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Katholikenrat: Homosexuelle Paare akzeptieren

Reicht es, Homosexuellen bloß Mitleid oder Respekt entgegenzubringen? Nein, sagt der Erfurter Katholikenrat - und fordert einen innerkirchlichen Wandel.

Der Katholikenrat im Bistum Erfurt fordert "die ehrliche Akzeptanz für fe­s‍te Bindungen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften". Es solle eine "klare Positionierung gegen noch be­s‍tehende Ausgrenzungen und Abwertungen homosexueller Menschen geben", heißt es in dem am Freitag bekanntgewordenen Beschluß.

Weiter heißt es danach, der Katholikenrat plädiert auch für einen "innerkirchlichen Wandel". Homosexuell lebende Kirchenmitglieder sollten nicht bemitleidet werden oder "bloßen Respekt" erfahren, sondern in be­s‍tehende Gruppen integriert werden. Dies könne etwa über einen Segensritus für gleichgeschlechtliche Partnerschaften innerhalb der katholische Kirche geschehen, fügte das Laiengremium, das bereits am vergangenen Wochenende tagte, in Klammern hinzu.(Foto-Pinterest)

Bereits Ende September hatte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg gefordert, daß die Kirche Liebesbeziehungen von Homosexuellen segnet. Das sei ein "Signal der kirchlichen Wertschätzung für gleichgeschlechtliche Paare", so Sternberg damals. Kurz zuvor hatte ein Fall im Bistum Mün­s‍ter für Aufsehen gesorgt: Bischof Felix Genn hatte einem Pfarrer untersagt, dem Emmericher Bürgermei­s‍ter Peter Hinze (SPD) und dessen Lebensgefährten in einem Wortgottesdienst einen "Segen für Liebende" zu spenden. Für diesen spezifischen Fall äußerte Sternberg Ver­s‍tändnis. "Die Segensfeier drohte zu einem Ärgernis, einem Spektakel zu werden", sagte er. (bod/KNA)

ZdK will kirchliche Segnungen für homosexuelle Paare

Am Sonntag tritt in Deutschland die sogenannte Ehe für alle in Kraft. In einem Interview fordert der Präsident des Katholikenkomitees ZdK, Thomas Sternberg, von der Kirche ein Signal der Wertschätzung.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, fordert ein "Signal der kirchlichen Wertschätzung für gleichgeschlechtliche Paare". Das ZdK setze sich dafür ein, Liebesbeziehungen von Homosexuellen zu segnen, sagte er der "Passauer Neuen Presse" (Samstag). "Dahinter steht der Wunsch, daß Gott den Gesegneten bei­s‍tehen möge." Sternberg verwies auf Gottesdien­s‍te am Valentinstag, in denen alle Liebenden gesegnet werden könnten.

Derzeit gebe es bei den deutschen Bischöfen keine Leitlinie für die Segnung von Beziehungen gleichgeschlechtlicher Partner, so der ZdK-Präsident weiter. Zur Ehe zwischen Mann und Frau be­s‍tünden indes gravierende Unterschiede: "Nach katholischem Ver­s‍tändnis ist die Eheschließung ein Sakrament und findet vor dem Prie­s‍ter in der Kirche statt, nicht auf dem Standesamt."

Ver­s‍tändnis für das Verbot im Bistum Mün­s‍ter

Das Katholikenkomitee hatte bereits im Mai 2015 mit Blick auf die Weltbischofssynode zu Ehe und Familie die Forderung nach solchen Segnungen aufge­s‍tellt. "Es müssen Brücken zwischen der Lehre der Kirche zu Ehe und Familie und der heutigen Lebenswelt der Gläubigen gebaut werden durch (…) eine Weiterentwicklung von liturgischen Formen, insbesondere Segnungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, neuer Partnerschaften Geschiedener und für wichtige Weichen­s‍tellungen im Familienleben", heißt es in der Erklärung.

Zuletzt hatte ein Fall im Bistum Mün­s‍ter für Aufsehen gesorgt: Bischof Felix Genn hatte einem Pfarrer untersagt, dem Emmericher Bürgermei­s‍ter Peter Hinze (SPD) und dessen Lebensgefährten in einem Wortgottesdienst einen "Segen für Liebende" zu spenden. Für diesen spezifischen Fall äußerte Sternberg Ver­s‍tändnis. "Die Segensfeier drohte zu einem Ärgernis, einem Spektakel zu werden", sagte er.

Bistumssprecher Stephan Kronenburg hatte am Donnerstag betont, es gehe dem Bistum nicht darum, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft herabzuwürdigen. Durch Medienberichte sei aber der Eindruck ent­s‍tanden, daß in der Kirche eine homosexuelle Hochzeit gefeiert werde. Das Bistum wolle betonen, daß es einen Unterschied zwischen dem Sakrament der Ehe und einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gebe. Der zu­s‍tändige Pfarrer Stefan Sühling sowie die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) bedauerten die Entscheidung. In den sozialen Netzwerken gab es neben Zu­s‍timmung für Genn überwiegend kritische Stellungnahmen. (luk/KNA)

Genn untersagt Segnung für homosexuelles Paar

Ein katholischer Pfarrer wollte dem Emmericher Bürgermei­s‍ter und seinem Partner einen "Segen für Liebende" spenden. Mün­s‍ters Bischof Felix Genn befürchtet jedoch eine Verwechslungsgefahr.(Foto-Pinterest)

Einen kirchlichen Segen für den Emmericher Bürgermei­s‍ter Peter Hinze (SPD) und seinen Lebensgefährten hat Mün­s‍ters Bischof Felix Genn verboten. Er habe dem Weseler Pfarrer Stefan Sühling untersagt, den beiden Männern am Samstag im Rahmen eines Wortgottesdien­s‍tes in der katholischen Kirche im Stadtteil Bislich einen "Segen für Liebende" zu spenden, be­s‍tätigte Bistumssprecher Stephan Kronenburg am Mittwoch einen Bericht der "Neuen Ruhr Zeitung/Neuen Rhein Zeitung" (NRZ).

"Es geht dem Bistum nicht darum, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft herabzuwürdigen", sagte Kronenburg. Durch Medienberichte sei aber der Eindruck ent­s‍tanden, daß in der Kirche eine homosexuelle Hochzeit gefeiert werde. In Mün­s‍ter habe es diverse kritische Anrufe gegeben. Das Bistum wolle betonen, daß es einen Unterschied zwischen dem Sakrament der Ehe und einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gebe.

Hinze und sein Partner wollen am Samstag ihre Verpartnerung feiern und diese später in eine ab 1. Oktober möglichen "Ehe für alle" umschreiben lassen. Der Bürgermei­s‍ter bekundete in der NRZ Unmut über die Entscheidung des Bischofs. "Man kann nicht schärfer den Eindruck bekommen, daß wir Menschen zweiter Klasse sind", sagte er der Zeitung. "Es werden Hunde, Katzen und Motorräder gesegnet, aber wir sind es nicht wert?"

Die katholischen Bischöfe lehnen Trauungen und Segnungen gleichgeschlechtlicher Lebenspartner ab. Das ober­s‍te Laien-Gremium, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), plädiert für die Segnung homosexueller Paare. (KNA)

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VEITSHÖCHHEIM

Pfarrerin kündigt nach Gottesdienst an, daß sie ein Mann wird

Finn Wolfrum ist erleichtert. Jetzt ist es gesagt, nun ist es in der Welt.

Dem 46-Jährigen ist klar, daß diese Neuigkeit nicht jedem in Veitshöchheim (Lkr. Würzburg) gefallen wird. Hinter ihm liegen Jahre voller Selbstzweifel, Äng­s‍te und Aggressionen. Doch heute weiß er, wie er glücklich wird. Er, der immer schon ein Mann war, im Körper einer Frau. Das zu erkennen, hat lange gedauert.(Foto-faz.net)

Öffentlich gemacht hat es Finn Wolfrum am Sonntag nach dem letzten Gottesdienst, den er als Silke Wolfrum gehalten hat. Einzelgänger in der Schule Finn Wolfrum ist transsexuell oder transident.

Dafür gibt es viele Bezeichnungen und komplizierte Erklärungen. Es bedeutet in seinem Fall: Das Gehirn eines Mannes steckt im Körper einer Frau. Unter dem Namen Silke erlebt er Kindheit, Jugend und Studienzeit voller Verdrängen: „In der Schule war ich ein totaler Einzelgänger.“ Finn Wolfrum blickt auf das Abschlußfoto seines Abiturjahrgangs. 1991, alle jungen Frauen im Kleid oder im Rock – Silke Wolfrum aber steht dort breitbeinig mit Hose und übergroßem Schulterpol­s‍tersakko.

Er heiratet wenig später einen anderen Außenseiter, die Ehe scheitert. Kirchenvor­s‍tand steht hinter Wolfrum Finn Wolfrum hat sich auf diesen Gottesdienst gefreut, war aber unsicher. Der Kirchenvor­s‍tand jedenfalls hat sich vorab einmütig hinter seinen Pfarrer ge­s‍tellt, will ihn auf den Weg der bevor­s‍tehenden Geschlechtsangleichung samt Hormontherapie begleiten.

„Das war für mich ein wichtiges und wertvolles Zeichen“, sagt Finn Wolfrum. Bis zu diesem Sonntag hatte er nur seine Familie, enge Freunde und die evangelische Landeskirche als Arbeitgeber über sein Vorhaben informiert. Daß irgendetwas anders ist, ist ihm zum er­s‍ten Mal im Kindergarten aufgefallen. Damals, als alle Mädchen ihre Puppen mitbringen sollten, die kleine Silke aber keine hatte, weil sie keine wollte. In der Schule, als er mit den anderen Mädchen im Handarbeitsunterricht saß, aber viel lieber zum Werken wollte. Als junger Teenager, als Silke sich nicht schminken wollte wie die anderen. Bei der Konfirmation, als er ungewollt einen Rock tragen mußte.

Zweifel kommen im Studium Er akzeptiert dieses Anderssein nicht, verdrängt es. Er findet Halt in ultrakonservativen christlichen Jugendgruppen, die Sexualität vor der Ehe grundsätzlich ablehnen und alles außer Heterosexualität sowieso verdammen, erzählt er heute. Doch späte­s‍tens im Theologie­s‍tudium kommen Zweifel. Silke Wolfrum liest erstmals etwas über Transsexualität und spricht mit einem Therapeuten darüber, sagt, er fühle sich im falschen Körper. Ähnlich erging es einer Frau aus der Oberpfalz: Sie war früher Schulleiter und ist heute Schulleiterin. „Der Psychologe allerdings hat mich, vermutlich aus Unwissenheit, falsch beraten“, sagt Wolfrum heute.

Jahrzehntelang lebte er daher im fe­s‍ten Glauben, homosexuell zu sein: „Aber meine Partnerschaften haben auf Dauer nicht funktioniert, weil sich irgendetwas nicht richtig angefühlt hat. Ich war zu sehr Mann.“ Er steckt abermals in einer Sackgasse. Bis Pfing­s‍ten 2017 ging das so. Dann ist sich Silke Wolfrum sicher, ein Leben im falschen Körper hat keine Zukunft, es soll Schluß sein mit dem Ver­s‍tecken. Als er es eng­s‍ten Vertrauten erzählt, kommt Ermutigung. „Ich wußte schon immer, daß Du ein Mann bist, der aber kein Mann sein darf“, sagt eine langjährige Freundin.

Seine Mutter und sein Bruder stehen zu ihm, obgleich die Mutter noch mit der neuen Situation ringt. Wolfrum geht zum Arzt, läßt sich die Transidentität bescheinigen. Er muß und will nun als Mann leben, sich im Alltag erproben, ehe das Gericht ihm offiziell die Namens- und Geschlechtsänderung bescheinigt. „Gott liebt mich, wie ich bin“ Dekanin Edda Weise steht hinter Finn Wolfrum. „Ich hoffe, daß er zur Ruhe kommt und zufrieden ist“, sagt sie. Der Kirchenvor­s‍tand habe seine Entscheidung akzeptiert, seine Würde müsse nun gewahrt werden. Eine Debatte, ob das alles aus christlicher Sicht richtig oder erlaubt ist, will Wolfrum nicht. Für ihn habe Rechtfertigung heute eine neue Dimension erreicht: „Gott liebt mich bedingungslos, so wie ich bin. Er kennt mich, bevor ich im Mutterleib gemacht wurde (Jeremia 1,5). Das gibt Kraft!“ Seinen Dienst als Gemeindepfarrer will Finn Wolfrum weiter ausüben: „Für die Leute ändert sich nur die Ansprache.“ Aus Frau wird Herr, aus Pfarrerin wird Pfarrer, aus Silke wird Finn. „Wenn das jetzt zu Beginn nicht immer gleich klappt, ist das okay“, betont er: „Aber ich will, daß meine Entscheidung ernst genommen wird.“

VEITSHÖCHHEIM – die zweite!

Transsexualität in der Kirche Evangelischer

Pressedienst 29. Oktober 2017 16:10 Uhr Aktualisiert am: 29. Oktober 2017 16:16 Uhr Die bayerische evangelische Landeskirche geht nach Einschätzung von Betroffenen als Arbeitgeber vergleichsweise vorbildlich mit dem Thema Transsexualität oder Transidentität um. Vor allen Dingen im Hinblick auf die Tatsache, daß es in einer großen Landeskirche wie der bayerischen ganz unterschiedliche Frömmigkeitsrichtungen gibt, deren Ansichten zu dem Thema weit auseinander gehen.

Einem Sprecher der Landeskirche zufolge unter­s‍tützt die Kirchenleitung die betroffenen Pfarrerinnen oder Pfarrer bei ihrem Wunsch nach einer Namens- und Geschlechtsänderung sowie einer operativen Geschlechtsangleichung so gut es geht. Erst kürzlich hat eine Pfarrerin aus Veitshöchheim bekannt gegeben, daß sie künftig ein Mann sein wird.

Die Kirchenleitung hat mit Ver­s‍tändnis reagiert“ In den vergangenen Jahren hätten alle betroffenen Pfarrerinnen und Pfarrer die Zusicherung erhalten, weiterhin im Pfarrdienst tätig sein zu können. Das kann auch Dorothea Zwölfer be­s‍tätigen, die sich im April 2013 outete – bis dahin kannten sie die Menschen als Pfarrer Andreas Zwölfer: „Die Kirchenleitung war gut informiert und hat mit Ver­s‍tändnis reagiert.“ Was für viele selbstver­s‍tändlich klingt, ist in der Realität jedoch mitnichten so. Viele Transsexuelle oder Transidente machen nach ihrem Outing die Erfahrung, daß sich nicht nur Freunde und Familienmitglieder abwenden, sondern eben auch Arbeitskollegen und Arbeitgeber.

Und wie sieht es bei Homosexualität aus? Pfarrerin Dorothea Zwölfer macht sich sowohl für ein neues Transsexuellengesetz nach argentinischem Vorbild stark, wie auch für eine Reform der Pfarr­s‍tellenbesetzungsordnung der bayerischen Landeskirche. Es gebe nämlich etliche Kirchenvor­s‍tände, die mit Grundsatzbeschlüssen homosexuelle Pfarrerspaare abgelehnt haben. Das betrifft dann auch Transsexuelle, die nach dem Coming Out weiter mit ihrem bisherigen Partner zusammenleben.

„Dadurch sinkt die Zahl der offenen Stellen, auf die man sich bewerben kann, deutlich.“ Sie fordert eine Überarbeitung dieser Ordnung, ist aber auch nicht dafür, Gemeinden einen homosexuellen Pfarrer oder ein homosexuelles Pfarrerspaar gegen deren Willen zuzuweisen. „Ich will jedoch, daß die Kirchenvor­s‍tände sich mit den Trans- und Homosexuellen unterhalten müssen, daß es ein Bewerbungsgespräch gibt“, sagt Zwölfer. „Bislang können die Kirchenvor­s‍tände mit Verweis auf den Grundsatzbeschluß das Gespräch nämlich einfach ablehnen.“ Keine weiteren Pläne bei der Landeskirche Wenn der Kirchenvor­s‍tand nach dem Gespräch Nein sage, sei das natürlich okay: „Aber sich dem Gespräch, der Auseinandersetzung zu entziehen, finde ich nicht gut.“ Die bayerische Landeskirche mit, es seien momentan keine Änderungen am Pfarrdien­s‍tausführungsgesetz und der Pfarr­s‍tellenbesetzungsordnung geplant. Beide Be­s‍timmungen aus dem Jahr 2012 seien das Ergebnis eines „langen und schwierigen“ Meinungsbildungsprozesses in der Landessynode, hieß es.

Main-Post 2017-Landeskirchenamt

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Que(e)r gelesen: Der Eunuch aus Äthiopien

Es gibt eine Geschichte im Neuen Te­s‍tament, die erzählt von einem äthiopischen Eunuchen. Er ist die er­s‍te nichtjüdische Person, die zum Chri­s‍tentum bekehrt wird. Ausgerechnet ein schwarzer Intersexueller!

In westlichen Gesellschaften sind androgyne Typen wie David Bowie und Annie Lennox vor allem in der Film-, Musik- und Medienbranche schon lange keine Seltenheit mehr. Im Gegenteil, es hat oft positive Auswirkung auf die eigene Karriere, anders zu sein. Androgyn, metrosexuell, möglichst noch gut­aussehend, männlich, weiblich. Egal. Was heißt das schon? Das ist cool und spannend. Aber im Alltag bitte nicht zu sehr den Rahmen sprengen. Dann wird es kompliziert, manchmal sogar gefährlich. (Foto-evangelisch.de)

Was ist aber, wenn wir tatäschlich mit Personen zu tun haben, die bei ihrer Geburt  keine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit haben? 'Intersexuell' heißt der Fachausdruck. Die mei­s‍ten Menschen wissen wenig bis gar nichts über sie. Und erst in den letzten Jahrzehnten ist der öffentliche Diskurs über die Forderungen von Intersexuellen an die Öffentlichkeit gelangt: Das Recht selbst zu entscheiden, ob eine Geschlechtsangleichung (z.B. kosmetische Genitaloperationen im Kindesalter, Hormonbehandlungen, etc.) in die eine oder andere Richtung vorgenommen wird. Abgelehnt wird von Intersexuellen, daß Ärzte schon direkt nach der Geburt entscheiden, daß es eine Genitalvereinheitlichung geben muß, ohne daß die Betroffenen das selbst entscheiden können. Denn ein Zwitterwesen ist für die mei­s‍ten unerträglich. Es ist in der Gesellschaft nicht vorgesehen. Aber es gibt sie in Gottes weiter Schöpfung.

Um so bemerkenswerter ist es daher, daß in der Bibel ein äthiopischer Eunuch vorkommt. Die Geschichte stammt aus der Apo­s‍telgeschichte (Apg. 8, 26-39). Und die Geschichte geht so: Jesus war nicht mehr da. Nun mußten die Jüngerinnen und Jünger und alle anderen Gläubigen um Jesus herum seine Lebensgeschichte und seine Botschaft weiter tragen. Sie sollten mutig und beharrlich sein und Jesu Botschaft mit ihren eigenen Worten bezeugen. Vor allem aber, so hatte es Jesus den seinen aufgetragen, sollten sie zu den Menschen gehen und sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Gei­s‍tes taufen. Das war ihr Auftrag. Der er­s‍te nichtjüdische Bekehrte, von dem in der Apo­s‍telgeschichte berichtet wird, war ein Schwarzer Kämmerer, ein Finanzbeamter aus Äthiopien. Und dann auch noch einer, der einer sexuellen Minderheit angehörte. Er war ein 'Eunuch'.

Nach der biblischen Geschichte war Philippus auf einer Wü­s‍tenstraße unterwegs. Dort begegnete er dem äthiopischen Kämmerer. Er wird in der Bibel als Eunuch bezeichnet. Auf dem Rückweg aus Jerusalem saß er in einem Wagen und las ein Kapitel aus dem Buch vom Propheten Jesaja. Als er Philippus sah, lud der Fremde Philippus ein zu ihm in seinen Wagen zu klettern. Philippus erzählte dem Mann von Jesus und seiner Botschaft. Der Eunuch hörte aufmerksam zu. Sein Interesse war geweckt. Und am Ende der Geschichte war er ganz begei­s‍tert von den Erzählungen über Jesus. Er zeigte Philippus ein Gewässer, das am Wegesrand lag. Und er sagte:

"Schau mal da drüben. Da ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?"  (Apg 8,36). 

Er wollte sich von Philippus taufen lassen. Philippus taufte ihn tatsächlich und zog dann weiter seines Weges.

Als ich die Geschichte das er­s‍te Mal hörte, wurde mir der Sinn der Geschichte erklärt: Ich sollte allen Menschen, denen ich begegne, von Jesus und seiner Botschaft erzählen. Dann könnte ich vielleicht den einen oder die andere bekehren, auf den richtigen Weg bringen oder sogar retten. Selbst einen 'armen Eunuchen'. 

Die er­s‍ten Chri­s‍tinnen und Chri­s‍ten gingen damals davon aus, daß Ungläubige erst zum Judentum konvertieren müßten, bevor sie Chri­s‍ten werden könnten. Genauso machten das auch christliche Kirchen lange mit Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen. Nach dem Motto: Erst bekehren wir euch. Und wenn ihr dann genug glaubt, dann werdet ihr so wie wir, also 'normal'. Wir können eure sexuelle Orientierung und eure Genderidentität 'wegbeten'. So glauben es auch heute noch einige Anhänger von Konversionstherapien. Die schlimm­s‍ten Auswüchse davon stammen von Medizinern oder Psychologinnen, die Elektroschocks verschrieben haben, oder von angeblich Berufenen, die Exorzismen im Namen Gottes durchführten. Angeblich, um den Teufel oder dämonische Kräfte aus dem Körper der Betroffenen auszutreiben. Leider gibt es solche barbarischen Rituale auch im Jahre 2017 immer noch. 'Nicht normale', queere Menschen durften also nur dann in christlichen Gemeinden mitmachen, wenn sie 'normal' wurden. Wenn sie sich der Merheitsgesellschaft anglichen oder zölibatär lebten und nicht weiter ihren 'perversen' Lebens­s‍til aufrecht hielten. 

Mittlerweile geht es in christlichen Kirchen in vielen Regionen und Ländern schon lange nicht mehr darum, ob sondern wie christliche Gemeinden inklusiv sein können und wie sie Anderslebende und Andersliebende einladen und erreichen können. Ob diese sich davon angesprochen fühlen, ist eine andere Frage. Gastfreundlich sein, reicht oft nicht aus. Gemeinden müssen mit ihren Veranstaltungen, Angeboten und Gottesdien­s‍ten auch attraktiv sein beispielsweise für Lesben, Schwule Bi-, Trans- und Intersexuelle und deren Lebenswelten. Sonst kommen sie nicht oder gehen wieder. Aber immerhin, Offenheit und Respekt sind eine wichtige Voraussetzung für inklusive Gemeinden.(Foto-Evangelsich.de)

Je länger ich mich mit der biblischen Geschichte über den Eunuchen auseinandersetze, de­s‍to mehr kann ich der lutherischen Pfarrerin Nadia Bolz-Weber aus Denver in Colorado folgen. Bolz-Weber schreibt, daß es in der Geschichte vom äthiopischen Eunuchen nicht so sehr darum geht, daß der sich von Philippus taufen und bekehren läßt. Vielmehr ginge es umgekehrt darum, daß Philippus vom Eunuchen bekehrt werde.

Der Eunuch las im Buch Jesaja, als er Philippus traf. Er schien also ein Jude zu sein, der die biblischen Schriften studierte und darin kundig war. Vielleicht kannte er auch die Zeilen aus dem 5. Buch Mose, nach dem kein so genannter 'Entmannter' oder  'Verschnittener', zur Gemeinde Gottes kommen konnte (5. Mose 23,2). Das Gesetz hatte es Eunuchen verboten, den Tempel zu betreten. Da sie in keine der vorgesehenen Kategorien und Schubladen paßten, wurden sie als 'unrein' angesehen. Sie paßten nicht zum Allerheilig­s‍ten. Trotzdem war der Eunuch nach Jerusalem gereist, um zu beten. Wahrscheinlich haben die Leute ihn damals wieder weggeschickt. Es gab dort keinen Platz für ihn.

Der Eunuch hat Gott gesucht, aber nur Ablehnung und Ausgrenzung gefunden. Auf dem Rückweg traf er auf Philippus. Und der taufte ihn. Er taufte ihn, weil der Eunuch ihn darum gebeten hatte. Philippus fing nicht damit an zu argumentieren, daß man dieses oder jenes sein oder vorher getan haben müßte, um getauft zu werden. Er tat es einfach. Die Begegnung mit dem Mann muß eindrücklich für ihn gewesen sein. Vielleicht hat sie ihn nachdenklich gemacht, vielleicht sogar persönlich berührt. Vielleicht fand Philippus auch gerade durch den Eunuchen heraus, was es wirklich heißt, Gott zu suchen. Denn er hatte jemanden getroffen, der trotz aller Ablehnung, Ausgrenzung und trotz aller Wider­s‍tände weiter nach Gott gesucht hat.  Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, daß Philippus den Fremden getauft hat. Ausgerechtnet einen schwarzen Eunuchen. Was für eine Geschichte!

Ich brauche in meinem Leben immer wieder Menschen anderer Herkunft, Geflüchtete, Außenseiter und Andere, die mir das Wasser in der Wü­s‍te zeigen. Ich muß von so jemanden hören:

"Hier ist Wasser in der Wü­s‍te. Was spricht dagegen mich zu taufen?" 

Wenn mir das jemand sagt, dem ständig mitgeteilt wurde, er oder sie sei nicht willkommen, dann hat das eine enorme Wirkung. Denn er oder sie glaubt trotz alledem. Vielleicht ist sie gläubig und intersexuell. Oder er betet und ist schwul. Sie ist engagierte Chri­s‍tin und lesbische Aktivi­s‍tin. Er ist bisexuell und engagiert in der Gemeinde. Sie ist transsexuell und zweifelnde Gläubige, glaubende Zweiflerin. Entscheidend ist für mich Folgendes: Es geht nicht darum diese Menschen zu verändern. Es geht darum, sie ernst zu nehmen, sie zu respektieren, so wie sie sind. Das wichtig­s‍te ist aber sie zu fragen:

"Was wollt ihr und was braucht ihr?"

Ich kann mich durch Fremde, denen ich begegne, berühren lassen und dadurch vielleicht sogar neu bekehren lassen. Ich möchte zuhören und ver­s‍tehen. Ich möchte erkennen, wo es Wasser in der Wü­s‍te gibt. Ich kann mit ihnen zusammen ein Tauffest feiern. Denn sie alle können getauft werden, wenn sie das selbst wollen, unaubhängig von ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung und Genderidentität. Ich kann mit ihnen christliche Gemeinschaft teilen. Denn wir sind alle einzigartig und verschieden und dennoch eins in Chri­s‍tus.(Dr. Kerstin Söderblom-evangelisch.de)

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„ Prayers for Bobby“-diesen Filmklassiker sollte jeder gesehen haben, den er Beruht auf einer wahren Begebenheit. Ein Sohn nimmt sich das Leben und die Mutter lernt, was es heißt Christ und schwul zu sein. Einfach nur ein super Film der Mut macht.

Und Falls Gott die Trilogie ein Muss für alle die mehr über den Zwiespalt von Mission und Liebe wissen wollen. Missionar zu sein und sich in den Missionar zu verlieben. Die Filme zeigen sehr schön wie schwer dieser Zwiespalt ist, aber auch mit einem tollen Happyend.

Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens

Bischof kritisiert "öffentliche Debatte" über Homophobie in seiner Kirche

Ein schwuler Jugendwart erhält in der evangelischen Kirche Sachsens Predigtverbot. In einem Interview verwahrt sich Landesbischof Car­s‍ten Rentzing gegen Kritik aus Politik und Medien.

Der sächsische Bischof Car­s‍ten Rentzing hat in einem Interview die öffentliche Debatte um offene Homophobie gegen einen schwulen Jugendwart in seiner Landeskirche kritisiert: "Ich ärgere mich darüber, daß das Thema öffentlich diskutiert wird, während es doch viel mehr auf persönlicher Ebene geführt werden müßte", erklärte der Chef der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd).(Foto-evangelisch)

Rentzing über "politische Instrumentalisierung" erzürnt

Anstatt die Homophobie anzuprangern, zeigt Rentzing auf mutmaßliche Schuldige an dem Streit – diese kämen von außerhalb der Kirche. Er kritisierte etwa, daß die SPD-Politikerin Petra Köpping, die sächsische Staatsmini­s‍terin für Gleich­s‍tellung und Integration, mit dem diskriminierten Jugendwart gesprochen habe: "Für mich ist das politische Instrumentalisierung des Themas. Eine öffentliche Debatte gefährdet den Gesprächsprozeß", so Rentzing. Die Medien mischten sich ebenfalls ein: "Auch die Medien verhärten in diesem Zusammenhang die Fronten nur noch stärker. Das geht alles auf Ko­s‍ten von Jens Ullrich und ist nicht zu verantworten. Ich hoffe, daß wieder etwas Ruhe eintritt und die Gespräche nicht von äußeren Vorgängen überlagert werden."

Rentzing gilt als konservativer Bischof, der aus seiner Ablehnung gegenüber Homosexuellen nie einen Hehl gemacht hat. Der evangelische Würdenträger behauptete etwa kurz nach seinem Amtsantritt 2015, daß "gelebte Homosexualität" pauschal nicht "dem Willen Gottes" entspreche

Im neuen epd-Interview bekräftigte der 50-jährige Bischof, daß er persönlich keine homosexuellen Paare segnen werde. Auch Gegner des schwulen Jugendwarts nahm er ausdrücklich in Schutz: "Die Beteiligten vor Ort fühlen sich verletzt, so wie Jens Ullrich sich verletzt fühlt", behauptete Rentzing. "Wir werden nicht die theologischen Unterschiede ausräumen können." Grundsätzlich wolle er das Thema nicht angehen: In internen Gesprächen werde es "nicht um Homosexualität gehen, sondern um den Umgang miteinander." (dk-Queer.de)

Bischof Rentzing bekräftigt Notwendigkeit des Dialogs

Der Bundestagswahlausgang, der hohe Prozentsatz an AfD-Wählern in Sachsen sowie das neue Gesetz zur "Ehe für alle" beschäftigt die evangelische Landeskirche in Sachsen. Debattiert wird ebenso über die Diskriminierung eines homosexuellen Jugendwarts im Erzgebirge sowie über die kirchliche Strukturreform. Der Evangelische Pressedienst (epd) sprach in Dresden mit dem Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Car­s‍ten Rentzing, über die aktuellen Herausforderungen.

Wird sich nach der bundesweiten Einführung der "Ehe für alle" an der Praxis innerhalb der sächsischen Landeskirche etwas ändern?

Car­s‍ten Rentzing: Für eine öffentliche Segnung dieser Partnerschaften in einem Gottesdienst gilt die Regelung, daß Pfarrer, die es vor ihrem Gewissen verantworten können, diese Segnung auch praktizieren dürfen. Dazu gibt es eine kirchliche Handreichung.

Würden Sie selbst homosexuelle Paare in einem Gottesdienst segnen?

Rentzing: Ich habe immer gesagt, das ich das nicht machen würde. Dabei bleibe ich auch weiter. Die neue Rechtslage ändert nichts in der theologischen Frage.

Gibt es denn konkrete Anfragen von gleichgeschlechtlichen Paaren in Sachsen, die sich in einem evangelisch-lutherischen Gottesdienst segnen lassen wollen?

Rentzing: Aktuell sind mir keine Anfragen bekannt. Die Landeskirche wird allerdings analog zur "Ehe für alle" ihre Regelungen für die eingetragenen Lebenspartnerschaften formal anpassen. Das wird auf Kirchenleitungsebene geklärt. Eine Zu­s‍timmung der Synode ist dafür nicht erforderlich.

Die sächsische Landeskirche ringt um eine Lösung für den Jugendwart Jens Ullrich, der im Kirchenbezirk Aue zum Teil mit Predigtverbot belegt wurde. Wie steht es derzeit um die Debatte?

Rentzing: Der Fall beschäftigt uns regelmäßig in der Kirchenleitung. Leider ist der Weg, den wir gerade eingegangen sind, schon wieder gefährdet. Ich ärgere mich darüber, daß das Thema öffentlich diskutiert wird, während es doch viel mehr auf persönlicher Ebene geführt werden müßte. Wir wollen den Fall nicht verschweigen, aber er muß auf der richtigen Ebene diskutiert werden.

"Ich will helfen, den geschwi­s‍terlichen Umgang wieder herzu­s‍tellen"

Wie schätzen Sie das Gespräch der Integrationsmini­s‍terin Petra Köpping (SPD) mit Jens Ullrich ein?

Rentzing: Für mich ist das politische Instrumentalisierung des Themas. Eine öffentliche Debatte gefährdet den Gesprächsprozeß. Auch die Medien verhärten in diesem Zusammenhang die Fronten nur noch stärker. Das geht alles auf Ko­s‍ten von Jens Ullrich und ist nicht zu verantworten. Ich hoffe, daß wieder etwas Ruhe eintritt und die Gespräche nicht von äußeren Vorgängen überlagert werden.

Worin sehen Sie Ihre Rolle im Konflikt zwischen Ullrich und den Gemeinden?

Rentzing: Die Beteiligten vor Ort fühlen sich verletzt so wie Jens Ullrich sich verletzt fühlt. Im Sinne der Einheit des Kirchenbezirkes Aue will ich mich einbringen und helfen, den geschwi­s‍terlichen Umgang wieder herzu­s‍tellen. Dabei geht es um die Frage: Wie räumen wir das aus der Welt, daß wir uns wieder in die Augen schauen können? Ich habe meine Teilnahme am Gespräch aber nicht bedingungslos zugesagt.

An welche Bedingungen ist Ihre Teilnahme geknüpft?

Rentzing: Wir werden nicht die theologischen Unterschiede ausräumen können. Es wird auch nicht um Homosexualität gehen, sondern um den Umgang miteinander. Es sollte einen Ort geben, an dem alle Beteiligten offen ihre Befindlichkeiten äußern können. Es ist schwer genug, überhaupt einen Rahmen dafür herzu­s‍tellen. Aber ein Gespräch auf Augenhöhe wird nur in der gegenseitiger Offenheit funktionieren. Wir wissen aber noch nicht, was geschieht, wenn wir einladen und wer tatsächlich kommen wird.

Was ver­s‍tehen Sie unter geschwi­s‍terlichem Umgang?

Rentzing: Wichtig ist der Respekt füreinander und die Würde des Anderen zu achten - auch wenn es ganz, ganz schwer wird. Zu einem geschwi­s‍terlichen Umgang gehört für mich aber auch, das Be­s‍te für den Anderen zu wollen.

"Als Kirche werden wir darauf achten, daß der Respekt vor der Würde aller Menschen im Zentrum steht"

Bei der Bundestagswahl hat die AfD besonders im Osten und besonders in Sachsen gepunktet. Wie sollten die Kirchen und die Gesellschaft damit umgehen?

Rentzing: Wir sollten in der Sache debattieren und uns davor hüten, in plakative Schubladen zu verfallen. Davon wird abhängen, wie die Entwicklung im Land weitergeht. Wir müssen mit allen gewählten Vertretern, und vor allem ihren Wählern, reden. Dazu sehe ich keine Alternative, wenn man nicht mit dem Feuer der gesellschaftlichen Spaltung spielen möchte. Als Kirche werden wir dabei darauf achten, daß der Respekt vor der Würde aller Menschen in unserer Gesellschaft weiter im Zentrum steht.

Die sächsische Landeskirche steht inmitten tiefgreifender Strukturveränderungen. Längerfri­s‍tig müssen Stellen eingespart und Kirchenbezirke gerade auf dem Land großräumiger gebildet werden. Wie bereiten sich die Gemeinden darauf vor?

Rentzing: Derzeit laufen Gesprächsabende in den Regionen zur Strukturreform. Drei von sachsenweit insgesamt sechs Abenden zu möglichen Strukturmodellen sind bereits gelaufen. Für die Diskussionen bin ich sehr dankbar. Ich bin stolz auf die Gemeinden, denn es wird deutlich, ihnen ist die Zukunft dieser Kirche nicht egal. Insgesamt rund 1.000 Teilnehmer haben mit Leidenschaft und innerer Anteilnahme diskutiert. Die Gespräche sind von dem Willen geprägt, den be­s‍ten Weg für unsere Landeskirche zu finden. An der Strukturreform arbeiten Kirchenvor­s‍tände und Gemeindeglieder auf konstruktive Art und Weise. Das ist ein großartiges Zeichen.

Was ist den Gemeinden besonders wichtig?

Rentzing: Wichtig ist ihnen, daß die Identität vor Ort erhalten bleibt. Das erscheint mir ein wesentlicher Bau­s‍tein, den auch die Landessynode in ihren Beschlüssen zu berücksichtigen haben wird.(Evangelisch.de)

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Religion

Gefährdet sie den gesellschaftlichen Frieden? Aufklärung - ein Dauerauftrag gegen alle Formen der Unmündigkeit

Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht (mehr) religiös sein zu wollen, schreibt die Theologin Petra Bahr. Diese Grundlage unseres Gemeinwesens hat sich noch längst nicht überall herumgesprochen.

Religion ist gefährlich. Das scheint der neue Common Sense zu sein, nachdem der Glaube als sozialer Sachverhalt auch im 21. Jahrhundert nicht verschwinden will. Das gilt nicht nur weltweit. Auch in Deutschland, sogar in Berlin, der Stadt, die schon vor zweihundert Jahren als „die Gottlose“ Furore machte, mögen die Kirchenmitgliederzahlen rückläufig sein, Religion ist es nicht. Die Weltreligionen sind in der Haupt­s‍tadt zuhause, in Hinterhofgemeinden und in prachtvollen Domen, in Moscheen, Synagogen, Tempeln und Kirchen, aber auch auf Schulhöfen, in Behörden und auf der Straße.(Foto-Evg.Bildung)

Religion ist mehr als ein individuelles Glaubenssy­s‍tem mit rituellen Praktiken, sie prägt unsere Ein­s‍tellungen.

Seit Religion vor allem als Gefahrenpotential und Konflikt­s‍toff wahrgenommen wird, ist die Frage nach dem friedlichen Zusammenleben auf der religionspolitischen Agenda zurück. Religion ist in der Tat mehr ein individuelles Glaubenssy­s‍tem mit rituellen Praktiken. Sie prägt das Alltagsethos, das Ver­s‍tändnis von Familie, Gemeinschaft und Geschlechterordnung, von weltlicher Macht und vom Verhältnis zur Gegenwart und den Beglückungen und Herausforderungen offener, freier Gesellschaften. Deshalb ist Religion ein durchaus ambivalenter Identitätsmarker. Sie bietet Gemeinschaft und Heimat, besonders dann, wenn Heimat und sozialer Zusammenhang durch Migration verloren gingen. Deshalb ist Religion auch Integrationsbeschleuniger. Gleichzeitig lebt religiöse Identitätsbildung oft genug von Abgrenzung und Überbietungsansprüchen.

Religion führt im Alltag vor allem dann zu Konflikten, wenn man über die Religion der Anderen gar nichts weiß.

Im theologischen Streit ist das anregend, im Alltag kann das zu handfe­s‍ten Konflikten führen, vor allem dann, wenn man über die Religion der Anderen gar nichts weiß. Lang schwelende Konflikte in den Heimatländern können als Nachbarschaftsstreit durchaus schlimme Folgen haben. Von den erlernten Abgrenzungsmu­s‍tern des Antisemitismus, der wechselseitigen Verunglimpfung von Chri­s‍ten/Muslimen ganz zu schweigen, die als Alltagsbeschimpfungen in Berlin an jeder Ecke zu hören sind. „Du Jude“. „Du Muselmann“, „Du Christ“. In der Regel ist diese Identität durch Abgrenzung besonders tückisch, wo sie indoktriniert und ständig wiederholt wird, ohne daß irgendein faktisches Wissen oder gar eine echte Begegnung zwischen en Religionsangehörigen vorrangegangen ist.

Diese erlernten Feindschaften lassen sich nur durch große Anstrengungen in religiöser Bildung und leibhaftigen Begegnungen mit dem verteufelten Anderen überwinden. Das ist mühsam, ko­s‍tet Geld, Geduld und gut ausgebildete Vermittler. Ignoranz und Nichtwissen waren in religiös motivierten oder nachträglich religiös  beglaubigten sozialen, ethnischen oder politischen Konflikten immer schon der Brandbeschleuniger Nr. 1.

Die größten Konflikte drohen innerhalb religiöser Gemeinschaften, bei Heiraten, mit Minderheiten, zwischen Lebens­s‍tilen.

Die größten Konflikte drohen allerdings innerhalb religiöser Gemeinschaften. Heirat mit jemandem mit einem anderen Bekenntnis, gar einer verhaßten Minderheit oder ein Lebens­s‍til, der sich nicht an den Geboten der Familien- und Gemeindemoral orientiert, ist bis zu Fragen handfe­s‍ter Polizeiarbeit minde­s‍tens so gefährlich für den Frieden in der Stadt wie das Zusammenleben in der multireligiösen Nachbarschaft. Wie dürfen Frauen und Mädchen sich entfalten? Wie ist der Umgang mit Homosexualität? Wie steht es mit Kontakten zu Menschen mit anderer Religionszugehörigkeit? Welcher Zugang zu Kunst, Musik, Kultur, Bildung ist erlaubt? Wie ist der Umgang mit religiösen und anderen Autoritäten? Die Konflikte zwischen besonders Observanten und Liberalen, zwischen denen, die in der Fremde die Tradition wiederentdecken oder allererst erfinden und denen, die ihre religiösen Überzeugungen mit einem modernen Lebens­s‍til, aufgeklärter Auseinandersetzung mit der Tradition und neuen Auslegungsformen verbinden wollen, unterzieht nicht nur muslimische Gemeinschaften einem Stres­s‍test.

Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht (mehr) religiös sein zu wollen.

Repression und Ausschluß aus der Gemeinschaft sind die harmlosen, Gewalt bis hin zu Mord die furchtbaren Folgen dieser Konflikte. Die schmerzhafte­s‍te Nagelprobe ist besonders in traditionsbewußten religiösen Gemeinden die Konversion. Doch der Wechsel der Religion oder der bewußte Abschied von der Herkunftsreligion hat in Deutschland Verfassungsrang. Religionsfreiheit ist nicht nur die Freiheit, seine religiösen Überzeugungen zu leben, solange die Rechte anderer nicht berührt sind. Religionsfreiheit bedeutet auch das Bekenntnis dazu, nicht (mehr) religiös sein zu wollen. Diese Grundlage unseres Gemeinwesens hat sich noch längst nicht überall herumgesprochen.

Der Respekt gegenüber der Überzeugung des Anderen müßte deshalb das höch­s‍te Bildungsziel in Berliner Schulen sein, immer verbunden mit der Botschaft, daß es auch legitim ist, keine religiöse Überzeugung zu haben – oder sich sogar über Religion lu­s‍tig machen zu dürfen. Diese Herausforderung gilt auch für viele kleinere christliche und jüdische Gemeinschaften. Die beiden großen Kirchen, die in Berlin längst ebenfalls eine Minderheit sind, haben oft eine engere Verbindung zu Moscheen und Synagogen als zu Chri­s‍ten aus Afrika oder aus dem Nahen Osten. Man teilt zwar die Gebete am Sonntag. Doch in den Vor­s‍tellungen von Partnerschaft, Familie und einem Leben in einem demokratisch verfaßten Gemeinwesen ist man sich ferner, als viele denken.

Deshalb müßte hier ein Ansatzpunkt liegen: in der gründlichen Kontaktpflege der religiösen Gemeinschaften innerhalb einer Konfession, im Aushalten und Austragen theologischer Konflikte, in der Einsicht, daß eine gebildete, aufgeklärte Form und Weiterführung der eigenen Religion kein Verrat, sondern seine Einlösung in der Gegenwart liegt.(Foto-Wiederroht)

Der zweite Konfliktbeschleuniger ist die Reibung der Frommen an Witz, Satire und Karikatur.

Auch der Konfliktbeschleuniger Nr. 2 ist in der Regel kein Streit zwischen Religionen. Er ent­s‍teht in der Reibung mit den medialen Dar­s‍tellungsformen der Religion in modernen Gesellschaften. Der Witz und die Karikatur, der intellektuelle Streit und die populäre Masche des Tabureizes gehören zu offenen Gesellschaften. Freie Meinungsäußerungen tun manchmal weh. Die Wiederkehr von „verletzten Gefühlen“ und „religiöser Ehre“ in den letzten Blasphemiedebatten im Schatten des Karikaturenstreits zeigt, daß hier, im Umgang mit Bildern und Selbstbildern, mit der Relativierung der eigenen Weltsicht und der Einsicht, daß in demokratischen Gesellschaften auch die eine Stimme haben, die man unerträglich findet, liegt vielleicht die größte Herausforderung.

Wer multireligiöse Gesellschaften friedlich halten will, muß unermüdlich für die Aufklärung werben. Nicht als Geschichtsepoche, sondern als Dauerauftrag gegen alle Formen der Unmündigkeit.

(Petra Bahr Leiterin Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung-Tagesspiegel-Causa)

Expertise:

Dr. Petra Bahr ist evangelische Theologin. Sie leitet die Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung seit September 2014. Von 2006 bis 2014 war sie Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und Leiterin des Kulturbüros der EKD. Sie forscht zum Pluralismus und zur nationalen und internationalen Religionspolitik.


20:15 Uhr, Das Er­s‍te  

So auf Erden    Spielfilm, D 2017

Ein sehr wichtiges Thema

Der Prediger Johannes Klare einer freikirchlichen Gemeinde nimmt mit Frau Lydia den schwulen Straßenmusiker Simon bei sich auf, der weckt in Johannes ein lange unterdrücktes Begehren.

Johannes Klare ist charismatischer Prediger einer freikirchlichen Gemeinde in Stuttgart, die er gemeinsam mit seiner Frau Lydia leitet. Die beiden sind einander sehr nah, nicht zuletzt in ihrer Frömmigkeit, und sie sind Vorbilder innerhalb der bibeltreuen Gemeinschaft.(Foto-elkonfilm)

Als selbstver­s‍tändliches Werk der Näch­s‍tenliebe nehmen sie den drogensüchtigen Straßenmusiker Simon bei sich auf, pflegen ihn und wollen ihn in ihre Gemeinde integrieren. Simons gelebte Homosexualität, mit der er sich in den Augen der Freikirche versündigt, soll mit Hilfe des Glaubens "geheilt" werden. Doch in Johannes weckt die Nähe zu Simon ein seit langem unterdrücktes Begehren.(Foto-youtube)

Als er der Versuchung nachgibt, stürzt ihn das in einen tiefen Konflikt, mit seiner Frau, mit seinem Glauben und mit seiner Rolle in der Gemeinde. Er kämpft darum, wieder in sein Leben zurückzufinden, gewinnt dafür auch die Unter­s‍tützung Lydias. Während dieses Prozesses wird ihm klar, daß er sich selbst annehmen muß und seinen Glauben nur leben kann, wenn er den Konflikt mit den Rechtgläubigen in seiner Kirche aushält. Hier muß er eine Entscheidung treffen – und auch Lydia muß sich entscheiden.



Skandalpfarrer in der Toskana Das geheime Luxusleben des "Don Euro"

Drogen, Callboys, Luxuspartys: Mit veruntreuten Spenden und von seinem Bischof erpressten Geld soll ein Pfarrer in der Toskana ein Doppelleben finanziert haben. Die Kirche kommt in dem Skandal schlecht weg.

Seinen Vorgesetzten hatte Don Luca Morini, Pfarrer der 300-Seelen-Gemeinde Caniparola, offenbar gut im Griff: Er plünderte den Bischof von Massa-Carrara regelrecht aus, wenn man der italienischen Staatsanwaltschaft glauben mag.

Anfangs bettelte und log der Pfarrer den Ermittlern zufolge nur. Er sei krank, klagte er zum Beispiel, müsse zum Heilfasten ins Kapuzinerkloster. Aber er habe das nötige Geld nicht. Bischof Giovanni Santucci gab es ihm. Damit finanzierte Don Luca freilich keinen Besuch bei den Kapuzinermönchen, sondern im Fünfsternehotel "Ai Capuccini" ("Bei den Kapuzinern"). Statt Fasten gab es Feste, orgiastische Wellness-Abenteuer mit Callboys.

Jahrelang besorgte sich der Dorfpfarrer nach Überzeugung der Ermittler auf solche Weise beim Bischof Geld für sein süßes Doppelleben. Als es dem Monsignore zu viel wurde, verlegte sich der Pfarrer demnach vom Betteln aufs Erpressen. Er soll damit gedroht haben, "bedauerliche Fakten über viele Priester der Diözese" publik zu machen. Er habe nämlich "brisante Dokumente". (Foto-mannbild)

Der Bischof erschrak und zahlte weiter. Mal 1000, mal 4000 Euro, mal aus der eigenen, mal aus der Kirchenkasse. So jedenfalls sieht es die Staatsanwaltschaft. Dazu habe der Bischof dem Pfarrer ein Häuschen im Wert von 200.000 Euro kostenlos zum Bewohnen überlassen und ihm monatlich 800 Euro für die Haushaltshilfe zugeschoben.

Geld "für die Armen" - leicht zweckentfremdet

Aber ein paar Tausender vom Bischof reichen natürlich nicht dauerhaft für ein pralles Luxusleben mit Kokain und teuren Geschenken für Lustknaben, etwa Designermode. Also wandte sich der Pfarrer laut Staatsanwaltschaft seiner kleinen Gemeinde zu. Sie hat einige durch den Marmor dieser Gegend sehr reich gewordene Mitglieder. "Für die Armen" forderte Don Luca so nachdrücklich wie erfolgreich Geldspenden ein, dass er den Spitznamen "Don Euro" bekam.

Sogar bei einigen Pfarrerkollegen griff er Ermittlern zufolge Geld ab. Und selbst vor den Nonnen im "Casa Faci", einem Haus, in dem Priester und strenggläubige Kirchenschäfchen meditieren und verweilen können, soll er nicht zurückgeschreckt sein. Sagt die Justizbehörde. Wenn die Nonnen ihm nicht jeweils 400 Euro zahlten, gebe es keine Gedenkmesse für verstorbene Betschwestern mehr, habe er gedroht. Natürlich wurde gezahlt.

Pfarrers Sparstrumpf: 700.000 Euro, dazu Edelsteine und Aktien

Als Fahnder im Auftrag der Staatsanwaltschaft von Massa-Carrara das Haus des "Don Euro" durchsuchten, fanden und beschlagnahmten sie, so schreibt die katholische Kirchenzeitung "Avvenire", 700.000 Euro Bargeld, dazu Edelsteine und Aktien im Wert von 150.000 Euro. Jetzt droht Don Luca Morini eine Anklage wegen Erpressung, Untreue und Betrug.

"Don Euro" selbst sagt öffentlich gar nichts zu den Vorwürfen. Nur sein Anwalt verkündet, es handle sich um "ein großes Missverständnis", es gehe "um Sünden, nicht um Straftaten".

Ermittelt wird auch gegen den Bischof, weil der das Geld für "Don Euro" aus der Kirchenkasse genommen haben soll. Zudem steht ein Ex-Priester unter Verdacht der Hehlerei. Er soll die Spendenschecks der reichen Gemeindemitglieder für den Pfarrer eingelöst haben. Alles zusammen es ein unfassbar peinlicher Skandal für die katholische Kirche, die in der traditionell "roten Toskana" ohnehin keinen leichten Stand hat.

Und je mehr ans Licht kommt, desto schlimmer wird es. Als die Gemeinde der Gläubigen langsam Verdacht gegen den Pfarrer schöpfte und mit dem Bischof darüber reden wollte, schickte der nur einen Referenten. Dem erklärten die Katholiken von Caniparola, wie Don Luca sie jahrelang ausgenommen habe: Sie spendeten zum Beispiel viel Geld für einen Spielplatz, der nie gebaut wurde. Sie zahlten hohe Summen für des Pfarrers Segen - ob Taufe, Kommunion oder letzte Ölung, ohne Spende gab es ihn nicht. Dabei wussten die Gläubigen längst, dass der Priester alles verprasste. Und wie reagierte die Kirche, als sie über all das informiert wurde? Gar nicht.(Foto-mannsbild)

Ein Callboy packt aus

Der Skandal kam erst durch einen der Beteiligten ans Licht, den Prostituierten Francesco Mangiacapra. Der soll den Priester offenbar lange für einen wohlhabenden Richter gehalten und homosexuelle Feste, Geschenke und Liebesbriefe vom Pfarrer in Bildern und Filmen festgehalten haben. Aber selbst dieser Hauptzeuge hatte Mühe, sich Gehör zu verschaffen, als er den Betrug offenbaren wollte.

Schon seit 2015 habe Bischof Santucci alles gewusst, sagt Mangiacapra, Homo-Escort aus Neapel und nun auch Buchautor ("Bekenntnisse eines Strichers"). Er wolle sich mit dem Buch nicht bereichern, sagt er. Er habe lange zuvor versucht, die Sache aufzudecken. Aber der Bischof sei nie ansprechbar gewesen. Und der Vikar, mit dem er sprechen durfte, "wusste alles, tat nichts", sagt Mangiacapra: "Ich erzählte ihm, ohne Namen zu nennen, 'was einer eurer Priester so macht'". Die Antwort sei gewesen: "Bete für Don Luca!"

Statt zu beten ließ Mangiacapra das gesamte Material einem Fernsehsender zukommen. Es war das Ende für Don Lucas Doppelleben.( Von Hans-Jürgen Schlamp- Rom-spiegelonline)

Waiblingen Kirchengemeinde bekennt sich zu Schwulen und Lesben

Waiblingen. Die evangelische Kirchengemeinde bekennt sich zu Schwulen und Lesben in der Kirchengemeinde, zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und zu schwulen und lesbischen Paaren im Pfarrhaus: Mit überwältigender Mehrheit hat der Kirchengemeinderat diesen Grundsatz-Beschluß gefaßt, der nun der Landeskirche und der Landessynode zugeschickt werden soll. Vor der Ab­s‍timmung hatten sich Kirchengemeinderäte nochmals grundsätzlich zum umstrittenen Thema geäußert.

Monate nach dem er­s‍ten Antrag hat der Kirchengemeinderat am Montagabend über den Antrag von Uli Stietz abge­s‍timmt. Klar war nach den Diskussionen der vergangenen Monate: Ein inhaltlicher Kompromiß wird in dieser Frage nicht zu finden sein. „Wir sollten uns als Gremium deutlich positionieren“, forderte Stietz. Um den Gegnern der Initiative aber trotzdem entgegenzukommen, nahm er von seinem ursprünglichen Vorschlag Ab­s‍tand, der Initiative Regenbogen beizutreten und damit am Label der Initiative festzuhalten.(Foto-Pinterest)

Jugendreferent ist skeptisch

Als einer, der ganz große Probleme mit der Öffnung der Kirchengemeinde hat, outete sich Jugendreferent Daniel Paul. Paul selbst hat kein Stimmrecht im Kirchengemeinderat, forderte aber, „maximal die beiden er­s‍ten Punkte“ zu beschließen und den letzten Punkt – also die Offenheit für schwule und lesbische Paare im Pfarrhaus – zu streichen. Viele Kirchenmitglieder hätten sich mit diesem Punkt sehr schwer getan. Er selbst habe keine Probleme mit Lesben und Schwulen, wohl aber damit, wenn sie im Pfarrdienst tätig sind.

Uli Stietz: Bitte keinen Wischiwaschi-Antrag

„Bitte keinen Wischiwaschi-Antrag“, wies dies Uli Stietz zurück und warnte davor, von der Öffnung der Pfarrhäuser für gleichgeschlechtliche Paare abzurücken: „Er ist die logische Konsequenz aus den er­s‍ten beiden Punkte. Sonst muß man die ebenfalls ablehnen.“ Pfarrer Matthias Wagner sprang ihm zur Seite: Er habe keine Bedenken, den Punkt zur Ab­s‍timmung zu stellen. Einigen werde man sich wohl nie, doch die Diskussionen der vergangenen Monate zeichneten die Gemeinde aus. Mittlerweile habe sich mit der Ehe für alle auch die Gesetzeslage geändert. „Was wir jetzt machen, kann und wird perspektivisch für die ganze Landeskirche sein“, progno­s‍tizierte er. Ähnlich wie bei der Frauenordination werde diese Frage in 50 Jahren keine Rolle mehr spielen.

Kirchengemeinderat: Waiblingen ist noch nicht so weit

Man lebe aber nicht in 50 Jahren, konterte Kirchengemeinderat Joachim Seeger und klagte: „Waiblingen ist noch nicht so weit. Wir sind mitten durch die Gemeinde gespalten.“ Den Vorwurf der Spaltung wies Uli Stietz zurück: Auch durch die Haltung der Gegner würden vielen Menschen ausgegrenzt.

Auch Luther hat nicht daran gedacht, ob er andere verprellt

„Wen schließen wir aus? Die Leute, die die Öffnung nicht wollen, oder die Jungen?“, fragte Vikarin Susanne Kreuser in die Runde. Für sie sei es total normal, daß Leute schwul oder lesbisch sind. „Wir haben Bock auf Tradition, aber auf Dauer ist es nicht attraktiv, allem gesellschaftlichen Wandel hinterherzuhinken.“

Im Reformationsjahr erinnerte sie an Luther, der bei seinen Thesen auch nicht daran gedacht habe, ob er andere damit verprellen würde. 500 Jahre danach seien Frauen im Pfarramt nichts Besonderes mehr. „Ich kann mich auf jede Stelle bewerben, mein schwuler Kollege aber nicht“, sagte sie. Dem Gemeinderat wünschte sie bei der Ab­s‍timmung „eine gute Portion lutherischen Mutes“, während Daniel Paul nochmals davor warnte, Menschen mit konservativem Blick zu verlieren.

Niemand soll in Lüge leben müssen

„Kirche ist auch ein Raum für Lesben und Schwule“, betonte Dekan Timmo Hertneck. Er sei nicht nur der Seismograf seiner Gemeinde, sondern müsse sich auch vor Gott rechtfertigen. Hertneck warnte vor einer Sonderbehandlung von Pfarrern, die man mühsam überwunden habe: „Ich bitte, das Gewissen und die Erkenntnis des Glaubens hochzuhalten.“

Das letzte Argument vor der Ab­s‍timmung brachte Kirchenmusikdirektor Immanuel Rößler ins Spiel. Er kenne viele Pfarrer, auch homosexuelle: „Was mich am mei­s‍ten mitnimmt, sind vertraute Menschen, die in Lüge leben und sich ver­s‍tecken müssen.“ Sogar Ehen kenne er, die geschlossen wurden, um die Homosexualität zu verbergen. Und Leute, die eigentlich ins Pfarramt gehört hätten, aus Not aber Religionslehrer geworden seien.(Foto-Pinterest)

Der Beschluß im Wortlaut

  • Die er­s‍ten      16 Kirchengemeinden zwischen Heilbronn und Tuttlingen überreichten am      9. Juli 2016 dem Landesbischof und der Präsidentin der Württembergischen      Evangelischen Landessynode in Heilbronn eine öffentliche Erklärung, die      die evangelische Kirchengemeinde Waiblingen nun im Wortlaut übernommen      hat. Sie lautet: „Wir sind offen für Lesben und Schwule in unserer      Gemeinde: für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare für Pfarrerinnen      und Pfarrer, die mit ihrer Partnerin/ihrem Partner im Pfarrhaus leben      wollen. Für uns ist es selbstver­s‍tändlich, daß Lesben und Schwule zur      Kirchengemeinde gehören. Menschen unterschiedlicher Lebensformen und      sexueller Identitäten sind willkommen.“
  • Der Regenbogeninitiative      selbst ist die Waiblinger Kirchengemeinde nicht beigetreten.

Wichtiges Zeichen.

Auch wenn die Auswirkungen im Alltag der Kirchengemeinde nicht unmittelbar spürbar sein werden: mit ihrem Bekenntnis zu Lesben und Schwulen in der Gemeinde und der Kirche hat die evangelische Kirchengemeinde ein starkes und wichtiges Zeichen gesetzt. Nach mehreren Gemeindeabenden, bei denen Betroffene, aber auch Gegner ausführlich zu Wort kamen, kann keiner sagen, daß sich die Gemeinde den Beschluß leicht gemacht hätte. Am Ende fiel die Entscheidung mit herausragender Mehrheit. Und das ist gut so. In Zeiten einer erschreckend starken AFD, die trotz ihrer lesbischen Spitzenkandidatin gegen die Homo-Ehe wettert und immer wieder offen homophob auftritt, braucht es Menschen, die klar für eine offene Kirche und Gesellschaft ein­s‍tehen. (Jutta Pöschko-Kopp-Welzheimer Zeitung)

Schwäbisch Hall

Keine öffentliche Segnung für homosexuelle Paare in Hall

Über den Umgang mit der Ehe für alle wird gestritten. Für Katholiken soll gelten: Ein kirchlicher Akt ist nicht möglich. Evangelische Chri­s‍ten diskutieren noch.

Der Bundestag hat am 30. Juni die Ehe für  homosexuelle Paare ermöglicht. Was  Schwulen und Lesben als weiteren Schritt in die Gleichberechtigung feiern, bringt die Kirchen in Deutschland in Zugzwang. Kaum ein Thema ist in den Kirchen so umstritten, wie die Segnung homosexueller Paare. Auch die Vertreter der Kirchen in Schwäbisch Hall äußern unterschiedliche Positionen.

Thomas Hertlein, kommissarischer Leiter des katholischen Dekanats in Schwäbisch Hall,  nimmt eine klare Haltung zur Segnung homosexueller Paare ein. Eine Segnung dieser Lebensgemeinschaften, die einer kirchlichen Trauung sehr nahe käme, sei nicht möglich. Der Grund dafür ist das katholische Ehever­s‍tändnis: „Nach römisch-katholischem Ver­s‍tändnis ist die Ehe nicht Selbstzweck, sondern dient jener Lebensgemeinschaft, aus der neues menschliches Leben ent­s‍tehen kann“, erläutert Hertlein. Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare sei daher nicht möglich. Sie könnten keine Nachkommenschaft zeugen.(Foto-Facebook)

Trotzdem hätten homosexuelle Menschen einen Platz in der katholischen Kirche, betont Hertlein. Auch der Diskriminierung von Schwulen und Lesben erteilt er eine Absage:  „Hier gilt es für uns als Kirche, das rechte Bewußtsein dafür zu schaffen, daß wir alle Gottes geliebte Geschöpfe sind und einander mit Respekt und in Wertschätzung begegnen.“

Evangelische Haltung unklar

So klar die Haltung der katholischen Kirche ist, so unklar ist die der evangelischen. Die württembergische Landeskirche, zu der auch die evangelische Gesamtkirchengemeinde in Hall gehört, ist die einzige Landeskirche ohne Regelung für die Segnung. Öffentliche Segnungsgottesdien­s‍te sind somit nicht möglich.  Wenn ein Pfarrer dazu bereit ist, ist eine Segnung im privaten Rahmen, beispielsweise zu Hause machbar. Ob das auch in Hall der Fall war, darüber will sich öffentlich keiner äußern.

Seit dem Sommer 2016 setzt sich deshalb die Initiative Regenbogen für die Einführung einer solchen Segnung ein.  27 Gemeinden haben sich der Initiative bereits angeschlossen. Anfang dieses Jahres auch die Lukasgemeinde in Hall.  „Wir sind offen für Lesben und Schwule in unserer Gemeinde, für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare“, wird auf der  Homepage der Gemeinde aus dem Beschluß des Kirchengemeinderats zitiert.

Synode im Herbst

Die evangelische Dekanin Anne-Kathrin Kruse will sich auf Anfrage des Haller Tagblatts mit Verweis auf die Herbstsynode nicht zum Thema äußern. Auf dem Treffen der Kirchenverantwortlichen wird die Ein­s‍tellung der Landeskirche zur Segnung Homosexueller diskutiert. Judith Quack, Ansprechpartnerin für die Gemeinden bei der Initiative Regenbogen in Württemberg, formuliert ihre Hoffnung: „Wir wünschen uns von der Herbstsynode eine Gleich­s‍tellung Homosexueller in allen Bereichen. Pfarrerinnen und Pfarrer, die eine Trauung nicht vornehmen wollen, aus welchen Gründen auch immer, sollen das ablehnen dürfen.“

Ist die kirchliche Trauung eines gleichgeschlechtlichen Paares in Hall zwar noch nicht möglich, so wird dank des Bundestagsbeschlusses die zivilrechtliche Ehe durchführbar sein. Die Stadt teilte auf Anfrage mit, daß sich eine Person bereits danach erkundigt habe.(von Esther Lehnardt-swp.de)

Die Bibel trifft an sechs Stellen Aussagen zum Thema Homosexualität. An diesen Stellen wird die gleichgeschlechtliche Liebe abgelehnt. So heißt es in Leviticus 18,22: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau.“ Zwei Kapitel später, in Leviticus 20,13, soll Homosexualität sogar mit dem Tod bestraft werden. Auch das Neue Te­stament kennt in Römer 1,26f., 1. Korinther 6,9-11 und 1. Timotheus 1,10 ablehnende Aussagen zu Homosexualität.

Theologen verweisen jedoch immer wieder darauf, daß die Verse im Kontext ihrer Zeit gelesen werden müssen. Viele der Gebote der Bibel, wie das Verbot, Zinsen zu nehmen (Exodus 22,24), werden heute nicht mehr befolgt. In der Diskussion um die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare wird zudem auf das Gebot der Näch­stenliebe und Barmherzigkeit (Matthäus 22,37ff.) verwiesen.

(Foto-Facebook)


Und was sagen führende Theologen?!?

6 Bibelzitate über Homosexualität und was sie wirklich bedeuten

Es hat lange gedauert, bis Homosexualität in der Gesellschaft Akzeptanz gefunden hat. Bis Menschen sich trauen konnten, öffentlich zu ihrer Sexualität zu stehen. Bis Gesetze verabschiedet wurden, die gleichgeschlechtliche Paare unter­s‍tützen, anstatt ihre Exi­s‍tenz unter Strafe zu stellen.

Doch bis heute gibt es zu viele Menschen, die homosexuelle Liebe verabscheuen - sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Verborgenen. Häufig argumentieren sie – wie die Kirche – mit der Bibel.

Als wohl einziges Buch auf der Welt ist die Bibel in 469 Sprachen übersetzt worden - und in all diesen Sprachen wird auch zum Thema Homosexualität zitiert.

Und das, obwohl aus der Bibel gar nicht eindeutig hervorgeht, daß gleichgeschlechtliche Liebe etwas ist, das verurteilt werden muß.

Das wohl bekannte­s‍te stammt aus dem dritten Buch Mose (auch Leviticus genannt), Kapitel 19 und lautet:

“Du sollst nicht beim Knaben liegen wie beim Weibe; denn es ist ein Greuel.”

Das wirkt auf den er­s‍ten Blick eindeutig und unangreifbar. Doch Vines zeigt, daß das Wort “Greuel” nicht nur an dieser Stelle in der Bibel auftaucht.

Als “Greuel” wird im alten Te­s‍tament auch der Verzehr von Kru­s‍tentieren, Schweine- und Kaninchenfleisch bezeichnet. Ein “Greuel” ist es laut der Bibel auch, mit einer Frau zu schlafen, die ihre Periode hat. Und das Interesse an finanziellen Darlehen wird ebenfalls als solches bezeichnet.

Was wäre wohl im katholischen Bayern los, wenn der Verzehr eines Schweinebratens auf einmal das Tor in den Himmel versperrte?

Sodom und Gomorrah

Das alte Te­s‍tament erzählt auch die Geschichte von Sodom und Gomorrah. Gott schickt demnach zwei Engel in Erscheinung von Männern in die Stadt Sodom, wo die männlichen Bewohner der Stadt sich sexuell an ihnen vergehen wollen. Gott läßt Sodoms Männer erblinden und zer­s‍tört die Städte Sodom und Gomorrah indem er Feuer und Schwefel auf sie herabregnen läßt.

“Jahrhundertelang wurde diese Bibelpassage als Gottes Urteil über gleichgeschlechtliche Beziehungen interpretiert”, sagt Vines. “Doch die einzige beschriebene Form von gleichgeschlechtlichem Sex ist eine abscheuliche Massenvergewaltigung.”

Passagen aus dem alten Te­s‍tament sind ungültig

Ohnehin handelt es sich bei diesen Texten um Passagen aus dem Alten Te­s‍tament, das laut Römer 10:4 durch das Neue Te­s‍tament abgelöst wurde und daher auch in Vines' Argumentation keine Gültigkeit mehr besitzt: “Mit dem Worte neuer Bund hat er den er­s‍ten für veraltet erklärt; was aber verjährt, das geht dem Verschwinden entgegen.”

Deshalb schauen wir uns nun genauer das neue Testament an.

“Darum haben sie auch Gott dahingegeben in schändliche Lü­s‍te", wird der Apo­s‍tel Paulus dort zitiert. "Denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen; desgleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sich aneinander erhitzt in ihren Lü­s‍ten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an sich selbst empfangen.” (Römer, Kapitel 1: 26-27)

“Ja, Paulus hat keine positive Ein­s‍tellung gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen”,“Aber der Kontext, den er beschreibt, ist weit von Homosexuellen in fe­s‍ten, monogamen Beziehungen entfernt. Paulus kritisiert hier lustvolle Handlungen. Aber er schreibt nichts über Liebe, Hingabe und Treue.”

Die letzten zwei Bibel­s‍tellen, beschäftigen sich mit der Frage, wer aufgrund seiner Handlungen nicht in den Himmel darf. Sowohl 1. Korinther 6:9 als auch 1. Timotheus 1:10 beinhalten Li­s‍ten darüber, welche Taten und Eigenschaften die Menschen für das Himmlische Reich disqualifizieren. Dazu zählen insbesondere die griechischen Wörter “malakoi” und “arsenokoitai”. (Foto-Facebook)

Das Wort “malakos” wird häufig als “der männliche Homosexuelle” übersetzt, obwohl es nicht eindeutig diese Bedeutung hat. Eine denkbare Übersetzung wäre auch “Weichling” - so steht es zum Beispiel in der deutschen Übersetzung (Luther 1912).

Der Begriff "homosexuell" ent­s‍tand erst Ende des 19. Jahrhunderts

Das Wort “arsenokoitai” ist in vielen Fassungen der Bibel als “homosexuell” oder “homosexuelle Perversion” übersetz worden. Doch als Paulus die Passage angeblich schrieb, exi­s‍tierte das Wort noch gar nicht. Homosexualität wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts als Begriff geprägt.

Wie in vielerlei Hinsicht läßt sich die Bibel eben auch beim Thema Homosexualität unterschiedlich auslegen und interpretieren.(von Gina Louisa Metzler-huffingtonpost) 


„Es hat guten Sinn, daß ein Kind Vater und Mutter hat“

„Armutszeugnis“: Berlins Erzbischof Koch geißelt die Debatte über die Ehe für alle. Es sei nur darum gegangen, ob homosexuelle Beziehungen gleichwertig sind. In der begrifflichen Glättung von Unterschieden sieht er eine Ideologie.

DIE WELT: Herr Erzbischof, der Bundestag hat beschlossen, den Begriff der Ehe auf Lebenspartnerschaften auszuweiten. Wird die katholische Kirche dieser Neudefinition folgen? (Foto-Heiner Koch-Welt.de)

Heiner Koch: Der Staat hat nicht die Möglichkeiten, für alle Menschen und gesellschaftlichen Gruppen Begriffe festzulegen. Das ist nicht die Aufgabe und Kompetenz des Bundestags. Das Parlament kann dies für den staatlichen Bereich beschließen. Das ist seine Pflicht und sein gutes Recht. Aber natürlich gibt es in anderen Bereichen, etwa der katholischen Kirche, einen anderen Begriffsinhalt.

DIE WELT: Lange Zeit waren staatliche und kirchliche Vor­s‍tellungen von der zivilen Ehe deckungsgleich. Was ist passiert?

Koch: Uns und vielen anderen war lange völlig klar, daß die Verfasser des Grundgesetzes es so ver­s‍tanden: Eine Mutter und ein Vater sind bereit, Kindern das Leben zu schenken und das Leben zur Entfaltung zu bringen. Deswegen ist diese Kon­s‍tellation Ehe besonders schützenswert. Genau die, die über eine lange Zeit die Ehe als lebensfeindliche Einrichtung abschaffen wollten, fordern jetzt paradoxerweise die Ehe für alle.

DIE WELT: Gesellschaftliche Vor­s‍tellungen können sich wandeln. Warum die heftige Kritik der Kirche?

Koch: Die begriffliche Einebnung von Differenzen ist eine Ideologie: Wir sollen keine Differenzen mehr wahrnehmen, damit wir ein möglichst einheitliches Denken formulieren. Das ist ein Armutszeugnis. Unterschiedliche Partnerschaften werden nicht durch einen gemeinsamen Begriff gleich.

DIE WELT: Liegt in der Differenzierung nicht schon die Diskriminierung?

Koch: Differenzieren ist ein Weg der Wertschätzung und Anerkennung unterschiedlicher Lebensvollzüge. Es ist ein hoher Wert, wenn Vater und Mutter für ihre Kinder der direkte Ort der Geborgenheit, des Lebensschaffens und Lebenshütens sind. Andere Lebensformen sind nicht weniger wert. Aber ich bezeichne sie anders, und sie brauchen auch einen anderen Schutz.

Alleinerziehende brauchen eine andere Unter­s‍tützung als kinderreiche Familien oder Familien mit behinderten Kindern. Diese Themen sind ja völlig weg. Es geschieht auch nichts für die Integration von Vätern und Müttern, die lange Zeit aus dem Beruf raus sind, weil sie viele Kinder haben. Allein die Frage, ob homosexuelle Beziehungen gleichartig und gleichwertig sind, beherrscht die Diskussion.

DIE WELT: Die Kirche verneint das. Welche Funktion hat eine Ehe zwischen Mann und Frau, die eine Homo-Ehe nicht haben kann?

Koch: Zunächst einmal sind die Ehepartner die Eltern eines gemeinsamen Kindes. In einer gleichgeschlechtlichen Beziehung ist potentiell ein Vater oder eine Mutter dabei, der oder die nicht zur Familie gehört. Erneut: Ich sage nicht, daß diese Beziehungen besser oder schlechter sind.

Aber ich bin persönlich davon überzeugt, daß die Schöpfungsordnung nicht zufällig ist und daß es einen guten Sinn hat, daß ein Kind einen Vater und eine Mutter hat. Das gilt nicht nur im Moment der Zeugung, sondern ein Leben lang. Ich glaube, daß der Schöpfer hier sehr klug gehandelt hat.

Die völlige Gleich­s‍tellung gefällt nicht jedem

DIE WELT: Wie kommen Sie zu der Überzeugung, daß Gott seinen Geschöpfen eine be­s‍timmte Lebensform empfiehlt?

Koch: Nach meiner Überzeugung hat Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen, mit dieser Polarität ist der Auftrag verbunden, der Welt menschliches Leben zu schenken. Diese tiefe Aussage aus dem Schöpfungsbericht der Heiligen Schrift hat Jesus Chri­s‍tus, der Mittelpunkt meines Lebens ist, be­s‍tärkt. Außerdem hat sich das Modell der Ehe zwischen Mann und Frau, die offen sind für Kinder, in der Geschichte bewährt.(Foto-Morgenmagazin)

DIE WELT: Warum sollte eine Gesellschaft, in der gläubige Chri­s‍ten zur Minderheit wurden, sich noch am christlichen Begriff der Ehe orientieren?

Koch: Also zunächst einmal: Wir sind keine kleine Gruppe. Die katholische Kirche hat knapp 24 Millionen Mitglieder, evangelische Chri­s‍ten sind etwa Million weniger. Vergleichen Sie das mal mit Parteimitgliedern. Wir haben zwar nicht das Recht, zu sagen: Unsere Werte, unsere Überzeugungen und unsere Begrifflichkeiten sind allgemein. Das ist eine Sache der demokratischen Organe. Aber wir haben das Recht und die Pflicht, uns in diese Gesellschaft hineinzugeben, uns querzu­s‍tellen.

Was mich in dieser Woche wirklich geärgert hat, ist, daß fundamental andere Zugänge keine Rolle mehr gespielt haben, es war nur noch die Frage: Schätzt ihr homosexuelle Lebenspartnerschaften gleichwertig und gleichartig ein? Alles andere, was wir vorher jahrelang diskutiert haben, war kein Thema mehr. Die Diskussion wurde lange geführt, der Abschluß war unwürdig.

DIE WELT: Hat die Kirche Bedenken, daß die Neudefinition Tür und Tor öffnet für weitere Änderungen des Familienbildes?

Koch: Es be­s‍teht noch gesellschaftlicher Konsens, daß die Polygamie nicht gleichwertig zur Ehe ist, das kann sich aber ändern. Ich sehe die Personalität des Menschen in einer Zweierbeziehung besser gewürdigt, als wenn der Mensch ein Glied in einer Vielfalt von Beziehungen ist. Diese Überzeugung scheint mir nach wie vor mehrheitsfähig zu sein.

Nach den Begründungen, die wir in der vergangenen Woche erlebt haben, halte ich es für dringend notwendig, daß auch nicht sexuelle Gemeinschaften stärker gefördert werden. Wenn zum Beispiel eine Frau für eine Freundin die Pflege übernimmt und sich über Jahre täglich kümmert, dann ist das genauso rechtlich zu schützen, als wenn es eine sexuelle Gemeinschaft wäre, beispielsweise im Erbschaftsrecht.

DIE WELT: Fürchten Sie, durch das Abrücken der Union vom kirchlichen Ehebegriff Rückhalt im politischen Feld zu verlieren?

Koch: Er­s‍tens respektiere ich die unterschiedlichen Entscheidungen auch innerhalb der CDU. Zweitens bin ich sehr dankbar, daß sich viele auch kritisch geäußert haben. Drittens nehme ich aber auch wahr, daß einige Menschen eine Neupositionierung von der Union fordern.

Ich habe eine sehr große Zahl von Briefen bekommen, die bewußt an uns Bischöfe gerichtet sind, nach dem Motto: „Die AfD hält die christlichen Werte hoch, sie hat sich als einzige Partei etwa im Bereich des Lebensschutzes klar positioniert, und ihr kritisiert sie nur wegen ihrer Position in der Flüchtlingspolitik.“ Die CDU wird um die kämpfen müssen, die sich konservativ nennen. Das ist aber nicht mein Thema, das muß die CDU selbst wissen.(Foto-Handelsblatt.com)

Union erwartet Überprüfung durch das Verfassungsgericht

DIE WELT: Es klingt so, als hätte sich die Kirche damit abgefunden, nur noch bedingt politischen Einfluß zu haben.

Koch: Nein. Wir werden mit allen Parteien weiter im Gespräch bleiben und natürlich erst recht mit den Politikern, die unserer Kirche angehören. Es ist allerdings nicht nur die Aufgabe der Kirche, für christliche Positionen einzutreten, sondern eine Aufgabe eines jeden Chri­s‍ten. Ich sehe die Zahl der Katholiken, die sich gerade in der Union engagieren, aus verschieden­s‍ten Gründen als zu klein an. Ich ermutige junge Chri­s‍ten, in die Politik zu gehen, sich in Parteien zu engagieren.

DIE WELT: Die FDP fordert die Öffnung der Reproduktionsmedizin für Homosexuelle und die Legalisierung der nicht kommerziellen Leihmutterschaft. Steht der große Kampf zwischen Werten der Kirche und der Politik erst noch bevor?

Koch: Ich bin ganz sicher, daß in diesen Fragen große Auseinandersetzungen vor uns liegen. Was ist technisch machbar und was ist ethisch geboten? Die Leihmutterschaft ist ein ganz gefährliches Thema, bei dem ich mich schon frage, wie man eine solche Formulierung einfach so gebrauchen kann. Ich hoffe, daß wir Gespräche zu solchen Themen nicht erst führen, wenn wieder eine Ab­s‍timmung an­s‍teht. Als Kirche sind wir überzeugt, daß Sexualität und Verantwortung und Ehe und Kinder zusammengehören. Wir haben ein ganzheitliches Menschenbild.(von Ricarda Breyton, Marcel Leubecher-Welt.de)


Schwul und verstoßen: LGBTQ-Menschen, die in einer konservativen Sekte aufwachsen.

Für Hutterer ist die Familie das höchste Gut—es sei denn, du bist schwul.

Hutterer? Etwa drei Viertel lebten in Kanada (British Columbia, Alberta, Manitoba, Saskatchewan), ein Viertel in den USA (Washington, Oregon, Montana, North Dakota, South Dakota und Minnesota). Fast alle von ihnen stammen von den 400 Hutterern ab, die nicht den Home­stead Act von 1862 in Anspruch genommen haben.

Die Offenbarung kam ihm in Form des People Magazines.

Tyrone Hofer war damals 16 und lebte in einer Hutterer-Kolonie im südlichen Manitoba, Kanada. Er merkte früh, dass er irgendwie anders als seine Altersgenossen war. Bereits mit sieben sagte er: "Ich will kein Mädchen heiraten", erinnert er sich.

"Ich habe es einfach gesagt. Ich hatte keine Ahnung warum", sagt der mittlerweile 26 Jahre alte Tyrone gegenüber VICE.(Foto-Vice)

2006 war das Jahr, in dem Tyrone eine Ausgabe des People-Magazine im Wohnzimmer seiner Eltern entdeckte. Auf dem Cover war das ehemalige N'Sync-Mitglied Lance Bass in einem blauen Hemd mit Stickereien zu sehen. Darunter standen die Worte: "Ich bin schwul."

Tyrone wandte sich an seine Mutter—eine Hausfrau, die im Gemeinschaftsgarten und der Küche der Kolonie arbeitete—und fragte sie: "Mom, was bedeutet schwul?", worauf sie antwortete: "Es ist böse, es ist abscheulich. Es ist nicht richtig."

Nachdem er den Artikel gelesen hatte, erkannte Tyrone allerdings, dass das Wort auch ihn beschrieb.

"Wegen der Worte meiner Mutter dachte ich mir aber: 'Oh mein Gott, sie dürfen das nie erfahren. Ich werde das mit ins Grab nehmen.'"

Tyrone ist Teil einer kleinen, aber zunehmend lautstarken Gruppe von Hutterern, die sich als schwul outen—und das in einer Gemeinschaft, die Homosexualität kaum anerkennt, geschweige denn akzeptiert. Queeren Menschen bleibt damit nur die Wahl, ihre sexuelle Orientierung ihr Leben lang geheimzuhalten, oder komplett von Familie, Freunden und einer Lebensart ausgeschlossen zu werden, die sich in Hunderten Jahren kaum verändert hat.

Die Hutterer sind eine Gemeinschaft täuferischer Christen—ähnlich wie die Altamische und die Mennoniten—mit deutschen und österreichischen Wurzeln. Im 19. Jahrhundert emigrierten sie in die USA und 1918 weiter nach Kanada, da sie als strenge Pazifisten während des ersten Weltkriegs große Probleme in den USA hatten. In Kanada gründeten sie Kolonien in Alberta, Saskatchewan und Manitoba. In Nordamerika gibt es heute 480 Hutterer-Kolonien mit insgesamt etwa 50.000 Hutterern, der Großteil davon in Kanada. Allein in Alberta gibt es über 200 Kolonien. Die in ziemlicher Abgeschiedenheit vom Rest der Gesellschaft operierenden Kolonien sind von der Landwirtschaft abhängig und nach dem Prinzip der Gütergemeinschaft organisiert. Das heißt, alles, was verdient und geerntet wird, wird zwischen den 100 bis 150 Bewohnern aufgeteilt. Weil die meisten Kolonien extrem isoliert sind—sowohl geographisch, als auch hinsichtlich ihrer Bräuche und Traditionen—, ist es sehr unüblich, dass Menschen die Kolonien verlassen.

"Du musst dir dort keine Sorgen um irgendetwas machen", sagt Tyrone mit einem leichten deutschen Akzent.

Hutterer leben nach traditionellen Geschlechterrollen. Männer tragen Hosenträger und Hemden, Frauen Kleider und schwarze Kopftücher. Hosen sind für Frauen verboten. Ein Prediger leitet die Kolonie und trifft die geistlichen und finanziellen Entscheidungen für die Gemeinschaft, während die Männer mit handwerklichen Arbeiten Geld verdienen. Frauen erledigen Aufgaben wie Nähen, Kochen und Gartenarbeiten und sind außerdem als Lehrerinnen tätig. Manche Kolonien verbieten es ihnen, einen Führerschein zu machen oder zu wählen.

In der Regel gehen Hutterer täglich zum Gottesdienst—Sonntags gleich zweimal.

In einer achtköpfigen Familie aufzuwachsen (vier Jungs, zwei Mädchen) "hat richtig Spaß gemacht", sagt Tyrone. Seine Kolonie, Starlite, befindet sich etwa 50 Kilometer westlich von Winnipeg, ist etwa einen Quadratkilometer groß und bestellt 40 Quadratkilometer Farmland.

Als Teenager hat er im Schweinestall gearbeitet, dann in der Schreinerei und als Handwerker, bevor er schließlich dem Schatzmeister dabei half, die Finanzen der Kolonie zu organisieren. Er wollte zum Studieren an die Universität, aber der Prediger von Starlite wies seine Anfrage mehrmals zurück. Die einzelnen Kolonien sind unterschiedlich gegenüber Bildung eingestellt, aber, wie einige Hutterer zu VICE sagten, hat diese keine große Priorität. Selbst High-School-Bildung ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist auch einer der Gründe, warum Tyrone sich dazu entschieden hatte, seine Kolonie zu verlassen. Viel mehr stand allerdings noch im Vordergrund, wie sehr es ihm schadete, seine sexuelle Orientierung zu verheimlichen.

"Ich betete fast jede Nacht zu Gott, dass er mich ändert. Über Jahren hinweg. Es sind unglaublich viele Tränen geflossen", sagt er.

Er erzählt davon, wie er einmal nach üblichem Brauch eine benachbarte Kolonie besuchte, um dort Zeit mit einem Mädchen zu verbringen. Angesichts des Drucks sie zu küssen fühlte er sich sichtlich unwohl.

"Da war einfach nur diese unglaubliche Leere in mir", sagt er. "Ich erinnere mich noch an den Heimweg ... ich war einfach so angeekelt."

Am 24. April 2011 verließ Tyrone schließlich Starlite, um die Canadian Mennonite University zu besuchen. Drei weitere Jahre sollte es dann aber noch dauern, bis er sich vollständig outete. Dieser Schritt war emotional zwar unglaublich befreiend für ihn gewesen, führte allerdings dazu, dass ihn die Mitglieder seiner ehemaligen Kolonie fast vollständig exkommunizierten.

Wenige Tage bevor Tyrone, der mittlerweile in Winnipeg lebt, am 9. Juli eine Rede beim ersten Pride March überhaupt in Steinbach, Manitoba, hielt, bekam er von seinem kleinen Bruder eine SMS. Darin stand: "Alles, was ich sagen kann, ist, dass die Hutterer aussterben werden, bevor sie Schwulsein als christlich anerkennen."

Sein kleiner Bruder ist der einzige aus Tyrones direkter Familie, der überhaupt noch mit ihm spricht.

Als er dann die etwa 3.000 Menschen von den Stufen der Steinbach City Hall aus adressierte, hatte Tyrone eine Kette mit einem Kreuz und Regenbogenperlen um den Hals. Er trug einen violetten, paillettenbesetzten Hut und hatte den ganzen Tag über eine große Regenbogenflagge bei sich, die er immer wieder voller Begeisterung schwenkte.(Foto-Tyrone | Foto: Steven Ackerman)

Er sprach in seiner Rede über den Selbsthass seines jüngeren Ich und kämpfte mit den Tränen, als er sich an die schlimmen Dinge erinnerte, die man in seinem Umfeld über Schwule gesagt hatte.

"Das Schlimmste daran war, keinen Standpunkt beziehen und sich verteidigen zu können. Ich musste diese ganzen verbalen Anfeindungen einfach absorbieren und einen Weg finden, mit ihnen auf meine eigene Art fertigzuwerden."

Seinen Eltern gegenüber offenbarte er seine sexuelle Orientierung letzten Sommer in Form eines Essays. Darin argumentierte er, dass er keinen Widerspruch darin sehe, schwul und Christ zu sein. Die Antwort? Funkstille.

"Um ehrlich zu sein, weiß ich noch nicht mal, ob sie es überhaupt gelesen haben."

Nach seinem Essay verfasste er noch einen längeren Facebook-Post, den seine Freunde mit Unterstützungsbekundungen überhäuften—und einige Hutterer mit Hass.

"Meine erweiterte Familie versuchte wirklich alles, damit ich das nicht bei Facebook poste. Sie schämen sich wirklich unglaublich für das, was ich bin."

Obwohl er ihr gesagt hatte, dass er für ein Gespräch noch nicht bereit sei, tauchte seine Mutter plötzlich vor seinem Zuhause in Winnipeg auf, hämmerte gegen die Tür und verlangte, hereingelassen zu werden. Tyrone weigerte sich aufzumachen und bat seinen Mitbewohner darum, sie wegzuschicken. Bald darauf erhielt er einen Brief von ihr.

"Es war eine der schlimmsten Sachen, die ich je in meinem Leben gelesen habe", sagt er. Tyrone möchte den Inhalt des Briefes nicht im Detail wiedergeben, weil er hofft sich eines Tages wieder mit seiner Mutter zu versöhnen. Sie habe ihm darin allerdings geschrieben, dass Homosexualität schlimmer sei als der Tod. Weder Vater noch Mutter haben seit einem Jahr mit ihm gesprochen. Seine Tante ist davon überzeugt, dass er gar nicht schwul ist, sondern eine "Gehirnwäsche" bekommen hätte. Sie sagte ihm, dass er seine Geschwister nicht sehen oder mit seinen Neffen und Nichten spielen darf, solange er sich nicht ändere.

Der Prediger von Starlite, Jacob Hofer, 76, der gleichzeitig Tyrones Onkel ist, war außer sich, als ich ihn anrief, um mit ihm über die Meinung der Kolonie zur Homosexualität zu sprechen.

"Wir predigen keine Homosexualität. Wir predigen Mann und Frau und das andere ist Fleischeslust", sagte er, während seine Stimme vor lauter Aufregung immer lauter wurde. "Fleischeslust kommt vom Teufel und bringt dich in die Hölle." Später rief mich ein Anwalt an, der mir jede weitere Kontaktaufnahme untersagte.

Auf die Frage, ob er Tyrones Anwesenheit in der Kolonie vermissen würde, antwortete der Minister, dass es dort keinen Platz für Schwule gibt.

"Wir haben ihn großgezogen, wir haben ihn gekleidet, wir haben ihn gefüttert ... Und er zieht los und vollzieht das Werk des Teufels."

Zach Waldner, Minister der Kolonie Maple Grove, sagte gegenüber der BBC, dass Hutterer "Versuchungen widerstehen wollen."

"Das, was die Augen sehen und was das Fleisch möchte, dem wollen wir widerstehen."

Tyrone würde die Rückkehr in die Kolonie nur wieder erlaubt werden, wenn er Buße tun und versprechen würde "es nie wieder zu tun", so Minister Jacob. Hutterer, fügte er hinzu, würden es bevorzugen, ein abgeschiedenes Leben, fernab vom Rest der Gesellschaft zu leben, um ihren christlichen Werten treuzubleiben.

"Wir möchten noch nicht einmal wissen, was in der Welt da draußen los ist. Die ist nämlich total gegen unseren Lebensstil und unser Christentum", sagte er.(Foto-Pinterest)

Abgesehen von dem leichten Singsang in seiner Stimme unterscheidet sich Garett Wipf nicht groß vom typisch-urbanen 18-Jährigen. Als ich ihn gegen Ende der Pride-Veranstaltung in der Steinbach City Hall traf, trug er hautenge Jeans, ein graues Hemd und rote Chucks. Seine Haare waren zu einem kleinen Man-Bun zusammengeknotet und er hatte Foundation im Gesicht. Mit großzügiger Verwendung des Wortes "Girl" beschrieb er seine ausschweifenden Abenteuer beim Winnipeg Pride und zählte alle unterschiedlichen Alkoholsorten auf, die er dort konsumierte hatte. Wie Teenager das halt gerne tun.

Garett ist ein Freund von Tyrone (alle schwulen Hutterer, mit denen ich mich unterhalten habe, kennen sich untereinander), der aus Solidarität am Steinbach Pride teilgenommen hat. Er ist vor über anderthalb Jahren aus seiner damaligen Hutterer-Kolonie weggelaufen, nachdem seine Mutter ihn wegen seiner Homosexualität konfrontiert hatte.

"Sie sagte: 'Du musst hetero werden, das ist inakzeptabel.' ... Es hat ihr wirklich das Herz gebrochen", erzählt er mir.

Nach einer Woche des gegenseitigen Anschweigens arrangierte Garett ein Treffen mit einem Freund in der Nähe einer Styroporfabrik am Rand der Kolonie.

"Ich schmiss einen Müllsack voller Klamotten in das Auto und fuhr einfach los", sagt er.

Der damals erst 16-jährige Garett hatte zunächst Probleme in Winnipeg Arbeit zu finden, aber fand schließlich einen Job auf dem Bau, wo er auch heute noch arbeitet. Er ist seitdem nicht mehr in der Kolonie gewesen und sagt, dass seine direkte Familie zwar mit ihm sprechen würde, aber er nach seinem Outing fast auf einen Schlag 120 Hutterer-Freunde auf Facebook verloren hatte.

"Ich werde jetzt gehasst", sagte er. "Mir ist es wahrscheinlich verboten, überhaupt zur Kolonie zurückzukehren. Ich bin quasi ausgestoßen."

Garett fuhr mit VICE in die Nähe seiner ehemaligen Kolonie, die sich nicht weit von Oak Bluff, Manitoba, befindet. Zu Beginn der einstündigen Fahrt vorbei an Flachs- und Rapsfeldern sang er noch auf der Rückbank fröhlich zu Fergies "M.I.L.F.$" mit und snapchattete mit seinen Freunden, aber je näher wir der Kolonie kamen, deren Name er übrigens nicht genannt sehen möchte, desto angespannter wurde er. Er begann sich auf der Lippe zu beißen, fummelte mit den Händen rum, faltete einen Pride-Sticker zusammen und blickte angstvoll aus dem Fenster.

"Ich bin extrem nervös", sagte er, während wir auf einem Feldweg entlangfuhren, der zur Kolonie führte. Diese verbirgt sich versteckt hinter einer dichten Baumreihe, was sie nur noch geheimnisvoller erscheinen lässt. "Ich spüre einfach, dass ich hier überhaupt nicht willkommen bin."

Obwohl er zugibt, als Kind für seine "feminine" Art gehänselt worden zu sein—er spielte gerne mit Kinderwägen und Puppen—sagt Garett zu VICE, dass er gewisse Aspekte des Kolonie-Lebens vermissen würde, vor allem diese "enge Verbundenheit." Auch andere Hutterer haben angepriesen, wie die Menschen in den Kolonien aufeinander achtgeben.

"Ich habe meine Freunde und meine Familie jeden Tag gesehen." Aber sobald er die Kolonie verließ, waren Jahre über Jahre voller Depressionen "wie weggewaschen", sagt er.

"Ich konnte mich nicht outen, ich behielt es für mich. Ich konnte anderen Hutterern nicht so helfen, wie ich das jetzt tue", so Garett.

Kelly Hofer (nicht verwandt mit Tyrone und Jacob) ist zum Gesicht schwuler Hutterer in Nordamerika geworden.

Der heute 23-Jährige hatte sein Coming-Out mit 19 in Form eines Facebook-Posts, das damals viele Male geteilt wurde. Er schockierte damit andere Hutterer, die wahrscheinlich nie damit gerechnet hatte, dass in ihren Reihen jemand schwul sein könnte. Erst kurz davor war er nach Calgary gezogen, um Fotograf zu werden.

Seitdem ist Kelly Protagonist einer BBC-Dokumentation namens How to Get to Heaven With the Hutterites gewesen, die ihn beim Verlassen seiner Kolonie Green Acress begleitete, und wurde außerdem im Guardian und verschiedenen kanadischen Medien zitiert.

Neben der Ablehnung und dem Hass, die Kelly damals zu spüren bekam, erhielt er auch Unterstützung von Hutterern, die sich selbst noch kein Outing getraut hatten. Er gründete daraufhin eine geheime Facebook-Gruppe, die momentan etwa 19 Mitglieder hat—alles schwule Hutterer.

"Die Menschen posten darin, wie stolz sie über ihr Outing sind, man verabredet sich zu treffen, schreibt über seinen persönlichen Kampf", so Kelly.

VICE hat sich mit sechs von ihnen unterhalten. Es sind größtenteils Männer, aber auch eine Frau, die alle eine ähnliche Geschichte teilen. Entweder outen sie sich und verlassen die Kolonie oder werden verstoßen, oder sie bleiben in dem Wissen, dass sie ihre Sexualität nie offen ausleben werden.(Garett Wipf schaut aus dem Autofenster auf seine ehemaligen Kolonie | Foto: Jordan Molaro)

Was die Rechte von Schwulen und Lesben angeht, hinken die Hutterer dem restlichen Kanada 40 bis 50 Jahre hinterher, so Kelly.

"Das Thema Gleichberechtigung steht überhaupt nicht zur Debatte. Gerade geht es nur darum, überhaupt anzuerkennen, dass queere Menschen überhaupt existieren", sagte er.

Das heißt allerdings nicht, dass kein Fortschritt möglich ist. Papst Franziskus sagte vor Kurzem erst, dass die katholische Kirche sich bei der LGBT-Gemeinschaft für die Diskriminierung entschuldigen müsse—eine Position, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Und gerade erst hat die anglikanische Kirche für die gleichgeschlechtliche Ehe gestimmt.

Was sein persönliches Leben angeht, habe seine Mutter nun vollends akzeptiert, dass Kelly schwul ist. Es ist ihm trotzdem unangenehm, mit ihr über die Jungs zu sprechen, die er trifft.

"Dating ist in gewisser Weise unglaublich schwer, weil es immer diese unterschwellige Angst gibt, dass ich damit meine ganze Familie verstoße."

Tyrone und Garett kennen Kelly beide aufgrund seines Coming-Outs. Beide sagen, dass sie anderen Hutterern, die ihr Coming-Out noch nicht hatten, damit helfen wollen, indem sie ihre eigenen Geschichten öffentlich machen.

"Es gibt so viele andere queere Hutterer, die im Verbogenen leben; die sich vor dem fürchten, was sie sind; die Angst haben, von ihrer Familie geoutet oder verleugnet zu werden; die Angst davor haben, schlecht behandelt oder sogar exkommuniziert zu werden", so Tyrone. "Das muss einfach thematisiert werden." (Vice- Manisha Krishnan) 


Homosexualität bleibt schwieriges Thema

Was bedeutet das apo­s‍tolische Schreiben des Pap­s‍tes für die katholische Familienpolitik? Die Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins hat die 184 Seiten gelesen und verrät uns ihre Prognose des Umgangs der Katholiken mit familiären Konflikten und modernen Kon­s‍tellationen.

Anne Françoise Weber: Über zwei Jahre hat der Prozeß gedauert: Umfragen fanden statt, Arbeitspapiere wurden vorbereitet, zweimal tagten Synodenväter und Beobachter und Beobachterinnen aus aller Welt in Rom, um über die Themen Ehe und Familie zu diskutieren. Nun hat Papst Franziskus aus dem Ganzen ein nachsynodales apo­s‍tolisches Schreiben – so der Fachbegriff – gemacht. Vor einiger Zeit wurde es in Rom veröffentlicht. "Amoris Laetitia" lautet der lateinische Titel traditionsgemäß nach den er­s‍ten beiden Worten des Textes, denn der er­s‍te Satz lautet: "Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche." Aber ganz so einfach ist es ja doch nicht mit dieser Freude der Liebe. Es gibt Konflikte, Gewalt, Trennungen, und es gibt Familien, die dem klassischen Schema Vater, Mutter, Kinder nicht mehr entsprechen. Damit muß die katholische Kirche umgehen und das alles mit ihrer Lehre in Einklang bringen. Wie nun der Papst diese Dinge sieht, welche Schlüsse er aus dem synodalen Prozeß zieht und welche Vorgaben er als Oberhaupt der katholischen Kirche macht, darüber habe ich vor der Sendung mit Marianne Heimbach-Steins gesprochen. Sie ist katholische Theologin, Professorin für Christliche Sozialethik an der Universität Mün­s‍ter und leitet dort das In­s‍titut für christliche Sozialwissenschaften. Was ist für sie die wichtig­s‍te Botschaft des immerhin 184 Seiten langen Dokuments? (Foto-Deutschlandfunk.kultur)

Marianne Heimbach-Steins: Zunächst einmal denke ich, schon der Titel gibt wieder einen Tenor vor, und das ist eine ganz wichtige Botschaft, daß der Papst über die Wirklichkeit von Familie, von Ehe und Partnerschaft und Familie unter dem Vorzeichen der Freude und der Liebe sprechen möchte. Das ist nicht immer so selbstver­s‍tändlich gewesen in der katholischen Lehre über diese Themen, und für Papst Franziskus ist das ganz klar sozusagen ein Leitwort seines Pontifikates, seiner Verkündigung, daß er die "Freude des Evangeliums" – das war schon mal ein Titel eines sehr Lehrschreiben – ins Zentrum stellt, von daher versucht, einen durchaus reali­s‍tischen Blick auf die Wirklichkeit, auch auf komplexe Wirklichkeiten zu richten. Das scheint mir eine zentrale Botschaft auch zu sein, die aus diesem neuen großen Schreiben heraus spricht.

Sakramente als Nahrung für die Schwachen

Weber: Ziemlich ausführlich geht der Papst auch auf besondere Situationen ein, unter die dann auch die geschiedenen Wiederverheirateten fallen. Da stößt er jetzt nun die Lehre nicht komplett um, daß diese Katholiken im Prinzip keine Euchari­s‍tie empfangen sollen, aber er schreibt neben allgemeinen Bemerkungen zur Prüfung der Situation auch noch in zwei Fußnoten, daß die Sakramente eine Hilfe sein können und daß sie Nahrung für die Schwachen, nicht Belohnung für die Vollkommenen sein sollen. Warum handelt er so ein zentrales Thema in letztlich zwei Fußnoten ab? Können Sie sich das erklären?

Heimbach-Steins: Ich sehe das etwas anderes: Ich würde nicht sagen, daß das Thema nur in den Fußnoten abgehandelt wird, sondern man muß den Gesamtduktus des Textes sehen, um die Bedeutung dieses Themas einzuschätzen. Ich glaube, Papst Franziskus hat von den Synodenprozessen her ganz stark den Impetus aufgenommen, dieses Thema der Beteiligung, der Integration – er spricht von Eingliederung aller – in die Gemeinschaft der Kirche als einen Prozeß, einen pastoralen Prozeß ganz hoch zu hängen und diesen pastoralen Prozeß in ein gutes Verhältnis zu der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe zu setzen. Das führt dazu, daß er natürlich das Bild dieser auf lebenslange Treue angelegten Ehe, die im Sakrament besiegelt wird und die sich die Eheleute selbst versprechen vor Gott, das macht er stark, und gleichzeitig sagt er, es ist eben eine dynamische Wirklichkeit, und wir müssen uns dieser Wirklichkeit öffnen und stellen und sie in den jeweiligen konkreten Situationen anschauen und nicht einfach so ein Schwarz-Weiß-Bild – hier die Norm, da die Wirklichkeit, die der Norm nicht entspricht –, und dann ist da eben ein Bruch, eine Diskrepanz, die wir aufgrund der Treue zum Sakrament nicht heilen können. Darüber will er hinweg.

Weber: Am Anfang schreibt er auch sehr explizit, man könne im jeden Land oder in jeder Region besser inkulturierte Lösungen suchen, die eben örtlichen Traditionen und Herausforderungen gemäß sein können. Ist das dann ein Auftrag an die Prie­s‍ter vor Ort, die Einzelfälle vor diesem Hintergrund zu prüfen, oder geht es dann doch um einen Auftrag an die Ortskirchen und ihre Bischofskonferenzen, da gemeinsame Regelungen zu finden?

Heimbach-Steins: Die Eingangsbemerkungen zu der Bedeutung dieser Überlegungen in dem Schreiben sind ganz, ganz entscheidend für die Rezeption und für die Aufgabe, die da auf jeden einzelnen Seelsorger, natürlich auch auf die jeweils örtlich verantwortlichen Bischöfe zukommen, in einer sehr wachen Wahrnehmung der lokalen Situation, der kulturellen Situation, der Rahmenbedingungen, unter denen in einem be­s‍timmten Kontext Familie gelebt wird, anzuschauen und dann aber nicht nur wiederum dafür allgemeine Normen stark zu machen, sondern wirklich den Einzelfall pastoral anzuschauen, und das nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg, sondern mit den Betroffenen, mit den Menschen, die ganz konkret ihre Lebensgeschichte vor Gott reflektieren wollen. Das macht er sehr stark, indem er, so wie das auch in den Synodenprozessen sich schon abzeichnete, einen neuen starken Akzent auf das individuelle Gewissen legt, auf das Gewissen der Menschen, die in Familienwirklichkeiten leben, auch auf das Gewissen derer, die als Seelsorgende mit diesen Menschen unterwegs sind. Das, glaube ich, ist eine ganz entscheidende Botschaft, eine ganz entscheidende Weichen­s‍tellung, die der Papst auch mit diesem Schreiben noch mal bekräftigt, die sehr seinem Ver­s‍tändnis des Verhältnisses von Lehre und Leben entspricht. Dafür ist außer dem Stichwort des Gewissens das für den Papst sehr typische Stichwort der Unterscheidung ganz besonders wichtig, das in seinem Denken als Jesuit eine zentrale Rolle spielt.

Respekt für Homosexuelle

Weber: In Deutschland ist dieses Thema der wiederverheirateten Geschiedenen sehr zentral. Gehen Sie davon aus, daß die Bischofskonferenz sich da noch mal klar zu Wort melden wird oder daß man sich da doch eher zurückhält und das den einzelnen Seelsorgern überläßt?

Heimbach-Steins: Ich vermute schon, daß die Kirche in Deutschland in Gestalt ihrer Verantwortungsträger sich mit diesem Thema weiter intensiv befassen wird, zumal auch aus dem deutschen Sprachzirkel in der zweiten Synode wesentliche Impulse für das Thema gekommen sind, und das natürlich – gerade weil das Thema so bedeutend und auch in der Öffentlichkeit der deutschen Kirche so hoch angesiedelt ist –, natürlich jetzt nicht einfach im individuellen Arbeitsalltag der Seelsorgenden und der Menschen verschwindet oder nur dort angesiedelt sein wird. Ich glaube, daß das uns weiter beschäftigen wird und einem sehr konstruktiven Sinn beschäftigen kann.

Weber: Der Papst schreibt von der Vielfalt familiärer Situationen, und er ruft dazu auf, homosexuelle Menschen zu respektieren und ihre Würde zu achten. Er stellt aber trotzdem noch mal sehr deutlich klar, daß es keine Analogien zwischen homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem, ich zitiere, "Plan Gottes über Ehe und Familie geben kann". Wieso ist in diesem Punkt so wenig Spielraum?

Heimbach-Steins: Also in diesem Punkt geht das Schreiben des Pap­s‍tes nicht über das hinaus, was das letzte Synodendokument festgehalten hat. Das hat über diese Fragen in beiden Synoden intensive Debatten gegeben, und ganz offensichtlich ist es so, daß hier in unterschiedlichen Teilen der Weltkirche je nach gesellschaftlichem, kulturellem Kontext die Diskussionsspielräume offenbar sehr, sehr unterschiedlich sind. Meine vorsichtige er­s‍te Einschätzung ist, der Papst hat jetzt mit dem nachsynodalen Schreiben versucht, an den Punkten zu intensivieren, die Diskussion weiterzuführen aus der Synode, an denen auch im gesamtkirchlichen Spektrum eine Konsensbildung vorangeschritten ist im Rahmen der Synoden.

Bei dem Thema Homosexualität, Umgang mit Menschen in homosexuellen Lebensgemeinschaften hat sich das in den Synoden als extrem schwierig erwiesen. Von daher habe ich den Eindruck, er läßt das im Moment liegen, könnte man sagen, auf dem Stand, der in den Synoden erreicht worden ist, der nicht wirklich über den Katechismus der Weltkirche hinausgeht. Ich würde aber ergänzen, daß mit dem Grundduktus, den der Papst vor­s‍tellt und den er aus den Synodenprozessen heraus ver­s‍tärkt, für meine Begriffe, mit diesem pastoralen Weg, mit der Betrachtung der konkreten einzelnen Situationen, mit dem starken Werben für das Wahrnehmen der Gewissensverantwortung aller Beteiligten, daß hier im Grunde genommen ein Weg eröffnet wird, der auch für weitere Fragen, die im Moment noch nicht als spruchreif oder als entscheidbar angesehen werden, Wege geöffnet werden, auf denen man weitergehen können wird. Das ist zumindest die Hoffnung, die ich daran knüpfen würde.

Vorsichtige Äußerungen zur Gender

Weber: Sie haben in Ihren eigenen Forschungen in früheren Dokumenten der katholischen Kirche Sichtbehinderung in Bezug auf eine Genderperspektive festge­s‍tellt. Wie sieht es jetzt hier aus? Der Papst schreibt ja viel über Frauen, er spricht auch von der Unterscheidung zwischen sex und gender, also biologischem Geschlecht und sozial-kulturellen Rollenzuschreibungen. Sind jetzt alle Sichtbehinderungen weg?

(Foto-dw.com)

Heimbach-Steins: Nein. Ich glaube nicht. Das Schreiben ist vergleichsweise zurückhaltend im Umgang mit diesem Thema. Der Papst macht sehr deutlich seine Wertschätzung für jeden Einsatz für die Würde und die Rechte der Frauen. Er hat in einem Abschnitt des Textes die Ablehnung dessen, was in manchen kirchlichen Kreisen unter dem Stichwort Genderideologie verhandelt wird, aufgegriffen. Auch das entspricht dem, was in den letzten Synodendokumenten zu lesen war. Es kommt aber vorsichtiger daher, als wir das in manchen früheren kirchlichen Dokumenten lesen mußten, konnten, je nachdem, wie man das interpretiert. Ich glaube, daß es da tatsächlich noch viel zu tun gibt. Ich würdige die Vorsicht, mit der insgesamt dieses Thema angefaßt wird als eine ganz behutsame Signalsetzung, auch hier ist nicht das letzte Wort gesprochen. Man muß noch mal genauer gucken, wo wird denn hier der Ideologievorwurf gesehen, was wird da wie ver­s‍tanden, worauf bezieht man das überhaupt. Das ist in den kirchlichen Dokumenten mei­s‍tens nicht so richtig klar, wer eigentlich die Gegner sind. Hier ist auf jeden Fall für meine Begriffe eine Bau­s‍telle, an der wir weitere Forschungen, weitere Diskussionen, weitere Klärungsarbeit auch im kirchlichen Spektrum unbedingt brauchen.

Weber: Die er­s‍ten Einschätzungen gehen weit auseinander: Den einen fehlen große Veränderungen in der Lehre, den anderen fehlt ein klares Festhalten daran, die beklagen dann eine zu große Liberalisierung. Was fehlt Ihnen denn als katholische Sozialethikerin in diesem päpstlichen Schreiben?

Heimbach-Steins: Ich habe wahrgenommen zum Beispiel, daß die Äußerungen zu den Fragen der Bevölkerungsentwicklung weltweit vorsichtiger sind, als wir es manchmal kennen, daß sie aber auch vielleicht noch nicht Lösungen anbieten für die Fragen, die sich hier in sehr unterschiedlicher Weise in den unterschiedlichen Regionen im Norden und im Süden der Welt dar­s‍tellen. Das wäre für mich ein Thema, an dem sozialethisch unbedingt weiterer Klärungsbedarf ist. Ich denke, daß die sehr guten Ansätze zur Wahrnehmung der großen Vielfalt von Wirklichkeiten, auch von bedrängten Wirklichkeiten der Menschen in Armutssituationen der Menschen in Migrationssituationen und so weiter, daß hier sehr gute Ansätze sind, die wir aber natürlich auch sozialethisch, auch in der kirchlichen Lehre unbedingt weiterentwickeln müssen, wenn wir uns die dramatischen Situationen in der Welt anschauen. Ich glaube, daß wir bei dem Thema Geschlechterverhältnisse wirklich weiterschauen müssen und hier nicht nur jeweils die Situation auf die Frauen wahrnehmen, sondern wirklich das Verhältnis von Männern und Frauen in unterschiedlichen Gesellschaften und die Weiterentwicklung eines wirklich gleichberechtigten Miteinanders. IN dem Zusammenhang würde ich aber gerne noch ein positives Wort sagen: Was mir an dem Schreiben sehr aufgefallen ist, ist, daß die Subjektposition der Kinder ganz erfreulich wahrgenommen wird.

Weber: Vielen Dank, Marianne Heimbach-Steins, Professorin für Christliche Sozialethik an der Universität Mün­s‍ter!(Deutschlandfunk-Kultur)

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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»Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?« Diese Worte von Papst Franziskus ließen die Welt aufhorchen und viele homosexuelle Priester Hoffnung schöpfen. Doch ein grundlegender Wandel in der Haltung der katholischen Kirche gegenüber Homosexualität lässt weiter auf sich warten. Umso mehr Wirbel verursachte das Coming-out des hochrangigen polnischen Priesters Krzysztof Charamsa im Oktober 2015. Charamsa lehrte an der Gregoriana und war Mitglied der Kongregation für die Glaubenslehre. Charamsa, der mit einem Mann zusammenlebt, wählte bewusst den Zeitpunkt kurz vor Beginn der Familiensynode im Vatikan, um auf das »unmenschliche« Verhältnis der Kirche zu Homosexuellen hinzuweisen und auf die Tatsache, dass der Klerus in weiten Teilen homosexuell sei. In seinem Buch berichtet Charamsa von seinem persönlichen Werdegang und seiner Kirchenkarriere, eröffnet erschreckende Einblicke in den Alltag von kirchlicher Ausbildung und Klerus, beschreibt die Absurdität von Doktrinen und Vorschriften wie dem Zölibat. Dabei greift er immer wieder die homophoben Strukturen der katholischen Kirche an. Sein Coming-out wird für ihn zur großen Befreiung. Seine persönliche Geschichte ist die Geschichte "einer Kirche, die besessen ist vom Sex, die der Sex krank macht."






Wie ein Schwulen-Aktivist sich in den Islam verliebte- Oder?!?

„Dass ausgerechnet ein Schwuler zum Islam konvertiert, dürfte für erhebliche Irritationen und Unverständnis sorgen. Viele Muslime betrachten Homosexualität als Sünde“

Chri­s‍tian Hermann ist homosexuell – und Islam-Konvertit. Nach einer halben Stunde habe er sich entschieden, sagt der Schwulen-Aktivist: „Als ich auf dem Gebet­s‍teppich stand, war Gott da.“ Begegnung in Berlins liberaler Moschee.

Sein erstes Coming-out hatte Christian Hermann mit 19 Jahren. Damals bekannte er sich zu seiner Homosexualität. Dieser Schritt hatte schwerwiegende Folgen für ihn. Sein zweites Coming-out könnte das Leben des heute 47-Jährigen ebenso durcheinanderwirbeln: Er ist dem muslimischen Glauben beigetreten.                                                                                         (Foto-maneo.de)

Dass ausgerechnet ein Schwuler zum Islam konvertiert, dürfte für erhebliche Irritationen und Unverständnis sorgen. Viele Muslime betrachten Homosexualität als Sünde. In zahlreichen islamischen Ländern werden Lesben und Schwule verfolgt, müssen um ihr Leben bangen. Auch in Deutschland haben es schwule Muslime nicht leicht. Was hat ihn zu dieser Entscheidung getrieben?

Christian Hermann selbst fällt eine Antwort schwer. Schwulenfeindlichkeit sei durch den Koran jedenfalls nicht gerechtfertigt, sagt Hermann, der seit elf Jahren in Berlin lebt. In den Suren gebe es weder einen Hinweis auf Homosexualität noch eine Verurteilung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen. „Mein Gott ist ein barmherziger, ein behütender Gott.“

Christian Hermann trägt Trainingshose, Oberhemd und einen rötlich braunen Vollbart. Damit entspricht er ganz dem Klischee eines deutschen Konvertiten. Doch einen Bart habe er sich schon vor vielen Jahren stehen lassen, sagt er. Er hat als Treffpunkt die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit vorgeschlagen; dort empfängt er regelmäßig Besucher, die mehr über das Gemeindeleben wissen möchten.



Erst vor knapp zwei Wochen sprach er selbst in dem hellen, schlicht gehaltenen Gebetsraum die Glaubensformel und trat damit offiziell dem Islam bei. Die Rechtsanwältin Seyran Ates, eine der Gründerinnen der im Juni eröffneten Moschee, sprach die Glaubensformel gemeinsam mit ihm. Der Konvertit steht für eine zeitgemäße, eine liberale Auslegung des Islam. Er spricht von Reform-Islam, Euro-Islam.

Vor dem Eingang zur Moschee, die Räume einer evangelischen Kirche nutzt, parkt ein Streifenwagen. Ates erhält Morddrohungen, sie steht ständig unter Polizeischutz. In ihrer Moschee sind weibliche Imame und homosexuelle Gläubige willkommen. Das bringt viele konservative Muslime und Islamisten auf, im In- und Ausland.

Gäbe es die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee nicht, wäre Hermann nicht konvertiert. Als er von der Eröffnung hörte, dachte er zunächst, er habe eine Adresse für seine muslimischen Klienten gefunden. Hermann engagiert sich seit vielen Jahren in der LGBT-Bewegung. Er steht auch muslimischen Schwulen zur Seite und beschloss, sich vor Ort zu informieren. Das war am 26. Juli.

„Ich bin hier aufgeschlagen, hatte ein Gespräch mit einem Islamwissenschaftler, und nach 30 Minuten war ich in den Islam verliebt“, sagt er. „Als ich auf dem Gebetsteppich stand, war Gott da. Es fühlte sich an, als ob er mir über den Nacken streichelt, als ob er mich hält.“

So richtig erklären kann er sich das nicht. „Ich bin nicht zum Islam gekommen, es war eher andersherum. Das hat sich auf einer metaphysischen Ebene gefügt, die sich meiner Kenntnis entzieht.“ Er habe das alles nicht geplant.

Als 19-Jähriger war Hermann aus der evangelischen Kirche ausgetreten. „Ich fühlte mich nicht abgeholt“, sagt er. Doch Religion beschäftigte ihn weiterhin. Er setzte sich mit dem Judentum auseinander, dem Buddhismus, und auch im Koran blätterte er gelegentlich. „Ich war immer schon spirituell, doch mein Glaube war nicht auf Religionen bezogen.“

Raus aus der „Komfortzone“

Das fiel in die Zeit seines ersten Coming-outs. Als seine Mutter damals Exemplare der „Nürnberger Schwulenpost“ in seinem Zimmer entdeckte, „machte sie ein Riesendrama daraus“, sagt Hermann. Er musste ausziehen, die Mutter strich ihm das Geld und brach den Kontakt zu ihrem Sohn ab. Der junge Mann zog in ein möbliertes Zimmer und verließ das Gymnasium in Fürth vor dem Abitur. Sein Traum einer akademischen Laufbahn endete, bevor sie begonnen hatte. Christian Hermann fing als Hilfsarbeiter an.

Hermann ist gelernter Industriekaufmann und war mehrere Jahre lang als Projektmanager in einer Folienfirma tätig. Wegen gesundheitlicher Probleme kann er nicht mehr arbeiten; er bezieht eine monatliche Rente von rund 940 Euro. Er ist alleinstehend.

Doch es ist nicht so, dass er den Islam bräuchte – das gemeinsame Freitagsgebet, das Koranstudium, die Präsenzdienste in der Moschee –, um seine Tage auszufüllen. In seiner Wohnung in einem Hinterhaus in Berlin-Kreuzberg schreibt er Science-Fiction- und Fantasy-Kurzgeschichten, die er als E-Books herausbringt. Demnächst plant er einen Roman; er habe jetzt einen Verleger gefunden.

Zudem fährt er zwei Mal die Woche, montags und donnerstags, mit dem Zug ins brandenburgische Trebbin. Dort trainiert er seit einem Jahr den dortigen Rugby-Club. Demnächst kommen noch die Spieltage hinzu. „Ich habe den Verein für die Regionalliga fit gemacht“, sagt er. Vor fünf Jahren fing Hermann, der laut eigener Aussage nie Sport getrieben hatte, als Spieler in einem schwulen Rugby-Verein in Berlin an.

Er musste bald wieder aufhören, weil sein Körper das nicht mitmachte, und erwarb stattdessen eine Trainerlizenz. „Rugby ist ein großer Teil meines Lebens“, sagt Hermann. Es sei ihm mit dieser Sportart ähnlich ergangen wie mit dem Islam. Er habe sich in Rugby verliebt. Aber Homophobie sei weit verbreitet – das sei vielleicht eine weitere Parallele zum Islam.

Es scheint, als ob Christian Hermann immer dorthin geht, wo es wehtut, wo Schwule ausgegrenzt werden. „Ich habe mir das nicht vorgenommen. Die Menschen bleiben gern in ihrer Komfortzone. Bei mir ist das anders“, sagt er. Auch viele Schwule hätten sich in einer „atheistischen Komfortzone“ eingerichtet, „dabei gibt es etliche aus der LGBT-Szene, die religiös sind.“ Doch häufig seien sie traumatisiert durch die christliche Religion und hätten die Schuldzuweisung der Kirchen verinnerlicht.

Manchmal wird er zu Schwester Aura

Hermann hat sich gegen diese Ausgrenzung gewehrt. Kurz nach seinem Umzug nach Berlin im Jahr 2006 schloss er sich den „Schwestern der Perpetuellen Indulgenz“ an – den Schwestern der immerwährenden Lebensfreude und Ausschweifung, die in den USA seit 1979 in Nonnentracht oder Frauenkleidern durch die Kneipen ziehen. Ihren Ursprung hatte die Bewegung in San Francisco; seit 1991 gibt es einen deutschen Ableger. Der Begriff Indulgenz, sagt Christian Hermann, stehe im katholischen Kirchenjargon auch für Ablassbrief. „Unsere Botschaften sind: Freude verbreiten und Schuld auflösen.“

Hermann ist dann als Schwester Aura mit weiß geschminktem Gesicht und im Hausfrauenlook beim Christopher Street Day unterwegs, mit den Schwestern geht er zu schwulen Straßenfesten oder in Klubs. Dort verteilen sie Safer-Sex-Broschüren, informieren über Aids, sammeln Spenden, beraten HIV-Positive. Inzwischen arbeiten die Schwestern mit katholischen Hilfsprojekten zusammen.(Foto-Welt.de)

n der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee betritt eine Besucherin den Gebetsraum, die Schuhe in der Hand. „Ich bin Schiitin aus Hamburg, meine Eltern sind Kriegsflüchtlinge aus dem Irak“, stellt sie sich etwas atemlos vor. Die junge, elegant gekleidete Hamburgerin erzählt, dass sie einen Geschäftstermin in Berlin gehabt habe und über die Autobahn gerast sei, um noch Zeit für einen Abstecher in die Moschee zu haben. „Für mich öffnet sich mit diesem Ort der Zugang zum Islam. Endlich habe ich einen direkten Zugang zu Gott. Dass Frauen hier in der ersten Reihe beten können, tut mir richtig gut“, sagt sie.

Hermann ist ein aufgeschlossener, ein freundlicher Mann. Er berichtet ihr, wie herzlich ihn seine Glaubensbrüder und -schwestern aufgenommen hätten und dass auch Schwule im Islam ihren Platz hätten. „Na ja“, sagt die Frau, sie ist skeptisch. Als Kind habe sie einen offenen Islam erlebt, doch diese Zeit sei vorbei.

Hermanns Präsenzdienst in der Moschee ist bald darauf beendet. Er geht noch ins Café „Berio“ am Nollendorfplatz im Ortsteil Schöneberg, ein Treffpunkt der schwulen Szene. Bei einer Eisschokolade berichtet er von ersten Reaktionen auf sein Coming-out als Muslim. „Auf Facebook hat ein katholischer Schwuler gepostet, er finde es unglaublich, dass ich mich meinem eigenen Schlächter an den Hals werfe“, sagt er. „Die Leute denken, dass ich irregeleitet oder durchgeknallt bin.“

Er wolle dieser Vorstellung das Bild eines menschlichen Islam entgegensetzen. Manche aus seinem Umfeld halten ihm auch vor, er wolle nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch wenn das bedeutet, Muslim zu werden. Das habe ihn schon getroffen. Doch dann sagt er: „Ich bin Schwester, ich bin Rugby-Trainer, ich bin Anfeindungen gewohnt.“

Bei seiner leiblichen Schwester in Bayern geht Christian Hermann sein Coming-out aber behutsam an. Bislang hat er ihr lediglich mitgeteilt, er habe sich einer Gemeinde angeschlossen. Dass es keine christliche ist, muss er ihr noch sagen.(Welt.de- Von Thorkit Treichel)



Homosexualität - ein Greuel? Oder was sagt die Bibel wirklich ?!?

Immer wieder wird "bibeltreu" argumentiert, Homosexualität dürfe nach Gottes Willen nicht sein. Wie soll man in dieser Frage theologisch urteilen? Jürgen Ebach dazu:

Da sind auf der einen Seite diejenigen, die an der strikten Verbindlichkeit der "Schrift" festhalten, und auf der anderen Seite diejenigen, die auf kultur- und wissensgeschichtliche Differenzen zwischen biblischen und gegenwärtigen Lebenswelten verweisen. Gerade die Debatten um Homosexualität und Kirche zeigen beide Positionen in unüberbrückbarem Gegensatz.

Die Erklärung, das stehe nun einmal in der Bibel, überzeugt die einen nicht, und die Bekundung, man müsse das heute anders beurteilen, die anderen nicht. Ich möchte die Position derer, für die die "Schrift" verbindliche Lebensnorm ist, ganz ernst nehmen, ja ich teile sie. Daß ich dennoch und gerade darum jede Diskriminierung nicht nur der Veranlagung, sondern auch der gelebten Sexualität von Homosexuellen ablehne, will ich begründen.(Foto-Pinterest.de)

Die Bibel kennt keine homosexuellen Partnerschaften

Die Gründe liegen auf mehreren Ebenen. Die eine hat mit meiner historisch-exegetischen Sicht als Bibelwissenschaftler zu tun. Weder im Alten noch im Neuen Te­s‍tament ist in den negativen Aussagen über homosexuelle Praktiken eine auf Dauer angelegte Liebesbeziehung zwischen Menschen gleichen Geschlechts im Blick. Die beiden Stellen im 3. Mosebuch (18,22; 20,13), die es als Greuel bezeichnen, wenn ein Mann bei einem Mann wie bei einer Frau liegt, haben keine homosexuelle Partnerschaft vor Augen, sondern einen be­s‍timmten Sexualakt, der als für Männer entwürdigend gilt.

Vollends die schlimme Geschichte in 1Mose 19 muß bei dieser Frage außer Acht bleiben. Denn hier geht es um Vergewaltigung von Männern. Wäre das ein Argument gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften, so wären biblische Erzählungen von der Vergewaltigung einer Frau ein Argument gegen heterosexuelle Beziehungen. Wer Homosexualität auf eine Ebene mit Vergewaltigung und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche stellt, verharmlost die Gewalt und kann sie darum sogar befördern.

Paulus verurteilt (Römer 1,26f.) den Geschlechtsverkehr von Frauen und Frauen, Männern und Männern als "gegen die Natur". An anderer Stelle (1Korinther 11,14) bietet Paulus das gleiche Argument gegen Männer auf, die das Haar lang wachsen lassen. Um "Natur" geht es da gewiß nicht. Haare wachsen bei Männern nicht weniger als bei Frauen und die Haartracht ist eine Frage von Kultur und Mode. Warum sollte der fragwürdige Naturbegriff des Paulus in der Homosexualitätsdebatte zum Urteilsgrund werden? Ich vermute, daß es letztlich nicht diese und ähnliche Bibel­s‍tellen sind, die das Urteil begründen, sondern daß sie ein ohnehin fest­s‍tehendes Urteil unterfüttern. Biblische Worte und Texte werden dann zur Norm, wenn sie das be­s‍tätigen, was man aus anderen und teilweise durchaus honorigen Gründen selbst meint. Tun sie das nicht, werden sie als Zeugnisse einer vergangenen Lebenswelt abgebucht.

Auch ein nicht ganz durchgebratenes Steak gilt in der Bibel als Greuel

Damit bin ich bei einer zweiten Ebene. Warum nimmt wer, wie und wogegen welche Worte der "Schrift" in Anspruch und warum andere nicht? Einige Beispiele: In der Bibel erscheint ungeborenes Leben nicht als Leben – man lese dazu 2Mose 21,22-25. Niemand in der Kirche wird das als heute zureichende biblische Norm in der Abtreibungsfrage ansehen. Es gibt eine Fülle biblischer Gesetze, deren Einhaltung in einer evangelischen Kirche auch von Biblizi­s‍ten nicht eingeklagt wird.

Ich denke an die Reinheitsvorschriften etwa im 3. Mosebuch. Was beispielsweise darf man essen und was man nicht? Dieses Thema nimmt in der "Schrift" sehr viel mehr Raum ein als die Bemerkungen über homosexuelle Praktik. Mit derselben Begründung, es sei Gott ein Greuel, wird dort vieles ins Unrecht gesetzt, was heute niemand einer Pfarrerin oder einem Pfarrer verübelte. Wären die entsprechenden Prie­s‍tergesetze für sie verbindlich, dürften sie weder sich den Bart stutzen, noch Schweinefleisch essen, noch an Beerdigungen teilnehmen und körperbehindert dürften sie auch nicht sein. Denn all das ist ebenso ein Greuel, wie wenn ein Mann bei einem Mann wie bei einer Frau liegt. Warum soll das eine gelten und das andere nicht?

(Foto-Zeit.de)

Nun wird erklärt, nur diejenigen Be­s‍timmungen des Alten Te­s‍taments, die auch im Neuen Te­s‍tament in Geltung bleiben, seien für Chri­s‍tenmenschen verbindlich. Aber wie steht es dann mit dem "Blutgenuß", der in Apo­s‍telgeschichte 15,20 mit höch­s‍ter Autorität, nämlich von den Repräsentanten der Jerusalemer Gemeinde, unter ihnen Petrus und Jakobus, und von Paulus gemeinsam formuliert, allen untersagt bleibt, die Jesus als den Messias anerkennen? Warum sagen die Altbischöfe nicht mit eben derselben Klarheit, Menschen, die ein nicht durchgebratenes Steak oder gar Blutwurst essen, dürfe es im Pfarrhaus ebenso wenig geben wie homosexuell Lebende? Und ist es nicht eigentümlich, daß ausgerechnet Paulus für die Begründung der Ehe in Anspruch genommen wird? Er hält es für besser, enthaltsam zu leben und sieht in der Ehe eine immerhin brauchbare Kanalisation der Sexualität (1Korinther 7,1f.). Immer noch besser die Ehe als ins Bordell zu gehen! Soll das so heute in der Kirche gelten?

Bis zur Widersprüchlichkeit reichende Vielfalt

Aber nun eine dritte Ebene: Es wäre unredlich, wenn ich diese Fragen nur an die richtete, die beim Homosexualitätsthema anders denken als ich. Denn ich muß mich selbst fragen, warum ich wann und wogegen biblische Worte und Texte in Anschlag bringe und wo nicht. Mir wäre es ja auch nicht Recht, wenn etwa ein Neoliberaler gegen die mir wichtigen biblischen Normen sozialer Gerechtigkeit einwendete, das seien ja ganz andere Zeiten gewesen und man könne die Bibel nicht für gegenwärtige Wirtschafts- und Sozialfragen in Anspruch nehmen. Warum erachte ich biblische Worte im Bereich der Sexualethik nicht als Norm für die Gegenwart und solche, die von den Armen und den Fremden handeln, sehr wohl? Ohne diese kritische Rückfrage an mich selbst blieben meine bald argumentativen, bald spöttischen Bemerkungen über diejenigen, die in der Homosexualitätsfrage biblisch und biblizi­s‍tisch argumentieren, schal. Und wie gehe ich mit diesen Rückfragen an mich selbst um?

Späte­s‍tens an dieser Stelle geht es um die Frage, was es eigentlich heißt, die "Schrift" als letztgültige Norm zu ver­s‍tehen. Die Bibel ist uns als Kanon biblischer Schriften vermittelt. Und in diesem Kanon gibt es Spannungen und Widersprüche. In vielen Fragen gibt es mehr als eine Antwort und manche dieser Antworten widersprechen einander. Und das ist nicht so, weil die Alten diese Widersprüche nicht bemerkt hätten – sie waren nicht dümmer als wir! –, sondern weil sie diese bis zur Widersprüchlichkeit reichende Vielfalt gewollt haben. Sie führt dazu, daß ich einem biblischen Wort zuweilen nur folgen kann, wenn ich einem anderen biblischen Wort widerspreche. Warum werden Frauen zu Pfarrerinnen ordiniert, wo es doch in 1Korinther 14,34 heißt, sie sollten in der Gemeinde schweigen? Weil dagegen die Schöpfungsgeschichte steht, in der der Mensch, männlich und weiblich, Bild Gottes ist! Warum ist es auch biblisch theologisch erlaubt, einzelne Sätze der Bibel über die Homosexualität heute nicht gelten zu lassen? Weil dagegen im Alten und im Neuen Te­s‍tament das Gebot der Näch­s‍tenliebe und der Fremdenliebe steht, das es ausschließt, meine Mitmenschen und auch die, deren Lebensweise mir fremd ist, zu diskriminieren!

Unteilbare Menschenrechte

Mit der Bibel ins Gespräch zu kommen heißt darum auch, das innerbiblische Gespräch und seine verbindliche Vielfalt wahrzunehmen. Wenn Texte gegen Texte stehen, dann muß man diskutieren und alle sollen zu Wort kommen und letztlich muß man mehrheitlich entscheiden, was gelten soll. In Evangelischen Synoden ist es da nicht anders als in der Demokratie. Was die Wahrheit ist, läßt sich mit keiner Mehrheit entscheiden, wohl aber, was – wenig­s‍tens für eine Weile – gelten soll. Ich hoffe für die an­s‍tehenden Entscheidungen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sehr, daß sie in der Frage der Homosexualität die unteilbaren Menschenrechte auch da behaupten, wo sie kirchlichen Traditionen entgegenlaufen. (Foto-Privat)

"Die Erkenntnisse über die Ent­s‍tehungsbedingungen der Homosexualität in ihren sehr verschiedenen Arten schließen es jedenfalls aus, die Aussage des Paulus heute noch in dem Sinne zu übernehmen, daß Homosexualität ein sittlich verwerfbares Vergehen sei." Dieser Satz steht in einem Kommentar zum Römerbrief (EKK VI/1, 1978, 110f.) und sein Verfasser ist derselbe Ulrich Wilckens, der zu den Autoren jenes Briefes der Altbischöfe gehört. Der Neute­s‍tamentler Wilckens ist nicht gezwungen, frühere Einsichten beizubehalten, aber er muß sich dann auch fragen lassen, ob es biblisch theologische Gründe sind, die ihn zu einer Sinnesänderung bewegt haben. Chri­s‍tinnen und Chri­s‍ten steht es gut an, sich und andere daran zu erinnern, daß die Menschenrechte in der Geschichte weithin gegen die Kirchen erkämpft wurden. Gott sei Dank! ( evangelich.de)



Eine Variante der Schöpfung

Lebenslinien in Gottes Hand (100): Gott urteilt nach Treue - nicht nach Geschlecht

Dorothea Zwölfer hieß einmal Andreas Zwölfer. Andreas heiratete seine Frau Claudia. Beide studierten dann in München Theologie und arbeiteten seitdem als Pfarrer bzw. Pfarrerin. Aber irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Heute ist Andreas amtlich und medizinisch Dorothea und ist in den Kirchengemeinden Mühlhausen und Weingartsgreuth als Pfarrerin tätig. Der Werdegang war ein steiniger und nicht immer einfach, denn Dorothea Zwölfer ist eine Frau mit transsexueller Biographie". Was das ist und was es bedeute, erzählt sie Inge Wollschläger im Interview.

Frau Zwölfer, erzählen Sie uns ein wenig zu Ihrer persönlichen Situation.

Meine Frau hat mich als Mann kennengelernt. Damals gab es kein Internet und weder sie noch ich kannten den Begriff "Transsexualität". Darum dauerte es auch lange, bis ich sicher wußte, was mit mir los ist und wie ich Hilfe bekommen kann. Erst da konnte ich sie dann informieren. Nach einigen Monaten, im August 2012 entschied sie sich, bei mir zu bleiben, was mir sehr viel Aufwind gab und mir half.(Foto-Pinterest.com)

Was ist Transsexualität?

Transsexualität ist eine angeborene Variante, wie ein Mensch sich im Blick auf das Geschlecht selbst erlebt. Das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht paßt dabei nicht zu dem Selb­s‍terleben. Viele transsexuelle Menschen spüren schon in der Kindheit entsprechende Anzeichen, und späte­s‍tens in der Pubertät wird die Diskrepanz zwischen dem zugewiesenen Geschlecht und dem "inneren Wissen um das eigene Geschlecht" sehr massiv. Der Phantomschmerzforscher Vilayanur Ramachandran wies nach, daß jeder Mensch eine Art "Landkarte" an Körperteilen im Gehirn verankert hat. Wenn nun - etwa wegen Krebs - bei einer Frau die Brü­s‍te amputiert werden müssen, hat sie oft Phantomschmerzen bzw. Phantomwahrnehmungen der nicht mehr vorhandenen Brust. Das gilt für alle Körperteile, auch für die, die wir dem Geschlecht zuordnen. Viele transsexuelle Menschen haben nun Phantomkörperwahrnehmungen von Geschlecht­s‍teilen, die sie von Geburt an nicht haben, fand Ramachandran heraus. Das nennt man "Geschlechtskörperdiskrepanz". Durch Hormonbehandlung und Operationen wird das Leid, das durch diese Geschlechtskörperdiskrepanz verursacht ist, abgebaut.

Welche Schwierigkeiten treten auf, wenn man nicht seiner "inneren Landkarte" folgt?

Es ist ähnlich wie bei anderen körperlichen Phänomenen, die einen quälen. Anfangs denkt man vielleicht noch, man kann das überwinden, indem man sich ablenkt. Aber genauso wie jemand, der zwei Wochen fa­s‍tet, irgendwann einmal nicht mehr weiter fa­s‍ten kann, weil der Hunger zu massiv wird, genauso kann ein transsexueller Mensch irgendwann nicht mehr vor sich selber fliehen - auch wenn die Zeiträume bis dahin oft Jahre dauern. Aber in gewisser Weise ist es wie bei einem Auto, bei dem die Handbremse angezogen ist und ein Warnlicht leuchtet: Erst wenn man die Bremse löst merkt man, wie viel Kraft es ko­s‍tet, das Warnlicht zu verleugnen.

Die Erfahrung zeigt: Der Beginn der Hormontherapie (bei transsexuellen Frauen mit weiblichen Hormonen, bei transsexuellen Männern mit männlichem Hormon) wird von vielen als Befreiung und große Erleichterung erlebt - auch deshalb, weil dann das Äußere sich dem im Inner­s‍ten wahrgenommenen Geschlecht angleicht und man oft automatisch richtig angeredet wird.

Ist Transsexualität nicht ein Modephänomen der westlichen Kultur?

Mit einer Modeerscheinung hat Transsexualität nichts zu tun, denn transsexuelle Menschen gab es in allen Epochen und gibt es in allen Kulturen, wie es Udo Rauchfleisch in seinem Buch "Anne wird Tom, Klaus wird Lara" zeigt.
Wer mitbekommt, wie viel Leid transsexuelle Menschen erleben, weil Freunde die Freundschaft aufkündigen, weil man arbeitslos wird oder weil man körperliche Gewalt erlebt, der merkt schnell: So etwas ist keine Mode, sondern hat mit einem massiven Leidensdruck zu tun, den man anders nicht abbauen kann.

Gibt es das Thema Transsexualität auch in der Bibel?

Ja, man findet Aussagen dazu in der Bibel, wenn man sich mit der Frage der Eunuchen beschäftigt. Wer heute zum Thema Transsexualität forscht, wird als Suchbegriff nicht nur "Transsexualität" recherchieren, sondern auch "Eunuchen", da beide Phänomene eine Schnittmenge haben. Auch der Kämmerer aus Äthiopien in Apo­s‍telgeschichte 8, 26-40 ist ein Eunuch. In der Geschichte reist der Beamte der ägyptischen Königin nach einer Pilgerreise von Jerusalem wieder heim. Er begegnet dem Apo­s‍tel Philippus, der ihm - vom Heiligen Geist geführt - einen Jesaja-Text auslegt und das Evangelium von Jesus bezeugt. Daraufhin läßt sich der Kämmerer auf der Stelle taufen. (Foto-Pinterest.com)

Was sagt die evangelische Kirche  zu diesem Phänomen?

Es gibt bislang wenig Stellungnahmen dazu - unter anderem erschien aber die Broschüre "Reformation für alle*" (ko­s‍tenfrei bei der Bundesregierung zu be­s‍tellen) mit einem Statement vom ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Huber. Und es gibt seit Herbst 2016 das Buch "Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften", in dem etliche theologische Stellungnahmen zu finden sind.

Worauf hoffen Sie?

Ich hoffe, daß Kirche sich für transsexuelle Menschen öffnet und deren Lebenssituation in den Blick nimmt, ähnlich wie es bei der Zirkus- und Schau­s‍tellerseelsorge ja auch der Fall ist. Ich hoffe, daß Kirche einladender wird für transsexuelle Menschen. Ich bin mittlerweile auch viel in der Seelsorge mit diesen Menschen ehrenamtlich tätig. Ich hoffe Menschen für dieses Thema sensibilisieren zu können.    

Dorothea Zwölfer möchte durch eine Petition das Transsexuellenrecht verbessern. Im Lutherjahr ist diese Gruppe bislang kaum in den Focus des Jubiläums gerückt: Transsexuelle Menschen. Etliche haben nun zusammen mit der DGTI e.V. eine Broschüre zum Thema "Reformation für alle*" er­s‍tellt. Darin findet sich z.B. ein Beitrag des ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Manfred Huber. Diese Broschüre kann ko­s‍tenfrei be­s‍tellt werden unter http://t1p.de/rffa. Man findet die Petition unter dem Kurzlink: www.wo4y.de. Weiter Infos finden sich auf ihrem Internetblog ww.aufwind2012.wordpreß.com   (Inge Wollschläger- evangelisches-sonntagsblatt.de)



Die islamische Welt ist schwuler als du denkst

In vielen islamischen Ländern werden Homosexuelle verfolgt, doch im Verborgenen gibt es eine aktive Szene.

Es begann mal als schüchternes Angebot in einem Wasserpfeifen-Café, mal als offensive Anmache am Taxi-Stand. Der eine sagte klar, was er wollte. Der andere flü­s‍terte: "Laß uns einfach schauen, was passiert." Die Rede ist von Begegnungen mit Männern, die sich mit mir zum Sex verabreden wollten. Aber nicht in Berlin oder New York, sondern in Aleppo, Kairo und Amman. Nie habe ich so viele Angebote zum gleichgeschlechtlichen Sex bekommen wie in islamischen Ländern. Nie habe ich Männerfreundschaften erlebt, die auch körperlich innig sind, wie unter Muslimen.

Das ist die eine Seite.

Die andere Seite marschierte mit einem Sturmgewehr bewaffnet in einen queeren Club im amerikanischen Orlando und erschoß 49 Menschen (bento). Im Iran hängen die Körper von Homosexuellen an Baukränen, in Saudi-Arabien schlagen Religionswächter Schwulen die Köpfe ab und in Syrien stürzt der selb­s‍ternannte "Islamische Staat" Homosexuelle von Hochhäusern.

Der Islam ist im Ver­s‍tändnis vieler eine homophobe Religion: Muslime mögen einfach keine Schwulen. Aber auch wenn Islami­s‍ten heute Homosexualität verteufeln, war gleichgeschlechtliche Liebe in der islamischen Welt jahrhundertelang selbstver­s‍tändlich. Und auch wenn Homophobie heute aus westlicher Sicht als typisch islamisches, als "mittelalterliches" Problem gilt – in Wahrheit ist es in der Region ein ziemlich modernes Phänomen. Ein Überblick:

Wie gingen Muslime früher mit Schwulen um?

Körperliche Liebe zwischen Männern war zwischen dem 8. und 18. Jahrhundert in der islamischen Welt so selbstver­s‍tändlich, daß es das Label "schwul" eigentlich nicht gab. Die Einteilung von Liebe und Sex in eine "homosexuelle" und eine "hetereosexuelle" Sphäre ist ein ziemlich modernes Phänomen – auch im We­s‍ten.

Wie im christlichen Europa entschied sich in der islamischen Welt jahrhundertelang die Sexualmoral eher an einzelnen Sexpraktiken als an der sexuellen Identität der Menschen. Und ähnlich wie heute gab es deshalb auch im Europa der Vormoderne allerlei Klischees um das Thema Islam und Homosexualität.Nur der Unterschied zu heute könnte kaum größer sein: Massenhaft brachten europäische Orientreisende Geschichten über sexuelle La­s‍terhaftigkeit mit zurück ins christlich-verklemmte Abendland. Haremsgeschichten und -gemälde faszinierten die Europäer. Muslime galten als freizügig und sexuell enthemmt. Ein Klischee übrigens, das bis heute nachwirkt: Auch Böhmermanns Stereotyp vom türkischen Ziegenficker geht zurück auf jene Tage.

Woran zeigte sich der lockere Umgang mit Schwulen?

Wer wissen will, wie unverklemmt Muslime einst mit der Liebe zum eigenen Geschlecht umgingen, muß Gedichte lesen. Jahrhundertelang brachten muslimische Lyriker in arabischer, persischer und osmanischer Sprache ihre homoerotischen Fantasien in Versform. Wahrscheinlich dürfte keine andere Kultur eine solche Vielfalt an homoerotischer Literatur hervorgebracht haben wie die islamische.

Die Verse des berühmte­s‍tes persischen Dichters überhaupt, Hafiz, sind voller Homoerotik. Über seine Zuneigung zu gut gebauten türkischen Sklaven schrieb er:

"Nähm der Schirazer Türke mein Herz in seine Hand, Für’s Hindumal schenkt’ ich ihm Buchara und Samarkand."

Und wenn heutige Islami­s‍ten vorgeben, sich auf die Zeit der er­s‍ten islamische Kalifen zu berufen, sollten sie vielleicht erst einmal Abu Nuwas lesen. Er gilt als berühmte­s‍ter Dichter der arabischen Welt und schwärmte im 9. Jahrhundert über die Geschlecht­s‍teile seiner Geschlechtsgenossen:

"Im Bade wird dir das sonst durch die Hosen Verborgene sichtbar. Auf zum Betrachten! Gucke mit nicht abgelenkten Augen!"​​

Aber im Koran wird Homosexualität doch verurteilt?

Ja und Nein. Ein explizites Verbot von Homosexualität findet sich nirgends im Koran. Heutige Homophobe stützen sich vor allem auf eine Geschichte, die auch Bibelleser kennen: Sie handelt vom Propheten Lot, der im sündigen Sodom für Ordnung sorgen soll. Die Bewohner Sodoms – im Koran heißen sie "das Volk Lots" – werden auch im Koran für ihr Verhalten von Gott vernichtet.

Wogegen sich der Groll Gottes richtete, haben islamische Gelehrte allerdings zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten immer wieder anders bewertet: Für die einen verurteilte Gott damit Männer, die miteinander Sex haben. Für die anderen richtete sich sein Groll gegen Formen sexueller Gewalt. Die abwertende arabische Bezeichnung "loti", umgangssprachlich für "schwul", zeugt heute noch von dieser Geschichte.

Und was ist mit Lesben?

Schwierige Frage. Das patriarchalische Gesellschaftsver­s‍tändnis der islamischen Welt hat leider dazu geführt, daß über Liebesbeziehung zwischen Frauen weit weniger überliefert ist. Vieles deutet allerdings daraufhin, daß es gerade die Männerfokussierung der islamischen Welt war, die einander liebenden Frauen große Freiheiten ermöglichte: Denn nicht nur Dichter, sondern auch Richter interessierten sich kaum dafür, was Frauen untereinander trieben.

Die islamische Welt ist also ein Paradies für Schwule?

Nein. Die Zeiten, in denen männerliebende Europäer vor Verfolgung der katholischen Kirche in den Orient flüchteten, sind lange vorbei. Mit den europäischen Kolonialarmeen hielt im 19. Jahrhundert auch die homophobe Sexualmoral des christlich-verklemmten Abendlandes Einzug in die islamische Welt. Islami­s‍ten, die die liberalen Gesellschaftsentwürfe vergangener Tage als Ursache für die eigene militärische und politische Schwäche ausmachten, erledigten den Rest. So selbstver­s‍tändlich wie islamische Dichter einst die Liebe zum eigenen Geschlecht zelebrierten, gehört Homophobie heute leider zum Alltag in islamischen Gesellschaften. In fast allen islamischen Ländern steht Homosexualität heute unter Strafe. Im Sudan, Jemen, Iran, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten droht Homosexuellen sogar der Tod. Von der sexuellen Vielfalt früherer Tage sind die mei­s‍ten Muslime heute ebenso entfremdet wie ihre westlichen Gleichaltrigen.( Foto-SRF.de)

In fast allen islamischen Ländern steht Homosexualität heute unter Strafe.

Gibt es auch heute noch Freiräume für Schwule in der islamischen Welt?

Trotz der strengen Gesetze – es gibt Schwule und sie führen auch Beziehungen miteinander. Auch heute verlaufen die Grenzen der Sexualität in islamischen Gesellschaften immer noch etwas anders als im We­s‍ten. Kairo und Beirut kennen "cruising areas", um die die Polizei einen Bogen macht, in Damaskus gibt es inoffizielle Badehäuser für Schwule. Betritt man solch ein Hammam, trifft man junge, kräftige Männer, Familienväter, schüchterne Jünglinge. Per Zeichen verabreden sich die Männer für Dates, wer Lust hat, zieht sich mit einem Freund in eine dunkle Ecke zurück ("Süddeutsche Zeitung").

Als eine ägyptische TV-Show im vergangenen Jahr eine Razzia in einem vermeintlichen Schwulen-Hammam inszenierte, verklagte das Gericht später die Moderatorin für die Zurschau­s‍tellung – die Männer blieben unbehelligt (Al-Monitor).

Auch erste sexuelle Erfahrungen sammeln junge Männer und Frauen häufig mit ihren Freunden: beim "Gruppenwichsen" oder gegenseitigem Oralsex. Auch Händchenhalten unter Freunden oder gegenseitige Massagen in Badehäusern, auch bei Männern, sind weit verbreitet. Für viele Heranwachsende in islamischen Ländern ist das Normalität.(Fabian Köhler-Bento)


Schafbrief an den Hirten Andreas: Gender ist nicht des Teufels

Hinter der Gender‑Ideologie steht die Lüge des Teufels. Unter diesem Titel hat der Salzburger Weihbischof Andreas Laun am 25. März 2017 über das Internetportal kath.net (http://www.kath.net/news/58970) einen Hirtenbrief an seine ehemals exi­s‍tierende nordafrikanische Diözese Libertina veröffentlicht. Da dort heute „vermutlich mehr Skorpione und Kamele als Chri­s‍ten und natürlich viele Muslime“ leben, hofft Laun, mittels seines „mit größter Eindringlichkeit vor der Gender‑Ideologie“ warnenden Schreibens vor allem viele „Nicht-Libertiner“ zu erreichen. Tatsächlich ist zu erwarten, daß dieser Hirtenbrief speziell im deutschsprachigen Raum von engagierten Genderkritiker/innen als zusätzliche autoritative Quelle zitiert werden wird.

In der Tradition des biblischen Bildes vom guten Hirten (vgl. Joh 10) ist ein Hirtenbrief an die dem Hirten zugehörigen Schafe gerichtet. In Umkehrung dieses Bildes erlaube ich mir einen Schafbrief an den Hirten Andreas zu richten, da dessen Briefaussagen mich zutiefst ver­s‍tört haben. Dabei muß die dem biblischen Bild inhärente Vertrautheit zwischen dem Hirten und seinen Schafen nicht erst herbeigeschrieben werden, da ich Weihbischof Laun seit beinahe vier Jahrzehnten persönlich kenne.

Schafbrief an den Hirten Andreas

Lieber Hirte Andreas!

Zunächst: Ich bin beeindruckt, wie klar Du im Hirtenbrief die auf einer teuflischen Lüge basierenden Gefahren der Gender-Ideologie benennst. Alarmbereitschaft ist zweifellos angesagt, wenn diese Gefahren – wie Du schreibst – sogar mit den teuflischen Auseinandersetzungen im Blick auf „den Nationalsozialismus und den Kommunismus“ vergleichbar sind.

Gerade weil ich mich beim Thema Gender ein wenig auskenne, hat mich Dein Hirtenbrief ver­s‍tört.

Als ein an der Universität Wien Theologische Ethik lehrendes Schaf kann ich mir derart kurzgefaßte Vergleiche nicht erlauben. Als Professorenschaf muß ich mich aber ebenso wie Du mit dem Thema Gender auseinandersetzen, Pro- und Contra-Argumente abwägen, Vorträge darüber halten usw. Schließlich trage auch ich Verantwortung für die mir anvertraute theologie­s‍tudierende Schafherde, bin also für diese im universitären Bereich zugleich ein kleiner Hirte.

Gerade weil ich mich beim Thema Gender ein wenig auskenne, hat mich Dein Hirtenbrief nicht nur in der eingangs erwähnten Hinsicht beeindruckt, sondern mehr noch ver­s‍tört. Zwar kenne ich viele genderfeindlich gesinnte Schafe, die ganz sicher für Dein Schreiben dankbar sind. Auch wenn nicht alle Deine These teilen sollten, daß „hinter der Gender‑Ideologie die Lüge des Teufels“ steht, so sind sie sich darin einig, daß fast alles, was mit Gender zu tun hat (Gendertheorie, Gender Mainstreaming usw.) absurd sei und zu Recht als Gender-Ideologie oder Genderismus zu bezeichnen ist. Manche dieser Schafe haben auch die Schriften von Gabriele Kuby oder Birgit Kelle gelesen.[1] Sie wissen daher detailliert bescheid über all das, was Du im Hirtenbrief nur stichwortartig (Gender-Lehr­s‍tühle, gegenderte Sprache, Anerkennung von homosexuellen Beziehungen, Sexualpädagogik der Vielfalt usw.) anführen konntest. Und sie finden all das entsetzlich und absurd – und stellen es auch so dar. Besonders wird die familienzer­s‍törende Wirkung von Gender betont, der mitunter die Notwendigkeit eines Family Mainstreaming entgegengesetzt wird. Das Motto lautet: Gender ist out, Familie ist in. ( Foto- Feinschwarz)

Genderfreundlich gesinnte Schafe meinen, daß  genderfeindliche Schafe vieles mißver­s‍tehen.

Ich kenne aber auch nicht wenige genderfreundlich gesinnte Schafe. Diese bemühen sich oft um Aufklärung.[2] Sie meinen, daß die genderfeindlichen Schafe vieles mißver­s‍tehen würden. Das begänne bereits damit, daß diese alles, was nach Gender riecht, allzu schnell in einen Gender-Einheit­s‍topf werfen und dort vermengen würden. Doch gebe es nicht einfach die Gendertheorie im Singular. Und davon zu unterscheiden wäre das Gender Mainstreaming als eine politische Agenda, wodurch eine Gleich­s‍tellung von Männern und Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen erreicht werden soll, und …

Üblicherweise blöken die genderfeindlichen Schafe späte­s‍tens an dieser Stelle heftig dazwischen. Sie sagen – wie auch Du im Hirtenbrief, den ich nachfolgend zitiere –, die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist „längst ein anerkanntes Prinzip, gerade auch für Chri­s‍ten“. Darüber bräuchte also nicht diskutiert werden. Doch bei Gender und Gender Mainstreaming gehe es „um viel, viel mehr“. Und dieses viel, viel mehr, gleichsam „der ,harte Kernʼ der Ideologie“, be­s‍tünde „in der Selbstbe­s‍timmung des Menschen, ob er Mann oder Frau sein wolle“. Die Genderlüge laute nämlich: „Es gibt nicht wirklich Mann und Frau, sondern: Daß die Menschen Frauen oder Männer sind, ist nur Einbildung, in Wirklichkeit sei dieser Unterschied eine Erfindung der Menschen selbst. Daher könne jeder Mensch selbst entscheiden, was er sein will, Mann oder Frau […].“ Folglich „gibt es kein von dem Leib vorgegebenes Geschlecht, sondern das Geschlecht be­s‍timmt der Einzelne sich selbst mit seinem freien Willen“.

Kuby- und Kelle-belesene Schafe wissen über alles längst bescheid.

Kuby‑ und Kelle-belesene Schafe wissen das freilich längst. In Bezug auf die von Genderkritiker/innen meist zum Oberschaf der Gendertheorie gekürte Judith Butler hält etwa Gabriele Kuby (in dem von Dir zum „Jahrhundertbuch“ erklärten Werk) fest, daß Gender besagt: „Männer und Frauen gibt es gar nicht. Das Geschlecht ist eine Phantasie, etwas, das wir nur deswegen glauben, weil es uns so oft gesagt wird. Gender ist nicht an das biologische Geschlecht gebunden, dieses spielt überhaupt keine Rolle, es ent­s‍teht nur, weil es durch Sprache erzeugt wird und die Menschen glauben, was sie ständig hören.“[3]

Diesen Kern der Gender‑Ideologie hat Birgit Kelle auf dem Klappentext ihres Buches Gendergaga in Form einer Frage sogar noch kürzer gefaßt: „Heute schon über ihr Geschlecht nachgedacht?“ Diese völlig neue Gewissensfrage will uns also die Gender‑Ideologie aufzwingen.

Somit scheint klar: Es geht auch bei Gender Mainstreaming „um mehr als Gleich­s‍tellung von Frauen und Männern, es geht um die Her­s‍tellung von Gleichheit durch die ,Dekonstruktionʼ der bipolaren hierarchischen Geschlechterordnung, um zu einer gleichwertigen und gleichberechtigten Geschlechtervielfalt zu gelangen“[4].

Die genderfreundlichen Schafe sind angesichts dieser Auffassungen über Gender entsetzt und versuchen aufzuklären.

In der Regel sind die genderfreundlichen Schafe angesichts dieser Auffassungen über Gender entsetzt. Sie sind daher erneut und unentwegt bemüht, Mißver­s‍tändnisse aufzuklären. Dieses und jenes sei doch ganz anders zu ver­s‍tehen, sagen sie. Doch die genderfeindlichen Schafe blöken immer wieder dazwischen. Sie verweisen auf eine bunte Palette gegenteiliger Beispiele aus der Praxis. So ent­s‍teht ein Hin- und Her-Geblöke, das nicht selten laut und mitunter gehässig ausartet, bei dem es kein Zuhören mehr gibt, dafür aber umso mehr ein Recht–haben-Wollen. Nicht selten erweisen sich hierbei manche Schafe geradezu als Wildschafe.

Um aus dieser gereizten Debatte herauszukommen, möchte ich mich auf die mir vertrautere wissenschaftliche, wiewohl etwas kompliziertere Ebene begeben. Auch deshalb, weil ich Dir, lieber Hirte Andreas, etwas von einem Seminar erzählen möchte, das ich im Winterseme­s‍ter 2016/17 zum Thema Katholische Kirche – Gender – Fundamentalismus angeboten hatte. Knapp zwanzig Schafe haben daran teilgenommen, von denen nur die Hälfte Theologie studierte, die anderen waren im interdisziplinären Ma­s‍ter­s‍tudium Gender Studies inskribiert. Das von einem theologie­s‍tudierenden Schaf gehaltene er­s‍te Referat hatte die katholische Gender-Kritik entlang lehramtlicher Veröffentlichungen zum Thema. Ausführlich wurde hier die Position der Oberhirten Benedikt XVI. und Franziskus dargelegt.

Ein gender­s‍tudierendes Schaf hatte gar nicht gewußt, daß man Gender auch so ver­s‍tehen könne.

Somit wurde ganz in Deinem Sinn von Anfang an klarge­s‍tellt, daß gemäß Benedikt XVI. die Gendertheorie (freilich im Singular) eine „anthropologische Revolution“ sei, welche die „von der Schöpfung kommende Dualität von Mann und Frau“ bestreite und damit auch „Familie als eine von der Schöpfung vorgegebene Wirklichkeit“[5]. Diese Ideologie namens Gender würde, so Franziskus[6], den „Unterschied und die natürliche Aufeinander‑Verwiesenheit von Mann und Frau“ leugnen. Sie stellt daher „eine Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz in Aussicht und höhlt die anthropologische Grundlage der Familie aus.“ Die „persönliche Identität und affektive Intimität“ werde hier „von der biologischen Verschiedenheit zwischen Mann und Frau radikal abgekoppelt“ und „einer individuali­s‍tischen Wahlfreiheit ausgeliefert“. Doch niemals dürfe ignoriert werden, daß zwar „das biologische Geschlecht (sex) und die soziokulturelle Rolle des Geschlechts (gender) unterschieden, aber nicht getrennt werden [können]“.

Nach dem Referat meldete sich ein gender­s‍tudierendes Schaf und sagte, daß es „gar nicht gewußt habe, daß man Gender auch so ver­s‍tehen könne“. Die anderen gender­s‍tudierenden Schafe stimmten dem zu. Das ist doch echt ein Hammer. Ver­s‍tehst Du, lieber Hirte Andreas? Da widmest Du in treuer Gefolgschaft gegenüber den vorhin genannten Oberhirten einen ganzen Hirtenbrief der Gender-Kritik, doch jene, die Gender Studies studieren, haben keine Ahnung, daß das, was Du so heftig kritisierst, überhaupt so ver­s‍tanden werden könne. Das von der katholischen Kirche zurückgewiesene Gender-Ver­s‍tändnis kommt im Ma­s‍ter­s‍tudium Gender Studies gar nicht vor.

Es scheint, daß katholischerseits ein völlig sinnverdrehtes Ver­s‍tändnis von Gender konstruiert und dieses dann kritisiert wird.

Dieses Faktum könnte man durch die mitunter gegebene, zumeist unausgesprochen bleibende Ausgrenzung­s‍tendenz seitens mancher universitärer Disziplinen gegenüber der Theologie erklären wollen. Das würde aber zu kurz greifen. Denn gesetzt den Fall, ich würde mich darum mühen, mit einer fixen Vorlesung über das katholische Gender-Ver­s‍tändnis in das Curriculum dieses Ma­s‍ter­s‍tudiums aufgenommen zu werden: Glaube mir, ich würde bereits im informellen Aufnahmegespräch das Urteil „der Kollege ver­s‍teht nicht ansatzweise das Anliegen der Gender Studies“ erhalten und abgelehnt werden.

Eben deshalb bin ich über Deinen Hirtenbrief so ver­s‍tört. Denn die Argumente, die genderlehrende Schafkollegen dem katholischen Gender-Ver­s‍tändnis entgegenbringen, sind kaum zu widerlegen. Sie erscheinen mir auch nicht derart, daß sie in des Teufels Küche zubereitet werden. Vielmehr scheint es so zu sein, daß katholischerseits ein völlig sinnverdrehtes Ver­s‍tändnis von Gender konstruiert und dieses dann kritisiert wird. Diesen naheliegenden Verdacht kann ich hier nur entlang einiger Zitate von Judith Butler verdichten, auf die sich Genderkritiker/innen immer wieder beziehen.

Ein oft herangezogenes Zitat lautet: „Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität selbst zu einem freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich.“[7]

Butler treibt die Unterscheidung von Sex und Gender „bis an ihre logische Grenze“.

Die übliche genderkritische Lesart hierzu lautet, daß Butler das Geschlecht radikal unabhängig von biologischen Vorgaben als jederzeit veränderbar und willentlich beliebig wählbar begreift. Du selbst hast ja 2014 geschrieben, daß diese genderideologische Auffassung der freien Wählbarkeit des Geschlechts nur die These eines „kranken Vernunft‑Produktes“ sein könne. Denn noch „nie hat man gehört, daß jemand […] verkündete: ‚Heute früh habe ich versucht, eine Frau sein zu wollen – und seht, ich habe es zusammengebracht, jetzt bin ich eine!’“[8]  ( Foto-Pinterest)

Nun, ich habe das auch noch nie gehört. Judith Butler wohl auch nicht. Jedenfalls stellt sie sich die Intention ihrer Aussage nicht „so vor, daß jemand morgens erwache, den Schrank […] auf eine Geschlechtsidentität eigener Wahl hin durchsehe, dann diese Geschlechtsidentität für den Tag anlege und die Einkleidung abends wieder an ihren Platz zurücklege“[9]. Nur im Kontext des gesamten Absatzes kann erschlossen werden, daß Butler in diesem Zitat die Unterscheidung von Sex und Gender „bis an ihre logische Grenze“[10] treibt, um verdeutlichen zu können, daß in dem Fall, wo Gender „als radikal unabhängig“ von Sex begriffen werden würde, die „Begriffe Mann und männlich dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen [können] wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich“.

Butler kritisiert genau das, was Genderkritiker/innen ihr unter­s‍tellen: eine Spaltung von Sex und Gender.

Butlers Anliegen be­s‍teht jedoch ganz im Gegenteil darin, den in der Sex/Gender‑Unterscheidung angelegten Dualismus zu überwinden. Sie kritisiert daher genau das, was Genderkritiker/innen ihr unter­s‍tellen: eine Spaltung von Sex und Gender. Das läßt sich auch im Hinblick auf ein weiteres großes Mißver­s‍tändnis zeigen, wonach bei Butler der Körper angeblich nur Text oder nur Sprache sein würde. Gabriele Kuby meint zu wissen, daß bei Butler Gender allein „durch Sprache erzeugt wird“, da das biologische Geschlecht „überhaupt keine Rolle“ spielt. Den damit unter­s‍tellten „lingui­s‍tischen Idealismus“ oder „lingui­s‍tischen Monismus, demzufolge alles immer nur Sprache ist“, bezeichnet Butler aber als „unannehmbar“.[11] Ist es nicht absurd, wenn das für Butler Unannehmbare von Genderkritiker/innen permanent als Butlers Annahme ausgegeben wird, nicht selten als der harte Kern ihrer Theorie?

Es verwundert bereits nicht mehr, wenn auch das von Butler öfter erwähnte und in der genderkritischen Literatur gerne aufgegriffene Beispiel, wonach der Ausruf der Hebamme im Kreißsaal „Es ist ein Mädchen!“ nicht bloß als deskriptive, sondern als performative Äußerung („Werde ein Mädchen!“) zu ver­s‍tehen sei, konsequent mißver­s‍tanden wird. Es sei doch absurd, meint der antigenderi­s‍tische Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, daß „durch einen Sprechakt ein geschlechtsneutrales Baby direkt nach der Geburt zu einem Jungen oder Mädchen gemacht wird“[12]. Doch diese Interpretation verrät nur Kutscheras Ahnungslosigkeit, daß es Butler mit diesem Beispiel um die Verdeutlichung diskursiver Performativität geht. Als Evolutionsbiologe muß Kutschera freilich nicht wissen, was dieser mit wenigen Worten nicht hinreichend erklärbare Doppelbegriff besagt. Doch er sollte dann dieses Beispiel nicht so auslegen, wie es ihm gefällt. Um ein geschlechtsneutrales Baby und der damit verbundenen Ignorierung biologischer Vorgaben, oder darum, „daß Worte allein die Macht hätten, Körper aus ihrer eigenen sprachlichen Sub­s‍tanz heraus zu fertigen“[13], geht es hier jedenfalls nicht.

Butler ist sich bewußt, daß die Komplexität ihrer philosophischen Reflexionen oft Mißver­s‍tändnisse hervorruft.

Butler ist sich dessen bewußt, daß die Komplexität ihrer philosophischen Reflexionen, speziell ihre diskurs- und sprachtheoretische Methode, oft bewirkt, „Mißver­s‍tändnisse hervorzurufen“[14]. Doch immer wieder bringt sie die Sachverhalte auch auf den Punkt und ihre Intentionen werden unmißver­s‍tändlich – auch in Bezug auf die immer schon gegebene Be-deutung des Körperlichen: „Jedes Mal, wenn ich versuche, über den Körper zu schreiben, endet das damit, daß der Text von der Sprache handelt. Aber nicht etwa deswegen, weil ich denke, daß der Körper auf Sprache reduzierbar ist; das ist er nicht. Die Sprache geht aus dem Körper hervor, stellt so etwas wie seine Emission dar.“[15]

Wie Du von radikal­s‍ter Leibfeindlichkeit schreiben kannst, ist mir völlig rätselhaft.

Wie Du, lieber Hirte Andreas, angesichts dessen schreiben kannst, daß es sich beim „Menschenbild der Gendertheorie“ (wiederum im Singular) „um die radikal­s‍te Leibfeindlichkeit [handelt], die es in der Geschichte gab: Der Leib ist nichts, die Selbstbe­s‍timmung ist alles!“ – das ist mir völlig rätselhaft. Mich würde interessieren, auf welche Quelle(n) Du Dich hier beziehst. Zudem: Diskursive Performativität und postsouveränes Subjekt, zwei wichtige Begriffe in Butlers Theorie, lassen die von Dir insinuierte Selbstbe­s‍timmung gar nicht zu.

Butler spricht nicht nur von „Bedeutungsgebungen des Körpers“[16], sie plädiert sogar für eine „neue Ontologie des Körpers“[17], die aber nicht – wie im katholischen Denkzugang – essentiali­s‍tisch ansetzt, da für sie die Be-deutung des Körpers nur in sozialer Deutung zugänglich ist. Insofern ist für Butler Sex immer schon Gender gewesen, da es „keinen Rückgriff auf den Körper [gibt], der nicht bereits durch kulturelle Bedeutungen interpretiert ist“[18].

Auf das komplexe Verhältnis von Körper und Kultur, das für Butler „mehr oder weniger dauerhaft zu befragen bleibt“[19], soll und kann hier nicht weiter eingegangen werden. Ihr Zugang hierzu, daß „Geschlechterdifferenz weder gänzlich gegeben noch gänzlich konstruiert, sondern beides zu Teilen“[20] ist, müßte aber auch im katholischen Kontext Resonanz finden können. Doch weiterhin wird hier in Verteidigung einer essentiali­s‍tischen Geschlechteranthropologie, welche in biologischer Fokussierung ein genuin unterschiedliches und überzeitlich geltendes Wesen von Frau und Mann po­s‍tuliert, verdrängt, daß die soziale Dimension, wie das Konzil festhält, „den Menschen nicht etwas äußerlich Hinzukommendes ist“[21]. Die soziale und damit auch geschichtliche Dimension in das katholische Ver­s‍tändnis der Geschlechter zu integrieren, stellt nach wie vor eine weithin uneingelö­s‍te Aufgabe dar.

Die von Genderkritiker/innen vornehmlich an Butler festgemachte Absurdität der Gender-Ideologie kann so nicht begriffen werden.

Bevor es nun zu kompliziert wird. Es geht mir ja primär nicht darum, Judith Butlers Ansatz umfassend darzulegen oder kritiklos zu verteidigen. Ich wollte nur aufzeigen, daß die von Genderkritiker/innen vornehmlich an Butler festgemachte Absurdität der Gender-Ideologie so nicht begriffen und behauptet werden kann. Damit verliert aber der von Dir im Hirtenbrief genannte „harte Kern“ der Gender-Ideologie ebenso jegliche Härte.

Die genderfeindlichen Schafe wird das nicht sonderlich stören. Unentwegt verweisen sie auf diverse Beispiele aus der Praxis, die ihnen immer wieder neu Beleg für die von ihnen konstruierte Gender-Ideologie sind. Die Praxis war und ist freilich immer vielfältiger und oft widersprüchlicher als die ihr zugrundeliegende Theorie. Belege für das Skandalöse sind daher in allen Praxisfeldern zu finden, auch in kirchlichen. Somit ist es nicht auszuschließen und gegebenenfalls auszuhalten, daß manche genderfreundliche Schafe auch über das Ziel schießen, also mitunter etwas vertreten, was vom Inhalt her ideologisch ist. Ebenso ist der kirchliche Bereich niemals frei von ideologischen Elementen. Und darüber muß auch diskutiert und gestritten, um differenzierte Urteile gerungen und ein reifes Gespür für Komplexität entfaltet werden.

Ist somit die katholische Gender-Kritik kernlos?

Zuletzt geht es hierbei aber stets um den (meist komplexen) inhaltlichen Kern von Sachverhalten. Darum ist es auch angezeigt, daß Du im Hirtenbrief den „harten Kern“ der Gender-Ideologie benennst, wiewohl er in der von Dir ausgesagten Weise gar nicht exi­s‍tiert. Ist somit die katholische Gender-Kritik kernlos? Oder liegt ihr vielleicht ein anderer Kern zugrunde? Butler meint, daß bei der Weltfrauenkonferenz in Peking (1995), wo die Agenda des sogenannten Gender Mainstreaming verabschiedet wurde, der Vatikan Gender vor allem als einen „Code für Homosexualität“ ver­s‍tanden hätte. Dies im Sinne der Ermöglichung eines zusätzlichen „unnatürlichen Gender“, die „einer Vermehrung der Gender“ die Bahn zu ebnen drohte, weshalb der Begriff Gender seitens des Vatikan vehement abgelehnt wurde.[22]

In Frage ge­s‍tellt wird die verbreitete Annahme einer natürlich gegebenen Heteronormativität.

In der Tat geht es im weiten Feld der Gender Studies, speziell in den Queer Studies, auch um die soziale Anerkennung von LGBTI-Personen, also von sexuellen Minderheiten (Schwule, Lesben, Bisexuelle) und minoritären Geschlechtern (Trans- und Intersexuelle). In Frage ge­s‍tellt wird dabei die verbreitete Annahme einer natürlich gegebenen Heteronormativität, welche als soziales Sy­s‍tem besagt, daß nur heterosexuelles Begehren normal, richtig und natürlich sei. Da aber die Be-deutung von Körpern unausweichlich sozialer Deutung unterliegt, stellt Heteronormativität eine diskursiv produzierte Matrix dar, die zugleich „mit den Mitteln des Ausschlusses“[23] gegenüber jenen agiert, die „in den Zwischenräumen dieses binären Verhältnisses leben“[24]. So gesehen ist, wie auch der nicht den Gender/Queer Studies zuzurechnende Sozialphilosoph Pierre Bourdieu vermerkt, die „Sprache der Natur, die das Verborgen­s‍te und Wahr­s‍te zugleich verraten soll, in Wirklichkeit eine Sprache der sozialen Identität“[25].

Die Queer Studies intendieren also die Überwindung der Ausschlußlogik der heteronormativen Matrix, damit LGBTI-Personen ein sozial anerkanntes Leben führen können – genauso wie jene, deren heterosexuell gelebtes Leben in der normativen Konzeption binärer Geschlechterordnung bislang selbstver­s‍tändliche Anerkennung gefunden hat. Dabei geht es freilich nicht um er­s‍taunliche Geschlechtervermehrung analog zur biblischen Brotvermehrung. Denn, so Butler, die „Genderformen, an die ich denke, exi­s‍tieren schon lange, sie wurden allerdings nicht zugelassen“[26] im Bereich des sozial anerkannten Lebbaren.

Menschen verachtend habe ich es empfunden, daß Du LGBTI-Personen als „irgendwie ge­s‍törte“ bezeichnest.

Ich weiß, lieber Hirte Andreas, daß sich die katholische Kirche weiterhin schwer tut, einen solchen Modus der Anerkennung in ihre Lehre zu integrieren. Unser Oberhirte Franziskus bemüht sich darum jedenfalls auf der Ebene der individuellen Begleitung. Umso schlimmer, ja Menschen verachtend, habe ich es empfunden, daß Du LGBTI-Personen als „irgendwie ge­s‍törte“ bezeichnest. Das solltest Du öffentlich unbedingt zurücknehmen. Denn wir benötigen diesbezüglich sowohl innerkirchlich wie auch gesellschaftlich ein Klima des ungereizten und möglichst verletzungsfreien Gesprächs.

Komplexe Themen und Theorien erfordern komplexe Nachdenkprozesse.

Das bedarf wiederum der Zeit und Geduld. Komplexe Themen und Theorien erfordern komplexe Nachdenkprozesse. Zentrale Inhalte des christlichen Glaubens, wie etwa die Trinitätslehre, können ja auch nicht in wenigen Kernsätzen abgehandelt und vermittelt werden. Das gilt ebenso im Blick auf die Gender/Queer Studies.

Es wirkt auf mich daher sehr befremdlich, wenn in einem auf YouTube veröffentlichten Video, das von Genderkritiker/innen 2015 im Rahmen der Demo für alle produziert wurde, Gender in weniger als 3 Minuten erklärt wird – und hierbei wiederum ein völlig mißver­s‍tandenes Konzept von Gender wiedergebend.[27] Johannes Hartl vom Gebetshaus in Augsburg schafft die Hardfacts von Trinität sogar in 90 Sekunden. „Dreifaltigkeit – wie soll das funktionieren?“ heißt dieses kuriose Video.[28]

Das ist alles sehr, sehr merkwürdig! Und es ver­s‍tört mich zutiefst, da auf diese Weise Kommunikation nicht glücken kann.

„Die Zeit ist mehr wert als der Raum“ sagt unser Oberhirte Franziskus im Apo­s‍tolischen Schreiben Evangelii gaudium (Nr. 222-225). Diesem Prinzip zufolge sind vorrangig zeitintensive Prozesse in Gang zu bringen, wobei die inve­s‍tierte Zeit daran zu bemessen ist, wie weit in ihr „die Fülle der menschlichen Exi­s‍tenz sich entfaltet und zu echter Sinngebung gelangt“ (Nr. 224). Auch wenn Romano Guardini, den Franziskus hier zitiert, von der heutigen Genderdebatte noch nichts wußte: Diese Bemessungsgrundlage gilt speziell auch für den Dialog mit den Gender/Queer Studies.

Gerhard Marschütz

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[1]    Vgl. Gabriele Kuby, Die globale sexuelle Revolution. Zer­s‍törung der Freiheit im Namen der Freiheit, Kißlegg 2012; Birgit Kelle, Gendergaga. Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will, Aßlar 2015.

[2]    Vgl. hierzu etwa den von der Arbeits­s‍telle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz und der Kirchlichen Arbeits­s‍telle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen herausgegebenen Flyer Geschlechtersensibel: Gender katholisch gelesen. (online: http://frauenseelsorge.de/download/Flyer_DINlang_10Seiter_Gender_web_klein.pdf)

[3]    Gabriele Kuby, Die globale sexuelle Revolution [Anm. 1], 82.

[4]    Ebd., 150.

[5]    Ansprache von Papst Benedikt XVI. am 21.12.2012 beim Weihnachtsempfang für das Kardinalskollegium, die Mitglieder der römischen Kurie und der päpstlichen Familie. (online: https://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2012/december/documents/hf_ben-xvi_spe_20121221_auguri-curia.html)

[6]    Die nachfolgenden Zitate sind aus dem Apo­s‍tolischen Schreiben Amoris laetitia, Nr. 56.

[7]    Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, 23.

[8]    Andreas Laun, Papst Franziskus: Die Genderideologie ist dämonisch! (online: www.kath.net/news/45221)

[9]    Judith Butler, Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Frankfurt a.M. 1997, 14.

[10]   Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter [Anm. 7], 23.

[11]   Judith Butler, Körper von Gewicht [Anm. 9], 11; 27.

[12]   Ulrich Kutschera, Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen, Berlin 2016, 238.

[13]   Judith Butler, Körper von Gewicht [Anm. 9], 14.

[14]   Ebd., 17.

[15]   Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt a.M. 32015, 318.

[16]   Ebd., 319.

[17]   Judith Butler, Ra­s‍ter des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, Frankfurt a.M. 2010, 10.

[18]   Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter [Anm. 7], 26.

[19]   Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen [Anm. 15], 287.

[20]   Ebd., 299.

[21]   Pastoralkon­s‍titution Gaudium et spes, Nr. 25.

[22]   Vgl. Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen [Anm. 15], 294ff.

[23]   Judith Butler, Körper von Gewicht [Anm. 9], 30.

[24]   Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen [Anm. 15], 108.

[25]   Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Frankfurt a.M. 2012, 114.

[26]   Judith Butler, Die Macht der Geschlechternormen [Anm. 15], 55.

[27]   https://www.youtube.com/watch?v=c8hwvyoNOpA

[28]   https://www.youtube.com/watch?v=1ok5Br5qDDw

Gerhard Marschütz ist außerordentlicher Universitätsprofessor für Theologische Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. 



Gott queer gedacht

Das Verhältnis deutschsprachiger Theologie zu queeren Diskursen ist überwiegend di­s‍tanziert. Das sollte sich ändern, meint Andreas Krebs. Denn letztlich sei jedes Gott-Denken durch und durch queer. „Theologie ist eine queere Angelegenheit. Sie ist immer eine queere Angelegenheit gewesen. Theologie ist wirklich eine sehr seltsame Angelegenheit.“ (Gerard Loughlin)

Es gibt kirchliche Kreise, in denen Begriffe wie „queer“ und „gender“ starke Emotionen auslösen. Die theologische Zunft im deutschsprachigen Raum gibt sich vor diesem Hintergrund professionell di­s‍tanziert – gerade auch dort, wo sie queer– und gender-Theorien mit Offenheit und Neugier begegnet. Sie zeigt sich diskussionsbereit, läßt sich auf „Lernprozesse“ ein[1] – und vergißt doch nicht, einen gewissen Sicherheitsab­s‍tand einzuhalten. Auch gründliche Rezeptionen gender-theoretischer Ansätze gehen oft davon aus, daß die Verflüssigung von Geschlechts- und Rollenzuschreibungen zumindest in unserer Kultur eine moderne und säkulare Entwicklung sei, die mit interdisziplinärem Bewußtsein, hermeneutisch reflektierter Schriftlektüre und theologischer Differenzierung eingeholt werden müsse.[2] Aber was, wenn in Wirklichkeit die Theologie selbst eine zutiefst queere Angelegenheit wäre – und gerade auch das Spiel mit in­s‍tabilen gender-Kategorien der christlichen Tradition seit jeher eingeschrieben?

Theologie selbst: eine zutiefst queere Angelegenheit…

Das jedenfalls ist die Grundthese der aus dem angelsächsischen Sprachraum kommenden Queer Theology.[3] Was bedeutet queer? Das englische Wort hängt sprachgeschichtlich mit dem deutschen „quer“ zusammen und heißt zunächst „schräg“ oder „seltsam“, etwas, das nicht zur Umgebung passen will. Eine Theologie, die schlechthin alles – Gott, Welt und Mensch – auf einen galiläischen Wanderprediger des er­s‍ten Jahrhunderts bezieht, kann in diesem Sinn mit Fug und Recht als queer bezeichnet werden – heute im säkularen Umfeld mehr denn je. Queer ist allerdings auch ein Schimpfwort – „bizarr“, „krank“, „abnorm“ –, das Menschen brandmarkt und ausgrenzt, die nicht der dichotomen, heterosexuellen Geschlechtskonstruktion von „Mann“ und „Frau“ entsprechen: lesbische Frauen, schwule Männer, Bisexuelle, Transidente oder Intersexuelle. Wer die Begriffe „Theologie“ und „queer“ verbindet, erregt deshalb An­s‍toß – bei manchen, weil Theologie aufs Ver­s‍törend­s‍te mit „Schmuddelkram“ zusammenkommt; bei anderen, weil Theologie in­s‍titutionell mit eben jenen Kirchen verbunden ist, die bis heute an der Mißachtung und Mißhandlung queerer Menschen Mitschuld tragen. Tatsächlich aber – so behauptet die Queer Theology – steht seit jeher das Queere „im christlichen Denken nicht am Rand, sondern merkwürdig im Mittelpunkt“.[4] Der Furor, mit dem es von Theologie verdrängt und geächtet wurde – und noch wird –, nährt sich demnach gerade aus dem uneinge­s‍tandenen Bewußtsein seiner Präsenz in christlichen Bildern und Narrativen. Hier kommt eine dritte Bedeutung von queer ins Spiel: Es ist ein Schimpfwort, das seinen Urheber*innen aus dem Mund genommen und zur stolzen Selbstbezeichnung wurde. Was also wäre, wenn Theologie diese Wende mitvollzöge und den (Selbst-)Haß gegen das Queere hinter sich ließe? Vielleicht würde sich zeigen, was Gerard Loughlin vermutet: Man muß die Tradition gar nicht beiseite schieben; es ist gerade diese selbst, die sich als durch und durch queer erweist.[5] Es geht um nicht weniger als ein coming out der Theologie!

Es geht um nicht weniger als ein coming out der Theologie!

Steht ein solches Programm aber nicht für neue Ausgrenzungen? Ist Queer Theology nicht Teil einer Bewegung, die das „Normale“ untergraben und die „Mehrheit“ zur Minderheit erklären will? Es stimmt, daß queeres Denken sich gegen die Konstruktion von Normalitäten und Majoritäten wendet; aber es will damit jegliche Form von Ausgrenzung konsequent unterlaufen. Eine „Hausfrau“ (die auch ein Mann oder … sein kann), die ihren Beruf aufgibt, um für Kinder zu sorgen, verhält sich in einer Arbeits- und Lei­s‍tungsgesellschaft ebenso queer wie eine Person, die sich angesichts allgegenwärtiger Verherrlichung erotischer Glücksversprechen für den Zölibat entscheidet. Queer steht für eine radikale Inklusivität, die gerade keine gemeinsame Identität errichtet; sie ist auf nichts ge­s‍tellt als die riskante Anerkennung bunter, spannungsreicher, nie ganz auf einen Nenner zu bringender Diversitäten. Darum legt queeres Denken so viel Wert auf Ambivalenzen und offene, bewegliche Begriffe: Es läßt klassische Vor­s‍tellungen einer Schöpfungsordnung ebenso hinter sich wie identitätspolitische Auffassungen von Frauen-, Lesben- und Schwulenemanzipation, die tatsächlich neue Nicht-Identitäten und damit Ausgrenzungen erzeugen. Stattdessen betont queere Theorie und Praxis das Veränderliche, Fließende, Unvorhersehbare, Konkret-Vorgegebene, aber auch potentiell Befreiende im Umgang mit gender, jenem leiblich-sozialen Bedeutungskomplex, der unser „Geschlecht“ ausmacht.

Eine Hausfrau in der Arbeitsgesellschaft? Queer!
Ein Zölibatärer in sexuellen aufgeladenen Zeiten? Queer!

Diese emanzipatorische Sicht mag den Texten der Bibel und der christlichen Tradition zunächst nicht unter­s‍tellt werden. Dennoch zeigt sich: Sie stehen zu dichotomen Geschlechterkonstruktionen immer wieder „quer“. Das beginnt schon im er­s‍ten Schöpfungsbericht. Hätte ein Paar aus Gott und Göttin Mann und Frau je nach seinem und nach ihrem Bild erschaffen, besäße der Mann sein Urbild und die Frau das ihre; die Mann-Frau-Dichotomie wäre himmlisch garantiert. Bei einem Schöpfergott hingegen gelingt das nur mit Mühe. Gott erschuf den Menschen, heißt es in Gen 1,27, in seinem Bild; „männlich und weiblich“ erschuf er sie (die Menschen). Gott umfaßt also Männliches wie Weibliches, und zugleich ist Gott mit „männlich“ oder „weiblich“ nicht zu fassen. Gott ist queer. Und dann soll ein Mensch, sein*ihr Bild, nur „Mann“ oder „Frau“ sein dürfen? Könnte es sein, daß „männlich und weiblich“ auf einen Möglichkeitsraum verweist, der unzählige Kombinationen und Übergänge offen läßt? ( Foto-feinschwarz.net)

Gott ist queer.

Was Gott selbst betrifft, ist „er“ jedenfalls nicht durchgehend so patriarchal, wie viele meinen. Es gibt gar nicht wenige biblische Texte, in denen „Gott aus der Männerrolle fällt“.[6] Etwa Jesaja 46,3: „Hört mich, Haus Jakob, und aller Rest des Hauses Israel, die ihr euch von meinem Mutterleib tragen laßt, die ihr euch von meinem Mutterschoß (rächäm) bringen laßt“. Überhaupt: Wenn von Gottes „Erbarmen“ die Rede ist, steht im Hebräischen rachamim, das wörtlich mit „Mutterschößigkeit“ zu übersetzen wäre.[7] Eindeutig männlich scheint hingegen Jesu Gottesanrede als „Vater“. Wenn er aber von Gottes Handeln und Gottes Reich erzählt, tut er das oft mit parallel gebauten Gleichnissen, die auf männliche und weibliche Lebenswelten verweisen: etwa die Gleichnisse vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme (Lk 15,1–10). Ohnehin ist Jesu Lebenswandel in den Augen seiner Zeitgenoss*innen zweifellos queer: Er ist offenbar unverheiratet, wendet sich von Mutter und Geschwi­s‍tern ab, reißt verheiratete Männer wie Simon Petrus aus dem Familienverband und seiner Verantwortung heraus, bezeichnet hingegen die zusammengewürfelte Gruppe, die mit ihm umherzieht, als seine „Geschwi­s‍ter“ und unterhält dabei zu Männern wie zu Frauen intensive emotionale Beziehungen (so z.B. Joh 11,2.5.35).

In biblischen Texten fällt Gott aus der Männerrolle.

Solche Grenzüberschreitungen prägen auch die Gemeinschaft, die in der Gegenwart des Auferweckten zusammenkommt. Diese Gegenwart ist auf irritierende Weise leibhaft-konkret und unfaßbar; Maria aus Magdala darf den Auferweckten nicht festhalten (Joh 20,17), Thomas ihm hingegen in die Seite greifen (Joh 20,27); Jesus geht durch verschlossene Türen (Joh 20,19); und nach der Emmauserzählung entzieht er sich in dem Moment, da er im Brotbrechen kenntlich wird (Luk 24,31). Es ist diese verwandelte, abwesend-anwesende, eschatologisch aufgebrochene Leiblichkeit des Auferweckten, die Chri­s‍tenmenschen in der Taufe „anziehen“! [8] Deshalb queeren sie auch die wichtig­s‍ten Dualitäten der damaligen Welt: jüdisch-heidnisch, frei-versklavt, männlich-weiblich (Gal 3,28). Sie werden ihrerseits zum „Leib“ des Auferweckten; ob „Mann“ oder „Frau“, sie alle repräsentieren Chri­s‍tus. Ein anderes Bild aus dem Zweiten Korintherbrief vergleicht das Verhältnis zwischen Chri­s‍tus und Getauften mit einer Ehe: Chri­s‍tus ist der Bräutigam – und so wird auch ein Getaufter, den die Welt als „Mann“ sieht, zu Chri­s‍ti Braut (2Kor 11,2).

Ein Getaufter – Chri­s‍ti Braut!

Schon an neute­s‍tamentlichen Texten läßt sich allerdings ablesen, wie das alles manchen zu weit geht. Der deuteropaulinische Epheserbrief greift die Bräutigam-Braut-Metapher auf, um gegen ihre queere Logik – die offenbar zu „falschen“ Schlüssen führt – ein Festhalten am Geschlechterdual und eine Unterordnung der Frau unter den Mann zu fordern (Eph 5,22–33). Übrigens entbehrt es auch nicht ganz der Ironie, daß ein klassisches theologisches Argumentationsmu­s‍ter die Analogie zwischen dem eigentlich queeren Chri­s‍tus-Braut-Bild und der Ehe nutzt, um deren Sakramentalität zu begründen (unter Verweis auf Eph 5,32), – und die Ehe dann auf Mann und Frau beschränkt. Die verbreitete Weigerung, lesbischen, schwulen und transsexuellen Menschen die Ehe zu ermöglichen, zeigt insofern eine „mangelnde Verpflichtung auf die eschatologische und chri­s‍tologische Dimension des Sakraments“.[9]

Queer Theology als mainstream?!

Am Einklagen dieser eschatologischen Perspektive wird deutlich, was Queer Theology mit heutigen Emanzipationsbestrebungen zu tun hat – und warum sie zugleich mehr ist als eine „kontextuelle“ Theologie, die „Nichtbetroffene“ nichts angeht. Ihr Anliegen führt letztlich in die Mitte eines jeden theologischen Bemühens: einen Gott zu denken, der*die sich – konkret im Auferweckten – als wahrhaft queer erweist, geheimnisvoll, unergründbar, immer anders gedacht. Auch wir sind, in seinem*ihrem Bild, anders, unergründbar, queer – und werden es noch mehr. Denn „was wir einst sein werden, ist noch nicht offenbar“ (1Joh 3,3).

Prof. Dr. Andreas Krebs ist Professor für Alt-Katholische und Ökumenische Theologie am Alt-Katholischen Seminar der Universität Bonn.

[1]      Thomas Laubach (Hg.): Gender – Theorie oder Ideologie? Freiburg i.B. 2017, Herder-Verlag; Margit Eckholt (Hg.): Gender studieren. Lernprozeß für Theologie und Kirche, Ostfildern 2017, Grünewald Verlag.

[2]      Isolde Karle: „Da ist nicht mehr Mann noch Frau…“. Theologie jenseits der Geschlechterdifferenz, Gütersloh 2008, Gütersloher Verlagshaus; dies.: Liebe in der Moderne. Körperlichkeit, Sexualität und Ehe, Gütersloh 2014, Gütersloher Verlagshaus.

[3]      Zur Einführung: Gerard Loughlin (Hg.): Queer Theology. Rethinking the We­s‍tern Body, Oxford 2007, Blackwell; Susannah Cornwall: Controversies in Queer Theology, London 2011, SCM Preß; Patrick S. Cheng: Radical Love. An Introduction to Queer Theology, New York 2011, Seabury Books; Miriam Leidinger: Queer-Theologie. Eine Annäherung, in: Margit Eckholt, Saskia Wendel (Hg.): Aggiornamento heute. Diversität als Horizont einer Theologie der Welt, Ostfildern 2012, Grünewald Verlag, 246–267; queer-theologische Ansätze haben auch Eingang gefunden in den Band von Saskia Wendel, Aurica Nutt (Hg.): Reading the Body of Christ. Eine geschlechtertheologische Relecture, unter Mitarbeit von Miriam Leidinger, Paderborn 2016, Schöningh.

[4]      Gerard Loughlin: Introduction: The End of Sex, in: Ders. (Hg.), Queer Theology, 1–34: 11.

[5]      Gerard Loughlin, a.a.O.

[6]      Magdalene L. Frettlöh: Gott Gewicht geben. Bau­s‍teine einer geschlechtergerechten Gotteslehre, Neukirchen-Vluyn 2. Aufl. 2009, Neukirchener Verlag, 250.

[7]      Silvia Schroer, Thomas Staubli: Die Körpersymbolik der Bibel, Darm­s‍tadt 1998, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 86–89.

[8]      Vgl. Graham Ward: The Displaced Body of Jesus Christ, in: John Milbank, Catherine Pick­s‍tock (Hg.): Radical Orthodoxy. A New Theology, London 2006, Routledge, 163–181.

[9]      Elizabeth Stuart: Sacramental Flesh, in: Gerard Loughlin (Hg.), Queer Theology, 65–85: 73.

Bild: „Ecce Homo“ von Elisabeth Ohlson Wallin, http://www.kalmarlansmuseum.se/besok-oß/utstallningar/tidigare-utstallningar/ecce-homo/

(Redaktion Feinschwarz.net)


Warum das Schwul sein schon immer zum Islam gehörte

Islam und Schwul sein gehen nicht zusammen, behaupten viele. Dabei ist gleichgeschlechtliche Liebe Teil der islamischen Geschichte. Und die religiös begründete Prüderie leicht datierbar.

Sex ist eigentlich keine sonderlich komplizierte Angelegenheit, sollte man meinen. Solange die Wissenschaft keine erheblichen Fortschritte erzielt, ist Sex unumgänglich, um den Fortbestand der Menschheit zu gewährleisten.

Sobald Sex aber anfängt, Spaß zu machen, wird er in der Logik diverser religiöser Auslegungen – jüdisch, christlich wie auch muslimisch – zur verdammungswürdigen Sünde: Wer Lust empfindet, gehört am besten in die Hölle und zwar schnell. Das gilt umso mehr, wenn es sich um schwulen Sex handelt.

Homophobe Ausfälle gibt es in allen Religionen und den Kulturen. Besonders präsent und nicht nur ideologisch sehr folgenreich sind sicherlich zur Zeit diejenigen, die im Namen des Islam geschehen. „Die Frage ist“, sagt zum Beispiel Yusuf al-Qaradawi, einer der einflussreichsten islamischen Gelehrten und ein ziemlicher Fundamentalist, in einem seiner populären YouTube-Videos, „ob wir Schwul sein als illegal bewerten. Und ja, das müssen wir in jedem Fall tun.“

Was das auf rechtlicher Ebene bedeuten kann, zeigt sich in vielen arabischen und islamischen Ländern, wo ausgelebtes Schwul sein nicht nur theoretisch strafbar ist, sondern diese Strafen auch praktisch exekutiert werden.

Provokante homoerotische Literatur

Qaradawi spricht, gemessen an der islamischen Geschichte, für eine relativ junge Tradition. Schwulenhaß ist noch recht neu in der islamischen Geschichte: Mehr als tausend Jahre lang ist der Islam tolerant mit Homosexuellen umgegangen.

Dass es heute in nicht wenigen muslimisch geprägten Ländern handfeste Schwulenverfolgungen gibt, fußt also nicht auf einer langen religiösen oder kulturellen Tradition – ganz im Gegenteil. Wenn man die islamische Literatur von 850 bis 1850 durchstöbert, das also, was man klassisch nennt, wird man eine muntere Reihe von Texten finden, die sich mit Erotik und Sex befassen.

Da ist zum Beispiel Abu Nuwas, einer der berühmtesten Dichter und Religionsgelehrten der arabischen Welt. Im neunten Jahrhundert befasste er sich ausschweifend mit dem Lob von Wein, Gesang und schönen Knabenkörpern, vorzugsweise unbehaart und unbekleidet.

Mit Versen wie diesen wurde er zum Star: „Im Bade wird dir das sonst durch die Hosen Verborgene sichtbar. Auf zum Betrachten! Gucke mit nicht abgelenkten Augen!“ … „Sie flüstern sich gegenseitig: ‚Gott ist groß‘ und ‚Es gibt keinen Gott außer Allah‘ zu.“ Das ist nicht nur homoerotisch gemeint, sondern zudem noch ziemlich witzig und provokant. Und vor allem war es über Jahrhunderte enorm populär.                                                    ( Foto-Noktara)

Der verklemmte Westen wusste gar nicht wie ihm geschah

Die Zwanghaftigkeit und Aufgeregtheit, die man in vergleichbaren Texten europäischen Ursprungs findet, geht den arabischen völlig ab. Als die ersten Europäer sich an Übersetzungen versuchten, fielen die denkbar verklemmt aus. Die schwulen Adressaten so mancher arabischer Liebesschwüre wurden dazu Frauen umgedichtet, der beginnende Bartwuchs der Angehimmelten wurde dezent verschwiegen.

Nicht nur die Poesie war betroffen, die Verklemmtheit des europäischen Publikums wurde auch in anderen Genres herausgefordert. So gibt es eine ganze Reihe historischer sexualhygienischer Ratgeber, die völlig sachlich Auskunft über den Zusammenhang zwischen Sex und Ernährung geben. Als der Westen im Laufe des 19. Jahrhunderts diese Ratgeber entdeckte, erregten sie dort als pornografische Werke großes Aufsehen. Kein Wunder. Gemessen an der viktorianischen Sexualmoral, die man den Völkern des 19. Jahrhunderts predigte, war das spektakulär. Der Westen war zu dieser Zeit industriell und politisch mächtig genug geworden, um die eigenen Sexualitätsdiskurse in die islamische Welt und den Nahen Osten zu exportieren.

Schwulenhaß ist eine moderne Einstellung

In diese Zeit fällt auch eine der ersten bekannten Zensurmaßnahmen gegen erotische arabische Dichtung. Die Werke von Safijaddin al-Hilli, eines berühmten Poeten des 13. Jahrhunderts und Verfassers diverser frivoler Gedichte, sollten Ende des 19. Jahrhunderts in Damaskus neu aufgelegt werden.

Die Gedichte mit erotischem Inhalt wanderten in die hinteren Teile des Buches, damit der Leser sie zur Not entfernen konnte. Als das Buch wenige Jahre später in Beirut nochmals gedruckt werden sollte, wurden die inzwischen umstrittenen Stellen gänzlich gelöscht.

Das alles geschah unter dem Einfluss der Kolonialmächte. An der Geschichte der nahöstlichen Homophobie hat der Westen also kräftig mitgeschrieben – und zwar so lange, bis vielen Muslimen die eigene Geschichte unangenehm wurde.

Natürlich ist es von den Zensurvorschriften der Kolonialmächte bis hin zur Ideologie heutiger Islamisten ein sehr weiter Weg. Die islamisch -fundamentalistischen Strömungen der Moderne funktionieren wie jeder Extremismus, der ein traditionelles Familienbild vertritt und auf patriarchalen Machtstrukturen beruht.

Homosexuelle Verbindungen bringen die Strukturen durcheinander, ein schwuler Mann ist in der Logik der Hardliner kein starker, kämpfender Mann. Nach diesem Muster funktioniert der Islamische Staat, nach diesem Muster funktioniert Schwulenhaß in allen Gesellschaften. Wenn Yusuf al-Qaradawi und andere Gesinnungsgenossen Homosexualität unter drakonische Strafen stellen, dann fußt das nicht auf einer jahrhundertealten Tradition, sondern ist eine moderne Entstellung.(Welt.de- Eva Marie Kogel)


Die Frommen verlieren ihre Heimat – Ein Standpunkt von vielen!

Das Votum der Leitung der EKD für die „Ehe für alle“ bewegt die Chri­s‍ten mehr denn je. Die Unruhe wächst. Dazu ein Beitrag von Alexander Garth, Pfarrer der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Wittenberg. In dieser Kirche predigte Martin Luther einst selbst.

Daß der Staat die „Ehe für alle“ beschließt, ist folgerichtig, denn dafür gibt es eine klare Mehrheit. Das bejahe ich als Demokrat. Daß aber die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) oder zumindest ihre Leitung, der Rat, sich ausdrücklich hinter die „Ehe für alle“ stellt, ist für den Prote­s‍tantismus desaströs. Denn mit dieser Entscheidung werden viele Fromme in den Landeskirchen heimatlos. Und genau das kann sich die Evangelische Kirche nicht mehr lei­s‍ten. Denn es sind die Frommen, die die Sub­s‍tanz der Kirche sind. Ohne sie verkommt die Amtskirche zu einem Verwalter von Religion. Und es sind die Frommen, die zumeist ein traditionelles Ehebild haben.

Wer macht eigentlich tatsächlich die kirchliche Arbeit?

Indes ist die Entscheidung der Kirchenspitze, für den Ehestatus auch homosexueller Partnerschaften einzutreten, nur ein weiterer Schritt der Entfremdung der Kirchenleitungen von der frommen, zumeist konservativ einge­s‍tellten Kerngemeinde. Wer trägt denn die kirchliche Arbeit vor Ort? Es sind die treuen Gottesdienstbesucher, das riesige Heer der Ehrenamtlichen, die Besuchsdien­s‍te, die Haus- und Gebetskrei­s‍teilnehmer, die Kindergottesdiensthelferinnen, die Bibel­s‍tundenbesucher, die Sängerinnen und Sänger in den Kirchenchören, überhaupt die Gläubigen, die die Arbeit von Gemeinden und christlichen Werken finanziell großzügig unter­s‍tützen und zahlreiche Arbeitsbereiche der Kirche überhaupt erst ermöglichen. Für viele von ihnen ist die Kirche eine Größe, die für die Bewahrung christlicher Traditionen steht in einer Zeit, in der sich alles ändert und das Leben immer neu formatiert wird.

Im Sog des linken Mainstreams

Sie verlieren ihre Heimat in einer Kirche, die sich immer weiter davon entfernt, eine Hüterin von Frömmigkeit zu sein. Sie erleben, daß ihre Kirche immer weiter wegdriftet im Sog des linkskulturellen Mainstreams hin zur Beliebigkeit in theologischen und ethischen Fragen. Man könnte frei nach Wolf Biermann singen: „In dieser Kirche leben wir wie Fremdlinge im eigenen Haus.“ Es ist eine der Hauptsünden der evangelischen Kirche, sich der gerade opportunen Meinung anzuschließen. Wie geht es den Chri­s‍ten, die sich 1996 nur mühsam mit dem neuen Kurs der Kirche in Fragen der Sexualethik angefreundet haben, wo es immerhin noch als Sicht des Glaubens galt, daß „die In­s‍titution Ehe heterosexuellen Paaren vorbehalten bleiben muß“ (so hieß es in der Orientierungshilfe der EKD unter dem Thema „Mit Spannungen leben“)?Foto-redeeminggod.com

Eine starke Vertrauenskrise

Wenn auch das dann 21 Jahre später nicht mehr gilt, muß das zu einer starken Vertrauenskrise in die geistliche Führungsfähigkeit der Kirchen führen. Wer von den kirchlichen Spitzenkräften ver­s‍teht überhaupt noch, was in frommen christlichen Gemütern vorgeht? Die frommen, die Kirche weithin tragenden Kräfte können überhaupt nicht nachvollziehen, wie eine Kirche, die sich an Bibel, Bekenntnis und geistliche Traditionen bindet, ja die Luther im Namen trägt und sich auf ihn beruft, derartig vor dem Säkularismus und der postmodernen Beliebigkeit einknicken kann. Hat hier eine kirchliche Obrigkeit den Kontakt zu den Gemeindegliedern verloren, die kindlich glauben, einfältig die Bibel lesen, ehrfurchtsvoll im Gottesdienst sitzen, sich uneigennützig für das Wohl der Gemeinde engagieren und das Evangelium mit den Mitmenschen teilen? Dabei braucht die Kirche für ihre Zukunftsfähigkeit genau diese frommen Menschen.

Was hätte die EKD besser machen sollen?

Wie hätte die Kirche mit dem Thema „Ehe für alle“ umgehen sollen? Auch in der evangelischen Kirche wird das Thema „Ehe für alle“ kontrovers gesehen. Ich selbst kann die Positionen der Befürworter einer „Ehe für alle“ nachvollziehen und auch gewisse Sympathien dafür hegen, denn ich habe einige fromme schwule Freunde (die übrigens die Gleich­s‍tellung homosexueller Partnerschaften mit der heterosexuellen Ehe sehr kontrovers diskutieren). Aber es stimmt einfach nicht, wenn der hannoversche Landesbischof Ralf Mei­s‍ter erklärt, daß „wir“ die „Ehe für alle“ begrüßen. Eine evangelische Reaktion wäre gewesen, wenn die Kirchenleitungen die Vielfalt der Überzeugungen begrüßen und es – gut Lutherisch – jedem Chri­s‍ten anheim­s‍tellen würde, gemäß seiner christlichen Überzeugung dem eigenen Gewissen zu folgen. Das wäre gut angekommen in einer Gesellschaft, die Freiheit schätzt, und es hätte die Frommen in der Kirche nicht vor den Kopf ge­s‍toßen und heimatlos gemacht. Stattdessen führt sich die Kirchenspitze der EKD auf wie eine Obrigkeit, die die Bürger vereinnahmt und entmündigt. (Idea-21.07.2017)


Homosexuelle in Südafrika - Katholisch, afrikanisch, schwul        

Der Geistliche der Johannesburger Diözese passte einen ruhigen Moment ab, dann nahm er Pfarrer Russell Pol litt zur Seite. «Realisieren Sie eigentlich, dass es nicht gut für ihre Karriere ist, was Sie da tun?», fragte er mit gedämpfter Stimme, und es war mehr als Aufforderung denn als Frage gemeint. Pol litt lächelte. «Wenn das so sein sollte, dann ist es mir egal», entgegnete er, «dafür lebe ich nicht.»

Agitierender Kardinal

Seine überschaubaren Aufstiegschancen in der katholischen Kirche bekommt Pollitt immer wieder vor Augen geführt. Vor ein paar Tagen hat ihm ein befreundeter Theologe eine E-Mail geschickt, nachdem er einen südafrikanischen Zeitungsartikel über die Kirche gelesen hatte. Bewundernswert, schrieb er, und im PS: «Schade, daß ich Dich nie mit der Bischofs-Mitra sehen werde.» Die Zeitung berichtete darüber, daß Pollitt eine Gruppe für Schwule an seiner katholischen Kirchengemeinde eingerichtet hatte.

Das ist in einer katholischen Kirche eine Ungeheuerlichkeit, erst recht in Südafrika. Vor einigen Wochen sorgte der höchstrangige Katholik des Landes, Kardinal Wilfrid Napier, mit schwulenfeindlichen Aussagen für Schlagzeilen, als er die liberale Ehe-Rechtsprechung in Südafrika als Zugeständnis an den Westen kritisierte. «Mit der Homo-Ehe unterstützen wir eine Agenda von außen», sagte er, «das ist eine neue Form der Sklaverei.» Später wehrte er sich mit ganz eigener Logik gegen den Vorwurf der Schwulenfeindlichkeit: «Ich kenne keine Schwulen, also kann ich auch nicht homophob sein.» Aussagen wie diese zeigen, dass Südafrika womöglich doch nicht jene Insel der Toleranz darstellt, die seine Gesetze versprechen. Seit dem Jahr 2006 ist hier die Homo-Ehe legal, sie wird regelmässig in einigen Kirchen vollzogen. «Die Kluft zwischen Verfassung und der Realität ist jedoch gewaltig», sagt Pollitt. Homosexualität gelte oft als «unafrikanisch» und nicht akzeptabel.

In 37 der 55 Länder auf dem Kontinent ist Homosexualität sogar von Staats wegen verboten. Bei den letzten Wahlen in Sambia, Simbabwe und Uganda setzten die regierenden Parteien das Thema im Wahlkampf ein und warfen der Opposition vor, gleichgeschlechtliche Liebe zu unter­s‍tützen. In Ländern wie Uganda und Malawi drohen mehrjährige Haftstrafen, auch wenn Malawis Präsidentin Joyce Banda zuletzt liberalere Gesetze in dieser Frage in Aussicht ge­s‍tellt hat. Das geschah wohl nicht zuletzt wegen Drohungen aus England und den USA, Entwicklungshilfe als Druckmittel für die Dekriminalisierung einzusetzen. Von außen erahnt man die gesellschaftliche Relevanz von Pfarrer Pollitts unscheinbarem Kirchengebäude kaum. Die jesuitische Holy Trinity Church liegt, von Hochhäusern umzingelt, in der Johannesburger Innen­s‍tadt. Kleinbusse drängeln sich an dem Kirchengebäude vorbei. Nur ein paar Blocks weiter ist Hillbrow, ein Stadtteil, der wegen der höch­s‍ten Kriminalitätsraten des Landes berüchtigt geworden ist. Hier geht es nicht ums Leben, sondern ums Überleben. Vor 120 Jahren bauten Prie­s‍ter das Gebäude, um verarmte Immigranten – Opfer des Goldrauschs – zu unter­s‍tützen. Und noch immer ist die Kirche Zufluchtsort von Wirtschaftsflüchtlingen aus allen Teilen Afrikas. Gold erwartet keiner von ihnen. Sie kommen für Gelegenheitsjobs nach Johannesburg, als Anstreicher, Bauarbeiter, Parkwächter, für ein paar Kupfer-Pennys als Lohn, die heute ähnlich umkämpft sind wie das Edelmetall, auf dem die Stadt einst errichtet wurde.

Schwule Flüchtlinge

Pollitt hört von seinem Büro aus das unaufhörliche Hupen und Dröhnen der Autos. Ein Kreuz hängt an der Wand, einfache Holzregale tragen Hunderte Bücher, auf dem Schreibtisch stehen ein Laptop und eine Videokamera, mit der Pollitt christliche Botschaften für die Homepage der Kirche aufnimmt, zuletzt sogar eine, mit der er schwule Chri­s‍ten ausdrücklich ermutigt, Teil seiner Gemeinde zu werden.

Pollitt ist 39 Jahre alt, trägt T-Shirt und Jeans. Den weissen Römerkragen trägt er nur bei Gottesdien­s‍ten. Er zeigt auf die Bücher. Er habe sie alle gelesen, sagt der Jesuitenpater, «aber was passieren kann, ist, daß wir die Welt in Schwarz und Weiß einteilen. In der akademischen Welt passiert das schnell.» Mehr hat er im Gespräch gelernt. Hunderte sassen auf dem Stuhl mit dem abgewetzten Stoff und erzählten Dinge, die nicht in Büchern stehen. Von der Nacht im vergangenen Winter etwa, als die Polizei bei minus zwei Grad Obdachlose zusammenschlug und ihre Decken verbrannte. Von Frauen, die abgetrieben haben, manchmal nach Vergewaltigungen, manchmal aber auch aus Angst, das Stipendium für das Studium zu verlieren. Von dem nigerianischen Einwanderer, der zunächst bei Verwandten in Hillbrow wohnte, dann aber auf die Strasse gesetzt wurde, als er ihnen seine Homosexualität offenbarte. «Ein Flüchtling in Johannesburg zu sein, macht einen verwundbar», sagt Pollitt, «aber ein schwuler Flüchtling zu sein, hat noch eine andere Dimension. Sie verlieren die Unter­s‍tützung ihrer Umgebung.»

Schmähbriefe

Vor fünf Jahren startete er die Schwulengruppe an seiner Kirche. Es klingt banal: ein Treffen pro Woche, wo Themen wie Verheimlichung oder HIV, aber auch Alltagsprobleme wie fehlende Papiere oder Arbeit diskutiert wurden. Er hatte den Erzbischof der Provinz um Erlaubnis gebeten. «Du mußt tun, was du tun mußt», hatte der nur geantwortet. Pollitt wertete das als «Ja».

Die Reaktionen in der Gemeinde waren, vorsichtig ausgedrückt, reserviert. Der Pfarrer bekam Schmähbriefe. «Warum starten Sie nicht auch eine Gruppe für Vergewaltiger und Mörder?», schrieb einer. Eine Frau, die wegen der Gruppe die Gemeinde wechselte, schreibt noch immer jede Woche eine E-Mail, in der sie Pollitt beschimpft. Auch andere Prie­s‍ter in der Gegend lä­s‍terten massiv. Andere empfahlen schwulen Gläubigen ver­s‍tohlen, sich an die Holy Trinity Church zu wenden. In ihrer eigenen Kirche wollten sie sich deren Sorgen nicht annehmen.

Um 13 Uhr 10 ist der halb­s‍tündige Gottesdienst, an jedem Wochentag. Viele kommen während der Mittagspause. In der dritten Bank sitzt Dumisani Dube. Vor vier Jahren entfloh der 43-Jährige der Wirtschaftskrise in Simbabwe, inzwischen arbeitet er als Ange­s‍tellter in einem Johannesburger Büro. Ein zurückhaltender Mann, seine Worte formt er mit leiser Stimme, aber gewaltigem Mut. Schon 1999 hat er einer simbabwischen Zeitung ein Interview über sein offen schwules Leben in einem Land gegeben, in dem der Präsident Robert Mugabe Schwule als «schlimmer als Schweine und Hunde» diffamiert und Homosexualität als «Krankheit des weissen Mannes» brandmarkt. »Ich habe das Recht, der Mensch zu sein, der ich bin», sagt Dube. «Damals wie heute.»

Bild aus Dylan Rossers Fotoband "RED"

Verwandte wandten sich ab.Nach dem Gottesdienst sitzt Dube in einem Café und rührt nachdenklich in seiner Tasse. Über die Diskriminierungen in Simbabwe will der Aktivist nicht reden. Er habe einiges mitgemacht, sagt er nur. Seit drei Jahren leitet er die schwule Kirchengruppe in Johannesburg. Rund dreissig Gemeindemitglieder gehören ihr an, sie treffen sich zu Gesprächen in einem Gemeinderaum, die mei­s‍ten sind Flüchtlinge.

«Ich glaube, daß wir viele Menschenleben gerettet haben», sagt er. Es habe Mitglieder gegeben, die Selbstmord begehen wollten, weil sie HIV-positiv waren oder weil Verwandte sich wegen ihrer sexuellen Orientierung abwandten. «Wir geben ihnen emotionale Unter­s‍tützung und bringen sie mit den richtigen Organisationen in Kontakt», auch solchen, die ko­s‍tenlos Kondome ausgeben. Sie in den Gemeinderäumen selbst weiterzureichen, würde auch Pfarrer Pollitt nicht zulassen. Doch die Kirche finanzierte für die Johannesburger Schwulenparade «Gay Pride» T-Shirts mit dem Namen der Kirche und der Gruppe. Die Gläubigen trugen ein Kreuz, auf das sie Forderungen nach mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen geschrieben hatten. Längst gehören sie in der Gemeinde zu den engagierten Mitgliedern, helfen in der Suppenküche und bei Spendensammlungen.

Strenggläubig

Dube rührt noch immer in seinem Kaffee. Er ist strenggläubiger Katholik, schon immer, für immer. Und er ist schwul, schon immer, er wird es immer sein. «Ich habe das als einen Kontrast in meinem Leben akzeptiert», sagt er. Viele Gemeindemitglieder nicht. Seine Handynummer ist auf der Homepage der Kirche veröffentlicht für Interessenten, die Teil der Gruppe werden wollen. Stattdessen bekommt er oft aufgebrachte Anrufe. Er zeigt eine SMS: «Weißt Du nicht, was in der Bibel steht?», fragt der anonyme Absender.

Jeder habe ein Recht auf eine eigene Meinung, sagt Dube. «Ich bleibe ruhig, egal, was mir die Leute an den Kopf werfen. Dann biete ich ihnen an, daß wir uns zusammensetzen und darüber reden. Du stellst Fragen, ich stelle Fragen.» Angenommen hat das Angebot bisher niemand. (von Christian Putsch, Johannesburg-nzz.ch)


Homosexualität und Kirche - Fromm und frei in Luthers Land?

Pfarrerin Katrin Jell lebte zusammen mit ihrer Partnerin im Pfarrhaus von Hohenstein im Erzgebirge. Laut Dienstrecht der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens darf sie das. Doch die "Sächsische Bekenntnisinitiative" hält Homosexualität für einen Verstoß gegen göttliches Recht und findet zahlreiche Unterstützer. Die Polarisierung bekommt Jell zu spüren.

"Ich glaube, was für mich das Beschwerlichste war, war das Grundgefühl, ich kann schon als Pfarrerin in Sachsen arbeiten, wenn ich das möchte, aber bitte nach außen hin im System konform. Also angepasst an das System, angepasst auch an das Bild, das die Kirche von sich selber hat. Und ich hatte das Gefühl, ich passe nicht an allen Stellen. An den Stellen, wo ich nicht kompatibel bin, wurde das nicht als Bereicherung, also als Erweiterung zu einem bereits schönen Bild als weiterer bunter Mosaikstein gesehen, sondern als Beschwernis. Ein Stein des Anstoßes in dem Sinne, als permanentes Problem."

Homosexuelle Pfarrerin in der sächsischen Landeskirche – kein Rückhalt

Im Sommer 2016 hat Pfarrerin Katrin Jell die sächsische Landeskirche verlassen. Sie lebt jetzt in dem kleinen Pfarrsprengel Zahrensdorf im Boizenburger Land. In dem bäuerlichen Gemeindehaus mit der großen Toreinfahrt stapeln sich noch Umzugskartons. An der ehemaligen Stalltür haftet ein Porträt Luthers. Im Pfarrbüro erinnern ein Erzgebirgsengel und eine Kasperfigur an den bisherigen Wirkungsort der Theologin.

Hohn­s‍tein in der sächsischen Schweiz. Dort hat sie zehn Jahre lang die Kirchgemeinde betreut, seit ihrem Vikariat. Alle wussten davon, dass sie homosexuell ist. "Also an Hohn­s‍tein hat’s überhaupt nicht gelegen, das muß ich deutlich sagen. Was mir zu schaffen gemacht hat, war das Sy­s‍tem drum herum. Also im Sy­s‍tem Landeskirche habe ich nicht die Freiheit und den Rückhalt gespürt, denn ich brauche, um glücklich arbeiten zu können. Deswegen habe ich mir einen Ort gesucht, an dem ich leben kann."

Bereits im Frühjahr 2016 hat ein schwules Paar, beide Pfarrer, die sächsische Landekirche verlassen. Ebenfalls in Richtung Nordkirche. Stephan Rost und Ciprian Matefy.

"Wie homosexuell dürfen sächsische Pfarrer eigentlich sein?"

Geschützt, ge­s‍tärkt und unter­s‍tützt in der Nordkirche

Das wurde sogar in den Kirchenzeitungen diskutiert. Das frage in der Nordkirche niemand, meint Katrin Jell:

"Was mir als Allerer­s‍tes aufgefallen ist, als ich den Kontakt mit der Nordkirche gesucht habe, das war ja ein Kontakt auf in­s‍titutioneller Ebene, ich habe mich an das Landeskirchenamt in Kiel gewandt, war, daß mir und auch meiner Lebensgefährtin mit einem unglaublichen Respekt begegnet wurde und mich das gelehrt hat, in einer ganz neuen Form wieder aufrecht zu gehen. Das war ein sehr heilsamer Prozeß. Und auf der anderen Seite aber auch eine traurige Erfahrung, weil ich gemerkt habe, wie sehr ich mich bereits zurückgezogen hatte, versucht habe, nicht anzuecken, versucht habe, möglichst viel meiner Persönlichkeit zu ver­s‍tecken, zurück zu nehmen."

Hier in der Nordkirche werde sie nicht nur geduldet, betont die zierliche Frau mit den kurzen, hellen Haaren. hier werde sie als Mensch unter­s‍tützt. Ohne Vorbehalt. "Und auch als Familie, wir sind eine kleine Familie, als zwei Personen, auch in diesem Familienverbund geschützt, gestärkt und unterstützt. Das ist für uns der alles entscheidende Unterschied."

Kompromiß in Sachsen?

Die Dreikönigskirche in der Dresdner Neu­s‍tadt. Hier tagt zwei Mal im Jahr die Synode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Nicht immer geht es so turbulent zu, wie im Frühjahr 2012. Da stritten die Kirchenparlamentarier über das neue Pfarrerdienstrecht der Evangelischen Kirche in Deutschland. Strittig war vor allem § 39. Darin wird eine Pfarrer-Familie nicht nur als Verbindung von Mann und Frau beschrieben. Auch homosexuellen Paaren wird dieser Status zuerkannt, weshalb sie auch in der Dienstwohnung leben dürften. 

Bereits 2001 war in Deutschland das Gesetz über die Eingetragene Lebenspartnerschaft in Kraft getreten. Als Reaktion darauf wurde Bedien­s‍teten der Sächsischen Landeskirche eine homosexuelle Beziehung im Pfarrhaus untersagt. Doch 2012 sah sich die sächsische Kirchenleitung genötigt, dem allgemeinen Trend zu folgen, aber nicht kompromisslos. "Der Kompromiss sieht so aus, dass ein homosexuelles Paar im Pfarrhaus zusammen leben kann unter der Voraussetzung, daß der örtliche Kirchenvor­s‍tand einmütig damit einver­s‍tanden ist. Der zu­s‍tändige Superintendent wird gehört. Wir möchten an dieser Stelle auf keinen Fall leichtfertig handeln."

So der damalige Landesbischof Jochen Bohl, der auch stellvertretender Ratsvorsitzender der EKD war. 

Wider­s‍tand gegen das liberale EKD-Dienstrecht

Mehr als ein Jahr lang hatte sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema befaßt. Die leitenden Theologen waren sich dessen bewußt, daß es heftigen Wider­s‍tand geben würde. Erst 2010 hatten acht evangelische Altbischöfe in einem offenen Brief gegen das neue EKD-Dienstrecht prote­s‍tiert. Sie beriefen sich auf die Heilige Schrift als alleinige Grundlage für den Glauben und das Leben ihrer Mitglieder, sowie für den Dienst und die Lebensführung ordinierter Pfarrerinnen und Pfarrer in der Kirche.

"Nach Römer 1,26 gehört gleichgeschlechtliches Zusammenleben in exemplarisch hervorgehobener Weise zu den gott-widrigen Verhaltensweisen, denen 'die Offenbarung des Zorngerichts Gottes' gilt." So heißt es in dem Brief. Auch wenn es nur eine Handvoll homosexueller Pfarrerinnen und Pfarrer betraf, es ging um grundsätzliche Positionen - zwischen fundamentali­s‍tischer und liberaler Bibelauslegung, zwischen bibeltreuen Auffassungen im sogenannten sächsischen "Bibelgürtel" und demonstrativer Weltoffenheit beispielsweise der evangelischen Kirchgemeinden im Leipziger Land. Der inzwischen emeritierte Landesbischof Jochen Bohl sagte 2012: 

"Es steht natürlich allen auf der Kirchen leitenden Ebene vor Augen, daß die Auffassungen außerordentlich unterschiedlich sind. Und eine solche Polarisierung verlangt eben danach, daß man behutsam miteinander umgeht, und insofern hat das etwas Zeit gebraucht. Man könnte auch sagen, es hat relativ viel Zeit gebraucht. Insofern wollten wir es uns mit diesem Thema nicht zu leicht machen."

Zunächst zuversichtlich durch das neue Pfarrdienstrecht

Katrin Jell lebte da bereits seit sechs Jahren in der sächsischen Schweiz, in der Stadt des berühmten Hohn­s‍teiner Kaspers. Die Menschen hier sind nicht sehr kirchlich, anders als im We­s‍terzgebirge oder im Vogtland. Aber sie sind heimatverbunden. Der Kirchenvor­s‍tand war der jungen Pfarrerin wohl gesinnt. Eine geborene Dresdnerin. Ihre Beziehung zu einer Frau war der Kirchengemeinde bekannt und wurde akzeptiert. Noch voller Zuversicht sagte sie 2012: "Also ich hab ja vorher nachgedacht, bevor ich in den Dienst der Landeskirche gegangen bin. Ich bin ja nicht blauäugig in eine Situation gegangen, von der ich vorher nicht wußte, was sie für mich, auch für meine Partnerschaft bedeutet. Wir sind auch der fe­s‍ten Überzeugung, daß eben in unserer Landeskirche Menschen unterschiedlicher Prägungen ihr zu Hause haben und waren deswegen durchaus in der Hoffnung, daß es für uns auch einen Platz in der Landeskirche geben wird und auch gibt." Das neue Pfarrerdienstrecht würde nun auch ihrer Partnerin ermöglichen, mit in Hohn­s‍tein zu leben. Bis dato in Sachsen ein absolutes Tabu.

Foto-dbna.de

Heftiger Protest von der "Sächsischen Bekenntnisinitiative"

Doch die Heftigkeit, mit der konservative Kirchenmitglieder gegen den Beschluß der Kirchenleitung anrannten, übertraf alle Befürchtungen. Besonders Pfarrer im Erzgebirge und im Vogtland, aber auch in der Lausitz bekannten sich zur sogenannten "Sächsischen Bekenntnis-Initiative", kurz SBI. Über 100 Kirchengemeinden und mehrere Tausend Einzelpersonen prote­s‍tierten gegen eine liberale Auslegung des neuen Pfarrerdienstrechts der EKD.

SBI-Sprecher Gaston Nogrady forderte die Kirchenleitung auf, zum ursprünglichen Beschluß der Landessynode von 2001 zurück zu kehren. Und der untersagte Homosexualität in einem Pfarrhaus. "Es geht uns um die Schöpfung Gottes, um die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau in ihrem gegenüber und ihrer Zuordnung, und dem besonderen Segen, den Gott auf die Verbindung von Mann und Frau gelegt hat. Es geht uns positiv um die Aufrechterhaltung von der Ehe von Mann und Frau als christliches Leitbild für die Beziehung, für die wir uns einsetzen, und die wir im anderen Fall, jetzt der Öffnung der Pfarrhäuser für homosexuelle Beziehungen doch relativiert sehen."

Bekenntnisnot­s‍tand und drohende Spaltung

Die Sächsische Bekenntnis-Initiative rief den Bekenntnisnot­s‍tand aus, den "status confessionis". Wird solch ein außergewöhnlicher Bekenntnisfall erklärt, steht der Fortbe­s‍tand der kirchlichen Gemeinschaft auf dem Spiel. Es drohte die Spaltung der Landeskirche. Als Vorbild wurde die Barmer Bekenntnissynode genannt. 1934 hatten sich namhafte Theologen von den nazitreuen Deutschen Chri­s‍ten di­s‍tanziert. In einer solchen theologischen Zerreißprobe sahen sich nun auch Initiatoren der Sächsischen Bekenntnisinitiative, wie der Chemnitzer Pfarrer im Ruhe­s‍tand, Theo Lehmann.

"Weil in der Bibel drinne steht, daß es Sünde ist. Punkt."

Lehmann kündigte dem damaligen Landesbischof Jochen Bohl persönlich den Gehorsam auf. Und berief sich auf die Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche: 

"In unseren Bekenntnisschriften steht drinne, wenn ein Bischof was lehrt, was Irrlehre ist, ist man verpflichtet, gegen den Bischof zu prote­s‍tieren und ihm den Gehorsam zu verweigern." Für den Ruhe­s‍tändler Theo Lehmann hatte die Illoyalität keine Folgen. Doch der Leiter des Evangelisation­s‍teams Lutz Scheufler wurde aus dem kirchlichen Dienst entlassen. Andere wurden abgemahnt.


Inzwischen in Einzelfällen geduldet

Inzwischen ist es homosexuellen Pfarrern und Pfarrerinnen in der sächsischen Landeskirche erlaubt, gemeinsam in der Pfarrwohnung zu leben. Allerdings nur in Einzelfällen. Nach außen hin demonstrieren Kirchenparlament und Kirchenleitung jedoch Einigkeit. Daß die Wogen zumindest ein wenig geglättet werden konnten, ist auch Car­s‍ten Rentzing zu verdanken, damals Pfarrer in Markneukirchen im Vogtland, ein Ort der durch seine Instrumentenbauer bekannt ist. Rentzing stand der Bekenntnisinitiative zumindest nahe und bezeichnet sich selbst als "konservativ". 

2015 wurde der Theologe mit hauchdünner Mehrheit zum neuen Landesbischof gewählt. Er setzte sich gegen drei Kandidaten durch. Ein von ihm mit initiierter Gesprächsprozeß in der sächsischen Landeskirche hat seit 2012 kaum zu einer Annäherung geführt. Der Bischof spricht von einem Modus Vivendi, einer Duldung homosexueller Beziehungen. 


"Wir wollen niemanden ausgrenzen"

"Um allen Beteiligten die Möglichkeit zu geben, sich in dieser Kirche zu Hause zu fühlen, und um auch - das erwarten wir - dem heiligen Geist die Möglichkeit zu geben, ein gemeinsames Wort weiterhin an uns alle zu sprechen. Ein gemeinsames Wort zu diesen Fragen, die uns trennen." Eine Aussage Car­s‍ten Rentzings hatte die liberalen Kräfte in der sächsischen Landeskirche kurz nach seiner Wahl aufgeschreckt. In einem Interview bekannte er sich zu einer theologischen Auffassung, wie sie auch die Sächsische Bekenntnisinitiative vertritt: 

"Die Bibel sagt, daß die homosexuelle Lebensweise nicht dem Willen Gottes entspricht. Diese Aussagen der Bibel machen es mir persönlich schwer, jemandem zu raten, daß er seine Homosexualität leben solle. Dies anzusprechen, müssen wir Chri­s‍ten uns vorbehalten." Dennoch, Car­s‍ten Rentzing betont ausdrücklich, daß er ganz eindeutig zu seinem Versprechen stehe, Bischof aller sächsischen Lutheraner sein zu wollen. Und damit stellt er sich auch gegen fundamentali­s‍tische Strömungen in seiner Kirche. "Wir wollen ja auch keine ausgrenzenden Zeichen setzen, muß man deutlich sagen, wir wollen niemanden ausgrenzen. Niemanden. Und wenn ich niemanden sage, dann meine ich auch tatsächlich niemanden an dieser Stelle."

"Wir dürfen die nicht wegreden"

Doch der von Landesbischof Rentzing erklärte Modus Vivendi stößt in der kirchlichen Praxis immer wieder an Grenzen. Wenn beispielsweise ein schwuler Jugendwart im Kirchenbezirk Aue nicht mehr predigen darf. Oder wenn in Chemnitz-Klaffenbach ein junger Organist nach seinem Coming-Out entlassen wird. 

Der Leipziger Pfarrer Chri­s‍toph Maier befürchtet, daß gerade die weltoffen-liberalen Theologen und Kirchenmitarbeiter Sachsen den Rücken kehren könnten. "Wir erleben als Kirche, was die Gesellschaft auch erlebt. Wir sind eine sich polarisierende Gesellschaft, und das bildet sich auch in der Kirche ab. Und darüber wurde viel diskutiert heute, wie gehen wir angemessen mit dieser Polarisierung, mit dieser Fragmentierung um, die wir wahrnehmen. Wir dürfen die nicht weg reden, und müssen sehen, wie wir Brücken zueinander finden und wie wir trotzdem auch erkennbar auf unseren Positionen bleiben." Chri­s‍toph Maier ist Gründer des innerkirchlichen "Forums für Gemeinschaft und Theologie". Seit Pfing­s‍ten 2016 macht die Bewegung auch mit der Internetplattform "frei und fromm" auf sich aufmerksam. Sie ver­s‍teht sich als Gegenpol zur konservativen Sächsischen Bekenntnis-Initiative.


Bibelver­s‍tändnis - zeitgemäß statt fundamentali­s‍tisch

Im Sommer 2016 trafen sich zahlreiche Vertreter des liberalen Lagers in der Leipziger Peterskirche um über Themen wie Homosexualität oder auch Frauenordination zu diskutieren. Die Teilnehmer warben für ein zeitgemäßes Bibelver­s‍tändnis. Es genüge doch nicht, die eigene Auffassung mit be­s‍timmten Versen zu begründen, so Maier. 

"So ist es, man muß die Frauen aus dem Dienst entlassen, man darf keine Blutwurst essen, man muß die Kinder züchtigen, wir müssen die Sklaverei wiedereinführen. Die Bibel ist nicht dazu da, eins zu einem Gesellschaftsbild in unsere Zeit zu transferieren, sondern die Bibel birgt die lebendige Gottesbeziehung. Dazu braucht es andere Bilder, anderes Ver­s‍tändnis von Heiliger Schrift." Ein fundamentali­s‍tisches Bibel- und Kirchenver­s‍tändnis wird auch bei den Pegida -Kundgebungen in Dresden oder Chemnitz deutlich. Da wird nicht nur gegen Muslime, Politiker oder Journali­s‍ten gewettert, sondern auch gegen die Amtskirche: "Was die alles zulassen, daß die Schwulen heiraten dürfen, daß sie Kinder adoptieren dürfen. Ich weiß nicht, ob die die Bibel überhaupt noch kennen. Was es eben betrifft mit den Schwulen, mit den Lesben. Das gab’ s schon immer. Aber daß es jetzt solche Ausmaße annimmt, finde ich nicht richtig."


Traugottesdien­s‍te für gleichgeschlechtliche Paare

Tatsächlich hat sich auch in den ostdeutschen Gliedkirchen der EKD viel bewegt. Die Synode der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz hat 2016 beschlossen, daß homosexuelle Paare nicht nur den Segen Gottes bekommen, sondern auch kirchlich heiraten dürfen. Dazu Bischof Markus Dröge:

"Wir haben den Traugottesdienst eingeführt auch für gleichgeschlechtliche Paare, sofern sie in einer eingetragen Lebenspartnerschaft leben, weil wir sagen, es kommt in einer Partnerschaft darauf an, daß Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, und es kommt darauf an, daß man diese Verantwortung auch zum Ausdruck bringt, öffentlich. Wir stehen für einander ein. Und christlich ist eine Beziehung, wenn sie vor Gott dieses Versprechen gegenseitiger Verantwortung ausdrückt."

Auch in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands, also in Sachsen-Anhalt und Thüringen, sind solche kirchlichen Amtshandlungen längst kein Tabu mehr. Und sogar in Sachsen erlaubt die lutherische Kirche seit 2016, Paare in eingetragenen Lebensgemeinschaften zu segnen. Damit legalisierte die Kirchenleitung eine längst gängige Praxis liberal gesinnter Theologen. Erwartungsgemäß lö­s‍te dieser von Landesbischof Rentzing mitgetragene Beschluß der Kirchenleitung heftige Reaktionen der Bekenntnisinitiative aus. SBI-Sprecher Gaston Nogrady im Herbst 2016: "Also dieser Beschluß der Kirchenleitung stellt für mich und andere eine große Bela­s‍tung dar. Und es erschwert auch das, ja, das Miteinander in der Kirche. Es ist eine Bela­s‍tungsprobe, erhöht auch die Spannung. Und von daher bedauere ich diesen Beschluß sehr. Gerade wenn Sie den alten Kirchenleitungsbeschluß von 2001 sehen, wo ganz klar gesagt wird, daß solche Segenshandlungen in unserer Landeskirche nicht möglich sind."

Näch­s‍tenliebe – für andere be­s‍timmen, was gut ist?

Aber wie verhält es sich mit dem Gebot der Näch­s‍tenliebe, mit der zentralen Aussage der Bibel?

"Das sehen wir auch so, daß natürlich die Mitte der Bibel gesehen werden muß: Aber wenn ich jetzt in einem Bilde spreche, wenn ich persönlich der Überzeugung bin, daß eine Verhaltensweise nicht gut ist, in der zwei Menschen leben, daß ich persönlich der Überzeugung bin, das tut ihnen nicht gut, dann wäre es meines Erachtens gerade lieblos oder gleichgültig, wenn ich sagen würde, macht mal weiter so und nicht versuchen würde, sie von einem Weg abzubringen, den ich selbst für nicht gut halte. Genau dieses Bibel- und Kirchenver­s‍tändnis hat Katrin Jell veranlaßt, den Dienst in der Sächsischen Landeskirche aufzugeben. "Also, wenn jemand mich davor bewahren möchte, meine Liebe zu leben und das als Näch­s‍tenliebe interpretiert, ist das für mich so nicht wahrnehmbar. Das empfinde ich nicht als Näch­s‍tenliebe. Aber daß ich das so nicht empfinde, das wird nicht akzeptiert und auch nicht wahrgenommen. Ich habe das Gefühl, es wird noch nicht mal wahrgenommen. Und das ist für mich verletzend."

Die noch unausgepackten Umzugskartons im Pfarrhaus Zahrensdorf  im Boizenburger Land zeigen, dass es Katrin Jell schwer gefallen ist, Sachsen und ihre Heimatkirche zu verlassen. Der Lichterengel und der Kasper erinnern sie an ihren langjährigen Wirkungsort in der Sächsischen Schweiz. Und das Plakat mit dem Porträt Martin Luthers lässt sie täglich daran denken, dass sie aus dem Land der Reformation gekommen ist.

Aber die wieder entdeckte Freiheit und das ungestörte Zusammenleben mit ihrer Partnerin sind ihr wichtiger als der Dienst in der so traditionsreichen evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens.

"Zu lieben und meine Liebe auch zu leben und damit auch zu zeigen, ich bin liebesfähig. Ich hab da Talente in mir. Das ist eine Bereicherung, die kann ich nicht unter dem Deckel halten. Da würde ich mich so sehr meiner Lebensqualität beschneiden. Das ist für mich unwürdig." ( Deutschlandfunk - von Wolfram Nagel)

Gerissen oder Gewissen?

Beim Thema Ehe für alle erschienen die Protestanten lange einig mit ihren Funktionären. Deren Jubel­s‍timmung jedoch können nicht alle engagierten Christen teilen. Die Geschichte einer Zersplitterung

Als die Ehe für alle im Bundestag beschlossene Sache war, standen die Protestanten scheinbar auf der Seite der Gewinner. Natürlich waren sie dafür, allen voran Heinrich Bedford-Strohm, der Rat der EKD und Katrin Göring-Eckardt von den Grünen. Die Katholiken waren scheinbar ebenso natürlich dagegen, allen voran Kardinal Marx, die Deutsche Bischofskonferenz und Seehofers CSU. Der Graben zwischen den Konfessionen schien plötzlich – aller Ökumene im Reformationsjahr zum Trotz – unüberwindbar, so als müsste eine urevangelische Errungenschaft gegen die unverbesserlichen Römer verteidigt werden. Doch hinter der demonstrativen Feier­s‍timmung der EKD beim Thema Ehe für alle verbirgt sich eine bittere Wahrheit: So einig wie ihre Funktionäre tun, sind die Protestanten nicht.

Das war schon im Bundestag zu sehen: Fast alle exponierten Protestanten stimmten gegen die Ehe für alle, allen voran die Bundeskanzlerin selbst. Wie sie votierten ihr Fraktionsvorsitzender Volker Kauder und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Der ist auch noch Mitglied der EKD-Synode. Thomas Rachel, EKD-Ratsmitglied und Staatssekretär für Bildung und Forschung, stimmte ebenfalls dagegen. Zudem die Abgeordneten Steffen Bilger, Volkmar Klein, Frank Heinrich und Elisabeth Motschmann. Die Liste der Öffnungsbefürworter mit evangelischer Nebentätigkeit ist dagegen kurz: Ker­s‍tin Griese, Katrin Göring-Eckardt und Siegmund Ehrmann. Offenbar scheint die politischen Protestanten nicht zu interessieren, was ihre Kirchenleitung zu ethischen Fragen zu sagen hat. Dies wirft jedoch die Frage auf, ob der Rat der EKD noch für die evangelische Kirche spricht.

Kaum ein Thema hat in den evangelischen Kirchen in den vergangenen Jahren für derart heftige Auseinandersetzungen gesorgt wie der Umgang mit homosexuellen Paaren. Frucht dieser Kämpfe ist eine kaum überschaubare Ansammlung von Reglements, wie mit heiratswilligen Homosexuellen umzugehen ist. Faktisch ist eine Trauung für gleichgeschlechtliche Paare in nur drei von zwanzig Landeskirchen möglich. Die meisten anderen entschieden sich, es dabei zu belassen, die Paare zu segnen, wobei es den Pastorinnen und Pastoren meist gestattet ist, aus "Gewissensgründen" gleichgeschlechtliche Paare an eine andere Gemeinde zu verweisen. Auch in Bayern, der Landeskirche des Ratsvorsitzenden, konnte, wie es auf deren Homepage heißt, "ein innerkirchlicher Konsens in dieser Frage bislang noch nicht hergestellt werden". Eine "segnende Begleitung" sei im seelsorgerlichen Rahmen möglich und mit dem Pfarrer vor Ort zu besprechen.

Besonders heftig tobt der Konflikt derzeit in der württembergischen Landeskirche. Dort hat die Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold ohne Absprache mit Bischof July die Schirmherrschaft für den Chri­s‍topher Street Day übernommen. Skandal! sagen einige Protestanten. Die Prälatin habe "die synodale Linie verlassen" und Rechtsbruch begangen, heißt es.

Und selbst der Rat der EKD ist nicht so einig, wie er sich nach außen gibt. Michael Diener, der Präses des frommen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, will zum Thema Homosexualität nichts mehr sagen, seit er sich vor zwei Jahren an dem Thema die Finger verbrannt hat. Die Evangelikale Bewegung wäre damals fast daran zerbrochen. Dabei hatte Diener lediglich akzeptiert, wenn evangelische Christen Homosexualität normal finden, und befürwortet, dass Schwule und Lesben in der Gemeinde mitarbeiten – von der Ehe für alle keine Rede.

Foto - evangelisch.de

Es sind diese zwei Lager, die sich an dieser für sie fundamentalen Frage aufreiben: Die einen halten die Ehe für alle für eine längst überfällige Reform, der sich die Kirche nicht verschließen sollte. Die anderen tun sich schwer damit, die Ehe, dieses christliche Institut, anderen zugänglich zu machen als Mann und Frau. Vielleicht hatte ein "Sprecher der EKD" in einer ersten Wortmeldung deshalb bedauert, "dass diese Frage jetzt unter dem Zeitdruck einer zu Ende gehenden Legislaturperiode entschieden werden soll". Es wurde rasch kritisiert und korrigiert. Dabei entspricht das Statement in seiner zögerlichen Unentschiedenheit eher der protestantischen Wirklichkeit als die Jubel­s‍timmung des Ratsvorsitzenden.

Was dieser bei aller persönlichen Freude ignoriert: Eine einheitliche Linie, wie es sie qua Hierarchie im Katholizismus gibt, gibt es im Protestantismus nicht. Fraktionszwang ist für Katholiken der Normalzustand. Protestanten dagegen halten sich an ihr Gewissen, und das hat seinen Sitz nicht in Hannover wie die EKD.

Die Kanzlerin aus dem evangelischem Pfarrhaus hat das Gewissen politisch aufgewertet. Lange lehnte Merkel die Ehe für alle ab, weil sie sie nicht mit ihrem Bauchgefühl ergo ihrem Gewissen vereinbaren konnte. Damit hat sie die Politik protestantischer gemacht und den Protestantismus politischer. Das verbucht die EKD zu Recht als Erfolg. Dabei rüttelt die Aufwertung des Gewissens jedoch auch an ihrem Anspruch, für alle Protestanten zu sprechen. Der innere Gerichtshof, wie Immanuel Kant das Gewissen nannte, speist sich eben aus vielen Quellen. Eine, und nur eine, ist die EKD. Sie wird es in Zukunft immer schwerer haben, Leute hinter sich zu versammeln – selbst die eigenen. (Zeit.online-Von Hannes Leitlein)


Lateinamerikas schwule Priester

Zwischen Faszination und Verzweiflung: In Lateinamerika outen sich immer wieder homosexuelle Priester. Sie hoffen darauf, dass Latino-Papst Franziskus endlich das kirchliche Tabuthema angeht.

"Es sind viele. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele homosexuelle Priester es in der Kirche gibt", sagte Roberto Francisco Daniel in einem Interview mit der brasilianischen Tageszeitung "Tribuna da Bahia": "Mein Eindruck ist, dass ein großer Teil von ihnen die Homosexualität unter der Soutane versteckt."

Der brasilianische Geistliche Roberto Francisco Daniel wollte sich nicht mehr verstecken. Der ehemalige Priester, in der Stadt Bauru als "Padre Beto" bekannt, wurde nach seinem Outing als Schwuler im April 2013 exkommuniziert. Sein Einsatz für homosexuelle Paare innerhalb und außerhalb der Kirche wurde dem 49-Jährigen beruflich zum Verhängnis.

Der Abgang des brasilianischen Priesters war nicht so spektakulär wie das Outing seines polnischen Glaubensbruders Krzysztof Olaf Charamsa. Dieser hatte unmittelbar vor dem Beginn der Familiensynode in Rom vor der Presse erklärt, der Klerus sei "überwiegend homosexuell und traurigerweise auch homophob". Er wurde daraufhin von seinen Ämtern in der Glaubenskongregation und der Internationalen Theologenkommission des Vatikans suspendiert.

"Verbotene Wahrheiten"

Doch beide Priester fühlen sich ihrer Kirche weiterhin verbunden und wollen sie verändern. Roberto Francisco Daniel erklärt, warum die katholische Kirche anscheinend auf viele homosexuelle Geistliche eine besondere Anziehung ausübt. "Verbotene Wahrheiten" heißt das Buch, das er nach seiner Entlassung über Tabuthemen in der Kirche geschrieben hat.

"Als Priester gibt es keinen Druck zu heiraten oder sexuell aktiv zu sein, es gilt ja das Zölibat", schreibt er. "Für die Kirche ist das eine schreckliche Situation, denn sie bildet so auch Pfarrer ohne Berufung aus. Und diejenigen, die sich berufen fühlen, trauen sich nicht, den Mund in eigener Sache aufzumachen."

Bereits im November 2010 hatte in Kolumbien ein hochrangiger Würdenträger der katholischen Kirche ein aufsehen­erregendes Buch zum Thema herausgegeben. Unter dem Titel "Hacia un clero gay" ("Auf dem Weg zum homosexuellen Klerus") beschreibt Germán Robledo Ángel, ehemaliger Vorsitzender des regionalen Kirchentribunals von Cali, die sexuellen Skandale des Klerus in der Region.

Foto Gay Express

Jede dritte Priester ist schwul

"Die Kirche ist ein Quartier für Frauenfeinde und ein Kabinett für Homosexuelle", lautet eine Erkenntnis des emeritierten Priesters Ángel. In der Erzdiözese von Cali seien rund 30 Prozent des Klerus homosexuell veranlagt.

Doch was 2010 laut Ángel noch wie eine "Bombe" wirkte, erregt mittlerweile deutlich weniger Aufsehen: Mit der zunehmenden Gleichstellung der Homo-Ehe in Lateinamerika ist das Thema Homosexualität auch in der Kirche angekommen. In Argentinien, dem Heimatland des Pap­s‍tes, wurde die Homo-Ehe erstmals in Lateinamerika legalisiert.

Homosexuelle Laien und Priester warten allerdings noch vergeblich auf ein Signal aus dem Vatikan. "Wer bin ich, um über Homosexuelle zu richten?" - die revolutionäre Frage, die Papst Franziskus während des Weltjugendtages 2013 in Rio de Janeiro stellte, blieb kirchenrechtlich bisher ohne Antwort.

Bleibt es also bei dem katholischen Grundsatz, wonach in Rom unfehlbare und endgültige Entscheidungen getroffen werden? Der ehemalige "Padre Beto" will nicht aufgeben: "In einer Kirche, in der Homosexuelle als Priester anerkannt würden, wehte ein frischer Wind. Das Klima wäre gesünder."

Ohne kirchlichen Segen

Sein Kollege Fabio de Melo scheint gerade auszuloten, wie weit die ersehnte Offenheit in der Praxis geht. Der brasilianische Priester und Sänger, dem bei Twitter über einer Million Menschen folgen, ließ es sich zu Beginn des Jahres nicht nehmen, die Homo-Ehe öffentlich zu verteidigen.

"Die zivile Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern ist keine religiöse Frage. Die Frage ginge uns nur etwas an, wenn diese uns um die religiöse und sakramentale Anerkennung ihres Ehebundes bäten", schrieb Melo in seinem Twitter-Account.

Seine Anhänger feierten Melo für die klare Stellungnahme im Netz. Schließlich war sein Glaubensbruder "Padre Beto" ein Jahr zuvor für sein Plädoyer zu Gunsten der Homo-Ehe von seinem Prie­s‍teramt suspendiert worden. Eine Nutzerin fragt nach: "An welchem Tag wird Fabio de Melo verkünden, dass er schwul ist?" (Redaktion-dw.com)


Evangelische Kirche auf dem CSD Berlin Kreuz und queer

Warum muss das alles hier so laut sein? Weil das bei Revolutionen unvermeidbar ist. Berlins evangelische Kirche feiert die Ehe für alle – mit einem La­s‍ter beim Chri­s‍topher Street Day.

Es ist noch gar nicht lange her, wenige Jahre bloß, da wurde ihm geraten - und man meinte es gut mit ihm -, sein Pfarramt ruhen zu lassen, „bis es sich wiedergegeben hat“. „Es“ hatte noch nicht viele Namen. Aber das Einzige, was sich seitdem gegeben hat, sind die Widerstände der Umgebung. Gegen schwule Geistliche wie Jörg Zabka und dagegen, dass zwei von ihnen als Paar in Pfarrhäusern zusammenleben können. Zuletzt brach der Widerstand gegen die Ehe für alle im Bundestag ein. Am Freitag unterzeichnete der Bundespräsident das neue Gesetz, vermutlich ab Oktober kann kreuz und queer geheiratet werden.

Die Widerstände haben sich auf eine derart unumkehrbare Art „gegeben“, dass der Pfarrer Zabka am Sonnabendmittag in seinem schwarzen Kollarhemd oben auf dem Auflieger eines Sattelzuges der evangelischen Kirche steht. Zabkas Mann, Pfarrer Alexander Brodt-Zabka, geht vom Auflieger runter auf die Straße, „ich geh jetzt noch mal zu Udo Walz“, sagt er, Infomaterial bringen. „Wohin?“ - „Udo Walz, der sitzt da, dort drüben.“ Nebenan steht der Lastwagen der Firma Paypal und der vom Erotikbedarfversand  Dildoking, vor dem Kirchenlaster parkt die Deutsche Bank, dahinter SAP. Die Protestanten sind auf dem Berliner Kurfürstendamm angekommen, in der Startaufstellung der Christopher-Street-Day-Parade.

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Geschichte, die vor mehr als 25 Jahren begonnen hat, als man sich in der evangelischen Kirche über das Verhältnis zur Homosexualität Gedanken machte.

Die Paradenpremiere ist der Versuch, der eigenen Liberalität auch öffentlich mehr Gewicht zu verleihen: 18 Tonnen, um genau zu sein. Lautsprecher mit einer maximalen Leistung von 8000 Watt. 140 Leute auf zwei Decks. Startnummer 43.

Sie spielen den Hochzeitsmarsch, „von Mendelssohn“ auf dem Wagen, „nicht den von Wagner“, sagt Bertold Höcker, Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte. Das sei wichtig. Es singt auch „nicht irgendeine Drossel“, sagt er, sondern Andy Roda, mehrfach als Backgroundsänger in Diensten Dänemarks beim Eurovision Song Contest im Einsatz. Seyran Ates ist da, da sind Dragqueens, Frauen in Brautkleidern, Männer mit Engelsflügeln, Pfarrer und Familien. Auch Pfarrersfamilien. Familien, die nur aus Pfarrern bestehen. Die Liebe kann viele Formen annehmen.

Tatsächlich weiß ja kaum einer, dass die jahrhundertealte Kirche der weltlichen Eheregelung in Berlin ein Jahr zuvorgekommen ist und schon seit dem 1. Juli 2016 Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare mit der Ehe zwischen Mann und Frau liturgisch und kirchenrechtlich vollkommen gleichgestellt hat, Eintrag in die Kirchenbücher inklusive. Berlin war die dritte Landeskirche, die das tat.

Warum aber muss das alles hier so laut sein? Weil die Dinge nicht für sich selber sprechen.

Die Leute lesen ja keine Protokolle der Synodensitzung, wo diese fortschrittlichen Ansichten schon seit Jahren formuliert sind. Und wo man den schrittweisen Abbau von Diskriminierungen nachlesen könnte. Am besten sei es natürlich, wenn es so selbstverständlich wird, dass niemand mehr drüber reden müsste, glaubt Pfarrer Jörg Zabka. Aber damit das so wird, muss man erst einmal laut sein und unbequem. Das lässt sich bei Revolutionen nicht vermeiden.

Zwei Tage zuvor, am Donnerstag, hatte man Jörg Zabka noch viel besser verstehen können. In der „frommen Ecke Berlins“, in Lichterfelde, wo 30 Prozent der Leute in einer Kirche Mitglied sind - nicht elf Prozent wie in Mitte oder acht wie in Hellersdorf -, liegt umkränzt von einer ordentlichen backsteinernen Siedlung das Pfarrhaus der Martin-Luther-Gemeinde, deren Pfarrer Zabka seit 16 Jahren ist. Zabka zündet eine Kerze an.

Die evangelische Kirche hat sich seit dem Zeitpunkt, als Zabka entdeckte, dass er Männer mag, so dermaßen rasant entwickelt, dass man den 49-Jährigen wohl inzwischen als Zeitzeugen bezeichnen muss. Zabka muss lachen. Zeuge eines anderen Zeitalters. Für eine Revolution dieses Ausmaßes ist das jetzt auch wieder keine so lange Zeit.

Zabka hat die Entwicklung, das muss man sagen, am eigenen Leibe erfahren. Abneigung schlug ihm entgegen, aber auch guter Wille. Die Erfolgsgeschichte, die am Sonnabend gefeiert wird, ist für ihn auch eine Verletzungsgeschichte. Nur halt nicht von Anfang an. Da fühlte er sich beschützt. Die Kirche, gegen deren Widerstand zeitweise vieles passiert ist, hatte dieses Leben auch erst ermöglicht. „Die Kirche war von Anfang an Schutzraum und Widerpart zugleich.“

Ganz zu Anfang, da war er 14, die DDR gab es noch, war die Kirche der Ort der Freiheit. Der Ort, an dem man „anders“ sein durfte. Seine ersten Kontakte knüpfte Zabka an einem offiziellen Tisch der in der Kirche organisierten Schwulen vor der Erlöserkirche in Lichtenberg. Seit 1983 betrieben sie dort einen eigenen Stand. Erst später merkte Zabka, dass er alle Flugblätter besaß, die sie jemals ausgeteilt hatten.

Die Kirche im Osten bestand nicht aus verknöcherten Bewahrern, sondern aus den freier denkenden Menschen. Zabka war gerade auf die mathematische Schule gewechselt und wunderte sich, warum ihm die neun Mädchen in der Klasse alle so seltsam unscharf blieben. Scharf sah er nur die 14 Jungs. Später sagte man ihm, als Schwuler könne er kein Pfarrer werden. Aber nicht einmal das stimmte.

Jörg Zabka und Alexander waren in Berlin die ersten beiden Pfarrer, die offiziell geheiratet haben. Der Personalrat konnte ihnen vorher nicht sagen, was passieren würde, wenn sie ihre geplante Verpartnerung dem Dienstherrn ankündigten: Von einem Glückwunschschreiben bis zu einem Disziplinarverfahren wäre alles drin. Sie waren 2006 einfach ohne Beispiel. Bis dahin hatte nur die Landeskirche Hessen und Nassau gleichgeschlechtliche Paare im Pfarrhaus zugelassen.

In Berlin kam es dann zu Szenen, die schon heute, nur wenige Jahre später, absurd anmuten. Ja, sie dürften zusammen sein, aber nicht im Pfarrhaus wohnen. Wenn sie trotzdem dort wohnen sollten, dann dürfe der Personalrat selbst davon nichts wissen. Er würde allerdings auch nichts wissen wollen und nicht selbst nachprüfen. „Da wäre Tür und Tor für Erpressung geöffnet gewesen“, sagt Zabka. Die beiden zogen also nicht ins Pfarrhaus, und heute finden sie es gar nicht schlimm, dass sie damit auch nicht so auf dem Präsentierteller leben.

Foto - ekbo.de

In den letzten Jahren habe sich die Redeweise verändert, sagt Zabka. Früher hieß es immer, er sei mit seinem „Bekannten“ in den Urlaub gefahren. Beiräte wiesen ihn darauf hin, dass er nicht „mein Mann“ sagen dürfe. Zabka fragt seine Konfirmanden am Ende des Unterrichts, was es ihnen bedeute, von einem schwulen Pfarrer unterrichtet worden zu sein. Anfangs sagten sie „schon komisch“. Heute verstehen sie die Frage nicht mehr.

Wenn es nur überall so einfach wäre. Alexander Brodt-Zabka, der zweite Pfarrer im Haushalt, arbeitet im Kirchenkreis Mitte. Die Briefe der Leute, die austreten wollen, landen auf seinem Schreibtisch. Aber er persönlich muss auch viele Briefe schreiben. Denn eine gesellschaftliche Diskussion ist ja nicht beendet, wenn ein Gesetz verabschiedet ist.

Alexander schreibt also Briefe: Wenn Volker Kauder mit dem christlichen Menschenbild gegen die Ehe für alle argumentiert, dann muss er ihn daran erinnern, dass er, Kauder, CDU, Mitglied des Bundestages, keine Deutungshoheit über das christliche Menschenbild besitzt (siehe Leserbriefseite). Und wenn Gerda Hasselfeldt, CSU-Landesgruppenchefin im Bundestag, für ihre Position gegen die Ehe für alle um Respekt bittet, dann muss er ihr schreiben, dass er seinerseits gerne selbst von ihr diesen Respekt genossen hätte, all die Jahre zuvor.

Seit sieben Jahren hält Superintendent Bertold Höcker am Abend vor dem CSD den queeren Gottesdienst. Die Nachfrage wächst in jedem Jahr. Als Höcker 2002 nach Köln kam, gab es dort die queeren Gottesdienste schon. Die hat er 2009 nach Berlin importiert. Schon seit Jahren schwelte die Idee, dass die Kirche mal mit einem Truck auf dem CSD mitfahren müsste. Sogar Spender hatten sie schon, aber hätte nicht in diesem Jahr die Pfarrerin Stefanie Hoffmann Zeit gefunden, das zu organisieren, wäre es vermutlich nie geschehen. Drei Monate Planung, ein Großspender. Es geht viel um die Details.

Der wichtigste Effekt sei schon vor diesem Samstag eingetreten: Leute aus dem Bundesgebiet haben sich gemeldet, einige wollen gerne als Trans-Personen leben, fühlen sich aber in ihren Gemeinden unwohl. Ob sie mitfahren dürften? Das Gespräch war eröffnet.

Der Truck, das hört man, ist kirchenintern nicht unumstritten. Der Kirchenwagen wird nun zwischen Menschen in Fetischkleidung fotografiert werden. Der eine stellt seine Nacktheit aus, der andere läuft angeleint auf allen Vieren. Möglich, fürchten einige, dass hinter dem Schrillen die Ernsthaftigkeit der Kirche in diesen Fragen nicht so sichtbar wird.

Als die Mitglieder der Synode 2015 durch das Land gefahren sind, um herauszufinden, wie die Mitglieder der Landeskirchen zu dem Thema stehen, hörten sie keine theologischen Argumente mehr, sondern nur noch kulturelles Unbehagen. „Das können wir nicht gelten lassen“, sagt Höcker. Theologisch war die Schlacht längst geschlagen.

Höcker, geübt im Schattenboxen mit Bibelzitaten, braucht man mit Leviticus 18,22 gar nicht zu kommen, nach dem es Gott ein Gräuel wäre, wenn der Mann beim Manne liegt. Er sprintet dann sofort an seinen Rechner und druckt Zitate aus.

„Auch so eine Ehe, wie sie in der Bibel steht“, er meint die althergebrachte zwischen Mann und Frau, „wollen Sie gar nicht haben“, sagt Höcker. „Dann dürfte der Mann die Frau als Sklavin verkaufen“ - 2. Mose 21,7 - „oder sie verurteilen, weil sie Mischgewebe tragen“ - 3. Mose 19,19. „Ich glaube, wir alle hier tragen Mischgewebe.“ Man solle die Bibel beim Wort, aber nicht wörtlich nehmen. Die Trennlinie verlaufe nicht mehr zwischen den Religionen, sondern zwischen ihren fundamentalistischen und aufklärerischen Vertretern. Zwischen den Beim-Wort-Nehmern und den Wörtlich-Nehmern.

Der schlagfertige Bertold Höcker ist in die evangelische Kirche hineingewachsen, wie man das nur im Westen konnte. Als Kind hatte er ein völlig unhinterfragtes, positives Bild von ihr. Er hat erst mit 28 Abitur gemacht, er war Orgelbauer und Kirchenmusiker und mit 35 Jahren spät berufen. Das ist eine komfortable Situation. Er fühlt sich so sicher verankert, dass er von innen heraus Reformen betreiben kann. „Manchmal müssen Sie auch mit dem Evangelium gegen die kirchliche Praxis vorgehen.“

Die Katholiken hätten es da schwerer. Sie haben ja nie einen Luther gehabt. Die Tatsache, dass sie das Gesetz im Bundestag ablehnen mussten, belaste auch die Ökumene. „Wir können da nicht mehr mit einer Stimme sprechen.“

Wenn die theologische Frage einmal geklärt ist, wenn die Erkenntnis einmal da ist, ist der Rest im Prinzip nur Logik. In der evangelischen Kirche, im Sprengel Mitte jedoch, ist man längst in deren feinsten Verästelungen angekommen.

In Mitte haben sie sich zum Beispiel für Sternchen entschieden: LSBTTI*, stellvertretend für alle Lebensformen, auf die sie jetzt noch nicht kommen. Das Vokabular perlt Höcker von den Lippen. „Sonst kommt jedes Jahr ein Buchstabe dazu.“

Zuletzt hat Superintendent Höcker gelernt, dass er zum Singen der Psalmen die Gemeinde nicht zwischen Männern und Frauen, sondern am besten zwischen hohen und tiefen Stimmen teilt. Fast immer fänden sich gemischte Gruppen.

Auf dem Christopher-Street-Day-Wagen schneidet er - im Pfarrerkragen mit rosa Federboa darüber - nun eine weiße Hochzeitstorte an, gemeinsam mit Seyran Ates, der liberalen Moscheegründerin von Moabit. Fernsehkameras filmen, im Bildhintergrund stehen Zabka und Brodt-Zabka, das Pfarrerpaar. Noch weiter hinten, hinter den vielen Menschen hier oben auf dem Wagen kaum zu sehen, stört etwas. Ein schwarzer BMW steht am Straßenrand. Das einzige ungeschmückte Auto weit und breit, stattdessen hat es ein Blaulicht auf dem Dach. Es ist der Wagen von Ates Personenschützern. (Tagespiegel.de- Von Deike Diening  und  Torsten Hampel)


Evangelische Kirche und die Ehe für alle

Modernes Pharisäer*innentum

Die Traditionalisten wollen keinen Frieden geben: In der evangelischen Kirche wütet weiter der Kulturkampf um die Ehefähigkeit Gleichgeschlechtlicher.

Das Gesetz zur „Ehe für alle“ fand auch den überwiegenden Beifall von protestantisch gesinnten Christen, aber nicht von allen. Besonders prominent formulierten eine Art Widersprach zwei evangelische Superfunktionäre: Petra Bahr, Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover, und Stephan Schaede, Leiter der Evangelischen Akademie Loccum (bei Hannover) in einem Beitrag für Christ und Welt, einst als Zeitungsmedium selbständig, seit einiger Zeit der Wochenzeitung Die Zeit beiliegend.

Vorige Woche schrieben beide, innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft ausgewiesene Stimmen traditionalistischen Verständnis für modernes Christentum nichtkatholischer Provenienz, unter dem Titel „ Der heilige Stand“ einen mahnend-kritisch gemeinten Text zur evangelischen Begei­s‍terung für die „Ehe der alle“, die sie kritisieren, zugleich aber ist es ein Dokumenten wohlgesinnten Giftmischertums, ein Zettelka­s‍ten voller Klischees und moralischer Anmaßungen: „Warum die Kirchenleitung zur Abwechslung mal wieder an ihre Mitglieder denken sollte“, heißt es in der Unterzeile ihres Appells, was bei Lichte besehen die Aussage in sich trägt, das Lob höchster Würdenträger*innen in der Evangelischen Kirche Deutschlands sei über die Gefühle der evangelischen Christenheit in Deutschland hinweg gegangen worden. Diese „Argumente“ entsprechen rhetorisch einer klassischen Redeweise von AfD-Politikern (und, von links, der Linkspartei): Von oben sei etwas gegen die sogenannte Basis bestimmt worden.

Davon abgesehen, dass beide Autor*innen die theologische Grübelei zur Frage, was Ehe eigentlich bedeutet, durchweg bevölkerungspolitisch beantworten – mit dem Hinweis, dass die (heterosexuelle) Ehe die Zeugung von Kindern in den Mittelpunkt zu stellen habe –, kritisiert ihr Statement, dass der Gesetzgeber im Bundestag das Ehereformprojekt „Ehe für alle“ viel zu eilig beschlossen habe. Man habe nicht debattieren können:

Was viele Christinnen und Christen in den Gemeinden irritiert, ist nicht nur die Geschwindigkeit, in der die evangelischen Kirchen ihre Haltung zu Ehefragen in den letzten Jahren verändert haben. Es ist die Konfrontation mit dem Umstand, dass es so etwas wie die Normativität des Normalen nicht mehr zu geben hat. Wer vorsichtige Vorbehalte gegen eine grundlegende Neube­s‍timmung des Begriffs der Ehe äußert, hat ein Problem.“

Unter Christ*innen gab es ausufernde Erörterungen

Das aber ist eine Verkennung der Diskursverhältnisse in den evangelischen Landeskirchen, ja, in gewisser Hinsicht eine Lüge antilutherisch­s‍ten Kalibers: Keine Frage wurde unter reformatorischen Sonnen so intensiv in den vergangenen 25 Jahren diskutiert wie die der Würdigung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen und ihrer Ehefähigkeit.

Kein Sprengel, der nicht homosexuelle Paarschaften heftig und in der Tat alle mitnehmend und abholend debattiert hätte – durchaus nicht immer zur Zufriedenheit von schwulen oder lesbischen Mitgliedern der Kirchen. Die sächsische Landeskirche akzeptiert bis dato nicht fraglos das Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Theolog*innen in Pfarrhäusern.

Aber zu behaupten, die höchsten Funktionsträger*innen der EKD hätten sich Ende Juni in theologisch opportunistischer Art dem Bundestagsbeschluß löblich angeschlossen, führt ins biblische Nirwana: Es wäre wünschenswert gewesen, hätten andere gesellschaftliche Institutionen sich ähnlich hitzig diesem Thema gewidmet – aber gerade unter Christ*innen hat es hierzu ausufernde Erörterungen gegeben. Sie führten nur nicht zu Resultaten, die Bahr und Schaede gefallen.

Schwule würden die „Ehe für alle“ nicht wollen

Im Nachhinein zu wehklagen, ist billig – aber gefährlich, ja homophob gesinnt wird ihr Text dadurch, dass er von der jahrhundertelangen Praxis christlich gesinnter Verfolgung Homosexueller absieht: Und darüber können beide sehr wohl wissen. Sie behaupten, Schwule würden die „Ehe für alle“ gar nicht wollen, weil sie gar nicht dem Leben jener Heterosexueller entsprechen wollen. Ja, sie verweisen darauf, selbst Homosexuelle nicht zu diskriminieren, sie im Freundeskreis zu wissen:

Foto -Evangelisch.de

Wer schärfer fragt, gilt als homophob oder, etwas unbestimmter formuliert, als rückwärtsgewandt, in jedem Falle als die eigentliche Randgruppe, die die gesellschaftliche Fortentwicklung behindert und die Kirche zu einer kleinkarierten Nische verkommen lässt. Viele, die jetzt fast schamvoll leisen Fragen stellen, haben weder ein Problem mit Homosexuellen noch mit gleichgeschlechtlichen Paaren im Freundes-, Familien- oder Kirchenkreis.“

Und zur Definition dessen, was Ehe zu sein hat:

Zu diesen Kriterien wird eine Deutung der Ehe als einer monogamen Partnerschaft zählen. Es gilt zu entfalten, worin die hohe Gabe der Konzentration auf ein partnerschaftliches Gegenüber liegt. Wieso ist diese Konzentration eine Gnade, ein Segen? Was bedeutet es denn, im Partner ein von Gott anvertrautes Gegenüber zu erkennen, zu dem ich gerade auch dann kommen kann, wenn ich in meinem Leben anderen, mir selbst oder auch dem Partner etwas schuldig geblieben bin?“

Viele Freund*innen im rechtspopuli­s‍tisch-klerikalen Milieu

Im folgenden entfalten Bahr wie Schaede ein Bild vom Homosexuellen, der zur Monogamie nicht fähig sei, der sein Leben auf Lust, nicht auf Last setze und recht eigentlich keine Verantwortung ehelicher Prägung zu übernehmen bereit sein (kann): Das ist, man muss es kühl diagnostizieren, eine durchweg homophobe Perspektive auf schwule und lesbische Lebensentwürfe, das ist ideologisch nah am Tatbestand pharisäischen Hetzertums – gekleidet in eine theologische Klassikersprache voller Verständnis.

Denn: Es könnte ja sein, dass schwule und lesbische Paare die Praxis des Seitensprungs sexuellen Inhalts kennen und auch leben – aber gilt das nicht erst recht für heterosexuelle Paare? Ist es nicht, biblisch gewendet, gerade die Qualität solcher theologisch gesinnter Formulierungen, den ersten Stein zu werfen und zu verkennen, in welchen Glashäusern man lebt?

Bahr und Schaede haben für ihren Text viel Kritik einstecken müssen, die Kommentarspalte der Zeit legt darüber Zeugnis ab. Es wäre wünschenswert, so lässt sich das Sinnen vieler dieser Kommentierenden bündeln, würden Schaede und Bahr von ihrer frömmlerischen Sicht lassen und sich auf das zu besinnen, was das Jesuanische schlechthin ihnen aufträgt: Vom bevölkerungspolitischen Auftrag des „Seid fruchtbar und mehret euch“ zu lassen, und den Spruch vor allem als Liebesgebot aller zu definieren. Bahr und Schaede haben jetzt mehr Freund*innen denn je im rechtspopulistisch- klerikalen Milieu. Das könnte ihnen zu denken geben. (TAZ.de-Jan Feddersen )


Ja zum Jawort – Queer und Glaube

Die katholische Kirche fordert eine Klage gegen die Ehe für alle vor dem Bundesverfassungsgericht. Dieser Protest soll Stärke demonstrieren, ist aber ein Zeichen von Schwäche. Warum vertrauen die Bischöfe nicht einfach auf die Attraktivität der kirchlichen Trauung?

Der überfallartig organisierte Bundestagsbeschluß zur sogenannten Ehe für alle hat viele aufgeregt, verständlicherweise. Aber etwas Merkwürdiges war auch dabei. Namentlich die katholischen Stimmen der Empörung klangen, als solle hier der Kirche etwas aufgezwungen werden, was mit ihrem dogmatischen Gewissen nicht vereinbar ist. Tatsächlich hat der Bundestag aber nur über die Zivilehe entschieden. Über Bedingungen und Voraussetzungen einer kirchlichen Eheschließung hat er dagegen nichts gesagt – kann er auch gar nichts sagen. Der Kirche steht es, andersherum formuliert, nach wie vor frei, sich der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare vor dem Altar zu verweigern. Bitte sehr, kann die Kirche erklären, macht vorm Standesamt, was ihr wollt, aber das heilige Sakrament der Ehe könnt ihr euch nach katholischem Verständnis nicht spenden.  

Interessanterweise haben es die evangelischen Landeskirchen, auch wenn ihnen die Ehe bekanntlich nicht als heilig, schon gar nicht als Sakrament gilt ("ein weltliches Ding", Martin Luther) nie anders verstanden. Wie der Staat und seine Gesetze die Ehe definierten, war ihnen schnuppe. Einige Landeskirchen haben, noch bevor es in der Zivilehe möglich war, Schwule und Lesben getraut; andere tun es auch heute nicht, nachdem der Staat es möglich gemacht hat. Der entscheidende Punkt ist hier nicht der Grad der Fortschrittlichkeit (falls man die Homo-Ehe zu den Fortschritten rechnen will), sondern die prinzipielle Unabhängigkeit von den Mehrheits- und Stimmungsverhältnissen im Staat.

Niemand verlangt, dass die Kirchen in ihrem Ehever­s‍tändnis  nachvollziehen, was der Staat und seine Gesetze bestimmen. Weder die Konkordate (katholisch) noch die Kirchenverträge (evangelisch) kennen einen solchen Automatismus. Insofern hat der Bundestag aber auch mit seiner Ausdehnung der Zivilehe auf gleichgeschlechtliche Paare den Kirchen keinen Tort angetan. Die Sphären bleiben getrennt – man nennt es offiziell die Unabhängigkeit von Kirche und Staat.

Darin liegt eine gewisse Kälte, zugegeben, aber auch ein Trost. Wer sich als gut katholisch versteht, muss der neuen Freiheit, die der Staat eröffnet, nicht nachgeben, wenn er sie als schändlich ver­s‍teht. Er muss sich auch nicht aufregen, da ihn niemand zwingt, sein Gewissen am Tor zu sündhaften Neuerungen abzugeben. Warum also das Getöse? Vielleicht liegt der katholischen Empörung ein Selbstmißver­s‍tändnis zugrunde. Vielleicht scheint es nur so, als ob man sich darüber empörte, dass der Staat der Kirche eine gottlose Neuerung aufzwingt. In Wahrheit empört man sich, dass der Staat sich umgekehrt von der Kirche nichts mehr aufzwingen lässt. Maßvoller gesagt: Wer es bisher nicht gespürt hat, hat jetzt überfallartig erfahren, wie gering der kirchliche Einfluss geworden ist. Er ist auf einen Wert nahe null gesunken. Und dies gilt übrigens auch für den kirchlichen Einfluss auf die eigenen Gläubigen. Auch sie zeigen sich von höchst unsicherer Treue und Folgsamkeit. Gerade die konservativen Katholiken, denen die geistlichen Autoritäten gar nicht autoritär genug auftreten konnten, verweigerten ihren Bischöfen auf einmal die Gefolgschaft, als diese vor der AfD warnten und mit wünschenswerter Strenge Nächstenliebe gegenüber den Flüchtlingen anmahnten. Mit anderen Worten: Es ging gar nicht um die kirchliche Lehre und schon gar nicht um die Botschaft des Evangeliums, sondern um den bloßen, glaubensentkernten Konservatismus. Diesem Konservatismus sind aber Flüchtlingsströme und die Homo-Ehe gleichermaßen zuwider, unabhängig davon, ob sich die Abscheu vor dem einen oder dem anderen mehr oder weniger gut oder auch gar nicht aus der Heiligen Schrift ableiten lässt.

Foto - Tagespiegel.de

Auf der anderen Seite gibt es die Fortschrittsfreunde, Anhänger des verstörend liberalen Papstes, die auf ihre Weise genauso ehrwürdig konservativen Linkskatholiken, die ebenfalls um theologische Vereinbarkeiten unbesorgt auf Neuerungen setzen. Die deutschen Katholiken kurzum (und nicht nur sie) sind unsicher, ungehorsam, zerstritten, irre geworden an ihrer Geistlichkeit, und erst dies ist die Erklärung für die überragende Bedeutung, die dem Bundestagsbeschluß zur Homo-Ehe zugeschrieben wird. Man traut sich selbst nicht mehr zu, dem eigenen Kompass konsequent zu folgen, geschweige denn, nach eigenem Gewissen den genauen Stand der Nadel zu bestimmen, und da ist es natürlich fatal, wenn der Staat als unterstützendes Organ ausfällt beziehungsweise sichtbar einen anderen Pol ansteuert. Was unter anderen Umständen katholischen Widerstand und katholische Identität erst recht hervorlocken und stärken würde, verwandelt sich in eine Bedrohung. Wir sind so einsam, verlassen und allein!

Der Protest gegen den Bundestagsbeschluß, zu anderen Zeiten ein Zeichen von Kraft, verrät sich so als Schwäche. Nichts ist dafür bezeichnender, als dass der Münchner Kardinal Marx der bayerischen Staatsregierung empfiehlt, in Sachen Ehegesetznovelle das Verfassungsgericht anzurufen. Welcher Kardinal und Erzbischof braucht die Autorität des Verfassungsgerichts, um einer Regierung oder, wahlweise, dem konservativ verbockten Glaubensvolk ins Gewissen zu reden? Es ist kein schönes Schauspiel, wenn Kirchenfürsten nach dem Staat und seinen Institutionen rufen. Viel besser wäre es für die Verlassenen und Unsicheren – oder sich nur verlassen und unsicher Wähnenden –, wenn sie die Psalmen läsen. Nicht nur läsen, sondern sich auch durchströmen ließen von dem Vertrauen auf den Guten Hirten, der gewiss auch durch die erschreckenden Wüsten moderner Lebensweisen und weltlicher Gesetzemacherei sicher geleiten kann (und den dies gar nicht anstrengt).(Zeit.de/Jens Jessen)


Juden und Homosexuelle - Erzwungene Schicksalsgemeinschaft

Nach der Entscheidung zur „Ehe für Alle“ fiel die deutsche Gesellschaft in einen Freudentaumel. Verschwiegen wird, dass die Minderheit durch den Wachstum des konservativen Islam gefährlicher lebt als vor wenigen Jahren. Das gilt auch für Juden. Lehrer berichten, dass Antisemitismus sich unter ihren Schülern immer stärker durchsetzt

In den christlichen Ländern wurden Homosexuelle jahrhundertelang verfolgt, diskriminiert, geächtet. In islamischen Staaten und im orthodoxen Russland werden sie das bis heute. Die Minderheit, der von Natur aus rund 6 Prozent der Menschheit angehören, haben nun in Deutschland gleiche Rechte wie die Mehrheit. In einer Hauruck-Abstimmung hat der Bundestag die gleichgeschlechtliche Ehe beschlossen.

Es fehlte nicht an Kommentaren, die sich am Durchbruch berauschten. Endlich dürfen auch Homosexuelle Kinder adoptieren. Viele Bürger, die sich als konservativ bezeichnen, sorgen sich jedoch, ob Kinder von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht unter der Andersartigkeit ihrer Familien leiden würden. Manch einem gehen ganz perfide Gedanken durch den Kopf: Sie machen sich Sorgen über mögliche pädophile Neigungen der Eltern, die ihre Adoptivkinder missbrauchen könnten. Auf eine solche Unterstellung wird normalerweise mit dem Kindesmissbrauch in heterosexuellen Familien geantwortet. Und in der Tat kann die traditionelle Familie anstelle ein Hort der Liebe und Geborgenheit zu sein, für Kinder zur Hölle werden. 

Angriffe auf Homosexuelle 

Allerdings wird ein Paradoxon der gesetzlichen Gleichstellung der Homosexuellen geflissentlich übersehen. Es mutet sogar als eine Art kognitive Dissonanz an. Denn das Gesetz wird in einem Augenblick verabschiedet, in dem ein steiles Anwachsen der Homophobie verzeichnet wird. Harald Martenstein wies darauf hin, daß die Zahl der Gewalttaten gegen gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit seit 2005 sich vervierfacht habe. Doch Politik und Medien schweigen und spielen das Problem herunter. Homosexuelle dürften nun zwar heiraten, aber im Alltag lebten sie gefährlicher als früher. Martensteins Beispiele aus einer Woche in Berlin: ein Taxifahrer würgte seinen transsexuellen Gast; auf dem Herrmannplatz wurde ein homosexueller Christ aus Syrien von einem muslimischem Syrer, unter den Angreifern waren auch Kinder, krankenhausreif geprügelt; in Berlin-Mitte würgte ein Mann lesbische Frauen und schlug mit einer Flasche auf sie ein.

Gefährlicher als noch vor einigen Jahren  lebt auch eine andere Minderheit: Juden. Der Großteil der 250.000 Juden, die heute in der Bundesrepublik leben, stammt aus der ehemaligen Sowjetunion, deren Zerfall von wachsendem Antisemitismus und gesellschaftlichen Verwerfungen begleitet wurde. Man hat sie in den neunziger Jahren gegen den Widerstand Israels als „Kontingentflüchtlinge“ in die Bundesrepublik eingeladen. Die Wiederherstellung der jüdischen Gemeinden, des jüdischen Lebens in der Bundesrepublik war als Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht gedacht. Die Zahl der eingewanderten Juden kommt im Vergleich jedoch nur auf 10 Prozent der hier lebenden Türken.

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Mutlose Politik

Seit der Fall einer Friedenauer Schule, in der ein jüdischer Junge von türkischen und arabischen Mitschülern drangsaliert wurde, an die Öffentlichkeit gelangte, brach die Mauer des Schweigens. Man konnte den anwachsenden Antisemitismus nicht mehr herunterspielen. Gerade veröffentlichte der RBB eine Umfrage unter Berliner Lehrern. Ergebnis: Antisemitismus und Salafismus unter Schülern mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund gehören zum Schulalltag. Obwohl auch der links-rechte Antisemitismus infolge der globalen Krise an Virulenz gewonnen hat, scheint der islamische Judenhass dabei eine Trigger-Rolle zu spielen. Muslimen, die sich gerne als Opfer und als „Juden von heute“ gerieren, wird vom linksliberalen Mainstream moralisch zugestanden, auf ihre angebliche Diskriminierung mit Antisemitismus zu reagieren.

Dabei ist er gewalttätiger als die links-rechten Ressentiments und wird von der faktischen Hilflosigkeit staatlicher Institutionen und der Mutlosigkeit der Politik zusätzlich angeheizt. Die Kluft zwischen dem institutionellen Umgang mit Antisemitismus und dessen Realität lässt sich an der Verhaftung des betagten Holocaustleugners Horst Mahler vor Augen führen. Während der Rechtsstaat die Würde der Toten zu verteidigen weiß, sehen sich die hier und heute lebenden Juden dem realen und gewalttätigen Antisemitismus ausgesetzt.

Historisch haben Homosexuelle und Juden miteinander wenig zu tun, von Anfeindungen der Bevölkerungsmehrheit einmal abgesehen. Doch während das Judentum eine Volks-und Religionsminderheit ist, ist homosexuelle Orientierung ein Produkt der menschlichen Evolution und biologisch determiniert. Somit ist ein gewisser Teil der menschlichen Spezies , ungeachtet ihrer Hautfarbe, Volkszugehörigkeit und Religion, von Natur aus homosexuell. Man kann sich vom Judentum lossagen, obwohl das vor Ausrottung nicht immer schützt, von natürlicher Veranlagung für Homosexualität wohl kaum. Auch wenn das unter dem Druck der gesellschaftlichen Konventionen immer wieder versucht wurde.

Kopflose Flüchtlingspolitik gefährdet Erfolge

Allerdings begegneten sich Homosexuelle und Juden da, wo sie – ungewollt und unverschuldet - zu einer Schicksalsgemeinschaft gemacht wurden, nämlich im Konzentrationslager der Nazis. Seit dieser Zeit ist Deutschland einen langen Weg zur Anerkennung und Legalisierung der Andersartigkeit gegangen. Selbst in den wenig gebildeten Bevölkerungsschichten gilt Homosexualität nicht mehr als Krankheit oder Perversion.

Nun werden diese Fortschritte vom wachsenden Einfluss des konservativen Islam und einer kopflosen Flüchtlingspolitik infrage gestellt. Um zu differenzieren: Auch fundamentalistische Christen und Rechtsradikale sind homophob. Deren Potenzial ist in der Bundesrepublik jedoch eher bescheiden, während eine steigende Anzahl von Migranten aus Stammesgesellschaften und konservativeren Kulturen Antisemitismus und Homophobie mit sich bringt und die Früchte der Aufklärung und Toleranz bedroht. Die Vorstellung, dass die Integrationsindustrie mit Prävention, psychologischer Beratung und Bildung die archaisierende Dynamik in Griff bekommt, ist eine abermalige Projektion eigener Erfolge auf fremde Kulturen mit uns unbekannten und unverstandenen Affekten.

Vor diesem Hintergrund lässt sich das Schicksal der von Homosexuellen adoptierten Kinder erahnen, falls sie auf öffentliche Schulen mit hohem Migrantenanteil geschickt werden. Sie müssten sich verstellen oder wie heutige Kinder von Juden behandelt werden. Juden könnten jedoch, wie sie es bereits in Frankreich und Belgien tun, jeder Zeit nach Israel auswandern. Ein Land für Homosexuelle gibt es nicht. ( Sonja Margolina – Cicero)


Pro & Kontra

Evangelikale und Homosexualität – ein «spannendes» Verhältnis

Ist jede Art von Homosexualität Sünde? Dies fragt das evangelische Nachrichtenmagazin idea zwei profilierte Vertreter der evangelikalen Szene in Deutschland: Michael Kotsch und Martin Grabe. Die Pro-und-Kontra-Aufmachung legt dabei eine schwarz-weiße Sichtweise nahe. Dabei wird das Thema längst auch wohltuend differenzierter behandelt.

«Gott lehnt Homosexualität ab»

Michael Kotsch betont dabei, dass jede Sexualität in die Ehe von Mann und Frau gehöre: «Jede außerhalb dieses Rahmens ausgeübte Sexualität wird von Gott abgelehnt.» In diesem Zusammenhang nennt er Sex vor und außerhalb der Ehe, gekauften Sex, Sex mit Familienangehörigen, mit Tieren oder mit gleichgeschlechtlichen Partnern. Der Theologe räumt ein, dass Menschen lebenslang homosexuell empfinden könnten, was er mit pädophilem oder polygamem Verhalten gleichsetzt: «Doch nicht die Veranlagung ist in den Augen Gottes Sünde, sondern deren Ausübung.» Nach Kotschs Verständnis bezeichnet das Neue Testament jede außerhalb der heterosexuellen Ehe praktizierte Sexualität als «Unzucht» und bewertet ausgeübte Homosexualität als Kennzeichen einer grundsätzlichen Abwendung von Gottes Maßstäben. Dazu zitiert er Römerbrief, Kapitel 1,Vers 27: «Ebenso haben die Männer die natürliche Beziehung zur Frau mit einer unnatürlichen vertauscht: Männer begehren Männer und lassen ihrer Lust freien Lauf. So erfahren sie die gerechte Strafe für ihren Götzendienst am eigenen Leib.»

«Homosexualität ist Gabe und Aufgabe Gottes»

Martin Grabe vertritt demgegenüber die Ansicht: «Homosexualität ist keine Sünde.» Homosexuelles Empfinden gehört für ihn zu den Gaben und Aufgaben, die Gott einem Menschen mit auf seinen Lebensweg gegeben habe – und so etwas geschehe nicht ohne seinen Willen. Sexualität als starke Kraft ist hierbei nach Ansicht des Mediziners auf einen Rahmen angewiesen, um Gewalt, Missbrauch, Ausbeutung und süchtige Selbstzerstörung zu vermeiden. «Für Christen ist hier die Bibel ausschlaggebend.» Auftrag für Kirchen und Gemeinden sei es daher, Lösungen für moralische Fragen und Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Eine lieblose, unterschwellige Ausgrenzung von Homosexuellen ist dabei seiner Meinung nach ebenso wenig hilfreich wie eine denkfaule Übernahme des Zeitgeistes. «Stattdessen ist es dringend an der Zeit, diese Fragen miteinander und vor Gott zu bewegen: Welche Lebensmöglichkeiten gibt es in der Gemeinde Jesu für homosexuell empfindende Menschen? Vielleicht werden verschiedene Gemeinden zu verschiedenen Lösungen kommen. Aber Lösungen braucht es endlich», unterstreicht Grabe.

Foto -Yvonne Most 

Spaltung oder Dialog?

Homosexualität ist – und bleibt – sicher ein Thema, zu dem es verschiedene Meinungen gibt. Doch die Frage ist eher, wie wir als Christen damit umgehen. Auch wegen der Tauffrage und anderer theologischer Themen haben sich Christen in der Vergangenheit den Glauben abgesprochen und sich gegenseitig verfolgt. Dieses Stadium haben wir glücklicherweise überwunden. Es scheint allerdings, dass manche Christen gern eine isolierte Streitfrage haben, an der sie die Gläubigkeit ihres Gegenübers festmachen wollen.

Die polarisierende Berichterstattung vieler christlicher Medien trägt sicher ihren Teil dazu bei, dass zum Thema Homosexualität und Christsein mehr Reden und Richten übereinander als echter Dialog stattfindet. Und zwar von beiden Seiten! Es ist klar, dass wir bei diesem kontroversen Thema keine absolute Einigung erzielen werden. Doch dasselbe gilt für so viele Fragen in unserem Gemeindeleben.

Schaffen wir es, die Perspektive des jeweils Andersdenkenden ernst zu nehmen und von ihm zu lernen? Halten wir die Spannung aus und bleiben trotzdem im Gespräch? Das wäre ein Abschied von der klassischen Schwarz-weiß-Sicht – meiner Meinung nach aber deutlich näher an dem, was Jesus uns vorgelebt hat.

Debatte

Widernatürlich? Die Kirche und ihr Verhältnis zur Homosexualität

Gelebte Homosexualität hält die katholische Kirche immer noch für eine Sünde. Aber es gibt Annäherungen. Auch der Staat hat noch genügend zu tun gegen Diskriminierung

Der Apostel Paulus fand es schlicht widerlich und widernatürlich, wenn Männer zu Männern und Frauen zu Frauen in Begierde zueinander entbrennen. Schändlich sei diese Leidenschaft, predigte er den Christen in Rom: „Wer so handelt, verdient den Tod.“ Damit zitierte der einst glühende Pharisäer Paulus das 3. Buch Mose, das gleichgeschlechtlichen Verkehr ebenso schroff aburteilt wie den Verkehr mit Tieren, mit Mutter oder Vater oder während der Menstruation. Es sei dem Herrn „ein Gräuel“, sprich der Heiligkeit der in Israels Gottesbund Erwählten nicht würdig.

Fundamentalistische Christen berufen sich immer noch gern auf die beiden biblischen Stellen, wenn sie homosexuelle Partnerschaften prinzipiell bekämpfen. Als im März Disneys Neuverfilmung des Märchens „Die Schöne und das Biest“ anlief, wetterten wegen einer Szene mit zwei miteinander tanzenden Männern weltweit strenge Sittenwächter. Malaysia ließ den Film gar nicht erst ins Kino, Russland gab ihn erst ab 16 frei. Der konservative Duma-Abgeordnete Witali Molonow schrieb an die Regierung, „daß unter dem Vorwand des Märchens eine offensichtlich und schamlose Sünde gezeigt wird“.

Männer in inniger Zuneigung zeigt dieses Flachrelief aus der altägyptischen Nekrople Sakkara.Foto: akg-images

Das konservativ-christliche Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft plädiert nach wie vor für eine „Reparativtherapie“. Homosexualität, so schreibt die Leiterin Christl Ruth Vonholt, sei „ein Hinweis darauf, daß etwas Tieferliegendes – und zwar die Verunsicherung in Bezug auf die eigene geschlechtliche Identität – heil werden soll“. Denn oft resultiere sie aus unbeantwortet gebliebenen Bedürfnissen des Kindes nach Nähe, Bestätigung, Zuwendung und Ermutigung durch den gleichgeschlechtlichen Elternteil. Ganz in der Nähe solcher Auffassungen bewegte sich der Zwischenbericht der katholischen Bischofssynode 2014 in Rom. „Die große Herausforderung wird darin bestehen, eine Pastoral zu entwickeln, der es gelingt, das rechte Gleichgewicht zwischen der barmherzigen Annahme der Menschen und ihrer schrittweisen Begleitung hin zur authentischen menschlichen und christlichen Reife zu wahren.“

Der homosexuell empfindende Mensch leidet also an einem Defizit. Er ist im Urteil der Kirche unreif. Dabei konzediert der Katechismus der katholischen Kirche von 1993: „Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt.“ Und appelliert, ihnen mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Freilich: Gelebte Homosexualität sei „in keinem Fall zu billigen“. Homosexuelle seien zur Keuschheit gerufen und sollten sich durch die Tugenden der Selbstbeherrschung zur inneren Freiheit erziehen. Immerhin erwog die Synode, daß Schwule und Lesben die christliche Gemeinschaft bereichern könnten.

Für den Bau einer Brücke zwischen der Kirche und den Homosexuellen sprach sich zuletzt der amerikanische Jesuit James Martin, Berater von Papst Franziskus, in seinem Buch „Building a Bridge“ aus. Das beginne damit, Homosexuelle nicht als klinische Fälle zu behandeln, sondern als Individuen wahrzunehmen und ihre Begabungen wertzuschätzen. Dazu passt, daß der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki noch als Berliner Erzbischof sich 2011 mit Schwulen- und Lesbenverbänden traf. Er äußerte dabei seine Achtung davor, wie Partner in gleichgeschlechtlichen Beziehungen füreinander sorgen.

Hatte er den verstorbenen, ehemaligen Außenminister Guido Westerwelle vor Augen, dessen Partner sich in der Zeit der Krankheit aufopferungsvoll um ihn sorgte? Oder Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit, der 2001 als erster Politiker die Flucht nach vorne antrat mit seinem berühmt gewordenen Ausspruch: „Ich bin schwul und das ist gut so.“

Trotz legaler Verpartnerung und künftig erlaubter Eheschließung lasten auf homosexuellen Paaren noch gewaltige Vorbehalte. Schwule Männer gelten einerseits als zeugungsunfähige Schlaffis und „Schwuchteln“, andererseits als besonders zügellose Lüstlinge. Schrille Auftritte bei Gay-Pride-Paraden mögen solche Vorurteile verstärkt haben, aber mit der Wirklichkeit dürften sie nur wenig zu tun haben. Viel Unpassendes wird hier zusammengemixt: die Tunte in Frauenkleidern, der extravagante, transsexuelle Transvestit, die schmierige Stricherszene in den Bahnhofsvierteln. Kaum Platz in diesem Horrorkabinett findet dagegen die treue gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft, die ebenso wie eine lang anhaltende Ehe wahrlich noch andere Bezugspunkte hat außer dem Sex – und anstelle davon.

Der berüchtigte Paragraf 175 und seine Folgen für die Homosexuellen

In den Untergrund hatte nicht zuletzt die Gesetzgebung die Schwulen gedrängt. Seit 1871 stand die „widernatürliche Unzucht“, wie sie im deutschen Kaiserreich hieß, unter Androhung staatlicher Strafe. Der berüchtigte Paragraf 175 im Strafgesetzbuch war zwar schon 1969 und 1973 liberalisiert worden. Doch erst am 10. März 1994 wurde er in Deutschland endgültig außer Kraft gesetzt. Die Nationalsozialisten weiteten den Tatbestand auf sämtliche unzüchtige Handlungen aus und verhängten bis zu zehn Jahre Zuchthaus oder Konzentrationslager im Zeichen des rosa Winkels.

Über hundert Jahre lang wurden auf der Grundlage dieses Paragrafen etwa 140000 Männer verurteilt. Erst vor wenigen Tagen, am 22. Juni, wurden tausende verurteilte Homosexuelle gesetzlich rehabilitiert. Die Bundesrepublik wird sie mit 3000 Euro je aufgehobener Verurteilung und 1500 Euro je angefangenes Haftjahr entschädigen. Bundesjustizminister Heiko Maas sprach von einem „späten Akt der Gerechtigkeit“.

Zu tun bleibt noch genügend. In einer aktuellen Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt sich, dass ablehnende Einstellungen noch weit verbreitet sind. So bezeichnen es 38 Prozent der Befragten als „sehr“ oder „eher unangenehm“, wenn zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigen. 18 Prozent halten Homosexualität sogar für „unnatürlich“. Je mehr das Thema Homosexualität ihren privaten Lebensbereich berührt, desto skeptischer äußern sich die Befragten: Relativ wenige, rund 12 Prozent, empfinden es als „sehr“ oder „eher“ unangenehm, wenn Arbeitskollegen homosexuell sind. Hingegen sagen rund 40 Prozent der Befragten, es wäre ihnen „sehr“ oder „eher unangenehm“ zu erfahren, dass die eigene Tochter lesbisch oder der eigene Sohn schwul ist. Und acht von zehn Befragten halten die Aussage, Homosexuelle würden in Deutschland immer noch diskriminiert oder benachteiligt, für „voll und ganz“ oder „eher“ zutreffend. (Von Alois Knoller - Augsburger Allgemeine)

 

Gegen die Sünde, aber nicht gegen den Sünder

Der katholische Dekan Ludwigsburgs und Pfarrer an Sankt Maria in Ditzingen, Alexander König, spricht offen über Toleranz und ihre Grenzen in seiner Kirche.

Herr König, ist die katholische Kirche tolerant?

Alexander König: Ja. Christen müssen allen Menschen gegenüber tolerant sein, da werden wir durch das Menschenbild in der Bibel, in der Genesis, angeleitet. Das staatliche Grundgesetz ist ja auch ein christliches.

Wie sieht diese Toleranz aus?

Jesus verkündete, dass Gott alle Menschen liebt, so wie sie sind. Das sollte auch unser Leitsatz sein, dass wir jeden und jede annehmen, wie er oder sie ist.Aber die katholische Kirche schließt Geschiedene von der Kommunion aus, ist gegen die Abtreibung und die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Ist das nicht intolerant?

Ja, wenn man die Menschen dafür ins Abseits stellt. Es sollen aber niemals Menschen, sondern die Tat abgelehnt werden. Kurz gesagt: Gott ist gegen die Sünde, aber nicht gegen die Sünder. Da ist das Beispiel der Ehebrecherin im Neuen Testament, wo Jesus sagt, wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Die Kirche schützt die Ehe als hohes Gut und erkennt die Ehescheidung nicht an, verurteilt aber nicht die Geschiedenen. Wenn Eltern die Entscheidung zu einer Abtreibung gewissenhaft getroffen haben, müssen wir diese Entscheidung tolerieren. Die Kirche sieht für homosexuelle Paare keine Ehe vor, lehnt Homosexuelle aber nicht ab. Der Vatikan hat im vergangenen Jahr ein Dokument veröffentlicht mit der Überschrift amoris laetitia, die Freude der Liebe. Darin ist unter anderem die Möglichkeit genannt, dass die einzelnen Bischofskonferenzen Wege öffnen, dass wiederverheiratete Geschiedene wieder zur Kommunion gehen dürfen. Es gibt mehr und mehr Öffnung in der Kirche für Menschen in besonderen Lebenslagen, aber noch lange nicht genug.

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Und wie ist das mit der Ehe für alle? Die Kirche verweigert gleichgeschlechtlichen Paaren ihren Segen.

Wir müssen unterscheiden zwischen Segen und Ehe. Zur Ehe gehören in der katholischen Kirche die Kinder dazu. Zusätzlich wurde die Ehe zum Sakrament erhoben, sie ist für die katholische Kirche die fruchtbare Keimzelle für Kinder, daher für die Gemeinschaft von Mann und Frau bestimmt. Ich persönlich finde, dass die Kirche eine Möglichkeit finden muss, homosexuelle Paare zu segnen, das ist aber etwas anderes als eine Ehe im katholischen Sinn. Papst Franziskus hat in einem Interview mit der Gegenfrage geantwortet, in etwa: Wenn sich zwei Männer oder Frauen lieben, was soll daran schlecht sein?

Welche Signale müßten die Kirche, der Vatikan, der Papst, die Bischöfe, in puncto Toleranz setzen?

Bei der gleichgeschlechtlichen Liebe hat der Papst zwar gemeint, dass er nichts Schlechtes daran finden kann, aber er hat auch nichts Positives dazu gesagt. Das fehlt mir bei vielen Themen, dass die Kirche und ihre Vertreter sich nicht positiv dazu äußern und damit die Möglichkeit zur Intoleranz geben. Da hat die Kirche ja auch eine Vorbildfunktion. In unseren Gemeinden sind beispielsweise immer wieder gleichgeschlechtliche Paare engagiert und da muss ich als Pfarrer auch öffentlich ein Signal setzen, in dem ich sie behandle wie jedes andere Paar.

Werden homosexuelle Bewerber als Mitarbeiter eingestellt?

Es sollte nach Qualität entschieden werden, welchen Bewerber genommen wird. Aber ich denke schon, dass die Kirche sich hier immer noch schwer tut. Ich wünsche mir wirklich, dass die Kirche eine bessere Haltung zur Homosexualität bekommt. Die katholische Kirche, und das sage ich ganz deutlich, muss aufpassen, dass sie Homosexuelle durch ihr Nichtssagen nicht diskriminiert.

Wenn Homosexuelle in der Kirche nicht das Gefühl hätten, diskriminiert zu sein, würde es die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HUK) nicht gebe .

Gegen Homosexualität gibt es in der Kirche immer noch Ressentiments. Darum denke ich ja, dass die Kirche mehr und klarer Stellung beziehen sollte.

Glauben Sie, dass Ihre Worte von konservativen Katholiken als Provokation aufgefasst werden?

Es gibt natürlich immer Menschen, die mit gesellschaftlichen Veränderungen nicht zurechtkommen. In der katholischen Kirche gibt es Kräfte, die befürchten, wenn wir nicht an den alten Werten festhalten, zerbröckelt die Kirche. Diese Menschen sollten immer wieder an unsere christlichen Werte erinnert werden. Und zum Glück haben wir in Franziskus einen Papst, der in Rom Toleranz vorlebt. Ich finde, wir alle müssen uns viel mehr in Toleranz üben.

Wird in den Gemeinden Toleranz geübt?

Natürlich, denn es ist zutiefst christlich, sich auf die Seite von Minderheiten zu schlagen. Es bedeutet für mich aber auch, die Stimme zu erheben, wenn Menschen ausgegrenzt oder diskriminiert werden.


Interview Südwest-Presse


Homos sind Äpfel, Heteros sind Orangen...

Ehe für alle: Katholische Kirche protestiert gegen fortschreitende Gleichbehandlung

Mit Malta stellt ein weiteres Land Schwule und Lesben im Ehe-Recht gleich. Die katholische Kirche will das nicht wahrhaben – und erklärt, dass Homosexuelle einfach anders sind als Heteros.

Die katholische Kirche hält international an ihrer Ablehnungsfront gegen die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht fest. Empört zeigten sich etwa am Donnerstag die beiden katholischen Bischöfe von Malta anlässlich der fast einstimmigen Entscheidung des Parlaments, die Ehe zu öffnen: "Trotz des Gesetzes – welches Ungleiches als gleich ansieht, obwohl es nicht gleich ist – wird die Ehe immer der alleinige Bund zwischen einem Mann und einer Frau sein, der offen ist für die Zeugung von Kindern. Die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau ist das Modell, das immer von der Menschheit angenommen wurde und nicht nur die christliche Vision der Ehe", heißt es in einer am Donnerstag veröffentlichten Pressemitteilung von Erzbischof Charles Scicluna und Bischof Mario Grech.

Erzbischof Charles Scicluna hat wacker gegen die Ehe-Öffnung gepredigt - Foto - Queer.de

Zwar respektiere die Kirche "die Würde jeder Person". Gleichzeitig warnten die Bischöfe aber davor, dass die Ehe-Öffnung und weitere Entscheidungen etwa zur Samenspende Kindern schaden könne.

Bereits am Sonntag hatte Erzbischof Scicluna nach Angaben der Katholischen Presseagentur KAP in einer Predigt bildlich erklärt, wie verschieden Homo- und Heterosexuelle seien. Diesen Unterschied dürfe man nicht einebnen: "Ich kann entscheiden, dass ein Apfelbaum und ein Orangenbaum mit gleichem Namen benannt werden. Aber ein Apfelbaum bleibt trotzdem ein Apfelbaum, ein Orangenbaum immer noch ein Orangenbaum, und eine Ehe bleibt – was auch immer das Gesetz sagt – die ewige Vereinigung nur zwischen einem Mann und einer Frau."

Auch in anderen Ländern haben sich hochrangige Bischöfe diese Woche gegen die Ehe-Öffnung ausgesprochen. So beklagte der österreichische Bischof Klaus Küng in einem Kommentar in den "Niederösterreichischen Nachrichten", es sei generell nicht sinnvoll, "außerrechtliche Partikularinteressen mit Hilfe staatlicher Gesetze zum verbindlichen Maßstab für alle zu machen." Selbst eine Mehrheit in der Bevölkerung sei keine Legitimation für "ethisch heikle Fragen" wie die Ehe für alle.

US-Bischof: Homosexuelle müssen zur "Wandlung" bewegt werden

Auch in den USA, die Homo-Paare bereits 2015 landesweit im Ehe-Recht gleichgestellt haben, kämpft die katholische Kirche weiter gegen die Gleichbehandlung. So kritisierte Charles Chaput, der Erzbischof von Philadelphia, auf „ Catholic Philly den in den USA durch Talkshowauftritte bekannten Jesuitenpater James Martin, der in seinem Buch "Building Bridges" zum Respekt gegenüber Homosexuellen aufruft. Wenn die Bibel wahr sei, dürfe die Kirche Menschen in "unkeuschen Beziehungen" nicht nur "Bestätigung" entgegenbringen, sondern müsse sie zur "Wandlung" bewegen, forderte Chaput.

Bereits letzten Monat hatte Thomas Paprocki, der Bischof von Springfield im Bundesstaat Illinois, angeordnet, dass Katholiken vom Abendmahl ausgeschlossen werden müssten, wenn sie "öffentlich" in gleichgeschlechtlichen Ehen lebten. Der Bischof hatte bereits vor vier Jahren erfolglos einen Exorzismus gegen die Ehe für alle durchgeführt– in Illinois dürfen gleichgeschlechtliche Paare aber immer noch heiraten.

"Missbrauch des Ehebegriffs"

Auch die deutschen Bischöfe hatten vor zwei Wochen den Beschluss des Bundestages, die Ehe für Schwule und Lesben zu öffnen, scharf kritisiert. Die Ablehnung wird derzeit auch in katholischen Publikationen weiterverbreitet – dabei werden gerne aufwiegelnde Worte wie "Missbrauch" verwendet. So bezeichnet Eberhard Schockenhoff, katholischer Priester, Professor für Moraltheologie an der Uni Freiburg und Mitglied des Ethikrates, die Ehe für alle in einer Publikation des Erzbistums Freiburg als "Missbrauch des Ehebegriffs".   (dk – queer.de)


"LGBT-Katholiken fühlen sich unglaublich verletzt"

Ein Gespräch von Katolisch.de und Pater Martin

Vom Papst hat James Martin noch nichts gehört, dafür gab es Lob von Kardinälen: Mit seinem neuen Buch will der US-Jesuit Brücken zwischen der Kirche und katholischen Homosexuellen bauen.

Jesuit beklagt ungerechte Behandlung Homosexueller

Die Kirche müsse aufhören, Homosexuelle zu diskriminieren, fordert US-Jesuit James Martin.

Frage: Pater Martin, Ihr Buch wurde gelobt von mehreren Kardinälen, darunter dem Leiter des neuen Dikasteriums für Laien, Familie und Leben, Kevin Farrell. Hoffen Sie, dass auch Ihr Mitbruder, Papst Franziskus, sich bei Ihnen melden wird?

James Martin: Ich habe keine Ahnung, ob der Heilige Vater das Buch lesen wird; oder ob er überhaupt davon weiß. Aber selbst wenn er es lesen sollte, bezweifle ich, dass er Zeit für ein Feedback finden wird. Er ist schließlich ein beschäftigter Mann! Was ich aber schon hoffe, ist dass die Ideen in meinem Buch eine Debatte in der Kirche anregen. Im Wesentlichen hat ja Papst Franziskus selbst diese Diskussion losgetreten mit seiner berühmten Antwort auf die Frage nach Homosexuellen: "Wer bin ich, sie zu verurteilen?"

Stichwort: LGBT

Die aus dem Englischen stammende Abkürzung LGBT steht für "Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender", zu deutsch Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Sie wird heute auch in der deutschen Sprache als nicht-diskriminierende Gruppenbeschreibung verwendet. Umfasst werden dabei alle Personen nicht-heterosexueller Veranlagung oder abweichender Geschlechtsidentität. (kim)

Frage: Ihr Buch ist wahrlich keine Wohlfühl-Lektüre, sondern sehr herausfordernd. Sie schlagen darin ein Konzept vor, wonach die Kirche und LGBT-Katholiken jeweils Schritte aufeinander zu gehen sollen. Für welche Seite, denken Sie, ist das schwerer?

Foto - katolisch.de

Martin: Nach meinem Verständnis ist es aus Sicht einer LGBT-Person härter. Ich unterstelle einmal, dass viele Verantwortliche in der Kirche – Bischöfe, Priester, verantwortliche Laien und andere – ein Interesse haben, mitfühlender mit Homo- und Transsexuellen umzugehen. Andererseits fühlen sich LGBT-Katholiken aber unglaublich verletzt von der Kirche, besonders vom Klerus. Ich habe wirklich unzählige Geschichten darüber gehört. Gerade erst hat mir eine Frau, die in einem Hospiz arbeitet, von einem Mann berichtet: Er lag im Sterben, aber der örtliche Priester weigerte sich, ihm die Sterbesakramente zu spenden oder ihn auch nur zu besuchen; weil er schwul war. Das zeigt die Art von Schmerzen, die LGBT-Katholiken oft erst überwinden müssen, bevor sie sich der institutionellen Kirche wieder annähern können.

Der Jesuit James Martin aus den USA hat nach jahrelanger Erfahrung als Homosexuellen-Seelsorger ein Buch für eine Annäherung von Kirche und LGBT-Katholiken geschrieben.

Frage: Ihr Buch basiert auf einem Zitat aus dem Katechismus der katholischen Kirche. Mit diesem Buch ausgerechnet der LGBT-Community zu begegnen wirkt doch erstaunlich.

Martin: Natürlich gibt es viele LGBT-Katholiken, die Schwierigkeiten mit manchen Lehren des Katechismus haben. Das betrifft vor allem das Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen und die Rede von einer "objektiv ungeordneten" sexuellen Orientierung. Aber viele LGBT-Katholiken haben mir auch gesagt, dass sie die Forderung des Katechismus an die Kirche begrüßen, sie mit "Respekt, Mitgefühl und Sensibilität" zu behandeln. Darüber hinaus haben mir viele LGBT-Katholiken gesagt, dass sie dankbar sind für das Gespräch über ihren Platz in ihrer Kirche – denn trotz allem ist sie ihre Kirche.

Das ganze Gespräch und mehr zu Themen „ Queer und Glauben“ wenn du die Bilder anklickst

Hier gibt es das Buch zum Artikel!

The New York Times bestselling author of The Jesuit Guide to (Almost) Everything and Jesus: A Pilgrimage turns his attention to the relationship between LGBT Catholics and the Church in this loving, inclusive, and revolutionary book.

On the day after the Orlando nightclub shooting, James Martin S.J. posted a video on Facebook in which he called for solidarity with our LGBT brothers and sisters. "The largest mass shooting in US history took place at a gay club and the LGBT community has been profoundly affected," he began. He then implored his fellow Catholics—and people everywhere—to "stand not only with the people of Orlando but also with their LGBT brothers and sisters." A powerful call for tolerance, acceptance, and support—and a reminder of Jesus' message for us to love one another—Father Martin's post went viral and was viewed more than 1.6 million times.


Now, Martin expands on his reflections in this moving and inspiring book, offering a powerful, loving, and much-needed voice in a time marked by anger, prejudice, and divisiveness. Adapted from an address he gave to New Ways Ministry, a group that ministers to and advocates for LGBT Catholics, Building a Bridge provides a roadmap for repairing and strengthening the bonds that unite all of us as God's children. Martin uses the image of a two-way bridge to enable LGBT Catholics and the Church to come together in a call to end the "us" versus "them" mentality. Turning to the Catechism, he draws on the three criteria at the heart of the Christian ministry—"respect, compassion, and sensitivity"—as a model for how the Catholic Church should relate to the LGBT community.


Gleichbehandlung bedroht "Ehe und Frieden"

Katholische Kirche wütet gegen Ehe - Öffnung

Mehrere Bischöfe haben am Wochenende betont, daß sie die staatliche Anerkennung von Homo-Paaren weiterhin bekämpfen. So appellieren sie an das Bundesverfassungsgericht, die Gleichbehandlung zu kippen.

n der katholischen Kirche gibt es erheblichen Widerstand gegen die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im staatlichen Eherecht. Mehrere Bischöfe haben seit der Verabschiedung des Gesetzes zur Ehe für alle am Freitag im Bundestag erklärt, diese stehe nicht im Einklang mit dem deutschen Grundgesetz.

So forderte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick am Freitag auf Facebook, das Bundesverfassungsgericht müsse die Ehe-Öffnung überprüfen: "Als das Grundgesetz verabschiedet wurde, hat der Gesetzgeber bei der Ehe die Verbindung von Frau und Mann im Sinn gehabt", dies müsse auch "heute bei der Auslegung der Verfassung eine Rolle spielen". Denn auch 2017 gelte, was im Jahr 1949 gemeint gewesen sei: "Die Ehe von Mann und Frau und die daraus entstehende Familie genießen den besonderen Schutz des Staates."

Bischof Genn: Ehe-Verbot für Schwule und Lesben ist keine Diskriminierung

Auch Felix Genn, der Bischof von Münster, machte am Wochenende Stimmung gegen die Gleichbehandlung. Am Sonntag beschwerte sich Genn bei einer Heiligen Messe darüber, wie schnell der Schutz des Grundgesetzes für Ehe und Familie zur Disposition gestellt werde: "Hier werden wir uns als Kirche ganz klar zu einer deutlichen Positionierung der Ehe von Mann und Frau weiterhin bekennen, ohne mit dem Begriff 'Lebenspartnerschaft' eine Diskriminierung Homosexueller Personen zu bezeichnen, sondern indem wir damit nur eine andere Wirklichkeit benennen", so der Bischof laut einer Pressemitteilung  des Bistums.

Bischof Ludwig Schick argumentiert, die Autoren des Grundgesetzes hätten nur die Hetero-Ehe "im Sinn" gehabt  (Bild: Pressestelle Erzbistum Bamberg)

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke betonte am Samstag im Dom der oberbayerischen Stadt bei einer Feier vor (ausschließlich heterosexuellen) Ehejubilaren: "Christliche Ehe ist das von Gott gesegnete Bedürfnis von Mann und Frau, sich in gegenseitiger Liebe zu ergänzen und den schöpfungsmäßigen Reichtum des Menschseins zu erfahren." Ehe nach dem Verständnis der Kirche sei "von Gott gesegnete Polarität von Mann und Frau".

Immerhin: Deutschland geht laut Weihbischof Laun wegen Ehe für alle nicht sofort unter

Auf dem Portal kath.net  erinnerte der Salzburger Weihbischof Andreas Laun an eine Rede von Papst Benedikt XVI. 2012 im Bundestag. Bei diesem Auftritt hatte der damalige Pontifex gewarnt, dass die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht "Ehe und Frieden" bedrohe. Laun warf Kanzlerin Angela Merkel vor, die Rede inzwischen "wohl vergessen oder nicht verstanden" zu haben. Deutschland sei aber wegen der Ehe-Öffnung nicht sofort dem Untergang geweiht: "Ein Naturrecht zu leugnen lässt nicht alle Gerechtigkeit im Land sofort einstürzen. Aber wie jedes Rütteln an Fundamenten ist es nicht ungefährlich", so Laun, der erst im März Schwule und Lesben als "gestörte Männer und Frauen" bezeichnet hatte .

In mehreren Interviews kritisierte auch der Berliner Erzbischof Heiner Koch die Ehe für alle. Der 63-Jährige stellte etwa gegenüber der "Passauer Neuen Presse" klar, dass Homo-Paare in der Kirche weiterhin mit keinerlei Anerkennung rechnen dürften: "Wir werden alles unterlassen, was die Vermutung nahelegt, Verbindungen Homosexueller seien mit der Ehe gleich. Eine Segnung kommt deshalb nicht in Frage." Für ihn sei die Ehe "ein Sakrament, das der Schöpfungsordnung entspricht."

Bereits im Vorfeld der Entscheidung zur Ehe-Öffnung hatten Kardinal Reinhard Marx, der Chef der Deutschen Bischofskonferenz, sowie der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und der Kölner Weihbischof Dominik Schwaderlapp gegen die Ehe-Öffnung Stimmung gemacht. Dagegen begrüßte der Rat der Evangelischen Kirche die Gleichbehandlung. (cw-queer.de)


Ehe für alle
Zwei gegen jeden Widerstand

Annett Lazay und ihre Partnerin wollten sie sich in einer Kirche segnen lassen. Doch der Gemeindekirchenrat war dagegen.

<Von Emily Engels – Volksstimme.de>

Schönebeck l Ausgegrenzt, verhöhnt und verletzt – so hat sich Pfarrerin Annett Lazay vor ein paar Monaten gefühlt. Weil ihr das Gefühl gegeben wurde, dass sie ein schlechterer Mensch sei – wegen der Person, die sie liebt. Gerade sind die negativen Gefühle jedoch ferner denn je. Sie lächelt glücklich und nimmt die vielen Gratulationen entgegen. Es ist das Sommerfest vom Schönebecker Diakonieverein Burghof, für den sie als Vorsteherin tätig ist. Der Burghof leistet sozialdiakonische Arbeit im Bereich der Alten-, Jugend- und Behindertenhilfe. Annett Lazay ist gerade aus den Flitterwochen eingeflogen. An ihrer Seite steht der Grund für ihr Lächeln: Conny Lazay – ihre Frau.

Geht es nach dem Schönebecker Gemeindekirchenrat St. Johannis, hätte es die Segnung zwischen Annett und Conny Lazay nie gegeben. Sie haben dem Paar untersagt, sich in der Johanniskirche segnen zu lassen – der Kirche, in der auch Annett Lazay oft zur Vertretung Gottesdienste gehalten hat. Götz Beyer, Pfarrer in St. Johannis Schönebeck, findet, man könne nicht von einer „Hochzeit“, „Ehe“ oder „Trauung“ sprechen. „Eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft ist keine Ehe – auch, wenn sie im Volksmund ‚Homo-Ehe’ genannt wird“, sagt er. Und weil es keine Ehe zwischen Mann und Frau sei, gebe es auch keine kirchliche Trauung, sondern eine Segnung. Selbst dieses Angebot machte ihnen die St.-Johannis-Kirche nicht.

Nun wird sich einiges ändern. Der Bundesrat billigte gestern die Gesetzesänderung zur Ehe für alle. Die ersten Ehen von Homosexuellen sollen ab dem 1. Oktober geschlossen werden können. Künftig bekommen die Paare mit der Hochzeit alle Rechte und Pflichten wie bisher nur bei einer Ehe zwischen Mann und Frau. Im Bürgerlichen Gesetzbuch hieß es bislang: „Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen.“ Jetzt wird es heißen: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen.“ Es sind gerade einmal sieben Worte in einem Paragrafen, die die Rechte von homosexuellen Paaren in Bezug auf ihr Zusammenleben grundlegend verändern werden. Ein gesetzgebender Einfluss darauf, wie die Kirchengemeinden mit dem Thema umgehen, ist damit nicht verbunden.

Irritation bei Mitgliedern

Nachdem Conny und Annett Lazay vor einem Jahr mit Götz Beyer gesprochen haben, hat dieser zunächst die Segnung der beiden in der Johanniskirche angeboten, erzählen sie. Nach dem Gespräch habe der Gemeindekirchenrat (GKR) mehrere Sitzungen gehabt, um darüber zu entscheiden, ob die Segnung in der St.-Johannis-Kirche stattfinden dürfe – die Entscheidung fiel negativ aus. „Uns wurde gesagt, dass man uns als Einzelpersonen sehr schätze, aber nicht als Paar“, erinnert sich Conny Lazay. Es seien auch die Worte gefallen, dass eine Segnung von uns als Paar die Kirche entweihen würde, so Annett Lazay.

Dass stattdessen der Vorschlag einer Einzelpersonen-Segnung der beiden, um „den Eindruck der Segnung einer Ehe zu vermeiden“, gefallen sei, bestätigt Götz Beyer. Dieser Vorschlag ging am Ziel vorbei – finden Annett und Conny Lazay. „Der Gemeindekirchenrat ist davon ausgegangen, dass eine Segnung der beiden als Lebenspartner viele aktive Kirchenmitglieder irritieren würde“, teilt Götz Beyer in Absprache mit dem Gemeindekirchenrat der Kirchengemeinde St. Johannis mit.

Nach der Segnung gehen Conny (links) und Annett Lazay unter einem Spalier aus Paddeln hindurch. Das Paar hat sich bei einem Ausflug kennengelernt. Foto: Madlen Jirmann


An der Formulierung „davon ausgegangen“ stört sich Annett Lazay. „Der Gemeindekirchenrat hat diese Entscheidung in einem Kämmerlein getroffen – ohne die Gemeinde zu fragen. Der öffentliche Diskurs in dieser Gemeinde steht seit 20 Jahren aus“, kritisiert sie.

Etwas verklausuliert äußert sich Matthias Porzelle, Superintendent des Kirchenkreises Egeln, zu dem Schönebeck gehört, zur Entscheidung des GKR: „Christen können aus ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen Antworten auf moralische Fragen finden, die mit den gesellschaftlichen Mehrheiten deckungsgleich sind, aber nicht (...) sein müssen. Unabhängig von meiner (...) Meinung habe ich keinen Grund, diese Entscheidung infrage zu stellen, denn sie kam demokratisch zustande.“

Pfarrerinnen in Genthin

Annett Lazay äußert sieht das differenzierter. Im Nachhinein seien viele Gemeindemitglieder entsetzt darüber gewesen, dass die Segnung der beiden nicht in ihrer Kirche stattfinden durfte. „Ich habe das Gefühl, dass ein paar wenige Fromme im Gemeindekirchenrat sitzen, die alle anderen dominieren“, so Annett Lazay.

Außerdem stellt die Pfarrerin fest, dass es in der Bibel keine eindeutigen Stellen gibt, die gegen die homosexuelle Beziehung von zwei Frauen urteilen. „Die sieben Bibel-Stellen verbieten die sexuelle Handlung zwischen zwei Männern, die im historischen Kontext bezogen waren auf einen erwachsenen Mann mit einem Jungen, insofern spielen sie auf Pädophilie und wechselnde Sexualkontakte an. Um Verantwortung, Vertrauen oder gar Liebe geht es in keiner der wenigen Bibelstellen zu ausschließlich männlicher Homosexualität.“ Das Pärchen ließ sich durch das „Urteil“ des Gemeindekirchenrates keinesfalls stoppen. Im Gegenteil. Zunächst hatte Annett Lazay einen Plan B in der Tasche. „Das war in unserem Fall die Burghofkirche, in der die Segnung letztendlich stattgefunden hat“, erzählt sie. „Trotzdem wollten Conny und ich einen Beschluss erzwingen – um Klarheit für Paare nach uns zu schaffen“, erklärt Annett Lazay. Wir wissen aus vielfältiger Erfahrung, dass die Gesellschaft und die Kirchengemeinden als Ganzes viel weiter sind, als so mancher Gemeindekirchenrat, sagen sie.

Dass es auch anders geht, beweist die Geschichte von Beate Eisert und Magdalene Wohlfarth aus Genthin. Als es zur Diskussion stand, dass die beiden in einer Partnerschaft lebenden Pfarrerinnen gemeinsam die Nachfolgerinnen des scheidenden Pfarrers werden sollten, brach eine Debatte innerhalb der Gemeinde aus. Doch letztendlich „glätteten sich die Wogen weitgehend“, wie Beate Eisert erzählt. Mit positiven Folgen: „Es wurde so viel geredet, wie wohl seit der Reformation nicht mehr“, sagt sie augenzwinkernd. Von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gibt es zum Thema „Ehe für alle“ eine klare Aussage: „Wir unterscheiden zwischen der Verbindung von Frau und Mann und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften“, sagt Landesbischöfin Ilse Junkermann. Allerdings könnten sich gleichgeschlechtliche Paare seit 2012 segnen lassen.

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"Ehe für alle" - Kirchen im Südwesten ringen um Kompromiß

Redaktion – Stuttgarter Nachrichten

Im Eilverfahren beschließt der Bundestag die Ehe für alle. Verändert das auch die Position der Kirche? Bei der Frage der Segnung ringt die württembergische Landeskirche um einen Kompromiß - im Schnelldurchgang wird das nicht gelingen.

Nach der Öffnung der Ehe für Homosexuelle durch den Bundestag  erwartet der evangelische Landesbischof Frank Otfried July keine rasche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. „Die Konsenssuche wird nicht einfach“, sagte er. Ein „Hauruckverfahren“ sei nicht gut. Die evangelische Landeskirche von Württemberg debattiert derzeit kontrovers, ob Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare möglich sein sollen. Über die Haltung soll im Herbst das Kirchenparlament entscheiden. Dort haben konservative Strömungen die Mehrheit.

Die meisten anderen evangelischen Landeskirchen - darunter die badische Landeskirche - ermöglichen bereits einen öffentlichen Segnungsgottesdienst für gleichgeschlechtliche Paare. Der als gemäßigt-konservativ geltende württembergische Bischof selber hält sich mit einer klaren Positionierung und Vorschlägen weiter zurück.

Möglichst großer Konsens

„Es sollte in dieser Frage, die doch für viele Menschen sehr bewegend ist, ein möglichst großer Konsens erreicht werden“, meinte Bischof July. Er habe den Eindruck, daß innerhalb der Landeskirche ein Kompromiß zustande kommen könne. „Das wird nicht allen gefallen. Die Meinungen stoßen doch hart aufeinander.“

Zeichnung - tp-presseagentur.de

Der Bundestag hatte am vergangenen Freitag mit einer breiten Mehrheit die völlige rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen beschlossen, einschließlich des uneingeschränkten Adoptionsrechts. Direkte Folgen für den Klärungsprozeß innerhalb seiner Landeskirche sieht July nicht. Er bekomme ungeachtet des politischen Beschlusses viele Briefe von Menschen, die sich mit einer Möglichkeit der Segnung beschäftigten, berichtete er.

„Wir müssen vermeiden, daß sich gleichgeschlechtliche Menschen von der Kirche ausgeschlossen fühlen“, sagte er. Dennoch hält der Bischof auch Kirchenaustritte für eine mögliche Konsequenz, wenn es etwa zu einer Öffnung der Kirche in der Frage der Segnung komme. „Es wird immer Menschen geben, die sagen, das kann ich nicht mehr mittragen.“ Aber es wäre schmerzvoll, wenn Menschen deshalb die Kirche verließen, sagte July.

Zweidrittel-Mehrheit im Gremium notwendig

Für eine Entscheidung im württembergischen Kirchenparlament etwa für einen Segnungs- oder Traugottesdienst für gleichgeschlechtliche Paare ist eine Zweidrittel-Mehrheit in dem Gremium notwendig. Die kirchliche Trauordnung sieht bisher die Ehe für Mann und Frau vor.

Die katholische Kirche dagegen bleibt bei ihrer Ablehnung: Die Diözese Rottenburg-Stuttgart etwa verweist darauf, dass sich die Haltung zur kirchlichen Ehe ungeachtet der politischen Diskussion nicht verändere. Die sakramental geschlossene Ehe sei Mann und Frau mit der Offenheit für Kinder, die aus der Verbindung hervorgehen, vorbehalten, erläuterte ein Sprecher kürzlich. Eine Ehe zwischen Homosexuellen sei theologisch nicht möglich. Dies bedeute aber nicht, dass man Menschen mit dieser sexuellen Orientierung und Kindern, die in diese Beziehung hineingenommen werden, nicht die gleiche Wertschätzung entgegenbringe wie Heterosexuellen.


Ehe für alle

"Endlich, endlich, endlich - Halleluja!"

Die Geschichte der Ehe sei auch eine des Wandels, sagt die evangelische Theologin Isolde Karle im Dlf. Die Öffnung für Homosexuelle habe nicht nur eine politische Dimension, sondern auch eine seelsorgerliche, "weil wir wissen, dass viele Schwule und Lesben darunter leiden, dass sie nicht wirklich anerkannt sind."

Isolde Karle im Gespräch mit Christiane Florin – Deutschlandfunk

Christiane Florin: Frau Karle, "Halleluja!" haben Sie bei Facebook gepostet, nachdem der Bundestag die Ehe für alle verabschiedet hatte. Was lässt eine evangelische Theologin so lauthals jubeln?

Isolde Karle: Es ist einfach so, dass wir schon sehr lange darum kämpfen, sowohl argumentativ auf wissenschaftlicher Seite als auch kirchenpolitisch, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften voll gültig anerkannt werden. Das hat nicht nur eine politische Dimension, sondern ganz stark eine seelsorgerliche Dimension, weil wir einfach wissen aus der kirchlichen Praxis, aus der Seelsorge, dass viele Schwule und Lesben darunter leiden, dass sie nicht wirklich anerkannt sind. Klar, das Lebenspartnerschaftsgesetz war schon mal ein sehr wichtiger Schritt.

Aber gleich zu sein wie die anderen auch, wie die Familienangehörigen und Freunde, auch Kinder adoptieren zu können, den gleichen Namen zu haben und sagen zu können: "Das ist mein Mann, das ist meine Frau", das ist sehr vielen Menschen, die in verbindlichen, sehr verlässlichen Beziehungen leben, sehr wichtig. Dass das jetzt staatlich möglich ist, das ist ein Durchbruch. Das ist ein Grund des Dankes. Das ist ein historischer Tag. 

Die Theologin Prof. Dr. Isolde Karle (privat)

"Die Ehe ist keine Institution, die überzeitlichen Charakter hat"

Florin: Wenn Sie in die lange Geschichte der Ehe blicken: Was waren die größten Veränderungen?

Karle: Die Ehe hat sich insgesamt wahnsinnig verändert. Das ist keine Institution, die überzeitlichen Charakter hat, sondern dramatischen Veränderungen unterliegt. Wenn wir an die biblischen Zeiten denken, ans Alte Testament. Da haben wir die Ehe von einem Mann und vielen Frauen. Im Neuen Testament ist das dann schon anders. Aber auch da ist das natürlich ein patriarchale Eheform. Dann natürlich die römische Ehe, da entwickelt sich der Konsens. Das Hochmittelalter ist sowieso eine ganz spannende Zeit im Hinblick auf die Ehe, weil hier gerade ab dem 12. Jahrhundert bis hin zur Reformation der Liebes- und Ehediskurs sehr intensiv geführt wurde und die Ehe nicht einfach nur als eine ökonomische Ordungsangelegenheit betrachtet wurde.



Es gab eine sehr hohe Wertschätzung von Freundschaft, Amicitia - man hat Aristoteles wiederentdeckt - und auch von Sexualität. Dann kam die Reformation. Im Prinzip konnte sie nahtlos an diese Tradition anknüpfen, auch innerhalb der römischen Kirche und hat sie massiv verstärkt, indem sie gesagt hat: Die Ehe ist ein weltlich Ding, sie ist kein heiliges Sakrament. Da soll die Kirche nicht mitmischen. Die Ehe ist keine Frage der Dogmatik, der Erlösung, sondern der Lebensgestaltung. Entsprechend sagt Luther, ist sie kontingent, also dem Wandel unterworfen.  

Florin: Würden Sie so weit gehen und behaupten, Luther hätte nichts gegen die Ehe zwischen Mann und Mann und Frau und Frau.

Karle: Doch. Dagegen hätte er ganz viel gehabt. Aber in der Logik seiner Argumentation liegt die Möglichkeit, dass man sagt: Okay, unter heutigen Bedingungen, unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts, wo wir wissen, dass Homosexualität eine menschliche Disposition und dass die Menschenwürde eines jeden zu achten ist, also unter diesen fortgeschrittenen Wissens- und Erkenntnisbedingungen, da ist es konsequent zu sagen: Die Ehe muss sich weiter wandeln, sich weiter öffnen. In der Reformationszeit war ganz entscheidend, dass viele Menschen nicht heiraten konnten aufgrund von Standesgrenzen, aus religiösen Gründen.

Es gab wahnsinnig viele Heiratshindernisse, wahrscheinlich war die Mehrheit der Bevölkerung nicht verheiratet. Da kommt die Reformation daher und sagt: Das kann nicht sein. Die Sexualität ist etwas Wunderbares, die Ehe ist etwas Wunderbares. Es wurden nur noch ganz wenige Heiratshindernisse festgehalten und ansonsten wurde die Ehe ermöglicht. Aber wenn man die Ehe für alle ermöglicht, dann muss man auch die Möglichkeit der Scheidung eröffnen. Und das war damit gegeben, die Möglichkeit der Scheidung und Wiederheirat ist in der Reformationszeit eingeführt worden. Natürlich hat sich danach in der Romantik die Ehe total verändert.

Es entstand die bürgerliche Ehe, die ein ganz bestimmtes Geschlechterrollenverständnis hatte von der fürsorglichen Frau und dem Mann, der hinaus ins feindliche Leben muss. Im Moment sind wir dabei, uns an der bürgerlich-neuzeitlichen Geschlechtermetaphysik abzuarbeiten. Heute haben wir eine modernisierte Ehe, wo Frauen auf gleicher Augenhöhe sind mit den Männern und nicht einfach nur zu Hause die Kinder erziehen oder nicht einfach nur dem Mann unter- und nachgeordnet sind.

Ein "weltlich Ding"

Florin: Die konfessionellen Unterschiede im Eheverständnis sind in der vergangenen Woche sehr deutlich geworden. Für die katholische Kirche ist die Ehe ein Sakrament, für die evangelische nicht. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hat die Ehe für alle begrüßt, sie stärke die Ehe an sich. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz bedauert die Entscheidung für die Ehe für alle.  Warum fühlen sich die Kirchen berufen, bei der staatlichen Ehe mitzureden oder reinzureden?

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Im Haus der Inquisition

Vatikan: Gendarmerie stoppt schwule Sex – Orgie  unter Drogen.

Ein hoher Geistlicher wurde in flagranti erwischt und musste zunächst zur Entgiftung in eine Klinik gebracht werden.

Der Skandal um den im Vatikan residierenden australischen Kurienkardinal George Pell, der am Donnerstag als drittmächtigster Mann der Kirche in der Heimat wegen mehrfachen Kindesmissbrauches angeklagt wurde hat einen weiteren Skandal aus den italienischen Medien verdrängt, der kein Verbrechen umfasst, aber eine Menge Doppelmoral.

Mehrere Medien berichteten am Mittwoch, die Gendarmerie des Vatikans habe – bereits vor einiger Zeit – die Wohnung eines Prälaten im Palazzo del Sant'Uffizio gestürmt, der unter anderem der Dienstsitz der Glaubenskongregation ist und früher das Arbeitszimmer von Kardinal Joseph Ratzinger umfasste, bevor dieser Papst wurde. Das exterritoriale Gebäude des Vatikans in dessen unmittelbarer Nähe habe dem Mann einen guten Schutz vor Kontrollen der Schweizer Garde oder Gendarmerie gegeben, berichteten Medien. Zugleich habe der – nach Medienangaben "luxuriöse" – Dienstwagen mit Siegel des Vatikans eine gute Immunität gegenüber italienischem Behörden geboten.


Dennoch sei der Mann, der einem einflussreichen Kardinal als Sekretär gedient habe und von ihm als Bischof vorgeschlagen worden sei, durch eine häufige und große Zahl von Besuchern aufgefallen. Die Polizei des Vatikans observierte zunächst die Wohnung, um sie dann zu stürmen. Den Medienberichten zufolge fand sie eine schwule Sexorgie vor. Welche Drogen der ungenannte Geistliche genommen hat, wurde nicht bekannt. Allerdings habe er zur Entgiftung in eine Klinik gebracht werden müssen und befinde sich nun in einem italienischen Kloster.

Die Moral der Gerechten

Kleinere oder größere schwule Sex-Skandale hatte es in den letzten Jahren im Vatikan des Öfteren mal gegeben; für belustigt-empörte Schlagzeilen sorgte 2013 auch, dass die Kirche Besitzer von zahlreichen Luxusapartments in einem Gebäude ist, das Italiens größte Schwulensauna beherbergt. Direkt über ihr liegt etwa das 12-Zimmer-Apartment eines Kardinals der Evangelisierungskongregation.

Für die Glaubenskongregation, also dem Nachfolger der Inquisition, die nun durch die Sex Party auffiel, hatte auch der polnische Priester Krzysztof Charisma gearbeitet, der sich vor zwei Jahren als schwul outete und sofort entlassen wurde. In seinem Manifest für einen korrekten Umgang der Kirche mit Homosexuellen hatte er die Rücknahme mehrerer homofeindlicher Dokumente gefordert, die alle von der Glaubenskongregation stammen.



Nach Merkels Kehrtwende

Heftige Kontroverse um die „Ehe für alle“

Bad Blankenburg (idea) – Die voraussichtliche Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften stößt in den Kirchen auf ein unterschiedliches Echo. Während Evangelikale und Katholiken das Vorhaben klar ablehnen, äußern sich Vertreter der evangelischen Kirche eher zurückhaltend oder teilweise zustimmend. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am 26. Juni eine überraschende Kehrtwende vollzogen und eine mögliche Abstimmung im Bundestag zur „Gewissensentscheidung“ erklärt – also ohne Fraktionszwang. Auf Drängen der SPD soll nun noch in dieser Woche über die sogenannte „Ehe für alle“ entschieden werden. Die Deutsche Evangelische Allianz erklärte in einer am 28. Juni in Bad Blankenburg veröffentlichten Stellungnahme, sie halte „am Eheverständnis von Mann und Frau und Familie“ fest: „Sie sind die Keimzelle einer jeden Gesellschaft. Wird dieses Eheverständnis aufgelöst, werden sich weitere Fragen ergeben: etwa, ob auch Polygamie oder Geschwisterehen legalisiert werden sollten.“

Das Grundgesetz versteht die Ehe als Beziehung zwischen Mann und Frau

Der evangelikale Dachverband verweist darauf, dass das Grundgesetz „Ehe und Familie“ unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung stellt. Ehe werde im Geist der Verfassung „als Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau verstanden, die potenziell offen ist für Kinder“. In einer „gleichgeschlechtlichen Ehe“ könnten auf natürlichem Wege keine Kinder entstehen: „Das ist keine Diskriminierung, sondern eine Feststellung.“ Für gleichgeschlechtliche Paare gebe es mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz ein eigenes Rechtsinstitut. Zwischen Ehe und Lebenspartnerschaft werde nach dem juristischen Grundsatz differenziert, „Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln“ sei. Die Allianz nimmt auch Stellung zu dem Gesetzantrag der Bundesländer Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Thüringen, der am 30. Juni im Bundestag verabschiedet werden soll. Darin heißt es: „Gleichgeschlechtlichen Paaren ist bis heute die Ehe verwehrt, was eine konkrete und symbolische Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität darstellt.“

Foto - mdr.de

Grundrechte nicht nach gesellschaftlichen Strömungen uminterpretieren

Der Antrag formuliert, so die Allianz, in der Begründung sehr deutlich, dass es im Kern bei der Öffnung der Ehe nicht nur um die Beseitigung von Diskriminierung gehe. Der unscharfe Begriff der „symbolischen Diskriminierung“ werde mit einer „Änderung des Eheverständnisses“ durch den „gesellschaftlichen Wandel“ begründet. Die Allianz nennt es „verfassungsrechtlich bedenklich“, die im Grundgesetz formulierten Grundrechte nach den jeweiligen gesellschaftlichen Strömungen umzuinterpretieren, oder sie aus wahltaktischen Gründe infrage zu stellen. Der Gesetzesantrag führe zu einer „normativen Veränderung des Ehebegriffs“. Wenn schon von einer Gewissensfrage gesprochen werde, dann müsste sie der Allianz zufolge lauten: „Kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren, einer Neuinterpretation der Ehe und damit des Grundgesetzes aus Gründen einer ‚symbolischen Diskriminierung‘ zuzustimmen, da konkreten Diskriminierungen ja bereits durch die Lebenspartnerschaft entgegengewirkt werden kann?“ Unterzeichnet ist die Stellungnahme vom Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, Pastor Ekkehart Vetter (Mülheim/Ruhr), seinem Stellvertreter, Pastor Siegfried Winkler (München), Generalsekretär Hartmut Steeb (Stuttgart) und dem Beauftragten der Allianz am Sitz des Bundestages und der Bundesregierung, Uwe Heimowski.

Bekennende Gemeinschaften: Die „Ehe für alle“ ist widergöttlich

Gegen eine Einführung der „Ehe für alle“ wendet sich auch die Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands. „Ein solcher Schritt bedeutet letztlich die Aufhebung der Ehe, widerspricht eindeutig den Aussagen der Bibel, ist nicht vereinbar mit dem christlichen Menschenbild und widergöttlich“, erklärte der Vorsitzende des theologisch konservativen Zusammenschlusses, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg) gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Sie sei das Ergebnis einer „individualistischen Genderideologie“. Es sei „unfassbar“, dass die evangelische Kirche in ihren Leitungsgremien diese Entwicklung gefördert habe.

Katholische Kirche bedauert drohende Auflösung des bisherigen Ehebegriffs

Der Vorsitzende der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (München), spricht sich ebenfalls gegen eine Öffnung der Ehe für homosexuelle Partnerschaften aus: „Die Deutsche Bischofskonferenz betont, dass die Ehe – nicht nur aus christlicher Überzeugung – die Lebens- und Liebesgemeinschaft von Frau und Mann als prinzipiell lebenslange Verbindung mit der grundsätzlichen Offenheit für die Weitergabe von Leben ist.“ Man sei der Auffassung, dass der Staat auch weiterhin die Ehe in der bisherigen Form schützen und fördern müsse. Marx: „Wir bedauern, wenn dieser Ehebegriff aufgelöst werden soll und damit die christliche Auffassung von Ehe und das staatliche Konzept weiter auseinandergehen.“ Es sei auch wegen der von vielen Seiten geäußerten erheblichen verfassungsrechtlichen Bedenken „völlig unangemessen, eine solche gesellschaftspolitische Grundentscheidung in diesem überstürzten Verfahren zu fällen“.

Foto - Domradio.de

ZdK-Präsident: Erstaunlich, wie ein nebenrangiges Thema hochgezogen wurde

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg (Münster), äußerte Zweifel, ob ein einfaches Gesetz für eine Gleichstellung homosexueller Partnerschaften ausreiche. Wenn die Mütter und Väter des Grundgesetzes unter dem besonderen Schutz für Ehe und Familie „die Beziehung zwischen Mann und Frau und die Orientierung der Kinder verstanden haben, kann man das nicht so einfach übergehen“, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur. Sternberg äußerte sich irritiert darüber, welche Bedeutung die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften bei den Parteien plötzlich erhalten habe. Angesichts der weltweiten Probleme sei es erstaunlich, wie ein solch „nebenrangiges Thema“ hochgezogen werde.

EKD kritisiert Entscheidung unter Zeitdruck

Ein Sprecher der EKD äußerte sich auf idea-Anfrage kritisch zum Eiltempo bei der Entscheidung. Ehe und Familie stünden unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. „Es ist bedauerlich, dass diese Frage jetzt unter dem Zeitdruck einer zu Ende gehenden Legislaturperiode entschieden werden soll“, so der Sprecher.

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Landesbischöfin hat Problem mit Ehebegriff für homosexuelle Partnerschaften

Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (Magdeburg), hat mit dem Ehebegriff für homosexuelle Partnerschaften ein Problem. Gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk sagte sie: „Die Notwendigkeit, die da wäre, ist Respekt. Dafür habe ich mich seit 20 Jahren eingesetzt, dass es Adoptionsrecht gibt. Aber der gleiche Name belastet sozusagen das Verständnis zwischen der besonderen Beziehung zwischen Mann und Frau.“

Chef eines großen Diakoniewerks: Endlich wird das Thema angefasst

Der Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Johanneswerkes, Ingo Habenicht (Bielefeld), begrüßte, dass das Thema „‚Ehe für alle‘ endlich bundespolitisch angefasst wird“. Gleichzeitig bedauere man, „dass die Diskussion, nachdem sie so lange verzögert wurde, nun in kurzfristiger Wahlkampf-Hektik verfällt“. Das Evangelische Johanneswerk ist ein großer diakonischer Träger mit 6.500 Mitarbeitern. Es macht sich laut Habenicht „schon sehr lange für die Gleichberechtigung von verantwortungsvollen Partnerschaften stark“. Familienfreundlichkeit schließe „für uns ausdrücklich auch gleichgeschlechtliche Beziehungen ein“. Die Ökumenische Arbeitsgruppe „Homosexuelle und Kirche“ nennt die „Ehe für alle“ in einer Mitteilung zutiefst christlich. Sie definiere das Zusammenleben in lesbischen und schwulen Partnerschaften als gleichwertig und mache umständliche, diskriminierende Sonderbestimmungen überflüssig. Bisher können sich homosexuelle Partnerschaften in vier EKD-Gliedkirchen trauen lassen: den evangelischen Kirchen in Baden, Berlin-Brandenburg, Hessen-Nassau und im Rheinland.

Bischofskonferenz - Katholische Kirche warnt vor Ehe für alle – Spiegel online

Überstürzt und nicht mit dem christlichen Verständnis vereinbar: Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich gegen gesetzliche Ehen zwischen Homosexuellen ausgesprochen - die "Weitergabe von Leben" sei gefährdet.

Die katholische Kirche hat starke Vorbehalte gegen die geplante Ehe für alle. Für die Deutsche Bischofskonferenz sei die Ehe "die Lebens- und Liebesgemeinschaft von Frau und Mann als prinzipiell lebenslange Verbindung mit der grundsätzlichen Offenheit für die Weitergabe von Leben", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard.

"Wir bedauern, wenn dieser Ehebegriff aufgelöst werden soll und damit die christliche Auffassung von Ehe und das staatliche Konzept weiter auseinandergehen." Die zivile Ehe war in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts als staatliches Pendant zur kirchlichen Ehe eingeführt worden. Sie kennt etwa die Scheidung und hat sich deutlich schneller weiterentwickelt. Die Ehe ist zudem grundrechtlich besonders geschützt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel war am Montag überraschend vom klaren Nein der CDU bei der Ehe für alle abgerückt vom  - und hatte öffentlich von einer Gewissensentscheidung gesprochen. Am Freitag will nun der Bundestag über den Gesetzentwurf abstimmen. Eine Mehrheit für die Ehe für alle gilt als sicher – auch wenn die CSU nochmals ihre Ablehnung bekräftigte hatte.. Der stellvertretende CSU-Fraktionsvorsitzende Hans Peter Friedrich sieht gar die gesellschaftliche Ordnung in Gefahr.

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"Überstürztes Verfahren"

Kardinal Marx kritisierte das Tempo bei der Abstimmung. Es sei "völlig unangemessen, eine solche gesellschaftspolitische Grundentscheidung in diesem überstürzten Verfahren zu fällen". Zudem gebe es von vielen Seiten geäußerte erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken.

Der Erzbischof verwies auch auf die aus kirchlicher Perspektive besondere Stellung der Ehe von Mann und Frau. Es sei ein Missverständnis, die hervorgehobene Rechtsstellung der Ehe und ihren bleibenden besonderen Schutz als Diskriminierung Homosexueller Männer und Frauen zu verstehen, behauptete Marx. tatsächlich würde die Ehe für alle jedoch eine Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare im Eherecht bedeuten - und den Paaren etwa auch das volle Recht auf Adoption gewähren.

Einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) wünschen sich 83 Prozent die Möglichkeit der Eheschließung auch zwischen zwei Frauen oder zwei Männern.


„ Ein willkommenes und dringend benötigtes Buch“ ( von Bernd Tenhage (KNA))

Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender gehören zur Kirche - und haben doch kein leichtes Verhältnis mit ihr. US-Jesuit James Martin will das ändern. Sein neues Buch soll helfen, Brücken zu bauen.

Homosexuelle/ Washington

Sommer 2016 in Orlando, Florida. Ein Mann schießt in einem Nachtclub wie im Wahn um sich. 49 Menschen sterben. Der Vorfall geht als größte Massenschießerei in die Geschichte der USA ein. Viele der Opfer im „Pulse“  sind Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT). Das Mitgefühl ist groß - auch unter den Katholiken des Landes.

Von den mehr als 250 Bischöfen allerdings sprachen nur eine Handvoll Klartext. Kardinal Blase Cupich (Chicago), Bischof Robert Lynch (St. Petersburg), Bischof Robert McElroy (San Diego) und wenige andere bezeichneten die Opfer so, wie diese sich selber nennen: als Homosexuelle oder einfach LGBTs. Die große Mehrzahl der Bischöfe tat sich schwer. Nicht ohne Grund. Zwar mahnt der katholische Katechismus von 1992 zu "Respekt, Mitgefühl und Empfindsamkeit" gegenüber anderen sexuellen Orientierungen, spricht dann aber auch von Verhältnissen, die "objektiv ungeordnet" seien.

Ein Jesuit will Brücken bauen

Die Beziehungen zwischen Kirche und LGBTs ist - unstrittig - belastet und kompliziert. Daran etwas zu ändern, hat sich der Jesuit James Martin Jesuit  (57) zur Aufgabe gesetzt. Er ist in der katholischen Welt der USA vor allem als Buchautor und Redakteur des Jesuiten-Magazins "Amerika" bekannt. Martin sind aus jahrelanger Seelsorge die Nöte der Gläubigen bekannt, die sich wegen ihrer Sexualität nicht von ihrer Kirche angenommen fühlen. Der charismatische Pater will Brücken zwischen den sich oftmals fremden Erfahrungswelten bauen. "Building a Bridge" lautet denn auch der Titel seines Buchs, das nicht ganz zufällig einen Tag nach dem Jahrestag des Pulse-Massakers an diesem Dienstag in den USA bei HarperCollins erscheint.


Es ist der Versuch, Kirche und LGBTs in Respekt und mit Sensibilität zusammenzubringen. Der prominente Jesuit hat dafür die Unter­s‍tützung seines Ordens ebenso wie die Rückendeckung vieler Kardinäle und Bischöfe. Martin ver­s‍teht, worunter gläubige LGBTs leiden. Sie fühlen sich ausgeschlossen, ja sogar beleidigt von der in­s‍titutionellen Kirche. Diese Erfahrung hat ihn dazu gebracht, eine Zwei-Brücken-Theorie zu entwickeln. In seinem Buch beschreibt er eine Möglichkeit, wie beide Seiten durch "das Geschenk der Zeit" in Kontakt treten könnten, um sich gegenseitig zu akzeptieren.

Lob vom Kurienkardinal

"Ein willkommenes und dringend benötigtes Buch", schreibt Kurienkardinal Kevin Farrell (69), den Papst Franziskus kürzlich erst zum Leiter der Vatikanbehörde für Laien, Familie und Leben berief. Es werde helfen, so der ehemalige Bischof von Dallas, daß sich LGBT-Katholiken mehr in der Kirche zu Hause fühlen könnten. "Es ist ja auch ihre Kirche."

Bischof Robert McElroy von San Diego erinnert an das Evangelium, das von Chri­s‍ten "echte Liebe und Wertschätzung" gegenüber Ausgeschlossenen verlange. Derzeit sei das leider oft nicht der Fall. Wie sehr sich die Kirche in den USA derzeit müht, ihr Verhältnis zu den etwas anderen Katholiken zu überdenken, illustriert die Reaktion des neuen Kardinals Joseph Tobin aus Newark im Bundesstaat New Jersey auf die Anfrage einer Gruppe LGBT-Katholiken.

Er "freue sich, dass Sie und die LGBT-Brüder und Schwestern unsere schöne Kathedrale besuchen wollen", schrieb der Kardinal in einer E-Mail an die Organisation, die um eine Visite in dem Gotteshaus gebeten hatte. Er billigte für den Kirchenbesuch mit anschließender Messe sogar ein Faltblatt mit dem Titel "Liebe schließt alle ein". Dies sei eine wunderbare Botschaft. "Bitte verteilen sie es."


Unter Papst Franziskus könnte die Debatte um das heikle Thema an Fahrt aufnehmen. Der Papst geht selber mit gutem Beispiel voran, indem er den lange gemiedenen Begriff "homosexuell" gebraucht. Befragt nach schwulen Priestern, sprach der Papst 2013 seine inzwischen berühmten Worte: "Wenn eine Person homosexuell ist und den Herrn sucht und guten Willens ist - wer bin ich, dass ich über sie urteile?"


Homo – Ehe: Prälatin Arnold bleibt sich und dem CSD treu – Konservative werfen Arnold Rechtsbruch vor. ( von Martin Haar und Uli Meyer)

Im Streit um die Homo-Ehe fordern evangelische Konservative nun ein Machtwort von der Kirchenleitung. Gleichzeitig werfen sie der Stuttgarterin Prälatin Gabriele Arnold „Rechtsbruch“ vor. Arnold indes läßt sich nicht beirren. Zuletzt hat sie als Schirmherrin beim Fest des CSD gesprochen.

Stuttgart - Schon der Empfang war mehr als höflich. Als Gabriele Arnold Gabriele am Sonntagabend auf dem Sommerfest des Chri­s‍topher Street Day (CSD) von Chri­s‍toph Michl, dem Geschäftsführer des Vereins CSD Stuttgart, aufgerufen wurde, schnellte der Geräuschpegel auf dem Berger Festplatz deutlich in die Höhe. Begleitet von Beifall und Anfeuerungsrufen der Festbesucher betrat Arnold die Bühne. „Das ist mutig“, kommentierte Michl die Tatsache, dass die Prälatin die Schirmherrschaft des CSD übernommen hat. Schließlich sei das Themenfeld Glaube und Kirche  für die CSD-Szene „ein Spannungsbogen zwischen Bauchschmerzen und Halt“, sagte Michl.


Prälatin Gabriele Arnold ist Schirmherrin beim Sommerfest des CSD. Foto: LG/Verena Ecker


Arnold will mit Schirmherrschaft Zeichen setzen

Besser hätte er es nicht treffen können. Diesen Spannungsbogen gibt es auch in der evangelischen Kirche. Seit Arnold in dieser Zeitung die Segnung homosexueller Paare gefordert hat, reißt der Graben in der Landeskirche täglich weiter auf. Die Diskussionen in sozialen Netzwerken werden zuweilen feindselig geführt. Der entstandene Bruch zwischen dem liberalen und dem konservativen Flügel ist wohl nur schwer zu kitten. Auch weil die Stuttgarter Prälatin keinen Jota von ihrer Haltung abweicht.

Auch beim CSD-Fest bekräftigte sie: „Mit meiner Schirmherrschaft will ich ein Zeichen setzen.“ Schon in ihrem Theologie­s‍tudium habe sie entdeckt, ### dass Gottes Liebe vorbehaltlos allen Menschen gelte und es Gottes Wille sei, dass Menschen frei seien, in allem, was sie tun.###


Konservativer Flügel: Prälatin darf nicht CSD – Schirmherrin sein.

Für den konservativen synodalen Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“ stellt nicht zuletzt dies eine „Eskalation der Debatte zur Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in Württemberg“ dar. Weiter heißt es in einer Stellungnahme, Gabriele Arnold habe „das Kollegium des Oberkirchenrates brüskiert“. Zudem hält die „Lebendige Gemeinde“ der Regionalbischöfin Rechtsbruch vor. „Sie begrüßte ferner, dass an der Basis längst Fakten geschaffen werden und offenbar in einigen Gemeinden Segnungen stattfinden – gegen geltendes Recht. Das ist ein einmaliger Vorgang: Damit tritt ein Mitglied der Kirchenleitung offen für den Bruch des Kirchenrechts ein. Das halten wir für nicht akzeptabel.“ Zuletzt sei aber „die Schirmherrschaft des CSD mit dem Prälatenamt nicht vereinbar“. Dies hat Landesbischof Frank Otfried July laut der Stellungnahme auch gerügt. Demnach besteht erheblicher Klärungsbedarf. Viele in der Kirche seien „zutiefst irritiert und fragen: Was vertritt unsere Kirchenleitung?“

Denn ganzen Artikel und ,mehr wenn du das Bild anklickst.


THE FALLS - Die Trilogie Box

'RJ' (Elder Smith) möchte seiner Kirche dienen und 2 Jahre seines noch jungen Lebens für die Mission opfern. Doch er darf nicht in die unbekannte Ferne ziehen, sondern bleibt im eigenen Land, nur etwa 6 Zug­s‍tunden von zuhause entfernt. Er teilt fortan sein Zimmer mit dem etwa gleichalten und nicht weniger attraktiven Chris (Elder Merrill). Gemeinsam ziehen sie los, um neue Mitglieder für ihre Kirche zu werben.... mit mäßigem Erfolg.

Chris beginnt an ihrer Berufung zu zweifeln und zieht sich in sich zurück. RJ sorgt sich um ihn, aber mehr als nur in 'geschwisterlicher' Verbundenheit. Es ist ein zögerliches Abtasten, bis sie sich ihre wahren Gefühle gegenseitig offenbaren. Dann ist es, als ob ein Damm gebrochen wäre und sie vernachlässigen zunehmend ihren Dienst, bis sie von einem Mitbruder nackt im Bett erwischt werden....

Am Anfang des Filmes dachte ich - das wird nichts. Die Missionsarbeit wird sehr ausführlich, fast langatmig geschildert. Auch wirken die Hauptdarsteller auf den ersten Blick nicht besonders attraktiv und ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass sie überzeugend als Paar agieren.

Aber dann bricht die Geschichte auf und entfaltet ihr Potential. Nick Ferrucci und Benjamin Farmer beeindrucken als verliebtes Paar, Brian Allard überzeugt in einer umwerfenden Nebenrolle.

Der Film ist weniger spritzig als „Latter days“. Er setzt auch weniger auf optische Reize (damit meine ich nicht nur den Körpereinsatz der Hauptdarsteller), aber er schleicht sich leise und mit Macht ins Herz. Und man schaut sich die Filme 2-3 mal an, da man immer wieder neue Faselten findet.


"Die HuK ist Lebens- und Überlebenshilfe"

(http://www.evangelisch.de)

Auch nach 40 Jahren "HuK" benötigen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*-Menschen noch immer Mut, sich zu outen.

Als sich 13 schwule Männer 1977 in Berlin trafen, wusste keiner, welche Rolle die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) für Schwule, Lesben und Transgender noch spielen sollte. Ein Interview mit Pressesprecher Markus Gutfleisch zum 40-jährigen Bestehen.

Wie war es damals für Schwule in der Kirche zu sein?

Für viele war es nicht leicht. Viele schwule Kirchenmitarbeiter hatten Schwierigkeiten. Andere, die noch studierten, überlegten, wie ihre Zukunft aussehen würde. Vor allem war es für diejenigen schwierig, die nicht geoutet, sondern in einer heterosexuellen Ehe lebten und Kinder hatten. Auch nach ihrem Coming-out blieb es schwer. Junge Studierende der Theologie mussten sich erst ihre freien Räume in Kirchen, Gemeinden und an den Fakultäten erkämpfen.

queerpride.de

Was ist die HuK für ihre Mitglieder?

Wir wollen Heimat sein. In den Anfängen war die HuK für viele Lebens- und Überlebenshilfe. Beratung spielte eine bedeutende Rolle. Menschen mit sehr großen Lebensproblemen und Krisen kamen immer wieder zu uns. Wir bieten einen geschützten Raum. Es gab und gibt auch heute noch Fragen  nach dem kirchlichen Beruf, nach der Situation des Verheiratet-Seins und des Lebens als Ungeouteter oder Geouteter in der Gemeinde. Zudem mischen wir uns in kirchliche Debatten ein; konstruktiv und kritisch. Das erwarten  unsere Mitglieder von uns.

Das ganze Interview findest du, wenn du die Bilder anklickst.

Bild huk.org


 


Der Film ist richtig gut gemacht, widmet er sich doch einer Thematik, die zwar in Europa weniger beachtet wird, aber allzu gegenwärtig ist, der angeblichen Möglichkeit Homosexuelle von ihrer sexuellen Orientierung zu "heilen". Im Umkehrschluss müsste dies allerdings auch bedeuten, das Heterosexualität "heilbar" wäre.


Er zeigt in beeindruckender Weise, wie der Protagonist des Filmes mit allen Mitteln versucht, seine Gefühle zu unterdrücken, was ihm misslingt. Somit kehrt er wieder zu seinem geliebten zurück.


Es gibt noch andere Filme, die sich mit dem Thema des religiösen Fundamentalismus und den daraus resultierenden Folgen für Menschen, die nicht "der Norm" entsprechen, beschäftigen, jedoch zählt dieser neben Prayers for Bobby zu meinen Favoriten.


Kann ihn nur empfehlen für jeden, der an seiner Orientierung zweifelt und auch für Eltern, die aufgrund ihrer Religion Schwierigkeiten mit der Orientierung ihres Sohnes/Ihrer Tochter haben.


Dieses cineastische Kleinod ist so wunderbar einfühlsam, ehrlich und leise erzählt, dass es einfach nur gut tut, die Handlung mit zu leben! Von der ersten Sequenz an bin ich mittendrin - glücklicherweise nicht durch oberflächlichen Herzschmerzkitsch, sondern durch einzigartig natürliche Darsteller und eine Dramaturgie, die längst verloren geglaubt schien! Bei diesem Film stimmt einfach alles: Buch, Regie, Darsteller und... Musik!!!


Pfarrer Nulf Schade – James über seine Homosexualität, Bunte Hemden, buntes Leben:

„Gottes Kleid ist bunte“

Von Gernot Gottwals „Gottes Kleid ist bunt“ heißt die Autobiographie von Pfarrer Nulf Schade-James. Nach sechs Jahren ist das Buch endlich erschienen. Es soll Homosexuelle motivieren, inner- und außerhalb der Kirche für ihre Liebe einzustehen.

Gallus. 

Bunte Kirchenfenster sind an sich nichts Außergewöhnliches. Doch das schillernde Licht- und Farbenspiel der Fenster in der Friedenskirche vermittelt einen Eindruck, warum Pfarrer Nulf Schade-James sich gerade hier besonders wohl und heimisch fühlt: „Bunte Kleider haben immer zu meinem Leben gehört, da ich die Musik und das Theaterspiel liebe und hierin meine Ausdrucksform gefunden habe“, sagt er. Auch seine Mutter habe seine Homosexualität lange als Schauspiel gedeutet.

Doch die Zeiten, in denen der evangelische Pfarrer sich oder anderen etwas vorspielt, sind lange vorbei. Seit er Anfang 20 ist, bekennt er sich zu seiner Homosexualität. Als einer der ersten deutschen homosexuellen Pfarrer, der mit seinem Lebenspartner das Pfarrhaus bewohnt und für die Gleichstellung homo- und heterosexueller Ehepaare kämpft, hat er bereits Geschichte geschrieben und konnte nun seine Lebensgeschichte fertigstellen.

Zugun­s‍ten der Gemeinde

Mit dem Aufschreiben hat Schade-James bereits im Jahr 2011 während seines Studienurlaubs in Spanien begonnen. Doch gut Ding will bekanntlich Weile haben. Erst wurde er mehrmals angeregt, sein Buch zu überarbeiten, dann hat er mehr als zwei Jahre lang versucht, einen Verlag zu finden. Nun ist seine Geschichte als E-Book erschienen, demnächst will er eine überschaubare Auflage von 150 Exemplaren zugunsten seiner Gemeinde drucken lassen.

Tatsächlich bekam Schade-James so manches Feedback, für einen katholischen Pfarrer wäre seine Geschichte doch viel aufsehenerregender. Dabei war der Weg auch für ihn als evangelischen Geistlichen trotz vieler Unterstützer nicht immer einfach. „Und am Anfang meines Studiums gab es sogar noch einen Dozenten, der die Meinung vertrat, ein Homosexueller müsste mit dem evangelischen Theologie­s‍tudium erst gar nicht beginnen“, erinnert sich der Pfarrer.


Mehr zum Buch, wenn du die Bilder anklickst oder du es bestellen kannst.



Mit der Bibel gegen Homo – Feindlichkeit?

Sollen Queers die Bibel aus der Hand geben, nur weil manche mit ihr immer wieder gegen uns argumentieren? "Auf keinen Fall!", ist Nils Christiansen überzeugt. Eindrücke eines Workshops im Zentrum Regenbogen des Kirchentages.

Dass Menschen mit der Bibel gegen Queers argumentieren, sind wir ja leider immer noch gewohnt. Aber "mit der Bibel gegen Homofeindlichkeit"? Nils Chri­s‍tiansen, Pastor der Nordkirche, ermutigt Regenbogen-Christ*innen, sich die Bibel nicht aus der Hand nehmen zu lassen.

Foto: Wolfgang Schürger

"Wer die Bibel an einer Stelle wörtlich nimmt, sollte sie an jeder Stelle wörtlich nehmen - dann dürfen wir auch kein Schweinefleisch essen!"

Aber, das wurde deutlich, wir sollten die Quelle unseres Glaubens nicht durch homophobe Interpretation vergiften lassen. Zu viele Schätze sind in den biblischen Büchern auch für unseren queeren Glauben versteckt!



Evangelische Kirche streitet über Homo-Ehe ( Von Martin Haar  )

Konservative Kreise kritisieren die Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold für deren öffentliche Äußerungen. Manche sprechen gar von einer „Eskalation der Debatte“.

Die evangelische Kirchengemeinde Zuffenhausen heißt schwule und lesbische Paare willkommen.Foto: Lichtgut/Verena Ecker


Die Kritik der Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold an der evangelischen Landeskirche und deren Haltung in Sachen Segnung der Homo _ Ehe wird von konservativen Kirchenkreisen missbilligt. Aber auch in der Landeskirche haben die Einwürfe der Regionalbischöfin Unmut erzeugt.

Auslöser der ganzen Debatte, war die Unterstützung der Initiative Regenbogen durch die Gemeinde Oswald-Wolfbusch in Weil­imdorf, als 13. der insgesamt 66 Stuttgarter Gemeinden in Stuttgart. Die Regenbogen-Gemeinden heißen nicht nur lesbische und schwule Gemeindeglieder willkommen, sie sind auch offen für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und unterstützen Pfarrerinnen und Pfarrer, die mit ihren Partnern gleichen Geschlechts im Pfarrhaus leben wollen.


Bennungen – Verein „Leo“ gehört er der „Homo – Heiler – Szene an ?

Die Vorwürfe wiegen schwer. Dem christlichen Verein für Lebensorientierung („Leo“) aus Bennungen im Südharz wird vorgeworfen, der Homo-Heiler-Szene anzugehören und die Meinung zu verbreiten, daß Homosexualität eine heilbare Krankheit ist.

Jugendamt des Landkreises hat Fragenkatalog an christlichen Verein „Leo „geschickt

Um dies zu klären und vor allem herauszufinden, ob dieser Verein weiter Träger der Jugendhilfe bleiben kann und damit auch weiterhin finanzielle Unterstützung genießt, hatte das Jugendamt des Landkreises einen Katalog mit 15 Fragen an „Leo“ geschickt. So weit, so gut.

Im ehemaligen Rittergut in Bennungen hatte der Verein Leo seinen Sitz.Foto: Schumann

Kowalski fühlt sich in seinem Engagement bestätigt, seit in einem Fernsehbeitrag nachgewiesen wurde, dass auch Stephan Brückner, Arzt und zweiter Vorsitzender des „Leo“ so genannte Konversationstherapien anbietet, die all dem widersprechen, was der aktuelle Stand der Wissenschaft zum Thema Homosexualität ist. „Diese Enthüllung zeigt, dass es eben nicht nur Bernhard Ritter ist, der diese Pseudo-Methoden anbietet, sondern dass sich bei Leo weitere Leute als Anhänger dieser unwissenschaftlichen Praktiken versammeln“, so Kowalski weiter.


Eine Aberkennung des Status’ als Träger der Jugendhilfe wäre nichts Neues. Bereits 2014 hatte der Jugendhilfeausschuß den Verein ausgeschlossen. Das allerdings hatte das Verwaltungsgericht in Halle revidiert. Unter anderem hatten die Richter die vorgelegte Begründung als nicht ausreichend erachtet. Im vergangenen Jahr verzichtete man auf eine Berufung gegen dieses Urteil, wonach „Leo“ wieder ein Träger der Jugendhilfe sein darf. Man fühlte sich nicht ausreichend vorbereitet. (mz)


Video Empfehlung 27.05.2017

Kinder Gottes

Der Film überzeugt durch sehr gute Darsteller und der die wirklichen Probleme aufzeigt. Angeblich Gottes Wort zu verkünden und den Menschen vorhalten wie sie zu leben haben. Viel Emotion und super Landschaften das man auch sofort Lust auf Urlaub bekommt.



Einer der schönsten Liebesfilme, die ich gesehen habe - nein, eigentlich der schönste! Berührende Geschichte, tolle Regie und Schauspielende, tief erzählt, wunderschöne Bilder und schöne Sätze! Die (Un)Möglichkeit einer Liebe vor dem Hintergrund von Homophobie und Diskriminierung wird vielschichtig und sowohl verständnisvoll als auch kritisch erzählt.


Ein Film von unheimlicher Kraft, ein Film der anderen Art, toll gespielt und doch spannend. Ein Film den man sich auch zweimal ansehen kann.



Kirche soll keine Vorgaben bei der Sexualität machen!  27.05.2017

Berlin (idea) – Die Kirche soll Menschen keine „normativen Vorgaben oder gut gemeinten Ratschläge“ zur Sexualität geben. Dafür plädierte die Vizepräsidentin des Kirchenamts der EKD, Bischöfin Petra Bosse-Huber (Hannover), bei einer Diskussion zum Thema „Selbstbe­s‍timmte Sexualität“ auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag am 26. Mai in Berlin.

„Es ist meiner Überzeugung nach kein Schaden für die christliche Ehe, wenn die Kirche auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften segnet.“ Das biblische Zeugnis kenne mehr als eine Lebensform.


Die Vizepräsidentin des Kirchenamts der EKD, Bischöfin Petra Bosse-Huber. Foto: idea/Laufer

 „Es braucht noch viel theologische Arbeit, um die Bilder auszurotten, dass nach der Bibel Mann und Frau füreinander geschaffen wurden. Das ist weit entfernt vom exegetischen Befund im Alten und im Neuen Testament.“ Man müsse „mit geöffneten und gewaschenen Augen die Bibel neu auslegen“. Dabei gelte es, den „Familienbegriff sehr weit“ zu interpretieren und nicht in Stereotypen zurückzufallen, die „historisch so nie existiert haben“.




Religionsfreiheit endet bei Hass Rede 27.05.2017

Pro Christliches Medienmagazin

Der ehemalige Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit bei den UN, Heiner Bielefeldt, erklärte am Freitag beim Evangelischen Kirchentag, Religionsfreiheit gelte nicht nur für liberale Christen, sondern werde zu Recht auch von Konservativen in Anspruch genommen. Deren Freiheit ende aber da, „wo aus Vorbehalten gegen Schwule und Lesben Hass Rede wird". Der Aufruf zum Hass sei die „logische Grenze der Menschenrechte".


Foto: pro/Anna Lutz

Evangelikale gegen Homorechte

lesbische Menschenrechtsaktivi­s‍tin Kasha Nabagesera aus Uganda sagte, in ihrer Heimat könne sie keine kirchlichen Veranstaltungen besuchen, ohne beleidigt zu werden. Auf dem Kirchentag habe sie bisher kein einziges bösartiges Wort gehört. „Dafür bin ich sehr dankbar." Viele ihrer schwulen und lesbischen Freunde hätten sich dazu entschieden, die Kirche zu verlassen, weil dort Hass gepredigt werde. Evangelikale predigten „überall auf dem afrikanischen Kontinent" gegen gleichgeschlechtliche Liebe.


Gott liebt auch Twinks  - TaZ - Kolumne Kreuz + Queer 26.05.2017

Wie queer ist der Evangelische Kirchentag – jenseits vom „Zentrum Regenbogen“? Bunte Vielfalt, Provokation, ja, das geht, findet aber kaum statt.

„Gott ist eine Dragqueen“. Das steht auf einem christlichen Blog. Auf dem Kirchentag würde Gott als Dragqueen auffallen. Als Pfandfinder nicht. Die sind hier überall. Queerneß findet im ausgelagerten „Zentrum Regenbogen“ statt. Die Debatte um LGBT und Kirche wird schon länger geführt.


Es ist eine recht homogene Masse beim Kirchentag in Berlin Foto: dpa

Es ist eine recht homogene Masse, die da durch die Stadt zieht. Man kennt sich von anderen Kirchentagen. Queerneß, bunte Vielfalt, Provokation – ja, das geht, findet aber kaum statt.

Vor allem, wenn der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber dieser Tage wiederholt, dass „beim 500. Reformationsjubiläum die evangelikale Bewegung nicht ignoriert“ werden solle. 1,3 Millionen Evangelikale also, die (fairerweise nicht alle) Homosexualität für sündig und therapierbar halten. Wer queer ist, schmort für ewig in der Hölle und hat mit Gott nichts zu schaffen. Sollte solche Intoleranz von der evangelischen Kirche umarmt werden???


"Lebensforum" in Rom 26.06.2017

Kardinal: Homo-Ehe und Abtreibung sind die „Gegen-Schöpfung“ Satans

Bei einer Konferenz in Rom bekräftigten erzkonservative Katholiken mit Verbindungen zu Beatrix von Storch und der "Demo für alle" ihren Kampf gegen die "LGBT-Lobby".

Der italienische Kardinal Carlo Caffarra hat Gläubige dazu aufgerufen, "offen und öffentlich" Zeugnis abzulegen gegen die Sünde der gleichgeschlechtlichen Ehe und der Abtreibung. Man müsse den Sünder lieben, aber die Sünde verfolgen, indem man sie aufspüre und verurteile.


Fehlt nur noch Musik aus "Star Wars": Kardinal Carlo Caffarra schwört Gläubige auf den Kampf gegen die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften als Werk des Teufels ein (Bild Queer.de)



Video Empfehlungen 25.05.2017


Im Namen des...

Schwul – Katholisch und das in Polen ?!?

Und natürlich darf in der polnischen Einöde der Pfarrer nicht schwul sein, generell sollte man nicht homosexuell sein.

Dieser polnische Film ist zunächst einmal wenig eingängig: die karg anmutende Bildersprache spiegelt die karge Landschaft wieder, in der die Handlung angesiedelt ist.


Flirrende Hitze und eine merkwürdige Ausweglosigkeit prägen diesen Film, in der es um Einsamkeit und die zaghaften Versuche wirklicher Nähe geht. Und natürlich darf in der polnischen Einöde der Pfarrer nicht schwul sein, generell sollte man nicht homosexuell sein.


The Boys Of St. Vincent

Missbrauch in der katholischen Kirche, ein schweres Thema, für Betroffene aber auch für alle die sich dem Thema auch in einem Film nähern wollen.

"Finger weg!" möchte man dem interessierten Käufer raten, würde ihm dann nicht ein ausgezeichneter Film entgehen, der zur jetzigen Zeit leider wieder an Aktualität gewonnen hat.

Er hätte es verdient, ein möglichst breites Publikum zu finden. Die Perfidie der katholischen Kirche ist, wenn es um die Vertuschung übler Machenschaften in den eigenen Reihen geht, nicht erst seit gestern sattsam bekannt.





Du sollst nicht lieben

Jude und schwul – was für ein Spannungsfeld!

Diesen Film kann ich absolut empfehlen. Er ist sehenswert und unglaublich toll und sensibel gemacht. Man bekommt hier sehr viel intime Einblicke in das Leben eines orthodoxen Juden.


Der Regisseur schafft es auf wunderbare Art und Weise den Film sehr emotional, eindringlich zu gestalten, ohne aber zu verurteilen oder zu beurteilen. Einfach Wertfrei. Das ist ein ziemlich schwieriger Spagat Akt, der ihm sehr gut gelungen ist.



Empfehlung 24.05.2017

Religion und Homosexualität: Aktuelle Positionen

Wer sich abseits der konservativen Meinungen in den Weltreligionen mit der Akzeptanz von Homosexualität in der Religion beschäftigen will, findet mit diesem Buch eine sehr gute theologische Positionierung, die überzeugt.



Vertreter der Evangelischen und Katholischen Kirchen, des Judentums und des Islam begründen aus ihrem Glauben heraus, weshalb Homosexualität zur Vielfalt der Lebensformen gehört.


Größer als alles ist die Liebe: Für einen ganzheitlichen Blick auf Homosexualität

Das Buch richtet sich weniger an Schwule und Lesben, vielleicht mit Ausnahme derjenigen, die in kirchliche Strukturen eingebunden sind. Die Adressaten sind eher die Religiösen, die Homosexuellen aus Glaubensgründen kritisch bis ablehnend, ja sogar verachtend, bestenfalls mitleidig gegenüberstehen.


Wunibald Müller zerpflückt deren Argumente, belegt, daß die Bibel eigentlich recht wenig sagt, ja sogar kaum etwas zum Thema gleichgeschlechtlich veranlagte Menschen sagen kann. Er sagt auch, dass es keine Homoheilung geben kann, weil eine solche Veranlagung eben keine Krankheit ist. Schön.



Empfehlung 23.05.2017

Streitfall Liebe

Richtig richtig gut!
Ein lesenswertes Buch für alle Christen, die sich auf biblischer Grundlage mit dem Thema der Homosexualität beschäftigen. Christentum und Homosexualität ist ein spannungsgeladenes Diskussionsfeld.

Alle ihre Aussagen lassen sich anhand der zitierten Bibelstellen nachvollziehen, und zeigen verständlich auf, dass das Christentum an sich keines Falls im Widerspruch (auch zur gelebten) Homosexualität steht.



Empfehlung 22.05.2017

Das Lied der Liebe kennt viele Melodien: Eine befreite Sicht der homosexuellen Liebe

Dieses Buch war das erste Buch für mich, dass sich ausführlich mit Kirche und Homosexualität beschäftigt. Bürger tut dies einfühlsam, ausführlich, verständlich und ausgesprochen professionell! Nach mehr als 10 Jahren (habe noch die erste Auflage) nehme ich das Buch immer wieder gerne zur Hand und empfehle dies jedem schwulen und religiösen Mann im Coming Out!





Trauung für alle beim Abendmahl

Ab Dienstag wirbt das Berliner Bündnis gegen Homophobie mit dem Slogan "Traut euch! Traut uns!" für die gleichberechtigte Anerkennung homosexueller Paare - auf zwei Motiven sind ein lesbisches und ein schwules Paar mit Vertretern von Religionsgemeinschaften zu sehen.




Empfehlung 16.05.2017

THE FALLS 3: Bund der Gnade

Drei wunderbare Filme, die ich allen sehr ans Herz lege, für Romantische Stunden mit Freunden oder mit Partner :-)

Mit dem finalen Teil seiner Trilogie beglückt Jon Garcia nicht nur Fans. Der gläubige Mormone Chris hat sich endlich von seiner Frau getrennt und ist bereit, seinen ehemaligen Missionsgefährten RJ in Portland zu besuchen. Sie kommen sich so nahe wie nie zuvor. Doch Entscheidungen der Kirche stellen ihre aufkeimende Beziehung auf die Probe. ( Mehr dazu, klick die Bilder an)



Empfehlung

Der er­s‍te Stein: Als homosexueller Prie­s‍ter gegen die Heuchelei der katholischen Kirche (ich lese es gerade)

»Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?« Diese Worte von Papst Franziskus ließen die Welt aufhorchen und viele homosexuelle Priester Hoffnung schöpfen. Doch ein grundlegender Wandel in der Haltung der katholischen Kirche gegenüber Homosexualität lässt weiter auf sich warten.

(Mehr Infos wenn Du das Bild anklickst)