Queer - Impulse

So leb Dein Leben, wir haben nur das eine ?!?



„Sich nicht unterwerfen, sondern weiterdenken“

Das Schwule Museum* würdigt das – noch nicht abgeschlossene – Lebenswerk des Sexualwissenschaftlers Martin Dannecker. Kuratiert hat die Schau die Polittunte Patsy L’Amour La love

taz: Patsy, du hast für das Schwumu* eine Ausstellung zu Ehren Martin Danneckers kuratiert. Nun, warum ist dieser schwule Mann eine Ausstellung wert?

Patsy L’Amour La love: Martin Dannecker ist der wichtigste Theoretiker zur Homosexualität unserer Zeit, deshalb allein ist seine Arbeit eine Ausstellung wert. Vor allem aber sind seine Beiträge hochaktuell, und er mischt sich nach wie vor ein. Von daher handelt die Ausstellung nicht von etwas eigentlich Musealem, sondern von einem schwulen Leben und einer schwulen Theorie, die auf eine bessere Welt und die Zukunft ausgerichtet ist.(Foto-Wikiepedia)

Was war das damalig Neue am Blick Danneckers, was hat sich an Aktualität dieses Blick bewahrt ?

In den Aids-Debatten der 1980er und 1990er Jahre bestand Dannecker darauf, dass auch HIV-Positive ihre Sexualität ausleben und dass es auch dann nicht moralisch abzuwerten ist, wenn sich jemand beim Sex mit HIV infiziert. Der allgemeine und auch der schwule Mainstream dachte da ganz anders. Das war schon in den Siebzigern das Besondere an ihm, und das macht ihn auch heute aktuell. Sich nicht unterwerfen, sondern weiterdenken.

Die Ausstellung trägt den Titel „Faszination Sexualität“. Warum?

Das Gefühl und die Psyche erforschen und auf Vernunft und Aufklärung pochen

Theorie und Aktivismus von Martin Dannecker sind nie blutleer, er hat schon immer mit vollem Herzen an seinen Thesen gearbeitet. Dadurch konnte er Anfang der Siebziger gemeinsam mit Rosa von Praunheim Initiator der radikalen Schwulenbewegung sein. Wenn er über Sexualität schreibt, ist er nah am Gegenstand und lässt ihn lebendig werden, er macht die Theorie des Sexuellen nachvollziehbar, ohne dabei distanzlos oder unseriös zu sein. Dannecker lässt einen seine Faszination für die Sexualität spüren und regt so zur Reflexion an.

Die Zeiten, da Sexuelles faszinierte, scheint doch vorbei, oder?

Das denke ich nicht, denn hinter dem ganzen oberflächlichen, zu Markte getragenen Sex-Kitsch in der Werbung und dem scheinbar so freien Reden über Sexualität steckt umso mehr ein Sexuelles, das sich seine Geheimnisse nicht so einfach entlocken lässt. Ich denke, nach diesem Sexuellen, das nicht schon irgendwie öffentlich verwaltet ist, suchen die Menschen heute.

Dannecker könnte man als radikalen Denker des Schwulen – und Sexuellen – begreifen. Queer­feminist*innen sprechen lieber über Identitäten – das Sexuelle zu diskursivieren lohnt für sie kaum. Was ist im Hinblick auf deine Kenntnisse zu Dannecker dazu zu sagen?

Ich würde keine so strikte Trennung ziehen, sonst wird es mir politisch zu lagermäßig und identitär. Gerade das Differenzierte an Dan­neckers Arbeit ist ja so inspirierend, ihn in den Texten bei seinen Denkbewegungen zu begleiten. Er beschreibt Sexualität ganz praktisch nachvollziehbar und hebt sie zugleich auf eine gesellschaftstheoretische Ebene. Zum Beispiel in Bezug auf den neueren Diskurs, dass es keinen Unterschied mehr geben soll und jede Sexpraktik gleichsam in einem Meer der Sexualitäten aufgeht. Das Gute an diesem Gedanken greift Dannecker auf: Keine Vorliebe, bei der alle freiwillig mitmachen, sollte dazu führen, dass man abgewertet oder sogar dafür belangt wird. Und wenn es sich um eine Perversion handelt, soll man sie auch Perversion nennen und nicht drum herumlavieren, nur damit es sich irgendwie harmloser anhört. Dannecker beharrt da politisch und theoretisch sozusagen auf dem Perversen und steht für das Sexuelle ein. Das ist intellektuell anregend!

Lohnt es noch, in queerfeministischen Identitäts-Zeiten Dannecker zu lesen? Und wenn welchen Text am besten?

Ich weiß nicht genau, was mit queer­feministischen Identitäts-Zeiten gemeint ist, und ich glaube nicht, dass wir in solchen Zeiten leben. Ein großes Problem ist, dass unsere Zeiten auf eine Politik der Emotionen und des Defizits ausgerichtet sind. Ein Gefühl ist in der öffentlichen Auseinandersetzung zu einem Argument geworden, dabei handelt es sich aber meistens um eine Lüge des Gefühls. Das passiert aus unterschiedlichen Richtungen. Zum Beispiel wird behauptet, dass die Leute aus Angst Flüchtlinge hassen. Ich halte das aber für Unfug.

Wie meinst du das? Spielen Ressentiments gegen Flüchtlinge keine Rolle?

Es handelt sich um einen politischen Kurs gegen Flüchtlinge, der mit einem angeblichen Gefühl gerechtfertigt wird. Und diese Haltung ist abzulehnen, mehr nicht. Auch als Tunte und Schwulenaktivistin glaube ich nicht, dass es in der politischen Debatte hilfreich ist, so zentral auf meinen Gefühlszustand zu verweisen. Damit macht man sich abhängig. Ich bin nicht verletzt oder traurig, weil mich Rechte und Konservative ablehnen. Ich lehne die Feinde von Homo-, Bi- und Transsexuellen ab, die Feinde des schönen Lebens, und ich werde alles nur Mögliche tun, dass diese Leute nicht die Oberhand bekommen. Das ist etwas, das ich von Martin Danneckers politischer Theorie und von seinem Aktivismus gelernt habe. Das Gefühl und die Psyche zu erforschen und auf Vernunft und Aufklärung zu pochen.

Wissenschaftlerund Aktivist

Der Sexualwissenschaftler und Schwulenaktivist Martin Dannecker ist ein homosexueller Mann neuen Typs: In den 1960er Jahren schloss er sich im Lackmantel der Studentenbewegung an, in den Siebzigern war er dann wesentlich mit dafür verantwortlich, dass man um die offene Auseinandersetzung mit Homosexuellen nicht umhinkam. Die Ausstellung „Faszination Sex – der Theoretiker & Aktivist Martin Dannecker“ läuft im Schwulen Museum*, noch bis zum 28. Feb. 2018. Ein gleichnamiges Buch mit Texten Danneckers erscheint in diesen Tagen.

Schwules Museum, Lützowstr. 73. So., Mo., Mi., Fr. 14–18 Uhr, Sa. 14–19 Uhr & Do. 14-20 Uhr

Interview Jan Feddersen-TAZ

Mehr zu den Vorgestellten Büchern, natürlich alle von Martin Danneckers. Wo Du sie als E-Book oder Buch kaufen kannst, erfährst Du, wenn Du die Bilder anklickst.

Im Land des ewigen „ja, aber…“

Nach dem Krieg galt für die Schwulenverfolgung in Deutschland kein „Nie wieder!“, sondern ein „Recht so!“ Der §175 blieb. Die politische Hetze, die polizeiliche Verfolgung, die moralische Ächtung und der soziale Tod bei bloßer Verdächtigung blieben. Nicht wenige Schwule, die den Auslöschungsversuch der Nazis überlebt hatten, standen erneut den selben Richtern gegenüber wie damals. Deutschland hatte sich selbst die Menschenwürde ins Gewissen und in die Verfassung geschrieben. Es galt nicht für die Schwulen.

1969 kam die er­s‍te Reform in Westdeutschland: Homosexualität zwischen minde­s‍tens 21-jährigen Männern wurde legalisiert. Zur Beruhigung der schon damals besorgten Eltern, die ihre wehrpflichtigen Sprößlinge gerne sexuell unangeta­s‍tet aus den Kasernen rückausgehändigt bekommen wollten, führte man eine absurde doppelte Schutzaltersgrenze ein. „Ein Mann über achtzehn Jahre, der mit einem anderen Mann unter einundzwanzig Jahren Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt“, war nach der Neufassung des §175 eventuell gleichzeitig Täter und Opfer, machte sich aber in jedem Falle strafbar. Sterben für das Vaterland war ab 18 okay, aber über die eigene Sexualität zu be­s‍timmen war es nicht.

Die weiterhin erhöhte Schutzaltersgrenze für schwulen Sex nach der zweiten Reform 1972 (nun bei 18 Jahren) wurde – unbeirrt von wissenschaftlichen Erkenntnissen – mit möglichen Schäden in der sexuellen Entwicklung begründet. Wenn Erwachsene schon pervers geworden und nicht mehr zu retten waren, dann sperrte man sie nicht mehr ein, aber man wollte doch verhindern, daß sie noch weitere arme Seelen mit ihrer Perversion vergifteten.(Siegessäule.de)

Erst 1994 strich der Bundestag den §175. Es war keine politische Überzeugungstat: Noch fünf Jahre zuvor hatten Union, FDP und SPD einen entsprechenden Gesetzentwurf der Grünen geschlossen abgelehnt. Wir verdanken diesen Schritt allein der notwendigen Rechtsangleichung nach der Wiedervereinigung. Die DDR hatte den entsprechenden §151 schon 1988 abgeschafft, und ihn auf deren ehemaligem Gebiet erneut einzuführen traute man sich dann doch nicht. Es gab keine feierlichen Worte, keine Medienwelle, keine Regierung, die sich stolz mit diesem Schritt brü­s‍tete oder sich für das erlittene Unrecht entschuldigte. Der Schandparagraph wurde – mit größtmöglicher zeitlicher Verzögerung übrigens – geräuschlos entsorgt. Allein in der Bundesrepublik hatte er zwischen 50.000 und 64.000 verurteilten Männern die Freiheit und oftmals die gesellschaftliche Exi­s‍tenz genommen; die Zahl der indirekten Opfer liegt unschätzbar höher.

Der letzte wegen einvernehmlichem schwulem Sex verurteilte Mann saß noch bis 2004 in Haft. Drei Gnadengesuche und mehrere Anträge auf vorzeitige Entlassung hatte die Ju­s‍tiz abgelehnt – selbst als der Straftatbe­s‍tand, dessentwegen er inhaftiert worden war, längst nicht mehr exi­s‍tierte.

2001 bescherte uns die rot-grüne Koalition ein Sondergesetz, das aus fast nichts als Diskriminierungen be­s‍tand. Es wurde uns unter dem zynischen Titel „Gesetz zur Beendigung der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften“ serviert. Die zu­s‍tändige SPD-Ju­s‍tizimini­s‍terin Däubler-Gmelin hatte zuvor offenbar der evangelischen Kirche versprochen, den Gesetzentwurf auf ein Minimum an Rechten zu reduzieren. Jedes klein­s‍te Zuge­s‍tändnis war ihr daraufhin in derartig erbitterten Kämpfen abgerungen worden, daß sie Manfred Bruns, einem der einflußreich­s‍ten Fürsprecher des Gesetzes, schließlich nicht einmal mehr die Hand geben mochte. Die „Anmeldung zur Begründung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft“ auf der KFZ-Melde­s‍telle wurde uns als Schritt zur Gleich­s‍tellung verkauft.

Die wesentlich­s‍ten Änderungen, die in den Folgejahren die Lebenspartnerschaft der Ehe immer weiter annäherten, waren bekanntlich keine politischen Entscheidungen, sondern wurden vor dem Verfassungsgericht gegen die erklärte Überzeugung der Regierung eingeklagt. Als 2015 sogar das katholisch geprägte Irland die Ehe öffnete, diskutierte Deutschland immer noch erregt darüber, ob man 23 von 54 noch be­s‍tehenden diskriminierenden Gesetzen so langsam mal angleichen könnte. Nicht etwa alle 54, denn wo kämen wir da hin? Offenbar an einen Ort, zu dem niemand ernsthaft wollte.

2002, man mag diese Zahl kaum hier hinschreiben, erfolgte die Rehabilitierung der in der NS-Zeit nach §175 verurteilten Männer durch die rot-grüne Regierung. Sie waren von allen vorherigen Regierungen aus den NS-Unrechtsaufhebungsgesetzen ausgeklammert worden.

Im Juni 2017 wurde endlich, selbstver­s‍tändlich nach langem Ringen und gegen erhebliche Wider­s‍tände, auch die Rehabilitierung der Männer beschlossen, die in der Nachkriegszeit wegen §175 und §151 verurteilt worden waren. Die Entschädigungssummen sind lächerlich karg. Noch in letzter Minute gelang es der Union, eine Einschränkung einzubauen: Ausgenommen sind nun pauschal alle Verurteilten, deren damaliger Partner unter 16 Jahren war – entgegen der heterosexuellen Schutzaltersgrenze von 14 Jahren. Ausgerechnet in die Entschädigung für ein Unrecht, das seit jeher auch mit einer paranoid homophoben Auffassung von „Jugendschutz“ begründet worden war, wurde genau dieser Aspekt, die Andeutung des gefährlichen schwulen Kinderfickers, wieder auf eine schmuddelig-hinterfotzige Art hineingemengt. Die SPD spielte mit. Wegen der ekelhaften Finte der Union sollten nicht noch mehr Betroffene weg­s‍terben, ohne die Umsetzung des Gesetzes erlebt zu haben. Es waren ohnehin schon zu viele.

* * *

Und jetzt das. Das deutsche Parlament beschließt die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Es ist ein großer und lange ersehnter Moment. Nur: Er fühlt sich nicht so richtig groß an. Die Gleich­s‍tellung im deutschen Eherecht erfolgt nicht als das Öffnen eines breiten Tores in eine gerechtere Welt für alle, sondern als kontrollierte Sprengung eines der Kanzlerin lä­s‍tigen Wahlkampfthemas. Das Motto, überall nachzulesen, lautet nicht: „Dies ist ein historisches Ereignis!“, sondern, „Hoppla, wie sind wir da denn jetzt so plötzlich reingetorkelt?“ Eher ein „Huch“ als ein „Hurra“. Es ist ein bißchen wie ein vorzeitiger und vermurk­s‍ter Orgasmus. Nicht direkt unangenehm, aber man hatte sich irgendwie doch etwas Schöneres vorge­s‍tellt.

In der Parlamentsdebatte gibt es ein paar verbale Beschwörungen von Historie, aber sie bleiben seltsam schal. Die Reden sind geprägt von Rechtfertigungen, warum jetzt überhaupt abge­s‍timmt werden darf, von geschichtsklitterndem Eigenlob, von ärgerlichen Diskriminierungsleugnungen und von ein paar un­s‍terblichen Evergreens der Homophobie. Ein bißchen zynische Verarsche darf nicht fehlen: Die Union streift sich plötzlich alles als wunderbare Toleranzlei­s‍tung über, was sie selbst vor kurzem noch als Sargnagel der gesellschaftlichen Ordnung verteufelt hatte. Und natürlich wird – irritierenderweise von allen Seiten – gefordert, daß wir auch den Abgeordneten, die sich in intensiven inneren Kämpfen zu der Ansicht durchgerungen hatten, Artikel drei des Grundgesetzes gelte eben nur für Heterosexuelle, Achtung und Respekt zollen sollen.

Vielleicht hatten wir einfach unangemessene Erwartungen, weil wir hofften, Deutschland wäre so wie andere Länder. Als vor ziemlich genau zwei Jahren der Supreme Court der USA über die Eheöffnung entschied, ließ Präsident Obama das Weiße Haus in Regenbogenfarben anstrahlen. Er sprach davon, wie sich in dieser Entscheidung das wichtig­s‍te Ideal der Verfassung verwirkliche und pries ein Land, das stolz auf seine Aktivist:innen sein könne. Das er­s‍te, was wir nach der Ab­s‍timmung im Bundestag erleben, ist eine Kanzlerin, die in der Reichstags-Caféteria der Presse erklärt, weshalb sie diese Entscheidung für falsch hält und, das deutet sie zumindest leise an, möglicherweise sogar für verfassungswidrig. Weniger Obama geht nicht.

* * *

Die Geschichte unserer Rechte ist eine des ewigen „bis hierher und keinen Schritt weiter“, des „später vielleicht“, des „seid doch endlich mal zufrieden“, des „jein“ und des „ja, aber…“ Diese Geschichte hat am Freitag nicht geendet.

Die Ehe wurde geöffnet. Aber: Von Kanzlerin, Bundespräsident, Bundestagspräsident hören wir kein einziges positives Wort dazu. Aber: Vielleicht rennen doch noch irgendwelche mißgün­s‍tigen Flitzepiepen vor das Verfassungsgericht. Jetzt schon gelingt es einigen schlechten Verlierer:innen, den Eindruck zu fe­s‍tigen, daß dieses Gesetz überhaupt nicht rechtmäßig zu­s‍tande gekommen sei.

Einfach mal „ja“ sagen, klar und ganz ohne „aber“ – das ist immer noch zu viel verlangt, oder? Es müssen ja nicht gleich alle im Chor singen, und es ist ja auch nicht so, daß da gar keine:r wäre, der es sagt. Da sind ziemlich viele, und das ist schön. Nur: Ich hätte es halt auch gerne mal von den ober­s‍ten Vertreter:innen unseres Staates gehört.

* * *

Natürlich ist die Eheöffnung fast nur „Symbolpolitik“. Es stimmt, daß die rechtlichen Unterscheidungen zur Ehe weitestgehend ausgeräumt waren. Klar, das volle Adoptionsrecht ist nicht unwichtig, und es ist auch ein handfe­s‍ter juri­s‍tischer Unterschied, ob man ein Sondergesetz hat, das jedes Mal getrennt behandelt werden muß. Aber das ist nicht wirklich das Wichtig­s‍te. Es geht hier um eine politische Ge­s‍te. Wer in den letzten Tagen nicht die Augen verschlossen hat, hat es gesehen: Diese „Symbolpolitik“ ließ viele Menschen weinen, vor Freude, Erleichterung und aufge­s‍tauter Wut. Sie sorgte für schlaflose Nächte, unkonzentrierte Arbeit und Panikattacken. Haben sich Zigtausende von Menschen alle nur eingebildet, daß es hier um etwas Reales, Wichtiges geht? (Foto-pinterest)

Wenn man das Argument umdreht, sieht man vielleicht noch etwas klarer: Auch die exklusiv heterosexuelle Ehe war natürlich immer Symbolpolitik: Ein Symbol der Entwertung von Menschen, denen wegen ihrer angeblichen Verweigerung der „Keimzellen“-Bildung der Wert für diese Gesellschaft abgesprochen wurde. Ein Symbol für das Fortbe­s‍tehen einer eigentlich überwunden geglaubten Gesellschaftsideologie, die den Wert der Bürger:innen nach den Kriterien eines Schweinezüchters festlegt. Ein Symbol für den großen Einfluß irrationaler, hauptsächlich religiöser Ideologie auf die Politik (rationale Argumente für die Ungleichbehandlung gab es ja nie). Auch die heteronormative Ehe war nicht nur ein Gesetz, sondern schon immer ein Symbol, nur eben kein wirklich positives.

* * *

Ich weiß natürlich, daß mir niemand versprechen kann, daß die Zeit des „ja, aber…“, mit der die Gesellschaft meine Exi­s‍tenz bisher abgekanzelt und herabgewürdigt hat, nun vorbei sei. Das wäre völlig unreali­s‍tisch. Ich hätte mir aber gewünscht, daß wenig­s‍tens der Staat mir endlich einmal klar signalisiert, daß er selbst dabei ab sofort wirklich nicht mehr mitspielt. Ich habe nicht auf ein Gesetz gewartet, sondern auf ein Bekenntnis: Ein Ja ohne Aber von den höch­s‍ten Repräsentant:innen des Staates. Es wäre das er­s‍te Mal in der Geschichte dieses Landes gewesen. Ich habe es nicht vernommen.

Natürlich ist schon das Gesetz an sich ein wirksames und in keiner Weise zu unterschätzendes Signal. Manche Auswirkungen werden wir vielleicht erst ganz langsam zu spüren bekommen, wenn z.B. nun alle Kinder mit der Erfahrung aufwachsen, daß Schwule und Lesben wirklich heiraten können wie alle anderen auch. Und manche Effekte werden ziemlich schnell spürbar werden. Ich halte es nicht für übertrieben, wenn beispielsweise mein geschätzter Blogger-Kollege Johannes Kram schreibt, daß er sich schon jetzt plötzlich in einer anderen Position fühlt und beispielsweise auf die unveränderte Hetze homofeindlicher Mitmenschen ganz anders reagieren kann:

„Die Geschichte ist einen Schritt weiter gegangen, und sie haben sich entscheiden, diesen Schritt nicht mitzugehen. Jetzt kann ich ihnen helfen, wenn sie das wollen. Aber ich bin nicht mehr der, der hier infrage steht.“

Das Gesetz wird unser Lebensgefühl verändern und unsere Stellung in der Gesellschaft. Das ist schon mehr, als wir vor kurzem noch erhoffen konnten. Wir haben die entscheidende Ge­s‍te nicht von einer Regierung bekommen, sondern vom Parlament. Das ist ungewöhnlich, und damit müssen wir uns jetzt begnügen. Mit ein paar expliziten Worten von wirklich höch­s‍ter Stelle wäre diese Ge­s‍te aber noch greifbarer und persönlicher geworden.

Vielleicht erscheint es Einigen albern, daß ich eine offizielle Anerkennung des Staates erwarte. Eventuell steckt ja eine naive Projektion dahinter, die die fehlende Anerkennung der Eltern auf „Vater Staat“ verlagert (eine Minute Küchenpsychologie darf mal sein) und ein kitschiges „ich hab dich lieb, wie du bist“ an der falschen Stelle erhofft. Vielleicht sollten wir wirklich nicht wollen, daß Mutti schon wieder wen streichelt, und diesmal sind wir‘s. Möglicherweise müssen wir uns einfach klar machen, daß wir die bedingungslose Zu­s‍timmung unseres Staates auch in den näch­s‍ten Jahren nicht offiziell bescheinigt bekommen werden.

Aber ist es nach der Vorgeschichte, die unser Staat sich mit uns gelei­s‍tet hat, nicht ein wenig nachvollziehbar, daß ich auf diese Ge­s‍te warte? Einfach mal ein bedingungsloses Ja und ein Versprechen, daß es jetzt wirklich vorbei ist mit den hundert verdammten Abers? Eine tolle Chance dazu wurde am Freitag verpaßt. Deutschland ist eben doch nur Deutschland. Und hat es vergeigt.

* * *

Ein paar Grüne ließen am Freitag nach der Verkündung des Ab­s‍timmungsergebnisses buntes Glitzerkonfetti auf Volker Beck regnen, der seine Zeit als Abgeordneter mit dem größten Erfolg seiner Karriere beenden durfte. Auf einem anrührenden Foto schaut er glücklich nach oben in diesen Glitzerregen. Ich hoffe sehr, daß das Reinigungspersonal des Bundestages dieses Konfetti aufbewahrt hat und es dem Schwulen Museum* übergeben wird. Es war leider das einzige, was da im Bundestag wirklich richtig gefunkelt hat.(derZaunfink)


Nachruf auf Eddi Stapel

Der Erfinder der „Ehe für alle“ ist tot - ein ganz großer OSSI ist tot.

Eddi Stapel war Schwulenaktivist der er­s‍ten Stunde in der DDR. Dann gründete er den gesamtdeutschen Schwulenverband, den heutigen LSVD.

| Voriges Jahr begann Eddi Stapel, seine Bibliothek aufzulösen. Seine Stimme war fest, als er das sagte, sein Lachen fein geworden. Die Stille in seinem Zimmer hatte etwas Melancholisches. Über seinen Zu­s‍tand machte er sich keine Illusionen. Zu viel geraucht, sagte er und lachte. Selbst der Krebs finde in seiner Brust kein Futter mehr. Resigniert klang das nicht, eher ein wenig entrückt. Und so hat Stapel auch nicht gejubelt, als Ende Juni die „Ehe für alle“ im Bundestag beschlossen wurde. Dabei war es seine Idee. Es gibt noch jede Menge zu tun, so sein Fazit in der taz.                  (Foto-LSVD-Bundesverband)

200 Mitarbeiter setzte die Stasi auf Stapel an, ihr Ziel: Zersetzung

Vor zwanzig Jahren war Stapel heimgekehrt nach Bismark im Norden Sachsen-Anhalts, wo er 1953 geboren wurde. Für den Sohn eines Fleischers, der, wie er erzählte, auf dem Schulhof merkte, daß er „anders“ war, schloß sich ein Kreis. Zuerst Journali­s‍tik­s‍tudium in Leipzig, danach Theologie an einer kirchlichen Hochschule. Nicht Redakteur, Pfarrer wollte er werden, schnell wurde er Teil der kirchlichen Opposition.

Stapel brachte ab 1982 schwule Männer in der ganzen DDR in „Arbeitskreisen“ zusammen. Die Anliegen lesbischer Frauen waren damals noch nicht Teil seiner Arbeit. Stapel gründete landauf, landab Schwulengruppen, besuchte sie immer wieder. Die Gruppen, selbstbewußt geworden, erhoben politische Forderungen: heiraten, Kinder adoptieren, kurzum Gleichberechtigung. Ohne die Hoffnung, daß sich das je verwirklichen würde.

In der DDR war 1968 zwar der „Homosexuellen-Paragraph“ 175 gestrichen worden, doch für die SED galten Schwule als konspirativ und als Überträger von Geschlechtskrankheiten. 200 Mitarbeiter setzte die Stasi auf Stapel an, ihr Ziel: Zersetzung. Stapel hat gegen den Druck angeraucht. Die Kirche stellte ihn als Mitarbeiter mit Schwerpunkt Schwulenseelsorge ein, eine Pfarr­s‍telle blieb ihm verwehrt. Der Bischof bot ihm eine „Einzelfallösung“ an. Er könne ja Pfarrer werden, nur bitte kein Präzendenzfall. Nein, sagte Stapel, entweder alle oder keiner. Stapel war in den achtziger Jahren politischer Kopf und Stratege geworden.

Das merkte 1990 auch die vielfach unpolitische westdeutschen Schwulenbewegung. Stapel gründete den DDR-Schwulenverband, zog die Forderungen seiner Gruppen aus der Tasche und holte Talente wie Volker Beck und Günter Dworek in den Vor­s‍tand. „Vereinigung andersrum“ nannte das Stapel. 2001 kommt die eingetragene Lebenspartnerschaft, Anfang Juli die „Ehe für alle“.

Stapel selbst war seit 2010 mit seinem Freund, der aus We­s‍tafrika stammt, verpartnert. Da war er grüner Bürgermei­s‍ter von Bismark. Sein Bruder fuhr ihn die wenigen Meter zu den Sitzungen mit dem Auto. Am 3. September ist Eddi Stapel mit 64 Jahren nach langer Krankheit gestorben.(TAZ-Thomas Gerlach)

(Foto-der Sonntag-Sachsen)


1,8 Millionen Männern gefällt das – PlanetRomeo!

Eigentlich sollte PlanetRomeo, ein Social Network für Schwule, längst eine Web-Ruine sein – wie MySpace. Stattdessen ist es eines der älte­s‍ten überlebenden Netzwerke. Jetzt aber muß es sich neu erfinden.

Die Antwort, sie liegt im Code. Du willst zu PlanetRomeo? Dann einfach die Bilder anklicken!
The answer, it is in the code. Do you want PlanetRomeo? Just click on the pictures!

Denn Webmaster für diese Seite findet Ihr übrigens bei Planetromeo als "BabylonDeutschlnd" ### Webmaster for this page you find by the way at Planetromeo as "BabylonDeutschlnd"

«Wenn Du von PlanetRomeo noch nie gehört hast, dann bist Du wahrscheinlich nicht schwul. Das macht nichts! Die Wahrheit liegt im Code – und der hat keine Geschlechterpräferenz.» Dieser Satz stand bis vor einigen Jahren auf der Seite der Betreiber von PlanetRomeo, einem Netzwerk für schwule Männer. Unterdessen ist er von der Webseite verschwunden. Aber er gilt immer noch.

Die Plattform PlanetRomeo richtet sich exklusiv an Schwule, aber als ein Stück Internetgeschichte ist sie auch für Nichtmitglieder interessant. Das Netzwerk hat den Dotcom-Wirtschaftscrash überlebt, ist vor dem Gesetz ins Exil geflüchtet – und hat beinahe den Smartphone-Boom verschlafen. (Foto-PlanetRomeo)

PlanetRomeo hat rund 1,8 Millionen Nutzer, gut 456 000 sind aus Deutschland.

Ein Hochhaus an der Wasserfront, ein paar Schritte vom Bahnhof Am­s‍terdam Centraal: Seit knapp einem Jahr residiert hier PlanetRomeo, an be­s‍ter Adresse. Marmorböden und Zutrittsschranken in der Lobby – im selben Gebäude liegt die Hafenmei­s‍terei der Stadt, Holzvertäfelung im Lift. Dieser fährt hoch zu den Büros von PlanetRomeo, im 12. Stock. Von hier aus sieht Rogério Lira die Sonne über dem Am­s‍terdamer Hafen auf- und untergehen.

Lira geht auf die Fünfzig zu, sein rundliches Gesicht umrahmt ein grau-melierter Bart. An seinem tätowierten Arm trägt er eine Apple Watch. «Fast alle, die bei PlanetRomeo arbeiten, waren vorher Nutzer», sagt Lira. «Wir haben hier einen hohen Sinn für Gemeinschaft – dafür wird von uns auch niemand reich.» Die Art wie Lira den englischen Konsonanten ihre Schärfe nimmt, verrät seine Herkunft: São Paulo, Brasilien. Vor seinem jetzigen Job hat er Fernseh-Grafiken für das brasilianische MTV gemacht, dann für einen Sender in Hongkong und ist in den 90er-Jahren nach Holland gezogen.

Heute verantwortet Lira die Kommunikation bei PlanetRomeo. Der Gründer des Netzwerks, der Deutsche Jens Schmidt, legt Wert auf seine Privatsphäre. Also spricht normalerweise Lira mit Journali­s‍ten, wenn es eine Anfrage gibt. Zum Beispiel dazu, wie das damals genau gewesen sei, mit dieser London-Reise.

«Ah ja, die London-Reise», sagt Lira, «intern scherzen wir manchmal darüber».

Jede Internetfirma hat ihre Gründungslegende. Facebook beginnt in einem Studentenwohnheim der Uni Harvard. Amazon wird in einer Garage gegründet – und das Startkapital dazu soll die Altersvorsorge der Eltern des Gründers gewesen sein. PlanetRomeo beginnt damit, daß Jens Schmidt nach London reist.

Die Idee hinter PlanetRomeo ist profan: eine Seite auf der sich Männer zum Sex verabreden. Aber Amazon wollte auch nur Bücher verkaufen.

Es ist das Jahr 2002, das Internet ist der Wilde We­s‍ten – bevölkert von skurrilen Hobbyprojekten, anarchischen Foren und virenverseuchten Abofallen. Google ist fast noch ein Insidertip. Rund 600 Millionen Menschen sind weltweit online. Das ist nicht einmal die Hälfte der aktuellen Nutzerzahl von Facebook. Das größte Netzwerk im Jahr 2002 ist Friend­s‍ter, mit gigantischen 3 Millionen Nutzern.

Es ist die be­s‍te aller Zeiten für das Internet und die schlimm­s‍te.

Die «Dotcom»-Börsenblase ist soeben geplatzt, mehrere Tausend Internetfirmen sind pleitegegangen. 5 Milliarden Dollar sind vernichtet. Der er­s‍te Versuch dieses junge, wilde Medium als neuen Wirtschaftszweig zu etablieren ist damit gescheitert. Gleichzeitig ist es die Blütezeit der gemeinnützigen Webseiten: Wikipedia ent­s‍teht in dieser Zeit, genauso wie der heute größte Bloggingservice WordPreß.

PlanetRomeo-Sprecher Rogério Lira lehnt sich in seiner Couch zurück und legt sich die Hände in den Nacken.

«2002, das war eine Zeit», sagt Lira, «als man einfach irgendwelche Dinge online stellte, ohne sich groß Gedanken über die Konsequenzen zu machen.»

Jens Schmidt verbringt Mitte 2002 einige Wochen in einem Bed and Breakfast in London. Er fühlt sich dort sehr alleine. Also macht er sich auf die Suche nach einem Sexpartner. Und im wilden Internet jener Zeit gibt es durchaus Orte, wo sich diese finden lassen. Doch diese sogenannten Kontaktbörsen, die sind das digitale Pendant zu den Softsexsendungen die spätnachts im Privatfernsehen laufen. Soll heissen: Ihr Angebot ist zwielichtig – und sie ko­s‍ten schnell Geld, richtig viel Geld. Jens Schmidt er­s‍tellt ein Konto auf Gaydar, einem typischer Vertreter dieser Börsen. Nach zehn versendeten Nachrichten wird er informiert, daß seine Kreditkarte ab jetzt bela­s‍tet wird, wenn er weiterflirten will.

Schmidt bricht die Suche ab – und bleibt alleine in seinem Londoner Bed and Breakfast. Zurück in Berlin und gründlich frustriert, gründet Schmidt seine eigene Kontaktbörse. Eine, die nichts ko­s‍tet. Den Code dazu übernimmt er von einer Escort-Plattform. Am 1. Oktober 2002 geht Schmidts Seite online: Gayromeo.com. Erst Jahre später wird sie umbenannt werden, in PlanetRomeo. Das hat praktische Gründe: Das Netzwerk expandiert in Länder, in denen Homosexuelle geächtet oder verfolgt warden – manche darunter blocken bereits das Wort «Gay» sy­s‍tematisch.

Es gibt ein Foto vom er­s‍ten PlanetRomeo-Büro: Ein über­s‍tellter Schreibtisch, irgendwo in Ostberlin. An der Wand hinter dem Bildschirm wirft sich der Fußballer Cri­s‍tiano Ronaldo, oben ohne, ihn Siegerpose. Welten und 13 Jahre trennen diese Kammer von der schicken Firmenzentrale am Am­s‍terdamer Bahnhof.

Trotz Kinderkrankheiten spricht sich die Seite in der Berliner Schwulenszene schnell herum. Ende 2002 hat PlanetRomeo 3000 Mitglieder.

Im Jahr darauf trifft das damals größte Netzwerk, Friend­s‍ter, einen folgenschweren Entscheid. Friend­s‍ter braucht dringend frisches Geld. Ein Übernahmeangebot lehnt Friend­s‍ter ab. Das Netzwerk setzt stattdessen auf Fremdkapital. Investoren kaufen sich mit 53 Millionen Dollar ein; ab jetzt muß die Friend­s‍ter hohe Profite machen, um die Investoren zufriedenzu­s‍tellen.

Und noch etwas Folgenschweres passiert 2003, nur wird es von kaum jemanden wahrgenommen. Weit ab vom Mittelpunkt der Internetwelt, dem amerikanischen Silicon Valley, geht ohne große Fanfaren ein neues Social Network online: MySpace.

Zeitgleich mit Friend­s‍ter steht auch PlanetRomeo vor Geldproblemen. Bis zu dem Punkt ist die Seite in Fronarbeit betrieben worden – mit den steigenden Nutzerzahlen wird das unhaltbar. Anders als Friend­s‍ter will Jens Schmidt, daß sein PlanetRomeo unabhängig bleibt. Die Lösung: ein sogenanntes Freemium-Model. Das heißt, die gängigen Funktionen des Netzwerks lassen sich ko­s‍tenlos und unbegrenzt nutzen. Wer aber einen monatlichen Beitrag zahlt, der bekommt Sonderrechte. Die mei­s‍ten davon sind reine Komfortfunktionen, die den Nutzen der Seite nicht einschränken. So können nur zahlende Nutzer nachverfolgen, wer ihr Profil aufgerufen hat. Eine dieser Zusatzfunktionen aber wird für die PlanetRomeo überlebenswichtig: Wer zahlt, der kann die Nacktbilder anderer Nutzer sehen.

«Diese Nacktbilder», sagt Rogério Lira, «die sind ein roter Faden durch unsere ganze Geschichte. Sie sind der Grund, wieso genügend Nutzer für unseren Service zahlen, damals wie heute.»

Deswegen habe PlanetRomeo nie fremdes Geld annehmen müssen – und sei nie gezwungen gewesen sich für irgendjemanden zu verbiegen. «Wir konnten immer sehr natürlich wachsen», sagt Lira, «maximale Profite waren nie das Ziel». PlanetRomeo schreibt heute schwarze Zahlen. Die Nutzer schätzten, sagt Lira, daß PlanetRomeo nicht jeden Cent aus ihnen herauszupressen versuchte.(Foto-pinterest)

Ganz anders bei Friend­s‍ter: Das Netzwerk bricht in den darauffolgenden Jahren unter der Last der Erwartungen der Investoren zusammen: Serverprobleme, Bugs und willkürliche Wechsel der Nutzerbedingungen vergraulen die Mitglieder. Eine Alternative steht bereit: MySpace. Die Nutzer laufen in Scharen über. Im April 2004 hat Myspace erstmals mehr Nutzer als Friend­s‍ter. Ein gutes Jahr später, im Juli 2005 ist MySpace bei seinem Verkauf 580 Millionen Dollar wert. Friend­s‍ter siecht noch einige Jahre vor sich hin – bis die Betreiber schließlich über Nacht alle Daten löschen.

Der König ist tot, es lebe der König. Vorerst.

Im Schatten von MySpace bricht weltweit ein goldenes Zeitalter der Social Networks an: Googles Orkut erobert erst Brasilien, dann Indien. Die Japaner haben ihr Mixi, die Schweden LunarStorm, StudiVZ dominiert in Deutschland und Youths in der Schweiz, die Engländer und Australier vernetzen sich auf Bebo, die Polen sind auf Grono - und Holland hat Hyves. Aber die Ära währt nicht lange: Denn noch im selben Jahr von MySpaces Siegeszug, geht an der amerikanischen Ostkü­s‍te, in einem Studentenwohnheim der Uni Harvard, die Webseite von Mark Elliot Zuckerberg online. Ein Hobbyprojekt – nur für die Mit­s‍tudenten gedacht: thefacebook.com. Schnell aber wird Facebook zum Schwarzen Loch, das alle Netzwerke aufsaugt, die kein Allein­s‍tellungsmerkmal haben.

Die mei­s‍ten Social Networks dieser Zeit bieten im wesentlichen die gleichen Funktionen. PlanetRomeo ist keine Ausnahme: Wie überall lassen sich damit Nachrichten verschicken, Bilder hochladen, Statusmeldungen schreiben und Profile untereinander verbinden. Daß PlanetRomeo den Auf­s‍tieg von Facebook überlebt habe, sagt Firmensprecher Rogério Lira, habe man einmal mehr den Nacktbildern zu verdanken: «Wir hatten uns damals große Sorgen gemacht, daß uns die Nutzer davonlaufen. Aber wir hatten etwas, das kaum ein Konkurrent hatte: nackte Haut. Die Nutzer blieben.»

Der Preis für PlanetRomeos Überleben folgt postwendend. Wegen seiner Nacktbilder wird der deutsche Jugendschutz auf das Netzwerk aufmerksam.

Am Anfang von PlanetRomeos Flucht vor dem Gesetz steht ein Schulmassaker im ostdeutschen Erfurt. Im April 2002 erschießt dort ein Gymnasiast 16 Menschen und sich selbst. Drei Monate danach beginnt Deutschland seine Jugendschutzgesetze massiv zu verschärfen. Es soll schwieriger werden an Waffen zu kommen, das ist das Ziel. Aber nicht nur: Die neuen Paragraphen richten sich auch gegen andere sogenannt schädliche Einflüsse: Videospiele, Gewaltdar­s‍tellungen und Pornographie.

Letzteres wird für PlanetRomeo zum Problem. Der neue «Jugendmedienschutz- Staatsvertrag» zwingt deutsche Erotikanbieter zu prüfen, ob ihre Kunden volljährig sind – und das im «direkten, persönlichen Kontakt». Einmal registriert, müssen sich die Kunden zudem bei jedem Login eindeutig ausweisen können.

2006 verläßt PlanetRomeo Berlin und zieht nach Am­s‍terdam. Damit fällt es nicht mehr unter den deutschen Jugendschutz und kann weitermachen wie bisher. «Was hätten wir denn sonst tun sollen, wenn wir unsere ausländischen Nutzer nicht verlieren wollten? Ihnen ein EasyJet-Ticket schicken?», fragt Lira. «Das Ganze war lächerlich.»

MySpace, der Netzwerk-König, hat 2006 mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Im Februar, kurz vor PlanetRomeos Gang ins Exil, eröffnet der Staatsanwalt des amerikanischen Bundes­s‍taates Connecticut ein Verfahren gegen MySpace. Der Vorwurf: Das Netzwerk ermögliche Minderjährigen den Zugang zu Pornographie. Zwar werden sich die Parteien nach zähen Verhandlungen einig, aber MySpace verbringt die näch­s‍ten Jahre damit, auf immer neue Anforderungen der Behörden, skandalträchtige Medienberichte und Initiativen von besorgten Eltern zu reagieren. Die ständigen Angriffe ko­s‍ten das Netzwerk enorme Ressourcen – und die fehlen andernorts. MySpace entwickelt sich kaum weiter, wird immer langsamer und fehlerbehafteter.

Facebook bewirbt sich offen als die sichere und pornographiefreie Alternative – MySpaces Nutzer laufen in Scharen über. Gut zwei Jahre nachdem der Staatsanwalt MySpace ins Visier genommen hatte, hat Facebook erstmals mehr Nutzer als MySpace.

Der näch­s‍te Zyklus beginnt.

PlanetRomeo wird unterdessen ein fe­s‍ter Be­s‍tandteil der schwulen Kultur in Europa. Im November 2006 schreibt das Magazin «Der Spiegel» über eine Gay-Bar in Berlin Schöneberg, sie ist voll wie schon lange nicht mehr. «Heute ist der Server von PlanetRomeo zusammengebrochen», sagt der Barkeeper zu dem Spiegel-Reporter, «dann kommen alle aus ihren Löchern.»

Ende 2006 hat PlanetRomeo 400'000 Nutzer. So gut läuft es für das Netzwerk, daß es seine Betreiber völlig verschlafen, als Steve Jobs im Januar 2007 vor staunenden Journali­s‍ten auf einer Bühne in San Francisco ein neuartiges Telefon aus der Tasche zieht.

«Wenn jeden Tag 300'000 neue Nutzer deiner Plattform beitreten», hat ein hochrangiger Manager von MySpace einmal zu Bloomberg.com gesagt, «dann ist es schwierig, sich vorzu­s‍tellen, daß man etwas falsch macht.» Der «Bloomberg»-Artikel mit dem Manager-Zitat erscheint im Juni 2011. Es ist ein Nachruf auf MySpace – zu der Zeit bereits abgerutscht in die Bedeutungslosigkeit. Vergangene Woche wurde übrigens bekannt, daß Time Inc. Viant, die MySpace-Mutterfirma, übernehmen möchte. Das Medienecho hielt sich in Grenzen.

Erfolg macht träge, die Betreiber von PlanetRomeo genauso wie jene von MySpace. Die er­s‍ten zehn Jahre ging es für PlanetRomeo stetig aufwärts. Die Seite ist, zumindest in Europa, unangefochten das wichtig­s‍te Social Network für Schwule. Dann tritt Apples iPhone eine Revolution los. Die Menschen verbringen immer mehr Zeit mit ihrem Smartphone – und immer weniger vor ihren Computern. Im Juli 2008 geht Apples Store für mobile Apps online. Obwohl es relativ einfach und gün­s‍tig ist solche Apps zu entwickeln, läßt es PlanetRomeo bleiben. Auch, weil man nicht zurück ans Gängelband will. Denn in den App Stores von Apple – und später Google – herrschen strenge Regeln: Ist die App anzüglich, wird sie schnell geblockt. Dem deutschen Jugendschutz entgangen und sich nun dem amerikanischen Puritanismus unterzuordnen, das scheint keine Option. Stattdessen setzt man auf eine mobile Version der Webseite, die über den Smartphone-Browser aufgerufen werden kann. Die Seite ist um­s‍tändlich zu bedienen und viele Funktionen lassen sich damit gar nicht erst nutzen.

Davon profitiert Grindr, eine Art PlanetRomeo auf Speed.

Grindr versus PlanetRomeo

Grindr taucht 2009 in Apples App Store auf – von Anfang an nur als App, eine Webseite gibt es nicht Öffnet man Grindr, sieht man eine Li­s‍te mit Grindr-Nutzern in der Nähe: je weiter weg, de­s‍to weiter unten in der Li­s‍te. PlanetRomeos Profile haben Tiefe. Die Nutzer können fast alles von sich preisgeben: Interessen, ob sie eher schüchtern oder forsch sind, ob sie lieber Asiatisch oder Griechisch essen. Die Infos in Grindr-Profilen sind hingegen aufs nötig­s‍te reduziert: Ein Bild, ein Profiltext, der nicht länger sein darf als dieser Satz, Alter, Größe, Ethnie und Gewicht. Ein Fleischmarkt.

Bis anhin war PlanetRomeo die sexy Alternative zu den anderen Social Networks. Grindr macht diesen Vorteil zunichte. PlanetRomeo wirkt überladen und ange­s‍taubt im Vergleich zum schlanken, fokussierten Konkurrenten. Als PlanetRomeo endlich reagiert und – nach fast drei Jahren freies Feld für Grindr – eine eigene App herausbringt, ist es beinahe zu spät. 2012 hat Grindr viermal so viele Nutzer wie PlanetRomeo und dominiert auf dem Smartphone.

Die Geschichte der Social Networks, sie ist ein immerwährender Zyklus von Auf­s‍tieg und Fall. Am Tag, an dem diese Zeilen geschrieben werden, hat gerade Twitter den bisher absoluten Tiefpunkt an der Börse erreicht. Übernahmegerüchte machen die Runde. Und Facebooks Nutzerzahl schrumpft in vielen Ländern erstmals, nach Jahren in denen es nur aufwärts ging.

PlanetRomeo hat Grindrs Auf­s‍tieg überlebt, aber es hat nicht mehr dieselbe Strahlkraft wie früher. Das wird für jeden sichtbar, der an einer Schwulenparty den Feiernden aufs Smartphone guckt. Statt PlanetRomeos Blautönen überall Gelb, Grindrs Grundfarbe.

«Mit diesem Ding hier», sagt Rogério Lira und zeigt auf seine Apple Watch, «damit verarbeiten wir unser App-Trauma.» PlanetRomeo hat eine App für die Smartwatch herausgebracht – Grindr läßt noch immer auf sich warten.

«Wir wollen die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen», sagt Lira.

Gerade arbeiten Programmierer in Berlin und Am­s‍terdam an einer komplett neuen Webseite. PlanetRomeos Codebasis ist heute immer noch jene von 2002. Es hat sich über die Jahre viel Ballast angesammelt: nutzlose Verlinkungen, alte Module – firmenintern spricht man von einer «Shitload of Spaghetti Code». Die muß weg. Aber wichtiger noch ist die neue Oberfläche der Seite: Sie soll aufgeräumter werden, fokussierter, ein bißchen wie Grindr. Gleichzeitig, sagt Lira, soll PlanetRomeo seine Identität behalten.

Was ist PlanetRomeo? Es ist eine Webseite, auf der sich schwule Männer zum Kaffee verabreden, Sex optional. Es ist ein Netzwerk, in dem schwule Wandergruppen ihre Ausflüge planen, Zugezogene das Umfeld einer neuen Stadt kennenlernen und Mittzwanziger Fetisch-Partys organisieren. Es ist eine Firma, die sich für Schwulenrechte einsetzt und die mit den Zensoren von Apple und Google Katz und Maus spielt. Es ist ein schickes Büro im Herzen von Am­s‍terdam, finanziert von Männern die Nacktbilder sehen wollen.

PlanetRomeo, sagt Lira, habe genau wie die Schwulen-Community als Ganzes eine gewisse Unschärfe. Online wie offline verliefen die Grenzen zwischen Freundschaft, Sex und Liebe fliessend. «Als ich nach Am­s‍terdam gezogen bin, habe ich auf PlanetRomeo einen Mann getroffen», sagt Lira. Die beiden hätten Sex gehabt. «Dann habe ich mir ein Haus gekauft, und er kam extra vorbei, um mir mit dem Notar und den Papieren zu helfen.» Heute seien sie be­s‍te Freunde.

Was ist PlanetRomeo?

Die Antwort, sie liegt im Code. Du willst zu PlanetRomeo? Dann einfach die Bilder anklicken!
The answer, it is in the code. Do you want PlanetRomeo? Just click on the pictures!

(Oliver Fuchs-NZZ.ch)

Der schwulste, äh, schönste Junge aus der DDR. Oder Homosexualität in Ost – Berlin

Die Prinzen haben einmal von dem schönsten Jungen aus der DDR gesungen, zu diesem Zeitpunkt nannten sie sich noch die Herzbuben. Interpretiert dann wie letzte Woche auf dem Frühjahrskonzert des Berliner Chorverbandes auch noch ein Schwulen-Chor dieses Lied mit Texten über den schönsten Tarzan-Muskelmann, den auch die Jungs nicht mehr in Ruh lassen und nicht nur deren Blicke hart werden, dann ist das nicht nur sehr amüsant, sondern regt eine reife Kopflastige wie mich mindestens zum Grübeln an. Ja, wo gingen denn die schönen, schwulen Männer in der DDR eigentlich aus? Bisher habe ich nur von den West-Berliner Entwicklungen des schwulen Ausgehangebots während der Teilung Deutschlands berichtet, beispielsweise über die Entwicklung Schönebergs und noch einiger Bereiche in Kreuzberg und Neukölln. Aber wie sah diese Entwicklung in der DDR und vor allem in Ost-Berlin aus?

Das Gesetz gegen Homosexualität (§175) wurde in der DDR bereits 1957 zumindest eine Zeit lang dadurch entkräftet, dass eine Strafverfolgung von Männern nur dann vorgesehen war, wenn sich aus der sogenannten Unzucht zwischen Männern eine Gefahr für die sozialistische Gesellschaft ergeben hätte: Gerichtsverfahren wurden in der Regel wegen Geringfügigkeit eingestellt. Neben dieser Entkräftigung wurde jedoch 1968 in der DDR der §151 in Kraft gesetzt, der mit einem niedrigerem Strafmaß als der §175 die sexuellen Handlungen zwischen einem Erwachsenen und gleichgeschlechtlichen Jugendlichen unter 18 Jahren untersagte – und zwar für Männer und für Frauen.  Diese faktische Lücke von fast 11 Jahren erscheint zumindest erst einmal im Vergleich zur BRD fortschrittlicher, wobei der Rückschritt mit dem §151 wiederum gegen die Gleichberechtigung Homosexueller spricht.  Zumindest wurden Lesben und Schwule in der DDR ab 1968 gleich behandelt und hatten im Gegensatz zum Schutzalter von 21 Jahren für männliche Jugendliche in der BRD bis in das Jahr 1973 einen geringfügig gerechteren Ansatz. 1988 strich die DDR den §151 und glich somit das Schutzalter für sexuelle Handlungen dem von Heterosexuellen an, nämlich an das Alter von 14 Jahren – soweit zumindest eine Gleichberechtigung auf gesetzlicher Ebene. In der BRD bzw. in den alten Bundesländern bestand der Schutzaltersunterschied jedoch noch fort. Erst 1994 wurde der §175 im vereinten Deutschland restlos gestrichen. Im Vergleich kann man vielleicht sagen, dass die Gesetze in der DDR liberaler waren und früher einer Gleichberechtigung von Homosexuellen entsprachen als in der BRD. Der Unterschied zwischen DDR und BRD erscheint aber nur marginal. Wie aber sah die Rechtsprechung und Rechtspflege die §§ 151 und 175 betreffend und überhaupt das Leben als Homosexueller in der DDR aus?

Was in der BRD die rosa Listen waren, auf denen tatsächlich oder vermeintliche Schwule katalogisiert wurden, war in der DDR die Überprüfung und Bespitzelung der Homosexuellen durch die Staatssicherheitsbehörde (Stasi). Dieser Terror durch die Staatskontrolle führte zu einem Versteckspiel der DDR-Homos mit den Behörden und zu heimlichen Begegnungen in öffentlichen Toiletten und in Parks, wie dem Berliner Friedrichshain. Und trotz dieser Einschränkungen gab es wie in West-Berlin im Osten die ein oder andere Schwulenbar, die sich aber im Gegensatz zu den Bars im West-Teil scheinbar nicht hinter einer geschlossenen Tür mit Gesichtskontrolle verstecken mussten.

Foto-Out in Ost-Berlin

Die meisten Bars waren in Prenzlauer Berg angesiedelt wie das Café Schönhauser, Café Senefelder, zum Burgfrieden, die Schoppen­s‍tube oder die Besenkammer am Alexander Platz. Besonders die Schoppen­s‍tube, angeblich die älteste Berliner Schwulenbar, in der Nähe der heutigen Currybude Konnopke an der Schönhauser Allee muss Berichten zufolge legendär gewesen zu sein und eine starke Entwicklung mit gemacht haben. Ein bekannter Anlaufpunkt für Schwule, in dem der körperliche Kontakt zumindest in den 60er Jahren noch stark untersagt war, war diese Stube, in der man sein Glas Bier oder den Schoppenwein genießen konnte. Ende der 80er Jahre diente die Bar sogar als Filmkulisse für den DDR Film „Coming out“. Anfang des neuen Jahrhunderts wurde diese Kneipe geschlossen. Von all diesen alten Ost-Berliner Kneipen gibt es heute nur noch die Besenkammer am Alex: In dieser kleinen Kneipe kann man sowohl als Homo oder Hetero ein Bierchen trinken und sich nett mit dem alten Inventar unterhalten. Das Interieur ist vermutlich nicht jedermanns Sache.  Im Gegensatz zu den Ost-Bars gibt es im Westteil Berlins noch immer viele der damaligen Etablissements. Erstaunlich ist, dass sich trotz der Trennung durch die Mauer in beiden Stadthälften ähnliche Entwicklungen abgespielt haben. Vielleicht war auch gerade die Teilung und Wiedervereinigung ein Katalysator für die Entwicklung der Gleichberechtigung der Homosexuellen und der Freiheit, die man heute in Berlin nicht missen möchte.( vonbambiszeen.wordpress.com)


Mehr zur Geschichte von schwulen und Lesben von Queer`s in der DDR in diesen beiden Filmen, die nicht nur ein Zeitdokument sind, sondern besonders für jungen LGBTIQ eine Fundgrube an Informationen enthalten. Einfach die Bilder in den Artikeln anklicken.

Coming OUT – Das berührende Filmdrama in qualitativ hochwertiger HD-Neuabtastung auf DVD

Der junge Lehrer Philipp (Matthias Freihof) geht zunächst zaghaft eine Beziehung zu seiner Kollegin Tanja (Dagmar Manzel) ein, aus der schnell eine große Liebe zu erwachsen scheint. Ein zufälliges Zusammentreffen mit seinem Schulfreund Jacob zerstört die scheinbaren neuen Gewissheiten und erinnert Philipp schmerzhaft an die scheinbar erfolgreich verdrängten Zweifel an seiner sexuellen Orientierung. In einer Schwulenbar trifft er auf den 20-jährigen Matthias, dessen Coming out nur kurze Zeit zurückliegt. Philipp und Matthias fühlen sich auf Anhieb zueinander hingezogen - doch Philipp scheut (nicht zuletzt wegen seines Berufes) die Konsequenzen ...

Heiner Carow (1929-1997) drehte den dank hervorragender Schauspielerlei­s‍tungen noch heute berührenden Film nach einem Drehbuch von Wolfram Witt, das stark autobiographisch geprägt war. Carow musste sieben Jahre um den Film kämpfen, denn obwohl die DDR hinsichtlich der bereits 1968 erfolgten Streichung des Paragraphen 175 deutlich liberaler als die Bundesrepublik war, wurde das Thema Homosexualität bis Mitte der 1980-er Jahre weitgehend tabuisiert. Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass die langfristig geplante Premiere von COMING OUT im Berliner Filmtheater International ausgerechnet am 9. November 1989 stattfand. In der allgemeinen Euphorie anlässlich Maueröffnung und den nachfolgenden Wirren der Wendezeit fand der Film nicht die Aufmerksamkeit, die ihm sonst sicher gewesen wäre.

Das "Coming out" einer ganzen Gesellschaft überlagerte das dramatisierte Einzelschicksal.

Neben sehenswerten Aufnahmen vom Ostberlin des Jahres 1989 setzt COMING OUT auch den teils nicht mehr existenten Orten der Ostberliner Szene ein Denkmal. In einer Gastrolle ist Lothar Berfelde (1928-2002) zu sehen, der als Transve­s‍tit Charlotte von Mahlsdorf zur DDR-Legende wurde. An Tabus rührten auch die Szenen von Skinhead-Gewalt gegen Ausländer in der S-Bahn vor dem Hintergrund der Station Marx-Engels-Platz und die Schwulen-Schläger in den endlosen Tunneln des U-Bahnhofs Alexanderplatz.

ICESTORM legt den in HD neu abgetasteten Film in hervorragender Bild- und Tonqualität sowie im korrekten Bildformat vor - eine beachtliche Steigerung zur 2001 erfolgten Erstveröffentlichung. Als Extra sind ein Interview mit Mathias Freihof (2001, 18 min, Englisch mit deutschen Untertiteln), Ausschnitte aus dem Zeitzeugen-Gespräch mit Dagmar Manzel (2014, 20 min) und der Original-Kinotrailer enthalten. Optional sind englische Untertitel verfügbar. Ein Wendecover ohne FSK-Logo ist vorhanden.

Wie es war, als schwules Kind in einem DDR-Dorf aufzuwachsen

"Im Klassenzimmer stand eine einzelne Bank, wo ich alleine sitzen musste. Die Lehrerin stellte einen Antrag, mich in ein Heim zu stecken."

Immer, wenn er an sich zweifelt, schaut Daniel Schreiber auf sein rechtes Handgelenk. Dort hat er sich das Wort "Grace" tätowieren lassen – Anmut. Dann denkt er: Das Leben ist schön. 

Es hat lange gedauert, bis er gelernt hat, sich selbst zu lieben. Schuld daran sind auch die Erlebnisse seiner Kindheit. Er wuchs in den 70er und 80er Jahren in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern auf. Damals zog sich eine Mauer durch Deutschland und auch durch die Köpfe. Jungen sollten mit Autos spielen und sich in Mädchen verlieben. 

"In Amerika gibt es das Sprichwort, dass es eines ganzen Dorfes bedürfe, um ein Kind zu erziehen. Es braucht aber auch ein ganzes Dorf, um ein Kind zu misshandeln", schreibt Schreiber in seinem neuen Buch Zuhause über diese Zeit. Daraufhin begibt er sich auf die Suche nach der Frage, die sich jeder irgendwann stellt: Wo gehöre ich hin?

Neben einer Biografie der amerikanischen Schriftstellerin Susan Sontag hat der 39-Jährige zuvor auch den Bestseller Nüchtern verfasst, in dem er über seinen Weg aus der Alkoholabhängigkeit schreibt.

Im Interview mit VICE erzählt er, wie es war, als Schwuler in der DDR aufzuwachsen, und wie er sich fühlt, wenn er heute sein Heimatdorf besucht. (Mehr zum Buch-wenn du das Bild anklickst)


VICE: Was hat dich von anderen Jungen im Dorf unterschieden?
Daniel Schreiber:
 Ich war ein feminin wirkender Junge und wollte eigentlich lieber ein Mädchen sein. Mit meiner älteren Schwester habe ich viel Zeit verbracht und fand auch ihr Spielzeug besser. Bis heute mag ich keine Autos.

Das war ein Problem.
Jedenfalls bekam ich das zu spüren. Kindergärtnerinnen sagten zu mir, dass ich mich doch lieber wie ein Junge verhalten solle. Sie haben geglaubt, dass ich zu viele weibliche Hormone habe. Das ist etwas, das heute komplett unvorstellbar klingt. Sie haben mich tatsächlich zu einer Reihe von Ärzten geschickt, die mich testen sollten.

Und?
Meinst du die Frage ernst? Sie fanden nichts Ungewöhnliches ...

Dann bist du in die Schule gekommen.
Ich hatte das Pech, in eine Grundschulklasse mit einer ziemlich sadistischen Lehrerin zu kommen. Anderen Kindern hat sie gesagt, sie dürften nicht mit mir reden, da ich "nicht normal" sei. Im Klassenzimmer stand eine einzelne Bank, wo ich alleine sitzen musste. Dann hat die Lehrerin einen Antrag gestellt, mich in ein Heim zu stecken. Meine Eltern mussten lange kämpfen, um das zu verhindern. Später kam heraus, dass diese Lehrerin in der Stasi war.

Hattest du selbst das Gefühl, "anders" zu sein?
Zunächst nicht. Man nimmt als Kind ja vor allem war, dass andere Menschen einen als anders ansehen. Man versteht selbst nicht, was an einem denn so anders sein soll.

Wann wusstest du, dass du schwul bist?
Ich hatte als Kind irgendwann eine Ahnung davon, konnte das aber lange nicht in Worte fassen. Und ich wusste auch nicht, was das sein soll: "schwul". Wie findet man die richtigen Worte? Nicht nur, um es anderen zu sagen, sondern auch zu sich selbst. Meinen beiden besten Freundinnen habe ich es gesagt, als ich 14 war. Vor meinen Eltern hatte ich mein Coming-out mit 19.

Wie haben deine Eltern reagiert?
Sie waren absolut nicht überrascht. Ich glaube, dass sie sich zu dem Zeitpunkt schon damit abgefunden hatten – auch wenn sie damals nicht so selbstverständlich damit umgegangen sind wie heute. Wenn mittlerweile jemand was gegen Schwule oder Lesben sagt, dann halten sie dagegen.

Die DDR war ein Staat, der Freiheit gepredigt, aber seine Bürger hinter einer Mauer eingesperrt hat. Wie war das beim Thema Homosexualität?
Homosexualität stand bis 1968 unter Strafe und danach hielt man sie für eine psychische Krankheit. Selbst die Weltgesundheitsorganisation hat sie ja erst 1992 von ihrer Liste der Krankheiten gestrichen. Es gab keine wirkliche Schwulenbewegung in der DDR. Die meisten Menschen verhielten sich herablassend gegenüber Schwulen und Lesben. Die Stasi beobachtete schwule Männer. Viele von ihnen wurden drangsaliert, weil sie nicht ins System passten.

Wie hat dich diese Zeit geprägt?
Man selbst kann so etwas immer schlecht beantworten. Aber ich kann sagen, dass ich wie viele andere queere Menschen auch lange einen ausgeprägten Selbsthass gespürt habe. Das ist eine direkte Folge einer solchen Zuhauselosigkeit oder Ausgrenzung als Kind. Es gibt Studien, die eine große Gesundheitslücke zwischen heterosexuellen und schwulen Männern zeigen: dreimal so viele Suizide, psychische Krankheiten, Depressionen und Abhängigkeitserkrankungen. Ich selbst habe elf Jahre lang Psychoanalyse gemacht und mich viel mit mir auseinandersetzen müssen. Ich weiß nicht, wer ich wäre, hätte ich das nicht getan. Irgendwann ist man wohl auch für schlimme Erfahrungen dankbar.

Wie denkst du heute über die DDR?
Viele meiner Freunde haben positive Erinnerungen an die DDR, die ich nicht habe. Man vergisst, dass Kinder in der DDR immer ein Objekt staatlicher Umerziehungsmaßnahmen waren, die oft mit großer Grausamkeit durchgesetzt wurden. Das reichte von Wehrunterricht bis zu Jugendwerkhöfen. Es gibt einige Menschen, die sich nostalgisch an jene Zeit erinnern. Und sie haben bestimmt auch ihre Gründe, aber dafür müssen sie extreme Missstände außer Acht lassen.

In deinem neuen Buch erzählst du von deinen Erfahrungen in der DDR. Warum?
Es geht darum, was die Idee von Zuhause für uns heute noch sein kann. Das Kapitel über meine Kindheit habe ich eingefügt, weil ich auch ein Gefühl von Zuhauselosigkeit beschreiben wollte, dass viele Schwule, Lesben und Transgender haben. Die meisten hatten ähnliche Erfahrungen wie ich. Man bekommt zu spüren: Du gehörst hier nicht hin. Du hast kein Recht zu reden, kein Recht zu existieren. Das beschäftigt einen ewig. Wer solche Erfahrungen nicht gemacht hat, kann das nur schwer nachvollziehen. "Habt euch doch nicht so!", heißt es dann.

Was ist das Problem an solchen Aussagen?
Wir leben in einer Welt, in der es scheint, als sei alles in Ordnung. Das ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil: Wir sehen, dass wieder offen gegen Homosexuelle und Transgender gehetzt wird. Eine Sache, von der viele denken, sie sei beständig, sind die Rechte, die wir uns erkämpft haben – Schwule, Lesben, Transgender und auch Frauen. Gerade erleben wir, wie schnell sie uns wieder weggenommen werden können. Man braucht nur nach Russland zu gucken und nach Amerika. Wir müssen diese Rechte mit allen Mitteln verteidigen.

Deine Eltern leben immer noch in dem Dorf, in dem du aufgewachsen bist. Wie ist das für dich, wenn du sie besuchst?
Würden sie nicht dort wohnen, würde ich nicht hinfahren. Ich habe sie sehr gern und versuche, sie einmal im Monat zu besuchen. Aber ich habe jedes Mal, wenn ich dann anderen Menschen begegne, ein unwohles Gefühl. (Johannes Musial-vice.com)

(Mehr zu diesem Film, wenn du das Bild anklickst)



Queere Geschichte die wir nie Vergessen sollten!

Die Liebe zu einem Mann wurde Gottfried Lorenz in den 60er Jahren in Saarbrücken fast zum Verhängnis. Der Wissenschaftler arbeitete mit am Gesetz das Schwule rehabilitieren soll.

Seine Lust - sie hätte den Historiker und Autor Gottfried Lorenz fast ums Leben gebracht. Nach diesem Abend im Jahre 1965, als er mit einem anderen Mann im Wald am Saarbrücker Rotenbühl stand. Sich ihm im Schutze der Dunkelheit näherte, um Liebe zu machen.

Doch der Fremde führte ganz anderes mit dem 25-jährigen Studenten Lorenz ihm Schilde. Trieb ihn in die Enge. Hinterhältig wollte der Räuber an Geld gelangen. Drohte damit, auszupacken, die intim­s‍ten Geheimnisse an die Öffentlichkeit zu bringen. Es sei denn, das Opfer war gewillt, auf die Forderung einzugehen: dem Gang­s‍ter die Geldbörse aushändigen, mit allen Papieren.

Der junge Mann von damals hatte seinen Peiniger kurz zuvor am Hauptbahnhof kennen­gelernt. Eine flüchtige Bekanntschaft, bei der es im Normalfall wohl auch geblieben wäre. Denn: "Dort war eine Klappe", erklärt er. "Das ist eine öffentliche Toilette, die gleichgeschlechtlich begehrenden Männern als Treffpunkt, Anbahnungsort und gegebenenfalls auch als Ort sexueller Handlungen und Kontakte diente", definiert er politisch korrekt einen Begriff aus dem Szene-Jargon. "Eine übliche Form, sich für anonymen Sex zu verabreden, die ich nicht liebte." Doch in den 60er Jahren seien Treffen an solchen Orten gang und gäbe gewesen, weil offiziell verboten. Ein heimliches Spiel. Der Staat drängte Schwule in die Anonymität.

In dem kleinen Wald­s‍tück angekommen, geriet Lorenz mächtig unter Druck. Vordergründig waren es beileibe nicht die materiellen Werte, deren Verlust ihm Sorgen bereiteten. Viel gravierender: Er fürchtete all die negativen Konsequenzen, die ihn erwarten, sollte sein bis dahin gut­gehütetes Geheimnis ans Tageslicht gelangen: sein Schwulsein.

Gottfried Lorenz war bewußt: Viele Homosexuelle waren seinerzeit wegen ihrer Sexualität von Staats wegen Repressionen ausgesetzt, wurden sogar weggesperrt. Weil in der Bundesrepublik nicht geduldet wurde, was Schwule wie Heterosexuelle tun: sich lieben und begehren.

In dieser beklemmenden Situation zeigte sich der junge Lorenz aber alles andere als hilflos, wußte sich sehr wohl zu wehren - war er bis dahin überzeugt. Statt im Verborgenen dem Übeltäter klammheimlich nachzugeben, quasi Schweigegeld zu löhnen, schrie der Attackierte los. Passanten wurden auf das Verbrechen aufmerksam, das sich dort soeben abspielte. Umgehend alarmierten sie die Polizei.

Doch damit begann genau das, wovor Lorenz am mei­s‍ten Angst hatte: Der Spieß wurde umgedreht. Plötzlich stand der Erpreßte im Visier der Fahnder, wurde das Opfer zum Tatverdächtigen. Einziger Grund: seine Homosexualität. Das machte ihn zu einer anrüchigen Gestalt. Zu einem potentiellen Gesetzesbrecher. Denn Schwulsein wurde strafrechtlich geahndet. Gleichgeschlechtlicher Sex unter Männern war verboten. Bis in die 90er Jahre hinein. So lange behielt der in seiner Urfassung aus der Kaiserzeit stammende Paragraph 175 im Strafgesetzbuch seine Gültigkeit.

Anders als viele leidgeprüfte Gleichgesinnte hatte Lorenz Glück: Das Verfahren gegen ihn wurde einge­s‍tellt. Es dauerte nur wenige Wochen, bis ihn die Mitteilung des Amtes erreichte. Doch diese Zeit der Ungewissheit zog sich für den Studenten wie eine Ewigkeit hin. "Damals spielte ich mit Selbstmordgedanken", sagt Lorenz. Doch eine gute Freundin, die um seine Männerliebe wusste, stand zu ihm, gab den nötigen Rückhalt.

Von jetzt auf gleich hätte es schon zu Beginn das berufliche Ende für den heute 77-Jährigen bedeuten können. Wie es so vielen schwulen Männern erging. Nichts wäre es gewesen mit dem angestrebten Beruf. Nichts mit dem Doktortitel in Neuerer Geschichte. Ein jähes Karriereende mit 25 Jahren. "Alles wäre flöten gegangen", ist Lorenz überzeugt. Durch eine gesellschaftliche Ächtung. Ob verurteilt oder nicht, spielte da keine Rolle. Und das alles nur, weil er Männer liebt.

Tausende Schwule sollen nun rehabilitiert werden. Der pensionierte Studiendirektor Lorenz, der als Autor mit zahlreichen Publikationen zur Geschichte der Homosexuellen in Deutschland als Fachmann gilt, arbeitete an dem entsprechenden Gesetzentwurf mit. Danach werden Männer, die in der Bundesrepublik auf Grund ihrer Homosexualität verurteilt wurden, als Opfer anerkannt. Darüber hinaus ist eine finanzielle Entschädigung vorgesehen. Jeder in der Bundesrepublik verurteilte Homosexuelle soll 3000 Euro pro Urteil plus 1500 Euro je angefangenes Haft Jahr als Entschädigung erhalten. Damit würde die Regierung erstmals höchstrichterliche Entscheidungen der Bundesrepublik als Unrecht anerkennen.

Viele betroffene Homosexuelle in Deutschland sind mittlerweile greise Herren und leiden bis heute unter den Folgen der Gerichtsverfahren und Urteile. Konnten nicht in ihrem Wunschberuf arbeiten, sind teils auf staatliche Stütze angewiesen. Abgesehen von den seelischen Folgen..

Lorenz, der seine Studentenbude in Dudweiler hatte, kannte seinerzeit weitere "öffentliche Bedürfnisanstalten", die als Schwulentreffs galten, unter anderem in Saarbrücken am St. Johanner Markt und gegenüber der Bergbaudirektion, wo er, ohne Aufsehen zu erregen, andere Männer traf. Dabei wurden so gut wie nie Adressen ausgetauscht, bekundet er. Denn solche Plätze seien auch Denunzianten bekannt gewesen, die Homos, wie sie abschätzig genannt wurden, ans Messer liefern wollten. Das machte die schwule Szene vorsichtig, ließ auch untereinander Skepsis walten.

So wie an jenem schicksalsträchtigen Tag im Jahre 1965, als er "für einvernehmlichen Sex" unter freiem Himmel, wie Lorenz es nennt, mit dem Erpresser in den besagten Forst wechselte. "Dazu ist es aber nicht gekommen", versichert er. Denn der Fremde habe ihn umgehend bedroht. Bares abdrücken zu müssen, das beschäftigte den Studenten Lorenz in jenem Moment am wenigsten. Es war seine Adresse im Portemonnaie, die er um nichts in der Welt preisgeben wollte. Damit hätte ihn der Täter dauerhaft in der Hand gehabt, auch künftig drangsalieren können, ist Lorenz überzeugt. Seine damals unter Strafe stehende Homosexualität hätte der Erpresser so an die große Glocke hängen können.

Das habe dann die Polizei zumindest in Ansätzen fertiggebracht, berichtet Lorenz. Demnach führten die Ermittlungen gegen ihn dazu, dass seine Mutter davon erfuhr, im weit entfernten Wuppertal. "Die Polizei hat für mein Coming-out in der Familie gesorgt." Die Homosexualität ihres Sohnes zu akzeptieren, damit habe sie sich schwergetan, erinnert sich Lorenz. "Sie war sehr skeptisch als ehemalige Fürsorgerin in der NS-Zeit", versucht er Verständnis für ihre durch die braune Vergangenheit geprägte Haltung als Jugendsozialarbeiterin aufzubringen. Später sei sie, durch Zuspruch seiner Großmutter, entspannter mit der Situation umgegangen.

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Viele, die sich ihrem Umfeld offenbaren wollen, tun sich auch 2017 noch schwer. Davon ist der schwule Fachautor Gottfried Lorenz überzeugt. "Es ist heute nicht einfacher, sich zu outen, sich zu seiner Sexualität zu bekennen, als früher." Noch immer gebe es Ressentiments, die Männer davor zurückschrecken lassen. Als Student hatte Lorenz in den 60er Jahren, als Sex unter Homosexuellen unter Strafe stand, nur einige wenige Freunde eingeweiht. Und auch heute "trage ich mein Schwul sein nicht wie eine Monstranz vor mir her", da er nicht über seine Sexualität definiert werden will. Saarländer seien in dieser Hinsicht gewiss nicht toleranter als Menschen anderer Regionen.

Lorenz ging seinen Weg, so wie er ihn damals vorgesehen hatte. "Ich konnte weiter­s‍tudieren", berichtet Lorenz. Sein Professor, der an der Saarbrücker Uni für seine Promotion verantwortlich war, erfuhr 1965 und auch danach nichts von alledem. "Er war ein konservativer Mann. Das hätte für mich den Schlussstrich bedeuten können", ist Lorenz überzeugt.

Die Erleichterung über den glimpflichen Ausgang: Sie war immens. Groll auf das, was ihm damals widerfuhr? Nein, den habe er nicht. Kein Deut des Zorns auf Polizei und Justiz. Er habe letztlich ja nicht unter den Folgen des absurden Gesetzes gelitten, wonach Schwul sein unbedingt zu bestrafen sei. Obwohl die Natur des Menschen nach allen medizinwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zu beeinflussen ist.

Und was wurde aus der Erpressung? "Davon habe ich nie mehr etwas gehört. Es war mir dann auch egal. Ich war froh, dass ich es überstanden hatte. „Der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches (StGB) stellte Sex zwischen Männern unter Strafe. Die Urfassung des Verbotes stammte von 1871 als Abschnitt im Strafgesetzbuch des Deutschen Reiches. Verstöße endeten für viele verurteilte Homosexuelle im Gefängnis. Die Nationalsozialisten setzten die Höchststrafe ab 1935 von sechs Monate auf fünf Jahre herauf. Lesbische Beziehungen waren hingegen nicht explizit erwähnt. In der DDR galt zunächst der Paragraph 175 in der Fassung des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Seit Mitte der 50er wurde er de facto kaum noch angewandt, obwohl er erst 1968 aus dem Strafgesetzbuch der DDR verschwand. In der Bundesrepublik galt der im Dritten Reich verschärfte Gesetzestext noch bis 1969 weiter. 1973 stand eine zweite Novelle an. Danach war schwuler Sex mit Jugendlichen unter 18 Jahren verboten sowie heterosexuelle und lesbische Handlungen unter 14 Jahren. Erst 1994 fiel der bundesdeutsche Paragraph weg. Urteile aus der NS-Zeit wurden 2002 aufgehoben. Jetzt sollen auch jene Männer rehabilitiert werden, die nach 1945 auf Grundlage des Schwulen-Paragraphen verurteilt wurden. Etwa 5000 Männer betrifft dies nach Schätzungen von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD),  (Saarbrücker Zeitung, Matthias Zimmermann)