

Ich bin der einzige nicht schwule Designer der Branche», frohlockte vor einigen Jahren der italienische Designer Roberto Cavalli in einem Interview mit dem «Stern». Und deshalb, sagt er, sei er als Einziger in der Branche in der Lage, die Frauen auch so anzuziehen, dass sie Männern gefielen. Dieser Einschätzung Cavallis, welcher sich gern mit Zigarre und junger Lebensabschnittsgefährtin zeigt, entgegnet der Brite Paul Smith gegenüber dieser Zeitung: «Da hat er mich aber vergessen. Und ein paar andere auch.»

Zudem glaubt Smith nicht, dass heterosexuelle Designer gänzlich anders funktionieren als homosexuelle. «Natürlich versuche auch ich, meine Damenmode so zu gestalten, dass sie meinem eigenen Ideal von Weiblichkeit entspricht», so Paul Smith, aber: Sein Ideal sei nicht das einer möglichst aufreizend angezogenen Frau, sondern das einer raffinierten Androgynität, die mit Brüchen zum Denken anrege.

Längst nicht alle weltbekannten Modemacher sind schwul – man denke an Antonio Marras, Chri­s‍tian Lacroix, Oscar de la Renta oder Emanuel Ungaro. Und trotzdem trifft das Klischee oft zu: Tom Ford, Alexander Wang, Marc Jacobs, Jean-Paul Gaultier, Dolce & Gabbana, John Galliano, Valentino, um nur einige zu nennen, sind alle mehr oder minder offene Homosexuelle. Während man allgemein davon ausgeht, dass nur rund fünf bis zehn Prozent der Gesamtzahl der Männer in westlichen Ländern homosexuell sind (eine Umfrage von Eurogay ergab vor etwas mehr als zehn Jahren nur gerade vier Prozent), sind in der Modebranche geschätzte 85 Prozent der Männer gleichgeschlechtlich orientiert. Designer, die nur auf Frauen stehen – das merkt jeder sogleich, der schon einmal an einer Fashion-Week zu Gast war – sind im Mikrokosmos der Mode in der klaren Unterzahl.

Die Mode - ein kreatives Fach

Die Mode ist ein kreatives und visuelles Fach, und das zieht, wie etwa auch das Coiffeurgewerbe, viele extrovertierte junge Männer an, die einen ausgeprägten Narzißmus und kommunikatives Talent haben. Und diese sind oft schwul. «Der verzauberte Junge findet Zuflucht in der Identifikation mit der Mutter», schrieb Wolfgang Joop Mitte der neunziger Jahre im «Spiegel», «deshalb entwerfen so viele Couturiers leidenschaftlich Damenhaftes und Königliches.» Und weil die Modewelt seit Jahrzehnten als eine tolerante gilt und als eine, in der «Andersartigkeit» nicht beargwöhnt oder bestraft, sondern offen gelebt wird, hat sich die Entwicklung längst verselbständigt: Die Modebranche gilt heute als das natürliche Revier der Homosexuellen. Hier sind sie frei von Repression und Erklärungsnot und können ihren Life­s‍tyle in einem offenen Klima entfalten.

Allerdings kommt es stark auf den spezifischen Modeberuf an: Während heterosexuelle Männer unter den Designern, Modeleuten und Styli­s‍ten in der Unterzahl sind, steigt ihr Anteil bei den Einkäufern, Technikern oder Marketingfachleuten. Zudem zieht es deutlich weniger Schwule ins Jeans- und Streetwear-Fach, das weniger von Kreativität durchdrungen, sondern stärker von merkantilem Geist geprägt ist.              ( Foto-pinterest.de)

Idealbild der knabenhaften Figur?

Ein böses Klischee, das unter Heterosexuellen gerne herumgeboten wird, besagt, daß Schwule oft Modemacher werden, um die Frauen absichtlich häßlich anzuziehen und so mehr Männer auf «die andere Seite des Ufers» zu ziehen. Schlimmer ist eigentlich nur das Märchen vom «verdrehten Hirnlappen», den der Zürcher Toni Bortoluzzi zu kennen glaubt. Und doch taucht das Thema immer wieder auf: Das Idealbild des homosexuellen Mannes sei eine knabenhafte Figur, die auf Frauen projiziert werde, ließ sich etwa die Mainzer Designerin Anja Gockel in der «Neuen Osnabrücker Zeitung» ins Abseits zitieren. Gockel mutmaßte, daß es einen Zusammenhang zwischen krankem Magerwahn bei den Models und der sexuellen Präferenz vieler Designer gebe.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet verehren die meisten Schwulen Frauen – nicht sexuell, aber ideell. Und vielleicht haben Designer, die sich zu Männern hingezogen fühlen, deshalb durchaus einen Vorteil, wenn es um das Entwerfen von Damenmode geht. Denn sie sind, anders als Heteros, nicht permanent mit der Frage beschäftigt, wie sexy und stimulierend die Frau, für die sie Kleider entwerfen, aussehen soll. Sie sind in gewisser Weise von dieser die Kreativität einschränkenden Frage befreit und darum offener, in neue Richtungen zu denken.( von Jeroen van Rooijen -nzz.ch)


Homosexualität und Asyl: Experten kritisieren das Bamf

Vermehrte Ablehnungsbescheide: Verein Fliederlich in Sorge

NÜRNBERG - Seit gut einem Jahr betreibt der Verein Fliederlich die erste spezielle Schutzunterkunft für LGBTI-Menschen in Deutschland. Hier finden Geflüchtete Zuflucht, die wegen ihrer sexuellen Orientierung mit Ressentiments konfrontiert sind. Doch seit einigen Monaten bereitet die Ablehnungspraxis des Bamf den Betreuern große Sorge.

"Unsere Schützlinge bekommen vermehrt Ablehnungsbescheide", berichtet Fliederlich-Vor­s‍tand Ralph Hoffmann. "Den Antragstellern wird ihre Homosexualität aberkannt und das Bamf  lehnt damit den Asylantrag ab." Für Hoffmann ein Skandal. Er kann es nicht nachvollziehen, denn Homosexualität kommt in etlichen Ländern einem Todesurteil gleich.

"Es geht um Länder wie Uganda, den Iran oder den Irak, Tschetschenien oder Armenien", verdeutlicht Hoffmann. "Wir schicken damit Menschen, wenn sie hier nicht geduldet werden, im Grunde in den sicheren Tod." Und Fliederlich hat ein konkretes Beispiel: Vom Fall eines homosexuellen Iraners berichtet Fliederlich-Geschäftsführer Michael Glas. Der Asylantrag des Mannes sei abgelehnt worden, obwohl ihm wegen seiner sexuellen Orientierung in der Heimat die Todesstrafe drohe.

Outing als große Hürde

Das Bamf begründe die Ablehnung damit, dass die sexuelle Orientierung nicht glaubwürdig vorgetragen worden sei. Für Hoffmann ein Unding, denn gerade für Menschen, die aus einer derart homophoben Gesellschaft kommen, sei das Coming-out, sich einer Behörde gegenüber als schwul, transgender oder lesbisch zu bekennen, eine hohe innere Hürde.

Dieses Outing ist gleichbedeutend mit dem sozialen Tod in der Heimat, wenn nicht sogar mit konkreten Todesdrohungen seitens der Familie oder Freunde. "Wir haben den Eindruck, daß unter dem öffentlichen Druck, die Verfahren möglichst schnell abzuarbeiten, inzwischen eher abgelehnt wird und die Akte damit erledigt ist. Und das, obwohl die LGBTI-Menschen – die Abkürzung steht für die englischen Begriffe Lesbian, Gay, Bisexual, Transexuell und Intersexual – gemäß der Genfer Konvention ausdrücklich besonderen Schutz genießen", so Hoffmanns Verdacht.

Asylverfahren stets eine Einzelfallprüfung

Er ist sich sicher, dass bei keinem der rund 60 Betreuten die sexuelle Orientierung vorgeschoben und nicht echt ist, dennoch wurden in den vergangenen Wochen zehn Asylanträge abgelehnt. Auf Anfrage der Nürnberger Zeitung verwehrt sich das Bamf gegen diese These der vermehrten Ablehnung. Kira Gehrmann, Sprecherin des Bamf: "Diese Annahme müssen wir grundsätzlich zurückweisen. Das Asylverfahren stellt immer eine Einzelfallprüfung dar, in deren Verlauf der Antragsteller in der Anhörung die Gelegenheit hat, seine persönlichen Gründe für Asyl vorzutragen." Allerdings sei Homosexualität noch nie ein alleiniges Kriterium für die Zuerkennung eines Schutzstatus gewesen.

Ralph Hoffmann verdeutlicht die besondere Not der LGBTI-Menschen anhand weiterer Beispiele. Said aus Tschetschenien berichtet von Stromschlägen, erzählt, wie ihm mit einer Schafschere die Haare ausgerissen wurden. "Wenn sie mich dort gleich umbringen, dann habe ich Glück gehabt," meint der 24-Jährige, der vor drei Jahren floh und inzwischen sehr gut deutsch spricht. Denn regierungsnahe Schlägerbanden hätten wohl viel Spaß daran, Schwule zu quälen und dann verschwinden zu lassen.

Der 28-jährige Ivan erzählt mit stoischem Gesichtsausdruck, dass er nicht mehr in seine Heimat Uganda zurückkann. "Sie haben mir gedroht, mich in Stücke zu hacken und in eine Häckselmaschine zu werfen." Er war zu Hause ein erfolgreicher Geschäftsmann, kam als Aussteller zur Biofach-Messe nach Nürnberg und beschloss, hier Asyl zu beantragen.

Am liebsten würde er arbeiten wie auch die anderen Jungs, die alle eine Berufsausbildung haben und in guten wirtschaftlichen Verhältnissen lebten. "In Uganda kann ich nicht einmal die Stadt wechseln, denn mein Clan, der mich verstoßen hat, würde es sofort wissen." Doch sein Antrag wurde abgelehnt. "Und das hier in Nürnberg", empört sich Ralph Hoffmann und erinnert an die ugandische Menschenrechtspreisträgerin von 2013, Kasha Jacqueline Nabagesera. (sag.-NZ.-Nürnberger Zeitung)


Gendertribunal übelster Sorte

Olympiasiegerin Caster Semenya ist spitze. Aber die ZDF-Reporter verlieren sich in Fraulichkeits-Klischees, als lebte man noch in den Fünfzigerjahren.

Donnerstag: die 800-Meter-Vorläufe der Frauen, in denen sich entscheidet, wer am Sonntagabend, beim Finale der Leichtathletik-WM an den Start geht. Das ZDF überträgt an diesem Abend, am Mikrofon sitzen Peter Leissl und Marc Windgassen, Leichtathletikexperten. Mit dabei in einem der Rennen: die Südafri­ka­ne­rin Caster Semenya, voriges Jahr in Rio und 2012 in London bei den Olympischen Spielen Siegerin auf dieser Strecke.

Aber hört man den ZDF-Männern zu, geht es mit ihr nicht mit rechten Dingen zu. So machen sie aus einem Rennen mit der doppelten Olympiasiegerin – die kürzlich hier in London bei der WM Dritte über 1.500 Meter wurde – ein Gendertribunal der übelsten Sorte. Sie sehe nicht aus wie eine Frau, hieß es, mehrfach darauf hinweisend, so ihre Worte: Sie sehen es ja selbst.

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Ähnliche Formulierungen fanden sie auch in einem späteren Rennen bei einer kenianischen Läuferin: Auch sie, hieß es, entspreche physisch nicht den üblichen Kriterien dessen, was eine Frau ist. Was bei uns, den Zuschauer*innen, hängen blieb: Da laufen humanoide Mogelpackungen mit.

In der Tat ist die Läuferin Caster Semenya nicht gerade von zierlicher Statur, sie sieht wie ein bulliger Schrank aus, ihr Laufstil erinnert eher ans Marschieren als an gazellenschlankes Fortbewegen. Mit anderen Worten: Läuferinnen, die die ZDF-Leute meinen, entsprechen nicht ihren Vorstellungen von weiblicher Grazilität, sie haben nicht diese austrainiert wirkende fettlose Leiblichkeit.

Die Physis Semenyas ist, das ist zweifellos, anders als die der meisten Frauen auf den leichtathletischen Mittelstrecken. Ihr Hormonstatus wurde vor Jahren, als man ihr erstmals attestierte, eigentlich ein Mann zu sein und keine Frau, als von der Norm ­abweichend bestimmt. Aber kann sie deshalb nicht trotzdem eine Frau sein? Der Fall Semenya und anderer hat die internationalen Sportinstitutionen vielfach beschäftigt.

Besondere physische Voraussetzungen

Einige Jahre galt sie als verdächtig, aber momentan liegt die Sache so, dass Semenya als ebenso weiblich gilt wie alle anderen ihrer Konkurrentinnen auch. Sie verfügt, so weist es die Rechtslage aus, über besondere physische Voraussetzungen, so wie anderen Sportler und Sportlerinnen in ihren Disziplinen auch: besonders klein gewachsene Turner, die größer gewachsenen gegenüber im Vorteil sind etwa. Jede Sportart bringt ihre Spe­zia­list*innen hervor.

Das ZDF aber klärt darüber nicht auf, sondern bedient die Klischees von Fraulichkeit, als lebte man in den Fünfzigerjahren und alle Sportlerinnen mögen bitte so aussehen, wie es die heterosexuelle Norm vorsieht: süß, adrett, ein wenig niedlich. Zuletzt waren solche Ressentiments wie die gegen Semenya in den sechziger Jahren zu hören, damals, als realsozialistische Sportler*innen nur als süße Turnerinnen gemocht wurden, nicht wenn sie Kugeln stießen oder Disken warfen, muskelbepackt und also wuchtig. (Dass damals oft Doping mit im Spiel war, ist ein anderes Thema, das nicht allein die Länder hinter den Eisernen Vorhängen betraf und betrifft.)

Die Kommentare aus London sind im Übrigen auch deshalb von anwidernder Klischeeseligkeit gewesen, weil Semenya, anders als diese Männer behaupten, offenbar keineswegs unter ihren Sportlerkolleg*innen unbeliebt ist. Man sah es in den TV-Aufnahmen: eine freundliche Frau, die fein lächelt und beim Handschlag nach dem Rennen mit den Rivalinnen keineswegs Missachtung erntete, sondern ebenso freundliche Gesten zurückbekam. (Taz-Caster Semenya)


Eine Randerscheinung

Elf Fußballerinnen der EM haben sich öffentlich als homosexuell geoutet – das Comingout erfordert weiterhin Mut

Ramona Bachmann war ein wenig überrascht über die Schlagzeilen während der Frauenfußball-WM 2015. Die Boulevardpresse berichtete ausführlich über ihre Partnerin, dabei hatte Bachmann auch davor ihre Homosexualität nie verschwiegen. Die Stürmerin des Chelsea FC bezeichnet ihr mediales Comingout trotzdem als wichtigen Schritt. Für sie persönlich – und für andere. Sie nutzte ihre Bekanntheit, um anderen Mut zu machen. Mädchen und Jungen, Frauen und Männern, die sich nicht so unbeschwert äußern können, weil sie Druck empfinden, von Familie, Nachbarn oder Kollegen. Bachmann zeigt Gesicht. Doch sie ist eine von wenigen.

«Das finde ich zynisch»

Im Fußball hängt alles mit allem zusammen, die Spitze mit den Amateuren, die Nationalteams mit den Jugendinternaten. Dass sexistische und homophobe Sprüche an der Basis noch immer zu hören sind, liegt auch an der fehlenden Thematisierung im Profigeschäft, findet Manuela Kay, Gründerin und Chefredakteurin von «L-Mag», einem der wichtigsten Lesbenmagazine in Europa. Kay sagt: «Es heißt immer, Homosexualität sei im Frauenfußball kein Problem. Ich sehe das genau andersherum: Manchmal sind bis zu fünfzig Prozent der Spielerinnen in Teams lesbisch. Trotzdem wird gar nicht oder nur anrüchig darüber diskutiert – das finde ich zynisch.»

Eigentlich, sagt Kay, könnte ein Turnier wie die am Sonntag zu Ende gehende Fußball-EM in den Niederlanden auch als Errungenschaft für lesbische Frauen gewürdigt werden. In einer Zeit, in der Homosexuelle in vielen Ländern an den Rand gedrängt sind oder gar um ihr Leben fürchten müssen. «L-Mag» erhält viele E-Mails von Leserinnen, die nach der Sexualität ihrer Lieblingsspielerinnen fragen. Sie wünschen sich Vorbilder auf ihrem Weg der Emanzipation. Vorbilder wie Ramona Bachmann.

Die Journalistin Kay beobachtet das Themenfeld seit mehr als Dreißig Jahren. In Szenebars traf sie auch Nationalspielerinnen, doch öffentlich äußern wollten diese sich selten. «Privatsache», hieß es oft. Nur scheint dieses Argument vor allem für Homosexuelle zu gelten. Bei prominenten Spielerinnen und Spielern werden Hetero-Beziehungen regelmäßig ausgeleuchtet. Kay möchte nicht missverstanden werden. Die Bedenken lesbischer Spielerinnen, die oft erst Anfang, Mitte zwanzig sind, nimmt sie ernst. Aber sie seien vor allem ein Symptom – in einer Branche, die ein Comingout nicht so leicht möglich macht.

Hartnäckig hält sich etwa die Erzählung vom kontrollwütigen Deutschen Fußball-Bund aus den neunziger Jahren, der das Lesbisch-Sein zwar duldete, aber nicht das öffentliche Reden darüber. In jüngerer Vergangenheit hat der Verband in Dutzenden Projekten für Vielfalt geworben, doch manchmal wurden die Bemühungen ad absurdum geführt, zum Beispiel in der Vermarktung der heimischen Frauen-WM 2011. Der offizielle Slogan: «20elf von seiner schönsten Seite». Für ein Kosmetikunternehmen posierten Nationalspielerinnen in engen Abendkleidern, und fünf Bundesligaspielerinnen ließen sich im «Playboy» ablichten. Spielerinnen schienen nur von Interesse zu sein, wenn sie dem gängigen Schönheitsideal entsprachen – weit entfernt von den Klischees über lesbische «Mannweiber». «L-Mag» bat damals über Monate um Interviews mit Nationalspielerinnen und DFB-Sponsoren, der Verband sträubte sich. Letztlich titelte das Magazin: «Eine von Elf ist hetero». Bis heute war es die bestverkaufte Ausgabe.



«Die Spielerinnen sagen immer, es gebe keinen Druck von Vereinen und Verbänden», sagt Kay. «Ich glaube das auch, es ist eher vorauseilender Gehorsam.» Laut Studien sind in Mitteleuropa bis zu fünfzig Prozent der Lesben und Schwulen an ihren Arbeitsplätzen nicht offen homosexuell, im Fußball ist die Interessenlage komplexer, auch wegen der Sponsoren. Der Verlag, in dem «L-Mag» erscheint, möchte Unternehmen klarmachen, dass sie nur gewinnen können, wenn sie sich als weltoffen darstellen. «Aber da hinkt Deutschland zwanzig Jahre hinterher, Skandinavien oder die USA sind weiter», sagt Kay. «Natürlich geben sich Unternehmen nicht offen homophob, aber sie kommen mit Ausreden. Sie halten es für schädlich, im Zusammenhang mit Homosexualität genannt zu werden.» Der ehemalige deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger war nach seinem Comingout 2014 auch auf die Resonanz der Wirtschaft gespannt – Anfragen erhielt er lange nicht.

Mit Regenbogen-Captainbinde

Elf Spielerinnen dieser EM haben sich in der Öffentlichkeit geoutet – fünf kommen aus Schweden. Die bekannteste, Nilla Fischer, tritt in ihrem Klub, dem VfL Wolfsburg, mit Regenbogen-Captainbinde an und unterstützt in ihrer Heimat schwul-lesbische Veranstaltungen. Auch Schwedens Trainerin Pia Sundhage gilt als Ikone der LGBT-Bewegung. Ob Casey Stoney in England oder Pernille Harder in Dänemark – etliche Spielerinnen gaben differenzierte Interviews über Homosexualität. Martina Voss-Tecklenburg, die Trainerin der Schweizer Fußballerinnen, sagt, dass jede Spielerin selber entscheiden müsse, wie viele Informationen sie öffentlich macht.

Megan Rapinoe in den USA oder Erin McLeod in Kanada nahmen an politischen Initiativen teil. Viele andere Spielerinnen nennen ihre Partnerinnen beiläufig – aber Ferienfotos in der Boulevardpresse, wie man sie von Hetero-Spielern kennt, oder der gemeinsame Besuch der Weihnachtsfeier? So weit können und wollen die meisten dann doch nicht gehen.

Foto - Brennpunkt Welt

Ausgrenzung in Zürich

In seinem «Pride House» in Utrecht diskutierte der europäische Sportverband der Lesben und Schwulen während der EM auch über die homophoben Fangesänge gegen Fußballerinnen während der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Ebenfalls Thema: herablassende Sprüche von Politikern und Funktionären gegenüber Spielerinnen in Russland. Überdies wurde im «Pride House» eine Ausstellung gezeigt mit dem Titel «Gegen die Regeln». Darin werden auch historische Ausgrenzungsfälle thematisiert. So löste der Zürcher Verein FC Wettswil-Bonstetten 1994 sein Frauenteam auf, wegen des «Auslebens von abnormalen Veranlagungen». Und im Jahr 2000 sammelten zwei Organisationen mehr als 10 000 Unterschriften gegen die schwul-lesbischen Euro Games in Zürich. Leitfiguren wie Ramona Bachmann wollen dafür sorgen, dass sich solche Vorfälle in der Gegenwart nicht wiederholen. (Ronny Blaschke – Neue Züricher Zeitung)


Wie willkommen sind LGBTI-Flüchtlinge in Berlin?

Berlin ist ein Sehnsuchtsort für Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle (LGBTI). Auch Flüchtlinge kommen deshalb in die Hauptstadt. Gut gemeinte Hilfe kann sie nicht immer schützen.

"Ich weiß gar nichts", sagt mir ein junger Syrer, der gerade erst seit wenigen Wochen in Berlin lebt. Ursprünglich kommt er aus Aleppo. Über Dubai ist er jetzt in Berlin gelandet, dort, wo er endlich so leben kann wie er ist - als schwuler Mann. Ich frage ihn, ob er den Lesben- und Schwulenverband (LSVD) kennt? Oder die Schwulenberatung. Oder "GLADT", eine Organisation, die sich um Schwarze und farbige LGBTI-Menschen kümmert. Arif (Name geändert) schüttelt seine schmalen Schultern und steckt sich eine Zigarette an.

Ich lerne Arif auf der "Queer Movie Night" kennen. Einmal im Monat treffen sich hier bis zu 50 Männer und (wenige) Frauen in der Wohnung eines Freundes (ich war auch schon Gastgeber), um "queere" Filme zu sehen und zu diskutieren. "Queer" kommt aus dem Englischen und ist für uns alles, was von der Heteronormativität abweicht.

Wie etwa der US-Film "Moonlight" um das Coming-out eines schwarzen Jugendlichen, den wir gesehen haben, bevor er den Oscar gewann und in die Kinos kam. Ich bin froh, dass Arif über einen Freund zu uns gekommen ist. Auf gleichem Wege habe ich vor kurzem während des Berliner CSD Irina Fedotova kennengelernt. Jahrelang hat sie in Moskau versucht, die Pride-Parade zu organisieren. Schikanen und Schläge der Polizei haben das im Keim erstickt. Irina wurde eingesperrt und drangsaliert. Jetzt lebt sie in Luxemburg.

Party statt politischer Botschaft

Irina sagte bei unserer Movie-Night einen Satz, der mich nachdenklich stimmt. Der Berliner CSD mit seiner grell-provokativen Parade sei sehr cool. Aber er habe keine politische Botschaft. Anders als in Moskau, wo Irina unter Gefahren für Leben und Gesundheit auf die Straße gegangen sei.

Ich habe in Berlin mitgefeiert - und auch die politische Leerstelle gespürt. Also alles nur Fun und Egotrip? Nein! Ich denke an die vielen tollen Initiativen der Berliner LGBTI-Community für Flüchtlinge. Zum Beispiel der Freund eines Freundes, der einen Iraker beherbergt. Ein anderer kümmert sich, organisiert vom LSVD, als Mentor um einen Geflüchteten. Aber nicht alles glückt.

Missbrauch und Scheinheiligkeit in der Szene

Die Schwulenberatung bietet LGBTI-Flüchtlingen in ihrem Heim Schutz und Unterkunft. Doch nicht immer schützt das vor Prügel und einer gebrochenen Nase. Das jedenfalls ist dem queeren Tänzer Emrah Atayev aus Turkmeni­s‍tan passiert. Schon vorher - in einem anderen Heim - drückten ihm homophobe Flüchtlinge Zigaretten im Gesicht aus.

Emrahs Geschichte erschüttert mich. Sie ist kein Einzelfall. Die Gewaltstati­s‍tik des Senats zählt für das Jahr 2016 mehr als 300 Übergriffe auf LGBTI-Flüchtlinge. Und aus Gesprächen weiß ich: Die Dunkelziffer liegt viel höher. Ist das also die Willkommenskultur des weltoffenen Berlins?     

Was für mich noch schlimmer wiegt: Gefahr lauert auch innerhalb der Berliner LGBTI-Community. Nackte Männer auf dem Dancefloor, sexuelle Ausschweifungen, Drogenexzesse - die jungen Geflüchteten sind überwältigt. Und das nutzen so manche aus. Sie missbrauchen die Flüchtlinge und machen sie abhängig. Sogar von Sex-Sklaven ist die Rede. 

Mensch, wie scheinheilig ist das denn? Ich frage: Wurden die Täter überführt und öffentlich zur Rede gestellt? Was sagt die sonst so empörungsfreudige Community?   

Foto - The Huffington Post

Auch queere Künstler haben es nicht leicht

So weit ist es bei Emrah nicht gekommen. Er lernt Deutsch und Oriental Ballett Dance. Und hat unlängst auf einem Benefizkonzert getanzt. Doch das ist die Ausnahme.

Insgesamt sind Jobs für Flüchtlinge rar in Berlin. 28.000 sind auf der Suche, fast doppelt so viel wie im letzten Jahr. Auch queere Künstler wie Emrah haben es schwer im ach so offenen Berliner Kunstbetrieb. Das schmerzt mich. Viele Talente verkümmern.  

Immerhin gibt es Lichtblicke wie das "Exil-Ensemble" des Gorki Theaters. Oder im Kulturzentrum Radial-Sy­s‍tem das Fe­s‍tival "displaced - replaced" mit queeren türkischen Schriftstellern und Musikern, auch jenen, die wegen der Anfeindungen in ihrer Heimat nicht in die Türkei zurückwollen. Berlin mit seinen verschiedenen Communitys sei ideal für diese "entorteten" Künstler, sagt mir DJ Ipek, die als lesbische Musikerin und Aktivistin hier lebt und das Festival kuratiert. Gleichwohl beklagt sie "strukturellen Rassismus" - auch in der queeren Community. Wie recht sie hat. Am Abend legt DJ Ipek im "Kater Blau" auf, einem angesehenen Berliner Club. Wie immer betreiben die Türsteher am Eingang das Geschäft der Auslese. Vor meinen Augen verwehren sie drei völlig unauffälligen Jugendlichen den Zugang. Es sind Araber. (Kolumne - Gero Schließ – dw.com)


Kühnens scheinheilige Erben

Die Positionen der extremen Rechten zur Homosexualität sind nicht so eindeutig, wie sie aktuell gern behaupten

Extrem rechte Gruppierungen und Parteien verstärken zurzeit ihre Hetze gegen Schwule, Lesben und Transgender. Erst Ende Juli führten sie einem sogenannten »Aktionstag gegen Homo-Propaganda« durch, zu dem die neofaschistische Splitterpartei »Der III. Weg« aufgerufen hatte. Unter anderem in der nordrhein-westfälischen Universitätsstadt Siegen kam es anlässlich des Chri­s‍topher-Street-Days (CSD) am 29. Juli zu homosexuellenfeindlichen Attacken, die sich unter anderem gegen das örtliche Büro der Linkspartei richteten. Zugleich tauchten an verschiedenen Stellen der Stadt homofeindliche Flugblätter, Schmierereien und Transparente auf. Die Neonazipartei schrieb auf ihrer Internetseite, der CSD sei ein »bunter Zirkus der Abartigkeiten«. Auch in Berlin, Zwickau, Erlangen und Braunschweig kam es zu Aktionen von Neonazis gegen sogenannte sexuelle Minderheiten. So protestierte die NPD-Jugendorganisation »Junge Nationaldemokraten« (JN) am gleichen Wochenende gegen den Braunschweiger CSD. Dabei wurden Parolen wie »Ehe bleibt Ehe – für Mann und Frau« und »Weiß – normal – hetero« gerufen. »Sehen wir nicht länger zu, wie die Gesellschaft und unsere Kinder verschwult werden!«, forderten die JN zudem auf ihrer Facebookseite.

Foto-Focus.de

Auch deren Mutterpartei hatte sich in den letzten Wochen unter anderem gegen die Teilnahme der evangelischen Kirche beim Berliner CSD ausgesprochen und gegen die sogenannte »Ehe für alle« gewettert. »Die Homo-Ehe kann aus unserer Sicht nicht isoliert von weiteren ideologischen Experimenten des vereinten Linksblocks gesehen werden, dem sich die Union immer öfter anschließt«, schrieb die NPD Ende Juni auf ihrer Internetseite. Zugleich warnte sie vor »Frühsexualisierung von Kindern in Kitas und Grundschulen« und einer »Durchsetzung der Gesellschaft mit Ideen des sogenannten Gender Mainstreaming«. Sich selbst bezeichnete die NPD auf ihrer Internetseite »als Interessenvertretung der ganz normalen Familien, die keine Lust haben, aufgrund ideologischer Experimente zum Auslaufmodell erklärt zu werden«. Die ebenfalls offen neofaschistische Kleinpartei »Die Rechte« hatte in den vergangenen Jahren in Dortmund bereits mehrfach die Wiedereinführung des Strafrechtsparagraphen 175 gefordert, der männliche Homosexualität unter Strafe gestellt hatte und in der Bundesrepublik erst 1994 endgültig abgeschafft worden war. Zudem war der »Stadtschutz« der Partei Die Rechte auf einem Dortmunder Autobahnrastplatz, der als Treffpunkt schwuler Männer gilt, »auf Streife« gegangen.


Dass die extremen Rechten aktuell derart gegen Homosexuelle und Transgender mobilmachen, ist durchaus bemerkenswert. Waren es doch ihre politischen Vorbilder und einstigen Anführer, die sich einst exponiert für die Akzeptanz von Homosexualität aussprachen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den wohl prominentesten schwulen Nazi, den langjährigen Chef der »Sturmabteilung« (SA) Ernst Julius Röhm. Dieser war der »Nacht der langen Messer« 1934 – einer Säuberungswelle der Nazis im eigenen Lager – zum Opfer gefallen und erschossen worden. Hitler nutzte maßgeblich die Homosexualität Röhms, um die Liquidierung seines einstigen »Kameraden« zu rechtfertigen. Schon in einer 1928 veröffentlichten Schrift hatte Röhm »bürgerlichen Moralvorstellungen« den Kampf angesagt. »Nichts ist verlogener als die sogenannte Moral der Gesellschaft. Ich stelle vorweg fest, dass ich nicht zu den Braven gehöre und nicht den Ehrgeiz habe, ihnen zugesellt zu werden«, schrieb der SA-Chef, dessen eigene sexuelle Vorlieben später in diversen Presseveröffentlichungen thematisiert wurden.

Auch der am 25. April 1991 an den Folgen einer HIV-Infektion verstorbene Neonazi Michael Kühnen hatte sich 1986 in einer 70-seitigen Propagandaschrift zum Thema »Nationalsozialismus und Homosexualität« geäußert. In dem gleichnamigen Pamphlet bezeichnete Kühnen, der zu den engsten Weggefährten des späteren Gründers der Partei »Die Rechte«, Christian Worch, gehörte, Homosexualität als »natürliche, biologische Veranlagung«. Diese sei von der Natur dazu bestimmt, »einer kleinen Anzahl von Männern zu ermöglichen, sich völlig unbeeinflusst von persönlichen Interessen ganz der kulturellen Entwicklung und dem Dienst an der Gemeinschaft zu widmen«, schlussfolgerte er – ganz dem faschistischen Leitsatz »Du bist nichts, Dein Volk ist alles!« verpflichtet. Kühnen verwies zudem auf homosexuelle Handlungen im Tierreich und kritisierte Schwulenhaß als »blödsinnig«.

Ähnlich wie der verstorbene Neonazi argumentierte später auch die »Organisationsleitung« des »Kampfbundes Deutscher Sozialisten« (KDS) im sogenannten »Revolutionären Manifest« vom 30. Januar 2005. In einer weiteren Erklärung vom 30. Januar 2005 legte der ehemalige Stellvertreter von Michael Kühnen und 2010 verstorbene KDS-Aktivist Thomas Brehl nach. »Dem Gebot der Rasseerhaltung« widerspreche Homosexualität »schon mal nicht, denn Ba­s‍tarde werden nun mal keine gezeugt, wie es bei heterosexuellen Beziehungen und unter Berücksichtigung des großen Ausländeranteils in Deutschland, leider immer wieder zwangsläufig der Fall ist und auf unabsehbare Zeit noch sein wird«, schwadronierte er. Zudem sei die Forderung nach »›Ausmerzung‹ oder ›Vernichtung‹ der Homosexuellen die dämlichste überhaupt«. Um »das ›Problem‹ Homosexualität zu lösen, ist die Ausrottung der Betreffenden der denkbar ungeeignetste Weg, denn Schwule vermehren sich nicht unter ihresgleichen«, so Brehl.

Wie auch immer sich die extreme Rechte in Sachen Homosexualität zukünftig positionieren mag, sollte für die Betroffenen gleichgültig sein. Die Homo-Bewegung ist gut beraten, antifaschistische und auch migrantische Organisationen als natürliche Verbündete zu begreifen und sich den Neonazis gemeinsam entschlossen entgegenzustellen. (Markus Bernhardt-junge welt)


Mythenjagd: Homosexualität ist unnatürlich, wer sagt das?

Homosexualität abzulehnen, weil das in der Bibel steht, wird als moralische Begründung kaum noch akzeptiert. An Gottes Stelle tritt deswegen immer wieder die Natur. Doch die ist keine moralische Instanz. Außerdem sind gleichgeschlechtliche Paarungen in der Natur allgegenwärtig.

Homosexuelle dürfen in Deutschland künftig heiraten. So hat es der Bundestag beschlossen. Auf der einen Seite ist der Jubel groß, andere hingegen sind entsetzt. „Es ist unglaublich, da wird im Deutschen Bundestag darüber entschieden, ob widernatürliche Verbindungen, Mann mit Mann und Frau mit Frau, legitimiert werden“, steht in einem Leserbrief, der am 1. Juli in der Braunschweiger Zeitung abgedruckt wurde. In einem anderen Leserbrief heißt es, Kinder hätten „das natürliche Recht auf Eltern mit heterosexuellem Vorbild“.

Zwar sind Leserbriefe in Tageszeitungen ganz sicher kein repräsentatives Abbild der Bevölkerung, aber die hier zum Ausdruck gebrachten Überzeugungen sind durchaus noch immer verbreitet. Laut einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2015 stimmten 18,3 Prozent der 2013 befragten Personen der Aussage „Homosexualität ist unnatürlich“ voll oder eher zu.

So unterschiedlich die einzelnen Befragten und die zitierten Zeitungsleser sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie haben unrecht. Homosexuelles Verhalten ist in der Natur nicht nur nachweisbar, es ist allgegenwärtig, ja normal im Wortsinne. Wenn Verhaltensforscher danach suchen, werden sie eigentlich immer fündig, bei jeder Spezies, die sie unter die Lupe nehmen.

Die schwulsten Tiere sind Giraffen

Bei 1500 Arten wurden gleichgeschlechtliche Paarungen mittlerweile beobachtet. Das beginnt bei unseren nahestehen Verwandten, den Menschenaffen, und reicht über Haus- und Nutztiere wie Katzen, Schweine und Schafe bis zu Vögeln. Selbst miteinander kopulierende männliche Käfer sind keine Seltenheit.

Die „schwulsten“ Tiere überhaupt sind Giraffen. Hier sind homosexuelle Begattungen häufiger als heterosexuelle. Bei einer Studie fanden bis zu 94 Prozent aller beobachteten Paarungen zwischen Männchen statt. Bei den grundsätzlich sexuell sehr aktiven Bonobos hingegen sind es vor allem die Weibchen, die hauptsächlich aneinander interessiert sind. Auch sie betätigen sich häufiger gleichgeschlechtlich als mit Männchen.

Bei Schafen sind nicht nur bis zu zehn Prozent der Böcke an anderen Böcken interessiert. Sie sind es sogar exklusiv – zum Ärger der Züchter. Lust auf Abwechslung? Meh.

Zwei männliche Stockenten beim Liebesspiel. Foto: Norbert Nagel/Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Menschliche Homosexualität ist nichts Ungewöhnliches oder gar Widernatürliches. Im Gegenteil: Ein ausschließlich heterosexuelles Säugetier wäre ausgesprochen bemerkenswert. Das gibt es eigentlich nur im Iran.

Das Beispiel zeigt: Die Unauffälligkeit von Homosexualität in manchen menschlichen Gesellschaften ist keine Folge von Moral, sondern von Angst, Scham und nicht selten Repression. Das macht es auch so schwer, die natürliche Häufigkeit einzuschätzen. Fragen nach der Sexualität werden nicht immer wahrheitsgemäß beantwortet. Da es aber kontraproduktiv wäre, das Suchfen­s‍ter einer Porno-Seite zu belügen, liefern solche Internetsuchen verlässlichere Daten als. Demzufolge dürfte der Anteil menschlicher Homosexualität weltweit bei etwa fünf Prozent liegen.

Die Natur kennt keine Moral

Bei der „Ehe für alle“ geht es aber gar nicht mehr um die Sexualität, mögen manche einwenden. Sondern um das Adoptionsrecht. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind von Natur aus unfruchtbar und sollten es deswegen auch bleiben. Das sehen einige homosexuelle Schwäne aber offenbar etwas anders, weswegen sie sich entweder zur Fortpflanzung kurzzeitig ein Weibchen ins gemeinsame Nest holen (und nachher wieder rauswerfen) oder einfach Eier aus anderen Nestern stehlen.

Die Ablehnung der Homosexualität hat eine lange Tradition. „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben“, heißt es bei Leviticus 20, 13. Da es aber heutzutage immer weniger akzeptiert wird, Menschen mit dem Verweis auf den aus einem uralten Buch herausgelesenen Wunsch eines übernatürlichen Wesens zu diskriminieren, tritt häufig die Natur an die Stelle Gottes. „Hätte die Natur gewollt, dass…“ ist eine dieser Floskeln, die ein naturreligiöses Verständnis offenbaren. So wird auch nicht selten begründet, warum neue Technologien wie etwa die Gentechnik abzulehnen sind.

Es ist allerdings unsinnig, moralische Urteile daran festzumachen, ob ein Verhalten „natürlich“ ist. Die Natur kennt keine Moral. Wenn aber nun weder Gott noch Natur herangeführt werden können, um die Abneigung gegenüber Homosexuellen zu begründen, wäre es vielleicht einfach an der Zeit, die Suche nach neuen Gründen einzustellen. (Johannes Kaufmann – Salonkolumnisten)


Wozu braucht man immer noch den CSD?

Den Schwulen und Lesben hierzulande geht es doch gut. Stimmt das? Wieso müssen sie immer noch die Chri­s‍topher-Street-Day-Parade abhalten?  

Durch das Massaker von Orlando ist mit Wucht ins Bewusstsein zurückgekommen, wie wenig selbstverständlich es nach wie vor ist, dass wir Orte haben, an denen wir so sein können, wie wir sind. Der Christoper Street Day hat dabei eine ähnliche Funktion wie ein queerer Club: Dort müssen wir uns nicht verstecken. Und alle Teilnehmenden konfrontieren die Welt mit der Forderung nach Akzeptanz. Indem Lesben, Schwule und Transmenschen so bunt und extrovertiert auf die Straße gehen, demonstrieren sie selbstbewusst ihr Anderssein. Es heißt ja nicht umsonst „Gay Pride“.

Wir wollen nicht vertuscht und verdruckst leben. Bei der CSD-Parade macht die heterosexuelle Mehrheit mal die Erfahrung, in der Minderheit zu sein. Sie will ja dringend ihre Deutungshoheit behalten, sieht sich selbst als den Maßstab, als den wahren Lei­s‍tungsträger der

Gesellschaft. Der Gay Pride ist der Tag, an dem ihr diese Deutungshoheit streitig gemacht wird.Die Gleichstellung der Minderheit wird noch immer abgelehnt. Am CSD teilzunehmen heißt außerdem, dass wir diejenigen mitunter unsere Fittiche nehmen, die sich vielleicht in diesem Jahr noch nicht alleine auf die Straße trauen, noch nicht geoutet sind oder am Rand stehen.

Mir begegnet gerade auch in bildungsbürgerlichen Kreisen oft die Argumentation, dass man ja gar nichts gegen Schwule oder Lesben habe, schließlich hätten sie auch den einen oder die andere im Familien- und Freundeskreis. Mit dieser individuellen Bekundung glauben die Leute zu beweisen, dass sie nicht homophob sind. Gleichzeitig lehnen sie jedoch die Gleichstellung der gesamten Minderheit ab. Der Weg zur „Ehe für alle „war ein langer und auch wenn wir sie jetzt haben, so ist in den Köpfen vieler noch immer nicht Gleichheit.

Von wegen Privatsache!

Viele Konservative und sogar einige Homosexuelle selbst behaupten, die sexuelle Orientierung sei Privatsache. Das heißt übersetzt: Tu meinetwegen, was du nicht lassen kannst, aber behellige mich nicht mit deiner Andersartigkeit. Diese Aufforderung, sich nicht zu outen, entspringt einer ziemlich reaktionären Haltung. Denn in dem Moment, wo jemand wegen seiner oder ihrer Orientierung zusammengeschlagen oder anderweitig diskriminiert wird, ist sie keine Privatsache mehr, sondern eine politische Angelegenheit


Foto - Orthodox Calendar 2017

Ich nehme es so wahr, dass die Homosexuellen bestenfalls geduldet werden, was sich auch in dem Begriff Toleranz spiegelt. Das hat für mich etwas von Über-den-Kopf-Streicheln. Mir passiert es zum Beispiel immer wieder, dass mir gesagt wird: Sie sehen ja gar nicht schwul aus. Das ist dann unverhohlen als Kompliment gemeint. Aber was ist denn dass für eine Toleranz, die nur gelten lässt, was so ähnlich aussieht wie man selber? Deshalb ist meine Forderung Akzeptanz. Wir müssen unsere Sexualität öffentlich machen können, sonst haben wir keine Akzeptanz erreicht. Und darum geht es beim CSD – immer noch.



Aufforderung an das BAMF

Queer Refugees startet Petition gegen Abschiebungen

Deutschland will schwule Flüchtlinge abschieben, selbst wenn sie in ihrem Heimatland wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden. LGBTI-Aktivisten kämpfen nun mit einer Petition für ein Bleiberecht.

Das Queer Refugees Network Leipzig hat am Dienstag eine Petition gestartet, in der das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aufgefordert wird, Abschiebungen von in ihrem Heimatland verfolgten Homosexuellen zu beenden. "Vier schwule Männer aus dem Irak sind in Gefahr abgeschoben zu werden. Sie könnten in ihr Land zurückgeschickt werden, wo LGBT*-Personen ständig der Gefahr ausgesetzt sind, angegriffen, gefoltert und ermordet zu werden", heißt es in der Petition auf der Plattform All Out.

Daher wird das BAMF aufgefordert, "diesen Männern Sicherheit zu gewähren". Außerdem sollen die Beamten "die Gefahren für LGBT*-Personen aus dem Irak bei zukünftigen Entscheidungen über Asylanträge" berücksichtigen. Exemplarisch wird der Fall des schwulen Irakers Dom beschrieben, der in seiner Heimat auf der Todesliste einer Miliz stehe, aber schon in wenigen Tagen abgeschoben werden könnte.

Foto-ourcityofcolours.com

Immer wieder gibt es Berichte über die Ablehnung von Asylbewerbern, die in ihrer Heimat wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität mit Verfolgung bis hin zu Folter und Tod rechnen müssen. Das Queer Refugee Network Leipzig hat erst im letzten Monat von Fällen berichtet, in denen schwule Iraker abgelehnt worden sind – mit teils haarsträubenden Begründungen. So hatte sich ein Asylbewerber nach Ansicht der Beamten offenbar nicht schwul genug verhalten: Sie gaben dem Iraker auf den Weg, dass ihm Homosexualität "bei einer Rückkehr aufgrund seines Verhaltens und seiner Kleidung […] nicht noch einmal unterstellt" werden würde

Auch in Deutschland sind Asylbewerber teilweise nicht sicher, da sie von homophoben Personen in Flüchtlingsheimen drangsaliert werden. Vergangene Woche berichtete etwa das Münchner Schwulenzentrum Sub, dass ein schwuler Geflüchteter offenbar von anderen Flüchtlingen wegen seiner Homosexualität verprügelt worden ist. (dk-queer.de)


"Moses jenseits des Regenbogens"

Doku zeigt Schicksal eines schwulen Flüchtlings in München

Wer knapp 24 Minuten Zeit hat, kann auf Youtube vom Leben des schwulen Flüchtlings Moses aus Uganda erfahren, der in seinem Heimatland wegen seiner Homosexualität als Verbrecher gilt – und dem trotzdem die Abschiebung aus Deutschland droht.

"Wenn du schwul bist, wirst du in Uganda bestraft und eingesperrt", erzählt Moses Makumbi in einer neuen Dokumentation, die jetzt auf Youtube veröffentlicht wurde. Der junge Mann konnte erfolgreich vor der Verfolgung in seinem Heimatland nach Deutschland fliehen.

Sicher ist er aber auch hierzulande nicht: In der Dokumentation kommt sein psychologischer Berater Christopher Knoll zu Wort, der weiß, dass Moses noch immer in Lebensgefahr ist, weil sich deutsche Beamte oft nicht um die prekäre Lage dieser Flüchtlinge scheren: "Wir erleben dauernd Entscheidungen, wo sie die Leute doch dahin zurückschicken wollen, wo Gefahr für Leib und Leben ist."

Moses ist kein Einzelfall

Die 24-minütige Dokumentation wurde vom Mediennetzwerk queerelation  unter dem Titel "Moses jenseits des Regenbogens" veröffentlicht; Moses stehe dabei nicht nur als Einzelschicksal da, sondern exemplarisch für den Kampf von vielen LGBTI-Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen. In dem Film wird die unmenschliche Situation für LGBT in Uganda ebenso thematisiert wie die Hilfsangebote für Geflüchtete in München als auch die unmenschliche Situation in ländlichen Asylbewerberunterkünften und in der Behandlung durch die Behörden. (cw-queer.de)


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