Queer - Impulse

So leb Dein Leben, wir haben nur das eine ?!?



Der Kampf um Gender

Anti-aufklärerisch und kulturrelativistisch: Wie ein noch junges Studienfach die dringenden Themen der Gegenwart verschläft.

Die Gender-Studies befinden sich in einer Legitimationskrise: Die Öffentlichkeit begegnet dem Fach mit Ablehnung, Biologen fechten ihre Wissenschaftlichkeit an, und politische Gruppierungen mobilisieren wahlweise gegen einen «Wahn» oder eine «Ideologie». Alle beanstanden Sinn und Zweck eines Studienfachs, das mit zwanzig Jahren noch relativ jung ist, gleichwohl aber eine Vielzahl an Kontroversen durchlaufen hat. Der zunehmende Lärm dieser Einsprüche übertönt Belange, die bisher deutlich weniger Gehör gefunden haben.

Dazu zählt die Kritik an Forschungstendenzen, die auf den ersten Blick überraschend anmuten, weil sie jedweden aufklärerischen Anspruch bezüglich Geschlecht und Sexualität konterkarieren. So gehen manche Gender-Studies-Arbeiten von einer deterministischen «Kultur» aus, die einem Individuum wesensbestimmend übergeordnet sei. Ebenfalls ist ein damit einhergehender Kulturrelativismus zu beobachten, der die Genitalverstümmelung von Mädchen schon einmal mit der westlichen Wahlfreiheit, ein Genitalpiercing zu tragen oder nicht, vergleicht oder Selbstmordattentate als «queer» interpretiert, weil diese Unordnung in der «symbolischen Ordnung» stifteten. Generell ist eine Verschiebung weg von der Beschäftigung mit Ausbeutung hin zu Strategien zu verzeichnen, die sich nicht an einer Beseitigung gewalttätiger Verhältnisse interessiert zeigen, sondern Betroffenen bisweilen nahelegen, sich in diese zu fügen.(Foto-Etsy)

Genese der Gender-Studies

Dass sich solche Positionen in einem Fach finden, das mit dem akademischen wie gesellschaftspolitischen Anspruch angetreten ist, für geschlechter- und sexualitätsrelevante Fragen zu sensibilisieren, und dabei stets auch eine globale Tragweite geltend gemacht hat, dürfte zunächst verwundern. Tatsächlich waren Behauptungen wie die vorgenannten während der Institutionalisierung der neuen Disziplin noch nicht prominent vertreten. War die Frühphase der Gender-Studies in den 1990er Jahren stark von psychoanalytischen und literaturwissenschaftlichen Zugriffen geprägt, hatten im nachfolgenden Jahrzehnt sogenannte «selbstreflexive» Ansätze Konjunktur.

Wichtiger als der Nachweis der Veränderbarkeit von Geschlechterrollen wurden Fragen nach dem Sprechort der Einzelnen. Bedeutsamer als das, was gesagt wurde, war nun, wer etwas sagte. Identitäten, deren historische Herkunft und deren etwaige Überwindung zunächst im Fokus des Fachs gestanden hatten, wurden damit neu errichtet und hoffnungsvoll aufgeladen. Diese Aufmerksamkeitsverschiebung verstärkte eine Kulturalisierung des Partikularen – und damit die Abkehr vom Universalismus. Infolgedessen blühten die besagten antiemanzipatorischen Inhalte auf.

Die Kritik an diesen ist bisher zumeist von aussen vorgetragen worden: Innerhalb der Gender-Studies ist es noch nicht zu einer Debatte darüber gekommen. Hier wird ein starker Kontrast zu anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern deutlich: Es gibt bekanntlich nicht die Historikermeinung, nicht den Soziologenstandpunkt und auch nicht die politikwissenschaftliche Einschätzung eines Problems, sondern konkurrierende, bisweilen sehr hart miteinander um die richtigen Methoden, Theorien und Resultate streitende Schulen und Denkströmungen. In den Gender-Studies hingegen hatten bisher noch die bedenklichsten Positionen keine fachinterne Anfechtung zu befürchten: Sie blieben ohne Widerspruch.

Wozu Gender-Studies?

In einem polemischen Beitrag hat Stefan Hirschauer vor wenigen Jahren die Frage «Wozu Gender-Studies?» gestellt. Der antifeministische Tenor des Artikels war zwar bedauerlich, schmälerte allerdings nicht den Wert des Arguments. So plädierte der Soziologe dafür, dass sich Geschlechterforscherinnen nicht mit der Sache gemeinmachen sollten, der sie nachgingen, und sprach vom «verdrucksten Schweigen» jener, «die schon lange ahnen, dass etwas schiefläuft», jedoch keine Stellung bezögen. Zu den Fehlentwicklungen zählte Hirschauer die systematische Überbewertung des Status, welcher der Geschlechterunterscheidung in modernen Gesellschaften zukomme, vor allem aber die Abwesenheit «kaltblütige[r] Bilanzierungen der historischen Gleichzeitigkeit des politisch Ungleichzeitigen – von archaischen Gewaltakten gegen Frauen über die Irrelevanz von Geschlecht bis zur Benachteiligung von Männern». Er beklagte weiter eine «Wagenburgmentalität», die sich vor der Komplexität der Welt verriegle, statt dieser analytisch gerecht zu werden.

Wagenburgmentalität

Hiervon zeugen von Jargon geprägte Gender-Studies-Schriften, die sich zwar mit sozialen Veränderungen befassen, den Dialog ausserhalb des eigenen Radius allerdings nicht suchen. Solche Abhandlungen fallen hinter die Möglichkeiten des Romans zurück, des allen zugänglichen Laboratoriums des Denkbaren: Weitaus emanzipatorischere und phantasievollere Vorstellungen, was das Abstreifen überholter Geschlechterrollen anbelangt, sind in den letzten Jahrzehnten beispielsweise in den Werken von Monique Wittig, Octavia Butler oder Jeanette Winterson angedacht worden. Zum anderen befördert jene von Hirschauer monierte «Wagenburgmentalität» die Tendenz, sich gegenseitig nicht zu kritisieren.

Hiervon profitieren vor allem Arbeiten, die zweifelhafte Positionen vertreten können, weil sie keine innerdisziplinären Herausforderungen zu befürchten haben. Die Gender-Studies wurden auf einer sprachlichen Unterscheidung gegründet, die es im Deutschen nicht gibt: Sinnstiftend wurde «gender», d. h. Ausdruck der Geschlechtsidentität, und nicht «sex», das im Englischen die biologisch-materielle Dimension meint (und das Sexuelle stärker evoziert). Nach aussen hat diese Präferenz schroffe Ablehnung provoziert, wodurch die gesellschaftspolitische Vermittlung der Frage beeinträchtigt wurde, weshalb es sich lohnt, über die Ordnung der Geschlechter nachzudenken. Nach innen wiederum hat der Vorzug von «gender» gegenüber «sex» entschieden den Blick auf Repräsentationsweisen favorisiert.

Dies beförderte ein Missverhältnis zwischen der Frage danach, wie etwas dargestellt wird, und der Frage, warum dem Geschlecht eine bestimmte Funktion zukommt – gesellschaftlich, politisch, ökonomisch. Und die wesentliche, nicht austauschbare Funktion ist diejenige der Reproduktion der Gattung: Sie wird von Frauen geleistet. Während der Second Wave Feminism der 1970er Jahre dies zentral zum Thema hatte, sind die Schwangerschaft sowie der Körper als dezidiert geschlechtlich ausgewiesene Belange in den Gender-Studies zu Sekundärthemen geworden.

Der Fokus auf Sprache und Bedeutung hat zudem das Gewicht von einigen entscheidenden Feldern wegverlagert, auf denen sich die Krisen und Herausforderungen der Gegenwart besonders bemerkbar machen. Forschung zur jihadistischen Gefahr etwa kam bisher vor allem aus der Politikwissenschaft, während sich Arbeiten aus den Gender-Studies vorwiegend mit der Täterrepräsentation in westlichen Medien befassen. Damit wird die wissenschaftliche Klärung der Genese dieses Phänomens anderen Fächern überlassen, die den evidenten geschlechterrelevanten Aspekt dann in der Regel übergehen. Eklatante Wissenslücken bleiben so bestehen.

Materielle Realität

Gleiches gilt für weitere gewichtige Forschungsfelder. Die rasanten Durchbrüche und Veränderungen in der Bio- und Hochtechnologie der letzten zwanzig Jahre müssten mit weitaus höherer Aufmerksamkeit als bisher verfolgt werden, gerade weil viele davon geschlechtliche Belange tangieren und von globaler Dimension sind: Leihmutterschaft, Abtreibung, HIV/Aids, Hormontherapien und geschlechtsangleichende Operationen sowie Schönheitschirurgie sind als evidente Beispiele zu nennen. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesen Themen müssten bereits Bachelorstudierenden der Geschlechterforschung elementare Kenntnisse in Biologie, Medizin und Anthropologie vermittelt werden (und nicht, wie bisher, feministische Biologiekritik). Dies würde ihnen die Diskussion mit skeptischen Vertretern jener Disziplinen ermöglichen sowie dem interdisziplinären Selbstverständnis des Faches gerecht werden. Vor allem würde dies ihre Teilhabe an der Gestaltung des 21. Jahrhunderts entschieden vorantreiben und das dringende, bis anhin fehlende Gegengewicht zu den eingangs skizzierten Aporien bilden.

Die gewichtigste Antwort auf Hirschauers Frage liegt in der Tatsache begründet, dass das Emanzipationsversprechen in der Welt ist: Es gilt für alle. Menschenrechte und zivilisatorische Mindeststandards stehen nicht zur Verhandlung. Die politische Agitation hiergegen, die unter akademischen Vorzeichen von einigen betrieben wird und auf alle zurückfällt, die über Geschlecht arbeiten, ist gegen gute Bücher einzutauschen. Es ist zudem «sex», das darüber entscheidet, wer von Reproduktion, Abtreibung und unbezahlter Haus- und Care-Arbeit betroffen ist, und nicht «gender». Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser sich materiell manifestierenden Realität ist ein dringlicher Beitrag zur Analyse der globalen Gegenwart: darum Geschlechterforschung.

Mehr zu den Vorgestellten Büchern, die versuchen ein Pro und Contra zum Thema Gender darzustellen, wenn Du die einzelnen Bilder anklickst.

Vojin Saša Vukadinović ist Historiker. Er forscht gegenwärtig zu den Anfängen des kapitalistischen Bewusstseins im 20. Jahrhundert-NZZ

Grüsse von der Gender-Front

Wie macht man sich zum Feind der queeren Szene? Indem man sich gegen deren Betroffenheitskult stellt.

Einst stand der Begriff «queer» für den Versuch, die angestammte, als aufgezwungen erlebte gesellschaftliche Position zu verlassen. Es ging um die Möglichkeit, sich zumindest für den Moment von den Rollenbildern zu befreien, die Geschlecht oder sexuelle Orientierung mit sich bringen. Heute steht der Begriff vor allem für eine Politikform, in der die eigene gesellschaftliche Position Dreh- und Angelpunkt anklagender Moral ist.

Der Fokus der «queeren» Praxis, die ihre Stichworte aus der postmodernen «queer theory» bezieht, liegt auf der Affirmation von Gruppenzugehörigkeit und subjektiver Weltsicht. Nur wer persönlich von Diskriminierung betroffen sei, dürfe sich dazu äussern, heisst es von der Mehrheit der queeren Vertreter.(Foto-Thefederalist.com)

Im Zentrum des Handelns steht also die eigene Betroffenheit. Die Folge: Was genau die Konsequenzen gesellschaftlicher Benachteiligung sind, gilt als ausschliesslich von «Betroffenen» definierbar. Ächtung und Ungerechtigkeit sind in dieser Denkform allein eine Frage von Machtverhältnissen, die sich primär in Sprache ausdrückten.

Einige Resultate dieser Haltung sind populär geworden: An Universitäten gibt es Initiativen, welche Kant und Hegel aus dem Curriculum streichen wollen, da in deren Schriften der Begriff «Neger» vorkommt. Der Begriff ist heute zweifellos als rassistisch erkannt, die Tilgung wird jedoch damit begründet, dass Schwarze als Betroffene von Rassismus während der Lektüre persönlich verletzt sein könnten.

Weisse, die Dreadlocks oder Kimonos tragen, werden als «rassistisch» gebrandmarkt.

Islamische Gemeinden dagegen werden trotz fehlender Geschlechtergerechtigkeit und mitunter offener Hetze gegen Israel hofiert.

Kritik aus der Szene selbst

Rechts- und liberalkonservative Strömungen kritisieren diese Methoden schon lange, jedoch unterscheiden sich ihre Motive. Die Wortführer der ersteren beziehen sich ebenfalls positiv auf Identität, die Rücksicht auf Minderheitenperspektiven lehnen sie jedoch ab. Liberalkonservative indes legitimieren die Ungleichheit bestimmter sozialer Gruppen als gesellschaftliche Notwendigkeit oder leugnen sie schlicht.

Nun problematisieren feministische und LGBT-Aktivistinnen und -Aktivisten gemeinsam queere Politik, die subjektive Erfahrungen von Diskriminierung ins Zentrum stellt und die momentan als Stichwortgeberin für alle zeitgenössischen pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Diskurse dient. Sie kritisieren die in dieser Denkform angelegte Idealisierung von Benachteiligung als kulturelle und schützenswerte Eigenart.

Erstmals weitgehend von der Öffentlichkeit beachtet, äusserten sich in diesem Sinne 26 feministische und LGBT-Aktivisten und -Aktivistinnen im Buch «Beissreflexe», das in diesem Jahr in Berlin erschienen ist. Fallgeschichten, Tatsachenberichte, Polemiken und Analysen dokumentieren darin den aktuellen Zustand der Gender-Studies und queer-feministischer Politik und Pädagogik. Doch statt der zu erwartenden Kritik des politischen Gegners, also von konservativen Strömungen, kam die härteste Kritik ausgerechnet aus der queeren Szene selbst.

An den negativen Reaktionen lässt sich beispielhaft nachvollziehen, wie das universitäre und das politische Queer-Milieu mit Kritik umgeht.

Eine «verletzende Sprache» diagnostizierte etwa Heinz-Jürgen Voss, Professor für Sexualwissenschaften, auf seinem Blog, eine Sprache also, die von rücksichtslosen Subjekten zeuge, welche mit dem Buch eine pathologisierende Rufmordkampagne gegen Gender-Aktivisten, psychisch kranke Menschen und Muslime führten.

Im Sommer schaltete sich die international bekannte Literaturwissenschafterin Judith Butler persönlich ein und schrieb zusammen mit der Berliner Gender-Forscherin Sabine Hark einen Kommentar in der Wochenzeitung «Die Zeit». Dort warfen sie den Autoren vor, sich undifferenziert auf die akademische Disziplin der Queer-Studies zu stürzen – was den Sammelband anschlussfähig für rechte Diskurse mache. Eine «Vergleichgültigung» mittels der «Beseitigung von Binnendifferenzen» sei die Strategie, wenn sezierend Szenekämpfe offengelegt und gefährliche interne Dynamiken benannt würden.

Auf welche Weise diese Homogenisierung stattfinden soll, liessen Hark und Butler elegant offen. Im queeren Geflecht, das frei von formalen Hierarchien, dafür umso mehr von subtilen Strukturen der Redemacht durchsetzt ist, übernahmen andere die Ausführung dieser Anklage. Queer-Aktivistinnen und universitäre Geschlechterreferate fabulierten auf Twitter und Blogs in fieberhafter Aufruhr von einem Angriff angeblicher homosexueller Nationalisten im Stile eines Milo Yiannopoulos.

Polemik statt Argumente

Doch die akademischen Gender-Studies und die aktivistische Queer-Szene, beide eng verwoben mit aktueller linker Politik an den Universitäten, haben keine Antworten auf die im Sammelband vorgebrachten Argumente. Die Reaktion beläuft sich auf ostentatives Beleidigtsein oder eine beredte Nichtreaktion.(Foto-Pinterest)

Die Positionen der beteiligten Autoren werden delegitimiert und Nachwuchswissenschafter schlicht als dumme Jungen dargestellt – was insbesondere im Falle der wiederholten Hervorhebung Vojin Saša Vukadinovićs durch Wissenschafterinnen, die Rassismus-Sensibilität für sich reklamieren, merkwürdig anmutet. Die Autoren des Buches erhalten Hassmails, kurzfristige Absagen ihrer Vorträge sowie geplanter Zeitschriftenbeiträge und sind Angriffen auf ihre wissenschaftliche Laufbahn ausgesetzt. Zuletzt wurde dem Querverlag sogar die Präsentation auf einer queer-feministischen Buchmesse untersagt.

Das von der Kritik gezeichnete Bild des schwulen weissen Mannes aus Berlin-Mitte, der einen skandalösen Bestseller intendiert, um seinen ausufernden Lebensstil finanzieren zu können, bedient nicht nur billigste homophobe Ressentiments. Vorwürfe, die Autoren könnten im Hintergrund Einfluss auf die Verteilung von Geldmitteln nehmen, um der anständigen, subalternen Queerszene zu schaden, erinnern nicht zufällig an antisemitische Motive. Es spricht zudem für sich, dass die queer-feministischen Kritiker in ihren Verrissen bisher genau jene Beiträge im Band auffällig ignorierten, die von Frauen verfasst wurden. Das Feindbild passt einfach zu gut.

Warum dieses Bild der «Beissreflexe»-Autorenschaft beschworen wird, wird plausibel, wenn man einen Blick darauf wirft, wen die Herausgeberin Patsy l'Amour laLove in ihrer Anthologie versammelt hat: Es sind Individuen, die sich zusammengetan haben, um ein Problem anzusprechen, das sie selbst am meisten betrifft. Sie sind nicht nur in der Geschlechter- oder LGBT-Politik aktiv, sondern selbst von Diskriminierung betroffen. Die Beiträge im Sammelband stammen von homo-, bi- und heterosexuellen Menschen, die mit Behinderungen oder psychischen Pathologien leben, transsexuell oder transgender sind, Missbrauch und Gewalttaten erlebt haben, in religiös-fundamentalistischen Familien aufwuchsen, einen Migrationshintergrund haben oder gar in der tiefsten ostdeutschen Provinz lebten. Sie kennen die Zwänge, die jene treffen, die nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft sein können oder wollen, ihre politische Arbeit wollen sie nicht mit ihrer gesellschaftlich aufgezwungenen Identität verknüpfen. Auch im Buch outen sie sich nicht.

Anspruch auf Objektivität

Stattdessen formulieren sie streitbar und transparent ihre Positionen und verfolgen dabei den Anspruch, ihre Erfahrungen objektiv vermittelbar zu machen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht hinter ihren Erfahrungen verschwinden und nicht als repräsentatives Kollektiv von Diskriminierten auftreten wollen.

Sie stellen vielmehr die Idee und den Wunsch, Benachteiligung zur Identität zu erheben, grundlegend infrage. Die Anthologie ist keine erschöpfende Darstellung des queeren Milieus und bei weitem nicht die erste linke Kritik an diesem. Ihre Brisanz erfährt sie jedoch dadurch, dass sie von Individuen verfasst worden ist, die die von identitätspolitischen Kleinkriegen geprägte Queer-Szene gut kennen – «Beissreflexe» ist somit eine Sammlung von Briefen von der Front.

Begründet wird die vehemente Abwehr und Ignoranz mit einem Verteidigungskampf gegen die erstarkenden postfaktischen und sexistischen Kräfte des Mainstreams. Die Realität ist jedoch weitaus trivialer: Teile der queeren Wissenschaften und Szenen wähnen sich im Krieg. Es geht um Selbstschutz, getarnt als Notwehr.

Was das kleine Büchlein «Beissreflexe» angreift, sind nicht bedauerliche Einzelfälle in der queeren Szene oder emotionale Eruptionen einiger weniger. Wenn sich Betroffene nicht mehr einig sind und sich auch mit bestem Willen und höchstem Druck keine Einigkeit unter ihnen herstellen lässt, scheitern der postmoderne Glaube an standpunktgebundene Theoriebildung und die sich daraus ergebende Subjektivierung eines jeden Wahrheitsanspruchs.

Von Relevanz ist deshalb, wie kritische und für Gleichberechtigung einstehende Wissenschafter, als die sich Hark, Butler und Voss verstehen, mit diesem eklatanten Widerspruch umgehen. Bis jetzt ist kein Interesse an der Aufklärung der im Sammelband vorgebrachten Vorwürfe und Analysen auszumachen. Sind die Berichte von Rufmordkampagnen und der Umgang mit den Autoren für sie nur bedauerliche Einzelfälle – oder gar Nebeneffekte eines grundsätzlich guten queeren Paradigmas?

Die queer geprägten Gender-Studies sind als Wissenschaft und als politische Szene im Verfall begriffen. An dieser Erkenntnis hängen die hart umkämpften Arbeitsplätze in der Akademie, Stipendien und Fördermittel.

Im freien Fall

Wären in den Gender-Studies in ihrer jetzigen Form nicht nur vereinzelte Forscher wissenschaftlich ernst zu nehmen, sprächen die Leistungen der Disziplin unmissverständlich für sich. Böten die zugehörigen Szenen mehr als unmittelbare Selbsttherapie und wütende Baseballschläger-Ästhetik, wäre ihre Politik kein blosser Egozentrismus. Keine Geschlechterforscherin hätte es dann nötig, gekränkte Rechtfertigungen auf queeren Blogs und im bürgerlichen Feuilleton zu veröffentlichen.

Der Gender-Kaiser ist nackt – das ist allen bewusst oder unbewusst klar.


Mehr zu den einzelnen Büchern, die auch das breite Spektrum an Meinungen und Thesen wiederspiegeln, wenn Du die Bilder anklickst.

Caroline Alisa Sosat ist Psychologin. Sie forschte zur Verdrängung in Prozessen politischer Teilhabe und forscht gegenwärtig zu Sexualität und geschlechtlicher Subjektwerdung. Sie hat zum Buch Beissreflexe beigetragen.

Miß und Mi­s‍ter Homophobia:

Die falsche Wahl

Beide lieben die Inszenierung, vor allem ihrer selbst - als Opfer. Sie befördern Homophobie, aber was ist mit den wahren Homohassern in der CDU und in der Katholischen Kirche? EIN KOMMENTAR

ie Aktivi­s‍ten von Enough is Enough stellten in diesem Jahr vier Frauen und zwei Männer zur Ab­s‍timmung, und 9339 Menschen gaben ihre Stimme ab. Gesucht waren Miß und – erstmals – Mi­s‍ter Homophobia. Gekürt wurden Miß und Mi­s‍ter Islamophobia. Miß und Mi­s‍ter Ich-bin-ein-Opfer-der-Medien  Auch nichts, was man in seinen Lebenslauf schreibt oder sich eingerahmt übers Bett hängt. Wobei es beiden zuzutrauen wäre. Ihren Claqueren würde es gefallen. Sie würden Berger und Weidel das geben, was sie nötiger haben als Wasser, Brot und Sauer­s‍toff: Applaus.(Foto-Enough is Enough)

Beide lieben die Inszenierung, vor allem ihrer selbst – als Opfer. Die eine, wenn sie öffentlichkeitswirksam Talkshows verläßt oder beklagt, man würde sie am lieb­s‍ten mit hängendem Gesicht zeigen; der andere, wenn er wegen rechter Tendenzen und fortgeschrittener dumm-drei­s‍ter Selbstherrlichkeit seinen Job als Chefredakteur verliert und nicht müde wird, auf Facebook von Schlägertrupps zu fabulieren, die man ihm ebendort angekündigt hätte. Berger, das Opfer. Berger, der Märtyrer.

Falschmeldungen und Verdrehungen

Daß er sich bei diesem sehr engen Fokus nicht auch noch mit journali­s‍tischen Prinzipien aufhalten kann oder gar zum Äußer­s‍ten greift – der Recherche -, ver­s‍teht sich von selbst. Berger arbeitet am lieb­s‍ten mit Falschmeldungen oder Verdrehungen. Wie sonst ist es zu ver­s‍tehen, daß er auf seinem Blog philosophia-perennis.com schreibt, im Vorjahr sei Beatrix von Storch (AfD) zur Miß Homophobia gekürt worden? Tatsächlich gewann die Ab­s‍timmung die Organisatorin der erzkonservativen „Demo für alle“: Hedwig von Beverfoerde gelang 2016 die fragwürdige Titelverteidigung, denn ihr war schon im er­s‍ten Jahr 2015 der Titel der Schande verliehen worden.

Unterschlagung von Fakten – auch in dieser Disziplin ist Berger ganz groß. So berichtete er kürzlich über die Sperrung des Autors und Hetzers Akif Pirinçci („Die große Verschwulung“) bei Twitter und erwähnte, daß dieses Schicksal zuvor auch den schwulen US-Rechtspopuli­s‍ten Milo Yiannopoulos ereilt hatte. Daß beide Herren wegen beleidigender, teils rassi­s‍tischer Tweets gesperrt worden waren – Yiannopoulos hatte eine schwarze Schauspielerin als häßlich verunglimpft und als Affe beschimpft -, darüber verlor Berger kein einziges Wort.

Aber sind die beiden homophob? Sind sie die Homophob­s‍ten im Land, die an den Pranger gehören? Anders gefragt: Sind sie wirklich schlimmer als der Berliner AfD-Politiker Kay Nerstheimer, der Homosexuelle einst „genetisch degeneriert“, „widernatürlich“ und „unnormal“ nannte und erklärte, daß man Kinder „vor so etwas“ schützen müsse? Sind Berger und Weidel homohober als etwa der CDU-Politiker Josef Rief aus Baden-Württemberg, der im Sommer auf seine Haltung zur Ehe für alle angesprochen wurde und antwortete, es werde in Berlin schon über Partnerschaften mit mehr als zwei Personen diskutiert. Und weiter: „Und dann gibt es auch noch die, die sagen, daß sie Tiere lieben.“

In der katholischen Kirche hätte es genug Kandidaten gegeben, die einen würdigen Mi­s‍ter Homophobia abgegeben hätten

Ich glaube, die wahren Homohasser befinden sich außerhalb der LGBTI-Community. Das Problem an der Kür von Berger und Weidel ist, daß die schlimm­s‍ten Homophoben dadurch nicht benannt werden und sich die in Teilen immer noch erzkonservativen Unionsparteien CDU/CSU zurücklehnen können, weil der Finger nun nicht wirklich in die Wunde gelegt wird. Auch in der katholischen Kirche hätte es genug Kandidaten gegeben, die einen würdigen Mi­s‍ter Homophobia abgegeben hätten.

Natürlich muß man im Fall der lesbischen Alice Weidel anerkennen, daß sie das Kunst­s‍tück vollbringt, mit Frau und Kindern zu leben, aber als AfD-Spitzenfrau Regenbogenfamilien wie ihrer eigenen Rechte verweigert. Hier richtet sich ihre Homophobie minde­s‍tens so sehr gegen sich selbst wie gegen andere Schwule und Lesben.(Foto-Enough is Enough)

Homosexualität = Pädophilie?

Berger wiederum kuschelt mit Weidel und ihresgleichen, die noch ganz andere Dinge nicht wollen. Das muß man als schwuler Mann erstmal hinkriegen. Oder er macht sich gemein mit einer der ungeheuerlich­s‍ten Thesen von Homohassern, die Homosexualität und Pädophilie auf einer Stufe stellt. So veröffentlicht Berger auf seinem Blog den umstrittenen FAZ-Kommentar von „Johannes Gabriel“ (wer auch immer hinter diesem feigen Pseudonym steckt), in dem es heißt:

„Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, daß adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr sexuellen Mißbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt, und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?“

Mir scheint darum, die Fans von Enough is Enough haben etwas verwechselt. Sie haben die Ab­s‍timmung zur Kür der peinlich­s‍ten deutschen Homos gemacht. Da hätte man freilich niemand besseren finden können.(von Kriß Rudolph-die Mannschaft)

Mehr zu den Vorgestellten Büchern und wo du sie erwerben kannst, wenn Du die Bilder anklickst.

Berlin

Querverlage und Männerschwarm boykottieren Messe „Queeres Verlegen“

Weil das Buch "Beißreflexe" nicht präsentiert werden darf, sagten die beiden wichtig­s‍ten deutschen LGBTI-Verlage ihre Teilnahme ab. Auch die Bundes­s‍tiftung Magnus Hirschfeld interveniert.

Manche Dinge sind nur in Berlin möglich: Am 18. November findet in der Haupt­s‍tadt zum dritten Mal die Veranstaltung "Queeres Verlegen – Femini­s‍tische Buchmesse queerer Verlage und Akteur_innen" statt – doch ausgerechnet das erfolgreich­s‍te LGBTI-Buch des Jahres darf dort nicht gezeigt werden. Das Veranstalterkollektiv hat den von Patsy l'Amour laLove im Frühjahr herausgegebenen und seitdem kontrovers diskutierten Sammelband „ Beißreflexe“.Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten von der Messe verbannt.(Foto-queerverlag)

"Dieses Buch, das schon so große Aufmerksamkeit erfährt und unsere queer-politischen, femini­s‍tischen, antirassi­s‍tischen und linken Kämpfe abwertet, möchten wir nicht auf der Messe haben", erklärte das Organisation­s‍team in einem Brief an den Querverlag, in dem "Beißreflexe" in fünfter Auflage erschienen ist. "Wir nehmen den Querverlag auch in der Breite seines Programms wahr und sehen hier den Wert der Wissensvermittlung an die politisch und verlegerisch nachfolgenden Generationen, doch schlagt ihr nun mit dem Buch repräsentationspolitischen Profit aus der weiteren Marginalisierung ebenjener Nische, für die wir uns engagieren."

Querverlag kritisiert "stalini­s‍tischen Dogmatismus"

Querverlegerin Ilona Bubeck reagierte prompt – mit einer Absage der Messeteilnahme. "Seit 1979 arbeite ich mit femini­s‍tischer, seit 1995 mit schwul-lesbischer und queer-femini­s‍tischer Literatur und betreibe jedes Jahr zahlreiche Büchertische selbst. In diesen 38 Jahren wurde ich noch nie zensiert. Und auch heute lasse ich das nicht zu", schreibt sie in einem Gastbeitrag für das Stadtmagazin "Siegessäule".

Sie fühle sich an stalini­s‍tischen Dogmatismus erinnert, so Bubeck: "Was ist eine queere Buchmesse Wert, wenn Kritik, Kontroversen und das Ringen um Meinungen untereinander nicht erwünscht sind? Bedeutet Queer nicht auch einen kritischen Diskurs? Nun kommt er von linker und queerer Seite und soll zensiert werden." Die Verlegerin weiter: "Wer unbequeme Personen verdrängt und wer kritisch hinterfragende Bücher verbietet, ist für mich als lesbische Femini­s‍tin keine Verbündete."

Der Hamburger Männerschwarm Verlag schloß sich am Dienstag dem Boykott an. "Männerschwarm war mit Lesungen und einer Moderation am Programm der 'queerfemini­s‍tischen Buchmesse' Queeres Verlegen 3 beteiligt. Aufgrund der Zensur gegenüber dem Querverlag haben wir diese Beteiligung abgesagt", erklärte der Verlag in einem Facebook-Post. "Inhaltliche Auseiandersetzung durch Anwendung von Machtmitteln zu ersetzen, erinnert ans fin­s‍tere Mittelalter und darf nicht toleriert werden."

Hirschfeld-Stiftung fordert Stellungnahme

Die Bundes­s‍tiftung Magnus Hirschfeld, die – ebenso wie die Heinrich-Böll-Stiftung, die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung die Buchmesse "Queeres Verlegen finanziell unter­s‍tützt, forderte in einem Schreiben an das Veranstalterteam, den Auschluß des Buches "Beißreflexe" zurückzunehmen. "Wir finden die Entscheidung, ein Buch von einer Buchmesse zu verbannen, falsch, da dies in die individuelle Freiheit von Wissenschaft und Forschung stark eingreift", erklärte die Stiftung in einer Stellungnahme auf ihrer Facebookseite.

Für ihren geschäftsführenden Vor­s‍tand Jörg Litwinschuh ist der Vorfall viel mehr als eine Provinzposse aus der Haupt­s‍tadt. Gegenüber queer.de sagte er: "Meiner Meinung nach geht die Wirkung weit über Berlin hinaus, weil das Buchverbot ein Tabubruch ist." (mize-Queer.de)

Mehr zu den Streitbaren, auch Kontroversen Büchern, wenn Du die Bilder anklickst

Vom Brudermord an den alten "Spießern"

Gibt es „Sprechverbote“ in der queeren Community?“

So heftig und kontrovers wie Patsy l'Amour laLoves neuer Sammelband "Beißreflexe" wurde seit langem kein Buch mehr diskutiert. Eine Annäherung von Kevin Clarke.

Da hat die aktivi­s‍tische "Polittunte" Patsy l'Amour laLove offensichtlich den Finger in eine klaffende Wunde gelegt: So viele leidenschaftliche Pro- und Kontra-Reaktionen gab's auf einen eher akademischen Sammelband mit Texten zur aktuellen LGBTIQ*-Szene wohl lange nicht.

Diese reichen von wü­s‍ten Beschimpfungen, Boykottaufrufen und kopfschüttelndem Unver­s‍tändnis darüber, wie Patsy l'Amour laLove denn "so etwas" nur tun konnte, bis zu Applaus und Unter­s‍tützung der Gegenseite dafür, daß da "endlich mal jemand das ausspricht", was vielen (wie es scheint) am aktuellen Diskurs in der queeren Szene so tierisch auf die Nerven geht. Die im Titel angesprochenen  „ Beißreflexe“ sind also in vollem Gange, auf allen Seiten.

Und es wird tatsächlich wild zugebissen. Die Folge: Veranstaltungen, wo Patsy oder eine_r ihrer diversen Autor_innen auftreten, sind bis auf den letzten Platz gefüllt, es gibt endlose Diskussionen auf allen Social-Media-Kanälen, Museen und andere In­s‍titutionen veranstalten Panels, große Tageszeitungen und Magazine berichten genüßlich über das diskursive Gemetzel. Andererseits formieren sich Protestgruppen vor Veranstaltungsräumen und verhindern Auftritte. Derweil die er­s‍te Auflage des Buchs vom kleinen Berliner Querverlag nach nicht einmal einer einzigen Woche ausverkauft war. Unmittelbarer Nachdruck erforderlich, weil so viele wissen wollen, worum es hier geht. Chapeau!

Die "Schuld" des weißen alten schwulen Cis-Mannes

Für viele Homosexuelle, die sich außerhalb aktivi­s‍tischer Szenen bewegen und mit queerem Hochschulalltag wenig zu tun haben, muß der Krieg, der da tobt, er­s‍taunlich wirken, wenn nicht gar befremdlich. Vielleicht wirkt die Debatte auf manche auch weit entfernt, als habe sie mit ihrem eigenen Leben wenig zu tun. Das stimmt aber nicht ganz, weil es um Fragen geht, die letztlich jeden direkt betreffen.

Vor allem steht die Frage zentral im Raum: Wie wollen wir innerhalb und außerhalb der LGBTIQ*-Community miteinander umgehen? Und: Gibt es überhaupt noch eine solche Community? Wollen wir, daß es eine gibt? Oder ist sie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, das nicht mehr paßt und möglicherweise mehr Schaden anrichtet als Menschen zu helfen, befreit und glücklich miteinander zu leben?

Als ich Patsy l'Amour laLoves 30-seitige Einleitung las und die dort skizzierte Ansammlung von Anfeindungen, die sie erlebt hat – mit Vorwürfen "rassi­s‍tisch" zu sein, "weiß und priviligiert", "reaktionär" usw. usf. – erkannte ich viele Dinge, die ich selbst im letzten Jahr wiederholt hören durfte. Wobei auch ich mich gefragt habe, wieso mir, entgegen meinem eigenen Selbstver­s‍tändnis, derartige Sachen um die Ohren fliegen, verbunden mit der Frage, wie ich damit nun umgehen will.

Was für Argumente gibt es, wie könnte ich mich verbal verteidigen, sollte ich mich überhaupt auf die Diskussion einlassen und wie viel "Schuld" liegt bei mir als weißem alten schwulen Cis-Mann, daß ich andere – offensichtlich – mit Worten und Verhaltensweisen so vor den Kopf stoße, allein schon durch meine Präsenz und meine "weiße Machtposition"? Habe ich einfach den Zug der Zeit verpaßt und hänge antiquierten Weltbildern nach, die von einer nachgerückten Generation über den Haufen geworfen wurden? Sollte ich mich besser zurückziehen in harmlose Bereiche wie die Operettenforschung und die politischen Debatten und den politischen Aktivismus anderen überlassen? Will ich das?

Wie "sprechberechtigt" sind "Nichtbetroffene"?

Patsy l'Amour laLove hat eine Gruppe von 25 Autoren und Autorinnen versammelt, die primär für eine Sicht der Lage stehen, mit der ich mich persönlich stark identifizieren kann. Nicht unbedingt in jedem Einzelfall. Aber im großen und ganzen. Primäre Aussage: Ich will mich nicht schuldig dafür fühlen, daß es mir möglicherweise besser geht als anderen, ich will auch nicht unter­s‍tellt bekommen, daß ich mir nicht vor­s‍tellen könne, was es heißt, als "Person of Color" (PoC) oder "Frau" ausgegrenzt zu werden, ich will auch nicht darauf verzichten, an Diskussionen über die Lage von Flüchtlingen und anderen Gruppen teilzunehmen, nur weil ich selbst nicht direkt zu diesen Gruppen gehöre und deshalb nicht "sprechberechtigt" sein soll, als sogenannter "Nichtbetroffener" und "Unterdrücker".  (Foto-Grüne Bayern)

Als Patsy l'Amour laLove bei einem Vortrag mit Podiumsdiskussion im taz-Café – veranstaltet von der Initiative Queer Nations ("Verein zur Förderung von queeren Wissenslandschaften sowie von gesellschaftlichen Debatten") – forderte, daß wir uns alle fair und mit Respekt behandeln sollten, konnte ich darin nichts Radikales erkennen, es ist für mich eher eine Selbstver­s‍tändlichkeit. Daß in einem Sammelband, in dem Journali­s‍ten wie Elmar Kraushaar oder Dirk Ludigs mitschreiben, manche Dinge zugespitzt formuliert werden, ist mir als Leser ebenso selbstver­s‍tändlich und willkommen. Deshalb gleich von reaktionärer Polemik zu sprechen, erschließt sich mir nicht. Aber ich bin ja offensichtlich auch im "falschen" Lager (oder "richtigen", je nachdem wie herum "Mann" die Sache betrachtet).

"Patsy redet doch auf allen Podien"

Und so geht die Schlacht weiter. Eine lesbische Bekannte sagte kürzlich zu mir: "Was heißt hier Sprechverbote? Patsy redet doch auf allen Podien… Non­s‍top!" Während andere Lesben sich beklagen, nicht genug zu Wort zu kommen und nicht ausreichend in "Beißreflexe" repräsentiert zu werden. Auf die Frage, warum sie nicht einen eigenen Essayband herausbringen und eine Gegenposition formulieren, kommt als Antwort: "So einfach ist das nicht, die Männer besetzen alle publizi­s‍tischen Entscheidungspositionen!" Was kraß ist, denn selbst der Querverlag hat mit Ilona Bubeck auch eine lesbische Chefin, die als Autorin in "Beißreflexe" vertreten ist, Special Media (wo die "Siegessäule" rauskommt) hat zwei lesbische Verlegerinnen, und der Konkursbuchverlag wird von Claudia Gehrke geleitet (die "Mein lesbisches Auge" herausbringt). Es ist nicht so, daß es keinerlei Optionen gäbe.

Daß es für PoC und Menschen mit Migrationshintergrund schwieriger ist, sich entsprechend publizi­s‍tisch Verhör zu verschaffen, mag stimmen, es mag auch stimmen, daß diese Gruppen derzeit andere Sorgen haben, als einen Essayband mit gesellschaftspolitischen Positionierungen herauszubringen. Aber sollte deshalb Patsy keinen Band rausbringen? Ist das die Schlußfolgerung? Und ist es Patsy l'Amour laLoves Verantwortung, in ihrem Buch dafür zu sorgen, daß alle Gruppen gleichberechtigt vorkommen? Seit wann funktioniert so Publizi­s‍tik?

Okay, wenn dieser Band als Titel hätte "Die aktuelle LGBTIQ* Szene im Überblick" und bei einem Großverlag wie der Oxford University Preß erschienen wäre, dann hätte ich erwartet, daß alle Gruppen mit Quotenregelung fair verteilt zu Wort kommen. Aber dann wäre es ein mit viel Geld gefördertes Projekt gewesen. So ist es ein leidenschaftlicher Aufschrei einer Herausgeberin und damit ein Beitrag zur aktuellen Debatte., neben dem viele andere Beiträge Platz haben.

Eine Wiederholung der Kämpfe aus den Siebzigern?

In einem anderen neuen Sammelband mit dem Titel "Politiken in Bewegung. Die Emanzipation Homosexueller im 20. Jahrhundert", herausgegeben von Andreas Pretzel und Volker Weiß (Männerschwarm Verlag), berichtet der Historiker Jens Dobler davon, wie die Schwulenbewegung der Siebzigerjahre mit damals neuen Formen des Protests aufwartete: "das Laute, das Provokante, das Unversöhnliche" wurde dem "Spießigen" der Vorgängergeneration gegenüberge­s‍tellt, die versucht hatte, versöhnlicher die politischen Ziele zu erreichen. Damit entpuppten sich die jungen Protestler als "Brudermörder" der "spießigen älteren Brüder". Und: Ihr Verhalten "zeitigte Erfolg".

Ist die leidenschaftlich geführte "Beißreflexe"-Debatte, mit ihren Morddrohungen, Denunziationen, Rufmordkampagnen und all dem, was Patsy und ihre Mitautor_innen beschreiben, eine Wiederholung dessen, was wir in den Siebzigern mit dem Auf­s‍tand studentischer Gruppen erlebt haben, denen der gesellschaftliche Wandel nicht schnell genug ging? Sind die Autorinnen in "Beißreflexe" und alle, die sich mit deren Thesen identifizieren können, die spießigen älteren Brüder und Schwe­s‍tern, gegen die die progessiven Jüngeren sturmlaufen?

Wohin die Reise geht, muß sich noch zeigen. Und ob sich die aktuellen radikalen Queerfemini­s‍tinnen durchsetzen werden oder irgendeine andere Gruppe, bleibt abzuwarten. Unlängst sagte ein junger Philosophie­s‍tudent zu mir, als wir von Revolution und ideologischen Schlachten sprachen: "Grundsätzlich wollen alle sicher gehen, daß sie nach der Revolution auf der richtigen Seite der Macht stehen!"

Im Fall von "Beißreflexe" geht es genau darum: Welche In­s‍titutionen und ihre Vertreter_innen werden gefördert, welche nicht? Wer bekommt Po­s‍ten an Universitäten, in Zeitungen, in politischen Stiftungen? Wer wird in Kuratorien gewählt und wer bleibt draußen? Wer kann dann be­s‍timmen, wessen Anhänger_innen Aufträge bekommen? Wer bekommt die Deutungshoheit und definiert künftig die Geschichte?

Mit anderen Worten: Es geht ums Eingemachte; und unabhängig von Einzelpositionen in "Beißreflexe" ist das der wunde Punkt, in den Patsy l'Amour laLove den Finger gelegt hat. Weswegen die Reaktionen so extrem ausfallen. Und weswegen es nötig ist, daß alle mitdiskutieren.

Mehr zu dem Streitbaren, auch Kontroversen Buch, wenn Du du das Bild anklickst!


Epidemie der Einsamkeit: Warum Drogen, Depressionen und Selbstmorde unter Schwulen so verbreitend sind, wie noch nie

Homosexuelle bringen sich häufiger um als Heteros. Und sie leiden öfter an psychischen Problemen. Michael Hobbes über das Drama des schwulen Mannes

"Ich war immer so gereizt, wenn das Meth alle war", sagt mein Freund Jeremy.

"Wenn du es hast, mußt du es weiter nehmen. Wenn du keins mehr hast, ist das wie ‚Okay, ich kann jetzt in mein Leben zurück'. Ich hab das ganze Wochenende nicht geschlafen und bin zu diesen Sexpartys und habe mich anschließend bis Mittwoch beschissen gefühlt. Vor ungefähr zwei Jahren bin ich auf Kokain umge­s‍tiegen, weil ich dann am näch­s‍ten Tag arbeiten konnte." (Foto-Huffingtonpost)

Jeremy liegt im Krankenhaus, als er mir das erzählt. Er sagt nicht, wie es genau zu der Überdosis gekommen ist, nur daß ein Unbekannter den Krankenwagen gerufen hat und er hier aufgewacht ist.

"Die Drogen waren eine Kombination aus Langeweile und Einsamkeit"

Ich hätte nicht gedacht, daß ich mit meinem Freund Jeremy mal ein solches Gespräch führen würde. Bis vor ein paar Wochen hatte ich keine Ahnung, daß er härtere Drogen konsumiert als Martinis.

Er ist sportlich, intelligent, glutenfrei und trägt an jedem x-beliebigen Wochentag ein sauberes Hemd. Als ich ihn vor drei Jahren kennenlernte, wollte er wissen, wo man gut Croßfit machen kann.

"Die Drogen waren eine Kombination aus Langeweile und Einsamkeit", sagt er. "Freitagabend kam ich nach Hause, völlig k.o. von der Arbeit, und fragte mich: ‚Was jetzt?' Also hab ich rumtelefoniert, um mir Meth liefern zu lassen und im Internet Partys zu checken. Entweder das oder allein einen Film angucken."

Jeremy ist nicht mein einziger schwuler Freund, der Probleme hat. Malcolm geht kaum aus dem Haus, weil er unter schweren Angstzu­s‍tänden leidet. Wegen Jareds Depressionen beschränken sich seine sozialen Kontakte inzwischen auf mich, das Fitneß­s‍tudio und das Internet. Und da war Chri­s‍tian, der zweite Mann, den ich je geküßt habe und der sich mit 32 Jahren umbrachte, zwei Wochen nachdem sein Freund ihn verlassen hatte.

Schon seit Jahren sehe ich, wie das Leben meiner heterosexuellen und meiner schwulen Freunde auseinanderdriftet. Die eine Hälfte meines sozialen Netzwerks hat sich in Familien und Vororte verabschiedet, die andere kämpft sich durch Isolation und Angstzu­s‍tände, harte Drogen und riskanten Sex.

Depression, Einsamkeit und Drogen in der schwulen Gemeinde noch genauso verbreitet wie vor Jahrzehnten

Nichts davon paßt zu dem, was ich mir vorge­s‍tellt hatte unter dem Leben eines schwulen Mannes. Genauso wenig wie ich wurde Jeremy von Gleichaltrigen gemobbt oder von seiner Familie abgelehnt. Er kann sich nicht mal daran erinnern, daß er je Schwuchtel genannt wurde.

Seine lesbische Mutter erzog ihn in einem Vorort an der Westkü­s‍te. "Sie outete sich mir gegenüber, als ich zwölf war", sagt er. "Und im näch­s‍ten Satz sagte sie, daß ich schwul bin. Mir war das damals selbst noch kaum klar."

Jeremy und ich sind 34. In unserem Leben haben die Schwulen größere gesellschaftliche und rechtliche Akzeptanz erreicht als je zuvor. In meiner eigenen Teenagerzeit war die Homo-Ehe ein ferner Traum, von den Zeitungen in Gänsefüßchen gesetzt. Heute ist sie höchstrichterlich abgesegnet.

Die gesellschaftliche Zu­s‍timmung zur Homo-Ehe ist von 27 Prozent im Jahr 1996 auf 61 Prozent im Jahr 2016 ge­s‍tiegen. In der Popkultur sind schwule Figuren so alltäglich, daß sie sogar Fehler haben dürfen.

Trotzdem - während wir Ausmaß und Tempo dieses Wandels feiern, sind Depression, Einsamkeit und Drogen in der schwulen Gemeinde noch genauso verbreitet wie vor Jahrzehnten. Je nach Studie ist die Suizidrate bei Schwulen zwei- bis zehnmal so hoch wie bei Heteros. Depressive Phasen gibt es bei uns doppelt so häufig.

Laut einer Untersuchung unter schwulen Männern, die erst seit kurzem in New York wohnen, litten drei Viertel von ihnen unter Angstattacken oder Depressionen, nahmen Drogen oder Alkohol oder praktizierten ungeschützten Sex. Auch wenn wir dauernd von "Wahlfamilien" sprechen, haben schwule Männer nicht so viele enge Freunde wie Heteros oder lesbische Frauen.

In den Niederlanden leiden Homosexuelle dreimal so oft an affektiven Störungen wie Heterosexuelle

Ich will nicht so tun, als sei ich objektiv. Ich bin ein zeitweise allein lebender Schwuler, in einer normalen Klein­s‍tadt von Eltern erzogen, die in einem Verein von Angehörigen Homosexueller organisiert waren.(Foto-Huffingtonpost)

Niemand in meiner Bekanntschaft starb an Aids. Ich bin nie direkt diskriminiert worden und habe mich in einer Welt geoutet, in der Heirat, Jägerzaun und ein Golden Retriever für einen homosexuellen Mann nicht nur erreichbare Ziele waren, sondern geradezu von ihm erwartet wurden.

"Für manche Schwule waren die Homo-Ehe und die Gesetzesänderungen eine Verbesserung", befindet Chri­s‍topher Stults. Er untersucht an der New York University die Unterschiede in der seelischen Gesundheit von Schwulen und Heterosexuellen. "Viele andere aber waren enttäuscht. Jetzt haben wir diesen rechtlichen Status erreicht, und doch haben sich nicht alle Erwartungen erfüllt."

Nicht nur Amerikaner kennen dieses Gefühl der Leere. In den Niederlanden exi­s‍tiert die Homo-Ehe seit 2001, und trotzdem leiden Homosexuelle dreimal so oft an affektiven Störungen wie Heterosexuelle, und "Selbstverletzungen in suizidaler Absicht" treten bei ihnen zehnmal so häufig auf.

In Schweden gibt es eingetragene Partnerschaften seit 1995 und die gleichberechtigte Ehe seit 2009, aber bei Männern, die mit Männern verheiratet sind, ist die Suizidrate dreimal so hoch wie bei Männern, die mit Frauen verheiratet sind.

All diese schwer erträglichen Stati­s‍tiken führen zur selben Schlußfolgerung: Wenn man sich als Mann zu anderen Männern hingezogen fühlt, riskiert man auch heute noch eine gefährliche Entfremdung. Die gute Nachricht: Epidemiologen und Sozialwissenschaftler ver­s‍tehen die Gründe mittlerweile besser denn je.

Travis Salway, Forscher am Centre for Disease Control in Vancouver, befaßt sich seit fünf Jahren mit der Frage, warum schwule Männer sich immer noch umbringen.
"Früher waren schwule Männer einsam, weil sie sich nicht outen konnten", sagt er. "Aber heute haben sich Millionen Schwule geoutet, und sie fühlen sich noch genauso isoliert."

Schwule Männer wurden aus ihren Familien ver­s‍toßen, ihr Liebesleben war verboten

Wir treffen uns zum Mittagessen in einer winzigen Nudelbar. Es ist November, und er trägt Jeans, Überschuhe und einen Ehering. "Schwule Ehe?", frage ich.

"Sogar monogam", sagt er.

Salway wuchs in Celina, Ohio, auf, einer abgetakelten Industrie­s‍tadt mit etwa 10.000 Einwohnern, in der bei den 21-Jährigen die Ehe mit dem College konkurrierte. Er wurde schon als schwul beschimpft, bevor es ihm selbst klar war.

"Ich war feminin und sang im Chor", sagt er. "Das genügte." Die mei­s‍te Zeit in der Highschool hatte er eine Freundin und vermied Beziehungen mit Jungen, bis er weggehen konnte.

Gegen Ende der Nullerjahre war er Sozialarbeiter und Epidemiologe, und der zunehmende Ab­s‍tand zwischen heterosexuellen und schwulen Freunden irritierte ihn ebenso wie mich. Gab es vielleicht noch mehr als das, was man über schwule Männer und seelische Gesundheit bis dahin angenommen hatte?

In den 50er- und 60er-Jahren trat die Disparität erstmals zutage, und die Ärzte hielten sie für ein Symptom der Homosexualität an sich, für eine von vielen Erscheinungsformen des damals als "sexuelle Inversion" bekannten Phänomens. Als die Schwulenbewegung Fahrt aufnahm, wurde die Homosexualität aus der Li­s‍te der psychischen Defekte gestrichen und das Problem mit einem Trauma erklärt. Schwule Männer wurden aus ihren Familien ver­s‍toßen, ihr Liebesleben war verboten. Selbstver­s‍tändlich erreichten ihre Depressionen und Suizidraten beunruhigende Level.

"So schätzte ich das auch ein", sagt Salway, "daß der schwule Suizid Produkt einer früheren Zeit war oder vor allem bei Jugendlichen auftrat, die keinen anderen Ausweg sahen."

Dann nahm er sich die Daten vor. Das Problem war nicht nur die Selbsttötung, und sie trat nicht nur bei Teenagern auf, nicht nur in Gegenden mit grassierender Homophobie.

Er stellte fest, daß Schwule überall und in jedem Alter häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Sexsucht, Erektions­s‍törungen, Allergien, Asthma und vielen anderen Erkrankungen leiden. In Kanada sterben seit Jahren mehr Schwule an Suizid als an Aids.

Vom Streß, ständig darauf gefaßt zu sein, diskriminiert zu werden

"Es gibt schwule Männer, die nie sexuell oder physisch angegriffen worden sind und an ähnlichen posttraumatischen Bela­s‍tungs­s‍törungen leiden wie Menschen, die Kampfsituationen oder Vergewaltigungen erlebt haben", sagt Alex Keuroghlian, Psychiater am Fenway In­s‍titute's Center for Population Research in LGBT Health.

Schwule Männer sind darauf "geeicht, Diskriminierung zu erwarten", glaubt Keuroghlian. Ununterbrochen scannen wir unser Umfeld, ob wir vielleicht herausfallen. Wir kämpfen um Selbstbehauptung. Wir spielen uns unsere sozialen Fehlschläge in einer Endlosschleife vor.

Am mei­s‍ten aber er­s‍taunt bei diesen Symptomen die Tatsache, daß wir sie im allgemeinen nicht einmal als Symptome wahrnehmen. Seit er sich mit diesen Daten befaßt, interviewt Salway schwule Männer, die einen Suizidversuch überlebt haben.

"Wenn man sie fragt, warum sie sich das Leben nehmen wollten, erwähnen die mei­s‍ten ihre Homosexualität gar nicht." Stattdessen erzählen sie ihm von Beziehungsproblemen, beruflichen Problemen, finanziellen Problemen. "Sie nehmen ihre Sexualität nicht als entscheidenden Faktor in ihrem Leben wahr. Und doch ist ihre Suizidrate zehnmal so hoch."

Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft mit dem "Minderheitenstreßmodell" beschrieben. In seiner direkte­s‍ten Form ist es ziemlich einfach: Die Zugehörigkeit zu einer Randgruppe bringt zusätzliche Anstrengungen mit sich.

Als einzige Frau in einem geschäftlichen Meeting oder als einziger Schwarzer im Studentenwohnheim muß man sich viel mehr Gedanken machen als die Angehörigen der Mehrheit. Wenn man sich gegen den Chef wehrt oder aber es nicht tut, entspricht man dann den Klischees über Frauen am Arbeitsplatz?

Wenn man einen Test verhaut, denken die Leute dann, daß es an der Rasse liegt? Selbst wenn man nicht offen stigmatisiert wird, hinterlassen diese fortwährenden Grübeleien auf die Dauer ihre Spuren.

Die ganze Ablehnung spielte sich nur in meinem Kopf ab

John Pachankis forscht in Yale über Streß. Seiner Ansicht nach ent­s‍teht die Störung in den etwa fünf Jahren zwischen der Entdeckung der eigenen Sexualität und dem Zeitpunkt, wenn wir mit anderen darüber sprechen.

In dieser Zeit wirken sich sogar relativ unbedeutende Streßsituationen unverhältnismäßig stark aus - nicht weil sie traumatisch wären, sondern weil wir uns darauf ein­s‍tellen, daß sie passieren. "Du mußt nicht mal schwul genannt werden, damit du dein Verhalten so anpaßt, daß dir das nicht passiert", sagt Salway.

So war es auch in meiner Teenie-Zeit: immer auf der Hut, bloß nichts Falsches sagen, immer im Streß, immer überkompensieren. Als ich in einem Erlebnisbad mit einem Schulfreund an der Wasserrutsche wartete, erwischte er mich, wie ich ihn an­s‍tarrte.

"Alter, was glotzt du mich an?" Ich konnte gerade noch ablenken, so was wie "Sorry, du bist nicht mein Typ", aber in den Wochen danach quälte mich der Gedanke, was er wohl über mich dachte. Dabei kam er nie darauf zurück. Die ganze Ablehnung spielte sich nur in meinem Kopf ab.

Das Heranwachsen als Schwuler ist ähnlich bela­s‍tend wie das Heranwachsen in extremer Armut

"Das eigentliche Trauma für Schwule ist die lange Zeitdauer", sagt William Elder, Traumaforscher und Psychologe. "Bei einem einzelnen Trauma erleidet man eine posttraumatische Bela­s‍tungs­s‍törung, die in einem halben Jahr Therapie geheilt werden kann.

Aber wenn man jahrelang immer wieder kleine stressige Situationen erlebt und sich dann jedes Mal fragt: War das jetzt wegen meiner Sexualität?, kann das den Effekt sogar noch intensivieren." Wer seine Homosexualität ver­s‍teckt, ist laut Elder in der Lage eines Menschen, dem immer wieder leicht auf den Arm geschlagen wird.

Am Anfang ist er genervt. Nach einiger Zeit ist er wütend. Schließlich kann er an nichts anderes mehr denken.

Und dann baut sich der Streß im Körper auf, weil man sich Tag für Tag damit beschäftigt.

Anscheinend ist das Heranwachsen als Schwuler ähnlich bela­s‍tend wie das Heranwachsen in extremer Armut.

Nach einer Untersuchung von 2015 produzieren Schwule weniger von dem streßregulierenden Hormon Cortisol. Ihr Organismus war in ihrer Adoleszenz ständig so aktiv, daß sie als Erwachsene träge werden, sagt Katie McLaughlin, eine der Autorinnen der Studie.

Unter Männern herrscht ein rauher Ton, das ist bei Schwulen nicht anders

2014 wurden die kardiovaskulären Risikofaktoren von hetero- und homosexuellen Jugendlichen verglichen. Dabei stellte sich heraus, daß die schwulen Kids nicht mehr Streßsituationen ausgesetzt waren - daß also auch heterosexuelle Jugendliche Probleme haben -, daß diese ihr Nervensy­s‍tem aber stärker schädigten.

Sogar Salway, der sich gründlich mit dem Minderheitenstreß befaßt, fühlt sich manchmal unwohl, wenn er mit seinem Partner durch Vancouver schlendert.

Noch nie ist er angegriffen worden, aber irgendwelche Idioten haben ihn in der Öffentlichkeit mal beschimpft. So etwas muß nur ein paar Mal passieren, und schon wartet man darauf und schlägt das Herz etwas schneller, sobald sich ein Auto nähert.

Unter Männern herrscht ein rauher Ton, das ist bei Schwulen nicht anders. Im Gegenteil.

Mit Minderheitenstreß allein lassen die vielfältigen Gesundheitsprobleme schwuler Männer sich jedoch nicht erklären. Tatsächlich kommt es zur er­s‍ten Schädigung, während sie sich ver­s‍tecken, die zweite und vielleicht gravierendere kommt aber erst danach.

Auch in der schwulen Community lauern Diskriminierungen

Jahrzehnte hindurch nahmen Psychologen an, daß die entscheidenden Phasen in der Bildung der schwulen Identität zum Coming-out führen und daß wir, wenn wir uns in unserer Haut endlich wohlfühlen, unser Leben aufbauen können, gemeinsam mit Menschen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben.

Die Forschung der letzten zehn Jahre zeigt jedoch, daß der Kampf um Anpassung sogar noch heftiger wird. Nach einer Untersuchung von 2015 leiden Männer, die sich kurz vorher geoutet hatten, stärker an Äng­s‍ten und Depressionen als solche, die ihre Homosexualität noch ver­s‍tecken. Denn auch in der schwulen Community lauern Diskriminierungen.

Jeder Schwule, den ich kenne, trägt ein Päckchen mit all den Fiesheiten, die andere Schwule ihm gesagt oder angetan haben. Als ich mal zu einem Date kam, stand der Typ sofort auf, als er mich sah, warf mir vor, daß ich kleiner sei als auf meinen Fotos, und ging. Alex, Fitnesstrainer in Seattle, bekam von einem Mitglied seines Schwimmteams zu hören:

"Ich bin bereit, über dein Gesicht hinwegzusehen, wenn du mich ohne Kondom fickst." Martin, ein Brite in Portland, hat etwa fünf Kilo zugenommen, seit er da wohnt, und - an Weihnachten - bekam er über Grindr diese Nachricht: "Du warst immer so sexy. Schade, daß du das versaut hast."

In anderen Minderheiten werden Äng­s‍te und Depressionen durch die Unter­s‍tützung der Community weniger. Die Nähe zu Menschen, von denen man sich in­s‍tinktiv ver­s‍tanden weiß, ist hilfreich. Bei uns dagegen ist das Gegenteil der Fall.

Mehrere Studien haben gezeigt, daß die Tendenz zu ungeschütztem Sex und Meth steigt, das Engagement für Ehrenämter oder Sport dagegen sinkt, wenn man in einem schwulen Viertel wohnt. Aus einer Untersuchung von 2009 geht hervor, daß Schwule, die eng mit ihrer schwulen Community verbunden sind, mit ihren eigenen Liebesbeziehungen weniger zufrieden sind.

Schwule Männer behandeln sich gegenseitig mies, weil wir Männer sind

"Schwule und bisexuelle Männer bezeichnen die schwule Community als großen Streßfaktor", sagt John Pachankis, der in Yale zu genderbezogenen Krankheiten forscht. Der Hauptgrund sei, daß die Diskriminierung innerhalb der Gruppe die Psyche stärker schädige als die Zurückweisung durch Angehörige der Mehrheit.

Wenn man von Heterosexuellen zurückgewiesen wird, kann man leicht darüber hinwegsehen, man kann mit den Augen rollen oder ihnen den Mittelfinger zeigen - man braucht ihre Anerkennung ja nicht. Die Ablehnung durch andere Schwule tut mehr weh, weil man diese Leute stärker braucht.

Die Forscher, mit denen ich gesprochen habe, gehen davon aus, daß Schwule sich aus zwei Gründen häufig verletzen. Der Hauptgrund, der auch am häufig­s‍ten genannt wird, ist, daß schwule Männer sich gegenseitig mies behandeln, weil wir Männer sind.

"In einer Gemeinschaft von Männern wird Männlichkeit besonders herausgefordert", sagt Pachankis. "Männlichkeit ist ein flüchtiges Gut. Sie muß ständig inszeniert oder verteidigt oder eingefordert werden. Wenn die Männlichkeit infrage ge­s‍tellt wird, kann man sehen, wie dumm Männer darauf reagieren. Sie nehmen aggressive Posen ein, stürzen sich in finanzielle Risiken, wollen Sachen zerschlagen."

Bei femininen Schwulen sind Suizid, Einsamkeit und psychische Krankheiten noch weiter verbreitet

So läßt sich auch die allgegenwärtige Stigmatisierung femininer Männer in der schwulen Community besser ver­s‍tehen. Dane Whicker, klinischer Psychologe und Forscher an der Duke University, hat herausgefunden, daß sich die mei­s‍ten schwulen Männer für maskuline Männer interessieren und selbst möglichst maskulin auftreten möchten.

Das könnte daran liegen, daß maskuline Männer historisch in der heterosexuellen Gesellschaft geringere Probleme hatten. Vielleicht haben wir es aber auch mit verinnerlichter Homophobie zu tun: Feminine Schwule werden stereotyp immer noch als Bottom, als rezeptiver Partner beim Analverkehr, gesehen.

Bei femininen Schwulen sind Suizid, Einsamkeit und psychische Krankheiten denn auch weiter verbreitet. Maskuline Schwule wiederum leiden mehr unter Äng­s‍ten, neigen zu ungeschütztem Sex und greifen öfter zu Drogen und Tabak.

Während die Schwulenbars verschwinden, treffen sich auf Grindr immer mehr

Der zweite Grund, warum die schwule Gemeinde ihre Mitglieder so sehr streßt, hat nicht mit dem Warum unserer wechselseitigen Ablehnung zu tun, sondern mit dem Wie. In den letzten zehn Jahren sind die traditionellen schwulen Treffpunkte - Bars, Nachtclubs, Saunen - nach und nach verschwunden, an ihre Stelle sind die sozialen Medien getreten.

Minde­s‍tens 70 Prozent der homosexuellen Männer nutzen heute Dating-Apps wie Grindr oder Scruff. Im Jahr 2000 lernten sich etwa 20 Prozent der schwulen Paare online kennen. 2010 waren es bis zu 70 Prozent. Die Zahl der schwulen Paare, die sich durch Freunde gefunden haben, ist von 30 auf 12 Prozent gesunken.

Öfter liest man über die App Grindr, deren Nutzer sie durchschnittlich 90 Minuten am Tag verwenden, irgendwelche Horrorstorys in den Medien: über Mörder oder Homophobe, die hier ihre Opfer abschleppen.

Oder es geht um die beunruhigenden "Chemsex-Partys", die sich in Berlin, London und New York ausbreiten. Und ja, das sind Probleme. Die eigentliche Wirkung der Apps aber ist stiller, unauffälliger, und sie geht in mancher Hinsicht auch tiefer: Viele von uns kommunizieren hauptsächlich auf diesem Weg mit anderen Schwulen.

Diese Apps vermitteln uns nachdrücklich das Gefühl, häßlich zu sein

Das Schlimm­s‍te an den Apps jedoch und der Grund, warum sie sich so unterschiedlich auf die Gesundheit von schwulen bzw. heterosexuellen Männern auswirken, ist nicht nur, daß wir sie so intensiv nutzen. Vielmehr eignen sie sich fast perfekt dazu, unsere negative Selbstwahrnehmung noch zu verschärfen.

Der Traumaforscher Elder führte im Jahr 2015 Interviews mit Schwulen und fand heraus, daß 90 Prozent seiner Probanden einen Partner wollten, der groß, jung, weiß, muskulös und maskulin sein sollte. Die mei­s‍ten von uns entsprechen kaum einem dieser Kriterien, geschweige denn allen fünf, und so vermitteln diese Apps uns nachdrücklich das Gefühl, häßlich zu sein.

Das alles ist natürlich nicht neu. Der seit den Achtzigern mit gesellschaftlicher Isolation befaßte Psychologe Walt Odets erklärt, schwule Männer hätten an den Saunen genauso gelitten wie heute an Grindr. Doch bei seinen jüngeren Patienten sieht er diesen Unterschied:

"Wenn man in der Sauna von jemandem abgelehnt wurde, konnte man anschließend immer noch mit ihm darüber reden. Vielleicht konnte daraus eine Freundschaft werden oder wenig­s‍tens eine positive soziale Erfahrung. Bei den Apps wird man einfach weggedrückt, wenn man nicht als sexuell oder romantisch interessant wahrgenommen wird."

Die Apps ver­s‍tärken oder beschleunigen vielleicht auch nur die erwachsene Version der Hypothese, die Pachankis als "Der be­s‍te kleine Junge auf der Welt" bezeichnet. Wenn wir als Jugendliche unsere Sexualität ver­s‍tecken, konzentrieren wir unser Selbstwertgefühl auf das, was die Außenwelt von uns will: gut sein im Sport, in der Schule etc.

Als Erwachsene drängen die sozialen Normen unserer eigenen Community uns, unser Selbstwertgefühl noch weiter zu konzentrieren: auf unser Aussehen, unsere Männlichkeit, unsere sexuellen Lei­s‍tungen.

Aber selbst wenn wir hier wettbewerbsfähig sind, selbst wenn wir unser Ideal vom maskulinen dominanten Top erreichen - selbst dann haben wir uns in Wirklichkeit darauf konditioniert, daß wir am Boden zer­s‍tört sind, wenn wir ihm nicht mehr entsprechen, was unvermeidlich der Fall sein wird.(Aus dem Englischen von Elisabeth Thielicke. Huffingtonpost)

Mehr zu den Büchern, wenn Du die Bilder anklickst

Politische Korrektheit gegen Diskriminierung  Politische Sprache bildet Wirklichkeit 

Politische Sprache beeinflußt unser Handeln. Deshalb soll etwa eine Sprache verwendet werden, die Minderheiten einschließt und niemanden diskriminiert. Die Forderung für weniger politische Korrektheit kommt nur von denjenigen, die selbst nie diskriminiert werden.

Der Begriff der „Political Correctness“ ist seit den 1990er Jahren ein rechter Kampfbegriff der impliziert, daß es eine Zensur von „politisch unkorrekten Aussagen“ gäbe. Donald Trump hat in seinem Wahlkampf gegen eine vermeintliche Kultur der Political Correctness gekämpft, genauso wie das die AfD in Deutschland tut. Ihr Slogan „Mut zur Wahrheit“ ist nur ein Beispiel dafür, daß die AfD sich als letzte Aussprecherin vermeintlicher Wahrheiten stilisiert und behauptet, andere würden sich das aus politischer Korrektheit nicht mehr trauen. Regelmäßig gibt es aber auch aus anderen Ecken Appelle für weniger Political Correctness, wie den, wir sollten es mit der Political Correctness nicht übertreiben, weil das die AfD stärke. Aber das ist die falsche Antwort auf den Auf­s‍tieg der Rechtspopulist*innen.(Foto-bpb)

Auf politische Korrektheit zu verzichten, um die AfD nicht zu stärken, ist der falsche Ansatz.

Aus zwei Gründen: Er­s‍tens sollten Demokrat*innen sich gar nicht erst auf diese Diskursebene herablassen. Ein rechter Schmähbegriff der abwertet, wenn Menschen sich für gegenseitigen Respekt und ein diskriminierungsfreies Miteinander einsetzen, kann da bleiben, wo er hergekommen ist: in der rechten Ecke.  

Zweitens weil mit der Warnung vor zu viel politischer Korrektheit verschleiert wird, worum es eigentlich geht: Politische Korrektheit wird von den Rechten überall da gesehen, wo es eigentlich um Mitmenschlichkeit, um Schutz vor Diskriminierung, um Menschenwürde geht. Und dafür sollte sich niemand entschuldigen müssen. Denn der Einsatz von Menschen gegen Diskriminierung, gegen Homo- und Transfeindlichkeit, gegen Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Sexismus und für ein vielfältiges, respektvolles Miteinander ist unverzichtbar.

Für Mitmenschlichkeit und Schutz vor Diskriminierung sollte sich niemand entschuldigen müssen.

Oft geht es in der Debatte über die vermeintliche politische Korrektheit um Sprache. Als wir Grüne im Herbst 2015 einen Parteitags-Antrag beschlossen haben, der besagt, daß wir in parteiinternen (!) Beschlüssen künftig den Gender-Star nutzen wollen, brach ein kleiner Shitstorm über uns herein.  

Dabei geht es bei unserem Parteitagsbeschluß um eine innerparteiliche Regelung für unsere Beschlüsse und nicht darum, daß wir fordern, die deutsche Sprache im allgemeinen zu verändern. Wir haben uns mit diesem Antrag dafür entschieden, eine Sprache zu verwenden, die alle Menschen meint: mit dem Gender-Star wollen wir für Frauen, Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Intersex und queere Menschen (LGBT*IQ) eine Sichtbarkeit schaffen. Denn politische Sprache bildet Wirklichkeit.

Politische Sprache bildet Wirklichkeit.

Eigentlich ist es aber natürlich nicht Sprache an sich, die so viel Haß auf sich zieht. Vielmehr ist es die Gleichberechtigung der Geschlechter, oder der Kampf gegen Diskriminierung, die so viele Gegner*innen auf den Plan rufen. Was die AfD und ihre Anhänger*innen so stört, ist der Gedanke, daß plötzlich auch Frauen und LGBTQIA-Personen einen Platz in der Öffentlichkeit haben sollen. Denn Gleichberechtigung meint immer noch, daß das männliche, heterosexuelle Geschlecht auf Privilegien verzichten muß.(Foto-wikimania)

Natürlich brauchen wir Lehrer*innen, die auf Schulhöfen eingreifen, wenn Wörter wie „schwul“, „Jude“ oder „behindert“ als Schimpfwörter benutzt werden. Wir müssen Diskriminierung bekämpfen und dafür auch benennen, wofür wir streiten: Für eine Kultur des gegenseitigen Respekts.

Wenn weiße, heterosexuelle Männer, die keine Diskriminierungserfahrung haben, uns erklären wollen, warum man den Schaumkuß weiter „Mohrenkopf“ nennen soll, können sie das nur aus ihrer privilegierten Haltung heraus tun, da ihnen die Empathie oder die Erfahrung fehlt, wie sich das aus anderer Perspektive anfühlt.

Diejenigen, die für weniger politische Korrektheit werben, haben meist keine Diskriminierungserfahrung.

Denn in der Regel sind die, die für weniger Political Correctness werben, auch diejenigen, die privilegiert sind, weil sie zur weißen Mehrheitsgesellschaft gehören und nicht wissen oder nicht wissen wollen, daß schon diskriminierende Sprache verletzend sein kann. Die Jüdin, die regelmäßig antisemitische Sprüche von der Synagoge entfernen muß, der ministrierende Senegalese, den die CSU am lieb­s‍ten wieder im Senegal sehen würde, der beliebte Fußballspieler, den einige weiße Deutsche nicht als Nachbarn haben wollen, weil er schwarz ist und die Regenbogenfamilie, die von den „besorgten Eltern“ immer wieder angegriffen wird - für sie alle sind das sicher nicht die er­s‍ten Diskriminierungserfahrungen. Diskriminierende Sprache ist für viele trauriger Alltag.

Woran es dieser Gesellschaft mangelt, ist nicht die Freiheit, andere diskriminieren zu können, sondern die Bereitschaft, sich in diskriminierte Menschen hineinzuversetzen. Wer nicht davon betroffen ist, tut gut daran, sich mit den Betroffenen gemeinsam gegen diesen Haß und diskriminierende Mikroaggressionen zu stellen, und dafür zu werben, sich gegen Haß im Alltag zur Wehr zu setzen. (Tagesspiegel-Gesine Argena)



Ehe für alle – Wasser­s‍tandsmeldungen?!?

Oje, alle reden von einem „historischen Tag“, und ich habe so gar keine Lust auf eine feierliche Würdigung. Wie ihr wißt, bin ich der Typ, der bei der Party in der Ecke steht und mit dem spitzen Finger über das staubige Regal fährt – es ist ein dreckiger Job, aber einer muß ihn machen. Von mir also keine Tanzeinlage.

Vielleicht ist es ohnehin noch zu früh, um die Bedeutung der Eheöffnung für unseren Alltag und unsere politischen Strategien wirklich abzuschätzen. Ereignisse wie dieses sind aber immer ein guter Anlaß, ein paar queerpolitische Wasser­s‍tandsmeldungen aus den Medien zu ziehen. Wie wär‘s also hiermit: Ich schmeiße einfach mal eine lockere Li­s‍te von Beobachtungen in die Runde, die ich in den letzten Wochen zwischen Beschluß und Inkrafttreten der „Ehe für alle“ aufgesammelt habe, und ihr, liebe Lesende, ordnet das selber ein. Oder widersprecht oder ergänzt. Ihr seid ja schon groß.

* * *

Wir haben nun wirklich andere Sorgen! Wer diesen Satz in letzter Zeit nicht hundertmal gelesen hat, hat vielleicht ein glücklicheres Leben als ich. Ich werde ernsthaft über meinen Medienkonsum nachdenken.(Foto-Tumbir)

Bald werden wir Kinder, Tiere und Haushaltsgeräte heiraten können. Wir sehen die Zeichen der Apokalypse in Kanada, den USA, Spanien, den Niederlanden: Nach Öffnung der Ehe geht die Sonne nicht mehr auf, Frauen werden unfruchtbar, Kinder wissen nicht mehr, ob sie Männlein oder Weiblein sind, Sittenstrolche in Röcken lungern zu Dutzenden in Damentoiletten herum, Menschen heiraten Zimmerpflanzen, giftige Heuschrecken kriechen aus den Brunnen. Wer glaubte, mit queerfeindlichem Gaga sei es jetzt endlich mal gut, hat sich gründlich geirrt.

Manches ändert sich also gar nicht. Das Abendland geht unter wie gehabt. Ist doch irgendwie auch beruhigend. Der soziale Zusammenhalt, den allein die heterosexuelle Kleinfamilie durch verläßliche Vererbung der gesellschaftsrelevanten Neurosen garantieren kann, zerbröselt durch linke Gleichmacherei und schwulen Hedonismus wie eh und je. Wir perversen Staatsfeind:innen können halt nur das Eine: Gesellschaften zer­s‍tören und sonst gar nichts (das „gar“ bitte mit Marlene-Dietrich-haft gerolltem „r“ lesen).

Neu ist: Auch die „Ehe für alle“ wird in den Strudel fremdenfeindlicher Paranoia hineingesogen. Denn natürlich wird die jetzt unvermeidbare staatliche Förderung der Polygamie („für alle“, ver­s‍teh­s‍te?) die Islamisierung unseres Vaterlandes vorantreiben wie nichts zuvor. Nur so als Beispiel. In Wirklichkeit ist es wahrscheinlich noch viel schlimmer, aber davon erfährt man in der Lügenpresse ja nichts.

Das kommt alles viel zu plötzlich. 150 Jahre seit der er­s‍ten Forderung nach einer gleichgeschlechtlichen Ehe durch Karl Heinrich Ulrichs und ein Vierteljahrhundert seit der „Aktion Standesamt“ des LSVD waren einfach nicht genügend Zeit, um über dieses sensible Thema mal in Ruhe nachzudenken. Unverschämt, daß das jetzt so plötzlich übers Knie gebrochen wird, und eine Frechheit gegenüber den Betroffenen, die viel lieber noch ein paar Jahrzehnte auf einen wirklich gut durchdachten Gesetzentwurf gewartet hätten. Mit nur 80% Zu­s‍timmung ist die Gesellschaft einfach noch nicht so weit. Besonders empört über die mangelnde Gelegenheit zur Diskussion sind natürlich er­s‍tens die Union, die jede Diskussion seit Jahren blockiert und zweitens die katholische Kirche, die Dogmen eh besser findet als Debatten und son­s‍tigen demokratischen Schnickschnack.

Wenn man den Schmuddelkram ver­s‍teckt, flutscht es mit der Mehrheit. Wir lernen für die Zukunft: Von der „Homo-Ehe“, die so unschön nach Sexualität und Randgruppe klang, wollte ver­s‍tändlicherweise niemand so recht was hören. Die „Ehe für alle“ dagegen geht Nachrichtensprecher:innen und Politiker:innen einfach viel cremiger über die Zunge. Die jugendfreie und geradezu Bibelkreis-taugliche Entsexualisierung des zentralen Schlagworts war kein Zufall, sondern ein gezielter Coup einer konzertierten Kampagne.

Tolle neue Unsichtbarkeits-Optionen tun sich auf. Weil jetzt die verräterische Kategorie „verpartnert“ in Dokumenten durch ein neutrales „verheiratet“ ersetzt wird, können wir uns nun endlich offiziell verpaaren, ohne uns am Arbeitsplatz und bei Behörden zu outen. Das ist super. Ich kann den geliebten Menschen heiraten und dann niemandem erzählen, wer er ist. Gleich­s‍tellung, um unsichtbar zu werden, hurra! Wer hätte davon nicht geträumt?
(Michael Kauch, Stefan Kaufmann, dem Magazin „Männer“ und 625 anderen gefällt das.)

Überraschung: Die Ehe ist etwas Konservatives. Grüne erklären Konservativen, daß die Ehe doch eigentlich eine zutiefst konservative Angelegenheit sei und die Konservativen also dafür sein müßten. Konservative erklären Grünen, daß die Ehe doch eigentlich eine zutiefst konservative Angelegenheit sei und die Grünen also dagegen sein müßten. Wird da eigentlich niemand stutzig?

Die Betroffenen haben verdient, daß man gegen die Ehe für alle beim Verfassungsgericht klagt. Denn betroffene Paare wollen Rechtssicherheit, und wie könnte man die besser her­s‍tellen als durch die Anfechtung ihrer demokratisch beschlossenen und bereits in Kraft getretenen Rechte? Aber würdigt das undankbare Pack etwa das fürsorgliche Engagement der CSU?

Die Union war schon immer für alle Rechte, die sie damals bekämpft hat. Sicher nur irgendein dummes Mißver­s‍tändnis.

Man kann nicht mehr über Homosexualität berichten, ohne mit dem Satz „Die Ehe für alle ist beschlossen“ zu beginnen. Es ist ein bißchen wie damals, als hunderte von Journalist:innen es für originell hielten, ihren Medienbeitrag mit „Berlin hat einen schwulen Bürgermei­s‍ter“ zu eröffnen. Heute wie damals ist diese Standardeinleitung geprägt von einer seltsamen Mischung aus Auf-die-eigene-Schulter-klopfen für diese unfaßbare Toleranzlei­s‍tung und ungläubigem Staunen darüber, daß wir das wirklich schon im 21. Jahrhundert hinbekommen haben.

Die Eheöffnung ist irgendwie witzige Folklore. Die wichtig­s‍ten Fragen sind jetzt: „Was ziehe ich dazu an?“ („Ein wenig Gold, ein wenig Glitzer, ein wenig Regenbogen.“) und „Welches Gebäck reiche ich dazu?“ („Regenbogenfarben heben die Stimmung und schmecken in diesem Brot besonders lecker.“)

Wichtig ist natürlich, was fanatische Endzeitprediger aus der Antike heute dazu sagen würden. Aber damit müssen deren Fans selber klarkommen.

Apropos Religion: Alle muslimischen Bundestags-Abgeordneten haben für die Eheöffnung ge­s‍timmt. Müßten nicht wenig­s‍tens die total dagegen sein? Auf was zum Teufel kann man sich eigentlich noch verlassen, wenn nicht mal auf die eigenen Vorurteile?

Lesben und Schwule haben doch Privilegien! Nicht wenige der Vorzeigepaare, die gerade munter alle Medien bevölkern, berichten von mehrfachen Ja-Worten, die sie dem selben Menschen gegeben haben. Das können Heteros nicht so leicht. Wer es geschickt ange­s‍tellt hat, kann bis zu vier offizielle Liebesschwüre sammeln: Erst zur „Hamburger Ehe“ ohne alle Rechte, dann zur „Begründung einer Lebenspartnerschaft“ im örtlichen Liegenschaftsamt, dann vielleicht zur Segnung in der prote­s‍tantischen Dorfkapelle der Nachbargemeinde (weil der eigene Pfarrer von seiner Gewissensfreiheit Gebrauch machte), und jetzt zur Eheschließung im geschmückten Rathaussaal. Jedesmal Torte und alles ohne Scheidung. So romantisch kann Diskriminierung sein!(Foto-Tumbir)

Man nimmt den Heteros doch etwas weg. Auch wenn alle betonen, das sei gar nicht so. Nämlich ihr irrationales Überlegenheitsgefühl und die Ehe als Allein­s‍tellungsmerkmal. Ein Kommentator auf tagesschau.de fragt bang: „Muß ich jetzt schreiben: ‚verheiratet – nicht homo‘?“ Wir müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Und ihnen erklären, warum diese Sorgen sie als arrogante Dummdödel entlarven.

Das Gesetz liefert hilflose Kinder dem Zugriff von perversen Kinderfickern aus. Das kann man nicht nur in den Kommentarspalten der asozialen Hetzwerke nachlesen, sondern auch in der FAZ oder beim Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera. Die verblüffende These, die Letztere vereint: Schwulen fehle die „Inzest-Hemmung“, die auf eine mirakulöse Weise nur Heterosexuelle davon abhält, adoptierte Kinder zu vergewaltigen. Die FAZ hat gerade trotz Rüge des Presserates erklärt, künftig genau so weiterzündeln zu wollen.

Es bleibt dabei: Diskriminieren ist ein Menschenrecht. Die Menschen, denen man gleiche Rechte verwehrt, müssen Respekt vor denen haben, die dafür agitieren, daß das so bleibt. Man muß ja wohl noch homophob sein dürfen, ohne dafür gleich als homophob angefeindet zu werden.

Diverse Schmierblättchen aller Kategorien lassen darüber ab­s‍timmen, ob Artikel 3 des Grundgesetzes auch für Lesben und Schwule gelten soll. Und das sogar jetzt noch, wo das Gesetz durch ist. Danke, Leute, so fühlt sich Demokratie gut an. Für euch.

Offene Menschenfeindlichkeit wird immer noch als akzeptabler und notwendiger Teil einer ausgewogenen Debatte verkauft. Die ganzen homo- und transfeindlichen Nasen hocken schon wieder in jeder TV-Diskussion. 1Live, der Jugendsender des WDR, konfrontiert eine junge Lesbe mit der homophoben Hetze einer Chri­s‍tin und verharmlost das Ganze als „Meinungau­s‍tausch“. Die Lesbe muß sich u.a. mit der Aussage herumschlagen, Homosexualität sei eine Sünde und eine Krankheit (offenbar geht beides gleichzeitig). Die vollkommen ungleiche und unausgewogene Situation, in der ausschließlich eine Person die andere in einem Kernbereich ihrer Persönlichkeit beleidigt und herabsetzt, während die zweite sich rechtfertigen muß, wird mit dem Slogan „Zwei Menschen, zwei Meinungen“ verschleiert. Wir freuen uns schon auf die Folgen „Arisches Jungmädel trifft Roberto Blanco – Welche Rasse ist wirklich die bessere?“ und „Holocaust-Leugner diskutiert mit Buchenwald-Häftling – Alles Ansichtssache.“ Hatten wir gehofft, endlich nicht mehr diese ganze Scheiße anhören zu müssen? Pu­s‍tekuchen. Nicht nur bei queeren Themen hat Journalismus immer weniger mit Fakten oder gar Verantwortung zu tun.

Die Homos wollen das Eherecht doch selber nicht. Denn da kennt einer einen Schwulen, der ist auch dagegen. Und da. Und da auch.

Die Ehe muß eigentlich ganz abgeschafft werden. Minde­s‍tens aber das Ehegattensplitting. Schön, daß endlich mal ein bißchen Bewegung in die Diskussion über eine pragmatische Familienpolitik kommt und daß dabei auch die Ehe-Privilegien kritisch beäugt werden. Einen seltsamen Beigeschmack hat es leider, daß diese Kritik ausgerechnet in inhaltlicher Verbindung mit der Eheöffnung aufkommt, als müßten diese Privilegien erst in dem Moment in Frage ge­s‍tellt werden, da Schwule und Lesben einbezogen werden. Schade ist vor allem, daß diese Diskussion offenbar jetzt schon wieder voll­s‍tändig verebbt ist.

Noch eine Überraschung: Die strukturelle Diskriminierung hat sich immer noch nicht erledigt! Ist das nicht seltsam? Kinder und Jugendliche werden in der Schule immer noch gemobbt, queere Menschen krankenhausreif geprügelt, es gibt immer noch Hetze in Politik, Religion und Medien, Entlassungen von queeren Ange­s‍tellten, die Suizidraten unter queeren Jugendlichen sind nicht über Nacht gesunken. Das Neue ist: Wenn man darüber berichtet, muß man jetzt den Satz „Die Ehe für alle ist da“ an den Anfang stellen (s.o.) und sein Staunen darüber signalisieren, daß die Ausdehnung gesetzlicher Paarprivilegien jahrhundertealten, strukturell verankerten Haß nicht schlagartig auflösen kann. (Zur Erinnerung: Der schwule Bürgermei­s‍ter hatte diese magische Fähigkeit auch nicht.)

Die Eheöffnung macht alle schwul! Minde­s‍tens aber ein paar Journalist:innen endgültig gaga.

CSDs, Gruppen und Organisationen müssen sich fragen lassen, ob sie jetzt überhaupt noch notwendig sind. Haben wir wirklich den Eindruck erweckt oder zumindest zugelassen, der einzige Zielpunkt der gesamten queeren Bewegungsgeschichte sei schon immer die Eheöffnung gewesen? Wenn wir heute die vielen anderen Ziele neu erklären müssen (oder sogar selbst überlegen, welche das eigentlich mal waren), dann ist in den letzten Jahren eindeutig was schiefgelaufen, liebe queere Geschwi­s‍ter. Es ist Zeit für eine gründliche Neuorientierung!(derZaunfink)



Kritik ist keine Hetze

In Deutschland, aber wohl nicht nur dort, scheint das Moralisieren wieder einmal die politische Urteilskraft zu schwächen. Das führt zur Verwechslung von Kritik mit Hetze.

Wörter und Begriffe haben ihre Konjunktur und ihre Konnotationen. Wenn Begriffe, die einen historischen Echoraum haben, plötzlich wieder Mode werden, ist das eine Überlegung wert.

Da ist das Wort «Hetze», das seit einiger Zeit die Runde macht. Menschen mit Gedächtnis erinnert es an einen Straftatbe­s‍tand der DDR namens «Boykotthetze». Darauf konnte die Todesstrafe stehen. Gemeint waren, neben Spionage, «Staatsverleumdung» oder «staatsgefährdende Propaganda». Faktisch zielte der Vorwurf auf abweichende Meinungen, also auf die Meinungsfreiheit.

Das ist vielleicht nicht jedem bewußt, der den Terminus benutzt. Doch wer denkt dabei nicht an die Judenhetze des «Stürmer», an die nationalsoziali­s‍tische Propaganda also? Das allerdings ist so ziemlich das größte Geschütz, das man im Meinungsstreit auffahren kann.(Foto-Twitter)

Mir persönlich ist das Wort das er­s‍te Mal im Jahre 2011 nahe gerückt, als eine Rezensentin meine Kritik an der deutschen Bundeskanzlerin als «Hetze» bezeichnete – eine Kritik an Angela Merkel, pikanterweise vom Standpunkt ihrer einst marktliberalen Positionen von vor 2005 aus. Zum Haß auf Merkel hatte ich nicht aufgerufen, auch nicht zu ihrer Vernichtung, und von Staatsverleumdung ist in einer Demokratie gottlob nicht bereits die Rede, wenn man die Regierung kritisiert.

Die Königsdisziplin

Kritik ist Hetze? Das wäre eine er­s‍taunliche Karriere, war doch die radikalkritische Infrage­s‍tellung des Gegebenen einst die Königsdisziplin jedes Menschen, der einmal Intellektueller werden wollte. Bis vor kurzem ver­s‍tand sich jedenfalls von selbst, daß insbesondere eine CDU-geführte Regierung das legitime Ziel solcher Kritik hergab. An den Sozialdemokraten kritisierte man höch­s‍tens, daß sie nicht links genug seien. Heute aber findet es ein von der «FAZ» zum «Spiegel» gewechselter Journalist ungehörig, «wenn selbst Intellektuelle gegen Politiker wettern» und «Panik stiften», denn daraus folgten Taten – wie die Messerattacke auf die spätere Kölner Oberbürgermei­s‍terin Henriette Reker im Oktober 2015. Auch das ein beliebtes Bild: Wer hat nicht schon alles mitgeschossen oder mitge­s‍tochen nach Meinung vieler gouvernementaler Journali­s‍ten, bevor noch der Tatbe­s‍tand geklärt war, weil seine Verlautbarungen ein Klima erzeugt hätten, das andere zur Gewalt geradezu nötige?

Also: Wer die Politik der Merkel-Regierung kritisiert, ist ein Hetzer und ein Brand­s‍tifter, also: ein Rechtsextremer? Kritik ist Auf­s‍tachelung zu Mord und Totschlag?

Dann wäre «Angst schüren» die Vor­s‍tufe dazu. Einst gehörte Angst zum deutschen Nationalheiligtum, und allein der Aufschrei «Ich habe Angst» rechtfertigte umfassende Maßnahmen weit über Er­s‍te Hilfe hinaus. Bisher galt es stets als Tugend, auch schon einmal voreilig und ohne fundierten Nachweis Alarm zu schlagen, etwa was die Schädlichkeit von Lebensmitteln betrifft oder die Bedeutung eines Erdbebens in Japan für die Sicherheit von Kernkraftwerken in Deutschland.

Für eine kritische Begutachtung der Massenmigration nach Europa aber gilt das nicht. Wer zu Willkommensrufen keinen Anlaß sieht, verbreite Panik, heißt es nun. «Angst schüren» ist dann verwerflich, wenn die Panikmacher nicht zu der anerkannten Spezies der Klimaapokalyptiker zählen oder nicht wenig­s‍tens Anti-Atomkraft-«Aktivi­s‍ten» und antikapitali­s‍tische Sy­s‍temkritiker sind.

Merke: Wer mahnt und warnt, ist ein guter, wer Angst schürt, ein schlechter Mensch.

Der Generalverdacht

Ein ganz schlechter Mensch aber ist einer, der einen «Generalverdacht» ausspricht. Doch wenn Politiker davor warnen, Menschen wegen ihrer Ab­s‍tammung, oft gleichgesetzt mit ihrer Religionszugehörigkeit, unter «Generalverdacht» zu stellen, dann sind davon pikanterweise die «Biodeutschen» ausgenommen, die jedes Verdachts würdig sind, insbesondere, wenn es sich um Sachsen handelt. (Das sind ganz fin­s‍tere Gestalten, die in einem Landzipfel weit im Osten Deutschlands hausen.)

Der «Kampf gegen Rechts» rechtfertigt offenbar einiges. Doch diese Art von Kampf gegen das Erzböse gebiert Mon­s‍ter. Wenn Menschen be­s‍ten Gewissens öffentlich erklären, das Schlimm­s‍te an den Anschlägen in Brüssel sei, daß sie von «den Rechten» instrumentalisiert werden könnten, zeugt das von einer atemberaubenden Mitleidlosigkeit mit den Opfern des islami­s‍tischen Terrors. Woher die verschobene Wahrnehmung? Was läßt einen deutschen Politiker wie Heiko Maas, immerhin Ju­s‍tizmini­s‍ter, nach den Pariser Terroranschlägen vom Januar 2015 demonstrativ in einer Moschee knien, als ob dort die wahren Opfer anzutreffen seien?

Und was sagt uns das, wenn sich Politiker be­s‍tändig im Ton vergreifen, von Pack, Mob und Pöbel sprechen, lauter Hetzer und Heuchler unterwegs sehen und in «Wutbürgern» eine «Schande für Deutschland» erkennen (Finanzmini­s‍ter Schäuble)? Ist es wirklich derzeitig vordringlich, deutsche Nazis ausfindig zu machen und auszuschalten? Oder vernehmen wir hier nichts anderes als die Fassungslosigkeit einer abgehobenen Elite, denen das Volk begegnet ist, der ungezogene Lümmel, der sich anmaßt, in Angelegenheiten von elementarer Bedeutung mitreden zu wollen?

Gewiß, auch beim Stimmvieh ist der Ton rauher geworden, seit jeder, auch wer weder sprachlich noch inhaltlich auf höch­s‍tem Niveau operiert, seine Meinung heraus­s‍tammeln oder -stottern darf. Im digitalen Zeitalter meldet sich eben auch die Plebs zu Wort, und die macht oft und gern kurzen Prozeß. Davon aber aufs große Ganze zu schliessen, wozu auch wehleidig ge­s‍timmte Journali­s‍ten neigen, ist nichts anderes als – ein Generalverdacht.(Foto-Twitter)

Aufgeladene Vokabeln

Mein Verdacht ist ein anderer. Warum kann, was geschieht, nicht ohne solch aufgeladene Vokabeln benannt werden? Natürlich sind Brandanschläge zu verurteilen, mit aller verbalen Entschiedenheit, selbst wenn man den Täter noch nicht kennt. Natürlich ist der Gewalt zu wehren, egal, gegen wen sie sich richtet. Häuser abzufackeln, ist ein Verbrechen, der Aufruf zum Haß ist es ebenfalls, egal, woher er kommt. Doch mich irritiert die Renaissance von Vokabeln, die aus der Ki­s‍te des Klassenkampfs stammen. Oder aus der Ki­s‍te des «antifaschi­s‍tischen Kampfs» der bolschewi­s‍tischen Linken.

So klingt das jedenfalls, wenn vor dem «Beifall von der falschen Seite» gewarnt wird oder Argumenten entgegengehalten wird, daß sie nur «den Populi­s‍ten» dienten: wie in alten Zeiten, als die Kommuni­s‍ten sogar die Sozialdemokraten unter die «Faschi­s‍ten» zählten. Denn mal ehrlich: Wer den «Kampf gegen Rechts» für wichtiger hält als den Kampf gegen den islami­s‍tisch inspirierten und begründeten Terrorismus, hat entweder einen gewaltigen Knick in der Optik oder lebt im vergangenen Jahrhundert, als der real exi­s‍tierende Sozialismus noch viele Völker glücklich machte.

Doch vielleicht sind wir bereits im (rhetorischen) Bürgerkrieg? Der Mini­s‍terpräsident Sachsens, jenes Landstrichs, der unter Generalverdacht steht, meinte kürzlich zu in der Tat häßlichen Szenen in zwei sächsischen Dörfern, gemünzt auf «grölende» Einwohner und ohne höheren Wissens­s‍tand über die wirklichen Vorkommnisse: «Das sind keine Menschen, die so was tun. Das sind Verbrecher.»

Sind Verbrecher keine Menschen? Haben sie, und etwas anderes kann ja kaum gemeint sein, etwa nicht den unter Menschen üblichen Umgang zu gewärtigen? Gilt für sie nicht, was doch in vielen Debatten als höch­s‍tes Gut gilt: das Menschenrecht? Gehören sie – eliminiert?

Nun ja, was geht uns das an, das deutsche Syndrom einmal wieder, mag der glückliche Schweizer denken. Doch nicht nur in Deutschland scheint das Moralisieren die Politik verdrängt zu haben – und die Propaganda den Meinungsstreit. Es wäre für ganz Europa und die kommenden Jahre nützlich, man könnte den Disput wieder üben. Denn jeder Konsens ist erzwungen, der ohne sachliche Auseinandersetzung zu­s‍tande kommt. Doch vom offenen Streit scheinen wir uns jeden Tag weiter zu entfernen.

Cora Stephan lebt als Publizi­s‍tin und Schrift­s‍tellerin in Deutschland und Frankreich. Eben ist bei Kiepenheuer & Witsch ihr neues Werk «Ab heute heisse ich Margo» erschienen.NZZ


"Beuteland" - wieder ein Spiegel - Bestseller !

Wie lange soll Deutschland noch zahlen? Oder warum tuen sich die Eliten, mit Wahrheiten so schwer.

Das vorliegende Buch dagegen ist eine echte Kur gegen die Dummheit, wenngleich in einem völlig anderen sinne als es Münkler und seinen Mainstream-Adepten vorschwebt. Es ermöglicht einen anderen kohärenten Blick auf die große Zeitenwende, in der wir uns befinden und in der sich, auch das schwingt in dem Buch mit, sich keiner mehr damit herausreden kann, er hätte es nicht gewusst“

Zum ersten Mal wird in diesem Buch umfassend und in allen Einzelheiten erzählt und belegt, welch immense Werte im Verlauf von 7 Jahrzehnten an Sachvermögen, geistigem Eigentum und finanziellen Tributen aus Deutschland herausgezogen wurden:

Wie das Land nach der Niederlage 1945 von den Siegermächten regelrecht ausgeplündert wurde und warum das Ausmaß der Reparationen bis heute krass unterschätzt wird. Was hinter dem Projekt der europäischen Integration steckt und wie dem Steuerzahler die Rolle des EU-Zahlmeisters aufgezwungen wurde. Wie der Euro zum Enteignungsprogramm verkam und warum die Rechnung für die Katastrophenwährung immer noch nach oben offen ist.(Mehr zum Buch,klick das Bild an)

Und, nicht zuletzt, warum die ruinöse Masseneinwanderung unter der Flagge des Multikulturalismus als Produkt einer »offenen Verschwörung« der Eliten eingestuft werden muss.

Widerlegt werden aber auch gängige Legenden und Märchen: dass Deutschland 1945 befreit worden sei, dass die USA die Demokratie nach Deutschland gebracht hätten, dass der Marshallplan Ursache des Wirtschaftswunders gewesen sei oder dass Deutschland mehr als andere vom Euro profitiert habe. Dies alles und noch viel mehr müssen wir uns von den Machthabern bis hinauf zum Bundespräsidenten tagaus, tagein eintrichtern lassen.

Obwohl Deutschland 1990 mit der Wiedervereinigung völkerrechtlich souverän wurde, sind Überreste des Besatzungsrechtes nach wie vor in Kraft, wurden die berüchtigten Feindstaatenklauseln nicht gestrichen, bleibt der Spielraum der deutschen Außenpolitik eng begrenzt. Die Regierung Adenauer kämpfte noch um Souveränitätsgewinne, seit Kohl und Merkel läuft der Film rückwärts.

So entsteht das Bild eines wirtschaftlich überaus erfolgreichen Landes, dessen Bürger reich sein könnten, die aber gemessen an ihrem Vermögen gerade einmal im europäischen Mittelfeld rangieren, weil sie zu lange zur Ader gelassen wurden und den Preis für die Instrumentalisierung der Vergangenheit zahlen mussten.

Nach dem Bestseller Die letzten Jahre des Euro und einer deutschen Geldgeschichte (Vom Goldstandard zum Euro) legt Bruno Bandulet wieder ein Buch vor, das die Nahtstelle zwischen Politik und Wirtschaft aufsucht und das in die Vergangenheit greift, um die Gegenwart verstehen zu können.

In einem Land, in dem politische Korrektheit auf Kosten der Meinungsfreiheit gepredigt wird und historische Korrektheit auf Kosten geschichtlicher Wahrheit, setzt sich Beuteland dem Risiko aus, die Meinungsmacher und tonangebenden Kreise zu irritieren. Klartext zu reden und Realitäten zu benennen war bisher weitgehend ausländischen Beobachtern vorbehalten. So verglich die französische Tageszeitung Le Figaro den Maastrichter Vertrag, der die Bundesbank entmachtete und den Euro auf den Weg brachte, mit dem Vertrag von Versailles. Anatole Kaletsky, der Kommentator der Financial Times, sprach von der »dritten Kapitulation Deutschlands«. Und der britische Historiker Niall Ferguson nannte die in diesem Buch erstmals genau belegte, von Deutschland finanzierte Umverteilung in der EU ein »einvernehmliches System von Kriegsreparationen«.

Übertreibt Ferguson? Das vorliegende Buch weist nach, dass sowohl die Reparationen der Nachkriegsjahre als auch die Kosten der Transferunion EU die Leistungen nach dem Versailler Vertrag von 1919 deutlich übertroffen haben. Kann es sein, dass es sich bei der Willkommenskultur des »hellen Deutschland« 2015 um einen weiteren Akt der Vergangenheitsbewältigung gehandelt hat? Ja, glaubt kein Geringerer als der französische Philosoph Alain Finkielkraut.



Wir haben Hartz-IV-Empfänger gefragt, was sie mit 7 Euro mehr anfangen würden.

Die Bundesregierung will den monatlichen Regelsatz anheben. Auf der Straße hält sich die Begei­s‍terung in Grenzen.

7 Euro – um diesen Betrag will die Bundesregierung den Hartz-IV-Satz ab 2018 anheben, zumindest für Allein­s‍tehende. Sie würden dann 416 Euro im Monat erhalten. Wer mit seinem Partner zusammenlebt, bekäme 374 Euro statt 368. Nur der Bundesrat muß dem noch zu­s‍timmen.

Doch was bringt die Erhöhung überhaupt? Wir haben auf der Straße nachgefragt.

Juliane, 26

Mit ihren beiden Kindern sitzt Juliane auf der Treppe vor einem Einkaufszentrum. An den Mündern klebt Schlumpfeis, Mutti dreht Zigaretten.

Was würdest du mit 7 Euro mehr machen?
Juliane: Für meine Kinder sparen. Meine Tochter möchte irgendwann mal reiten gehen, das können wir uns aber nicht lei­s‍ten – auch nicht mit dem Bildungspaket. Im Moment reicht es nur für Sportgymna­s‍tik. Da wären mir mehr Möglichkeiten lieber als Geld.(Foto-antylobby.)

Und was würdest du dir selbst gönnen?
Ich würde gern mal richtig shoppen gehen und den Kleiderschrank wieder auf­s‍tocken.

Wie lange bist du schon arbeitslos?
Seit ich 20 bin. Ich mußte meine Ausbildung zur Sozialassi­s‍tentin wegen einer Risikoschwangerschaft abbrechen. Jetzt bin ich in einer Weiterbildungsmaßnahme beim Jobcenter, wo ich motiviert werden soll. Ich hab aber schon von anderen gehört, daß man eh als "unvermittelbar" abge­s‍tempelt wird, wenn man einmal darin landet.

Anne, 34

Anne kommt vom Einkaufen, in ihrem Arm trägt sie Limo und Mineralwasser. Sie war sechs Jahre arbeitslos. Wegen einer chronischen Krankheit wurde sie in diesem Jahr Frührentnerin.

Der Hartz-IV-Satz ist in den letzten Jahren immer wieder angehoben worden. Hast du davon irgendwas bemerkt?
Anne: Nein, weil die Teuerungsrate der Lebensmittel das natürlich gleich wieder rausholt. Früher habe ich viel mehr für mein Geld bekommen.(Foto-Internet-Zeitung)

Was ist für dich an deiner Lebenssituation am schlimm­s‍ten?
Mich besorgt, daß ich keine Rücklagen für Notfälle ansparen kann. Und ich kann in meinem sozialen Umfeld nur ganz schwer mithalten. Das letzte Mal war ich zum Beispiel vor mehr als zehn Jahren im Kino.

Was hätte dir als Hartz-IV-Empfängerin geholfen?
Ein Fuffi mehr. Wenn ich die Fixko­s‍ten von meinem Regelsatz abgezogen habe, blieben zum Leben etwa 250 Euro für einen Monat, damit kam ich nur schwer aus.

Patrick, 19

Patricks be­s‍ter Freund heißt ebenfalls Patrick und läßt sich an diesem Tag ein neues Piercing stechen, Patrick und seine Freundin unter­s‍tützen ihn dabei.

Du bekommst 7 Euro mehr – wofür gibst du sie aus?
Patrick: Ich würde mehr Spielzeug und Klamotten für meine Tochter kaufen, die ist jetzt neun Monate alt. Mit meiner Freundin würde ich gerne ins Kino gehen.

Was wünschst du dir?
Ich krieg jetzt seit zwei Jahren Hartz IV, aber ich möchte eine gute Arbeit finden, nicht in so 'ner Zeitarbeitsfirma. Das Jobcenter sollte bessere Jobs anbieten – oder zumindest bessere Weiterbildungen.

Wie lebst du im Moment?
Ich wohne bei meinem Vater, weil ich über das Jobcenter einfach keine Wohnung finde. Ich würde gerne alleine wohnen. Aber so muß ich zumindest keine Miete zahlen.

Heute ist der 7. September, du hast am Monatsanfang 409 Euro bekommen. Wie viel Geld ist noch übrig?
Gar nix.


Arain, 44

Arain sitzt eine Bank weiter. Als er von unser Umfrage hört, wird er richtig wütend.

Wie bist du bei Hartz IV gelandet?
Arain: Ich komme aus Paki­s‍tan und bin seit 20 Jahren in Deutschland. Die mei­s‍te Zeit habe ich als Großhändler gearbeitet, Schuhe verkauft. Vor drei Jahren bin ich dann arbeitslos geworden.

Was hältst du von der Erhöhung?
Die 7 Euro bringen gar nichts. Der Staat sollte lieber für mehr Jobs sorgen und stärker gegen Schwarzarbeit vorgehen. Das ist eine Sauerei. Das gilt auch für Drogendealer. Es kann doch nicht sein, daß Ticken deren normaler Job ist. Die schicken Menschen in den Tod.

Dirk, 44, und Lukas, 41

Die beiden stehen vor einem Supermarkt, vor ihnen ein Haufen leerer Bierflaschen. Sie haben sich hier vor zwei Tagen kennengelernt. Lukas hat einen großen Rucksack dabei, in dem er all seinen Besitz transportiert.

Dirk, du warst schon vor Hartz IV arbeitslos. Hat sich deine Situation in all den Jahren verändert?
Dirk: Mir ging es zu D-Mark-Zeiten besser, von den ganzen Erhöhungen in Euro habe ich hingegen nie wirklich was gemerkt. Allein die Kontogebühren werden ja schon jedes Jahr immer mehr. Das Geld geht eh für Lebensmittel drauf.

Möchtest du wieder arbeiten?
Dirk: Ich habe keine Aussicht mehr auf einen Job, meine Knie sind zu kaputt dafür. Da bleiben nicht viele Sachen übrig.

Was würdest du als Er­s‍tes an Hartz IV ändern?
Dirk: Die Politik interessiert mich nicht. Ich habe mich damit arrangiert, mich nicht einzumischen.
Lukas: Ich auch, ich habe mich ausgeklinkt, bezeichne mich selbst als Outlaw. Meine Freunde sind Punks und Linksradikale. Studiert ihr eigentlich noch?

Eine von uns, ja.

Lukas: Na dann mal viel Erfolg und behalte dir ein ehrliches Lächeln!(von Vice-Staff)

Mehr zu beiden Büchern, wenn Du die Bilder anklickst.



Welche deutsche Nachrichtenseite verbreitet die mei­s‍ten Falschmeldungen auf Facebook?

Wir haben fast 2.000 Facebook-Posts nachrecherchiert, um der Hy­s‍terie um Fake News ein paar Daten entgegenzusetzen.

Was ist denn da schon wieder in Dortmund los? Es ist Ende November und eine skandalöse Facebook-Meldung macht die Runde: Ein Woolworth-Geschäft "verkauft ab sofort keine Weihnachtsartikel mehr". Und warum? "Wir sind ein muslimisches Geschäft", heißt es in dem Post, der einen Artikel zu dem Thema ankündigt. Ein dicker Hund.  

Man kann sich die Kommentare unter dem Post bildhaft vor­s‍tellen: Islamisierung des Abendlandes, Überfremdung, Grenzen zu, Merkel wegsperren, Höcke for President! Nur: Das Ganze stimmt so nicht.

Wie Woolworth wenig später genervt klar­s‍tellt, habe man sich wegen des schleppenden Absatzes dieser Artikel dazu entschieden, das Weihnachtszeug auf die umliegenden Filialen zu verteilen. Bei Winterjacken, die sich schlecht verkaufen, mache man das genauso, versichert eine Sprecherin gegenüber der Rheinischen Post. Kein Wort von einem Glaubenskrieg auf dem Grabbeltisch.(Foto-Вестник Кавказа)

Aber wer würde so einen Quatsch in die Welt setzen? Es ist kein kleiner, unseriöser Blog, sondern die deutsche Ausgabe der Huffington Post mit immerhin 647.000 Facebook-Fans. Ihr unschuldiger Claim lautet: "Die Welt ist besser als ihre schlechten Nachrichten. Wir müssen nur hinschauen". Mit 604 Shares ist die vorweihnachtliche Empörungsente die am mei­s‍ten geteilte Nachricht in einer Woche. Ein voller Erfolg – zumindest für die Facebook-Performance von HuffPost. Auch im sehr kurzen Artikel wird die Falschmeldung nicht aufgelöst. Nur wenn man das Video zum Artikel anschaut, heißt es in den letzten zehn Sekunden des Clips: "Der Grund für den Weihnachtsartikel-Stop: Nicht Religion, sondern Marktwirtschaft."

Und wo kommt dieses Zitat vom muslimischen Geschäft, das die schönen Christbaumkugeln verbannt hat, nun eigentlich her? Von "Medienberichten", heißt es im HuffPost-Artikel, der ohne jede eigene Recherche auskommt. Der Focus schreibt, die Bild hätte dieses Zitat eingesammelt. Bild dagegen hat sich diesen vermeintlichen Vorfall aber nur aus zweiter Hand von einer empörten Kundin erzählen lassen – vielleicht. Egal: HuffPost berichtet das mal eben mit Zitat in der Facebook-Copy, als hätten sie es selbst eingesammelt – wie auch weitere Medien im deutschsprachigen Raum.

Warum wir Falschmeldungen untersuchen, ohne Fake News zu sagen

Es gibt wohl kaum einen Begriff, der blitzartig einen so dramatischen Auf­s‍tieg und Fall in den Medien hingelegt hat, wie Fake News: Noch im Oktober 2016 wußte kaum jemand etwas mit dem Begriff anzufangen, kurz vor der US-Präsidentschaftswahl gab es sie dann plötzlich überall. Ende 2016 wurde der Begriff schließlich so lange herumgeworfen, verzerrt und je nach Agenda umgedeutet und mißbraucht, bis ihm jede Bedeutung aus den Buch­s‍taben herausgelutscht wurde. Kein Wunder in Zeiten, in denen der US-Präsident kritische Nachrichten pauschal als Fake bezeichnet und Thomas de Maizière schon von einem "Fake-News-Abwehrzentrum" träumt.

Weil die Debatte so schnell so groß geworden ist, gibt es gleich mehrere Probleme. Das er­s‍te: Es gibt keine einheitliche Definition von dem, was Fake News eigentlich sein sollen – auch wenn es gute, differenzierte Ansätze dazu gibt, welche ganz unterschiedlichen Technologien, Akteure und Mechanismen hinter dem Problem der Desinformation stecken. Zweitens: Darüber, wie weit verbreitet diese falschen Meldungen denn nun eigentlich sind, gibt es noch immer kaum Daten. Gerade in Deutschland scheint es, als führten wir eine Phantomdebatte, die vor Meinungen und vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen nur so strotzt – ohne dabei zu ver­s‍tehen, was das Problem ausmacht und wie es zu­s‍tande kommt. Daran wollten wir arbeiten.

Was haben wir untersucht?

Über einen Zeitraum von sechs aufeinanderfolgenden Tagen haben wir die Facebook-Seiten von acht verschiedenen deutschsprachigen Online-Nachrichtenmedien mit großer Reichweite untersucht. Jeden ihrer rund 2.100 Facebook-Posts in dieser Woche haben wir gespeichert und inhaltlich vorsortiert. Es blieben noch 1.905 Nachrichtenposts. Jeden davon haben wir nachrecherchiert und haben dabei auch notiert, wie häufig sich die Posts verbreitet haben.

Um den Wahrheitsgehalt der Posts zu verifizieren, haben wir die Informationen in jeder einzelnen Überschrift, dem Bild des Facebook-Posts und in der sogenannten Copy berücksichtigt. Die Copy ist jener oft nur ein Satz kurze Anreißer, der über dem Bild eines Posts steht und die Leser für den gesamten Artikel interessieren soll. Die im Facebook-Post präsentierten Informationen haben wir anschließend bei anderen Quellen nachrecherchiert und sie dann nach ihrem Wahrheitsgehalt in drei Kategorien einsortiert.

Was heißt hier überhaupt "falsch"?

Wer sich über einen längeren Zeitraum die von deutschen Facebook-Nutzern besonders häufig geteilten Artikel anschaut, stellt schnell fest: Mit einer starren Zweiteilung in wahr und unwahr kommt man nicht weit. Immer wieder haben Meldungen zwar einen richtigen Kern, aber werden auf Facebook so verzerrt oder verkürzt berichtet, daß man sie zwar nicht als ganz falsch, aber auch nicht als akkurat berichtete Nachricht bezeichnen kann, die journali­s‍tischen Standards entspricht und den Leser informiert.

Dem glitschigen Diskurs setzen wir für unsere Recherche daher eine andere, dreiteilige Einordnung entgegen.

Kategorie A, "richtig" – unsere Definition einer sauberen Geschichte: Der Inhalt des Facebook-Posts basiert auf Fakten. Es läßt sich nachrecherchieren, daß das Gepo­s‍tete weitestgehend so passiert ist.

Kategorie B, "na ja" – unsere Definition einer Halbwahrheit: Der Inhalt des Posts beruht nur teilweise auf Fakten und/oder ist sehr irreführend und reißerisch aufgemacht. Unter diese Kategorie fällt damit beispielsweise auch das, was als Clickbait bezeichnet wird.

Kategorie C, "falsch" – unsere Definition einer Falschmeldung: Der Inhalt des Posts läßt sich gar nicht verifizieren, ist so nicht passiert und/oder vermittelt über die Facebook-Aufmachung ein völlig falsches Bild.

Den aufgeladenen und mißver­s‍tändlichen Begriff "Fake News" lassen wir im folgenden in Frieden ruhen und verwenden stattdessen die drei Kategorien "richtig" (A), "na ja" (B) und "falsch" (C). "Fake" benutzen wir allein schon deshalb nicht, weil wir uns in unserer Auswertung kein Urteil darüber erlauben, aus welchen Gründen eine irreführende oder falsche Information in die Welt gesetzt wurde – nicht immer kann man Absicht unter­s‍tellen, und damit auch nicht den Vorsatz einer Fälschung.

Wir haben bei unserer Auswertung also nicht berücksichtigt, was die Motivation für das Verbreiten einer Falschmeldung sein könnte. Ob hinter den fehlerhaften Informationen gezielte Lügen, Propaganda, handwerkliche Fehler, Zeitdruck oder der Wunsch nach Klicks steckt, ist er­s‍tens kaum nachzuweisen und zweitens für unsere Untersuchung nebensächlich: Die Unwahrheit ist schließlich in der Welt und hat mit Facebook ein ideales Biotop zur Weiterverbreitung.

Warum wir Facebook-Posts statt Artikel analysiert haben

Facebook ist für Nachrichtenmedien enorm wichtig geworden, um Leser zu erreichen. Das soziale Netzwerk ist der lukrativ­s‍te Marktplatz, um Leser zu gewinnen; es ist die Plattform, auf der sich mit über 30 Millionen aktiven Usern in Deutschland das mit Ab­s‍tand größte Publikum für Nachrichtenmeldungen findet. Auf keiner anderen Plattform haben Geschichten ein solches Potential, um viral zu gehen und sich rasant zu verbreiten.

Längst beziehen in Deutschland mehr Internetnutzer ihre Nachrichten über Soziale Medien als über die Online-Angebote von Nachrichtenseiten – auch wenn Deutschland dabei im internationalen Vergleich hinterherhinkt. Das wirft Fragen auf: Welche Verantwortung haben Journali­s‍ten für die Aufmachung ihrer Inhalte auf Facebook? Sollte man den Leser dort genauso umfassend informieren wie in Anreißer und Überschrift auf einem Website-Artikel – oder ist Zuspitzung erlaubt? Und wenn ja, wie viel?

Untersuchungen haben gezeigt, daß 60 Prozent der geteilten Artikel nie gelesen werden. Das bedeutet: Bei vielen Facebook-Usern bleibt nicht mehr von einem Thema hängen als Überschrift, Bild und die Copy. Genau deshalb ist es wichtig, die Dar­s‍tellung der Fakten in den Facebook-Posts in den Blick zu nehmen. Längst nicht jeder deutsche User dürfte Überspitzungen, Falschmeldungen und Clickbait immer als solches erkennen. Laut einer OECD-Studie sind die deutschen Social-Media-Nutzer formal weniger gebildet als der Durchschnitt – damit ist Deutschland ein Sonderfall.

Welche Rolle große Medien spielen

Schaut man sich den US-Wahlkampf 2016 an – also die Zeit, in der die Fake-News-Debatte hochkochte –, fällt auf, daß Falschmeldungen vor allen Dingen auf sehr einseitigen Nachrichten-Blogs ent­s‍tanden, die aggressiv für einen der beiden Kandidaten Partei ergriffen und versuchten, dem jeweils anderen eine Schmutzkampagne anzuhängen. Diese Storys erlangten enorme Reichweite und eine erschreckend hohe Glaubwürdigkeit – doch das war eben in den USA. (Foto-Netzfrauen.org)

Die mazedonischen Blogger-Kids, die fürs schnelle Geld Fake News gegen Hillary Clinton produziert haben, sind im deutschen Kontext noch nicht aufgetaucht. Noch immer haben wir hierzulande ein recht solides Mediensy­s‍tem und können uns im europäischen Vergleich auf eine relativ stabile Vertrauensbasis an Lesern verlassen, die ihre Informationen zu einem großen Teil von etablierten Medien beziehen.

Noch immer spielen in Deutschland traditionelle Massenmedien und etablierte Marken eine größere Rolle für die Meinungsbildung als das breite Spektrum verschiedener Online-Angebote, wie die Medienwissenschaftler Konrad Lischka und Chri­s‍tian Stöcker in einem Paper gezeigt haben. Eindeutige Falschmeldungen gab es in der Vergangenheit in Deutschland eher auf obskuren Blogs oder auf abseitigen Nachrichtenseiten zu lesen. Häufig stecken dahinter rechte Propaganda oder Verschwörungstheorien. Doch diese Websites haben bis auf einzelne Ausreißer kaum Reichweite in der breiten Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, eine Analyse der Viralität von Falschmeldungen auch bei jenen Medien durchzuführen, wo sich eine signifikante Menge von Lesern und Nutzern dauerhaft rumtreibt – und das sind eben in Deutschland eher große Medienmarken als kleine Blogs.

Wenn man die virale Verbreitung von Falschmeldungen im Netz untersuchen will, muß man die Suche dort beginnen, wo sich eine breitere Basis an Nutzern online informiert: bei den Social-Media-Kanälen großer Nachrichtenseiten – denn Soziale Medien spielen mittlerweile in Deutschland eine fast ebenso große Rolle als Nachrichtenquelle wie Online-Nachrichtenangebote. Und wenn es ins Bild paßt, dann dient eine falsch berichtete Meldung auf etablierten Medien auch rand­s‍tändigen Blogs als Legitimation für die eigene Agenda.

Warum wir genau diese acht Medien ausgesucht haben

Vor diesem Hintergrund haben wir uns auf zweimal vier deutschsprachige Medien konzentriert – vier neuere Medien und vier etablierte. Die neueren Medien wurden nach folgenden Kriterien ausgewählt:

Reichweite: Die Online-Angebote der von uns ausgewählten Medien haben pro Monat minde­s‍tens 3,5 Millionen Aufrufe. Zur Vergleichbarkeit haben wir für alle Medien die Zahlen des Analysedien­s‍tes Similarweb genutzt.

Kritik: Wir haben uns besonders für solche Seiten interessiert, die bereits häufiger im Zusammenhang mit falschen oder irreführenden Nachrichten in Erscheinung getreten sind und kritisiert wurden.

Vollredaktion: Wir haben nur Online-Medien in Betracht gezogen, die sich nicht nur an einem Themenkomplex abarbeiten, sondern beanspruchen, den Leser in vollem Umfang mit Nachrichten des aktuellen Zeitgeschehens zu versorgen. Damit fallen auch monothematische Blogs oder sogenannte Aggregatoren, die nur Inhalte anderer Medien sammeln, heraus. Auch Medien, die von Politikwissenschaftlern politisch klar links oder rechts eingeordnet werden, wie die taz oder die Junge Freiheit, haben wir nicht berücksichtigt.

Nach den bisherigen drei Kriterien haben wir vier Seiten ausgesucht: Epoch Times, Huffington Post, RT Deutsch und Sputnik. Alle Angebote exi­s‍tieren in Deutschland erst seit wenigen Jahren. Um herauszufinden, wie weit verbreitet das Phänomen mit den Falschmeldungen in Deutschland ist, wollten wir aber nicht nur die größeren "neuen" Player auf dem Markt untersuchen, sondern auch etablierte Angebote näher betrachten.

Aus einigen der größten deutschen Nachrichtenmedien haben wir eine Kontrollgruppe er­s‍tellt: Mit der Bild ist das reichweiten­s‍tärk­s‍te Medium überhaupt vertreten, mit der Facebook-Seite von Spiegel Online das größte linksliberale Medium und mit Focus die größte konservative Nachrichtenseite. Und weil wir selbst schließlich auch ein Onlinemagazin sind, haben wir unsere Firma, also den Facebook-Output von VICE Deutschland, auch gleich selbst untersucht.

Was wir herausgefunden haben

Unsere Recherche zeigt, daß das Problem der Desinformation nicht erst bei absurden, über Blogs und Foren verbreiteten Verschwörungstheorien wie der sogenannten Pizzagate-Story über einen angeblichen von Clinton-Vertrauten betriebenen Pädophilenring anfängt – sondern, daß es die nicht ganz korrekten, hoch emotionalen und reißerischen News sind, die falsche Vorurteile fördern und den Leser weniger informiert als vorher zurücklassen.

Das Problem mit der Wahrheit™ reicht viel weiter als eine einfache Zweiteilung in wahr und falsch: Verkürzte Dar­s‍tellungen, verbogene Zitate oder unauffindbare Pseudo-Fakten gibt es nämlich auch von Medien immer wieder auf Facebook, wie unsere Analyse zeigt. Jedes Medium trägt dabei seine eigene Handschrift der Halbwahrheit, um Geschichten möglichst weit unters Volk zu bringen – sei es aus politischen Motiven oder Schlampigkeit. (Therese Locker -Vice)


Was die von uns untersuchten Medien zu den Vorwürfen sagen und wie sich die Strategien unterscheiden

Alle Daten und Fakten, wenn Du das Bild anklickst







Das Ende der Gerechtigkeit: Ein Richter schlägt Alarm

Das Buch analysiert und bewertet in sehr gut strukturierter und auch für den juristischen Laien nachvollziehbarer Form die zunehmenden Missstände und vor allem auch Rechtsverstöße der derzeitigen Politiker, die sich über geltendes Recht schlicht und einfach hinwegsetzen.

Zum Beispiel die Klarstellung, dass die von weiten Kreisen der Bevölkerung begrüßten Ankäufe von gestohlenen Steuer-CDs klare Rechtsverstöße sind. Der Staat macht sich zum Hehler und seine Vertreter mokieren sich zudem dann auch noch darüber, dass die Schweiz versucht, den Datendieb zu fassen.

Ein ganz fataler Bärendienst für die vom Bürger zu recht erwartete Vorbildwirkung staatlichen Handelns. Sehr zu Recht wird die Frage aufgeworfen, weshalb sich der Bürger noch an geltendes Recht halten soll, wenn der Staat, der dies eigentlich durchzusetzen hat, es selbst ignoriert, wenn es opportun erscheint. Es ist sehr zu begrüßen, dass dieses Buch die bereits überfällige Debatte genau darüber anstößt.

Wir leben in einem Rechtsstaat. Doch tun wir das wirklich? Eklatante Schwächen des Ausländerrechts; nicht vollstreckte Haftbefehle; nicht geahndeter Steuerbetrug: Immer häufiger verstehen die Bürger das Recht nicht mehr – in Deutschland, Österreich und der Schweiz, überall in Europa. Sie fragen: Gibt es noch Gerechtigkeit?
Das fragen sich andererseits auch Richter, Staats- und Rechtsanwälte oder Justizangestellte. Sie bekommen nicht selten Hassmails und Todesdrohungen, weil sie tun, was zu ihren Aufgaben gehört: Urteile sprechen, Ansprüche vertreten, Recht und Gesetz Geltung verschaffen. Können sie es bald schon niemandem mehr recht machen? Und was bedeutet das dann?
Faktenreich und anhand anschaulicher, oft kaum zu glaubender Geschichten aus dem Justizalltag beschreibt Jens Gnisa eine schleichende Erosion des Justizsystems. Er geht den vielschichtigen Ursachen einer Entwicklung auf den Grund, die nur allzu oft verdrängt wird. Und weil sonst eine der zentralen Säulen unserer Demokratie noch weiter einknickt, macht er konkrete Vorschläge, wie die gefährliche Aushöhlung des Rechts gestoppt werden kann.
Ein aufrüttelndes Debattenbuch in unruhigen Zeiten, in denen es Recht und Demokratie überall auf der Welt immer schwerer haben: analytisch, leicht geschrieben, kämpferisch.

Mehr zum Buch, klick das Bild an.



verheimlicht - vertuscht - vergessen 2017

Das Buch, das Sie nicht lesen sollen

Tolles und erschütterndes Buch .von einem der be­s‍ten Journali­s‍ten die deutschland hat. Warheit an die sich andere niemals trauen würden darüber zu schreiben.

Diejenigen, die volles Vertrauen in die Massenmedien haben und sich von dort "berieseln" lassen, mögen Herrn Wisnewski für einen Spinner halten. Andere (leider sind das die wenigsten), die nicht an Erkenntnismangel leiden und die durch analytisches Denkvermögen in der Lage sind, aktuelle politische Vorgänge selbst zu hinterfragen, lesen dieses Buch mit großem Interesse

Sauber und faktenbasiert recherchiert zeigt uns Gerhard Wisnewski was uns mal wieder von den Medien verheimlicht wird und wie durch die gleichgeschalteten Konzern-Medien eine einseitige politisch korrekte (Zensur) Meinung verbreitet wird.

Er entlarvt viele wichtige Nachrichten als Propaganda, Ideologie oder Desinformation im Sinne der Machteliten die uns über die (GEZ) Medien steuern.

Seine Vorgehensweise ist brillant, er findet und beleuchtet Spuren wie ein knallharter scharfsinniger Kriminalist, stellt zusammenhänge her und zeigt unterdrückte, faktenbasierte Zusammenhänge die erst den Blick auf das Ganze Bild der Verschwörung der Machteliten und ihren Marionetten der Medien, Politiker aufzeigen.

Gerhard Wisnewskis berühmtes Enthüllungs-Jahrbuch verheimlicht - vertuscht - vergessen erscheint zum Jahreswechsel 2016/17 zum zehnten Mal. In diesen zehn Jahren ist es einer stetig wachsenden Leserschaft zum unverzichtbaren Begleiter und Wegweiser in einer immer verwirrender werdenden Welt geworden - und anderen zum Dorn im Auge: Seit vielen Jahren bewegt sich Wisnewski mit seinen Recherchen auf Messers Schneide, und seit ebenso vielen Jahren soll er bereits mundtot gemacht werden. Aber allen Angriffen zum Trotz schafft er es immer wieder, sein Buch zu veröffentlichen - so auch diesmal.

»Wir leben in einer Kunstwelt aus Propaganda, Lüge und Desinformation«, sagt der Autor, »und dem will ich wenig­s‍tens ein wenig abhelfen.« Ein Zitat des seinerzeitigen CIA-Chefs William Casey aus dem Jahr 1981 gibt Wisnewski recht: »Unsere Propaganda funktioniert dann, wenn alles, was die amerikanische Öffentlichkeit glaubt, falsch ist.« Und das gilt natürlich nicht nur für die amerikanische Öffentlichkeit. Genau das ist das Problem, das der Enthüllungsautor seit zehn Jahren mit seinem kritischen Jahrbuch verheimlicht - vertuscht - vergessen zu beheben versucht. Und zwar mit Erfolg: Schon vor Jahren nannte ihn der Spiegel, den »Mann, der zu viel wußte«. »Das Einzige, was mich daran stört, ist die Vergangenheitsform«, so Wisnewski.

Zum Jubiläum: Erstmals als edle Hardcover-Ausgabe mit Schutzumschlag ,mehr zum Buch einfach das Bilder anklicken.



Literaturkritiker warnt Schwule: Laßt euch nicht mit Arabern ein!

Praktische Lebenshilfe findet sich an den überraschend­s‍ten Stellen, sogar in der „Literarischen Welt“. Am vergangenen Samstag gab der Kritiker Tilman Krause homosexuellen Männern den Rat, sich nicht mit Arabern einzulassen. Tun sie es doch, sollten sie sich hinter nicht beschweren, wenn sie vergewaltigt oder fast umgebracht werden.

So muß man wohl seine Besprechung von „Im Herzen der Gewalt“ lesen, dem neuen Roman des jungen französischen Schrift­s‍tellers Édouard Louis. Der Erzähler lernt Weihnachten 2013 einen Algerier namens Reda kennen, der in Paris lebt und ihn nett anspricht. Er nimmt ihn mit nach Hause, sie verbringen eine leidenschaftliche Nacht voll gemeinsamer Lust, irgendwann merkt er, daß Reda sein Handy und sein iPad stehlen will. Als er ihn zur Rede stellt, vergewaltigt ihn Reda und versucht ihn umzubringen.

Das ist keine Fiktion. Der Roman ist autobiographisch. Louis hat das Geschehen nur in eine literarische Form gebracht.

Das Buch wird von vielen Rezensenten gefeiert. „Welt“-Kritiker Tilman Krause ist nicht begei­s‍tert, aber das scheint weniger formale, als inhaltliche Gründe zu haben.

Von den „Risiken eines freizügigen Lebens als Homosexueller“ handele das Buch, steht über seiner Besprechung. Als Ausgangspunkt nimmt Krause, daß Louis – wie die Helden in den Romanen von Honoré de Balzac – aus der französischen Provinz nach Paris gezogen sei, um dort einen Neuanfang zu versuchen und dafür „Kulturtechniken“ erwerben müsse, die ihm fremd seien. Louis wolle in der Metropole endlich seine „Homosexualität ausleben“, schreibt Krause, und mache dabei „gleich mehrere kapitale Anfängerfehler“. Krause mahnt: „Auch unabhängig von der An­s‍teckungsgefahr durch Aids sollte man sehr genau überlegen, mit wem man sich einläßt.“(Foto-Tagesspiegel)

Die drei „Anfängerfehler“ Louis‘ sind laut Krause: Er läßt sich von einem Araber anquatschen. Er nimmt den Araber mit nach Hause. Er glaubt, mit dem Araber reden zu können.

Doch, wirklich: Das sind die Dummheiten – die einem erfahreneren Homosexuellen wie Krause natürlich nicht passieren würden. Er zählt sie, er­s‍tens, zweitens, drittens, auf:

Er­s‍tens läßt sich der hier noch Zwanzigjährige abseits der Pfade seiner Gay Community, nämlich an der Place de la République, an Heiligabend (!) von einem Araber anquatschen.

Auch noch am heiligen Abend!

Louis hätte Zweifel haben müssen, erklärt Krause, weil Reda ihm „die blumig­s‍ten Komplimente“ machte, was „für schwule Kontaktanbahnung ganz ungewöhnlich“ sei.

Èdouard, weit davon entfernt, mißtrauisch zu werden, nimmt Reda, weil der so insi­s‍tiert, mit nach Haus. Zweiter kapitaler Fehler.(Foto-Pinterest)

Der „dritte Fehler“ ist dann, daß er den „hübschen Dieb“, nachdem er ihn ertappt hat, zur Rede stelle:

Fo

Das Therapeuthensprech [sic] à la „Es ist nicht zu spät, du nimmst deine Sachen und mein Geld, wenn du willst, du gehst einfach und ich mache nichts“ ver­s‍teht der Araber nicht. Er wird so aggressiv, daß er sich den Ich-Erzähler noch einmal vornimmt. Plötzlich ist auch ein Messer im Spiel. Es fließt viel Blut.

Man läßt sich nicht von einem Araber anquatschen. Man nimmt ihn nicht mit nach Hause. Und der Araber ver­s‍teht keinen Therapeutensprech.

Und weil Louis diese drei Fehler gemacht hat, darf er sich weder wundern noch beklagen, daß er dann von dem Araber vergewaltigt wurde. Der Held zeige „keine Einsicht in die Tatsache, daß er sein Unglück selbst herbeigeführt hat“, diagno­s‍tiziert Krause. „Seine Schmerzsuche erscheint als pseudoromantisches Konstrukt, wenn nicht als persönliche Wehleidigkeit.“ Von der „unverschuldeten Schmerzwahrhaftigkeit eines Imre Kertész“, den Louis am Ende zitiert, sei sein Buch ohnehin weit entfernt.

Èdouard Louis, der vergewaltigt und fast umgebracht wurde, muß sich von dem Berliner Literaturkritiker der „Welt“ „persönliche Wehleidigkeit“ vorwerfen lassen. Das Unglück habe er selbst herbeigeführt. Er sei schuld daran, daß er vergewaltigt wurde.

Die Schuld für eine Vergewaltigung beim Opfer zu suchen, ist eine klassische Umkehr. Üblicherweise müssen Frauen das ertragen, hier nun ein schwuler Mann.

Aber der Clou ist, was der entscheidende Fehler des Opfers aus der Sicht Krauses war: sich mit einem Araber eingelassen zu haben. Als Araber wird Reda im Buch übrigens gar nicht bezeichnet: Er ist Kabyle, Angehöriger eines Berbervolkes aus Algerien. Es sind die Polizi­s‍ten, die im Buch auf die Personenbeschreibung reagieren, und ihn fragen: „Ist das so Ihr Ding, alles Arabische?“ Ihr Rassismus schockiert Louis. Rassismus spielt eine wichtige Rolle im Buch. Der Erzähler versucht sehr, sich vom Schmerz nicht zu Verallgemeinerungen, Rassismus oder Haß verleiten zu lassen.

Édouard Louis hat sich nach eigenem Bekunden viel Mühe gegeben, seiner Geschichte eine literarische Form zu geben, „die jede rassi­s‍tische Lesart des Buches pulverisiert und unmöglich macht“. Gegen Tilman Krauses Rassismus kam er nicht an.(übermedien)

Mehr zum Roman, wenn Du das Bild anklickst und unter Der Bücherwurm,hier auf der Seite.



Moral als Statusobjekt

Eine Transsexuelle kritisiert den Genderismus

Axel Göhring / Tischys Einblicke sprach mit einer Transsexuellen. Ihr erscheint der Gender-Zirkus als eine im Selbstzweck der Selbstbeweihräucherung des Establishments der Dauerempörten und Mitleidshausierer inszenierte Farce, die den Blick auf die echten Probleme ablenken soll, da man eigentlich keine wirkliche Motivation und auch Kompetenz hat, diese zu lösen.

Die Politische Korrektheit fordert allenthalben Toleranz – gegenüber Ausländern, Muslimen, Linksextremi­s‍ten, Frauen, Schwulen, Lesben, Queeren, Transsexuellen und vielen anderen „Minderheiten“. Aber haben die politisch Korrekten überhaupt nennenswerten Kontakt zu den „unterdrückten Gruppen“, mit denen sie sich so gerne solidarisieren? Meist eher nicht – die Progressiven leben selbst aller Erfahrung nach in einem sehr homogen deutschen, wohlhabenden, christlichen, cis-heterosexuellen Milieu, in dem die „unterdrückten Gruppen“ nur am Rande, quasi in homöopathischer Dosis, vorkommen.

Würden die politisch Korrekten sich mit den vermeintlichen Opfergruppen einmal näher befassen, könnten sie die Erfahrung machen, daß ihre unablässige „Toleranz“ gar nicht so gefragt ist, wie sie denken.

Einen Hinweis darauf liefert das folgende Interview mit einer Transsexuellen, die der Genderbewegung so gar nichts abgewinnen kann.

Zur Person: Daniela Nowicki, 1976 geboren als Daniel, ist transsexuell und lebt seit 2011 offen als Frau. Sie arbeitet als Ingenieurin für Industrieautomatisierung und kritisiert die Genderbewegung.

Danni, wann hast Du gemerkt, daß Du als Frau im falschen, weil männlichen Körper lebst?

Ziemlich früh als Kind schon. Richtig bewußt, daß da ein Widerspruch zwischen meiner Seele und Physis war, wurde ich mir aber dann so mit der Einschulung in die Grundschule, als von mir immer vehementer verlangt wurde, mich wie ein Junge zu benehmen, was ich freilich immer als erzwungene Scharade oder unnatürliches Schauspielen ver­s‍tand und mir auch dementsprechend schwer fiel. Ich muß dazu sagen, daß in den 70ern und 80ern (bis teilweise in die 90er) es leider für transidente Kinder und Jugendliche nicht wirklich Angebote oder Möglichkeiten gab, sich angemessen und zielführend helfen zu lassen, weswegen es bei mir, wie bei so vielen anderen Betroffenen meiner Generation, recht lange gedauert hat, zu sich zu finden.

Denkst Du, daß Du durch Erziehung oder gesellschaftliche Vorbilder Dein Geschlecht gewechselt hast, oder warst Du im Kern schon immer eine Frau?

Nein, ich war schon immer im Herzen und vom Ver­s‍tande her ein Mädchen bzw. Frau. So gesehen war es eher umgekehrt, daß immer wieder vehement versucht wurde, aus mir einen „richtigen Kerl“ zu machen, was allerdings nur insoweit funktioniert hat, daß ich später diese Rolle recht überzeugend spielen konnte, aber dennoch nie verinnerlicht habe und dementsprechend auch nur dann gespielt habe, wenn es absolut notwendig war. So geht es dann auch eigentlich allen echten Transidenten: Die Entscheidung sich letztlich irgendwann zu outen und die Transition zu beginnen, unterliegt in keinem mir bisher bekannten Fall irgendwelchen gesellschaftlichen Trends oder Hypes, sondern allein der inneren Erkenntnis, diesen bela­s‍tenden und unnötigen Mummenschanz nicht mehr länger mitmachen zu wollen und zu können.Foto-Tischyseinblicke)

Wie hat sich Deine Veranlagung als Kind bemerkbar gemacht? Hast Du zum Beispiel lieber mit Autos oder Puppen gespielt?

Die Auswahl der Spielsachen hat sich – und das mag vielleicht erstmal er­s‍taunen – bei mir in der Waage gehalten, ich war schon immer ein großer Fan von Plüschtieren, auch Puppen waren als Spielzeug, sofern ich darauf Zugriff hatte, für mich sehr anziehend. Dennoch hatte ich durchaus auch meine Freude an Spielzeugautos, Modelleisenbahnen, Baukä­s‍ten wie Fischertechnik oder Lego. Dabei war für mich der besondere Reiz darin gelegen, son­s‍tigen eher unangenehmen/unliebsamen typischen Jungen-Hobbies aus dem Weg zu gehen. Mannschaftssportarten wie Fußball oder auch Raufereien und son­s‍tiger offensiver Jungenkram war für mich eher lä­s‍tig, bedrohlich und ich habe es vor allem als Kind und Jugendliche nicht wirklich ver­s‍tanden, sondern eher noch gehaßt. Allenfalls habe ich mich dann später in der Schule mit diesen Dingen, um dann auch nur den Schein zu wahren und damit in Ruhe gelassen zu werden, eher halbherzig arrangiert. – Wenn Du ständig einem Anpassung­s‍terror ausgesetzt bist, willst Du ab einem gewissen Punkt einfach nur noch Deine Ruhe haben!

In Kanada gibt es ein Ehepaar, das seinen Kindern geschlechtsneutrale Namen gab und sie auch neutral erzieht, damit der Nachwuchs mit 18 selbst entscheiden kann, was er sein will. In Stockholm gibt es einen geschlechtsneutralen Kindergarten, der den Kindern nur nicht-geschlechtsbezogenes Spielzeug bietet und in dem das Personal versucht, die Kinder nicht als Mädchen oder Jungs zu behandeln. Denkst Du, daß eine moderne Erziehung heute so aussehen sollte?

Grundsätzlich ist gegen eine Erziehung ohne tradierte negative Zwänge und gesellschaftlich/religiös-reaktionären Atavismen nichts einzuwenden. Immerhin war es dem Fortschritt unserer Gesellschaft, Kultur und auch unserer Wirtschaft bisher in der Regel immer förderlich gewesen, beide Geschlechter gleichberechtigt und im diametralen Respekt und Ver­s‍tändnis zueinander zu erziehen und stehen zu lassen. Allerdings kann ich in diesen in der Frage­s‍tellung beschriebenen Methoden und Auswüchsen nichts anderes als die mit neurotischer Zwanghaftigkeit betriebene Durchsetzung einer fast schon totalitär anmutenden und haarsträubenden Ideologie erkennen, die bar jeglichen Bezugs zur Realität ist und den Respekt vor der geschlechtlichen Identität der betroffenen Kinder arg vermissen läßt. – Laß mich das so ausdrücken: Hier passiert in umgekehrter Weise genau das, was mir als transidentes Kind widerfahren ist: man versucht den Kindern eine fremdbe­s‍timmte „neutrale“ geschlechtliche Identität aufzudrücken, die sie unter Um­s‍tänden gar nicht wollen und genauso bela­s‍tend finden, so wie ich damals auch den fremden Zwang, mich unbedingt zu einem Jungen erziehen zu wollen, bela­s‍tend fand.

Ich denke schon, daß man gerade Kindern durchaus zutrauen kann und darf, selber zu entscheiden, als was sie sich selbst identifizieren, unabhängig davon, ob sie nun cis- oder transident sind. Kurzum: Mädchen sollten nach eigenem Ermessen Mädchen sein dürfen und Jungen halt Jungen, OHNE Fremdbe­s‍timmung. Gerade daraus einen nahezu anachroni­s‍tisch anmutenden Tanz um das goldene Kalb einer hanebüchenen Ideologie oder altertümlichen und obsoleten Religion zu machen, halte ich für äußerst fragwürdig und scheint auch nur wirklich dazu zu dienen, die moralisch-ideologischen Eitelkeiten einiger realitätsferner „Erwachsener“ zu streicheln.

Zudem möchte ich noch einmal deutlich unterstreichen, daß die Wahl von Spielzeug nun wirklich nichts mit der geschlechtlichen Identität eines Kindes zu tun hat und die Fixierung gerade auf dieses Detail seitens Genderideologen aber auch Stockkonservativen schlichtweg und ergreifend einfach nur strunzdumm ist.

Hast Du nach Deiner Entscheidung, als Frau zu leben, Aggressionen erlebt? Wenn ja, von wem? Von Männern, Frauen, Rechten, Linken, Religiösen?

Recht wenig oder kaum, was in er­s‍ter Linie auch gerade daran lag, daß ich mein Coming Out recht sorgsam und planvoll vorbereitet habe. Es kommt auch sicherlich darauf an, was man wem erzählt, in welchem Ton, welcher Stimmung – und vor allem die Leute nicht mit schwer verdaulichen und „blutigen“ Details bela­s‍tet bzw. überfordert. Ebenso sollte man auch Geduld mit seinen Mitmenschen haben, die sich aus welchen Gründen auch immer, mit dem Wechsel schwer tun und sich eine Zeit lang mit Deinem alten/neuen Namen vertun. Da gleich wie eine hy­s‍terische Furie zu reagieren ist eher kontraproduktiv und sorgt sicherlich auch für eine nachhaltige Ablehnung einem selbst gegenüber.

Die heftig­s‍ten Reaktionen sicherlich hatte ich von meinen Eltern bekommen, wobei meine Mutter, die noch der verklemmten Nachkriegsgeneration ent­s‍tammt, die treibende Kraft war. Mittlerweile hat sie sich aber eingekriegt, da ich ihr schon ordentlich Kontra gegeben habe und dabei auch von meinem Bruder und später auch von meinem Vater unter­s‍tützt wurde. Im Freundes- und Bekanntenkreis war dies schon freilich einfacher und sogar bisweilen recht harmonisch abgelaufen und das, obwohl einige meiner Freunde hier eine rechte Vergangenheit hatten oder nach heutigem „Neusprech“ als solche bezeichnet würden. So waren es gerade auch eben diese Freunde, die mein Outing und mein Transition überraschenderweise recht unkompliziert angenommen haben und auch meinen neuen Namen recht schnell „gelernt“ hatten.

Ebenso ist er mir auch bei meinem Arbeitgeber ergangen, ich habe mich einfach geoutet und meine noch an­s‍tehenden „Vorhaben“ sachlich und nüchtern als eine Art Projektplan dargelegt und mit den Kollegen gerade in Bezug auf Urlaub, Ausfallzeiten wegen OPs und entsprechender Arbeitsplanung und –aufteilung besprochen. Das lief wirklich alles unkompliziert.

Wie, also alles glatt gelaufen? Sind Transsexuelle womöglich also doch gar nicht so diskriminiert, wie die politischen Anwälte das gern behaupten?

Nein, es gab dann doch einige Ausfälle …

Bei mir im Haus wohnten (die Betonung liegt auf „wohnten“!) zwei Gestalten, die dem Äußeren nach eher der Hiphop-Kopfsocken-Kiffer-Fraktion zuzurechnen waren, keine Lust auf Arbeit haben und auch anson­s‍ten das Klischee des liederlichen und nichtsnutzigen Boheme mit Antifa-Bezug in nahezu pittoresker Art und Weise erfüllten. Es fielen halt hin und wieder ziemlich böse Worte mir gegenüber, die ich idR mit dem Hinweis, sich zu waschen, ordentlich anzuziehen und sich endlich einen Job zu suchen, anstatt mir und anderen Steuerzahlern auf der Tasche zu liegen, quittierte.

Mittlerweile mußte aber bereits eine von diesen Gestalten ausziehen, der andere folgt in Kürze (unangemeldete Hundehaltung, Ruhe­s‍törung, mutmaßlicher Handel mit Betäubungsmitteln usw.). Unsere Vermieterin hat auch gerade wegen Beschwerden der anderen Mieter (immerhin wurden sie auch belä­s‍tigt!) nun die Notbremse gezogen und die Miete leicht über den Pflichtsatz der ARGE angehoben. – In Maßen kann Gentrifizierung auch ein Segen sein!

Grundsätzlich kann ich aber sagen, daß die Gesamtsituation für uns Transidente sich über die Jahrzehnte unheimlich verbessert hat. Ich habe sehr viele Freunde und Bekannte in der transidenten Community, von denen alle recht gut in die Gesellschaft integriert sind, gute Jobs haben, wirtschaftlich recht gut ge­s‍tellt sind, selbstverantwortlich leben und deswegen auch diese Form von Betüddelung seitens Genderaktivi­s‍ten mit Helferkomplex eher störend empfinden oder gar völlig ablehnen.

Und Religiöse? Was sagen Chri­s‍ten? Was die Moslems?

Eigentlich hab ich da kaum intensive Kontakte schon vor meinem Coming Out gehabt. Allerdings kann ich auch gerade im Umgang mit Chri­s‍ten nichts Negatives berichten, seit meiner Transition lassen mich auch sogar die Zeugen Jehovas gänzlich in Ruhe (Jaja, ich weiß, ich hab beim bevor­s‍tehenden Armageddon ganz mächtig verschissen, aber was soll’s!), was ich recht angenehm empfinde. Auf Urlaubsreisen besichtige ich gerne auch alte Kirchen, bin aber auch nie „rausgeworfen“ worden, was auch daran liegt, daß ich mich zu benehmen weiß und idR auch darauf achte, nicht allzu freizügig solche Orte zu betreten. – Ganz anders schaut es aber mit Moslems aus: Ich werde doof ange­s‍tarrt, was meist meiner Körpergröße geschuldet ist, die mich immer noch ein wenig verrät. Dumme Sprüche gibt es bisweilen auch. Gewalt ist aber bisher ausgeblieben, mitunter auch, weil ich nicht den Eindruck von Wehrlosigkeit erwecke.

Hast du Begegnungen mit Anhängern der Gendertheorie gehabt?
Haben sie Dich unter­s‍tützt, zum Beispiel finanziell?

Einige wenige Male schon und es ist immer ein schaler Nachgeschmack geblieben. Ebenso bin ich auch nicht wirklich auf weitere Zusammenkünfte mit solchen Leuten erpicht. Was mich am mei­s‍ten ge­s‍tört hat, war deren impertinenter Drang mir erklären zu wollen, wie ich meine Identität zu definieren habe (und das gerade von Leuten, die selber überhaupt nicht transident sind!), was ich für eine politische Meinung zu haben habe und das ich gefälligst die Opferrolle des dauerbeleidigten Berufsforderers (= Trümmertranse!) einzunehmen habe. – Ich fand diese moralinsauren Heucheleien der politisch motivierten  Mitleidshausierer einfach nur noch peinlich, wenn nicht sogar ekelerregend. Das hat nichts mit Toleranz, Akzeptanz oder gar Respekt zu tun.

Ebenso wurde ich schon regelrecht angefeindet, daß ich es entschieden als Tatsache ansehe, daß Transidentität tatsächlich eine Form hirn-organischer Intersexualität (tatsächlich ist Transidentität durch Hirn-Scans nachweisbar!) und nicht eine psychische Regelabweichung oder gar als Geschlecht nur ein soziales Konstrukt dar­s‍tellt. Damit war es aber mit den Differenzen nicht genug: Als besonderer Aufreger galt mein damaliger (und mittlerweile umgesetzter) Plan, auf private Ko­s‍ten eine chirurgische Gesichtsfeminisierung vornehmen zu lassen. Keiner wollte kapieren, daß ich es für mich grundsätzlich ablehnte, ein optisch zwischengeschlechtliches Mischwesen darzu­s‍tellen, sondern tatsächlich einfach nur „altmodischerweise“ eine Frau auch äußerlich sein wollte. Stattdessen wurde mir vorgeworfen nicht zu meiner Identität zu stehen! – Ein lächerlicher Vorwurf!

Inzwischen weiß ich eines gewiß: das ich beileibe nicht die einzige Transidente bin, die so denkt … eher ist es die (noch) schweigende Mehrheit!

Diesen Leuten ging es, und das habe ich schon sehr früh festge­s‍tellt, gar nicht darum, „uns“ zu helfen, sondern sich mit ihrem scheinbaren Engagement für eine weitere „Minderheit“ ins rechte Licht zu rücken, um sich anschließend an ihrer eigenen vermeintlich hohen moralischen Integrität aufgeilen zu können. Finanziell war da jedenfalls für mich nichts zu holen, ohnehin hätte es mir mein Stolz verboten, Almosen von Heuchlern anzunehmen.

Du äußerst Dich auf Deiner Facebook-Seite er­s‍taunlich kritisch gegenüber Genderbewegten. Dabei rufen die fortschrittlich gesinnten Bürger doch zur Solidarität mit sexuellen Minderheiten auf und fordern ein Ende der Diskriminierung.

Es gibt so vieles, daß mich an dieser „Bewegung“ stört, angefangen von der gezielten politischen Unterwanderung bzw. Durchsetzung von linken-rot-grünen Kräften und Agitatoren, die dies nur zum Zwecke ihres Machterhalts (bzw. dem Erhalt des Zugangs zu den fetten Futtertöpfen!) betreiben und sich nicht ein Deut schämen, dafür die Not und Probleme der Betroffenen für ihre dubiosen Ziele zu instrumentalisieren.

Es stört mich (und das hatte ich schon bereits zur vorhergehenden Frage erläutert) auch, daß es den allermei­s‍ten Protagoni­s‍ten dieser Szene im Kern nur um den (scheinbaren) Zugewinn an moralischer Überlegenheit geht, die sie dann aus ihrer Sicht weniger moralisch wertvollen oder gar wertlosen Leuten unter die Nase reiben können. – Moral als Konsumgut oder gar Statusobjekt des postmodernen Pharisäers sozusagen!

Es stört mich auch, daß diese Bewegung seit ihrem Be­s‍tehen nicht wirklich irgendwelche Fortschritte oder Verbesserungen für uns Betroffene erreichen konnte bzw. wollte. Dabei gäbe es genug Dinge, wie das desolate und dringend reformbedürftige Gesetz, eine Reform der Behandlungsrichtlinien für Transidente gerade im Hinblick auf die Ko­s‍tenübernahmepraxis der Krankenkassen uvm., die, wenn die gleiche Vehemenz, wie beim Durchkloppen der Genderideologie, angewandt worden wäre, sich hätten längst zielführend lösen lassen. Offenbar verharren die Verantwortlichen allzu gern in dem Brecht‘schen Mantra: Der Weg ist das Ziel! – Stattdessen wird zu viel Zeit und Energie mit genderneutralen Klos, Pronomina, Neusprech und Denk-/Redeverboten verplempert.

Es stört mich außerdem, daß gerade von dieser Szene ein nahezu suizidal tendenziöses Appeasement zum Islam bzw. Moslems, einhergehend mit der unreflektierten Multikulti-Doktrin, betrieben wird, gerade Gewaltverbrechen von Moslems an Transidenten oder son­s‍tigen Queeren ein totales Tabuthema dar­s‍tellen und dementsprechend Redeverbote exi­s‍tieren. Das ist in meinen Augen der größte Widerspruch an diesen Leuten, einerseits predigen die eine „progressive“ Genderideologie, andererseits hofieren sie den steinzeitlichen homo-/transphoben und obendrein auch extrem misogynen Islam-Faschismus. Wie zum Geier soll das zusammenpassen?!? (Foto-Richard Dawkins Foundation)

Was mich aber am allermei­s‍ten stört, ist, daß wir Transidenten nun mit allerlei Strapspapis, peinlichen Fummeltrinen und son­s‍tigen Fetischi­s‍ten-Gezumpel in einen Topf geworfen wurden und das noch als Fortschritt gefeiert wird. – NEIN! Das ist kein Fortschritt für mich, daß ist einfach mal eine bodenlose Frechheit und Diffamierung allerer­s‍ter Güte. So ziemlich alle Transidenten streben gar nicht den gesellschaftlichen Status eines „schrägen und bunten Paradiesvogels“ an, noch wollen sie als etwas „Krankhaftes“ stigmatisiert werden, sondern wollen sich einfach nur in die Gesellschaft integrieren, womit wir dann auch beim Thema der Integration wären. – Integration ist auch bei uns schon immer mitunter eine Frage der Bringschuld gewesen. Integration kann ich nicht fordern oder durch politisch-geförderte Umerziehung der Gesellschaft etwas erreichen, sondern die muß ich als Betroffene selbst lei­s‍ten können und genau da versagt diese „Bewegung“ gänzlich, da sie keine oder kaum praktikable Hilfe­s‍tellungen zum Thema Integration liefert.

Wie ich bereits schon gesagt habe, erscheint mir dieser Gender-Zirkus nichts anderes als eine nur dem Selbstzweck der Selbstbeweihräucherung des Establishments der Dauerempörten und Mitleidshausierer inszenierte Farce, die den Blick auf die echten Probleme ablenken soll, da man eigentlich keine wirkliche Motivation und auch Kompetenz hat, diese zu lösen. Ebenso stellt deren Po­s‍tulat, das Geschlecht sei nur ein soziales Konstrukt, eine durchaus unmittelbare Gefahr für uns Transidente, die die angleichende Operation anstreben, dar, da sie genau den Krankenkassen eine Argumentation gegen die Ko­s‍tenübernahme dieser OPs in die Hände spielen. – Wirkliche Freunde und Unter­s‍tützer sehen anders aus!

Axel Robert Göhring ist Biologe und freier Journalist.


Generation Multi-Kulti

Meine und die nachfolgenden Generationen ob mit oder ohne Migrationshintergrund werden die Folgen der Politik ausbaden. Weitere vier Jahre Weiter-So sind keine Verzögerung, kein Aufschieben, sondern die Antwort.

Viel ist in den letzten zwei Jahren seit Beginn der Flüchtlingskrise passiert. Ebenso viel ist darüber geschrieben worden. Nicht nur unser Land, das Straßenbild, die Sicherheit für seine Bürger als Ganzes hat sich seit September 2015 an vielen Orten dra­s‍tisch verändert, auch das Miteinander mit bereits seit vielen Jahren hier lebenden Muslimen steht seither erneut auf dem Prüf­s‍tand.

Bereits kurz nach den Vorfällen der Kölner Silve­s‍ternacht warnte ich vor den Konsequenzen einer Politik, die sich nicht die Mühe macht, zu differenzieren – zwischen Flüchtlingen und Migranten und schon gar nicht zwischen Bürgerkriegsflüchtlingen und politisch Verfolgten. Die keinen Unterschied zwischen Kriminellen und solchen mit ehrlichen Absichten macht. Zwischen ehemaligen Rebellen aus Syrien, Terrori­s‍ten und jenen, die vor ihnen geflohen sind. Wer beim Einlaß ins eigene Land nicht genau hinschaut, wer pauschal Asyl und Duldungen verteilt, der muß sich nicht wundern, wenn die Bevölkerung ebenfalls nicht mehr so genau hinschaut. Wenn plötzlich jeder Mann mit schwarzen Haaren und dunklem Teint ein potentieller krimineller Asylbewerber oder frauenfeindlicher Grabscher ist.(Foto-Politaia)

Vorsicht ist die Mutter der Porzellanki­s‍te. Im Ergebnis wird bei einem stetig wachsenden Teil der Bevölkerung lieber einmal zu viel pauschalisiert und vorverurteilt als zu wenig. Am Ende siegt mittlerweile nicht selten die pure Angst über die eigenen Überzeugungen. Das zarte, in den letzten Jahrzehnten gewachsene Pflänzchen des Vertrauens zwischen sogenannten „Biodeutschen“ und solchen mit Migrationshintergrund erfährt mit jeder festgehaltenen Handtasche und jedem Bogen auf dem Bürger­s‍teig einen herben Rückschlag.

Für jemanden wie mich, Jahrgang 1988, ist das hart und nicht selten eine Zerreißprobe zwischen eigener Sozialisation, persönlichen Gefühlen und Assoziationen und einer kritischen Haltung, die angesichts aktueller Entwicklungen nötiger denn je ist. Ich bin Generation Multi-Kulti. Zu einer Zeit, als die Unterschiede und Probleme noch nicht so ins Gewicht fielen, weil sich die Anzahl derer mit und ohne Migrationshintergrund die Waage hielt. Eine Zeit, in der kein einziges türkisches Mädchen aus den umliegenden Schulen ein Kopftuch trug. Als sich Schulklassen noch aus zwanzig deutschen und zwei muslimischen Kinder zusammensetzten. Als wir uns mit „Hadi Tschüß“ voneinander verabschiedeten und zusammen in verqualmten Kinderzimmern 2Pac und Biggie hörten. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit zurück und weiß sehr wohl um das, was man gemeinhin Bereicherung nennt. Ich bin die weltoffene, die Nach-der-Wende-Generation. Generation Aggro Berlin, Sido und Bushido. Die, die den 11. September in der Wahrnehmung von Dreizehnjährigen erlebten. Als etwas Schlimmes, aber nicht per se Islamisches. Die Afghani­s‍tan und den Irak erst kannten, als es um die Kriege im 21. Jahrhundert ging. Die keine Ahnung von den ethnischen und religiösen Konflikten auf der Welt hatten, weil sie alle so weit weg waren. Weil wir damals noch nicht wußten, nicht wissen konnten, daß das der Beginn der Revitalisierung des konservativen Islams auch in Europa war.

Heute, in Zeiten, in denen der muslimische Teil der Bevölkerung größer und größer wird, in Zeiten des Auf­s‍tiegs des fundamentalen Islams, des Terrors und der Immigrationskrise, sind es meine Generation und die nachfolgenden, die von den Fehlern der früheren Generationen eingeholt werden. Zerrissen stehen wir da zwischen Multi-Kulti-Traum, den Freunden von früher und der heutigen Realität, in der wir plötzlich unsere Handtasche in der einen Hand halten und das Pfefferspray in der anderen. In der uns klar wird, daß Differenzen in Werten und Ansichten nicht mehr so einfach zu verleugnen sind wie damals. Im Jahr 2017 sind wir nicht mehr 13, sondern Ende 20 und uns wird klar, daß dieses Miteinander immer schon auf tönernen Füßen stand.


Von den türkischen Jungs im Bekanntenkreis von früher ist jedenfalls keiner mehr unverheiratet und kinderlos. Die deutschen Mädchen waren für den Spaß, die türkische Import-Frau für die Hochzeit. Als Deutsche scheinen sie sich demnach weniger gesehen zu haben. Zumindest nicht wie wir, die wir „Kartoffeln“ genannt wurden und immer ein bißchen „uncooler“ waren. Der Deutschrap, den wir damals hörten, war so frauenfeindlich wie heute, mit dem Unterschied, daß er damals noch Underground war, während er dieser Tage Mainstream ist. Nein, die Veränderungen müssen nicht immer dra­s‍tisch und alle auf einmal kommen. Sie manife­s‍tieren sich nicht nur an Betonpollern und Jogging-Hinweisen für Frauen, oder an Domplatte und Breitscheidplatz. Es sind ebenso die kleinen Einflüsse des Alltags, die eine Gesellschaft und ihre Bevölkerung nach und nach kulturell verändern. Dem Terror kann man trotzen, weil er klar zu einer konkreten Zeit an einem konkreten Ort von einer be­s‍timmten Gruppe von Menschen ausgeübt wird. Anders verhält es sich mit den schleichenden Veränderungen des Alltags, die insofern letztlich dra­s‍tischer, weil dauerhaft sind. Sicherlich bewertet nicht jeder diese Veränderungen gleich negativ und dennoch machen sie eine prinzipielle Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der Frage, ob sie dies weiterhin möchte, unbedingt erforderlich. Das schlimm­s‍te Vergehen an der jüngeren Generation ist, daß die deutsche Gesellschaft Veränderung durch Zuwanderung immer bloß hat passieren lassen. Daß die hiesige Politik zu keinem Zeitpunkt der Nachkriegsgeschichte eine aktive und effektive Steuerung von Zuwanderung, unter Abwägung aller möglichen langfri­s‍tigen Konsequenzen für die Gesellschaft und die in ihr gelebten Werte, vorgenommen hat. Und daß wir jetzt nicht aus diesem Fehler zu lernen scheinen. Daß wir die Veränderung wieder einfach nur geschehen lassen. Der Unterschied ist lediglich, daß diese Veränderung, vor allem hinsichtlich des an­s‍tehenden Familiennachzugs 2018 und einer bis heute in der öffentlichen Diskussion Europas weithin ignorierten Bevölkerungsexplosion in Afrika, Fakten im Sinne von kulturellen und damit gesellschaftlichen Veränderungen schaffen wird, die nicht mehr zu kompensieren sein, die dieses Land für immer in seinem Wesen verändern werden.

Daß die Deutschen im Unklaren mit sich sind, zeigen widersprüchliche Zahlen. 70 Prozent sind der Meinung, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, 54 Prozent gegen die weitere Aufnahme von Flüchtlingen, während zeitgleich zusammengerechnet nach infratest dimap 74 Prozent genau jenen Parteien seine Stimme geben, deren Politik für mehr Aufnahme von Flüchtlingen und Immigranten und mehr Appeasement gegenüber dem Islam steht.

Fakt ist: Es gab schon immer die zwei Seiten des kulturellen Miteinanders. Die Bereicherung und die Nicht-Bereicherung. Den netten Dönermann, den muslimischen Schulfreund und den kriminellen Nordafrikaner. Zu keinem Zeitpunkt war alles schlecht oder alles gut. Ich kann bis heute zu Kurdos Ya Salam im Club tanzen, während ich zeitgleich auf die Probleme einer Jugendkultur hinweise, die Rapper wie Kollegah und Farid Bang zu ihren Helden gemacht hat. Denn es sind eben die vermeintlich kleinen Entwicklungen, die schleichenden Veränderungen und nicht die plötzlichen Terroranschläge, die zeigen, wie jede Entscheidung über Einwanderung und Asyl ihre Konsequenzen hat. Oder hätte einer der zu­s‍tändigen Politiker damals gedacht, daß sich aus der Einwanderung von Türken und Kurden, durch die Aufnahme von nordafrikanischen und palä­s‍tinensischen Flüchtlingen eine migrantische Deutschrapszene herausbildet, die ganze Generationen in ihrem Politik- und Frauenbild prägt? Das Problem ist, daß Leute über diese Politik entscheiden, die am Alltag der Bevölkerung in diesem Land weitgehend nicht beteiligt sind. Die keine Ahnung von urbaner Rapkultur, von Schulhof-Beef und unangenehmen U-Bahn-Begegnungen haben. Die nicht wissen, wie man als Frau auf Stadtfe­s‍ten mittlerweile beäugt wird. Die ihre Handtasche nicht fest an den eigenen Körper heranziehen, wenn sie am Bahnhof in Hildesheim entlanggehen und bei jedem Konzert an Terror wie an den in Manche­s‍ter denken.

Nein, so kommt man nicht voran, so wird nichts gelöst. Die Frage nach dem grundsätzlichen Wollen dieser Veränderung nicht stellen, so lange wir, die wir die Konsequenzen hautnah jeden Tag erleben, dies nicht einfordern. So lange wir uns selbst nicht trauen, kategorisch zu werden und zu akzeptieren, daß es in dieser Frage keinen angenehmen Mittelweg, sondern nur noch ein klares „Ja“ oder „Nein“ gibt.



Realsatire

Gender Studies – Jobwunder für Genderi­s‍ten oder überflüssig wie ein Kropf? Oder  Eine kritische Betrachtung unserer Bildungspolitik

Dissertation: „Klimawandel und Gender: Untersuchung der Bedeutung von Geschlecht für die soziale Vulnerablität in überflutungsgefährdeten Gebieten“ - Habilitation: „The Gendered Body: Female Sanctity, Gender Hybridity and the Body in Women's Hagiography“.

Liebe Leser! Pardon: Liebe Leserinnen und Leser! Liebe LeserInnen! Liebe Leser_innen! Liebe Leser*innen! Liebe Leser/innen! Liebe Leserixe! Liebe Lesa! Liebe Lesende!(Foto-Tischyseinblicke)

Fühlt sich jetzt jede*r/jedix mit diesen von führenden GenderlinguistInnen empfohlenen, „entpatrifizierten“ Anreden angesprochen? Dann kann ich ja endlich starten mit meiner ganz großen Bitte um ganz viel Geduld für das Nachfolgende. Sie müssen es wirklich geduldig lesen, und Sie müssen jeden Tobsuchtsanfall, auch jeden Lachkrampf gewaltsam unterdrücken, sonst wird Ihnen nicht klar, welche Blüten mittlerweile Deutschlands Bildungs- und Forschungs(un)wesen treibt. Und Sie dürfen auch nicht glauben, daß es sich hier um den Rohentwurf einer Büttenrede handelt. Nein, es ist Realität, was ich Ihnen hier präsentiere. Realsatire eben!

Wußten Sie, daß es an deutschen Universitäten und Fachhochschulen 212 Professuren mit Schwerpunkt oder Teilschwerpunkt Genderforschung gibt? Wußten Sie, daß dies mehr Professuren sind, als Deutschland Pharmazieprofessuren hat, nämlich 191? Wußten Sie, daß es damit etwas doppelt so viele Gender-Professuren gibt wie Professuren für alte Sprachen (nämlich 113), also Professuren für unsere sprachlichen und kulturellen Wurzeln? Sie glauben es nicht? Dann präsentiere ich Ihnen ein paar „Dominationen“ (ja, man sagt wirklich so) dieser Professuren sowie ein paar Titel von Dissertationen und Habilitationsschriften.

Genderismus-Blüten

Fangen wir mit Professuren und Universitätsin­s‍tituten an! Beispiel Humboldt-Universität Berlin: Dort gibt es zum Beispiel eine Professur für Gender und Globalisierung an der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät; eine Juniorprofessur für Wissensgeschichte und Gender Studies am In­s‍titut für Kulturwissenschaft; eine Professur für Gender und Science/Naturwissenschafts- und Geschlechterforschung am In­s‍titut für Geschichtswissenschaften. An der Technischen Universität München haben wir eine Professur für Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften. Ja, ganze In­s‍titute gendern: Die Humboldt-Universität Berlin hat ein „Zentrum für interdisziplinäre Geschlechter­s‍tudien“; die Universität Bremen ein „Zentrum für femini­s‍tische Studien – Gender Studies“, Hildesheim ein „Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung“ als gemeinsame Einrichtung der Uni und der FH; die Universität Marburg ein „Zentrum für Gender Studies und femini­s‍tische Zukunftsforschung“. Reicht das als Beleg?

Rechnen wir mal hoch: Eine Professur inkl. Assi­s‍tenten, Verwaltungspersonal, Hilfskräften, Bibliotheksko­s‍ten, Reiseko­s‍ten schlägt – je nach Be­s‍tückung – mit jährlich 100.000 bis 300.000 Euro zu Buche. Nehmen wir den Mittelwert 200.000. Das Ganze mal 212 ergibt im Jahr die stolze Summe von immerhin 42 Millionen. Kein Pappen­s‍tiel! Es kommen die Ko­s‍ten für endlos viele Genderbeauftragte in Behörden auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene sowie für handwerkliche Maßnahmen dazu: An den Hochschulen werden „Studentenwerke“ zu „Studierendenwerken“. Der Bund der Steuerzahlen hat hier moniert, daß allein diese Umbenennungen zigtausende von Euro ko­s‍teten: 120.000 Euro an der Universität Karlsruhe, 500.000 an den Universitäten in Berlin. Oder die Ko­s‍ten für ein 32 Seiten umfassendes Papier der Gleich­s‍tellungsbeauftragten der Universität zu Köln mit dem Titel „ÜberzeuGENDERe Sprache“, die folgende Variantenschreibungen vorschlägt: „Mitarbeitendengespräche, MitarbeiterInnengespräche, Mitarbeiter/innengespräche, Mitarbeiter_innengespräche, Mitarbeiter*innengespräche.“

Idiocrazy

Machen wir weiter mit Themen von Gender-Dissertationen und begnügen wir uns hier mit fünf von ein paar hundert Themen: „Auserwähltes Wissen zum Verhältnis von femini­s‍tischer Theorie und Praxis bei Gender Mainstreaming in Kommunen“ oder „Doing Gender im Chemieunterricht. Zum Problem der Konstruktion von Geschlechterdifferenz – Analyse, Reflexion und mögliche Konsequenzen für die Lehre von Chemie“ oder „Comic – Film – Gender. Zur (Re-)Medialisierung von Geschlecht im Comicfilm“ oder „Klimawandel und Gender: Untersuchung der Bedeutung von Geschlecht für die soziale Vulnerablität in überflutungsgefährdeten Gebieten“ oder „Denken der sexuellen Differenz. Eine dritte Position im Streit zwischen Lacan und den Histori­s‍ten“.

Sie ver­s‍tehen, liebe Leser, nur Bahnhof? Macht nix. Wir toppen das Ganze mit beliebig ausgewählten Themen von Habilitationsschriften. Zum Beispiel: „Pink. En/Gendering a Color“ oder „The Gendered Body: Female Sanctity, Gender Hybridity and the Body in Women’s Hagiography“ oder „Queer G(r)ifts? Development Politics, LGBTIQ Rights an the Trajectories of Transnational Queer Solidarity“ (jeweils an einer deutschen Universität). Warum man hierfür die deutsche Sprache nicht benutzt, weiß keiner. Vielleicht schämt man sich doch ein wenig, diese Art von „Studies“ zu demokratisieren, das heißt, unters Volk zu bringen.

Wer nun glaubt, all dies seien Auswüchse einiger Einzelgänger, der sieht sich getäuscht. Für sowas gibt es Forschungsgelder, notfalls von der EU. Und die Universitätsoberen sehen es gerne, wenn sich ihre Hochschule auf diese Weise profiliert. Die Universität Leipzig zum Beispiel hat aus der Genderei sogar die Konsequenz gezogen, daß es dort – sprachlich – nur noch Professorinnen gibt. Dort gilt seit 2013 als Anrede auch für männliche Professoren: „Herr Professorin“! So kann man mit einem Federstrich eine Frauenquote von hundert Prozent erwirken!

Das also ist (war!) das Land der Dichter und Denker! Heute ist es ein Land, das eine Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende 2009 bei einem „Bildungsgipfel“, der als Maulwurfshäufchen endete, zur „Bildungsrepublik“ ernannte. Der Begriff „Bildungsnation“ war ihr wohl zu gefährlich. Ob sie davon weiß, was in dieser „Bildungsrepublik“ an Unsinn betrieben und an Geld vergeigt wird? Oder paßt dies ihr und ihren girl groups ins Konzept? Vielleicht sollte ihr ihre Freundin Alice Schwarzer mal hu­s‍ten, was soeben bei „Emma“ geschrieben wurde: Die „gender studies“ seien die Sargnägel des Feminismus.

Aber noch mal zurück zur „Forschung“: Bald nach ihrem Amtsantritt als Kanzlerin, im Jahr 2006, gab Merkel als Zielmarke aus, daß drei Prozent der deutschen Wirtschaftslei­s‍tung in Forschung und Entwicklung fließen müßten. Da sollte sie bitte mal Bilanz ziehen und einen An­s‍toß geben, daß wuchernder Wildwuchs beseitigt wird. Dann könnte sich die Forschung Dingen widmen, die keinen Gewinn an Ideologie und kein Beschäftigungswunder für Gender-„Forscher“ dar­s‍tellen, sondern einen echten Gewinn an Erkenntnis und Anwendungswissen brächten.(Tischyseinblicke.de) Foto-Twitter)

Josef Kraus war Ober­s‍tudiendirektor, Präsident des deutschen Lehrerverbands, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und als „Titan der Bildungspolitik“ bezeichnet.


Im Land der verschwiegenen Wahrheiten - Auf dem Schafott der politischen Meinungsbildung

„Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.(Orwell) Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd… „

Der Band ist ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte, ein detaillierter Tatsachenbericht, wie elementare demokratische Grundrechte abgebaut werden. Tatort BR Deutschland 2015/16. Früher wurden Ketzer auf dem Schafott um ihren denkenden Kopf gebracht mit dem Segen der Geistlichkeit. Heute ist es das Schafott der Medien, die kritische Stimmen moralisch und sozial hinzurichten versuchen. Der Segen kommt weiterhin von der Geistlichkeit aber namentlich assi­s‍tiert von sich links gebenden Politikern, hier Birke Bull von den Linken und Claudia Dalbert von B90/Grünen. Diese beiden Damen gruben den internen Artikel Mannkes aus und warfen ihn der Presse aus parteipolitischem Kalkül zum Fraße vor. Erst durch die sich dann lauthals empörenden Bull und Dalbert entfaltete der Artikel eine öffentliche Wirkung. Aber das taten sie nicht ohne Grund.

"Bestrafe einen, erziehe viele" - War dieses Motto der Beweggrund für den unfassbaren "Shitstorm" der Medien gegen einen rechtschaffenen, beliebten und garantiert nicht fremdenfeindlichen Schulleiter eines Gymnasiums nach der Grenzöffnung?

Was war seine Verfehlung? Doktor Mannke hatte lediglich einen Artikel veröffentlicht, in welchem er auf mögliche Gefahren durch unkontrollierte Masseneinwanderung von nahezu einer Million Menschen in unser Land seit dem Spätsommer 2015 aufmerksam machte. Wenn plötzlich Hunderttausende, durch muslimische Tradition und patriarchalische Gesellschaften geprägte Flüchtlinge und Asylanten auf eine freiheitlich demokratische Ordnung treffen, lassen sich Konflikte nicht vermeiden. Gleich gar nicht jedoch kann man sie lösen, indem man ungeliebte Wahrheiten verschweigt, verfälscht, ideologisch missbraucht oder sogar niederbrüllt.

Im Zuge einer hemmungslosen Verleumdungskampagne feuerten TV und Presse nun aus allen Rohren. So beschimpfte man Jürgen Mannke nicht nur als "Hetzer mit Lehrauftrag", es wurde ihm auch jede pädagogische Kompetenz abgesprochen, obwohl er seiner Verantwortung als Lehrer über seinen Auftrag hinaus gerecht werden wollte. Und es kam noch schlimmer. Allerdings erhielt er auch überwältigenden Zuspruch aus der Bevölkerung, sprach er doch so vielen Menschen aus den Herzen, denen die euphorische Willkommenskultur nicht behagte. Heute zieht er Resümee über die damaligen Geschehnisse und die aktuellen Entwicklungen in unserem Land. Seine Befürchtungen wurden längst von der Realität übertroffen. Eine offene und ehrliche Auseinandersetzung allerdings wird bis zum heutigen Tage von bestimmten politischen Kräften verhindert.(Foto-Pinterest)

Mehr zum Buch einfach die Bilder anklicken



Kontrollverlust: Wer uns bedroht und wie wir uns schützen

„Das Buch ist für Selberdenker sehr zu empfehlen. Unsere Freiheit ist in größter Gefahr, dieses Buch verursacht Gänsehaut. Weckruf und Offenbarung – kaufen. Aufklärung für den Otto-Normalbürger wenn man sich darauf ein lest und mit Denkt."

Wie unsere Eliten unsere persönliche und finanzielle Freiheit zerstören und was wir dagegen tun können.

Dieses Buch ist ein Weckruf! Es ist hochpolitisch und benennt äußerst bedenkliche Fehlentwicklungen klar und deutlich. Denn die Eliten in Deutschland, Europa und der Welt arbeiten daran, uns unsere Freiheit, unsere Sicherheit und unsere Rechte zu nehmen. Auch unser Vermögen und unser Wohlstand sind in Gefahr.

Das Erschreckende: Vielen Bürgern ist das ganze Ausmaß der Bedrohung nicht bewusst. Thorsten Schulte läutet deshalb die Alarmglocken. Mit anschaulichen Zahlen, Daten und Fakten verdeutlicht er, in welch dramatischer Lage wir uns befinden. Und während andere schweigen, redet er unmissverständlich Klartext.

Thorsten Schulte demonstriert, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Belieben gegen Recht und Gesetz verstößt und Verträge bricht. Er zeigt aber auch, wie Brüsseler Technokraten immer mehr Macht an sich reißen und den deutschen Bürger entmündigen. Wenn jedoch die Herrschaft des Rechts endet, brechen keine guten Zeiten an. Es liegt daher an uns allen, unsere Freiheit und damit eine lebenswerte Zukunft zu verteidigen.

Wir dürfen unsere Freiheit, den Schutz unserer Privatsphäre, das Recht auf eine eigene Meinung, den Anspruch auf Meinungsvielfalt, die Rechtsstaatlichkeit und unser Bargeld als Voraussetzung für Freiheit und Privatsphäre nicht preisgeben. Denn eines ist klar: Haben wir unsere Freiheit erst einmal verloren, werden wir sie nie wieder zurückbekommen.

Angesichts der verhängnisvollen Politik der EZB, die früher oder später in einem noch nie da gewesenen Kollaps der Finanz- und Wirtschaftssysteme enden wird, liegt eine besondere Stärke dieses Buches nicht zuletzt in den vielen kleinen und leicht umsetzbaren Empfehlungen, die Ihr Vermögen vor hohen Verlusten bewahren können.

»Lassen Sie uns alle eine Leuchtfackel für unsere Freiheit werden. Wir dürfen nicht kapitulieren! Wir müssen für unsere Freiheit und unsere Selbstbestimmung kämpfen!« Thorsten Schulte

»Freiheit wird verspielt und bewusst eingeschränkt - und Thorsten Schulte redet und schreibt dagegen an. Dazu braucht es Mut, und den hat Schulte ...« Aus dem Vorwort von Willy Wimmer (CDU), 33 Jahre Mitglied des Deutschen Bundestags,Parlamentarischer Staatssekretär des Bundesministers der Verteidigung a.D.



Besonders Brisant daran ist, wie ich erfahren musste,  das es Buchhandlungen gibt die dieses so wichtige und Aufklärende Buch boykottieren. Wer da Boykottiert??? Klick das Spiegelbild an.(Wo du es trotzdem kaufen kannst-klick den Buchtitel an.)






Die Getriebenen: Merkel und die Flüchtlingspolitik: Report aus dem Innern der Macht – oder  Wenn ein Staat kapituliert.

Ein spannender Politkrimi den aber das echte Leben schrieb. Verheerende „Vogel Strauß-Politik“ mit noch unabsehbaren Folgen. Und wer also wirklich wissen will, was in diesen Monaten 2015/2016 im Machtzentrum Berlin passiert ist. Der muss diesen Buch lesen. Mir hat es sehr die Augen geöffnet.

Mehr zum Buch wenn du das Bild anklickst.

 Die Getriebenen - schon im Titel macht der Autor klar, dass das, was uns damals und ja bis heute als humanitäre Flüchtlingspolitik verkauft wurde und wird, nichts anderes war und ist, als das Ergebnis von unentschlossenen, taktierenden Handeln, sowie parteiübergreifender Weigerung, politische Verantwortung zu übernehmen.  

Er zeichnet das Bild einer Kanzlerin, die wie so oft abwartete, abwägte und am Ende nicht wirklich entschied. Und die anschließend die selbst mitverantwortete Eskalation der Krise, als Hunderttausende unkontrolliert ins Land kamen, als eine Art Schicksalsschlag verkaufte, als alternativlos, weil man ja seine Grenzen ohnehin nicht hundertprozentig dicht machen könne.

Dabei hätte man genau dies durchaus gekonnt und es war auch geplant. Wie genau, und warum es dann doch nicht passierte, erzählt Alexander mit akribischer Genauigkeit in seinem Bericht, der sich wie ein Krimi liest. Um es zu zeigen, geht er zum Ausgangspunkt der Krise zurück. Am Anfang ging es nur um 2000 Flüchtlinge auf der Autobahn in Ungarn, die man aus humanitären Gründen nach Deutschland holte. Als dann die Flüchtlingszahlen daraufhin in den nächsten Tagen explodierten war klar, dass nach einer Woche eigentlich nur noch eine Entscheidung getroffen werden konnte - nämlich die Grenzen zu schließen.

Dass und warum dies dann nicht passierte, erzählt der Autor im Buch. Nach seiner Recherche wurde es von der Bundesregierung vor allem mit rechtlichen Bedenken und möglichen, unschönen Bildern begründet. Man wollte von den entsprechenden Beamten in Innen-, und Justizministerium die Rückversicherung, dass alles rechtlich wasserdicht ist, um nicht als Gesetzesbrecher da zu stehen und vor allem wollte man auch nicht als unmenschlich hingestellt werden können.

Und nur deshalb kam es dann zu der mutlosen und verantwortungsscheuen "Entscheidung", offiziell Grenzkontrollen zu machen, aber jeden ins Land zu lassen, der nur das "Zauberwort" Asyl sagt.

Das taten dann natürlich fast alle, auch wenn sie, wie ebenfalls fast alle, aus einem sicheren Herkunftsland kamen. Alexander zeigt also, dass man seitens der Politik um Gesetzesbrüche,- und Missbräuche zu vermeiden am Ende genau dies tat - nämlich das Dublin abkommen eigenmächtig außer Kraft zu setzen und aus dem deutschen Asylrecht ein Einwanderungsrecht zu machen.

Dass die so ausgelöste Flüchtlinge Krise gravierende gesellschaftliche Folgen für Deutschland und Europa auf viele Jahre hinaus haben wird, bestreitet heute keiner mehr. (über 40 Mrd unmittelbare Kosten in D allein 2016) Die Recherchen von Alexander müssten daher eigentlich einen Untersuchungsausschuss nach sich ziehen.

Denn seine Kernaussage ist, dass Deutschland im September 2015 eigentlich mehr oder weniger unregiert war, weil niemand Verantwortung übernehmen wollte. Man kann nur hoffen, dass das Buch dazu beiträgt, die Frage nach Verantwortung und Schuld neu zu stellen, damit sich eine Situation wie im Herbst 2015 nie mehr wiederholen kann.



„Nicht nur wütend“

Daß der Kampf gegen Diskriminierung kein Nebenschauplatz, sondern Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft ist, ist ihre Grundüberzeugung .

Wir haben uns mit Laurie Penny über den Auf­s‍tieg der extremen Rechten, Sexismus, Wut und Haß unterhalten. Und über ihr neues Buch Bitch Doktrin, das näch­s‍te Woche auf Deutsch erscheint.Mehr zum Buch am Ende des Artikels

Sie haben ein zorniges Buch geschrieben. Ab der er­s‍ten Seite von „Bitch Doktrin“ springt einem die Wut entgegen. Sind Sie wütend?

Laurie Penny: Ich werde das häufiger gefragt. Die Frage nach der Wut finde ich spannend, gerade auch aus der Geschlechterperspektive. Frauen, LGBTI, aber auch schwarze Menschen müssen sich für ihren Ärger häufiger rechtfertigen. Sie werden angehalten, nicht zornig zu sein, ihre Wut herunterzuschlucken. Männern wird hingegen zuge­s‍tanden, wütend zu sein. Niemand fragt sie, warum sie wütend sind. Es gibt aber aktuell genügend Themen, über die gerade Frauen zornig sein können. Ich versuche, durch mein Scheiben auch diese Leute zu ermutigen, ihren Ärger auszudrücken. (Foto-ausmalbilder-free.de)

Ärger als politische Strategie?

Ich bekomme da oft gesagt, daß man mit Ärger niemanden überzeugen kann. Aber das ist gar nicht mein Anliegen. Es gibt bereits viele Femini­s‍tinnen, die versuchen, andere ruhig und mit Bedacht zu überzeugen und die damit auch durchaus erfolgreich und populär sind. Ich finde das gut und wichtig, weil ich das dann nicht mehr machen muß. Ich kann dann kritischer, radikaler und auch polemischer sein. Ich sage aber nicht, daß das schlechter oder besser ist als mein Ansatz. Es geht nicht darum, wer die bessere Femini­s‍tin ist, sondern darum, daß sich verschiedene Arten, femini­s‍tisch zu arbeiten, ergänzen können und sollen. Das ist das Wichtig­s‍te.

Die zentrale These ist, daß Hautfarbe, Gender und Sexualität Grundlage und Ausdruck der derzeitigen Krisen sind.

westlichen Demokratien. Das sind Prozesse, gegen die ich mich wehre und wegen derer man auch wütend sein kann. Gleichzeitig gibt es ja aber auch viele gute rationale Argumente gegen all diese Entwicklungen. Und ich bin ja nicht nur wütend, ich argumentiere. Ich versuche beides zu verbinden. Bitch Doktrin ist ein politisches Buch. Ein Buch sowohl über Fakten als auch über Gefühle. Als Femini­s‍tin ist es mir wichtig, daß beides zusammengehört.

Sie beginnen mit Ihrem Tagebuch rund um die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA.

Ja. Zentral daran ist die Radikalisierung weißer Männer, die sich in ihren Privilegien bedroht fühlen. Die teilweise berechtigte Wut der Arbeiterklasse gegen Einschnitte im Sozial­s‍taat wird kanalisiert in Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und auch Sexismus.

Ohne Zweifel. Sie vergleichen Trump aber mit Adolf Hitler und Sie sprechen von Faschismus.

Das ist eine Debatte, die gerade geführt wird und ich habe keine endgültige Antwort. Ich glaube aber, daß Trump und seine Bewegung nicht nur rechts oder populi­s‍tisch, sondern zutiefst autoritär sind. Sein Ziel ist eine Form ultimativer Kontrolle und die Leute, die hinter ihm stehen, folgen ihm. Ob er selbst an white supremacy glaubt, wird ja gerade diskutiert. Bei seinen Beratern Stephen Miller oder Steve Bannon be­s‍teht gar kein Zweifel. Ich weiß nicht, wie viel weiter man noch gehen muß, um als Faschist bezeichnet zu werden. Warum ich auch an dem Begriff festhalte, ist, weil er effektiv ist. Man konfrontiert Leute, die man als Faschi­s‍ten bezeichnet, damit, daß sie einer falschen und gefährlichen Ideologie anhängen und die Verlierer der Geschichte sind.

Aber verharmlost man mit dem Vergleich nicht den Faschismus des 20. Jahrhunderts?

Das glaube ich gar nicht. Wir wissen, wo Geschichte hinführen kann und ich sehe schon Parallelen zwischen dem Auf­s‍tieg des Faschismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Trump. Natürlich ist es nicht das Gleiche, aber jetzt nach Charlottesville nimmt es in den USA neue Dimensionen an.

Die Antifaschi­s‍tin Heather Heyer wurde in Charlottesville von Neo-Nazis getötet.

Ja. Damit ist eine komplett neue Ebene erreicht.

Gleichzeitig gibt es aber sowohl in den USA als auch in Europa Wider­s‍tand. Müßte hier nicht ein populärer Feminismus das Verbindende sein und auf die Geschlechterungleichheiten in all diesen Prozessen hinweisen?

Das ist sicherlich wichtig, ja, und in gewisser Weise versuche ich das ja auch in meinem Buch.

Wie sehen Sie aber Ihre Rolle?

Es ist nicht meine Aufgabe, meine Ideen zu ändern, nur um populärer zu werden. Deswegen bin ich keine Politikerin. Ich bin Autorin. Ich bin schlecht in Kompromissen und ich hasse es, wenn mir vorgeschrieben wird, was ich tun soll. Ich bin zuerst Autorin , dann Aktivi­s‍tin und Femini­s‍tin. Ich versuche Leute zu unterhalten und zum Denken anzuregen. Das ist in er­s‍ter Linie mein Job.

Also barrierefreier Feminismus?

Ja. Menschen ver­s‍tehen den Zusammenhang zwischen dem globalen Kapitalismus und den Arbeitsbedingungen und Geschlechterbeziehungen nicht automatisch. Populärer Feminismus kann einen Zugang für viele Menschen eröffnen, sich solchen Themen zu nähern und sich dann auch mit radikaleren Ideen auseinanderzusetzen. Hier sind es auch gerade femini­s‍tische Künstlerinnen, wie Beyoncé, die für viele wichtig sein können. Und nur weil sie das Kommuni­s‍tische Manifest nicht in einem dreiminütigen Song verarbeiten kann, heißt das nicht, daß ihr Feminismus, weil er populär ist, weniger radikal ist oder daß sie sich diese Fragen nicht stellt.

Vor etwa einem Jahr waren Sie in eine Auseinandersetzung über den Antisemitismus verwickelt. Manche warfen Ihnen eine Nähe zu „Boycott, Divestment and Sanctions“ vor, jener Kampagne, die sich für einen wirtschaftlichen und kulturellen Boykott, den Rückzug von Inve­s‍titionen und Sanktionen gegen den Staat Israel einsetzt. Wie sehen Sie diese Diskussionen heute?

Die Debatte hat mich massiv beeinflußt. Es war sehr bedrückend. Übersetzungsprobleme, Mißver­s‍tändnisse und auch kulturelle Unterschiede spielten eine Rolle. In verschiedenen Ländern ist es innerhalb der Linken unterschiedlich angemessen, be­s‍timmte Dinge zu sagen. Für mich ist das kompliziert. Auf der einen Seite wurde ich kritisiert, weil ich angeblich antisemitisch sei. Als ich öffentlich gesagt habe, daß ich keine Unter­s‍tützerin von BDS bin, wurde ich auch kritisiert. Durch den Auf­s‍tieg der Rechten bin ich aktuell mit mehr Antisemitismus als jemals zuvor konfrontiert. Als Jüdin bekomme ich dauernd antisemitische Mails, mit den schlimm­s‍ten Inhalten. Ich denke also im Moment viel darüber nach. Ich habe meine Meinung nicht geändert. Ich sagte, ich würde keine Einladung Israels für einen Vortrag annehmen. Aber ich würde auch keine Einladung aus Saudi-Arabien annehmen.

Dieser Vergleich ist schwierig.

Ja, okay. Ich würde auch keine Einladung der Regierung Großbritanniens annehmen. Ich bin gegenüber Staaten im allgemeinen mißtrauisch. Vielleicht würde ich nach Skandinavien gehen. Sie scheinen nett zu sein.

Sie kritisieren die Linke dafür, daß sie sich zu sehr auf Klasse und soziale Ungleichheit fixiere und Geschlecht, Ethnie und Sexualität vergesse.

Ich sage nicht, daß die Linke zu viel über Klasse spricht, sondern nur, daß sie zu wenig über Gender und Rassismus spricht. Es ist kein Entweder-Oder. Klasse ist und bleibt von immenser Bedeutung. Man kann nicht sinnvollerweise von Geschlecht sprechen und von Antikapitalismus oder Sozialismus schweigen. Es muß beides zusammen gedacht werden. Es wäre intellektueller Bankrott, eine Seite zu vergessen.

Wenn Sie vom Sozialismus sprechen, sind Sie auch unter Femini­s‍tinnen in der Minderheit. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Kapitalismuskritik und Feminismus? (Foto-Fotolia.de)

Ich wurde Antikapitali­s‍tin durch meine Beschäftigung mit dem Feminismus. Je mehr ich mich mit femini­s‍tischen Texten und Fragen beschäftigt habe, umso deutlicher wurde mir, daß Feminismus ohne die Betrachtung von Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft und struktureller Gewalt und Unterdrückung keinen Sinn ergibt. Der Großteil des populären Feminismus geht diesen Gedanken leider nicht mit und bleibt dann auf halbem Weg stehen.

Die neoliberale Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Exakt. Damit kann man sicher kleine Veränderungen herbeiführen, weit kommt man damit aber nicht. Die strukturelle Ebene wird hier überhaupt gar nicht berührt.

Sie beenden Ihr Buch mit der Aussage, daß man jetzt utopische Ideen mehr denn je braucht. Woran denken Sie dabei?

Was meine Utopie ist, wie die ideale Welt aussieht, ist nicht der Punkt. Utopie ist für mich Suche nach Utopien. Man braucht Fixpunkte am Horizont, wie die Welt besser sein könnte. Die Idee, daß die Welt überhaupt anders und besser sein könnte, ist leider nicht weit verbreitet. Aber es gibt immer Leute, die es versuchen. Zum Beispiel durch neue Gemeinschaftsformen, Kommunen, alternative Lebens- und Beziehungskonzepte. Viele scheitern daran, aber sie versuchen es erneut und scheitern vielleicht auch erneut. Aber Menschen machen ihre Erfahrungen. Dabei lernen sie, wie sie es das näch­s‍te Mal besser machen. Das ist nicht nichts.

Vielen Dank. (Das Gespräch führte Chri­s‍topher Wimmer-Der Freitag)



Bitch Doktrin: Gender, Macht und Sehnsucht (Nautilus Flugschrift)

»Bitches get stuff done.« Tina Fey

Klug und provokant, witzig und kompromisslos sind Laurie Pennys herausragende Essays, die sie zu Recht zu einer der wichtigsten und faszinierenden Stimmen des zeitgenössischen Feminismus machen. Vom Schock der Trump-Wahl und den Siegen der extremen Rechten bis zu Cybersexismus und Hate Speech – Penny wirft einen scharfen Blick auf die brennenden Themen unserer Zeit.

Denn gerade jetzt, in Zeiten sich häufender Krisen in Europa und Amerika, ist es Verpflichtung, geschlossen hinter der Gleichstellung von Frauen, People of Colour und LGBT zu stehen. Der Kampf gegen Diskriminierung ist kein Nebenschauplatz, sondern Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft.

Weit davon entfernt, einen Kampf gegen »die Männer« zu führen, greift Penny den Status quo gezielt an: Es geht ihr um Fairness, Umverteilung von Vermögen, Macht und Einfluss – weitreichende Forderungen, die sie nicht abmildert, indem sie eine rosa Schleife darum bindet.

Penny ruft dazu auf, sich nicht von jenen beeindrucken zu lassen, die uns den Mund verbieten und uns zu angepasster Liebenswürdigkeit zwingen wollen – sondern eine Bitch zu sein und die Stimme zu erheben. Mehr zum Buch wenn Du das Bild anklickst.






Perfekter Körper, perfektes Glück? – Oder  «In der Schwulen­community hat das Auftreten von Essstörungen epidemische Ausmaße erreicht.»

Sport treiben und schlank sein – ungefähr so lautet die Formel, die einem heutzutage Tür und Tor zum Glück öffnen soll. In Wirklichkeit leiden viele unter einem Schönheitsdiktat, das mehr denn je unsere Selbstwahrnehmung und unsere Lebens­gewohnheiten bestimmt.

Vor Kurzem erzählte mir ein Freund, daß er sich an großen Schwulenpartys meist unwohl fühle. «Zwischen all den durchtrainierten, ge­s‍tylten Männern komme ich mir jeweils vor wie ein schmächtiges Landei», meinte Florian. Ich ver­s‍tand, wovon er sprach. Gerade an den Circuit Partys in Schwulenmetropolen wie Tel Aviv oder Barcelona dominieren definierte, tätowierte Körper das Bild. Bisweilen erinnert die Szenerie an ein Schaulaufen hochgezüchteter Rennpferde, die schnaubend die Konkurrenz beschnuppern und unruhig tänzelnd den Start abwarten. Wer keinen Sixpack präsentiert, wird im Wettstreit überrannt und links liegen gelassen – dieser Eindruck, dieses Gefühl, kann in der Szene schnell einmal ent­s‍tehen. Und dennoch überraschten mich Florians Worte ein wenig. Mir war nicht bewußt gewesen, wie sehr ihn der Vergleich mit den muskulöseren Zunftbrüdern beschäftigte. Gerade auch, weil die Männer sehr wohl auf ihn reagieren. Schon mehrfach haben mich Bekannte im Club gefragt, wer «denn der schöne Typ» sei, mit dem ich herumziehe. Dennoch befürchtet Florian, mit seinem feingliedrigen Körper «auf Ablehnung zu stossen», wie er es beschreibt. Deshalb spiele er manchmal mit dem Gedanken, ins Fitneß­s‍tudio zu gehen und Nahrungsergänzungsmittel zu sich zu nehmen. «Dann würde ich dem gängigen Schönheitsideal eher entsprechen.»

Gerade an den Circuit Partys in Schwulenmetropolen wie Tel Aviv oder Barcelona dominieren definierte, tätowierte Körper das Bild. Bisweilen erinnert die Szenerie an ein Schaulaufen hochgezüchteter Rennpferde, die schnaubend die Konkurrenz beschnuppern und unruhig tänzelnd den Start abwarten. ( Foto-Pinterest)

Training, Baby, Training!
Besagtes Ideal, das Bild vom perfekten Körper, ist in vielen Köpfen eingebrannt. Nicht nur bei den Schwulen, auch die Heterosexuellen huldigen dem Muskelgott. Schon seit einigen Jahren ist ein ausgeprägter Sporttrend zu beobachten, vor allem die jüngere Generation ist im Fitneßfieber. Laut Stati­s‍tiken schnürt rund die Hälfte aller Schweizer Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren mehrmals pro Woche die Turnschuhe, 21 % der 15- bis 19-Jährigen besitzen ein Fitnessabo. Auch in Deutschland strömen die Menschen ins «Gym». Die Zahl der Fitneß­s‍tudio­mitglieder wuchs im letzten Jahr auf über neun Millionen an, berichtet die Frankfurter Allgemeine. Mit einer Steigerung der Mitgliedschaften um über 6 % habe die Branche «ihren kontinuierlichen Wachstumstrend der vergangenen Jahre fortgesetzt».

Mission: Selb­s‍toptimierung
Auf der einen Seite ist diese Entwicklung erfreulich. Sie ist Ausdruck eines ver­s‍tärkten Körper- und Ernährungsbewußtseins. Dazu passen auch die Zahlen, wonach sich junge Menschen immer weniger für Zigaretten und Alkohol interessieren. Auf der anderen Seite ist der Trend insofern bedenklich, als er «primär mit dem Äußeren und weniger mit einem reinen Interesse für Gesundheit» zu tun habe, schreibt Gabriela Braun auf tagesanzeiger.ch. Dabei zitiert sie den Präventivmediziner David Fäh: «Es geht um den schnellen Muskelaufbau, um die Selbstdar­s‍tellung und das Image, das man sich gibt.» Das eigene Image aufpolieren, mit flachem Bauch, Knackpo und kräftigen Armen. Mehr denn je unterliegen wir dem Glauben, daß einem körperliche Vorzüge im Kampf um Anerkennung und Bewunderung die be­s‍ten Karten in die Hand spielen. «Es geht darum, aufzufallen und sich von den anderen abzuheben», sagt der 23-jährige Miguel im Film «Mein Körper –mein Werk». Die Dokumentation des Schweizer Fernsehens porträtiert drei junge Fitneßfans, die ihrem Wunsch nach der perfekten Physis alles unterordnen. Ihre Trainingspläne sind rigide, die Kalorien werden genau gezählt, die Mahlzeiten sorgfältig geplant und aufeinander abge­s‍timmt. «Diese ganze Fitneßwelle», sinniert Miguel, «ist wie ein Machtkampf. Jeder will besser aussehen als der andere, jeder will mehr.» Befeuert wird der Körperkult von den sozialen Medien. Auf Instagram, Tumblr, Facebook und Co. sind wir ständig mit den Trainings- und Eßgewohnheiten anderer konfrontiert. Wir sehen Fotos von Bekannten, wie sie im Fitneß­s‍tudio «pumpen», ihre Körper stählen. Überall Schnappschüsse frisch zubereiteter, gesunder Speisen. Poulet und Fisch, dazu viel Gemüse und etwas Reis. Gleichzeitig sollen der Biß in den Burger und die Abbildung der Schokoladencrêpes klarmachen, daß man sich auch etwas gönnt. Die vermeintliche Botschaft dahinter: Alles gut, alles locker. Tatsache ist aber, daß der Umgang mit dem Thema für viele keineswegs entspannt ist. Eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft ergab, daß Teenager mit dem eigenen Körper zunehmend unzufrieden sind. Demnach wollen rund 75 % der Knaben mehr Muskeln, 60 % der Mädchen möchten schlanker sein. Im Extremfall kann das zu Depressionen und Eß­s‍törungen führen.

Sport statt Bier
Von letzteren sind längst nicht mehr nur Frauen, sondern auch immer mehr Männer betroffen. «Bei den Frauen sind Magersucht und Bulimie die meistverbreiteten Eß­s‍törungen», sagt Fachpsychologe Roland Müller. Er ist Vor­s‍tandsmitglied im Verein PEP «Prävention Eß­s‍törungen Praxisnah» und arbeitet als Therapeut bei Adimed, dem Zentrum für Adipositas- und Stoffwechselmedizin in Winterthur. Demgegenüber seien Männer eher von der sogenannten Muskeldysmorphie betroffen – einer Störung des Selbstbildes, die auch als Muskelsucht bezeichnet wird. «Manche Muskelsüchtige leiden zusätzlich an einer Störung mit Essanfällen oder Bulimie, wobei diese meist nicht auffällt – sie verschwindet unter dem Deckmantel der Fitneß. Oftmals kommt auch eine Wahrnehmungs­s‍törung hinzu, der Körper wird insgesamt als zu schmächtig und zu wenig definiert gesehen.» Was das Sportverhalten angeht, so seien die Grenzen zwischen gesunder körperlicher Betätigung und einem übertriebenen Fitneßlevel zwar fliessend. Ein deutliches Diagnosekriterium sei aber erfüllt, wenn Sport und Ernährung den Alltag be­s‍timmten und über alles andere ge­s‍tellt würden, so Müller gegenüber der Mannschaft. «Man verzichtet zum Beispiel aufs Freitagabendbier mit Freunden, weil man glaubt, das bringe die Trainingspläne durcheinander.»

Wenn Essen Streß bedeutet
Und wie sieht es beim Eßverhalten aus? Ob dieses problematisch ist oder nicht, läßt sich laut Müller unter anderem danach beurteilen, ob «die Ernährung ein Stressthema dar­s‍tellt.» Eßge­s‍törte können demnach nicht mehr entspannt mit ihrer Nahrungsaufnahme umgehen, bewerten und kategorisieren alles, was sie zu sich nehmen. Egal, ob es sich um Bulimie, Anorexie oder Muskelsucht handelt, Essen ist mit Angst verbunden. «Sei es die Angst vor dem Zunehmen, sei es die Furcht vor dem Abnehmen.»

«Perfekter» Körper – um jeden Preis?
Es ist diese Angst vor dem Abnehmen, die Muskelsüchtige antreibt. Zulegen, zulegen, zulegen, so lautet das Credo. Um den Prozeß zu beschleunigen, wird oft auch zu Nahrungsergänzungsmitteln gegriffen. Vom Proteinshake über Kreatinpulver hin zum Vitaminpräparat, das Angebot auf Onlineshops und in den Regalen der Sportläden ist breit. «Jede Art von Nahrungsergänzung kommt einer Vorform des Dopings gleich», gibt Roland Müller zu bedenken. Ausdrücklich warnt er vor der Einnahme von Anabolika. Dabei handelt es sich um synthetisch herge­s‍tellte Sub­s‍tanzen, die den Muskelaufbau fördern. Der häufig­s‍te Anabolikatyp sind die anabolen Steroide – chemisch Verbindungen, die vom männlichen Sexualhormon Te­s‍to­s‍teron abgeleitet werden. «Diese Stoffe können zahlreiche negative Konsequenzen haben», so Müller. Bei jugendlichen, noch nicht ausgewachsenen Männern be­s‍teht die Gefahr, daß das Knochenwachstum gehemmt wird. Ausgewachsenen drohen unter anderem Haarausfall oder Akne, zudem können die Hoden schrumpfen. Schließlich steigern Steroide das Chole­s‍terinlevel im Blut. «Mit der Folge, daß die Blutgefässe zunehmend ver­s‍topfen – dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts.»

Ein Spiel mit dem Feuer
Anabolika bela­s‍ten aber nicht nur den Körper, auch die Psyche leidet. «Konsumenten leiden an Stimmungsschwankungen, werden leicht reizbar und aggressiv», so Roland Müller. In England zum Beispiel exi­s‍tiert eine Selbsthilfegruppe für Frauen, deren Männer wegen Anabolikakonsums gewalttätig wurden. Schließlich kann auch das Absetzen der Sub­s‍tanzen zu Schwierigkeiten führen, zu Depressionen oder gar akuter Selbstmordgefahr. «Viele pflegen zu sagen, es komme nur auf die richtige Dosierung an», erklärt Müller. Tatsache sei aber, daß jeder über eine ganz individuelle körperliche Robustheit verfüge. «Manche ertragen diese Stoffe und können sie abfedern, anderen gelingt das nicht.» Jeder reagiere ganz unterschiedlich, eine Vorhersage ist nicht möglich. «Dementsprechend spielt jeder, der Anabolika zu sich nimmt, Russisch Roulette.» Es sei dies eine Problematik, die zu oft verkannt werde. Überhaupt müßte in der Öffentlichkeit vermehrt darüber gesprochen werden, daß der eigene Körper auch für viele Männer ein grosses Streß­thema dar­s‍telle, findet der Psychologe. «Wer viel Sport treibt und sich strengen Diätplänen unterwirft, wird von Außen­s‍tehenden meist als ambitioniert betrachtet. Als eine Person mit großer Willenskraft und Zielen im Leben.» In Wirklichkeit sei es aber so, daß viele dieser Männer unter ihrem Körperbild litten.

«In der Schwulen­community hat das Auftreten von Eß­störungen epidemische Ausmasse erreicht.»

In der Community weit verbreitet
In besonderem Masse trifft dies auf Schwule zu, was folgende Zahlen eindrücklich darlegen: Homo- und bisexuelle Männer sind bis zu dreimal häufiger von Eß­s‍törungen betroffen als heterosexuelle. Gemäß Stati­s‍tiken, die das «International Journal of Eating Disorders» vor zwei Jahren publizierte, haben 15 % der schwulen und bisexuellen Männer minde­s‍tens einmal in ihrem Leben mit Eß­s‍törungen zu kämpfen. Andere Studien ergaben, daß sich rund 40 % der Männer mit Eß­s‍törungen als homosexuell identifizieren. «Demgegenüber be­s‍tehen in Bezug auf den pathologischen Drang nach mehr Muskelmasse keine Unterschiede zwischen hetero- und homosexuellen Männern», so Roland Müller.

Des weiteren ist in einem Artikel auf hivsplusmag.com zu lesen, daß schwule und bisexuelle Männer siebenmal häufiger an Eß-Brech-Sucht erkranken als heterosexuelle, zu Abführmitteln greifen sie zwölf Mal mehr. «In der Schwulencommunity», schreibt Journalist Nico Lang auf salon.com, «hat das Auftreten von Eß­s‍törungen epidemische Ausmasse erreicht.»

Bedürfnis nach Akzeptanz
Zur Frage nach dem Warum finden sich zahlreiche Erklärungsansätze. Tyler Wooten, medizinischer Leiter des «Eating Reacovery Center» in Dallas, sieht den Grund in der Kombination von sozialen Erwartungshaltungen und den besonderen Charakterzügen der Betroffenen. «Menschen mit Eß­s‍törungen sind meist sehr sensibel und perfektioni­s‍tisch veranlagt», erklärt er gegenüber hivplusmag.com. «Sie neigen dazu, andere glücklich machen zu wollen.» LGBT-Personen seien deshalb besonders anfällig für externe Einflüsse und gesellschaftlichen Druck. «Viele von uns verspüren das starke und manchmal unbewußte Bedürfnis, gemocht und akzeptiert zu werden – und passen sich an. Manche Schwule sind besessen vom Streben nach einem vermeintlichen Männlichkeitsideal.» Der Psychologe Chase Banni­s‍ter argumentiert ebenfalls mit der Stigmatisierung der männlichen Homosexualität. «Schwule werden traditionellerweise als verweiblicht und schwach angesehen», sagt er auf salon.com. Besonders während der Aidskrise sei in der Gesellschaft das Bild von Schwulen als dünne, verletzliche, HIV-positive Personen verhaftet gewesen. «Um diesen Stigmatisierungserfahrungen zu entgehen, perfektionieren viele ihren Körper und trainieren, um fit und kräftig zu sein.» Ähnlich sieht es Psychotherapeut Roland Müller. Er glaubt, bei Schwulen könne oftmals eine höhere seelische Verletzbarkeit festge­s‍tellt werden – eine Folge des Coming-out-Prozesses, der Spuren hinterlasse. «Diese inneren Konflikte werden in der Folge über den Körper ausgetragen, in der Hoffnung auf eine Heilung der emotionalen Wunden.»

Nicht schon wieder, bitte!
Natürlich wollen die mei­s‍ten Schwulen aber nicht nur seitens der heterosexuellen Mehrheit Akzeptanz erfahren, sondern auch von anderen Schwulen. «Viele homosexuelle Männer verbringen ihre Jugendzeit als Außenseiter und Sonderlinge», schreibt Brian Moylan auf gawker.com. «Wenn sie beginnen, sich in der Gay-Community zu bewegen, dann sehnen sie sich umso mehr danach, endlich dazuzugehören.» Und das bedeute nun einmal, daß man regelmässig auf dem Laufband schwitzen und Hanteln stemmen müsse. «Es geht nicht darum, gesund zu sein. Vielmehr hat es mit der tiefsitzenden Angst zu tun, man könnte sich erneut wie der Jugendliche fühlen, der nicht der Norm entspricht und von den Schulkameraden gehänselt und ausge­s‍tossen wird.»

«Sex ist für manche Männer der wichtig­s‍te oder gar einzige Kanal, um mit einem anderen Menschen authentisch emotional in Kontakt zu treten. Das heißt, es geht eigentlich um einen Gefühls­s‍tau und nicht um einen Samen­s‍tau. Das einzige, war wir nicht alleine hinkriegen, ist das mildernde Gefühl, angenommen und okay zu sein.» (Foto-Pinterest)

Befriedigung für Körper und Seele
Schließlich steckt hinter dem Körperkult auch das Verlangen nach Sex. Dieser ist aus verschiedenen Gründen ein menschliches Bedürfnis. Er kann Spaß bereiten sowie körperliche und seelische Befriedigung bringen. Gerade auch letztere spielt eine bedeutende Rolle. Wenn es um die Frage gehe, warum Männer denn so viel Sex bräuchten und oft «notgeil» seien, werde meist mit dem Te­s‍to­s‍teron argumentiert, sagt der Sexualpsychologe Chri­s‍toph Ahlers gegenüber dem ZEIT Magazin. «Aber bei genauerer Betrachtung steckt dahinter in der Regel der Wunsch nach Selbstbe­s‍tätigung durch sexuelle Eroberung. Also mehr Not als geil.» So sei Sex für manche Männer der wichtig­s‍te oder gar einzige Kanal, um mit einem anderen Menschen authentisch emotional in Kontakt zu treten. «Das heißt, es geht eigentlich um einen Gefühls­s‍tau und nicht um einen Samen­s‍tau», führt Ahlers aus. «Das einzige, was wir nicht alleine hinkriegen, ist das beruhigende Gefühl, angenommen und okay zu sein.» Und genau dieses Gefühl erhalte ein Mann, wenn jemand mit ihm schlafe.

Gutes Aussehen = Sex
Nun, wie findet der Schwule diesen «jemand»? In er­s‍ter Linie mit gutem Aussehen, sagt Brian Moylan. Vereinfacht gesagt, erfolge die Stimulierung des Mannes über die Optik, während für Frauen noch andere Qualitäten zählten. Schwulen bleibe deshalb nur eine Lösung, um zu landen – der perfekte Körper. Eine Aussage, die auch der Blick auf schwule Dating-­Apps be­s‍tätigen dürfte: Applaus und Aufmerksamkeit gibts vorerst für Modelmasse. Wer hinter der schönen Fassade steckt, ob jemand etwa sympathisch ist oder gerne verreist, häufig kocht oder hobbymässig verwai­s‍te Jungvögel aufpäppelt, interessiert vielleicht in einem zweiten Schritt. «Ohne Bauch- und Armmuskeln läuft man Gefahr, partnerlos nach Hause zu gehen», meint Moylan. «Es ist diese Furcht vor dem Alleinsein, die viele Schwule schlank hält.» Diesen Hinweis macht auch Chase Banni­s‍ter. Laut dem Psychologen muß im Zusammenhang mit Eß­s‍törungen und Körperwahn stets danach gefragt werden, ob sich die Betroffenen ausreichend aufgehoben und sozial getragen oder allenfalls etwas einsam fühlen. «Vor allem die neuere Fachliteratur betont die Verbindung zwischen diesen Themen», erklärt Banni­s‍ter. «Es scheint, als würden sich schwule Männer mit ihrem Körper insgesamt wohler fühlen, wenn sie in einer fe­s‍ten Beziehung leben.»

Ernsthafte Folgen
Welche Gründe auch immer homosexuelle Männer in den Sportexzeß oder Magerwahn treiben, man darf die Thematik nicht ignorieren. Wie Psychologe Roland Müller weist auch der Journalist Nico Lang darauf hin, daß das Problem kaum öffentlich diskutiert werde. «Es ist ein Tabu.» Den Grund hierfür sieht Lang nicht zuletzt darin, daß die Thematik für Männer mit einer großen Scham verbunden sei. «Sie glauben, man würde sie als schwach wahrnehmen und ihre Männlichkeit in Frage stellen, wenn sie Hilfe holten.» Das ist insofern umso verheerender, als die Folgen tödlich sein können. Eß­s‍törungen führen häufiger zum Tod der betroffenen Person als alle anderen psychischen Erkrankungen.

 Verzerrte Wahrnehmung
Letztendlich muß es darum gehen, daß wir alle einen entspannten Umgang mit unseren Körpern pflegen. Daß wir uns von überhöhten Idealen verabschieden und den unreali­s‍tischen Erwartungen, die wir sowohl gegenüber uns selbst als auch gegenüber anderen haben, Lebewohl sagen. Theoretisch wissen wir alle, daß sich unser Selbstwert nicht durch das Aussehen be­s‍timmt. Dies wirklich zu verinnerlichen und zu glauben, fällt aber schon schwerer. Andauernd werden wir mit Bildern und Botschaften bombardiert, die das Gegenteil suggerieren – laut der Psychoanalytikerin Susie Orbach sind es wöchentlich 5000 digital bearbeitete Fotos, die auf uns einprasseln. «Diese verzerren unsere Wahrnehmung und unser Gefühl für die körperbezogenen Normen», erläutert Roland Müller. «Gerade Werbebilder verunsichern uns bewußt und animieren so zum Kauf von Schönheits- und Fitnessprodukten.» Damit läßt sich viel Geld verdienen, und es sieht nicht danach aus, als ob diese aktive Förderung des Körperkults bald enden würde.

Natürlichkeit? Ja, ja, ja!
Immerhin: Im Sommer 2015 wurde in den Weiten des Internets der sogenannte «Dadbod» gefeiert – jene Art von Männerkörpern, die sich durch einen Bauchansatz sowie kaum definierte Brust- und Armmuskeln auszeichnen. Der Trend ent­s‍tand, nachdem eine US-Studentin in einer Unizeitung eine Lobeshymne auf diesen Körpertyp gesungen hatte. Die damals 19-Jährige beschrieb ihn als «gesunde Balance zwischen Bierbauch und Fitneß». Der Dadbod würde aussagen, daß der Mann gelegentlich trainiere, am Wochenende aber auch trinke und «gerne mal acht Stück Pizza hintereinander» esse. Der Hype war zwar alles andere als nachhaltig. Sein Triumphzug durch die sozialen Medien dauerte ein paar Wochen, danach flaute er ab. Es darf bezweifelt werden, daß Männer seither lockerer mit ihrem Körper umgehen und daß jene, die sich an allfälligen Wohlfühlpfunden ge­s‍tört hatten, letztere plötzlich lieb gewannen. Außerdem kann man der Zelebrierung des Dadbods Sexismus vorwerfen und das Ganze dahingehend kritisieren, daß die Frauen außer Acht gelassen wurden. Sie blieben dem Schlankheitsdiktat unverändert unterworfen, ein Pendant im Sinne des «Mumbod» ent­s‍tand nicht – obwohl dies zu Recht gefordert worden war. Und dennoch: Mit etwas gutem Willen kann der Trend vielleicht als Zeichen dafür gewertet werden, daß sich die Menschen ver­s‍tärkt nach Natürlichkeit sehnen. Und danach, Blattsalat und Fitneß­s‍tudio auch mal zu ignorieren und sich guten Gewissens mit Pa­s‍ta und Popcorn auf die Couch zu werfen, um eine ganze Staffel Walking Dead zu schauen.

Was meinen guten Freund Florian angeht, so hat er den gezielten, mühsamen Muskelaufbau bis jetzt noch nicht in Angriff genommen – und wird es wahrscheinlich auch nie. «Ich glaube, ich bin einfach zu faul dafür», sagte er, als wir das Thema kürzlich erneut diskutierten. «Und irgendwie finde ich es nachhaltiger, mich mit meinem Körper zufrieden zu geben, als einem Ideal nachzueifern.» Amen, Bruder.( von Markus Stehle, die Mannschaft)



«Sugardaddys» und «Toy Boys»?

Gegenüber Paaren mit grossem Altersunterschied be­s‍tehen oft Vorurteile. Das kann dazu führen, daß reife Beziehungen zwischen erwachsenen Menschen unberechtigterweise entwertet werden.

Samstagvormittag, zehn Uhr. Etwas verschlafen schlurfe ich durch den Supermarkt, als mir in der Teigwarenabteilung ein aparter Mittfünfziger entgegenkommt. Neben ihm geht ein junger Mann, der Mitte zwanzig sein dürfte. Die beiden unterhalten sich miteinander, lächeln. «Wie schön», denke ich mir. Vater und Sohn, harmonisch beim gemeinsamen Einkauf. Ich drehe mich nach links zum Regal, um mir eine Packung Spaghetti zu schnappen. Da sehe ich aus den Augenwinkeln, wie der Jüngere dem Älteren zärtlich die Hand auf den Unterarm legt und ihn kurz auf den Mund küßt, bevor er leichtfüssig zur Käsetheke trabt. Für einen Sekundenbruchteil bin ich irritiert, dann wird mir klar: Das ist kein Vater-Sohn-Gespann, das ist ein Paar! Und bevor ich mich dagegen wehren kann, beginnt es, das Klischeekopfkino. Auf die Plätze, fertig, los: Der Alte hat die Kohle und lei­s‍tet sich einen jungen Gespielen. Dieser wiederum läßt sich aushalten, kriegt gegen Sex sein Studium oder das Partywochen­ende in Sitges finanziert. Oder er hat einen Vaterkomplex und wirft sich deshalb an die graubehaarte Brust.

Ungefähr so lauten sie, die gängig­s‍ten Vorurteile gegenüber generationsübergreifenden Paaren. Einer, der diese Stereotype nur allzu gut kennt, ist Clint. Er ist dreissig, sein Freund Anfang Fünfzig. Auf tommoon.net erzählt er, wie die Leute immer wieder die unterschiedlich­s‍ten Vermutungen zu ihrer Beziehung an­s‍tellen. «In der Regel nehmen sie an, mein Partner sei wohlhabend und komme für meinen Lebensunterhalt auf – das nervt!», so Clint. «Ich bin ein zielstrebiger, karriereorientierter Typ, der für sich selbst sorgt.» Zudem gingen manche automatisch davon aus, sein Freund übernehme beim Sex den aktiven, er den passiven Part. «Als ob ich bloß sein Spielzeug wäre.» Andere wiederum glauben ihm nicht, wenn er von der aufrichtigen Zuneigung erzählt, die er für seinen Freund empfindet. Und schließlich hätten Außen­s‍tehende auch schon impliziert, er leide an einem «Vaterkomplex». «Gelegentlich werde ich psychoanalysiert und gefragt, ob ich eine schlechte Beziehung zu meinem Vater hätte, oder ob dieser früh gestorben sei», so Clint. «Beide Fragen kann ich mit einem NEIN beantworten.»

Böse Reaktionen
Auch der erfolgreiche britische Profiturmspringer Tom Daley weiß, was es heißt, wenn die Beziehung zum geliebten Partner kritisch beäugt wird. Als Ende 2013 gemunkelt wurde, der damals 19-Jährige sei mit dem 20 Jahre älteren Drehbuchautor Du­s‍tin Lance Black zusammen, überschlugen sich im Internet die gehässigen Bemerkungen. «Ich bin schockiert und angeekelt – jemand soll diesen armen Jungen retten!», hieß es zum Beispiel. Andere hofften, daß Daley «nicht verletzt wird» und «sich schützt». Tom sei so  ein netter Typ, meinte ein anderer, «ich bin sicher, Black wird ihn zugrunde richten». (Foto-Pinterest.com)

Klartext reden
Die Tatsache, daß sich manche derart über Daleys Beziehung enervierten, veranlaßte den LGBT-Journali­s‍ten Michael K. Lavers dazu, eine persönliche Stellungnahme zum Thema zu verfassen. Der Artikel war ein Kommentar aus berufenem Munde, schließlich lebt Lavers seit Jahren mit seinem Partner Andres zusammen, der fast 34 Jahre älter ist als er. «Manche Leute bezeichnen die Beziehung zwischen dem Turmspringer und dem Drehbuchautor als ‹seltsam› oder ‹unheimlich› und meinen zu wissen, Black sei ‹viel zu alt› für Daley», schrieb Lavers vor knapp drei Jahren.

«Manche Leute bezeichnen die Beziehung zwischen dem Turmspringer und dem Drehbuchautor als ‹seltsam› oder ‹unheimlich› und meinen zu wissen, Black sei ‹viel zu alt› für Daley.»

«Ich selbst empfinde meinen Partner nicht als ‹viel zu alt›, und unser Leben ist weder ‹seltsam› noch unheimlich›.» Im Gespräch mit der Mannschaft erzählt der 35-Jährige, er habe den damaligen Aufruhr um Daley und Black einfach nur lächerlich gefunden. Deshalb entschied er sich dazu, den Artikel zu schreiben. Er wollte Klartext reden und dem Leser einen Einblick in sein und Andres’ gemeinsames Leben geben – und besonders in die Normalität dieses Lebens.

Nervosität vor er­s‍tem Treffen
Kennen­gelernt haben sich die zwei im Juli vor sechs Jahren. In einer Bar in Washington D. C., wo sie sich den ganzen Abend lang unterhielten. Als Lavers am näch­s‍ten Tag nach New York zurückkehrte, war ihm eines klar: Er hatte mit Andres einen «wahrhaft netten Mann» kennen­gelernt, mit dem er in Kontakt bleiben wollte. Die folgenden Wochen waren von täglichen Telefonaten und ausgiebigen SMS-Konversationen be­s‍timmt, im September 2010 wurden die beiden ein Paar. Lavers’ Umfeld reagierte gelassen. «Niemand aus meinem engeren Familien- und Freundeskreis hatte ein Problem mit dem Alters­unterschied», erzählt er. Gerade auch seine Eltern, die jünger sind als Andres, nahmen die neue Liebe des Sohnes gut auf. «Ich war sehr aufgeregt, als sich alle zum er­s‍ten Mal sahen», erinnert sich der Journalist und lacht. Seine Nervosität war jedoch umsonst, die Eltern gingen perfekt mit der Situation um. Ganz allgemein sind Lavers und sein Partner von negativen Reaktionen weitgehend verschont geblieben. «Wir haben Glück», meint er. Nur ein-, zweimal wurden sie von Fremden gefragt, ob sie Vater und Sohn seien, doch «das war jeweils weder böse noch beleidigend gemeint.»

Eine Ausnahme – leider
Daß der Altersunterschied zwischen ihm und seinem Partner nur selten kommentiert wird, sollte eigentlich nichts Spezielles, sondern die Regel sein, findet Michael Lavers. «Es ist einfach und simpel: Wir tun niemandem weh. Deshalb hat es auch niemanden zu kümmern, wie alt wir sind.» Fakt sei aber, daß die Diskriminierung gegenüber älteren Männern nicht nur in der Gesellschaft allgemein, sondern gerade auch in der Szene grassiere. Oft würden die Motive in Zweifel gezogen, wenn sich schwule Männer unterschiedlichen Alters nahe­stünden – sei es freundschaftlich, sei es in einer Partnerschaft. «Wenn die Leute einen jungen Typen mit einem älteren Mann zusammen sehen, dann denken die mei­s‍ten, der Junge wolle sich einen Sugardaddy angeln. Eine bedauernswerte Ein­s‍tellung», findet Lavers.

Unqualifizierte Argumente
Auch der Basler Psychotherapeut Udo Rauchfleisch hält nicht viel von solchen vorgefertigten Meinungen. «Die Sugar­daddy-Theorie ist diskriminierend und reduziert die Verbindung zweier erwachsener Menschen auf eine ausschließlich finanzielle Ebene.» Beim Argument des sogenannten Vaterkomplexes winkt Rauchfleisch ebenfalls ab. «Dieser Begriff beschreibt eine über­s‍tarke Bindung des Sohnes an den Vater, der bei der Partnerwahl des Sohnes eine bedeutende Rolle spielt», erklärt er.

«Die Sugar­daddy-Theorie ist diskriminierend und reduziert die Verbindung zweier erwachsener Menschen auf eine ausschließlich finanzielle Ebene.»

Diese Dynamik sei keinesfalls bei allen schwulen Partnerschaften mit markantem Altersunterschied vorhanden. Für Rauchfleisch ist der Vaterkomplex ein «laienhafter Begründungsversuch», der nichts wirklich erkläre. Und eine böse Unter­s‍tellung, wie der Psychologe es nennt. Eine Unter­s‍tellung, die den Jüngeren als krankhaft ab­s‍temple und gleichzeitig in Abrede stelle, daß «es sich in den mei­s‍ten Fällen um reife Beziehungen zwischen zwei selb­s‍tändigen Männern handelt».

Wertvoller Au­s‍tausch
Es sind Beziehungen, die ihre Vorteile haben. So erlebten zum Beispiel viele ältere Männer die Jugendlichkeit des Partners als eine große Bereicherung, sagt Udo Rauchfleisch. Junge können Älteren helfen, gei­s‍tig frisch und flexibel zu bleiben. Die Jugend fordert  – dadurch bewahren ältere Menschen den Kontakt zur Lebensrealität und Denkwelt nachfolgender Generationen. Auch Michael Lavers hebt den Wissensau­s‍tausch hervor, der stattfinden kann. Er ist überzeugt davon, daß «wir Jüngeren viel von Älteren lernen und von ihren Erfahrungen profitieren können. Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir diese Menschen schneiden und meiden.» Ein weiteres Plus sieht er in der Be­s‍tändigkeit und Reife, die ältere Männer oft mitbrächten. Es sind dies Attribute, die ihn stets anzogen. «Ich fühlte mich in Gesellschaft ruhigerer, ausgeglichener Männer schon immer wohler», sagt er. Und fügt lachend an, er habe «für Drama keine Zeit».

Verschiedene Lebensphasen
Es liegt in der Natur der Sache, daß sich unterschiedlich alte Partner auch in unterschiedlichen Lebensphasen befinden. Daraus können sich nicht nur die erwähnten positiven Wirkungen, sondern auch Nachteile ergeben. «Andres und mich trennen 33 Jahre», sagt Michael Lavers. «Wenn ich in meinen Vierzigern oder Fünfzigern bin, wird er sehr alt sein. Und irgendwann wird er wahrscheinlich an gesundheitlichen Beschwerden leiden.» Darüber mache er sich manchmal schon seine Gedanken, meint er. «Doch darum kümmern wir uns, wenn es so weit ist.»

«Womöglich meint der Jüngere, er wolle noch sexuelle Erfahrungen machen, die der Ältere bereits hinter sich hat.»

Laut Udo Rauchfleisch kann sich ein weiteres Problem im Hinblick auf das Sexualleben ergeben. «Womöglich meint der Jüngere, er wolle noch sexuelle Erfahrungen machen, die der Ältere bereits hinter sich hat.» In diesem Fall sei es umso wichtiger, daß die Partner offen über ihre Beziehung und ihre Wünsche sprächen, erklärt Rauchfleisch. «Es gilt, sich ehrlich über die eigenen Gefühle zu ver­s‍tändigen. So kann man miteinander Mittel und Wege finden, die Partnerschaft zu gestalten.»

Der Einfluß der Gesellschaft
Schließlich kann der Altersunterschied dazu führen, daß «die gemeinsame Basis fehlt», wie es der 51-jährige Rolf beschreibt. Vor sieben Jahren, im Alter von 44, war er mit einem 19 Jahre jüngeren Mann zusammen. «Wir standen an völlig verschiedenen Orten in unserem Leben. Eine solche Kombination kann zwar spannend sein und beiden Seiten neue Einsichten und Inspiration liefern. In unserem Fall hat es aber nicht funktioniert.» Die Beziehung war auch aus einem anderen Grund nicht ganz unbela­s‍tet. Im Gegensatz zu Michael und Andres, die kaum auf ihren Altersunterschied angesprochen werden, war Rolf immer wieder mit diesbezüglichen Fragen konfrontiert. «Viele Leute erkundigten sich danach, was ich denn ‹mit so einem Jungen› überhaupt wolle», erzählt er gegenüber der Mannschaft.

Auch sonst im Alltag – beim Spazieren, beim Einkaufen – habe das Thema der Altersdifferenz jeweils mitgeschwungen. In gewissen Situationen fiel es ihm nicht leicht, sich unbeschwert an der Seite seines Partners zu zeigen, der mit 25 Jahren noch immer «sehr jungenhaft aussah», wie Rolf es beschreibt. «Manchmal wollte er in der Öffentlichkeit Händchen halten. Ich habe dann jeweils gemerkt, daß ich das nicht wollte. Ich fühlte mich vom Umfeld beobachtet und in die Daddy-Rolle gedrängt.» Klar sei, daß in Beziehungsangelegenheiten grundsätzlich weder das Alter noch die Meinungen anderer Leute eine Rolle spielen sollten, sagt Rolf, der nun seit längerem in einer offenen Beziehung mit einem Mann Ende vierzig lebt. «Zu einem gewissen Grad übt die Gesellschaft aber doch einen Einfluß aus.»                                     (Foto-Pinterest.com)

«Verbotene Liebe»?
Diese soziale Beeinflussung hat Rolf auch schon bei anderen Schwulen festgellt, insbesondere bei jüngeren. «Sowohl meine eigenen Erfahrungen als auch diejenigen einiger Freunde haben gezeigt,  daß manch ein junger Mann von Älteren sexuell angezogen ist.» Rolf wird regelmässig von 20- bis 30-Jährigen angeschrieben, gelegentlich trifft er sich mit ihnen.

«Offenbar ist es ein Tabu, sich als junger Mann für Ältere zu interessieren.»

«Für diese Männer ist es kein Problem, mit einem doppelt so alten Mann Sex zu haben.» Wenn es aber darum gehe, dazu zu stehen, sehe die Welt oft anders aus. Es sei schon passiert, daß er von demselben Typen, mit dem er Sex hatte und sich gut ver­s‍tand, komplett ignoriert wurde, als er ihn im Kreise seiner Freunde im Nachtleben traf. Das sei für ihn in Ordnung, meint Rolf, er verurteile das nicht. «Es fällt mir einfach auf. Und es zeigt, daß es offenbar ein Tabu ist, sich als junger Mann für Ältere zu interessieren.»

Kopie heterosexueller Vorgaben
Dieses Tabu ist laut Udo Rauchfleisch nichts anderes als ein Ausdruck der weitverbreiteten Vor­s‍tellung, Partner müßten gleichaltrig sein. Bei dieser Vor­s‍tellung, so der Psychotherapeut, handle es sich letztlich um eine sozial konstruierte Norm, die sich rational nicht begründen lasse. «Klar, wenn ein Paar Kinder möchte, dann mag es meist einfacher sein, wenn die Eltern ungefähr gleich alt sind.» Doch selbst in diesen Fällen sei dies in keiner Weise zwingend, und gerade im LGBT-Bereich ergebe das starre Konzept der Gleichaltrigkeit meist noch weniger Sinn. Trotzdem würden sich auch die mei­s‍ten Lesben und Schwule diesem fixen Idealbild unterwerfen, statt sich davon zu befreien, bedauert Rauchfleisch. «Wir haben das Gefühl, dem heterosexuell geprägten Mainstream entsprechen zu müssen. Ich finde es ehrlich gesagt blamabel, daß Lesben und Schwule diesbezüglich nicht etwas mehr Toleranz an den Tag legen.»

«Wer sich am Altersunterschied zwischen zwei Menschen stört, die sich für ein gemeinsames Leben entschieden haben, der sollte wohl ein bißchen mehr über sich selbst und die eigenen Unsicherheiten nachdenken.»

Mehr Toleranz aufbringen, sich von unreflektierten Pauschalisierungen lösen – letztendlich geht es genau um das. Partnerschaften zwischen zwei ungleich alten Menschen können genauso gut funktionieren oder problembeladen sein wie alle anderen Beziehungen auch. Michael K. Lavers sagt es so: «Wer sich am Altersunterschied zwischen zwei Menschen stört, die sich für ein gemeinsames Leben entschieden haben, der sollte wohl ein bißchen mehr über sich selbst und die eigenen Unsicherheiten nachdenken. Am Ende zählt nur, daß wir beide glücklich sind. Ich hoffe, die Leute realisieren das.»( von Markus Stehle-Mannschaft.com)


Jahrzehntelang sind sie Ehemänner, Väter und Großväter. Dann brechen sie aus, wechseln das Ufer und begehren auf einmal fremde Männer statt ihrer Ehefrauen.

Papi mag Männer lieber

Ein Klick veränderte sein Leben. Es war dunkel, seine Frau schlief bereits, Andreas wollte vor dem Zubettgehen nur seine E-Mails abrufen, doch statt auf «E-Mail» klickte Andreas auf «Chat» und dann, klick, auf «men only», alles passierte ganz schnell, ein Fenster ging auf, und Andreas trat ein in den virtuellen Raum. Klick.

«Hallo!», schrieb einer, und Andreas antwortete: «Hallo?»

«Bist du schwul?» Und Andreas, der treue Ehemann und Vater zweier Kinder, der Familienmensch mit Haus am Stadtrand, der ehemalige Wirt eines Gasthofes, der am Stammtisch über schlechte Schwulenwitze lachte, er zögerte keine Sekunde.

Er tippte: «JA!»

Vierzig Jahre lang hatte er diese Frage nicht zugelassen. Seit der Pubertät verdrängte er, wie wohl er sich fühlte, wenn Männer um ihn herum waren, im Militär, in der Küche seines Re­s‍taurants, doch in dieser einen Nacht vor zwölf Monaten, als seine Frau schon schlief, da brachen alle Dämme. Drei Stunden unterhielt er sich mit dem Fremden per Tastatur, dann legte er sich weinend ins Ehebett, auf die rechte Seite, dorthin, wo all die Jahre sein Platz gewesen war.

Heute sagt er: «Es war die ganze Zeit in mir, und dieser fremde Mann im Internet hat es aufgeweckt.» Es. Noch geht ihm das Wort nur mit Mühe von den Lippen, noch ist alles ganz neu für ihn. Es. Das Schwulsein. Andreas ist 57 Jahre alt, seit sechs Monaten bekennt er sich öffentlich dazu. Er sagt: «Jetzt lebe ich es.»

Kennengelernt hatten sich Andreas und Yvonne, seine Frau, in der Hotelfachschule in Luzern. Sie waren jung, und sie hatten einen gemeinsamen Traum: ein eigenes Re­s‍taurant, währschaft und ehrlich. Sie waren ein gutes Team, er im Hintergrund, sie sehr kommunikativ, schnell wurden sie Geschäftspartner, drei Jahre später auch Partner vor Gott, sie heirateten in einer kleinen Kirche, ohne grosses Tamtam. Daß sie nur zwei Mal pro Jahr Sex hatten und irgendwann gar nie mehr, war kein Thema, daß sie sich wie Geschwi­s‍ter berührten, fiel nicht auf, daß sie nie Streit hatten, deuteten sie als tiefe Liebe statt als fehlende Tiefe, daß Andreas in seiner Pubertät mit Jungs rummachte, verschwieg er ihr, er wurde katholisch erzogen und hielt seine Jugendaffären mit Männern für eine Sünde, ver­s‍taute seine Erinnerungen in der hinter­s‍ten Ecke seines Gehirns, wo sie vierzig Jahre lang vor sich hin schlummerten. Bis zu jenem Abend im Herbst vor einem Jahr, als seine Frau schon schlief und er nur seine E-Mails abrufen wollte. Klick.

Chri­s‍tian Gertsch sagt: «Bei den mei­s‍ten Männern, die sich spät zur Homosexualität bekennen, war schon in der Jugend ein Bewußtsein da. Doch das wurde verdrängt.» Sie hatten Angst vor Diskriminierung. Sie wollten sein wie alle: Ehe, Kinder, Karriere, Kombiwagen, Haus mit Garten, Ferien im Tessin. «Jahrelang passiert nichts, bis ein einschneidendes Ereignis die verborgene sexuelle Neigung ans Tageslicht bringt.» Gertsch hat das alles selber erlebt, er ist Vater von drei Kindern, schwul und seit zehn Jahren Leiter der einzigen Selbsthilfegruppe für homosexuelle Väter in der Schweiz. Gertsch sagt: «Oft kommt der Bruch in einer Zeit, in der man gezwungen wird, sich mit Fragen auseinanderzusetzen wie: Wer bin ich eigentlich? Und: Was will ich?» Das könne die Geburt des eigenen Kindes sein, die bevor­s‍tehende Pensionierung oder eine Annäherung eines netten Bürokollegen. Bei Andreas war es der Ischiasnerv.(Foto-hayatouki.com)

Nach dreissig Jahren als Wirt konnte er keine Pfanne mehr heben, ohne daß der Ischias zwickte, das Ehepaar verkaufte seinen Gasthof, den gemeinsamen Traum, die Kinder zogen aus, auf einmal hatten die beiden viel Zeit und wußten gar nicht, wie damit umgehen. Yvonne fing an, Puzzles zu legen, und Andreas entdeckte die Unendlichkeit des Internets, sprang schnell von Seite zu Seite und landete bei Bildern und kleinen Filmen nackter Männer. Die sah er sich lange an.

Als Andreas nach dieser Nacht mit dem fremden Mann aufwachte, es war ein Samstag, war sein er­s‍ter Gedanke: «Ich muß es ihr sagen.» Yvonne und er gingen spazieren, das Gespräch im Chatroom war kaum zwölf Stunden alt, als Andreas fragte: «Findest du nicht, wir haben eine komische Beziehung?»

Yvonne: «Wieso?»

Andreas: «Wir haben nie Sex. Warum nicht?»

Yvonne: «Streß?»

Andreas: «Seit fünfzehn Jahren?» Pause. Dann: «Hast du nie gedacht, ich sei schwul?»

Yvonne: «Nein.»

Andreas: «Ich bin es aber.»

Yvonne: «Ja?»

Andreas: «Ja.»

Heute sagt Andreas: «Natürlich war es schmerzhaft für sie, doch ich habe ihr nie was vorgespielt. Wir hatten kaum Sex vor der Ehe, und danach auch nicht. Die wenigen Male dienten der Zeugung unserer Kinder. Sie hat sich nie beschwert.» Vielleicht war es nie Liebe, aber eine Freundschaft, die ihn und Yvonne verband und noch heute verbindet. Seine beiden Kinder weihte er zwei Tage später ein, «sie nahmen es gut auf», der eine Sohn, mitten in der Pubertät, verschloß sich zunächst, wollte nichts davon wissen, doch mittlerweile mache er Scherze, wenn er Freunde nach Hause bringt: «Hände weg», rufe er ihm zu. Andreas: «Trotz all den Hürden: Ich würde es wieder so machen. Ich bereue nichts.»

Seit seinem Ge­s‍tändnis vor einem Jahr hatte er Sex mit zwei Männern, mit denen er sich im Internet befreundete, er war schüchtern, unsicher, er sagt: «Schließlich ist es mehr als vierzig Jahre her, seit ich mit einem Mann . . .» Mehr sagt er nicht. Nur manchmal zweifle er: «Kommt alles gut? Werde ich alleine sein im Alter?»

Der schwule Opa

«Natürlich ist die Gesellschaft heute toleranter Homosexuellen gegenüber», sagt Chri­s‍tian Gertsch, der Leiter der Sprech­s‍tunde. «Auch das Comingout ist einfacher geworden», schlechte Reaktionen von außen seien selten. «Das heißt noch lange nicht, daß es keine Probleme gibt, noch immer sind Abwertungen häufig.» Der Spruch «Jetzt sei nicht so schwul!» sei schon im Kindergarten verbreitet. Dennoch: Es hat sich etwas verändert. Es gibt Klubs und Bars und Gay-Paraden, es gibt schwule Nationalräte, ein neues Partnerschaftsgesetz und in jeder Fernsehserie minde­s‍tens einen Homosexuellen in engem T-Shirt mit Unterlippenbärtchen. Man sagt, er steigere die Einschaltquote. All das gab es 1960 noch nicht, als Phillip danach suchte.

Phillip ist heute 66-jährig, in seinen Jugendjahren traf er sich in der Zürcher Barfüsser-Bar und im Café Mary mit Männern, er hatte heimlich Sex, er hatte Angst vor der Polizei, er lernte seine Frau am Fasnachtsball kennen und heiratete sie 1965. Viel ist seither passiert: Aus dem Café Mary, wo Phillip sich vor fünfzig Jahren umschaute, ist heute ein Starbucks und aus Phillip ein rü­s‍tiger Rentner geworden, ein Opa mit vier Enkelkindern. Phillip: «Damals habe ich mich nie gefragt, ob ich schwul sei.» Erst heute könne er dazu stehen, er beichtete es seiner Frau vor zwei Jahren an einem Sonntag beim Früh­s‍tück: «Ich bin schwul.» Dankbarkeit empfinde er ihr gegenüber, «sie hat mich nicht ver­s‍tossen, schließlich habe ich sie betrogen. Wir bleiben für den Rest des Lebens zusammen.»

Selten treffe er sich mit Männern, einmal hatte er eine Affäre mit einem 25-Jährigen, «viele Chancen bekommt man nicht.» Zwar achtet Phillip aufs Gewicht, trägt eine jugendliche Frisur und kauft sich auch mal einen Kapuzenpulli, doch «ab fünfzig gilt man in der Schwulenszene als prähistorisch.» Phillip sagt: «Ich lebe endlich befreit. Mir geht es viel besser.»

«Und wie geht es Ihrer Frau?»

Phillip: «Sie braucht noch Zeit.»

Für die Frauen ist es am schlimm­s‍ten. Machtlos sehen sie mit an, wie sich ihre Männer von ihnen abwenden, und können nichts tun, denn gegen die Waffen der Frauen sind homosexuelle Männer immun. Manche Partnerinnen sind bereit, den neuen Freund des Mannes patchworkartig in die Familie zu integrieren. Es wird noch ein Gedeck aufgetragen, am Eßtisch sitzen fortan: zwei Kinder, zwei Männer und eine Mutter. Doch solche Kon­s‍tellationen sind selten, meist ist es wie bei Max: «Meine Frau will mich nie mehr sehen. Kann ich es ihr verübeln?»

Das gewisse Etwas

Max, 51, braungebrannt und athletisch, sitzt in der Lobby des Hotels Palace in Gstaad, wo er die ganze Woche Seminare besucht. Noch vor drei Jahren litt er an einer Depression, wog zehn Kilo mehr, hatte einen großen Schnauz und eine Affäre mit einem Schweden. «Es war die schlimm­s‍te Zeit meines Lebens, ich mußte mich entscheiden.» Und er entschied sich für seine Homosexualität, woraufhin seine Frau sich scheiden ließ, ihm die Kinder nahm und nur noch per Anwalt kommunizierte. «Es gibt Menschen, die grüssen mich bis heute nicht.» Seinem Sohn habe man im Dorf zugerufen: «Dein Vater ist ein Arschficker!» Die Kinder waren zunächst schockiert und am Boden zer­s‍tört, weil die Ehe nicht hielt. «Ich war für sie der Täter.» Erst nach Monaten und vielen Gesprächen habe sich das Verhältnis zu den Kindern verbessert und sei heute enger denn je. Ehrlicher. Reifer. Max: «Ich mußte meinen Weg gehen. Es hat mir immer etwas gefehlt. Und dieses Etwas hat mich krank gemacht.»

Und Max erzählt von seinem Traum, den er während seiner 26-jährigen Ehe mehrmals träumte: «Ich bin am Flughafen und komme von einer langen Reise zurück, ich schreite in die Wartehalle und sehe von weitem eine Frau. Ich habe solch starke Gefühle zu ihr, daß ich meine Koffer aus der Hand lasse, ihr entgegenrenne und sie umarme.» Und erst bei der Umarmung merkt Max, daß die Frau gar keine Frau ist. Max hält einen Mann im Arm. Er hat das Etwas gefunden.

Als Andreas nach dieser Nacht mit dem fremden Mann aufwachte, war sein er­s‍ter Gedanke: «Ich muß es ihr sagen.»

Phillip: «Viele Chancen erhält man nicht. Ab

fünfzig gilt man in

der Schwulenszene

als prähistorisch.»

(NZZ-. Sacha Batthyany)



Schule und Lernen: Eine Frage der Aufklärung

Gehört Homosexualität wirklich auf den Lehrplan? Und darf man schon in der Grundschule über Sex sprechen? Ja, sagen Experten. Denn das hilft, Wissen auf- und Vorurteile abzubauen.

Sexualkunde ist ein Thema, das bei Schülern und Lehrern nicht selten peinliches Schweigen hervorruft – die Gesellschaft diskutiert es dagegen zurzeit umso enthusiastischer. Während die Regierungen vieler Bundesländer forcieren, sexuelle Aufklärung künftig stärker interdisziplinär im Lehrplan zu verankern, und auch auf die Auseinandersetzung mit den Themen Homo-, Trans- und Intersexualität pochen, runzeln manche Eltern besorgt die Stirn. Müssen Kinder und Jugendliche denn in der Schule wirklich lernen, was schwul und lesbisch ist? Dass es auf die Frage nach dem Geschlecht möglicherweise mehr als zwei Antworten gibt?

Alarmglocken schrillen bei vielen auch, wenn in den Medien von vermeintlich modernen Unterrichtsmaterialien die Rede ist, die Lehrer dazu anleiten, ihre Schüler doch mal einen Puff so umgestalten zu lassen, daß sich alle darin wohlfühlen. Oder mit ihnen offen über ihr er­s‍tes Mal zu sprechen. Beide Übungen sind Beispiele, die in der öffentlichen Diskussion zuletzt häufig genannt und mitunter auch stark kritisiert wurden. Hinzu kommt: Tendenziell beginnt der Aufklärungsunterricht inzwischen immer früher, manchmal sogar schon in der Kita. Für manche Kritiker reicht das aus, um eine "Frühsexualisierung" der Schüler zu befürchten – oder gar gleich die Umerziehung zur Homosexualität.

Sexualerziehung ist ein heißes Thema

Klar ist: Sexualerziehung in der Schule ist seit jeher ein heißes Thema – das war es auch schon, bevor die Debatte im vergangenen Jahr anläßlich der Reformpläne wieder aufs Neue hochkochte. In der Realität sind Gespräche über Pro­s‍titution und intime Ge­s‍tändnisse im Schulunterricht allerdings eher die Ausnahme als die Regel. "Es gibt zwar Lehrpläne mit verschiedenen Themenfeldern und Altersklassen. Was aber tatsächlich in den einzelnen Klassen und in welchem Umfang behandelt wird, ist sehr unterschiedlich. Das hängt auch von der Kompetenz der Lehrkraft und den Themen ab, die für die Schüler besonders relevant sind", erklärt Anja Henningsen, Professorin für Sexualpädagogik an der Universität Kiel und Vor­s‍tandsmitglied der Gesellschaft für Sexualpädagogik.

So zeigt etwa die Jugendsexualitäts­s‍tudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2010: Fast alle Schüler zwischen 14 und 17 Jahren nehmen im Unterricht irgendwann einmal die "Geschlechtsorgane von Mann und Frau" durch und sprechen über "Regel, Eisprung und fruchtbare Tage der Frau". Ebenfalls zum Pflichtprogramm gehören offenbar die Themen Geschlechtskrankheiten, körperliche Entwicklung Jugendlicher, Empfängnisverhütung und Schwangerschaft und Geburt. Bei dem Rest klaffen die Erfahrungen der Jugendlichen allerdings weit auseinander. Homosexualität oder sexuelle Gewalt werden manchmal besprochen, Tabuthemen wie Pornografie oder Pro­s‍titution fügen sich nur selten in diesen – wie die Autoren der Studie ihn nennen – "Themenkanon der Schulen um Körperanatomie, Reproduktion und Verhütung" ein.

Aus pädagogischer Sicht sieht Anja Henningsen diesen Themenkanon zum Teil auch kritisch: "Sexualerziehung ist uns oft nur dann wichtig, wenn wir Sorgen haben." Natürlich seien es wichtige Ziele des Aufklärungsunterrichts, Jugendschwangerschaften und HIV-Infektionen zu verhindern und die Schüler für sexuelle Gewalt zu sensibilisieren. Aber man dürfe nicht nur auf die Gefahren blicken: "Eine gute Sexualerziehung soll Kinder und Jugendliche später zu einem selbstbe­s‍timmten Umgang mit Sexualität befähigen", sagt die Kieler Pädagogin. Sie glaubt daher, daß Sexualkundeunterricht auch Hilfe­s‍tellung bei Fragen bieten muß, die bisher oft vernachlässigt werden: Wie kann ich mich mit meinem Partner am be­s‍ten über Verhütung unterhalten? Tut mir eine Beziehung gut? Was kann ich bei Liebeskummer tun? Dabei müsse man die Schüler auch in dem be­s‍tärken, was sie richtig machen, und nicht nur das verurteilen, was schiefläuft. "Wenn man mit dem erhobenen Zeigefinger kommt, gehen Jugendliche sehr schnell in eine Abwehrhaltung", so Henningsen. "Ich kann das Gespräch nicht beginnen, indem ich sage, 'Ihr wißt ja alle, daß ihr keine Pornos gucken dürft. Aber wer hat denn schon mal einen geschaut?', und dann eine gute Unterhaltung darüber führen, welche realitätsfremden Bilder in solchen Filmen meist transportiert werden."

"Sexualerziehung darf uns nicht nur dann wichtig sein, wenn wir Sorgen haben" (Anja Henningsen)

Zu sexueller Selbstbe­s‍timmung gehört, daß Menschen frei entscheiden dürfen, wie sie ihr Sexualleben und ihre Partnerschaften gestalten wollen. Daß auch sexuelle Vielfalt damit zum Unterrichtsthema wird, ver­s‍teht sich für Anja Henningsen von selbst. Aus diesem Grund darf Aufklärung nicht nur bereits in der Kita beginnen – sie sollte es in den Augen der Wissenschaftlerin idealerweise sogar.

Auch kleine Kinder haben Fragen

"Auch kleine Kinder leben bereits in einer Welt, in der sexuelle und geschlechtliche Vielfalt exi­s‍tieren", sagt Anja Henningsen. Das Modell von Vater-Mutter-Kind gilt längst nicht mehr in allen Familien, manche Kinder wachsen längst mit zwei Vätern oder zwei Müttern auf. Und Conchita Wurst, die "Frau mit Bart", gewann 2014 vor den Augen der Weltöffentlichkeit den Eurovision Song Contest. Fragen tun sich damit auch bei den Jüng­s‍ten schon zur Genüge auf, erklärt die Forscherin. "Sexualerziehung bietet Kindern altersangemessene und zielgruppenorientierte Antworten. Damit ermöglicht sie es ihnen, diese Welt besser zu ver­s‍tehen. Das heißt nicht, daß man im Kindergarten über Sex­s‍tellungen spricht. Aber warum sollten wir unter diesen Bedingungen warten, bis Jugendliche ihre eigene sexuelle Identität entdeckt haben, bevor wir ihnen vermitteln, daß Unterschiede zwischen allen Menschen anerkannt werden sollten – auch in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung oder ihr Geschlecht?" Daß die Kinder dadurch zur Homosexualität angeleitet würden, wie viele Kritiker befürchten, hält Henningsen für Quatsch. Es gibt bisher auch keine Studien, die diese Sorge ernsthaft stützen.                                                                                                                                 Foto-Rhein-Zeitung

Stattdessen kann eine frühe Sexualerziehung, die sich auch bewußt solchen als heikel empfundenen Themen widmet, aber nachweislich dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Wissen zu mehren. Das zeigt beispielsweise eine Untersuchung von Ulrich Klocke von der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Forscher befragte 2012 gemeinsam mit seinen Kollegen Schüler, Lehrer und Schulleiter an 99 Berliner Schulen quer durch alle Bildungssegmente. Dabei deckte er auf, daß Homophobie unter den Jugendlichen nach wie vor keine Seltenheit ist: Mehr als die Hälfte aller Sechst- und Neuntkläßler hatten in den vergangenen zwölf Monaten nach Angaben von Mitschülern die Wörter "schwul" oder "Schwuchtel" als Schimpfwort benutzt. Auch "Lesbe" mußte häufig als Beschimpfung herhalten.

Langfri­s‍tig thematisiert wurde Homosexualität in den mei­s‍ten Klassen nach Angaben der Schüler nur selten. Meist tauchte sexuelle Vielfalt nur im Zusammenhang mit negativen Vorfällen wie Mobbing auf und wurde von den Lehrkräften dann als "nicht schlimm" bezeichnet. Damit hätten die Lehrer den Betroffenen aber vermutlich einen Bärendienst erwiesen, glauben die Forscher, weil bei den Schülern so eher die negative Assoziation hängen blieb.

Mehr Wissen, weniger Vorurteile

Die Jugendlichen, die das Thema aber tatsächlich ausführlicher im Unterricht besprochen hatten, hatten die Nase in puncto Toleranz deutlich vorn: "In je mehr verschiedenen Jahrgängen und Fächern Lesbischsein und Schwulsein thematisiert wurden, de­s‍to besser wußten die Schüler über LSBT (Anmerkung der Redaktion: Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) Bescheid und de­s‍to positivere Ein­s‍tellungen zu LSBT hatten sie", schreibt Klocke in seiner Zusammenfassung der Ergebnisse. Der Forscher plädiert daher ebenfalls dafür, das Thema möglichst früh zu behandeln. Erst ab der 6. Klasse darüber zu sprechen, wie es sich viele Lehrer und Eltern in der Befragung wünschten, sei viel zu spät: "Kindern soziale Vielfalt als etwas Selbstver­s‍tändliches nahezubringen, ist einfacher, als bereits verfe­s‍tigte Vorurteile bei Jugendlichen abzubauen."

Und auch später bedeutet das nicht, daß man sich zwangsläufig in einen großen Stuhlkreis zusammensetzen und über Lesbisch- oder Schwulsein reden muß. Gerade um die Betreffenden nicht nur auf ihre Sexualität zu reduzieren, sollte man das Thema ganz bewußt auch außerhalb des Sexualkundeunterrichts ansprechen, empfiehlt Klocke: "So könnten in Romanen oder Filmen im Deutsch- oder Fremdsprachenunterricht neben heterosexuellen auch LSBT-Charaktere vorkommen, im Ethikunterricht beim Thema Liebe und Partnerschaft auch gleichgeschlechtliche Paare berücksichtigt werden und im Geschichtsunterricht der Kampf um Gleichberechtigung am Beispiel der LSBT-Bürgerrechtsbewegung veranschaulicht werden."

"Kindern soziale Vielfalt als etwas Selbstver­s‍tändliches nahezubringen ist einfacher, als Vorurteile bei Jugendlichen abzubauen" (Ulrich Klocke)

In eine ähnliche Richtung wie Klockes Untersuchung weisen auch die Ergebnisse von Modellprojekten aus den Niederlanden, an denen in den vergangenen Jahren hunderte Grundschüler zwischen vier und zwölf Jahren teilnahmen. Auch sie be­s‍tätigen: Läßt man bereits kleinen Kindern eine altersangemessene Sexualerziehung in Vor- oder Grundschule zukommen, in die man bewußt sensible Themen miteinbezieht, wissen die Schüler später besser Bescheid. Und zwar nicht nur über Körperanatomie und Partnerschaften, sondern auch über sexuelle Belä­s‍tigung und Mißbrauch. Die Ein­s‍tellung gegenüber Homosexuellen ist positiver, das Selbstvertrauen stärker.

Eltern und Lehrer in der Pflicht

Von einer frühzeitigen Sexualerziehung können Kinder also durchaus profitieren. Aber muß die denn unbedingt in der Schule stattfinden? Oder reicht es nicht auch aus, wenn jeder seinen Kindern daheim das nötige Grundwissen und die nötigen Werte mitgibt?

Eltern kommt unstreitig nach wie vor eine Schlüsselrolle in der Aufklärung ihrer Kinder zu. Laut der BZgA-Studie ist vor allem bei Mädchen die eigene Mutter noch vor der be­s‍ten Freundin die wichtig­s‍te Ansprechpartnerin, wenn es um intime Fragen zu Sexualität und Verhütung geht. Die Schule ist allerdings die wichtig­s‍te Informationsquelle: So geben acht von zehn Jungen und Mädchen an, den Großteil ihres Wissens über Sexualität, Fortpflanzung und Verhütung aus dem Unterricht zu haben; wenn sie Wissenslücken entdecken, fragen sie dort auch am häufig­s‍ten nach. Neben Eltern sind Lehrer daher ebenfalls in der Pflicht, ihren Teil zur Aufklärung beizutragen – vor allem in Bezug auf Jungen beziehungsweise Jugendliche mit Migrationshintergrund, die ihre Eltern seltener ins Vertrauen ziehen, wenn es um das Thema Sex geht.

Nicht alle Lehrer fühlen sich jedoch ausreichend auf ihre Aufgabe vorbereitet. Eine Untersuchung mit Grundschullehrern in Schleswig-Hol­s‍tein von Forschern der Universität Kiel um Uwe Sielert zeigte, daß die überwiegende Mehrheit der praktizierenden Pädagogen während des Studiums keine Ausbildung in Sexualerziehung erhielt. Und von denjenigen, die entsprechend geschult wurden, bezeichneten nur zehn Prozent ihre Ausbildung als gut. Auch in den übrigen Bundesländern läßt sich ein vergleichbarer Trend erkennen. Entsprechend sind die Lehrkräfte verunsichert, man unterrichte lieber "Elektrizität und Deichbau", so einer der O-Töne der Befragung.

"Sexualpädagogik ist an den Unis ein Randthema", sagt Anja Henningsen. Ein Thema, an das man sich endlich heranwagen müsse, um auch den Unterricht zu verbessern. "Alles in allem ist die Ausbildung unzureichend", schreiben sie und Sielert in ihrer Kurzzusammenfassung der Studie. "Unreflektierte Eigenerfahrungen, 'gesunder' Menschenver­s‍tand und guter Wille reichen nicht aus, um eine sensible und qualifizierte Sexualerziehung zu lei­s‍ten." Henningsen wünscht sich auch aus diesem Grund, daß Themen wie sexuelle Vielfalt und sexualisierte Gewalt überall verpflichtend auf dem Lehrplan landen und nicht nur im Biounterricht zur Sprache kommen – um die Universitäten endlich unter Zugzwang zu setzen. "Die Universitäten müssen Sexualpädagogik endlich stärker in der Lehrerausbildung berücksichtigen, anstatt die Lehrkräfte mit ihrer Unsicherheit allein zu lassen." (Spektrum- von Daniel Zeibig)


Genderfragen - Bin ich transweiblich, croß-gender oder inter*?

Grauzone. Das auf Selbstverwirklichung gepolte Individuum der Spätmoderne möchte keine Grenzen kennen. Am allerwenigstens so kontingente wie das Geschlecht. Auch wenn das mitunter absurde Züge annimmt

Beginnen wir mit einem kleinen Gedankenexperiment aus dem Genre Science-Fiction: Stellen wir uns einfach vor, dass, irgendwann in ein paar tausend Jahren, wenn die Menschheit schon lange das Zeitliche gesegnet hat, Außerirdische unsere Erde besuchen. Sie werden Reste unserer einstmaligen Zivilisation finden, letzte Trümmer unserer Städte und Siedlungen. Neugierig geworden, werden sie früher oder später unsere Friedhöfe entdecken. Außerirdische Archäologen werden dann versuchen, aus den Gräbern Rückschlüsse über unsere Kultur zu ziehen, und ihre Humanpaläontologen werden sich über unsere Knochen beugen. Sie werden feststellen, wie alt wir im Schnitt geworden sind, welche Krankheiten wir hatten, wie wir uns ernährten und sie werden – Achtung, Überraschung – feststellen, dass Homo Sapiens zwei Geschlechter hatte. Dafür benötigen unsere Alien-Freunde Gentests und anatomische Vergleiche.

Absurde Diskussion sorgenfreier Individuen

Wovon diese außerirdischen Wissenschaftler nichts ahnen können, das sind die absurden Diskussionen, die einige ziemlich sorgenfreie Individuen des Homo Sapiens zu Beginn des zweiten Jahrtausends ihrer Zeitrechnung führten: Etwa darüber, ob Geschlecht überhaupt eine biologische Tatsache sei oder nicht doch eine soziale Konstruktion, ob geschlechtliche Identität an gewisse Körpermerkmale gebunden sein müsse oder ob die binäre Geschlechterlogik im Grunde repressiven Rollenzuweisungen diene.

Dass dabei die Realität manchmal jede denkbare Satire schlägt, ist fast zwangsläufig. Zum Beispiel wenn auf der Facebook-Seite „Vegane Feminist*innen“ (kein Scherz) von „werdenden Müttern“ die Rede ist und die Aktivistin und Soziologin Annika Spahn anmahnt, besser von „schwangeren Personen“ zu sprechen, denn immerhin würden „nicht nur Frauen schwanger“ (auch kein Scherz). 

Wie weit diese unsägliche Gender-Debatte schon in den Alltag eingedrungen ist, zeigt der scheinbar unvermeidliche Siegeszug gendergerechter Sprache, die um sich greifende Verwendung des Binnen-I auch in behördlichen Publikationen und das Gender-*, das der rot-rot-grüne Berliner Senat in den Rang offizieller und ideologisch korrekter Staatsorthographie erhoben hat. Und nun fragt mitten in die Sommerschwüle hinein die Wochenzeitschrift Die Zeit auch noch: „Welches Geschlecht habe ich?“

                                                                              Grenzen als Skandal

Keine Frage: Das alles hat Logik. Denn das auf Selbstverwirklichung gepolte Individuum der Spätmoderne möchte keine Grenzen kennen. Am allerwenigstens so kontingente wie das Geschlecht. Denn Grenzen sind der maximale Skandal einer auf Selbstentfaltung und Selb­s‍tinszenierung fixierten Gesellschaft. Nach der weitgehenden Beseitigung aller sozialen Zwänge steht nun folgerichtig die Aufhebung natürlicher Determinationen auf der Tagesordnung. Zu diesem Zweck gibt es zwei Strategien: Entweder, man stellt die Existenz biologischer Geschlechter generell infrage und versucht sie als soziales Konstrukt zu entlarven. Oder man marginalisiert sie, indem man das gefühlte Geschlecht über das biologische Geschlecht stellt.

Foto-Caricom

Letztere Strategie ist dabei eindeutig Erfolg versprechender. Denn zum einen muss man sich nicht auf die unsinnige Behauptung einlassen, es gäbe gar keine biologischen Geschlechter. Vor allem aber befriedigt die Vorstellung, dass die reale Welt zweitrangig ist, sondern allein meine inneren Vorstellungen, Wünsche und Idiosynkrasien der Maßstab dessen sind, was als Wirklichkeit zu gelten hat, die naiv-narzis­s‍tischen Grundbedürfnisse des nach Sinn suchenden Wohlstandsbürgers. Ganz nach dem Lied aus Pippi Langstrumpf: „Ich mach’ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“ Und wenn ich mich eben als nicht-binär, prangender, transweiblich, croß-gender oder inter* fühle, dann hat das so zu sein. Befindlichkeiten werden zum Maßstab wissenschaftlicher Taxonomie. Und zur Not muss halt ein Uterus transplantiert werden.

Eigener Jargon implantierter Ideologie

Dass diese eigenwillige Form von Wohl­s‍tandsnarzißmus überhaupt seine intellektuellen Reservate an einschlägigen Universitätsinstituten verlassen hat, ist dabei das eigentliche Ärgernis. Denn unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaftlichkeit werden tausende Studenten mit kruden Theorien vollgestopft und schließlich in die Welt entlassen. Da sie aber kaum eine Qualifikation haben und lediglich bizarre Theoriefragmente im Kopf, finden sie nur dort Unterschlupf, wo man im Zweifelsfall auch so ganz gut durchkommt: im Kunst-, Kultur- und Medienbereich. Dort sitzen sie an den Hebeln der Meinungsbildung und beginnen, den eigenen Jargon und die ihm implantierte Ideologie durchzusetzen. Wer sich diesem Druck widersetzt, wird als intolerant oder diskriminierend denunziert.

Da niemand in den etablierten Parteien als gestrig gelten will, wird so über die Jahre aus der ehemaligen Ideologie politischer Splittergrüppchen offizielle Regierungsprogrammatik. Selbst in der CDU findet sich niemand, der Rückgrat genug hat, dem ganzen Irrsinn Einhalt zu gebieten.

„Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“, schreibt Karl Marx im Vorwort zu seiner „Kritik der politischen Ökonomie“. So gesehen ist die Gender-Mode nur das folgerichtige Produkt der sozioökonomischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Entsprechend steht zu befürchten, dass nur eine erhebliche Krise uns wieder von ihr befreien wird. Trübe Aussichten.(Cicero-Alexander Grau)


"Beißreflexe": Polemische Abrechnung mit dem Queerfeminismus ( geht in die nächste Runde)

Der Sammelband voller Kritik an queeren AktivistInnen schlägt hohe Wellen – und ruft Judith Butler wie auch Alice Schwarzer auf den Plan

Rufmord und Mobbing, Sprachpolizei und autoritäre AktivistInnen mit Allmachtsfantasien: Es ist ein schauerliches Bild, das in "Beißreflexe" vom queerem Aktivismus in Deutschland gezeichnet wird. Herausgeberin Patsy l’Amour laLove, Geschlechterforscherin und selbsternannte Polittunte, hat für den im März erschienenen Sammelband 27 Beiträge zusammengetragen, die sich überschwänglich der Kritik am deutschsprachigen Queer Feminismus widmen.

Queer, schreibt die Berliner Forscherin im Vorwort, sei nicht mehr die Kritik an der heterosexuellen Normalität, sondern nur noch ein Aktivismus, "in dem sich autoritäre Sehnsüchte durch Sprech-, Denk- oder Bekleidungsverbote ausdrücken" würden. Statt emanzipatorischer Bestrebungen Liebe zum Islam und Hass auf Israel, Hass auf bürgerliche Schwule und auf Weiße mit Dreadlocks. Illustriert wird dieser Befund mit Nacherzählungen von Konferenzen und linken Partys, von queeren Interventionen in der LGBT-Szene und Texten feministischer Wissenschaftlerinnen, die die Burka feiern oder das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung verhöhnen würden.

Mit deftigen Vokabeln wird dabei nicht gespart: Von Hexenjagd und Schwulenhatz ist da zu lesen, selbst der buchstäbliche Wahnsinn wird den ungeliebten AktivistInnen unterstellt. Auf Differenzierung legen die AutorInnen hingegen wenig Wert: All das verschmilzt zu dem Queer Aktivismus, zum Feindbild par excellence. Dennoch – oder gerade deshalb: Die Resonanz auf den im kleinen Querverlag erschienenen Band ist enorm: laLove und andere AutorInnen touren seit Monaten durch Buchläden und linke Szeneorte, in Wien lud die Buchhandlung für Schwule und Lesben, Löwenherz, im Rahmen der Vienna Pride zum Gespräch.

Breite mediale Debatte

"'Beißreflexe' hat einen Nerv getroffen. Es kommt zum richtigen Zeitpunkt, aber es ist nicht das richtige Buch", sagt Floris Biskamp, Soziologe und Politikwissenschaftler an der Universität Kassel. "Im Band werden Randphänomene aufgebauscht und als repräsentativ für Queer Feminismus oder die deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften dargestellt. Manche Beiträge sind außerdem schlichtweg bösartig", sagt der Wissenschaftler im Gespräch mit dem STANDARD. Zur Popularität des Buchs trug zuletzt auch die "Emma" bei. "Uni: Denkverbote & Psychoterror: Was ist los?", titelte das feministische Magazin und schloss nahtlos an die Berichterstattung über "Hetzfemini­s‍tinnen" an, die im Netz ihr Unwesen treiben würden und von denen sich Alice Schwarzer persönlich verfolgt sieht.

Vojin Saša Vukadinović, "Beißreflexe"-Autor, Historiker und ehemaliger Student der Gender-Studies, lieferte in der "Emma" eine Generalabrechnung mit der jungen Disziplin, die er zum "akademischen Sargnagel der Frauenemanzipation" erklärt. Wissenschaftlerinnen würden mit unverständlichen Begriffen arbeiten und kulturrelativi­s‍tisch agieren, Promovierende statt Gefängnisse und Frauenhäuser ihre Lieblingsserien beforschen, so die polemische Analyse des Autors. Aufgrund direkter Angriffe auf die deutsche Soziologin Sabine Hark und die US-amerikanische Philosophin Judith Butler – vor allem in Europa akademischer Superstar der Gender- und Queer-Studies – fühlten sich die beiden renommierten Wissenschaftlerinnen zu einer Antwort in der "Zeit" bemüßigt und reagierten auf die "Verleumdung".

Auf der Website des deutschen "Missy Magazine", dessen Redakteurin Hengameh Yaghoobifarah im "Beißreflexe"-Buch als eine Art Anführerin des deutschsprachigen Queer Feminismus auftaucht, veröffentlichte wiederum Soziologin Paula-Irene Villa einen Text, in dem sie Absatz für Absatz auf die von Vukadinović formulierten Argumente eingeht. "Forschungsarbeiten über Lieblingsserien schaffen Wissen. Und das ist die Funktion von Wissenschaft", antwortet Villa da trocken.

Immer wieder Gender-Studies

Auch wenn ein schneller Blick in das Programm der letzten Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung durchaus einen geisteswissenschaftlichen Schwerpunkt erkennen lässt – Geschlechterforschung beschränkt sich keineswegs auf TV-Serien und Theoriearbeit. Die Behauptung des "Emma"-Autors, nicht eine Arbeit aus den Gender-Studies habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine gesellschaftspolitische Debatte geprägt, hält Sabine Grenz, die im April die interdisziplinäre Professur für Gender-Studies an der Universität Wien angetreten ist, für sehr gewagt. "Debatten um die Quote, die Pflege von Familienmitgliedern, die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie, die gläserne Decke, die Diskriminierung von Frauen in bestimmten Bereichen, um nur einige Beispiele zu nennen, gehen unter anderem auf Untersuchungen der Genderforschung zurück, die ja die empirischen Daten geliefert haben", sagt Grenz.

Dass gerade die Gender-Studies immer wieder unter Beschuss stehen, obwohl komplexe Theorien Gegenstand sämtlicher wissenschaftlicher Disziplinen sind, führt die Professorin auf das weit verbreitete Alltagswissen über Geschlecht zurück, das durch die Geschlechterforschung hinterfragt wird: "Das verunsichert viele Menschen – erst recht, wenn sie die wissenschaftlichen Texte nicht verstehen."

Schutzräume und Verletzungen

Der Streit über modernen Queer Feminismus und linke Bewegungen ist indes längst nicht auf Deutschland beschränkt. Er tobt auch an US-amerikanischen (Elite-)Universitäten, wo viele der Theorien und Konzepte entwickelt werden, die auch hierzulande Queer Feministinnen prägen. Lehrende berichten von StudentInnen, die bei als problematisch empfundenen Begriffen oder AutorInnen intervenieren – und ihren Unmut auch online verbreiten. Cynthia Belmont, Professorin für Gender und Women’s Studies am Northland College in Wisconsin, berichtet im Onlinemagazin "Salon.com" von der Belehrung einer Kollegin, die im Gespräch über die Stonewall-Prote­s‍te den Begriff Dragqueen verwendet hatte – dieser sei inkorrekt und abwertend. "Junge Studierende sind heute sehr sensibel gegenüber verschiedenen Diskriminierungsformen, und das finde ich wichtig und gut. Allerdings glaube ich nicht, dass der Fokus so stark auf persönlichen Verletzungen liegen sollte", sagt Belmont im STANDARD-Interview. Die Aufmerksamkeit ihrer Studierenden möchte die Professorin vom Individuum weg wieder stärker auf das Kollektiv lenken. "Die Lösung können nicht von potentiellen Verletzungen freie Safe Spaces sein, wir sollten vielmehr Machtverhältnisse kritisch und systematisch beleuchten."

Schutzräume und Verletzungen durch Sprache sind auch in "Beißreflexe" Thema, wo die AutorInnen von der Moralkeule berichten, die von queer Feministinnen eifrig geschwungen werde. Die von Patsy l’Amour laLove kritisierte Hierarchisierung von Diskriminierungsformen – Rassismus und Transfeindlichkeit würden in der Szene als am schlimmsten gelten – identifiziert auch Politologe Biskamp als Problem. So würde der Rassismus Vorwurf häufig alles andere "übertrumpfen", Debatten dadurch erschwert oder verunmöglicht.

Auch der von den KritikerInnen unterstellte Fokus auf Sprache und Sprachpolitik sei durchaus feststellbar. "Das führt dazu, dass in linken Szenen eine streng kodifizierte, wenig intuitive Sprache gesprochen wird. Wenn Verstöße gegen die Sprachregeln dann auch noch streng sanktioniert werden, wirkt das natürlich abschreckend", sagt Biskamp. Diese Sprache zu lernen falle Menschen mit akademischem Hintergrund tendenziell leichter – wodurch das ohnehin exklusive Umfeld sich weiter verenge.

Über solche Codes und Normen linker, feministischer Szenen eine sachliche – und damit fruchtbare – Debatte anzuregen war den AutorInnen der "Beißreflexe" angesichts ausschweifender Polemik wohl kaum ein ernsthaftes Anliegen. "Und außerhalb der Szenen freut man sich: Die Linken spinnen, sie sagen es ja selbst", meint Floris Biskamp (derstandard.de-Brigitte Theißl) 

Mehr zum erwähnten Buch, wenn du die Bilder anklickst



Identitätspolitik - In der Sackgasse

Die Ereignisse in Charlottesville zeigen: Politik wird immer stärker von Identitätsgruppen dominiert. Denen geht es nicht um Verständigung, sondern um die Bekämpfung der „Anderen“. Das ist antipolitisch und spalterisch. Wir sollten lieber über Inhalte streiten

Es gibt wenige politische Begriffe, die gleichermaßen so akzeptiert und verbreitet und dennoch mit so unterschiedlichen Inhalten aufgefüllt werden wie der Begriff „Identitätspolitik“. Der Schutz der eigenen Identität oder der anderer als schutzbedürftiger eingestufter Menschen ist neben dem Umweltschutz der zentrale Bereich des sozialen Engagements im 21. Jahrhundert: für die Belange von Frauen, von Homosexuellen, von Migranten, von ökologisch oder vegan Lebenden, von zivilisationsfernen. Die Liste ließe sich fast unendlich fortführen, die Identitäten können dann auch noch enger zugespitzt und beliebig kombiniert werden. Auf der Basis ganz ähnlicher Argumentationen engagieren sich aber auch Menschen, die sich rein kulturell betrachtet in ganz anderen Welten bewegen. Ihre Anliegen sind etwa der Schutz der deutschen oder europäischen Kultur, der „weißen Rasse“, der traditionellen Ehe- und Familienstrukturen oder aber des christlichen Abendlandes. Auch ihnen geht es um die Bewahrung und Stärkung konkreter Identitäten. Es ist diese inhaltliche Vielfalt, die den Identitätsbegriff so allgegenwärtig macht – und so nutzlos.

Reaktion gegen die Aufklärung

Identitätspolitik ist keine neumodische Erfindung. Ihre Ursprünge liegen im ausgehenden 18. Jahrhundert, und sie sind eng verknüpft mit dem, was wir bis heute als Politik der Moderne verstehen und mit der Herausbildung von linken und rechten Orientierungen verbinden. Die Aufklärung verfolgte das Ziel, das vergangenheitsorientierte, deterministische und gesellschaftlich hierarchische Denken durch die Entwicklung neuer universalistischer Ziel- und Wertvorstellungen abzulösen. Es ging darum, die eigene kleine Identität im humanistischen Sinne zu transzendieren.

Die frühen Kritiker der Aufklärung widersetzten sich aber der Idee, es gäbe so etwas wie universelle menschliche Werte. Sie lehnten die Annahme, dass alle Menschen in irgendeiner Form gleich seien, vehement ab und betonten stattdessen die Besonderheit bestimmter Menschengruppen und der ihnen vorbehaltenen spezifischen Wert- und Lebensvor­s‍tellungen. Bis heute bekannt ist der Ausspruch des Staatmannes und vehementen Kritikers der Französischen Revolution Joseph de Maistre, der betonte, zwar Franzosen, Italiener, Russen und Perser, „einen Menschen aber nie im Leben gesehen zu haben“. 

Dem aufklärerischen Verständnis folgend ist es gerade die Besonderheit des Menschen, bestimmte tradierte Lebens- und enge Sichtweisen überwinden zu können und darin Erfüllung zu finden. Demgegenüber vertrat die Gegenaufklärung den Standpunkt, dass der Universalismus Menschen entwurzelt und so ihrer lebenswichtigen Identität beraubt. So wurde „Identität“ gegen den revolutionären Werteuniversalismus in Stellung gebracht. Hieraus erwuchsen die uns bis heute bekannten partikularistischen Orientierungen nationalistischer und auch rassistischer Prägung, deren Konflikt mit universalistischen Orientierungen bis tief in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein die politische Landschaft prägte.

Nach Zweitem Weltkrieg nicht mehr mehrheitsfähig

Dieser Konflikt und damit auch die Rolle von Identitätspolitik veränderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg schrittweise, aber grundlegend: Offener Nationalismus, Rassismus und der traditionelle Glaube an die naturgegebene Überlegenheit des weißen Mannes waren in den Nachkriegsgesellschaften des Westens nicht mehr mehrheitsfähig. Die alten Ausprägungen der identitätsorientierten Politik wurden geächtet. Gleichzeitig schoben der Kalte Krieg und die daraus resultierende Teilung der Welt auch dem Glauben an die Erreichbarkeit großer universalistischer Ziele einen Riegel vor. In dem Maße, in dem dieser grundlegende optimistische Impuls aufklärerischen Denkens gerade auch im linken politischen Spektrum schwächer wurde und die Fixierung auf die Verteidigung eigener alternativer Lebensentwürfe zunahm, wurde „Identität“ zu einem neuen Argument im „linken“ Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

Sehr deutlich wurde diese Abkehr von großen universellen Zielen in der Entwicklung der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung: Viele radikaler Kämpfer für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung kehrten den gemischten und für Gleichheit eintretenden Gruppierungen den Rücken und schlossen sich in rein schwarzen Gruppen zusammen. „Black Power“ hatte nicht mehr die unterschiedslose und universelle Gleichheit von schwarz und weiß zum Ziel, sondern formulierte offensiv „schwarze Interessen“.

Identität verdrängt Interesse

Dieser Trend zur Betonung von Partikularinteressen hat sich seither in der westlich geprägten Welt nahezu ungebrochen fortgesetzt. Identität als zentrale politische Kategorie ist heute auch im linksliberalen und linken politischen Spektrum tief verwurzelt – so tief, dass Versuchen, jenseits dieses Denkens übergreifende Ziele zu formulieren, mit großer Skepsis begegnet wird. Nicht selten wird das Überwinden von Partikularinteressen sogar als Indiz für eine unbewusste bis bösartige Verschleierung ebensolcher eigener Interessen gewertet. Auch die Kampagne „Black Lives Matter“ geht von einem quasi angeborenen Rassismus weißer Menschen aus. Deren „Weisheit“ führe dazu, dass ihnen kollektiv das Leben schwarzer Menschen als nicht so wertvoll gelte.

„Farbenblindheit“, wie sie der US-amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King vor mehr als 50 Jahren in Bezug auf die rechtliche Gleichstellung aller US-Bürger vor dem Gesetz einforderte, gilt heute vielen als implizit rassistisch, weil es unterschiedlichen Identitäten vermeintlich ignoriert und über einen Kamm schert. Für eine fortschrittliche Entwicklung der Gesellschaft ist dieses heutige Denken fatal, weil die Vorstellung, Identitäten seien durch Tradition, Erziehung oder gar Biologie fest zementiert, Veränderungen als unmöglich ausschließt, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene.

Der über viele Jahrzehnte die Welt prägende Konflikt zwischen einer Politik, die auf starren und unveränderbaren Identitäten basiert, und einem Politikver­s‍tändnis, das auf einer zukunftsorientierten Verständigung von Menschen in Form von Solidarität beruht, existiert so im 21. Jahrhundert nicht mehr. Politik heute wird nicht mehr von Interessengruppen, sondern immer stärker von Identitätsgruppen dominiert. Diese Gruppen pochen auf ihre spezifische Kultur, ihre Herkunft, ihre Anerkennung und ihre ganz eigenen Werte. In dieser Hinsicht sind sich Kontrahenten wie weiße Nationalisten und schwarze Separatisten erstaunlich einig: Es geht ihnen nicht um Verständigung und Konfliktlösung, sondern um die Bekämpfung der „Anderen“. Dies erklärt auch die zunehmende politische Gewalt, wie sie sich jüngst in der US-amerikanischen Stadt Charlottesville zeigte.

Man sollte um Inhalte, nicht um Identitäten streiten

Der ursprüngliche Impuls von Politik, die eigene begrenzte und Menschen voneinander trennende Identität zu überwinden, um gemeinsame Standards sowie Lösungen für Probleme zu entwickeln, ist heute kaum noch anzutreffen. Die Natur des Menschen, so ist mittlerweile im kompletten politischen Meinungsspektrum zu hören, verhindere tatsächliche Problemlösungen. Deshalb sei die Trennung von als inkompatibel geltenden kulturell geprägten Großgruppen die einzige Möglichkeit, das völlige Chaos zu verhindern. Anders formuliert: Hermetisch voneinander abgeriegelte und staatlich überwachte Parallelgesellschaften erscheinen als die einzige Option. Wie weit dieses misanthropische Denken bereits fortgeschritten ist, lässt sich an der zunehmend verrohenden politischen Kultur ablesen, die sich in den vergangenen Jahren herausgebildet hat: Diese ist nicht etwa freier und authentischer, sondern verordnet den Menschen unverhandelbare Verhaltensmuster und Standards und sperrt sie in neue, kulturell und pseudo-biologisch legitimierte Gefängnisse.

Diesem rückwärtsgewandten Trend kann man nicht dadurch entgegentreten, dass man sich einseitig auf weiße Nationalisten, Populisten oder Neonazis einschießt. Nicht deren politische Positionen sind das Problem, sondern die Tatsache, dass sie viel zu oft im Kern unkonfrontiert bleiben. Dies liegt nicht an der „Überzeugungskraft“ identitären Gedankenguts, sondern daran, daß Identitätspolitik inzwischen Politik großflächig ersetzt hat. Wo dieser Prozess der Verdrängung von Politik abgeschlossen ist, herrschen Sprach- und Verständnislosigkeit. Daher gibt es auch keine gute Identitätspolitik, es gibt nur spaltende, und vor allen Dingen ist sie zutiefst antipolitisch. Lasst uns endlich wieder politisch werden, lasst  uns offen debattieren und uns wie Erwachsene um Inhalte streiten – nicht um Identitäten oder darum, wer das größte Opfer ist.(von Matthias Heitmann -Cicero)



Blind und autoritär? Streit um Queer-Aktivisten

Debatte. Sprechverbote, Denunziantentum: Queer-Bewegung und Genderforschung erfahren radikale Kritik aus den eigenen Reihen, Feministin Alice Schwarzer attackiert die Queer-Pionierin Judith Butler. Es geht um Geschlecht und den Islam.

Antiautoritär und tolerant in Bezug auf jede (sexuelle) Abweichung, im Englischen „queerness“: So verstand sich die Queer-Bewegung, die in den Neunzigerjahren unter dem Eindruck von Aids entstand. In der Praxis ist sie teils ins Gegenteil umgeschlagen: in eine Verbotsflut und die besessene Verfolgung der „Sünden“ anderer.

Drastische Beispiele dafür lieferte der im Frühjahr erschienene Sammelband „Beißreflexe“ von 25 Autoren, darunter viele Queer und feministische Aktivisten. Die darin geschilderte Verbotskultur erstreckt sich auf Dreadlocks und Tunnelohrringe für „weiße“ Europäer, kleinste Kritik an islamischer Frauen- oder Homosexuellenfeindlichkeit oder die Schreibung des Wortes „Frau“ ohne Sternchen. Monogame Homosexuelle oder „weiße“ Feministinnen werden als „bürgerlich“ und „privilegiert“ abgelehnt. Die Herausgeberin des Bandes, Patsy l’Amour la Love, schildert beklemmende Bußrituale bei einem Berliner Queer-Event 2013, bei dem die Teilnehmer Sündenbekenntnisse (etwa „Ich trage Dreadlocks und bin weiß“) und Gelübde ablegten. Dahinter steht die Vorstellung, dass „Weiße“, vielleicht gar heterosexuelle, per se und unabänderlich an den Sünden des Kolonialismus Anteil hätten. Wie dieses schlichte, aber in esoterische Begrifflichkeit gekleidete Schwarz-Weiß-Denken auch in kulturelle Großveranstaltungen Eingang finden kann, hat das Programm der diesjährigen Festwochen bewiesen.

„Zwei Sichten auf die Welt“

Alice Schwarzer hat die Kritik an den Auswüchsen der Queer-Bewegung nun in ihrer Zeitschrift „Emma“ aufgegriffen, was wiederum zu einem über das Magazin „Zeit“ ausgetragenen Schlagabtausch geführt hat: zwischen Deutschlands 74-jähriger Parade-Feministin und der 61-jährigen US-Philosophin Judith Butler, Begründerin der Queer-Theorie. Butler und die deutsche Gender-Forscherin Sabine Hark werfen Schwarzer in ihrem Beitrag Einseitigkeit und Polemik vor. Schwarzer wiederum kritisiert Butler als realitätsblind und elitär – und betont die Kluft: „Es geht um zwei Sichten auf die Welt, um gegensätzliche politische Konzepte.“

Eines haben diese zwei Leitfiguren der Geschlechter-Debatte gemeinsam: den Kampf gegen die Übermacht des sozial konstruierten Geschlechts (im Englischen „gender“), gegen Heterosexualität als soziale Norm. Doch Judith Butler – immerhin um 13 Jahre jünger als Schwarzer – ist als Philosophin stark von Diskurs- und Sprechakttheorie geprägt – und von ihren schwierigen Erfahrungen als lesbischer, sich nicht als Frau fühlender Teenager in einem konservativen religiösen Umfeld. Ihr Buch „Gender Trouble“ („Das Unbehagen der Geschlechter“) war 1990 so etwas wie die Geburtsstunde der Queer-Theorie. Butler fand einen Widerspruch im bisherigen feministischen Denken – dass es die Bedeutung der Geschlechter auflösen wolle, aber die Differenz zwischen männlich und weiblich damit erst recht betone. Butler propagierte hingegen die Vorstellung eines sexuellen Kontinuums – in dem sich jeder so positionieren könne, wie er wolle, unzählige neue Identitäten entstehen könnten und nur noch das subjektive Empfinden maßgeblich wäre.

Aber was tun dann mit dem klassischen Feminismus, wenn die Kategorie „Frau“ zu einer unter vielen, vielen anderen wird? Genau das ist auch ein Kernpunkt der Attacke gegen Butlers „Realitätsferne“, die Alice Schwarzer in der „Zeit“ (gestern, Donnerstag) formuliert. Die gesellschaftliche Realität werde nun einmal nach wie vor vom Gegensatz zwischen den Kategorien „Mann“ und „Frau“ geprägt, also müsse man auch weiterhin hier ansetzen. Noch schärfer spaltet mittlerweile die Haltung zum Islam jene, die einst gemeinsam für die Befreiung von sozialen Geschlechternormen kämpften. Alice Schwarzer ist beileibe keine subtile Denkerin, und ihre „Zeit“-Kritik an der berühmten Queer- Philosophin Butler klingt sehr nach Intellektuellen- Bashing („elitär“, „lebensabgewandt“, „unverständlich“). Subtil ist auch nicht ihre seit Jahren geübte Kritik an einem als monolithisch verstandenen Islam. Doch er folgt konsequent aus ihrer Überzeugung, dass Gleichberechtigung ein universaler Wert sei und jeder Frau zustehen solle.

Schutz für „Opfer“ und ihre Kulturen

Ein Großteil queerer Aktivisten hingegen brandmarkt jede Kritik an muslimischer Frauenfeindlichkeit und Homophobie als „rassistisch“. Das kritisieren auch Schwarzer und die Autoren von „Beißreflexe“. Dass der Islam tabu ist, hat ebenfalls mit den Ursprüngen der Queer-Theorie zu tun. Diese folgerte aus dem Recht auf „Anderssein“ die Pflicht zur Solidarität mit Unterdrückten jeder Art – und machte zugleich das subjektive Gefühl der Verletztheit zum obersten Maßstab. Doch aus dem unterdrückten „Anderen“ wurde in der Queer-Bewegung ein politisches Fantasma, dass an den alten Orientalismus erinnert: die Opfer des Kolonialismus. Nicht nur sie, auch ihre Kulturen gehören demnach unbedingt geschützt. So begannen queere Aktivisten neue Identitäten zu zementieren (die sie eigentlich auflösen  wollten), und „andere“ Kulturen absolut zu setzen. So hat Butler auch die Burka als Zeichen von Stolz und Gemeinschaftssinn verteidigt. Kein Queer-Aktivist würde hingegen „europäische“, patriarchalische, heterosexuelle Traditionen unter Artenschutz stellen wollen.

Freilich: Klügste Denker waren oft von erstaunlicher Dummheit, wenn es um politische Wirklichkeit ging. Und aus philosophischen Idealen wurden oft autoritäre Bewegungen, wollte man sie stante pede in die Tat umsetzen. Im Grunde sei sie als Philosophin von einer „menschlichen Frage“ ausgegangen, sagte Judith Butler vor einigen Jahren zur „Presse“: „Es ist schmerzhaft, das Gefühl zu bekommen, was ich tue, sei unnatürlich, falsch, pathologisch. Kinder sollen das Gefühl haben, dass ihre Wünsche legitim sind.“ Dazu hat Butlers Queer-Theorie, so merkwürdige Wirkungen sie auch hervorgebracht hat, sicher beigetragen. (VON ANNE-CATHERINE SIMON-bendle.com)


Ich bin schwul und konservativ – kommt endlich klar damit!

Ich bin schwul. Und konservativ. Für viele Mitmenschen ist das ein Problem: Ich passe in keine Schublade. Manche Konservative glauben, alle Schwulen seien zwingend links – bis sie mich treffen. In den Köpfen etlicher Linker sind konservative Schwule verdruck­s‍te Spießer im Karo Hemd mit Doppelleben. Und dann begegnen sie mir im Club.

Das amüsiert mich meistens. Und manchmal nervt es mich so richtig.

Schließlich geht es hier um meine Überzeugungen: 

Konservative wollen Dinge bewahren – es geht uns mehr um Werte und weniger um Utopien. Ich glaube daran, dass die soziale Marktwirtschaft das beste Modell für unsere Gesellschaft ist, ich stelle die freie Entfaltung des Individuums über das Kollektiv und ich finde, ja, Leistung sollte sich lohnen. 

All dies ist für mich Voraussetzung für eine liberale Gesellschaft – und damit auch für die freie Auslebung von Sexualität. Also, wo ist das Problem? 

Ja, ich weiß, in konservativen Parteien haben manche eine andere Haltung zu den Themen Ehe und Familie, als ich sie persönlich vertrete – aber damit kann ich leben. Die "Ehe für alle" hat mir nie schlaflose Nächte bereitet. Viel wichtiger finde ich es, im Alltag frei und sicher leben zu können. Und, ganz nebenbei, der Paragraph 175, der sexuellen Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, wurde 1994 von einer schwarz-gelben Regierung unter Helmut Kohl (CDU) abgeschafft.

Trotzdem scheint es in manchen Kreisen fast unmöglich, diese Meinung zu äußern – und zwar oft in genau denen, die am energischsten Toleranz für jede Andersartigkeit einfordern. 

Eine echte Debatte wird in der "queeren Szene" selten zugelassen. Stattdessen werden nach Außen absolute Wahrheiten verkündet – und intern streiten verschiedene Gruppen darüber, wer sich am meisten diskriminiert fühlen darf. Da fühle ich mich nicht zugehörig.

Es gibt eine gedankliche Bequemlichkeit und Arroganz, die mir peinlich ist. 

Vielleicht liegt es daran, dass Kernanliegen sexueller Minderheiten gesellschaftlicher Konsens geworden sind – zum Beispiel die "Ehe für Alle".

Jeder, der anders denkt, wird da knallhart verbannt: Sprechen sich einige CDU-Politiker gegen die Homo-Ehe aus, wird kurzerhand die ganze Partei vom Berliner CSD ausgeschlossen (2013) Und Beatrix von Storch, AfD, wird vom Motzstraßenfest gejagt, statt dass man mit ihr über Homophobie streitet (2016). Toleranz, anyone? 

 Ich finde: In einem demokratischen Rechtsstaat sollte nicht das lauteste Geschrei, sondern das beste Argument den Ausschlag geben. Wer sich friedlich einer Diskussion stellt, sollte zumindest angehört werden – schlechte Argumente müssten doch leicht zu widerlegen sein.

 Und dann, so schmerzhaft es für manche sein mag, müssen wir auch über Zuwanderung reden: Ich finde es wichtig, unsere liberale und säkulare Gesellschaft zu verteidigen – aber nach allen Seiten. Wenn es gegen "Rechts" oder die Kirche geht, kämpft die "Szene" (zu Recht!) mit harten Bandagen. Im Nonnenko­s‍tüm zum CSD? Aber klar doch!

Andere Religionen hingegen, wie der Islam, genießen großzügigen Milieuschutz – bei Queeren, bei Linken und besonders bei queeren Linken. Selbst bei krasser Homofeindlichkeit werden beide Augen zugedrückt. 

Queere Aktivisten streiten für die Burka, sie führen Debatten um Unterstriche oder Gender­s‍ternchen - und ignorieren dabei völlig, dass die tägliche Freiheit sexueller Minderheiten wieder bedroht ist. Wer das nicht glaubt, darf gerne mal mit einem gleichgeschlechtlichen Partner auf der Neuköllner Sonnenallee knutschen gehen.

Oder Akten studieren: 

Für mich ist das relevanter als "Sapiosexualität" oder die Frage, ob es nun 34, 58 oder 69 Geschlechter gibt. Aber im queeren Spektrum beschäftigt man sich lieber mit diesen Schein-Problemen, als die realen offen zu diskutieren.

Dabei macht der gesellschaftliche Rückschritt nicht mal vor einem Berliner Schwulenclub halt, der sich als „Schutzraum für alle“ versteht: Manche Kabinen der "Unisex-Toilette" sind neuerdings rundum mit Maschendraht gesichert und für "verwundbare Personen" (zum Beispiel Transsexuelle) reserviert. Hochglanzflyer warnen in elf Sprachen, dass Übergriffe geahndet würden.

Öffentlich spricht niemand gern darüber, weil immer gleich der Rassismus verdacht im Raum steht. Davon zeugen komische Interviews in Szenemagazinen (blu). "An dieser Stelle steht für uns nicht im Vordergrund, hier eine Tätergruppe ausfindig machen zu wollen", heißt es da. Kein Wunder: Die Tätergruppe passt nicht ins Schema "Kampf gegen rechts". 

Ich kann das kollektive Wegschauen nicht nachvollziehen.

Zwar gab es einen Hilferuf des Leipziger "Conne Island". Aber der offene Brief wurde szeneintern derart skandalisiert, dass die Mauer des Schweigens im Endeffekt noch ein Stück höher geworden ist. Ich frage mich: Wird ein gutes Argument automatisch schlecht, sobald auch tatsächliche oder vermeintliche Unpersonen zustimmen?                                           Foto-Pinterest.de

Als die Berliner Drag-Queen Nina Queer kürzlich auf Facebook die Abschiebung homofeindlicher Schläger forderte, musste sie zu Kreuze kriechen und widerrufen. (Tagespiegel)

Warum?

Ihr Kommentar war zwar hart überspitzt und in einem Rechtsstaat wäre "sofort Abschieben" auch nicht möglich. 

Aber: Jeder, der hier leben will, muss sich an unsere Regeln halten – und dazu gehört Respekt vor sexuellen Minderheiten. Ich finde diese Feststellung nicht rassistisch, sondern vernünftig. Denn wer Migranten als gleichwertig ansieht, misst sie mit demselben Maßstab wie alle anderen. Ich fände es schön, wenn sich die "queere" Monokultur für ehrliche Debatten öffnen würde. Zu besprechen gäbe es genug. Besonders mit den konservativen Schwulen – die übrigens zahlreicher sind, als man denkt.

Und wenn euch wirklich etwas an "Diversity" liegt, dann kommt damit klar! (von Hermann Peters-bento.de)



Seid euch nicht zu sicher!

Es ist falsch, das Flüchtlingsthema im Wahlkampf nicht zu thematisieren. Das stärkt nur die Populi­s‍ten, auch wenn sie derzeit schwach erscheinen.

Der Philosoph Hermann Lübbe bezeichnete in den sechziger Jahren das technokratische Sy­s‍tem der BRD als "das Sy­s‍tem des Schweigens über alles, in bezug worauf noch verschiedene Meinungen möglich sind". Über das Flüchtlingsthema kann man zweifelsohne verschiedener Meinung sein. Nach der Logik Lübbes gehört es dennoch nicht in den Wahlkampf, auch wenn der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, gerade te­s‍tet, ob sich daraus nicht doch Funken schlagen lassen.  

Noch im September 2015 meinte eine führende deutsche Tageszeitung, das Land schwimme auf einer Welle der Selbstzufriedenheit und Gelassenheit. Da gingen die "Wutbürger" der rechten Protestbewegung Pegida schon seit einem Jahr auf die Straße. Nach dem Austritt des Flügels um Bernd Lucke im Sommer 2015 schien es, als habe die AfD ihre Zukunft bereits hinter sich. Doch dann hauchte die Flüchtlingswelle und deren kopflose Handhabung der AfD schlagartig neues Leben ein.

Als sie schließlich 2016 bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 24,2 Prozent erhielt, sprach der Historiker Paul Nolte von einer "quasi-revolutionäre(n) Unruhe" und zog Vergleiche mit der politischen Krise der 1930er Jahre. War das voreilig und übertrieben? Politik ist schnellebig. Nur ein Jahr später, im Sommer 2017, erklärte die Forschungsgruppe Wahlen, die AfD liege nur noch bei fünf Prozent. Auch die Ergebnisse der Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Hol­s‍tein und in Nordrhein-Westfalen blieben hinter den Erwartungen der AfD-Führung zurück. Hat sich das Problem mit den Populi­s‍ten also erledigt?

Aus der Forschung wissen wir, daß Populismus immer auch eine Reaktion auf Elitenversagen, Parteienverkru­s‍tungen, Steuerungskrisen, Inkompetenz und politische Alternativlosigkeit sind. Große Koalitionen mögen in be­s‍timmten Situationen unumgänglich sein, sie verhindern aber das demokratische Wechselspiel zwischen deutlich unterscheidbaren politischen Alternativen. Die Krise der Repräsentation ist keineswegs neu und beschäftigt Sozialwissenschaftler seit Jahren. Vor allem im unteren sozialen Segment fühlen sich viele Menschen von der Politik "abgehängt". Sie glauben nicht, daß ihre Wahlbeteiligung daran etwas ändern könnte.

Aus Österreich oder den Niederlanden kann man lernen, daß  jahrzehntelange große Koalitionen oder andere Formen von Absprachenpolitik populi­s‍tische Parteien erst groß gemacht haben.  Populismus kommt nicht von ungefähr. Er ist ein Ventil für Protestwähler in Zeiten politischer Alternativlosigkeit, dem man nicht mit moralischer Denunziation oder Koalitionen der "An­s‍tändigen" beikommt, sondern mit politischen Antworten auf legitime Fragen.

Deshalb ist es so fatal, daß in diesem Wahlkampf erneut der Eindruck ent­s‍teht, in den großen Fragen der jüng­s‍ten Zeit seien sich die etablierten Parteien im Grundsatz einig. Die Wähler haben nicht vergessen, daß wir seit den Jahren 2007/2008 mit mehreren ungelö­s‍ten Krisen leben: Der Banken- und Finanzkrise, der Eurokrise, der Griechenland-Krise, der Krise der Europäischen Zentralbank, der Krise der EU. Die Flüchtlingskrise kam zu einem Zeitpunkt, als die Unsicherheit vieler Bürger ohnehin hoch war.

Es war eine Welle der Gesinnungsethik, die damals im Herbst 2015 über Deutschland schwappte, nachdem die Kanzlerin im deutschen Alleingang die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge einreisen ließ. Schon Max Weber aber wußte, daß die Gesinnungsethik von der Verantwortungsethik zu trennen ist. Verantwortungsethik, so formulierte es Weber, bedeutet, "daß man für die Folgen seines Handelns aufzukommen hat." Politiker werden nicht an ihren guten Absichten, sondern an den voraussehbaren Folgen ihres Handelns gemessen.

Die Folgen des falschen Signals aus diesem Sommer – Deutschlands Grenzen sind offen und Flüchtlinge willkommen – waren aber genau das: absehbar. Es war voraussehbar, daß vor allem junge, allein­s‍tehende Männer einreisen würden. Jeder Migrationsforscher weiß das. Es war auch voraussehbar, daß es sich kaum um ausgebildete Fachkräfte handeln würde. Viele waren damals nur an einem Job im Niedriglohnsektor interessiert, wie die Süddeutsche Zeitung schon im Januar 2016 berichtete. Aber welche dauerhaften Perspektiven haben sie als Pizzaboten, Paketzu­s‍teller oder Security-Personal?

Schließlich konnte man auch wissen, daß die angestrebte Verteilung von Flüchtlingen auf andere EU-Mitglieds­s‍taaten auf Wider­s‍tand stoßen und der Ruf nach Solidarität folgenlos bleiben würde. Wer dabei nur auf die Abschottungspolitik der mittelo­s‍teuropäischen Višegrad-Länder verweist, sollte nicht vergessen, daß sich auch die Aufnahmebereitschaft Frankreichs, Großbritanniens oder Dänemarks in engen Grenzen hält. Sind die wilden Camps von Calais schon vergessen?

Foto - stukroodvlees.nl

Die Entscheidungen der letzten zwei Jahre werden Folgen zeitigen, die im Wahlkampf diskutiert gehören. Die Zahl der autochthonen und immigrierten Bildungsverlierer wird steigen. Was das heißt, kann man in Frankreich sehen, dem Land mit der stärk­s‍ten Rechtspartei We­s‍teuropas, mit islami­s‍tischen Attentaten und ghettoisierten Trabanten­s‍tädten. Das Mutmacherwort "Wir schaffen das" ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft.

Denn ist noch nicht einmal klar, was überhaupt geschafft werden soll – Integration in den Arbeitsmarkt oder Integration in unser Wertesy­s‍tem? Wie kann es sein, daß Menschen, die in Deutschland sozialisiert wurden, anläßlich des Verfassungsreferendums für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan stimmten? Wie kann es sein, daß deren Loyalität eher der semi-autokratischen Türkei als dem demokratischen Deutschland gilt? Ist die Herausbildung eines türkischen "Diaspora-Nationalismus" nicht auch ein Indiz dafür, daß der Multikulturalismus gescheitert ist?

Das sind unbequeme Fragen. Aber es ist Wahlkampf und Lübbe hatte womöglich Recht: Kontroverse Themen werden vertagt, obwohl sie doch gerade Gegen­s‍tand der Debatte sein sollten. Das wird – auch wenn man mit Prognosen vorsichtig sein soll – einer populi­s‍tischen Partei wie der AfD langfri­s‍tig nutzen. Selbst wenn sie gerade schwach erscheint. ( Zeit-Online- Karin Prie­s‍ter)


IslamIslamische Extremi­s‍ten und ihre Angst vor Homosexualität

Schwule und Lesben zer­s‍tören islamische Gesellschaften - davon sind nicht nur Islami­s‍ten überzeugt. Die vorherrschende Lehre im Islam ist eindeutig: Das Ausleben von Homosexualität ist verboten. Nun sagen Islamwissenschaftler: Homophobe Haltungen im Islam sind eine moderni­s‍tische Entgleisung.

"Wenn ein Mann mit einem anderen Mann geschlechtlich verkehrt, ist das ein äußerst übler Akt der Unzüchtigkeit und ein abscheuliches Verbrechen." So wird Muhammad Ibn Uthaymîn zitiert. Bis zu seinem Tod im Jahr 2001 war er Mufti in Saudi-Arabien und einer der zentralen fundamentali­s‍tischen Vordenker des Islams.

Die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebesbeziehungen ist fe­s‍ter Be­s‍tandteil islamisch-fundamentali­s‍tischer Strömungen. Etwa im Salafismus. Salafi­s‍ten geben vor, sich am Koranver­s‍tändnis der er­s‍ten drei Generationen von Muslimen zu orientieren.

Traditionelles Familienbild im Salafismus

Im Salafismus wird ein traditionelles Familienbild vertreten – und zwar deutlich konsequenter als in nicht-fundamentali­s‍tischen, konservativen Strömungen. Der Mann sorgt für den Unterhalt der Familie und trägt nach außen die Verantwortung für Sitte, An­s‍tand und religiös korrektes Verhalten seiner Angehörigen. Die bis zu vier möglichen Ehefrauen kümmern sich um die Kinder und den jeweiligen Haushalt. Homosexuelle Verbindungen werfen dieses Familienbild durcheinander. Sie stellen die gesellschaftliche Ordnung der Salafi­s‍ten infrage – insbesondere die Rolle des Mannes als Familienoberhaupt.

Salafi­s‍tische Gruppen zeichnet zudem ein starkes Gemeinschaftsgefühl aus. Es wird nicht diskutiert, es wird nicht hinterfragt. Es wird gehorcht. Bekennende Homosexuelle gefährden diese Konformität schon allein dadurch, daß sie anders sind. Unter gewaltbereiten und politisch aktiven Salafi­s‍ten kommt ferner die Kategorie des Kampfes hinzu. Und Homosexualität gilt hier als Schwächung der Manneskraft. Auch die wohl bekannte­s‍te Figur des deutschen Salafismus, der Konvertit Pierre Vogel, hat sich der Frage gewidmet: "Wie gehen wir mit homosexuellen Menschen um?" In einem der unzähligen YouTube-Videos, mit denen er und seine Anhänger das Internet fluten, erklärt er:

"Im Islam ist ganz klar, daß homosexueller Geschlechtsverkehr verboten ist, harâm, das ist eine Sache, die nach Konsens der Gelehrten verboten ist."

Vorherrschende Lehre im Islam ist eindeutig

Die vorherrschende Lehre im Islam ist eindeutig: Das Ausleben von Homosexualität ist verboten. Es gibt vier Rechtsschulen im sunnitischen Islam: die hanafitische, die malikitische, die schafiitische und die hanbalitische. Alle vier sehen es so.

Argumentiert wird primär mit der Geschichte des Propheten Lot, die auch aus der Bibel bekannt ist: Lot wird nach Sodom geschickt, um dort gegen das vermeintlich schändliche Verhalten der Bewohner einzutreten. Doch diese weisen den Gesandten zurück. Daraufhin werden sie von Gott vernichtet. In Koransure 7 heißt es: "Und wir haben den Lot als unseren Boten gesandt. Damals, als er zu seinen Leuten sagte: 'Wollt ihr denn etwas Abscheuliches begehen, wie es noch keiner von den Menschen in aller Welt vor euch begangen hat? Ihr gebt euch in eurer Sinnenlust wahrhaftig mit Männern ab, statt mit Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das nicht maßhält.'"

Foto-Islamnixgut - WordPress.com800 × 600

Aber es gab immer schon Stimmen, die die Authentizität der herangezogenen Quellen angezweifelt haben. Und Steinigungen in klassisch-islamischer Zeit, also vor dem Jahr 1800, sind kaum dokumentiert, sagt der Mün­s‍teraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer:

"Es gibt auch aus der gesamten Geschichte, also aus über 1000 Jahren, allenfalls zwei, drei, vier bezeugte Fälle, in denen tatsächlich wegen Ehebruchs ge­s‍teinigt worden ist. Irgendein Fall wegen gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen, der bestraft worden ist, ist mir überhaupt kein einziger Fall bekannt, wenn dann handelt es sich immer um Vergewaltigungstatbe­s‍tände etc." Den Grund dafür, daß die Steinigung von Homosexuellen nie umgesetzt wurde, sieht Bauer darin, "daß die Hindernisse, die man davor gesetzt hat, diese Strafen auch umzusetzen, so groß sind, daß bei einer strengen Handhabung des islamischen Rechts die Verhängung solcher Strafen eigentlich unmöglich ist."

Das legt nahe, daß es sich bei den drakonischen Strafen im Koran vor allem um dra­s‍tische Warnungen an die Menschen handelt – und nicht um tatsächlich zu vollstreckende Strafen.

Anders als homosexuelle Handlungen von Männern spielen lesbische Verbindungen im islamischen Recht eine geringe Rolle, so Thomas Bauer: "Das ganze islamische recht hat sich in patriarchalischen Gesellschaften entwickelt. Und in patriarchalischen Gesellschaften ist wichtig, was der Mann macht. Es hat die Männer nicht so sehr interessiert, was die Frauen miteinander machen."

Die klassisch-islamische Theologie ist sich weitgehend einig, was das Verbot von Homosexualität betrifft. Das heißt aber nicht, daß alle Muslime diesen Vorgaben folgen. Im Gegenteil: Es gibt wohl kaum eine Kultur, in der die homoerotische Liebe so inbrün­s‍tig thematisiert wurde wie in der arabisch-islamischen. Eine ganze Gedichtform ist geprägt von Liebe, Wein und Homoerotik: die Ghaselen.

Homoerotische Gedichte in der islamischen Literatur

Kurz und provokativ gesagt: Der Islam war kein Hindernis dafür, daß ein Mann mit Versen über homoerotisches Verlangen zu einem der größten Poeten der islamischen Geschichte werden konnte: Hâfiz – jener Dichter aus dem heutigen Iran, der im 14. Jahrhundert gelebt und der später unter anderem Johann Wolfgang von Goethe inspiriert hat – etwa zu dessen West-Östlichen Diwan.

Viele große Gestalten der islamischen Geschichte ver­s‍tanden sich als Freigei­s‍ter, waren dem Libertinismus und Hedonismus zugetan. Und das nicht erst seit Hafiz. Schon 500 Jahre zuvor, im Umfeld des legendären Kalifen Harun al-Raschid an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert, wird Abu Nuwas zu einem der berühmte­s‍ten Dichter der arabischen Welt. Und Abu Nuwas läßt kaum einen Zweifel daran, was ihn erregt:

"Im Bade wird dir das sonst durch die Hosen Verborgene sichtbar.
Du siehst einen Hintern, der durch seine Fülle einen Rücken von
äußer­s‍ter Schlankheit in den Schatten stellt.
Sie flü­s‍tern sich gegenseitig: 'Gott ist groß' und 'Es gibt keinen Gott außer Allah' zu.
Auf! Wie trefflich ist das Bad unter den Orten, die alles deutlich zeigen."


Nicht nur Berufspoeten griffen Homosexualität auf. Der angesehene hanbalitische Jurist Ibn al-Dschauzi zeigte sich im 12. Jahrhundert überzeugt: "Derjenige, der behauptet, daß er keine Begierde empfindet, wenn er einen schönen Jungen betrachtet, ist ein Lügner." Selbst im Koran lassen sich homoerotische Gedanken finden. In Sure 52 wird beschrieben, was Gläubige im Paradies erwartet: "Ein Kreis von Jünglingen, so schön wie Perlen in ihren Muscheln verborgen, wird ihnen aufwarten."

Entwicklung von Vorurteilen

Schon früh trieb das Thema 'Homosexualität und Islam' auch die Menschen in Europa um. Es entwickelten sich rasch Vorurteile – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Muslimen wurde nicht Homophobie unter­s‍tellt, sondern daß Homosexualität bei muslimischen Männern verbreitet sei.

Einst homoerotische Texte – nunmehr homophobe Tendenzen: In der islamischen Welt muß es offenbar einen massiven Umbruch gegeben haben. Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer markiert diesen Zeitpunkt so: "Es hat sich eine Elite herausgebildet, die ganz stark auf europäische Werte, auf europäische Normen zurückgriff. Also, es waren europäische Normen, die auf einmal das in einem ganz anderen Licht sahen. Und deshalb hören so ab den 1850er Jahren homoerotische Gedichte in der arabischen Literatur auf."

Inzwischen gibt es Ansätze, Islam und Homosexualität theologisch in Einklang zu bringen: Sie verweisen darauf, daß jene Quellentexte, die zur Ablehnung von Homosexualität angeführt werden, nicht eindeutig seien. Auch ihre Historizität sei nicht belegbar.

Und es gibt praktische Ansätze, Islam und Homosexualität auch praktisch zu versöhnen: In Paris gründete Ludovic-Mohamed Zahed 2012 eine Moschee für Lesben und Schwule. Zahed war früher Mitglied einer salafi­s‍tischen Gruppe in Algerien. Ähnliche Moscheeprojekte wie das von Zahed gibt es in den USA. Auch in Deutschland gibt es Gemeinden, die offen sind für Schwule – zum Beispiel unter dem Dach des Liberal-Islamischen Bundes.( deutschlandfunk- von Thor­s‍ten Gerald Schneiders)

Andersrum ist auch nicht besser Willkommen im Mainstream

Machen wir uns nichts vor: Schwul sein ist out und Lesben waren noch nie wirklich in. Mittlerweile ist beides überholt worden, von links, rechts, oben und unten. Trans* ist das Thema der vergangenen Jahre. Erst in der Kunstwelt, dann in amerikanischen Serien, mittlerweile: überall. Was soll man dazu sagen? Willkommen im Mainstream vielleicht?

Angefangen hat der derzeitige Hype vermutlich mit der Transfrau Laverne Cox, die in der Netflix-Serie Orange ist the New Black eine Gefängnisinsassin spielt. Es folgten Caitlyn Jenner, die sich selbst spielt und die amerikanische Whistleblowerin Chesea Manning, die nicht spielt. Auch die Transmänner liegen gut im Rennen: In den USA hat Buck Angel längst einen Namen über die Pornobranche hinaus, hierzulande kämpfen der Olympionike Balian Buschbaum und Benjamin Melzer, seines Zeichens Covermodel der deutschen Men’s Health, um den Titel des meistgeliebten Transmannes.

Es ist modern, sich der Zweigeschlechterordnung zu entziehen. Und obendrein ist es völlig unabhängig von jeder sexuellen Orientierung. Keine Ahnung, welchen Geschlechtern die oben genannten Menschen in Liebesdingen den Vorzug geben und ganz ehrlich: Es ist auch egal. Die akademischen Diskussionen sind ohnehin längst postgender – was früher mal Frauenstudien hieß, wurde zu Gender­s‍tudies und wird dieser Tage flächendeckend in Queer- oder Diversity Studies umgetauft. Das ist gut, weil es um mehr geht als um Geschlechter und Wer-mit-Wem. Stichwort Intersektionalität, also die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen, wenn sich etwa Rassismus und Sexismus addieren. Stichwort Mensch.

Foto-pinterest

Mensch sein wollen ja schließlich alle, und ganz schön vielen reicht das auch. Frau? Mann? Gähn. Zumindest lassen darauf die Ergebnisse der Zeit Vermächtnissstudie schließen, die 2016 veröffentlicht wurden. Nach der Geschlechterrolle befragt, die sie am ehesten beschreibt, gaben darin 3,3 Prozent der deutschen Bevölkerung an, entweder ein anderes Geschlecht zu haben als bei ihrer Geburt zugewiesen oder sich schlicht nicht als weiblich oder männlich zu definieren. Das heißt: Knapp 2,5 Millionen Deutsche haben keine Lust, sich von fremden Erwartungen oder ihren Geschlechtsteilen in ein gesellschaftlich erwünschtes Leben pressen zu lassen.

Es ist mittlerweile ja auch hinlänglich erwiesen, dass die Fähigkeit zum Einparken, zum Aufbau von Ikea-Möbeln oder der Lösung von Polynomgleichungen nichts mit dem zu tun hat, was sich zwischen den Beinen befindet. Derartige Fähigkeiten sind ausschließlich zwischen den Ohren angesiedelt! Die Millenials haben längst begriffen, dass Dualismen so last century sind! Weshalb sich die coolen Kids anscheinend gerade gern als non-binary beschreiben. Ein neuer Terminus für das immer gleiche Thema, der so ziemlich alles außer Heteronormativität inkludiert. Sie wollen sich nicht einordnen lassen, vor allem äußerlich nicht. Abgebundene Brüste zum Abendkleid, Vollbart mit Glitzerlidschatten – Conchita hat das vorgemacht und nun ist es ein Synonym für: Freiheit.

Zumindest für alle, die eine Wahl haben. Denn am lautesten erscheinen meistens die, die sich nicht einordnen wollen. Die, die sich nicht einordnen können, die zerrissen sind und schlimmstenfalls an ihrer Zerrissenheit leiden, stehen oft in den hinteren Reihen. Es ist nur ein kleiner Unterschied zwischen Freiheit und Zwang. Zwischen denen, die bei jedem Adreßfeld, das sie im Internet ausfüllen müssen, einen Wutanfall bekommen, weil sie sich für eine Anrede entscheiden müssen, die immer Herr oder Frau heißt. Ohne Anrede geht’s nicht weiter – weshalb die, die sich nicht einordnen können, oft niedergeschmettert zur geschlechtslosen Firma werden oder den Be­s‍tellvorgang ganz abbrechen. Zwischen Können und Wollen liegen Welten.

Und dennoch betrifft die Aggression, die die Verweigerung von Zweigeschlechtlichkeit auslöst, beide Gruppen. Schon alleine deshalb ist es wichtig, dass Menschen, die sich nicht einordnen, dies auch zeigen. Und wenn Modedesigner Androgynität, Feminismus oder Pussypower als neues Leitmotiv für sich entdecken und Medien Reportagen über Trans*Menschen und Nicht-Binäre schreiben – wunderbar. Denn selbst, wenn es nur eine Mode ist: Sie sorgt für Sichtbarkeit und Sichtbarkeit generiert Selbstverständlichkeit, die wiederum allen dient. Und auch wenn Identität bekanntlich fluide ist und Mode vergänglich – etwas davon wird bleiben, auch wenn die coolen Kids weiterziehen, um die nächste akademische Welle zu reiten. Die kommt garantiert.  (Zeit.online- Von Tania Witte)


Schwulenrechte sind kein Luxusproblem

In Tschetschenien werden Schwule gefoltert und getötet. Wie leicht, sich schockiert und angewidert abzuwenden. Wenn es denn so einfach wäre.

In Tschetschenien werden Schwule entführt, gefoltert und getötet, berichtet die russische Zeitung Nowaja Gaseta   und erhält dafür Morddrohungen. Homosexuelle Männer erzählen davon, wie sie systematisch verschleppt, geschlagen und gefoltert wurden. Weil sie schwul sind. Nicht jedes Opfer soll diese Tortur überlebt haben. Hilfsorganisationen erzählen von der Angst der Anrufer, die um Hilfe bitten oder fliehen wollen.

Die Reaktion der tschetschenischen Behörden? In Tschetschenien gebe es keine Schwulen – wie könne man Menschen foltern, die es nicht gibt? Und sollte es doch welche geben, sollte doch jemand um Hilfe bitten: Man würde nicht helfen. Schlimmer als ein Gewaltverbrechen sei die Homosexualität selbst.

Die Schilderungen, die Nowaja Gaseta zusammengetragen hat und die Menschenrechtsorganisationen bestätigen, sind so bestialisch und brutal, sie erscheinen so unvorstellbar, dass es ein Leichtes ist, sie angewidert und schockiert als ein Verbrechen abzutun, das nur in einer äußerst verrohten Gesellschaft stattfinden kann. Allein: Tschetschenien mag ein außergewöhnlich krasser Fall von Gewalt gegen Homosexuelle sein, so wie Tschetschenien eine außergewöhnlich gewalttätige Republik in Russland ist.

Und doch wurzelt das Problem nicht ausschließlich dort (und auch nicht im Islam, wie manche jetzt meinen). Es braucht ein bestimmtes gesellschaftliches Klima, damit Verbrechen gegen Schwule geschehen können. In Russland wurde dieses Klima vom Kreml genutzt und genährt. Er hat eine unheilvolle Allianz mit der orthodoxen Kirche gesucht, die Homosexuelle verteufelt. Er hat Gesetze erlassen, die Homosexualität stigmatisieren. Er hat Verbrechen gegen Schwule nicht ernsthaft geahndet. Er benutzt die Schwulenrechte als Schreckensszenario, sollten die "Libera­s‍ten" siegen. Willkommen in Gayropa.

Foto-www.20min.ch

Es ist nicht nur ein russisches Problem

Das alles klingt nach einem russischen Problem, reicht aber weiter. Die Gespräche über Homosexualität ähneln sich auch anderswo, als würde das immer selbe Stück mit den immer selben Dialogen und den immer selben Akteuren an unterschiedlichsten Orten aufgeführt werden. Die Akteure sind nie urbane Hip­s‍ter, sondern eher Ältere oder Religiöse oder Nationalkonservative oder Männlichkeitsversessene. Das Stück handelt davon, dass Schwule natürlich Menschen sind, aber eben nicht ganz normale. Dass man ihnen nicht wehtun sollte, aber Grenzen setzen muss, denn es gelte, traditionelle Werte zu schützen, die Familie zum Beispiel, den Bund zwischen Mann und Frau oder die angeblich leicht verderbliche Jugend.

Im letzten Akt des Stückes wird es meist konkret. Ob Georgien nicht mit den besetzten Gebieten Wichtigeres zu tun habe, als sich um die Transsexuellen zu kümmern? Ob die Ukraine nicht erst den Krieg beenden müsse, bevor der Kampf gegen Diskriminierung beginnen könne? Ob man den Katholizismus in Polen nicht respektieren müsse?

Gedanken schaffen keine Täter, aber Komplizenschaft. Wer Schwulenrechte als Luxusproblem, wer Minderheitenrechte als Kann-Option abtut, spricht einem Menschen die Freiheit zu lieben ab, das vielleicht tiefste Bedürfnis im Leben eines Menschen. Wer meint, darauf sollte jemand verzichten, entmenschlicht deshalb.

Einmal habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich in die Falle tappte. Mit einer lesbischen Bekannten interviewte ich vor der Parlamentswahl in Kiew Politiker aller Richtungen. Es ging um den Krieg, um Europa, die Bekannte aber stellte beharrlich die Frage, wie man es denn mit den Rechten für Homosexuelle halte. Der uniformierte Kämpfer vom Rechten Sektor blieb von der Frage genauso wenig verschont wie die liberale Politikerin, die später, nach der Wahl, tatsächlich anfing, sich zu engagieren. Doch zu dem Zeitpunkt wusste sie, dass sie damit ihrem Wahlergebnis keinen Gefallen tun würde, und wich aus. Irgendwann dachte ich mir: Jetzt ist doch mal gut. Das Land steckt mitten im Krieg und in einer Rezession, jetzt ist nicht die Zeit für solche Fragen.

Der weitverbreitete Reflex, es müssten erst die großen Themen geklärt werden, der Krieg, das Leid, die Armut, bevor man sich den kleinen zuwenden könne, hatte mich erfasst. Doch es gibt keine kleinen Themen. Ich schwor mir, nie wieder von jemandem zu erwarten, sich in seinem Leben zu gedulden, wenn Geduld bedeutet, dass das eigene Leben von verpassten Möglichkeiten handelt: von Kindern, die man gerngehabt hätte, aber nicht hat; von Hochzeiten, die man gern gefeiert hätte, aber nicht feiern konnte. Von tiefen Küssen, die man gern in der Öffentlichkeit ausgetauscht hätte, wenn es dafür keine Prügel gäbe. (Zeit.online / Alice Bota)


Von Messer-Attacken und Testbildern

oder die Öffentlich-Rechtlichen Sender und?!?

 Die „Tagesschau“ berichtet von einem Attentat auf die Jerusalemer Gay-Pride 2017. Das ist nie passiert. Nachfrage bei den Verantwortlichen.

„Wenn Sie die von Ihnen propagierten Standards immer anwenden würden, dann hätten Sie nur Testbilder.“ Mit diesem Bonmot konterte der Historiker Michael Wolfsohn   Ende Juni die harsche Kritik des WDR-Direktors Jörg Schönenborn an der Antisemitismus-Doku „Auserwählt und ausgegrenzt“.

Dieser hatte zuvor genüsslich die journalistischen Schnitzer in dem von Arte und WDR bestellten Streifen aufgelistet. Der Film lasse in erheblichem Maße journalistische Standards vermissen. Nun blickt die geneigte Öffentlichkeit ihrerseits verwundert auf einen Beitrag der ARD-Programmfamilie.

Auf tagesschau.de heißt es, datiert auf den 3. August 2017: „Messerattacke auf Gay Parade in Jerusalem“. Ein ultraorthodoxer Jude, so ist es dort zu lesen , habe „sechs Teilnehmer einer Schwulen- und Lesbenparade in Jerusalem niedergestochen. Der Mann sei mit einem Messer in die Menge gestürmt, so der Notfalldienst. Der Mann hatte bereits 2005 eine solche Tat begangen.“


Foto - Tageschau.de

Um es kurz zu machen: Der Vorfall hat tatsächlich stattgefunden. Allerdings bereits vor zwei Jahren. Die Gay-Pride 2017 in der israelischen Hauptstadt fand zwar unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt, aber ohne größere Zwischenfälle (was man bei der Tagesschau an anderer Stelle auch zur Kenntnis genommen hat). Wie war das nochmal mit der journalistischen Sorgfaltspflicht? Nachfrage bei der Programmdirektion.

Der auf den 3. August 2017 datierte Beitrag über die Messerattacke sei ein Archiv-Artikel, der in der aktuellen Berichterstattung über die Parade verlinkt wurde, sagt ein Sprecher. Offenbar sei der Fauxpas einem Mitarbeiter bei der erneuten Aufbereitung unterlaufen. Dieser habe wohl vergessen, das Datum in dem zwei Jahre alten Stück anzupassen (warum sich das Datum eines Archivartikels ohne menschliches Zutun aktualisieren sollte, erschließt sich mir als Online-Redakteur übrigens nicht).

„Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht“

Während der Bearbeitung meiner Anfrage am Freitagmorgen tauchte dann auch ein Hinweis unter dem Artikel auf: „Versehentlich wurde diese Meldung mit falschen, aktuellem Datum (3.8.2017) veröffentlicht. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.“ Das Datum ist mittlerweile angepasst.“ „Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht“, fügte der Sprecher noch hinzu.

Da hat er recht. Und es ist wohl tatsächlich ein wenig übertrieben, direkt die „Fake News“-Karte zu ziehen, wie es hier und da auf Facebook zu lesen ist. Und auch die „Testbilder“-Schelte von Michael Wolffsohn war gelinde gesagt übertrieben (wenn auch angesichts der süffisanten Art von Schönenborn für den Moment angemessen). Solche Dinge passieren. Allerdings muss man sich an den eigenen Standards messen lassen, was grade auch der Sender Arte wegen einer Gaza-Dokumentation erfahren muss.

Für das nächste Mal reicht vielleicht der Vorschlag an Jörg Schönenborn und Kollegen, gewisse Maßregelungen vor dem Hintergrund der eigenen Fehlbarkeit ein bisschen weniger schulmeisterlich vorzutragen. (Martin Niewendick – Salonkolumnisten)



Patsy l'Amour LaLove: "Beißreflexe" Polemik statt kühler Analyse -oder das Contra zu einem Buch

In dem Sammelband "Beißreflexe", herausgegeben von Patsy l'Amour LaLove, widmen sich mehr als 20 Autoren queerem Aktivismus und den theoretischen Hintergründen. Unser Kritiker meint: Leider wird hier ein berechtigtes Anliegen durch erschreckend Übertreibungen lächerlich gemacht.

Linker Aktivismus, der autoritäre Sehnsüchte hegt? Mit dieser scharfen Kritik am Queerfeminismus hat es das Buch "Beißreflexe" weit in die Feuilletondebatten geschafft. Dabei lassen sich die titelgebenden "Beißreflexe" gleich dreifach beobachten: Zunächst, wie von den Autoren und Autorinnen diagnostiziert, bei einem kleinen, dogmatischen Teil der queerfemini­s‍tischen Szene, der Meinungen, die den eigenen widersprechen, radikal verbannen möchte.

Zweitens lässt sich aber auch bei vielen Autoren und Autorinnen des Bandes selbst ein reflexhaftes Zupacken beim falschen Stichwort der Gegenseite beobachten; so glänzt das Buch durch Polemik, nicht durch kühle Analyse. Der am schwersten wiegende Beißreflex bleibt aber, drittens, der der Öffentlichkeit: Weil es sich allzu schön in die Indizienkette für die längst diagnostizierte Übertreibung politischer Korrektheit einreihen lässt, wird der Sammelband der Geschlechterforscherin Patsy l´Amour LaLove in einer Art Kronzeugenregelung gerne herangezogen, für all das Schlechte, was man über Gender-Theorie, politische Korrektheit und Anti-Rassismus vermeintlich schon wusste.

Es läuft einiges schief in der Szene

Wo setzt "Beißreflexe" an? Queer, das sei einmal "das selbstbewusste Anderssein", all derer Menschen gewesen, deren Sexualität von der gesellschaftlich dominanten Norm abwich, also der Schwulen, Lesben und Transmenschen. Queer sollte Geschlechter- und Rollenbilder sprengen. Heute aber würden viele, auch innerhalb der queerfemini­s‍tischen Szene, zum Schweigen gebracht, weil sich nur noch die Menschen äußern dürften, die von Diskriminierung, sei es rassistisch oder sexistisch, selbst betroffen seien. Alle anderen müssten als "Privilegierte" schweigen. Das wird im Buch als "Politik des schlechten Gewissens" mit dem "Vorgehen religiöser Sekten" verglichen. Von "Bekenntnis", "Gelübde", "Bußen", erzwungen durch "inquisitorische Macht", ist gar die Rede.

Foto-Taz.de

Dass einiges schief läuft in der queerfemini­s‍tischen Szene, dass der Streit inzwischen tiefe Gräben gerissen hat, lässt sich schnell feststellen. Leider trägt der Sammelband zum Verständnis des Problems aber wenig bei. Zum einen, weil viele der Texte sehr kurz sind, nur wenige Buchseiten lang, für eingehende Analysen so kein Raum ist. Zum anderen weil viele Texte nicht so wirken, als ob sie an einer ernsthaften, zielführenden Analyse interessiert seien. Es sind meist polemische Angriff­s‍texte, die Wortwahl diffamierend, die gewählten Beispiele sind das Best-of der Horrorgeschichten.

Für die gesamtgesellschaftliche Schau nicht geeignet

Dies zeigt aber umso mehr, warum sich dieses Buch für den gesamtgesellschaftlichen großen Feuilletonaufschlag nicht eignet. Es hilft nicht weiter. Die sehr berechtigten Grundanliegen des Queerfeminismus, insbesondere etwa Rassismus auch Szene-intern zu thematisieren, werden in dem Buch durch zu Hilfenahme ihrer in der Tat erschreckenden Übertreibungen verlacht. In großer Selbstüberzeugung wird hier der Dogmatismus der "Gegner" geschildert, ohne kritische Reflexion des eigenen Standpunktes. Und so verdeutlicht der Band leider an vielen Stellen das Fehlen einer heute doch so enorm wichtigen Grundtugend: Ambivalenzen aushalten und nicht dem Versuch der Auflösung in Eindeutigkeiten zu erliegen. ( Deutschlandfunk- Von Philipp Schnee)


Homosexualität und Religion: Fühlt sich übel an

(von David Berger – Zeit.online.de)

Er wurde als schwuler Kirchenkritiker gefeiert, nun soll er ein Schwulenhasser sein. Der Theologe David Berger über seine Verfemung.

Der erste Shitstorm, den ich erlebte, fand nach meinem offiziellen Outing als schwuler Mann im Mai 2010 statt. Bis dahin galt ich als konservativer Vatikanprofessor, war Konsultor der Glaubenskongregation und Chefredakteur einer katholischen Monatsschrift. Dann kam das Outing, und ich wurde vom "Shooting­s‍tar des Vatikans" zum Verräter und "perversen Kot­s‍techer", wie das ultrakatholische Online-Magazin kreuz.net damals tobte.

Man spionierte mir im Internet nach, veröffentlichte angebliche Details zu meinem Sexleben, aber auch zu meinem Wohnort – und forderte alle Rechtgläubigen auf, sich mit Baseballschlägern auszurüsten, um mir zu zeigen, was Homosexuellen droht: die Hölle, diesmal schon auf Erden. So begann mein freies Leben als bekennend homosexueller Katholik: anonyme Anrufe (bei meinem Arbeitgeber) und Polizeischutz (nicht nur bei Vorträgen).

Der neueste Shitstorm ereilte mich vor zwei Wochen. Zur Debatte um die Homo-Ehe war in der FAZ ein Artikel erschienen, der harsche Kritik an der Öffnung der Ehe für alle übte. Der Autor Johannes Gabriel meinte, vor Konsequenzen auch im Adoptionsrecht warnen zu müssen. Das war provokant. Doch einige Kommentatoren im Netz reagierten nicht nur mit verständlichem Ärger, sondern verbreiteten Verschwörungsfantasien. Aus der Tatsache, dass über Johannes Gabriel kaum etwas im Internet stand, und aus der Entdeckung, dass der Text auf meinem Blog als Gastbeitrag erschienen war, folgerten sie: Johannes Gabriel sei ein Pseudonym, der Text müsse aus meiner Feder stammen. Schnell verbreitete sich das Gerücht – schon wurde ich in sozialen Netzwerken, als "homophober Schrankschwuler" und "Rechtsradikaler" geschmäht. Focus und taz kolportierten den Verdacht, ich sei der Autor. Das Portal Meedia druckte den Tweet eines Thomas Knüwer, der mich ebenfalls verdächtigte und zudem als rechtsradikal diffamierte.

Fühlt sich übel an. Zumal: Ich bin nicht der Autor des Artikels. Ich hätte ihn weder sprachlich noch inhaltlich so geschrieben. Doch es half nichts: Ich wurde beschimpft, alte Tweets von mir wurden bei Twitter als bedenklich gemeldet, worauf das Portal drohte, meinen Account mit fast 5.000 Followern zu löschen. Als ich merkte, dass kein Gespräch mit meinen "Kritikern" möglich war, ja dass alles, was ich sagte, zu meinem Nachteil ausgelegt wurde, löschte ich den einzigen Tweet, den ich in der Sache abgesetzt hatte. (Er war darauf gemünzt, daß Johannes Gabriel mit guten Gründen ein Pseudonym sein könnte. Ich hatte seinen Text per Mail erhalten und erst später Kontakt zu Gabriel persönlich.)

Statt also über die Homo-Ehe zu debattieren, ergötzte man sich an einem künstlich geschaffenen Skandal. Auch Spiegel Online machte mit. Jakob Aug­s‍tein nannte mich „das schwule Maschinengewehr Gottes „Er kolportierte, dass mir die kirchliche Lehrerlaubnis für den Religionsunterricht entzogen worden und ich daher aus der katholischen Kirche ausgetreten sei, um daraus zu folgern: "Zu so einem Mann würde der FAZ-Artikel passen, den eine eigentümliche Schwankung zwischen schwuler Selbstverachtung und Selbstüberhöhung auszeichnet."

pqmonthly.com

Offenbar kann Aug­s‍tein sich nicht vorstellen, dass ich mich von der Kirche, die mich geächtet hatte, distanzieren wollte – und mich dennoch als Katholik betrachte. Ironie der Geschichte: Ich galt beim Spiegel früher als "Startheologe", der "eine brillante Karriere im Vatikan hingelegt" hatte und dann zum "Bestsellerautor" wurde durch Kritik an der Homophobie der katholischen Kirche Seit dem Erscheinen meines Buches Der heilige Schein 2010 galt ich als liberaler Kirchenkritiker, dem der Spiegel wie auch die ZEIT mehrfach Raum für Interviews gaben. Der Spiegel lobte, ich hätte "ein Ende der kirchlichen Schwulendiskriminierung verlangt". Bin ich also ein Liberaler? Oder ein Rechtsradikaler?

Tatsächlich ist die heiße Liebe einiger Journalisten zu mir erkaltet, und bei Aug­s‍tein findet sich auch ein Hinweis, warum. Er kritisiert, dass in meinem Blog die Rede sei von "Islamisten, die Homosexuelle von Dächern werfen". In der Tat. Ich habe irgendwann begonnen, die Homophobie nicht nur im Christentum, sondern auch im Islam scharf zu geißeln. Das war der Wendepunkt. Nun erntete ich Kritik von links und avancierte vom aufklärerischen Vorzeige-Homo zum islamophoben Rechten.

Auch das kam unerwartet. Im Sommer 2013 war ich Chefredakteur des Schwulenmagazins Männer geworden, im Sommer 2014 kamen dann immer mehr Nachrichten von der Hinrichtung schwuler Männer durch den "Islamischen Staat". Damals suchte mich auch Nasser X. auf, ein 17-jähriger Libanese aus Neukölln. Er berichtete mir, wie er von seiner Schwester zwangsgeoutet und vom Vater mit Benzin übergossen wurde, der ihn unter dem Ruf "Allahu Akbar" anzünden wollte. Nasser entkam. Und mir wurde klar: Homophobie im real existierenden Islam konnte noch gefährlicher sein als in meiner Kirche heute. Ich schrieb eine Reportage über Nasser. Doch allen Zeitungen, denen ich sie anbot, war sie entweder zu heikel, oder sie verlangten, dass ich das Wort "Islam" streiche.

Letzteres setzte sich fort: Bei Interviews, die ich zu Religion und Homosexualität gab, wurden oft meine Aussagen über den Islam gestrichen. Das Signal: Solange ich über Homophobie in der Kirche urteilte, war ich ein gern gesehener Experte. Sonst nicht. So nahm ich 2016 das Angebot von Jürgen Elsässer an, im Magazin Compact über die Verdrängung des muslimischen Homo-Hasses zu schreiben. Dass ich damit zur Persona non grata würde, war mir egal. Ich wollte falsche, diskur­s‍tötende Tabus nicht akzeptieren. Deshalb habe ich auch Johannes Gabriels Text zur Homo-Ehe veröffentlicht.

Und der Shitstorm? Ist für mich Endpunkt einer traurigen Entwicklung. Ich glaube, es gibt einen neuen säkularen Dogmatismus, der im Gewand der Toleranz auftritt, aber nur eine Wahrheit gelten lässt. Abweichende Meinungen werden sofort als rechte Hass rede abqualifiziert. So kommt es, dass plötzlich liberale Muslime als islamophob gelten und schwule Kritiker der Homo-Ehe als homophob.

Ich gebe zu: Ich bin zwar ein libertärer Homosexueller, aber in manchen Fragen bleibe ich ein Konservativer. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass mich ausgerechnet das linke Neue Deutschland verteidigen könnte: Nach dem Shitstorm gegen "Johannes Gabriel" warnte die Tageszeitung vor einer ideologischen Einheitsfront, die Dissidenten Meinungen gnadenlos verdrängt, um ihre "totalitäre Selbstgewießheit" nicht zu gefährden. Argumente seien nicht mehr von Interesse, wo es gelte, Abweichler kaltzustellen – "um schließlich die alles entscheidende Frage zu stellen: Bist du für oder gegen uns?"

Schade, dass Journalisten, die mich verdächtigten, nicht bei mir angerufen haben. Offenbar suchten sie nur einen Autor, den sie als "rechtsradikal" outen konnten. Es reichte ihnen der bloße, falsche Verdacht, um zur Hexenjagd zu blasen. Meine Aussage war irrelevant. Man brauchte eine böse (schwule und homophobe) Hexe, um die Fackel an den virtuellen Scheiterhaufen zu legen. Und fand mich.

Foto - jealousofthebirds.com

Homophober "FAZ"-Beitrag Versteckt eure Kinder!

(Eine Kolumne von Jakob Augstein - Spiegel Online)

Schwulen darf man keine Kinder anvertrauen - sie könnten sie vergewaltigen. Steile These? Stand so aber der Tendenz nach in der seriösen "FAZ". Mit der Ehe für alle ist Schwulenfeindlichkeit noch kein Thema von gestern.

Vor einigen Wochen beschloss das deutsche Parlament die Ehe für alle. Es war ein Gesetz für die Liebe und so etwas wird nicht alle Tage beschlossen. Darum fühlte sich die große Mehrheit im Parlament heiter beschwingt und die große Mehrheit im Land auch. Man kann sagen: das Land war für einen Moment glücklich. Natürlich nicht das ganze Land. Es gibt ein paar homophobe Ecken, da kommt das Licht der Liebe nicht hin.

Manche dieser Ecken kennt man schon: die AfD zum Beispiel würde am liebsten in Karlsruhe klagen. Andere sind neu: dass zum Beispiel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Platz für einen brutalen Schwulenhaß ist, wie man ihn sonst nur aus dem Osten kennt, das war überraschend.

Die "FAZ" veröffentlichte ebenfalls am Freitag einen Artikel unter der Überschrift: "Wir verraten alles, was wir sind". An diesen Artikel wird man sich noch lange erinnern. Seine Kernthese: Schwule neigen dazu, alles zu vögeln, was ihnen vors Rohr kommt, und darum darf man ihnen keine Kinder anvertrauen.

Das steht so natürlich nicht in dem Text. Bei der feinen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" findet man auch für Hate Speech ganz vornehme Worte.

Die entsprechende Stelle liest sich so:

"Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, daß adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr sexuellen Mißbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?"

Alles klar? Noch mal für alle: Weil Schwule beim Sex häufig keine Moral kennen, besteht bei ihnen die besondere Gefahr, dass sie auch Kinder vergewaltigen.

Der Text erschien als Gastbeitrag im politischen Ressort. Autor ein gewisser Johannes Gabriel, den die Redaktion als "Philosoph und Psychologen" vorstellte, der Nichtregierungsorganisationen berate. Allein - den Mann gibt es nicht. Der Name ist frei erfunden und die Vita vielleicht auch.

Es ist eine rätselhafte Geschichte: Warum druckt die "FAZ“ so etwas? Warum mit erfundenem Autorennamen - und vor allem: wer konnte auf die Idee kommen, dass alles bliebe unentdeckt?

Die Identität des Autors ist unklar. Spekuliert wird über den homosexuellen Theologen David Berger. Im Netz twittert und postet er wie das schwule Maschinengewehr Gottes.  Auf seiner Seite begehen Migranten andauernd Sexualverbrechen, Islamisten werfen Homosexuelle von Dächern, Beatrix von Storch fordert die katholische Kirche auf, sich von der CDU zu distanzieren, und Erika Steinbach  ist eine honorige Politikerin, mit der man sich gerne fotografieren lässt.

Ein schwuler Rechter? Na klar. Die lesbische Alice Weidel ist Co-Spitzenkandidatin der AfD. Und nach einer französischen Studie haben bei den Regionalwahlen 2015 rund 32 Prozent der homosexuellen Paare den Front National gewählt. Die Erfahrung der eigenen Diskriminierung bewahrt einen ja nicht davor, andere zu diskriminieren. Übrigens haben gar nicht so wenige Schwule und Feministinnen echte Sympathien für die Rechten - und zwar aus Angst vor fanatischen Islamisten.

Im Netz steht, dass Berger die kirchliche Lehrerlaubnis für katholischen Religionsunterricht entzogen worden sei, er habe der Kirche daraufhin den Rücken gekehrt. Zu so einem Mann würde der "FAZ"-Artikel passen, den eine eigentümliche Schwankung zwischen schwuler Selbstverachtung und Selbstüberhöhung auszeichnet.

Immerhin - man lernt: Hate Speech ist nicht nur ein Problem des Internets. Und Homophobie gibt es offenbar nicht nur bei den Russen.

Es ist ja kein Geheimnis, dass bei der "FAZ" auch eine Menge Redakteure, die mit ihrem echten Namen schreiben, etwas gegen die Homo-Ehe haben.

Vielleicht gibt es so etwas wie ein redaktionelles Unterbewusstsein, das sich hier Bahn gebrochen hat. Eine tiefsitzende Schwulenfeindlichkeit in der "FAZ"-Redaktion, die alle Mechanismen handwerklicher Vernunft ausgeschaltet hat?

Die "FAZ" lobt sich selbst im Netz jetzt für ihren Debattenmut. Tatsächlich: wer sonst hätte diese reaktionäre Schwurbelei gedruckt? Ob der Zeitung das hilft, ist eine andere Frage. Wie viele rotnackige Schwulenfeinde und selbsthassende Homos gibt es noch im Land, und wie viele ganz normale Leser?

Es kam ein Sturm über die Zeitung, mit dem man in Frankfurt offenbar nicht gerechnet hatte. Auf Twitter machte die Redaktion alles noch schlimmer. War es denn ein Geist, der der Redaktion den Abdruck befohlen hatte? Ja - der Geist der Schwulenfeindlichkeit.


Neue Plattform zur Meldung von „Hate Speech“ am Start?!?

Wenn ich so etwas lese, bin ich immer ganz hin und her gerissen! Sind solche Plattformen Fluch oder Segen für uns und die Gesellschaft ?!?Und wie weit darf Kontrolle gehen?!?

Aber lest selbst!

Meldestelle für „Hate Speech“ ab dem 25. Juli 2017 online

Jugend­s‍tiftung Baden-Württemberg startet neues Angebot im Demokratiezentrum. Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können: mit der Verabschiedung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) hat der Bundestag in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause eine rechtliche Grundlage geschaffen, um gegen Hass im Netz effektiv vorgehen zu können.

Nur zwei Wochen nach der Gesetzesverabschiedung wird die „Meldestelle Respekt!“ der Jugend­s‍tiftung Baden-Württemberg im Demokratiezentrum offiziell ihren Kampf gegen Hetze im Netz aufnehmen.
Ab Dienstag, den 25.07.2017 können dann unter http://demokratiezentrum-bw.de/meldestelle-respect/ Fälle von Online-Hass rede gemeldet werden. Die Jugend­s‍tiftung setzt dabei vor allem auf junge User, die sich im Netz auskennen. Junge Menschen erhalten mit der Meldestelle eine kompetente Ansprechpartnerin, die zu einer besseren, respektvolleren Kommunikation im Internet beitragen möchte. Die Meldestelle setzt sich dafür ein, dass internationale Unternehmen deutsches Recht ernst nehmen. ( Foto - volldraht.de)


Ist das wirklich so? Denn

Die Bundesregierung bekommt einen Brief von der UN

Am ersten Juni dieses Jahres schrieb David Kaye, Sonderbeauftragter der UN für die Sicherung der Meinungsfreiheit, einen Brief an die deutsche Bundesregierung, in der er „sehr ernsthafte Sorgen um die Meinungsfreiheit und das Recht auf Privatheit im Internet“ formulierte.  Er begründet diese Sorgen mit dem „Netzdurchführungsgesetz.

Schon die schiere Menge von Kayes Bedenken ist verwunderlich – schließlich wäre es Aufgabe des verantwortlichen Ministeriums gewesen, sich mit solchen Bedenken gründlich auseinanderzusetzen, bevor der Sonderbeauftragte der UN überhaupt einschreiten muss.

Kaye macht darauf aufmerksam, dass Einschränkungen der Meinungsfreiheit nicht an private Unternehmen delegiert werden dürften – dass diese Einschränkungen grundsätzlich so wenig wie nur möglich in die Rechte der Bürger einzugreifen hätten – dass sie nach klaren, zugänglichen und berechenbaren Kriterien durchgeführt werden müssen – dass sie ein spezifisches Ziel verfolgen müssen – das es eine gerichtliche Kontrolle der Eingriffe geben müsse – und dass das Recht von Individuen auf einen anonymen Ausdruck ihrer Meinung gewahrt bleiben müsse. All diese Punkte sieht Kaye durch das Gesetz gefährdet.

Es ist dabei ein beliebter, aber kein stichhaltiger Einwand, dass private Unternehmen doch schon immer in die Meinungsfreiheit eingegriffen hätten – dass Zeitungen beispielsweise nicht alle Leserbriefe oder Webseiten nicht alle Online-Kommentare veröffentlicht hätten. Mit dem Gesetz werden Unternehmen nämlich nun staatlicherseits unter erheblichen Duck gesetzt, solche Löschungen vorzunehmen. Sie müssen einerseits bei Verstößen erhebliche Strafen von bis zu 50 Millionen Euro bezahlen – und sie haben andererseits nur sehr wenig Zeit (in klaren Fällen, was immer das sein mag, bis zu 24 Stunden, in weniger klaren höchstens sieben Tage), um Äußerungen zu löschen. Gleichzeitig bleiben die Kriterien für das, was die zu löschende Hate Speech eigentlich ist, ausdauernd diffus.

Das Resultat, das absehbar und offenbar vom Justizministerium auch so erwünscht ist: Unternehmen wie Facebook, Twitter, aber auch private Blogs werden vom Gesetzgeber unter einen erheblichen Druck gesetzt, Meinungsäußerungen im Netz möglichst restriktiv zu löschen, um nur keine Strafen zu riskieren. Das bedeutet: Der Gesetzgeber setzt private Unternehmen unter erheblichen Druck, Zensurmaßnahmen vorzunehmen, zu denen er selbst gar nicht befugt wäre.

Zugleich lässt sich überhaupt nicht nachvollziehen, warum und nach welchen Kriterien gelöscht wurde – eine verlässliche gerichtliche Kontrolle bleibt aus. Die Daten von Nutzern, die angeblich Hate Speech verfasst haben, sollen zudem an andere Nutzer, die sich davon betroffen fühlen, weitergegeben werden können – ein Angriff auf die Anonymität im Netz. Kaye macht daher noch einmal ausdrücklich darauf aufmerksam, dass die Möglichkeit der Anonymität notwendige Bedingung dafür ist, im digitalen Zeitalter das Recht auf freie Meinungsäußerung zu garantieren – was natürlich auch der Bundesregierung bekannt ist.

Es ist kaum anzunehmen, dass sich Justizminister Maas, seinem Ministerium und der Bundesregierung hier einfach in der Eile reihenweise Fehler unterlaufen sind. Wesentlich wahrscheinlicher ist es, dass die Verstöße gegen die Bedingungen der Meinungsfreiheit, die von der UN formuliert wurden, beabsichtigt sind.

Wir erleben also eine Situation, in der die Bundesregierung sich über weltweit etablierte, selbstverständliche Standards hinwegsetzt und nach der Meinung des Zuständigen bei der UN – aber auch nach der des wissenschaftlichen Dienstes im Bundestag – mit ihrem Gesetz die Meinungsfreiheit rechtswidrig begrenzt.

Meine Sorge bewegt sich vor allem in die Richtung. Als Kind und Jugendlicher in DDR weiß ich sehr genau was es heißt, wenn der Staat mit allen Mitteln versucht, Meinungen zu Lenken und zu Steuern. Und wir sind vor mehr als 25 Jahren nicht auf die Straße gegangen, das nun wieder versucht wird, das Denken und Handeln der Menschen, der Firmen und mehr zu Kontrollieren oder mit Sanktionen zu belegen. Währet den Anfängen und sagt später nicht, das habe ich so nicht gewollt, oder davon habe ich nichts gewusst.



Nackt-Zensur beim CSD? Mehr Perversion für alle! Oder Entwickelt sich der CSD zur Spießer Parade?

Beim diesjährigen Stuttgarter CSD-Umzug soll eine Jury darüber wachen, daß die Teilnehmer nicht allzu freizügig unterwegs sind. Völlig falsch, findet Tobias Herzberg. Denn maximale Auffälligkeit zu erzeugen für jene Lebensweisen, die nicht dem Mainstream entsprechen, war schließlich einmal genau das Ziel der CSD - Proteste

Wenn heute die Parade zum Christopher Street Day durch die Stuttgarter Innenstadt zieht, wird erstmals eine sogenannte "Paradejury" darüber wachen, dass die Demonstrierenden nicht zu viel nackte Haut zeigen. Die Jury soll den "politischen Charakter" der Demonstration im Blick behalten, so heißt es auf der Website der Veranstalter. Und weiter ist dort zu lesen: "Auffälligkeiten werden dokumentiert und an den CSD-Verein übermittelt." Wer zu sehr auffällt, riskiert, im nächsten Jahr nicht mitlaufen zu dürfen.

Queere Selbstzensur ist neu                                                             (Foto-Rundschau-online.de)

In der queeren Szene ist eine solche Form der Selbstzensur neu. Bloß nicht auffallen, "normal" sein wollen – das waren nicht die Motive der Befreiungsbewegungen von Lesben, Schwulen, von Trans- und Intersexuellen in den letzten 40 Jahren. Offenbar will man in Stuttgart nach der Bundestagsentscheidung über die „ Ehe für alle“ jetzt bloß nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

"Endlich", so die Einstellung vieler bürgerlich orientierter Schwuler und Lesben, "können auch wir unter die Haube – und die Mehrheit hat gezeigt, dass sie vor uns keine Angst mehr hat. Lasst uns nun allen demonstrieren, wie normal und vernünftig wir sind, bevor der Wind sich wieder dreht."

Klar, dass diese Sehnsucht nach Normalität und Anerkennung von all jenen gestört wird, die noch nie normal sein wollten: von all jenen Polygamistinnen, SM-Freaks und Lederlesben, die ihre Lebensweise hier feiern wollen. Alle Kerle, Tunten, Femmes und Butches, die ihre nackten Ärsche, Brüste und gepiercten Nippel zeigen wollen, haben jedes recht der Welt, dies beim CSD zu tun!

Ziel: Sichtbarmachung anderer Lebensrealitäten

Maximale Auffälligkeit zu erzeugen für jene Lebensweisen, die nicht dem Mainstream entsprechen, war schließlich einmal genau das Ziel der ersten Proteste, die 1969 in der New Yorker Christopher Street begannen. Und darum geht es bis heute bei den Paraden rund um den Globus: um die Sichtbarmachung anderer Lebensrealitäten.

Dass ein solch schamloses Zurschaustellen fröhlich gelebter Perversionen die Stuttgarter Schaulustigen am Rande der Parade verstören könnte, gehört dazu. Denn der "politische Charakter" der Parade, um den das Organisation­s‍team offenbar derart besorgt ist, dass es in vorauseilendem Gehorsam eine An­s‍tandsjury eingesetzt hat, zeigt sich unter anderem genau darin, dass hier die Moralvorstellungen unserer Gesellschaft herausgefordert werden und werden sollen.

Und wahrscheinlich findet der eine oder die andere Schaulustige genau durch die Nackten und Perversen Zugang zu seinem oder ihrem eigenen Begehren, zur eigenen Sexualität.

Minderheitenrechte sind kein Nischenthema

"Pervers" ist übrigens lateinisch und heißt, wie das ursprünglich aus dem Althochdeutschen stammende "queer": "verdreht", "verkehrt", "verquer". Die queeren Perversen feiern am Christopher Street Day Vielfalt, Sex und das Leben selbst. Wie die Befreiungsgeschichte jeder Minderheit hat auch die queere Emanzipation dazu beigetragen, die westlichen Gesellschaften liberaler und glücklicher zu machen.

Minderheitenrechte sind kein Nischenthema. Sex und Nacktheit sind kein Minderheitenthema. Dessen sollten sich die Stuttgarter CSD-Organisatoren bewusst sein. Es sollte darum gehen, dass viele, sogar die meisten, eine queere, eine perverse Seite an sich entdecken können. Und darum, dass das gar nichts Schlimmes ist.

Statt also Freizügigkeit zu zensieren, sollte der Stuttgarter CSD im Gegenteil die Ausweitung der Perversion auf alle fordern! (Tobias Herzberg-Deutschlandfunk. Kultur)


Foto - szenelesbe.com


Eine Art Verfassungsschutzbericht der Gender-Szene

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat das Portal "Agent*In" freigeschaltet. Dort zu lesen: Eine denunziatorische Liste von Organisationen und Namen. Eine Glosse.

Wieder ein neues Schimpfwort gelernt: Familismus. Es bezeichnet die Auffassung, die Familie sei Kern und Leitbild der Gesellschaft. Und die ist praktisch verboten, oder sagen wir, noch wird sie abwartend beobachtet. Ich bin draufgekommen, weil die Heinrich-Böll-Stiftung, also die Ebert-Stiftung der Grünen, in der vergangenen Woche das Portal „Agent*In“ freigeschaltet hat, das sich wie eine Art Verfassungsschutzbericht der Gender-Szene liest. Es kulminiert in einer absurd zusammengebastelten Liste von Organisationen und Namen, die nicht anders als denunziatorisch zu nennen ist: Die da sind gegen uns, und wir sind gegen sie. Versteckt wird das treuherzig hinter dem sachlich lexikalischen Anstrich eines „Wiki“.

Der Trick, den man nicht anders als ideologisch motiviert interpretieren kann, geht so: Von rechtsextremen Fanatikern über streitbare Konservative bis zu Liberalen, die lediglich die Gendertheorie für Unfug halten, wird alles in den Sack „Anti-Feminismus und Gender-Kritik“ gesteckt und gleich geprügelt: genderkritisch gleich homophob gleich antifemini­s‍tisch gleich pfui.

Über Martenstein heißt es, er sei ein "heteronormativ orientierter Journalist"

Und so stehen nun der äußerst rechte Verschwörungs-Pegidist Jürgen Elsässer, die konservative Publizistin Birgit Kelle („famili­s‍tisch“) und der höchst liberale Tagesspiegel-Kollege Harald Martenstein auf einer schwarzen Liste. Komischerweise fehlt der fiese FAZ-Blogger Don Alphonso, und auch Henryk M. Broder wurde ausgespart – er schäumt schon und wird sich das Recht, auf „Agent*In“ erscheinen zu dürfen, vermutlich gerichtlich erkämpfen.

Über die Untaten Martensteins heißt es übrigens, er sei ein „heteronormativ orientierter Journalist“, der die Gender-Forschung als ideologisch orientierte „Antiwissenschaft“ bezeichnet habe. Man denke! Ich persönlich bin übrigens weniger gegen die Forschung als gegen die politischen Forderungen, die auf diesen wackligen Boden hin gemörtelt werden – vielleicht war das als Delikt nicht genug für die Liste. Buhu!

Ein Gedankenspiel: Wie wäre es mit einer steuerfinanzierten Namenliste von rechts außen, auf den Gender-Professorinnen, schwule Blogger und linksfanatische Schmalspur - Terroristen nebeneinander zur Observation freigegeben werden? Eklige Vorstellung, finde ich. (von Bernd Matthies – Tagespiegel.de)



Gesellschaftspolitik -  Familie ist, wo man sich Kinder wünscht ?!?

Kommt nach der Ehe für alle die Elternschaft für alle? Die Fortpflanzungsmedizin gestaltet Beziehungen neu. Das Recht kann ihnen folgen - es muss aber nicht.

Der Bundestag hat mit dem Ja zur Homo-Ehe eine der wesentlichen Gleichheitsfragen der Gesellschaftspolitik beantwortet. Unabhängig davon, welcher Parteitaktik er seine Schöpfung zu verdanken hat, kann der Beschluss trotz mäßiger Debattenbeiträge als außergewöhnlicher Parlamentsmoment festgehalten werden. Nach Jahren, fast Jahrzehnten der Konfrontation und des Beharrens erledigt sich in beiläufiger Weise ein Konflikt, der an das Fundament des Gemeinwesens reicht. Demokratie ist, wenn plötzlich Dinge möglich werden, die unmöglich waren.

Die Skeptiker des Vorgangs sind nicht zufällig die Überstimmten. Die zu vollziehende Änderung hätte ihrer Ansicht nach noch warten und beredet werden dürfen. Die Kritik hat die für die im politischen Streit Unterlegenen typische Form gefunden, die und die öffentlich erwogene Anrufung des zuständigen Gerichts Deklaration des Ergebnisses als verfassungswidrig  , neben dem Präsidenten die einzige Institution, die der demokratischen Mehrheit Einhalt gebieten könnte.

Schwulen und Lesben wird fast nichts gegeben

Hoffnungen der einen Seite wie Befürchtungen der anderen sind mutmaßlich unbegründet. Die hochsymbolische Operation war ebendies: symbolisch. Schwulen und Lesben wird außer der Heiratsurkunde fast nichts gegeben, während traditionellen Ehen gar nichts genommen wird. Allein zur Erörterung eines verfassungstheoretisch reizvollen Themas werden die Richter dem Gesetzgeber kaum in den Arm fallen. Ähnliche Motive hatten sie vor Jahren bewogen, die Lebenspartnerschaft als neue Rechtsform zweier bis auf Liebe und Begehren unverbundener Menschen zu akzeptieren. Niemand wird bedroht. Nicht das Abendland und schon gar nicht die natürliche Ordnung.

Foto - co-eltern.de

Ohnehin könnte zweifelhaft sein, worin die natürliche Ordnung auf diesem Gebiet be­s‍tehen sollte. Wenn Beziehungen, einschließlich Paarbeziehungen, zur vielfältigen Natur des Menschen zählen, kann deren Ordnung prinzipiell ebenso vielfältig gestaltet werden. Das gilt schon für die natürlich­s‍te aller Beziehungen, die der Eltern zum Kind. Vermutlich Milliarden Kinder sind auf diesem Planeten geboren worden, als deren Vater ein Mann galt, der sie nicht gezeugt hat. Was sollte an dieser Ordnung natürlich sein? Es ist eine Zuordnung, getroffen aus Willkür, Zufall, Unkenntnis, Scham oder lebenspraktischer Notwendigkeit. Die Ordnung folgt bei diesem Thema dem Menschen, nicht der Mensch der Ordnung.

Was sind Eltern? Und was heißt Gemeinschaft?

Aus dieser Perspektive können abstrakte normative Bekenntnisse zum Thema wie ein Missverständnis wirken oder sie bekommen den Charakter von Variablen. „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“, heißt es in Artikel sechs des Grundgesetzes. Stimmt nicht, so sieht es zumindest aus, jedenfalls nicht bei der Ehe. Sie soll selbst ein Teil jener Ordnung sein, durch diese definiert und anders geordnet werden können als bisher. Eine weitere Neube­s‍timmung kündigt sich für die zweite Variable des Verfassungssatzes an, die Familie. Bisher handelt es sich hier um die Gemeinschaft von Eltern mit ihrem Kind. Aber was bedeutet heute Gemeinschaft? Und was sind Eltern?

Der Gen-Nachweis ist nicht das Maß aller Dinge

Klagen des doppelt enttäuschten Paars scheiterten. Die rechtliche Zuordnung erfolgte über Parameter, die ihre Initiative und nicht zuletzt ihre Inve­s‍titionen übergingen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte lehnte die Zuordnung als geschützte „Familie“ ab. Die Rede war von einem „parental Project“ einem Elternschaftsprojekt. Die Kategorie der durch keinerlei genetisches Material mit einem Kind verbundenen Wunscheltern war vor ein paar Jahrzehnten noch Science Fiction. Heute ist sie noch lange nicht die Regel, aber eine wichtiger werdende Ausnahme. Ohne Frau Paradiso und Herrn Campanelli hätte es keine künstliche Befruchtung mit Spendenmitteln, keine Leihmutterschaft und damit auch kein Kind gegeben. Es fällt schwer, ihnen keine prinzipielle elterliche Gemeinschaft zu attestieren, nur weil es an einem Gen-Nachweis fehlt.

Homos haben zwei Bindungsformen, Heteros nur eine

Welche Formen einer derart umgestalteten Natur sollten sich in den Regelungen widerspiegeln? Technischer Fortschritt, die wachsende Akzeptanz schwul-lesbischer Familienmodelle und der Druck durch voneinander abweichende Vorschriften auch innerhalb der EU bedingen einander gegenseitig. Und über allem wölbt sich das stärkste gesellschaftspolitische Paradigma der Gegenwart, das Gleich­s‍tellungserfordernis.

Gerade dieses Argument ist in der Diskussion um die Öffnung der Ehe strapaziert worden.

Ein altes Mütter-Ideal wirkt diskriminierend

Dieses weibliche Ideal dürfte mitverantwortlich dafür sein, daß Eizellspende und Leihmutterschaft nach wie vor mit Strafe bedroht sind. Die Ablehnung der dann befürchteten „gespaltenen Mutterschaft“ wird zwar auch damit begründet, daß Kinder psychische Schäden nehmen könnten. Aber gilt das nicht etwa auch für die Freigabe zur Adoption? Risiken bei einer Aufhebung des Verbots, etwa die Ausnutzung von Zwangslagen oder wirtschaftlicher Schwäche, könnte wirksam auf gesetzlicher Ebene begegnet werden.

Das Leihmutterverbot erweist sich auch aus anderer Warte als Hürde. Während Frauenpaare mit und ohne Trauschein seit jeher Kinder kriegen können, ist Männerpaaren eine Erfüllung des gemeinsamen Wunsches seit jeher versagt. Eine Diskriminierung? Wenn ja, könnte ihr bis zur Erlaubnis der Leihmutterschaft durch Privilegierung bei Adoptionsverfahren entgegengewirkt werden. Eine Quote, wie in der Frauenförderung. Eine andere Gleich­s‍tellungsfrage sind die Rechte genetischer Väter, bei denen die werdende Mutter eine Abtreibung will – oder er will sie, sie aber nicht.

Männer, Frauen und Kinder gehören zusammen

Die öffentliche Emphase und die Mehrheiten, die es für die Homo-Ehe gab, wird es für die Regelung solcher Themen kaum geben. Die rechtliche Ordnung der Familie hat sich noch nicht, wie bei der Ehe, in einer Weise verselbständigt, dass sie konsequent Gleich­s‍tellungsansprüchen unterworfen werden könnte. Hier gilt sie noch etwas, die „natürliche“ Ordnung mit den kleineren oder größeren Ungerechtigkeiten, die sie mit sich bringt. Die Aufweitung der klassischen Ehe muss deshalb auch nicht als zivilisatorischer Fortschritt gefeiert, sondern kann – wertungsfrei – als Wandel begriffen werden. Möglich, daß der Gesetzgeber eines aktuell fernen Tages angesichts Kinderknappheit darauf kommt, die Bindung von Mann und Frau wieder besonders zu fördern. Oder dass statt Ehe und Familie die Erzeugung und das Kindeswohl „unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ im Grundgesetz stehen. Männer, Frauen und Kinder gehören auch dann zusammen. Wie, kann jede Generation neu entscheiden. (Eine Analyse - von Jost Müller - Neuhof – Tagespiegel.)

Denn ganzen Artikel und mehr, zum Thema, wenn du das Bild anklickst.


Die bewegte Hete

Stirbt die schwule Subkultur durch die Ehe für alle, wie die „FAZ“ raunte?

Der Ehevertrag zwischen Mann und Frau ist eine bürgerliche Erfindung. Und nun gilt also die „Ehe für alle“, einschließlich der zwischen Frau und Frau, zwischen Mann und Mann. Ist damit die „Erfindung der Homosexualität“, die Autor Robert Beachy in seinem 2014 erschienenen Buch Das andere Berlin beschreibt, passé? Wird sie unsichtbar, verschwindet in der bürgerlichen Normalität? Und das ausgerechnet am Geburtsort des Wortes „schwul“? In der 1847 erschienenen Schrift Die Diebe in Berlin, so Beachy, definiere ein Berliner Polizeikommissar „Schwule“ als Gauner mit einer „gewissen Vorliebe für Unsittlichkeiten“. Und auch das Wort „Homosexualität“, eine Mischung aus Latein und Griechisch, sei eine Wortschöpfung aus Deutschland. Es tauche erstmals 1869 in einer Polemik gegen das preußische Sodomiegesetz auf. Laut Michel Foucault wurde damit der Homosexuelle als neue „Spezies“ eingeführt.

Parallel zur Urbanisierung entstanden diverse Subkulturen in europäischen Städten. Deren Zeugnisse haben sich meist nur fragmentarisch überliefert. Denn ahnungslose Hinterbliebene, die in Geheimschubladen auf die subkulturellen Artefakte ihrer Verwandten stießen, gingen meist daran, diese eiligst zu entsorgen. Umso wichtiger ist daher das 1985 im damaligen Westberlin gegründete Schwule Museum. Es archiviert hunderttausende rare lesbische, schwule, transgenderidentische, bisexuelle und queere Dokumente. Vom historischen Pornofoto über die Aufklärungsschriften des Berliner Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld bis hin zu den bizarren Bildgeschichten der Performerin Krista Beinstein. Mit „Homosexualität_en“ realisierte das Museum 2015 in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum seine bisher größte Ausstellung: Homosexualität ist also längst Teil hiesiger Hochkultur.

Foto - Digitalmagazin "Prism"

Die Ehe als Notwehr

Gibt die Ehe für alle nun dieser Subkultur den Rest? Ein kurzer Rückblick: Die prä-queere Berliner Grotesktänzerin Valeska Gert (1892 – 1978), verachtete den Spießbürger, tanzte in den 1920er Jahren Menschentypen wie Prostituierte inklusive eines simulierten Orgasmus und heiratete 1936 ihren englischen Bewunderer Robin Hay Anderson. Da ihr Gatte schwul war, erhielt er durch die Eheschließung mit einer Frau einen gewissen Schutz, während die aus einer jüdischen Berliner Familie stammende Valeska Gert die Möglichkeit bekam, dem Naziterror durch Emigration zu entkommen: Die bürgerliche Ehe als Notwehr und Überlebensform. Ganz anders der Generalintendant des Preußischen Staatstheaters Gustav Gründgens und die Schauspielerin Marianne Hoppe: Auch sie heirateten 1936, galten fortan offiziell als heterosexuell und konnten ihre Karrieren im NS-Staat fortsetzen: Die Institution Ehe kann also helfen, Leben oder Karrieren zu retten. Das ist doch prima!

Wenige Monate vor der Bundestagswahl hat Kanzlerin Angela Merkel nun in Berlin einen Coup gelandet. Den einen wird er ihr Image als „Teflon-Merkel“ bestätigen, den anderen gilt er eher als Beweis ihres großen strategisch-politischen Talents. Ob ihr die Idee, die Abgeordneten parteienunabhängig über die Ehe für alle abstimmen zu lassen, tatsächlich beim Brigitte-Interview rausrutschte oder ob sie eiskalt kalkuliert war, wer weiß das schon? Wichtiger ist da schon die Frage: Wird jetzt alles langweilig und gleichförmig? Werden wir bald nur noch Menschen sehen und keine Hetero-, Homo- und Transsexuellen mehr? Werden Geschlecht und Identität egal? Stirbt die queere Subkultur? Wenn alle gleich werden, kann dann jemand noch anders sein?

Aber selbstverständlich! So lässt die FAZ einen bekennend homosexuellen Katholiban unter Pseudonym von einer „Szene“ raunen, als gäbe es so eine Art männerbündlerische Geheimloge, die vor Zunahme von Pädophilie durch das neue Ehegesetz warnt. Beim Versuch, größtmögliche mediale Aufmerksamkeit zu erzielen, ist da Empörung garantiert. Immer verbunden mit nachfolgendem Mimimi: „Man darf ja gar nichts mehr sagen …“ Dabei ist der groteske FAZ-Artikel nur ein Beweis dafür, dass der größte Mumpitz in der sich aufgeklärt gebenden Mediengesellschaft eine reale Chance hat, Aufmerksamkeit zu erlangen.

Empörte Regenbogen-Aktivisten vermuten, der FAZ-Kronzeuge sei ein Ex-Chefredakteur der allerletzten deutschen Kiosk-Schwulenillustrierten Männer Aktuell gewesen. Der Untergang dieses aus Zeit und Raum gefallenen Printmediums hatte indes weniger mit seinen zunehmend rassistischen und misogynen Beiträgen zu tun. So etwas läuft ja eigentlich eher gut und landet bisweilen oben in den Buch-Charts. Tatsächlich begann der Niedergang, weil attraktivere Männerakte ganz leicht im Internet zu finden sind und rassistische Bücher eh überall prominent ausliegen. Zudem werden die sympathischen Knollnasenmänner des populären Comiczeichners Ralf König (Der bewegte Mann), die prägend für so etwas wie „schwule Identität“ stehen, mehrheitlich von Nicht-Schwulen konsumiert, also von „Heten“.

Auf die Frage, wie denn Subkultur zur Hochkultur werden könne, hat Popkünstler Andy Warhol mal geantwortet: Man müsse nur ein ausgeflipptes Underground- Hippietheater in einem gut klimatisierten Theater in bester Lage spielen lassen. Das war’s auch schon. In Deutschland läuft es vorerst genau andersherum: So wird beim jährlichen lesbisch-schwulen Straßenfest in der Berliner Motzstraße der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius (CSU), zum öffentlichen Talk eingeladen. Sein Verdienst: Er ist mit einem Mann verheiratet. Mit Sicherheit wäre der inzwischen 90-jährige US-amerikanische Underground-Filmer Kenneth Anger, Autor des genialen Skandalbuchs Hollywood Babylon, ein weitaus spannenderer Talk-Gast – aber dessen Widerspenstigkeit scheint noch nicht ganz mainstreamkompatibel für die subkulturelle Meile in Schöneberg zu sein. Vielleicht ja zum Hundertsten?

Was an „Anpassungsleistung“ oft mit Verbürgerlichung verwechselt wird, lässt sich gut am Fall des Berliner Promi-Friseurs Udo Walz beobachten. Im Jahr 1970 frisierte er mal Ulrike Meinhof und seit nunmehr über zehn Jahren Kanzlerin Angela Merkel. Als die rot-grüne Regierung 2001 Gleichstellungsgesetze für gleichgeschlechtliche Paare einführte, empörte sich Walz in der BZ: „Zwei Männer können nicht heiraten!“ Die Ehe diene schließlich der Fortpflanzung. Trotzig trat er der CDU bei. Ein paar Jahre später heiratete er Carsten, also einen Mann – ohne sich fortzupflanzen. Kurz: Auch in diesem Fall fand keine schleichende Verbürgerlichung statt. Der Promi-Friseur war schon immer so.

Das Islandphänomen

Apropos Fortpflanzung: In Island setzte eine konservativ-wirtschaftsliberale Regierung Ehegesetze für alle inklusive Adoptionsrecht im Parlament durch – vor über einem Jahrzehnt. Gleichzeitig hat die Inselrepublik eine der höchsten Geburtenraten in Europa. Das nur erwähnt, damit sich nicht wieder irgendeine sich von „Linksextremen“ oder „Genderwahnsinnigen“ verfolgt wähnende rechte Krawallschachtel in der FAZ oder ein vereinsamter sächsisch-bayerischer Landtagsabgeordneter vom drohenden Aussterben des deutschen Volkes faselt. Oder aber vom Gegenteil – das Islandphänomen könnte schließlich von fanatisierten LGBT-Aktivisten auch so interpretiert werden: Mehr Staatsbürger durch Gleichstellung und Gleichheit. Mit 100.000 Teilnehmern gilt der seit 1999 jährlich zelebrierte Christopher-Street-Day der 330.000 Einwohner zählenden Polarinsel als größte Veranstaltung des Landes. Großväter malen ihren Enkeln liebevoll Regenbogenflaggen auf die Wangen und schieben sie im Kinderwagen durch die Menge. Während sich auf der Vulkaninsel die LGBT-Subkultur in einer entspannt feiernden Menschenmenge auflöst, entstehen gleichzeitig überall neue Subkulturen. Subkulturen tauchen nämlich immer gern dort auf, wo sie am wenigsten erwartet werden.

Für Kontaktaufnahmen braucht es heute kein Lokal und keine Partnerschaftsanzeige mehr. Eine App tut es auch. Mit Kopfhörer werden die Ohren versorgt, mit Smartphone die Augen und alle kommunizieren öffentlich mit Menschen, deren Körper aus Pixeln bestehen. Eine digitale Subkultur der fragmentierten Stimmen, Bilder und Körper entsteht. Niemand weiß, wie sie genau aussieht, sonst wäre sie ja auch keine mehr. (Wolfgang Müller  - Der FREITAG )

Wer wie mit wem?

Zum Überschnappen besteht kein Anlass. Weder bei den Befürwortern noch bei den Gegnern der jetzt „Ehe für alle“ genannten Homo-Ehe.

So kann niemand wissen, welche Einstellungen genau sich hinter den knapp achtzig Prozent der Deutschen verbergen, die laut Umfragen die „Ehe für alle“ befürworten.

Wird hier mit der institutionellen Aufwertung homosexueller Partnerschaften auch die Überzeugung von der Gleichrangigkeit von homo- und heterosexueller Geschlechtsliebe zu Protokoll gegeben? Oder ist es doch nur eine Haltung mehr oder weniger gönnerhafter Toleranz, die dahinter hervorlugt, ein Erdulden und Ertragen des Devianten?

Versteckte Vorbehalte gegen Homosexuelle

Mit anderen Worten: Es ist durchaus unklar, ob eine Etablierung der „Ehe für alle“ eine entstigmatisierende Wirkung für den Kern des Konflikts, nämlich für die gleichgeschlechtliche Liebe bewirkt oder im Gegenteil von dieser zentralen kulturellen Frage ablenkt und sie bloß administrativ-gesetzgeberisch überdeckt (eine Frage der Wirkungsforschung, wenn man so will, deren Ergebnisse freilich für sich genommen noch nicht gegen diese Ehe sprächen). Wie viele der befragten Deutschen mögen die „Ehe für alle“ befürworten und dabei trotzdem auf die eine oder andere Weise den tief in unserer Kultur verankerten Naturvorbehalt gegen die Homosexualität teilen?

Der Naturvorbehalt unterscheidet die naturgemäße von der naturwidrigen Sexualität dergestalt, dass der kulturelle Charakter jedweder Geschlechtlichkeit undurchschaut bleibt. Trotz aller „Gender“-Hysterie, die mit fragwürdigen Methoden in die Grundschulklassen dringt, ist unser Alltag durchsetzt von biologistischen Stereotypen, von einem geheimen oder offenen Naserümpfen gegen die „Anormalen“. Schulhofwitze gegen die Schwulen sind bei weitem nicht das einzige Symptom. Wenn es gegen Schwule geht, lassen auch ältere Weicheier den Machismo raushängen.

Angebliche Naturgesetzlichkeiten sind schlechte Argumente

Diesem Ressentiment sollten nun auch nicht die Gegner der „Ehe für alle“ Vorschub leisten, indem sie ihrerseits überschnappen angesichts der parteipolitisch motivierten Eile im Parlament, welche in der Tat etwas Verstörendes hat. Die anthropologische Gegebenheit von Mann und Frau führt ja nicht selten auch bei reflektierten Kritikern der „Ehe für alle“ zu biologistischen Kurzschlüssen, was die „Natürlichkeit“ oder „Unnatürlichkeit“ von Sexualität angeht.

Foto -Zürich Tourismus

Statt harte juristische Fragen ins Feld zu führen, wie sie derzeit ja auch zu Recht debattiert werden – bräuchten wir für das geplante neue, heute zur Abstimmung stehende Gesetz eine Grundgesetzänderung oder nicht? –, werden mitunter dubiose Naturgesetzlichkeiten bemüht: sei es, dass man aus dem Sein von Mann und Frau das exklusive Sollen der Heterosexualität ableitet – als könnten sich aus der Zweiheit der Geschlechter nicht auch die Verbindungen Frau und Frau sowie Mann und Mann ergeben; sei es, dass man allein aus der natürlichen Kinderlosigkeit homosexueller Paare deren Eheunfähigkeit folgert – als blieben nicht auch heterosexuelle Ehen kinderlos, wie das Bundesverfassungsgericht anmerkte, um die kulturelle Deutungsabhängigkeit jeder biologischen Empirie in Erinnerung zu rufen.

Biologie ist menschlich bestimmt

Schon Immanuel Kant vertrat die Ansicht, dass „der Zweck der Natur in der Beiwohnung der Geschlechter einzig die Fortpflanzung, d.i. die Erhaltung der Art“ sei, und meinte aus dieser Prämisse folgern zu dürfen, dass der „naturwidrige Gebrauch seiner Geschlechtseigenschaft eine die Sittlichkeit im höchsten Grad widerstreitende Verletzung der Pflicht wider sich selbst sei, in dem Maße, dass selbst die Nennung eines solchen Lasters bei seinem eigenen Namen für unsittlich gehalten wird“. Noch heute hält Putin es mit Kant, wenn er den Straftatbestand der homosexuellen Propaganda hochhält.

Was der zivilisatorische Vordenker Kant wie die vulgären Naturrechtler von heute verkennen: Die Biologie des Menschen ist eine genuin menschliche Biologie und bleibt eben darin kulturell bestimmt. Normalitätsvorstellungen sind gerade kein Naturprodukt, können es bei der in Hetero- und Homosexualität ausdifferenzierten menschlichen Biologie auch gar nicht sein, sondern bleiben eminent deutungsabhängig. In diesem Sinne trifft zu: Die Kultur und nicht die Biologie bestimmt unsere Sexualität – was kulturellen Eigensinn in sexualibus herausfordert und nicht etwa verbietet.

Kirchen und Staat gehen auseinander

Das gilt zumal für die Religionen und deren Ehekonzeptionen. So kann der Münchener Kardinal Reinhard Marx einerseits bedauern, dass nun „die christliche Auffassung von Ehe und das staatliche Konzept weiter auseinandergehen“. Ja, er kann aus seiner Sicht sogar von einer staatlichen Pflichtvergessenheit sprechen. Andererseits hindert eine staatliche „Ehe für alle“ niemanden, ein anderes, eigenes Eheverständnis dagegenzusetzen.

Niemand verlangt staatlicherseits von Kardinal Marx, das Ehesakrament gleichgeschlechtlich „zu öffnen“. Solchen Öffnungsphantasien könnten wohl nur die Kirchen selbst verfallen in ihrem Furor, alles Sakrale gesamtgesellschaftlich plausibilisieren zu wollen. Sollte die „Ehe für alle“ eine weitere Entzerrung von Staat und Kirche zur Folge haben, wäre auch dies kein Grund zum Überschnappen. ( von Christian Geyer – FAZ)


„Diese linke Meinungs- und Moraldiktatur führt direkt zum Rechtspopulismus: Hier besteht eine Wechselwirkung, die wohl erst später in ihrer ganzen Tragweite erfaßt werden wird- oder erst dann, wenn es zu spät ist.“

«Transphobisches Stück Scheisse!»

Statt durch Gesetze Menschen zu zwingen, ihre moralischen Werte anzupassen, muss mehr über kontroverse Themen diskutiert werden.

Meine wohl couragierteste Revolte gegen Lehrer während der Schulzeit war das Vollkritzeln meines Pultes mit Graffiti. Ein Aufstand, der mich in meinen Augen auf die Ebene einer Jeanne d’Arc hievte. Gemessen an den heutigen Auswüchsen an Schulen, zugegeben, eine etwas mickrige Aktion. Aber damals trauten wir uns nicht mehr Respektlosigkeit zu … und begriffen unbewusst, dass es zum Erwachsenwerden gehört, Lehrern einen gewissen Anstand entgegenzubringen.

Heute sind Lehrpersonen die Fussabtreter einer jungen Gesellschaft, die, privilegientrunken, wie sie ist, nicht mehr weiss, wie daneben sie sich benehmen soll. Das wohl krasseste Beispiel liefert derzeit Professor Jordan Peterson. Seine Vorlesungen werden gegenwärtig fast durchgehend gestört von Studenten: «Transphobisches Stück Scheisse!», riefen sie ihm unter Trötenlärm während einer seiner letzten Auftritte im Chor entgegen – ein vorläufiger Tiefpunkt spätpubertärer akademischer Dekadenz.

Der 55-jährige Peterson ist Psychologieprofessor an der Universität Toronto, gilt als Koryphäe. Vergangenes Jahr sprach er sich öffentlich gegen ein neues Gesetz in Kanada aus, was ihn im Handumdrehen zum Hassobjekt der «Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender»(LGBT)-Aktivisten machte. Das Gesetz schützt Transgender vor Benachteiligungen, es stützt sich auf die Meinung, dass das biologische Geschlecht unabhängig ist von Gender und Identität, was bedeutet, dass man schon nur für den Nichtgebrauch von Gender-gerechten Pronomen («zhe», «zir») rechtlich belangt werden kann.

Foto - Corbin Fisher

Kanada ist symptomatisch

Peterson lehnt Transmenschen nicht ab, er stemmt sich gegen das Gesetz, weil es Menschen dazu zwinge, an eine fremde politische Ideologie zu glauben und eine fremde Sprache zu benützen. Er sagt: «Diese Wörter sind ein Konstrukt von Leuten, die ich als gefährlich empfinde. Für mich ist es ein Versuch, Sprache zu kontrollieren in eine Richtung, die nicht natürlich ist.» Seine Weigerung, die neuen Pronomen zu benützen, handelte ihm zwei Warnbriefe seiner Universität ein, er möge aufhören, über das Thema zu sprechen. Man kann nun dagegenhalten, bis zu einem gewissen Punkt hat er sich der Mehrheit zu beugen, weil er ja sonst den Fortschritt aufhalte. Nur: Eine Gesellschaft, wo jeder seine eigene Gender-Wahrheit konstruieren und eine von mittlerweile über achtzig Identitäten in seinen Pass eintragen lassen kann, ist für manche eben kein Fortschritt.

Kanada ist weit weg. Was dort aber derzeit geschieht, ist symptomatisch für die westliche Welt. Immer mehr werden Menschen per Gesetz gezwungen, ihre moralischen Werte aufzugeben, ihr Denken und ihre Kommunikation anzupassen an ein von oben diktiertes Gedankenkonzept, sei es durch Internetzensur oder durch Universitäten.

Die Frage, wie man Probleme lösen kann, die Minderheiten betreffen, ist wichtig. Aber die grosse Mehrheit der westlichen Bevölkerung steht Transgendern wohlgesinnt gegenüber. Das Problem sind jene LGBT-Aktivisten, denen alltägliches aneinander vorbei- oder zusammenleben nicht genügt, die nach universaler Umarmung verlangen und mit einem abstrusen Forderungskatalog das aktive Mittun der ganzen Gesellschaft erzwingen wollen.

Die Universität ist offenbar keine Umgebung mehr, wo solche kontroversen Themen auf intellektueller Basis debattiert werden können. Sie scheint zur Hochburg moralischer Überlegenheit mutiert, wo sich die Administration hinter der Political Correctness verschanzt und das Kuschen vor zwanzigjährigen Flegeln zum Alltag gehört. (Von Tamara Wernli – Basler Zeitung)


Homo-Ehe Keine Scheu vor Unterschieden

Gleichgeschlechtliche Paare verdienen die gesetzliche Gleichstellung. Die Öffnung der Ehe für alle ist aber die falsche Lösung. Ein Kommentar.

Manche Themen der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung sind derart emotional und ideologisch vorbelastet, dass man kaum noch Lust verspürt, sie öffentlich anzusprechen – selbst wenn man keinem der beiden Lager angehört. Man ahnt, was auf einen zukommt: Missverständnisse, Vorwürfe, Einordnung in Schubladen. Im Zweifel von beiden Seiten.

Wer das neue Gesetz bedauert, ist nicht automatisch homofeindlich

Formulieren wir es also mal vorsichtig als Frage: Darf man die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare bedauern, obwohl man für deren volle rechtliche Gleichberechtigung ist, ohne zu riskieren, entweder als altmodisch und homophob betrachtet zu werden oder als prinzipienloser Mitläufer einer neuen Mode?

Zu meinem Freundeskreis gehören lesbische und schwule Menschen. Wir haben uns zusammen gefreut, als sie sich das offizielle Jawort gegeben haben, und den Tag gemeinsam gefeiert wie im Falle einer Hetero-Hochzeit. Ich bin dafür, sie rechtlich gleichzustellen.

Warum sucht der Bundestag nicht Lösungen für reale Probleme?

Vom Bundestag, dem Gesetzgeber, erwarte ich jedoch praktische Lösungen für reale Probleme, nicht ideologische Bevormundung. Warum also dieser emotional aufgeladene Feldzug in den vergangenen Wochen gegen eine angebliche Diskriminierung in der Rechtsstellung? Die gab es seit der Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft (Elp) im Jahr 2001 nur noch begrenzt.

Wenn es in erster Linie darum gegangen wäre, die Benachteiligungen aufzuheben, die noch übrig blieben, zum Beispiel im Adoptionsrecht oder bei den Informationsrechten nächster Angehöriger von Patienten, dann hätte der Bundestag dies durch eine Änderung der gesetzlichen Bestimmungen zur Lebenspartnerschaft lösen können. Warum kam das nicht infrage?

Ehe hat eine feste Bedeutung: eine Frau und ein Mann

Die Ehe ist eine seit Jahrhunderten eingeführte Institution mit einer festgelegten Bedeutung: die Verbindung von Mann und Frau, in der Regel mit dem Ziel, gemeinsam Kinder in die Welt zu setzen und aufzuziehen. Nicht immer kommt es dazu. Aber in der überwältigenden Mehrheit der Ehen beschreibt das Wort diese Wirklichkeit. Wem ist damit gedient, wenn das Wort seine klare Bedeutung verliert?

Zu den prägenden Erfahrungen meiner Jugend gehört die Kurzgeschichte „ Ein Tisch ist ein Tisch“. Peter Bichsel beschreibt darin humorvoll und traurig zugleich, welche zentrale Rolle sprachliche Klarheit für das gesellschaftliche Zusammenleben hat.

Foto - Andrew Christian

Ungleiches ungleich zu behandeln, ist keine Diskriminierung

Eine andere prägende Erfahrung war ein Jura-Professor als Vater, der die Emanzipations- und Bürgerrechtsbewegungen in den USA und im Ostblock mit großer Sympathie begleitete, uns Kindern aber auch immer wieder erklärte: Der Gleichheitsgrundsatz bedeutet, dass man Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandeln solle. Wenn man Sachverhalte, die ähnlich, aber nicht gleich sind, unterschiedlich behandele, dann sei das nicht automatisch ungerecht. Vor allem sei damit nicht ein Urteil über ihre Wertigkeit verbunden.

Warum ist es nicht gelungen, die Ehe und die Elp (eingetragene Lebenspartnerschaft) als verschiedene, aber gleichwohl gleichberechtigte und gleichwertige Formen des Bundes fürs Leben in Deutschland zu etablieren – ja, warum ist es nicht einmal ernsthaft versucht worden? 

Linke kämpfen gegen die Institution Ehe

So bleibt der Eindruck zurück, dass die Klagen über noch verbliebene Diskriminierungen nicht zum Hauptziel hatten, diese zu überwinden. Sondern sie dienten als Munition, um die Institution Ehe auszuhöhlen, die ein Gutteil der Linken schon lange als überholtes Relikt der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet.

Das zeigte sich in einem offenkundigen argumentativen Widerspruch: Einerseits wurde behauptete, die gesetzliche Gleichstellung der Elp mit der Ehe reiche nicht aus und es dürfe nur eine Ehe für alle geben, weil sich nur so die angeblich noch sehr großen Vorbehalte in der Gesellschaft überwinden lassen; andererseits wurde darauf verwiesen, dass sich in Umfragen 75 % für die Homo – Ehe aussprechen.  

Rechte lassen Toleranz für gleichgeschlechtliche Paare vermissen

Umgekehrt brachten die Gegner der Homo-Ehe auf der Rechten nicht die Toleranz auf, gleichgeschlechtlichen Partnern, die sich fürs Leben binden wollen, die volle Anerkennung zu zollen und sie rechtlich fair zu behandeln. Dabei stärkt es doch die Gesellschaft, wenn Menschen sich aus tiefer Zuneigung aneinander binden und Verantwortung füreinander übernehmen.

Nun  wird wohl das BVG die Sache klären müssen. Denn in der Politik hat die Ideologie wieder einmal die redliche Auseinandersetzung im Bemühen um praktische Lösungen für reale Probleme verdrängt. (Kommentar  von Christoph von Marschall – Tagespiegel)


"Konversionstherapien" Bundesregierung will "Homo-Heiler" nicht verbieten

"Therapien" zur vermeintlichen "Heilung" und "Umpolung" von Lesben und Schwulen will die Bundesregierung nicht verbieten. Die Grünen kritisieren das: Es handele sich um gefährliche "Scharlatane".

von Tilmann Warnecke - Tagesspiegel

Die Bundesregierung will "Therapien" von "Homo-Heilern" nicht verbieten - selbst dann nicht, wenn sie gezielt um Jugendliche werben. Das geht aus einer Antwort der Bundesgesundheitsministeriums auf eine kleine Anfrage der Grünen zu so genannten Konversionstherapien hervor, die vorgeben, die sexuelle Orientierung von Menschen ändern zu können.

Zwar vertrete die Bundesregierung "im Einklang mit dem Weltärztebund und der Bundesärztekammer" die Auffassung, dass Homosexualität keine Krankheit ist und daher keiner Behandlung bedarf, heißt es in der Antwort. Die Gestaltung der entsprechenden Berufsordnungen seien aber weitgehend den Ärztekammern überlassen.

Für die Grünen geht es um Jugendschutz

Für den Grünen-Abgeordneten Volker Beck drückt sich das von Hermann Gröhe (CDU) geführte Gesundheitsministerium "vor seiner Verantwortung". Diese könne man nicht einfach auf die Standesorganisationen der Ärzte und Psychotherapeuten abschieben. Beck fordert, zumindest das Anpreisen solcher Therapien für Jugendliche zu verbieten: "Es geht hier um Jugendschutz und Suizidprophylaxe und nicht um Petitessen." Die "Homo-Heiler" seien "Scharlatane und machen krank, statt zu heilen".

Die Weltgesundheitsorganisation hat Homosexualität 1990 aus ihrem Diagnosekatalog gestrichen, bekräftigt hat das der Weltärzteverband zuletzt 2013. "Therapien", die angeblich die sexuelle Orientierung ändern könne, hat der Weltärzteverband damals als "Verletzung der Menschenrechte" bezeichnet. Es sei unethisch für Ärzte, an diesen Prozeduren teilzunehmen. Malta hat als erstes europäisches Land diese "Therapien" verboten, einzelne US-Bundesstaaten untersagen sie für Minderjährige.

Evangelikale Vereine bieten diese "Therapien" an

Laut Beck gibt es dennoch auch in Deutschland immer noch Einrichtungen, die solche Kurse anbieten. Schlagzeilen machte zum Beispiel  im Jahr 2014 der christliche „Verein Gesellschaft für Lebensorientierung“ der Homosexualität mit einer psyschischen Störung gleichsetzt und angeblich Behandlungen anbietet.  Genannt werden in der kleinen Anfrage auch die Vereine "Wuestenstrom" und die "Offensive Junger Christen". Als die vor mehreren Jahren auf einem Psychotherapie-Kongress der Uni Marburg auftreten sollten, protestierte der LSVD gegen den Auftritt von „Homo-Umpolern“. Offiziell streiten die Gruppen ab, Schwule und Lesben in ihren Seminaren umpolen zu wollen. Eine Sprecherin des „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft“ sagte damals aber gegenüber der „Frankfurter Rundschau“, dass sie sehr wohl „Menschen helfen wollen, die sich eine Verringerung ihrer homoerotischen Gefühle wünschen“.

Foto - queerpride.de

Die Bundesregierung indes weiß nichts von Aktivitäten dieser Gruppen. wie es in der Antwort heißt. Beck vermutet "parteipolitische Rücksichtnahme" hinter dem vermeintlichen Nichtwissen. Die Gruppierungen seien "überwiegend im evangelikalen Spektrum zu Hause". Da die Union diese Evangelikalen fest an sich binden wolle, scheue man "auch vor der Auseinandersetzung mit den obskursten und absurdesten Positionen in diesem Spektrum zurück", kritisiert Beck - auch wenn nicht alle Evangelikalen solche Positionen generell vertreten würden. Beck verweist zudem darauf, dass auch in islamistischen Kreisen diese Therapieversprechungen zunehmend rezipiert werden.

Der Bund verweist auf Akzeptanzprojekte

Insgesamt verweist das Bundesgesundheitsministerium in seiner Antwort darauf, dass Bund und Länder zahlreiche Akzeptanz- und Aufklärungsprojekte zu gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und zur Geschlechtsidentität fördern. Diese würden dazu beitragen, dass sich LGBTIQ s in ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität "angenommen und akzeptiert fühlen und damit keine Veranlassung sehen, Angebote sogenannter Homo-Heilung und Konversions-Psychotherapien in Anspruch zu nehmen".


Was die Community noch zusammenhält

Die LGBTI-Buchstabensuppe kocht beständig im Streit. Sind wir zu unterschiedlich, um eine Community zu sein? Aber was verbindet uns dann?

Dirk Ludigs sucht Antworten – Siegessäule.

Auch wenn es oft um wichtige Dinge geht, muss Folgendes mal gesagt werden: Die endlosen Debatten in unserer LGBTI-Welt nerven! Ist die queere Buchstabensuppe, in der wir schwimmen, am Ende vielleicht doch alles andere als eine „Community“? Mag sein, doch was ist sie dann? Unsere Querelen erinnern jedenfalls an die Streitereien in dysfunktionalen Familien und das nicht ohne Grund: Wir sind nämlich eine – und das sollten wir endlich zugeben! Zum CSD begibt sich Dirk Ludigs auf die Suche nach dem gemeinsamen Nenner

In Kreuzberg finden sich über Monate keine Menschen mehr, die noch einen alternativen CSD organisieren wollen, weil es zwischen Antiimps und Antideutschen kracht. Ein Buch kritisiert queeren Aktivismus und provoziert Gewaltfantasien. Ein taz-Redakteur hält „LSBTI*QA“ für „breitgetretenen Quark“, den es nur gebe, um Fördermittel abzugreifen, und erntet Beifall von schwulen Männern, denen der unaussprechliche Buchstabenschmarrn schon lange auf die Nerven geht. Die sichtbarste Lesbe Deutschlands ist in der AfD und hetzt im Fernsehen gegen Muslime. Schlaglichter der CSD-Saison 2017.

Foto aus "Apocryphal Messengers" von Fotograf Armando Frezze

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber eines wird schon klar: Fehlender Durchblick in unserer Buchstabenwelt aus L, S, B, T, I, * und Q ist kein Zeichen mangelnder Intelligenz. Es gehört ein aufgeräumtes Zeitkonto dazu, um sich in all diesen Kulturtheorien und Politiken auszukennen, von Genderfragen bis Antirassismus, um verstehen zu können, worüber gerade gestritten wird. Beim Rest von uns hinterlassen diese Debatten ein Gefühl von Müdigkeit. Vielleicht sitzen doch zu unterschiedliche Menschen in diesem Boot. Vielleicht wäre eine Trennung ehrlicher als dieser Buchstabensalat, der zusammenpappt, was nicht zusammengehört, den spießigen Schwulen mit der feministischen Lesbe, den heterosexuellen weißen trans Mann mit der nonbinary Person of Color. Würden die alle nicht viel besser mit denen zu tun haben, die ihnen eh viel näherstehen? Mit dem Parteifreund aus der FDP? Der Hetera aus dem Frauenbuchladen? Dem Kerl aus dem Fußballverein? Den Menschen bei Black Lives Matter? Oder gibt es doch etwas, was uns eint – vielleicht sogar unabhängig davon, ob wir das wollen oder nicht?

Till Amelung, Selbstdefinition: schwuler trans Mann, freiberuflicher Referent und Publizist, hat in seiner Studienzeit erste Erfahrungen mit dem Buchstabensalat gesammelt. Es ergab sich aus der Not: An einer kleinen Universität hätte jede Gruppe alleine die AStA-Arbeit schon personell gar nicht bewältigen können und so fanden sich alle, die „gemeinsam aus der Heteronormativität geflogen waren“. Was daraus entstand, empfand Till durchaus als fruchtbar: „Man machte sich auf die Suche nach gemeinsamen Themen, aber es konnte auch jeder Buchstabe seine eigenen Themen bearbeiten.“ Für Menschen unter vierzig und mit universitärem Background ist das eine ganz typische Erfahrung. Peter Rehberg, Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt Queer Theory, stellt fest: „Unsere Koalitionsbildungen haben immer zunächst über eine Negativerfahrung, eine Diskriminierungserfahrung stattgefunden.“ Doch reicht das aus, um „Community“ zu werden?

Die kurze Antwort: Manchmal ja. Und immer dann besonders gut, wenn die Zeichen auf Sturm stehen. Die Journalistin und Fundraiserin Stephanie Kuhnen erinnert daran, dass es vor allem die Aids-Krise war, durch die Schwule und Lesben in Deutschland nach Jahren getrennter Wege überhaupt wieder zueinandergefunden haben. Und das war schon nicht einfach: „Schwul-lesbisch in die Köpfe zu bekommen hat zwanzig Jahre gebraucht.“ Aus dieser Erfahrung heraus ist Kuhnen überzeugt, dass Gemeinschaft nicht einfach so entsteht, dass sie eingeübt werden muss: „Nicht die Diskriminierung kann uns zusammenbringen, die Empathie muss uns zusammenbringen.“

Offensichtlich hört aber spätestens beim Geld die Empathie in Deutschland auf. Till hat das genau so erlebt. Kaum war seine Universitätszeit vorbei, musste er in der LGBTI-Bewegung feststellen, „dass es problematisch wurde, sobald es um Fördermittel ging. An den Töpfen saßen dann wieder die Schwulen, die eben schon viel länger in den Strukturen unterwegs sind.“ Kuhnen, die als Fundraiserin im LGBTI-Bereich arbeitet, stimmt zu: „LGBTI ist eben bisher nur Förderkriterium, aber bis heute keine Gemeinschaft!“ Am Ende sitzt die Jacke dann wieder näher als die Hose. Die Koalition wird sogar zunehmend brüchig, weil die Diskriminierungserfahrungen unterm Regenbogen sehr unterschiedlich geworden sind. Zum einen finden immer mehr Gruppen zu einer eigenen Stimme, zum anderen steigt die Zahl der in der Regel weißen Cis-Schwulen und -Lesben, die sich im Großen und Ganzen in der Gesellschaft angekommen fühlen. Die Folge: Immer mehr LGBTIs – an allen Enden des Spektrums – kündigen den Konsens.

Mehr und den ganzen Artikel, wenn du das Bild anklickst.


Die Ehe für alle ist nicht genug

Die Ehe für alle wird als Zeichen der Chancengleichheit gefeiert. Dabei verschärft sie ein elementares Problem.

Kommentar von Violetta Simon – SZ – online.de

Keine Frage. Dass nun auch homosexuelle Paare heiraten dürfen, ist überfällig. Die Ehe für alle ist ein großer, ein wichtiger Schritt im Kampf um Anerkennung und Gleichstellung. Sie steht für das Recht, dass jeder so leben sollte, wie er möchte. Und genau deshalb greift die Entscheidung zu kurz.

In all der Euphorie sollten wir uns nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass die Ehe an sich - genau wie die Ehe für alle - ein elementares Problem zementiert: die selbstverständliche Privilegierung ausschließlich jener Paare, die heiraten. Diese Bevorzugung basiert auf der rückständigen Annahme, dass die Ehe nach wie vor die einzige Form des Zusammenlebens ist, die vom Staat unterstützt werden sollte. Wenn wir also von Gleichstellung sprechen, dann sollte diese nicht nur für jene gelten, die sich zur Ehe entschließen.

"Ehe für alle" - klingt im ersten Moment toll. Ähnlich wie "Champagner für alle" - eine überaus großzügige Geste. Was aber, wenn man gar keinen Champagner mag?

Dann hat man Pech:

Nur verheiratete Paare werden mit finanziellen Vergünstigungen belohnt.

Nur Eheleute dürfen ein Kind adoptieren, erhalten Unterstützung bei einer künstlichen Befruchtung. Nur sie haben Anspruch auf einen Erbanteil, dürfen im Familiengrab beigesetzt werden, haben Zugang zur gesetzlichen Renten- oder Unfallversicherung des verstorbenen Partners.

Vor der Ehe für alle konnten Lesben und Schwule eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, die ihnen diese Rechte sicherte - eine Möglichkeit, die Heterosexuellen nicht zusteht. Das Argument: Die können ja heiraten. Jetzt können homosexuelle Paare das auch.

Foto - Zeit.de

Der Punkt jedoch ist: Sie können nicht nur. Sie sind auch genötigt, wenn sie von den Privilegien profitieren wollen. Das ist keine Gleichstellung. Das ist Bevormundung. Natürlich sollte jeder heiraten dürfen - unabhängig von seiner sexuellen Orientierung. Doch niemand sollte heiraten müssen, um sich Privilegien zu "verdienen".

Verantwortung füreinander übernehmen

Deshalb ist - trotz des historischen Erfolgs - gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, einen Schritt weiter zu denken: Die Ehe sollte eine Alternative darstellen, nicht das Goldene Kalb. Denn dazu geht sie zu sehr an der Lebensrealität vorbei.

Laut Datenreport des Statistischen Bundesamtes von 2016 steigt die Zahl der Lebensgemeinschaften seit Jahren kontinuierlich, während sich bei Ehepaaren eine rückläufige Entwicklung abzeichnet. Der Anteil unverheirateter Paare mit Kind hat sich in den vergangenen 20 Jahren sogar verdoppelt. Man braucht sich nur im Bekanntenkreis umzusehen, wo Patchwork Familien und Alleinerziehende ganz selbstverständlich dazugehören.

Doch das deutsche Recht behandelt Menschen, die nicht verheiratet sind oder keine eingetragene Lebensgemeinschaft haben, deutlich schlechter. Ungeachtet dessen, wie eng deren Beziehung im Alltag ist oder ob die Beteiligten gar Kinder miteinander haben.

Zweifellos war die Ehe als schützenswerte Institution einmal eine sinnvolle Idee - mit Betonung auf war. Sie kann ihre Daseinsberechtigung jedoch nur bewahren, wenn sie ihre ursprüngliche Intention nicht aus den Augen verliert: Partnerschaft und Familie zu schützen.

Dazu muss man diese Begriffe auf die gesellschaftliche Realität übertragen. Das bedeutet: den Schutz - und die Privilegien - auf jene ausweiten, die ohne Trauschein zusammenleben. Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen oder Kinder miteinander großziehen, unabhängig von sexueller Orientierung und Familienstatus.

Und die Ehe? Wäre ein Privatvergnügen im romantischen Sinne, ganz ohne Hintergedanken an die Steuer.

Der Ehe für alle droht ein Karlsruher Stoppsignal

Von: Werner Herpell – AchenerZeitung

Möglichst am 22. Oktober möchte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks heiraten. Dann ist es genau sieben Jahre her, dass sich die SPD-Frau und ihre Freundin „verpartnerten”, also eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft eintragen ließen.

Den Festtag ermöglichen soll die mit großer Bundestagsmehrheit beschlossene Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare. Der Bundesrat dürfte am kommenden Freitag einen Haken unter das Gesetz machen.

Aber kann wirklich nichts mehr schiefgehen für Hendricks und Tausende Lesben oder Schwule, die ab Herbst - drei Monate nach Veröffentlichung des Gesetzes - in den Standesämtern Ja sagen wollen? CDU-Kabinettskollege Thomas de Maizière hat jedenfalls am Wochenende Nein gesagt - er räumt einer Verfassungsklage gegen die beschlossene Änderung des Ehebegriffs Chancen ein. Das historische Bundestagsvotum für die volle Gleichberechtigung Homosexueller wirft also Fragen auf.

Wie argumentieren politische Gegner der Ehe für alle?

Sie sind im Bundestag nur noch bei CDU und CSU zu finden. Zwar stimmte auch in der Union ein Viertel für die Öffnung der Ehe, doch die Fraktionsspitze und immerhin 225 der insgesamt gut 600 Abgeordneten waren dagegen. Fraktionschef Volker Kauder (CDU) und CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt verweisen aufs Grundgesetz, sie zweifeln die Verfassungskonformität des Beschlusses an. „Die höchstrichterliche Rechtsprechung definiert Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau”, sagte Hasselfeldt. Denn daraus gingen Kinder als Keimzelle der Gesellschaft hervor. Auch de Maizière sagt, „dass wir aus meiner Sicht als Jurist dafür eine Verfassungsänderung gebraucht hätten”. Auch der drohende Unterton anderer Unionspolitiker, die eine Klage in Karlsruhe prüfen wollen, macht Ehe-für-alle-Fans nervös.

Warum denn das? Es gibt doch glasklare Mehrheiten.

Wenn die Sache vor dem Bundesverfassungsgericht landete, stünde die Homo-Ehe unter Vorbehalt. Weil sie niemanden konkret benachteiligt, können in Karlsruhe nicht einzelne Bürger klagen. Die obersten Richter könnte jedoch eine Normenkontrollklage beschäftigen, deren Gegenstand allein die Rechtmäßigkeit eines Gesetzes ist. Mit einer abstrakten Normenkontrolle kann laut Grundgesetz „Bundes- oder Landesrecht vor dem Bundesverfassungsgericht auf seine Verfassungsmäßigkeit überprüft werden”. Antragsberechtigt sind die Bundesregierung, ein Land oder zumindest ein Viertel des Bundestages. Denkbar wären zumindest die zweite Möglichkeit (eine der sieben CDU-geführten Landesregierungen, am ehesten das CSU-alleinregierte Bayern) oder die dritte (derzeit wären 158 Abgeordnete nötig). Theoretisch möglich wäre auch, dass ein mit der Praxisanwendung der Ehe für alle befasstes Gericht Karlsruhe um Prüfung bittet.

Was steht im Grundgesetz konkret über Ehe und Familie?

Beide „stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung”, heißt es in Artikel 6. Darauf berufen sich nun Befürworter und Gegner der Ehe für alle. Die einen weisen darauf hin, dass von der zitierten „Gemeinschaft von Mann und Frau” im Grundgesetz gar nicht explizit die Rede sei, dass sich die gesellschaftliche Realität nun mal ändern und die Verfassung dies abfedern könne. Die anderen verweisen auf die „ständige Auslegung des Bundesverfassungsgerichtes”.

Die Schatten eines homosexuellen Paares. Mit dem Beschluss zur Ehe für alle hat die Diskriminierung noch lange kein Ende. Foto: Julian Stratenschulte

Tatsächlich heißt es etwa in einem Urteil von 2002: „Ungeachtet des gesellschaftlichen Wandels und der damit einhergehenden Änderungen ihrer rechtlichen Gestaltung” bleibe eine Ehe „die Vereinigung eines Mannes mit einer Frau zu einer auf Dauer angelegten Lebensgemeinschaft.” Diese mehrfach in Karlsruhe bestätigte Auffassung mache eine Änderung des Grundgesetzes erforderlich, meinen Ehe-für-alle-Kritiker. Nötig wäre dann eine Zweidrittelmehrheit.

Was sagt der andere Verfassungsminister in der Bundesregierung?

Die Union wirft Justizminister Heiko Maas vor, sein Fähnchen nach dem Wind zu drehen. Auf eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung habe der SPD-Mann 2014 gesagt, die Ehe für alle sei laut ständiger Rechtsprechung „nicht vereinbar” mit der Verfassung, triumphierte Kauder am Freitag. „Rechtzeitig vor dieser Entscheidung” im Bundestag habe Maas aber nun behauptet, es sei keine Grundgesetzänderung notwendig. Der Minister dürfe nicht der Eindruck erwecken, „dass die Frage, ob etwas verfassungskonform ist oder nicht, unter politischer Opportunität beurteilt wird”, so der CDU-Politiker.

Eine Maas-Sprecherin bestritt am Samstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur jeglichen Sinneswandel. Der Minister habe sich vor zwei Jahren umgehend erklärt: „Da es heute Interpretationsversuche zu diesem Thema gab, hier gerne noch mal deutlich: Die vollständige Öffnung der Ehe für Paare gleichen Geschlechts ist und bleibt unsere Position. Eine Grundgesetz-Änderung ist dafür nicht zwingend.”

Wie äußern sich Top-Juristen zu dem möglichen Rechtskonflikt?

Es gibt diverse Einschätzungen. Eine gewichtige stammt vom ehemaligen Bundesverfassungsgerichts-Präsidenten Hans-Jürgen Papier: „Wenn man die Ehe öffnen will, muss man das Grundgesetz ändern.” Auch für Jörn Ipsen, bis 2013 Präsident des Niedersächsischen Staatsgerichtshofes, ist mit Grundgesetz-Artikel 6 selbstverständlich die „Lebensgemeinschaft von Mann und Frau” gemeint.

Andere vermuten, das neue Gesetz werde Bestand haben. Der Leipziger Professor für Öffentliches Recht, Christoph Degenhart, erwartet, dass Karlsruhe „pragmatische Lösungen sucht”. Die Professorin für Öffentliches Recht in Hannover, Frauke Brosius-Gersdorf, meint: „Dass die Ehe auch zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Partnern geschlossen werden kann, stand 1949 nicht zur Debatte. Es wurde damit aber auch nicht ausdrücklich ausgeschlossen.”

Wird es also zum politisch-juristischen Showdown kommen?

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat im Wahlkampf wohl wenig Interesse daran, dass das Thema gegen eine klare Bevölkerungsmehrheit pro Ehe für alle hochgezogen wird und ihre Partei als schlechter Verlierer dasteht. Zumal eine Grundgesetzänderung mit einer neuen Regierung womöglich ohnehin käme. Doch Kritiker wie Kauder und de Maizière sind CDU-Schwergewichte. Ob genug konservative Abgeordnete aus Wut über das rot-rot-grün initiierte Parlamentsvotum klagen, oder ob sich ein unionsregiertes Bundesland zum Buhmann machen will, ist derzeit nicht absehbar. Unmöglich ist es aber nicht. Ministerin Hendricks dürfte dennoch bald das Aufgebot bestellen - schon um mit ihrer Hochzeit ein Zeichen zu setzen. Ob sie de Maizière einlädt?

Keine Ehe für Niemand?!? Ein Kritischer Blick.

Zugegeben, es wäre wirklich komisch, sich heute am Tag des Beschlusses zur „Ehe für alle“ nicht zu freuen darüber, dass Menschen jetzt eine Ehe schließen dürfen, die es sich schon lange gewünscht haben und denen es absurderweise bisher auf Grund angeblich unpassender Geschlechtsmerkmale verweigert worden ist. Und das kann man schon mal feiern! Doch so sehr es diesen Paaren zu gönnen ist, so wenig ist es für uns alle eine Errungenschaft auf dem Weg zum guten Leben.

Gesellschaftliche Solidarität? Was ist das?

Dass es eine Leistung ist, den Alltag langfristig gemeinsam zu bewältigen, ohne sich gegenseitig zu erwürgen, nun ja, das sehe ich ein. Dass man seine Zweisamkeit stilisiert, ja sie zur einzig normalen Lebensform erhebt, scheint ein wenig befremdlich. Wenn das nur alles wäre! Denn von all dem romantischen Intensitätsglitzer überdeckt wird die Tatsache, dass die Ehe als staatlich privilegierte Einrichtung und Norm des gesellschaftlichen Lebens einzig dazu dient, eine Bedarfsgemeinschaft zu etablieren, die die Gesellschaft von der Verantwortung für das Wohl des Einzelnen enthebt und die Tradierung von Werten und Normen sichert, welche diese Gesellschaft geschlossen halten.

Foto - Emma.de

Das Privileg denen, die es brauchen

Aus diesem Grund kann ich die Freude über die Ehe für alle nicht wirklich teilen. Natürlich trifft zu, dass hier ein Privileg, das eine heteronormative Gesellschaft den Heteros vorbehielt, nun erweitert wird auf alle. Doch leider ist der Schlag, den das der Heteronormativität versetzt, minimal, weil das verheiratete Paar und die Kleinfamilie vielleicht nicht Keimzelle jeder Gesellschaft, wohl aber der heteronormativen ist.

Wer mit wem Sex hat, war dafür schon immer egal. Es bleibt also nur der Vorteil, dass mehr Menschen als vorher an einem Privileg teilhaben können – das ist gut – doch viel besser wäre es, das Privileg zu verändern. Zum Beispiel so, dass Menschen privilegiert werden, die andere pflegen und betreuen, die Kinder aufziehen und versorgen. Denn das war, worum es ursprünglich, angeblich, mal gehen sollte.


Ehe als Treibhaus

Die CDU argumentiert für die Ehe als Treibhaus, als geschlossener Schutzraum für die Kinderproduktion, in dem die Frau, versorgt vom Mann, Kinder gebären kann und selbige dann nach dem bekannten Muster des pietistischen Mutterbildes hegt und pflegt und ihnen Bildung und Tradition vermittelt. Aus diesem Grund ist die Ehe privilegiert – weil sie dem Staat all das abnehmen soll: Verantwortung für Versorgung, Kindererziehung und Bildung. Und dabei gleichzeitig Werte reproduzieren, die sichern, dass das auch in Zukunft so weiter läuft.

Im Wesentlichen scheint das die Gemeinsamkeit der Funktion der Ehe überall zu sein, unabhängig vom kulturellen Hintergrund. Arrangierte Ehen bedeuten nichts anderes, als ein Mädchen direkt in dieses Treibhaus zu geben, sie also direkt von einem ‚Schutzraum‘ in den anderen zu setzen, ohne sie zwischendurch frei laufen zu lassen. Wenn Papa sparen will, macht man das eben so früh wie möglich.

Foto-Deutschlandfunk.de

Ehe als Bekenntnis

Wenn wir aber so nicht mehr leben wollen, ergibt es überhaupt keinen Sinn, die Ehe weiterhin zu privilegieren. Doch genau das geschieht. „Die Ehe dient nicht in erster Linie der Reproduktion“, sagte Michael Roth (SPD) schon vor einiger Zeit zum Thema Ehe für alle, „sondern ist das Bekenntnis zweier Menschen, dass sie lebenslang füreinander einstehen wollen.“

Dass uns die Ehe als Bekenntnis zur Ewigkeit der romantischen Liebe verkauft wird, ist ja eine ziemlich neue Geschichte, so neu eben wie das romantische Subjekt. Bis zum 18. Jahrhundert war man da auch in Europa pragmatischer, sah die Ehe als Funktion zur Besitzübergabe und Ressourcenverteilung und hoffte schlicht, dass die Leute schon miteinander auskommen würden, was sie auch versuchten, da ihnen nicht viel anderes übrig blieb. Doch dann erfanden sie das romantische Subjekt: von unendlicher Tiefe, unverwechselbar in seiner Vielfalt, unabhängig von seiner Lebenszeit. Die einzigartige Verbindung der romantischen Liebe endet in der Literatur meist mit Tod oder Verzicht, um zu unterstreichen, dass sie nicht auf Dauer zu bestehen braucht: der Augenblick ist ewig, die Leidenschaft unendlich, der Kreis geschlossen. Der Trick ist nun: diese Momentaufnahme der unendlichen Intensität zu überführen in einen Vertrag.

One ring to rule them all

Ein Ring, sie zu knechten, warnte schon Tolkien. Der geschlossene Kreis ist Symbol für eine neue Einheit, die nicht mehr zu öffnen ist. Die Intensität schießt ein in die glänzende Fläche einer Identität, befeuert die Selbstaufwertung des kapitalistischen Individuums als Teil eines romantischen Paares. Bei der Selbstbetrachtung im Spiegel von Facebook zeigt sich die Tiefe der romantischen Seele in der Zufriedenheit des gemeinsamen Frühstücks. Mit Kind und Katze. Oder ohne. Palmen werden gelegentlich hinzugefügt.

Das quasi-religiös anmutende „Bekenntnis zweier Menschen“ kehrt diese romantische Intensität heraus, um zu überdecken, worum es eigentlich geht: das lebenslange Füreinander-Einstehen. Auch das klingt so romantisch, richtig schön klingt das. Wer hätte nicht gern so einen Menschen an der Seite? Aber was bedeutet das wirklich? Arbeiten für zwei, wenn der andere Mensch nicht mehr kann. Egal, ob man will oder nicht. Egal, wie man dafür behandelt wird. Das heißt Pflegearbeit, Erziehungsarbeit, Sorgearbeit, weiterhin ohne Dank und Anerkennung. Denn man hat sich ja verpflichtet, hat ein Bekenntnis abgelegt. Was mit den anderen Menschen draußen vor der Tür geschieht, dafür ist man hingegen nicht verantwortlich.

Leute, legt doch lieber diesen Ring ab. Solidarität lässt sich genauso und viel besser noch in Freiheit leben. Feiern lässt sie sich auch besonders gut! Schmeißt den Ring in den nächsten Fluß, in der Hoffnung, dass er auf dem Grund liegen bleibt und vergessen wird. Und dann liebt euch einfach weiter wie bisher – liebt eure Freunde, eure Kinder, eure Partner, bleibt zusammen, so lange ihr wollt, und bleibt lebendig.

Kommentar Öffnung der Ehe – Taz.de – Kersten Augustin

Ehe für alle, Ehe für keinen

In einem konservativen Club mitmachen zu dürfen, ist nicht nur Grund für ausgelassenen Jubel. Es gibt genug Kritik am Institut der Ehe.

Es ist so gemütlich, konservativ zu sein. Man lebt einfach, wie es gestern als richtig galt, und wenn das nicht mehr geht, ändert man seine Meinung und behauptet, das habe man schon immer so gesehen. So war es bei der Atomkraft, so war es in der Asylpolitik. Und so ist es nicht erst, seit Merkel Kanzlerin ist. Die Sozialversicherung, die Fünf-Tage-Woche: von Progressiven erkämpft, von Konservativen vereinnahmt.

Es ist echt anstrengend, progressiv zu sein, immer wieder muss man von vorne anfangen. Seit dieser Woche gibt es ein neues Beispiel für einen linken Pyrrhussieg. Da kämpft man so lange für Gleichberechtigung von Homosexuellen, wird als Gefahr für Kinder beleidigt und diskriminiert, bis selbst die Kanzlerin handeln muss. Ein Erfolg, der gefeiert gehört. Und doch geht im Jubel unter, dass die Ehe erst mal nichts Fortschrittliches ist.

In die Euphorie hinein ist es deshalb leider nötig, dass einer die Spaßbremse macht. Achtung, Achtung: Wer mit wem zusammenlebt, ob kurz oder lang, ob zu zweit oder zu fünft, geht niemanden etwas an, schon gar nicht den Staat.

Es ist nicht seine Aufgabe, bestimmte Lebensformen zu fördern und bevorzugen. Der Bundestag hat den Paragrafen 1353 des Bürgerlichen Gesetzbuches für homosexuelle Paare geöffnet. Endlich! Doch die Ehe erfährt dadurch eine Aufwertung, die sie nicht verdient hat. Sie benachteiligt unverheiratete Paare, egal ob hetero oder homo. Paare, die sich entscheiden, nicht zu heiraten, weil sie die Ehe überkommen finden.

Politik besteht immer aus Etappenzielen. Deswegen ist die Gleichstellung von homosexuellen Paaren ein Erfolg. Solange Privilegien an die Ehe geknüpft sind, müssen auch Homopaare in ihren Genuss kommen. Aber die nächste Etappe ist auch klar: Es ist Zeit, die Eheprivilegien abzuschaffen.

Wie aus dem Heimatfilm

Denn es gibt Alternativen. Das Besuchsrecht im Krankenhaus, Adoptionsrecht, Hinterbliebenenrente, all das könnte man auch ohne die Ehe klären. Ganz nüchtern-bürokratisch auf dem Amt, wie es heute schon beim Sorgerecht und der Vaterschaftserklärung für nichtverheiratete Heteropaare der Fall ist.

Das größte Privileg der Ehe, das Ehegattensplitting, ist nichts anderes als ein familienpolitischer Skandal. Paare werden finan­ziell dafür belohnt, dass sie ungleich verdienen, dass ein Partner arbeiten geht und der andere zu Hause bleibt. Ein Gesetz, das so altbacken daherkommt, als sei es aus einem Heimatfilm entsprungen.

Man reibt sich die Augen, schaut auf den Kalender und wundert sich: Es ist wirklich 2017. 15 bis 20 Milliarden Euro gibt der Staat für diese Antiquität im Jahr aus. Man könnte mit diesem Geld, plakativ gesprochen, Kitas, Schulen und Sporthallen bauen. Genauso gut aber auch Autobahnen. Denn Infrastruktur gehört zu den Aufgaben des Staates, Liebesbeziehungen nicht.

Kettenglieder, auf ihren Einsatz wartend - Foto ap

Reich oder bescheuert

Wer um die dreißig ist, darf die Hälfte des Sommers auf Hochzeiten verbringen, selbst in urbanen liberalen Milieus wird geheiratet, als müsste man das noch, um endlich Sex zu haben. Der halbe Sommer geht für diese Hochzeitsfeiern drauf, und irgendwann, wenn alle schon betrunken sind, fragt auch die letzte entfernte Tante: „Und wann heiratet ihr eigentlich?“

Als Mensch mit Kindern und ohne Ehering muss man sich rechtfertigen, man muss komplett bescheuert oder einfach reich sein, um standfest beim Nein zu bleiben. Befreundete Paare ohne Kinder heiraten und sparen jedes Jahr Tausende Euro an Steuern. Andere Freunde erzählen, Heiraten sei doch eigentlich feministisch, weil der Arzt damit seine studierende Freundin finanziell absichert. Da nickt man dann und grinst höflich und schenkt sich lieber noch ein bisschen Wein ein.

In der vergangenen Woche haben sich SPD, Grüne und Linke selbst um ein Wahlkampfthema gebracht. Sie hätten ihre Zustimmung zur Ehe für alle an eine Abschaffung der Eheprivilegien knüpfen können. Jetzt ziehen sie ohne eine visionäre Forderung in den Bundestagswahlkampf. Sie lassen sich für die Ehe für alle feiern, die Eheprivilegien aber lassen sie weitgehend unangetastet.

Der Wesenskern der Ehe

Mit der Ehe für alle wird die ewige und exklusive Beziehung zwischen zwei Menschen weiter idealisiert, dabei stirbt sie längst einen langsamen Tod. Die Zahl der Scheidungen steigt, die der unehelichen Kinder auch. Die katholische Kirche sollte den Homos dankbar sein, dass sich im Jahr 2017 überhaupt noch jemand für ihr Beziehungsmodell einsetzt.

Erst seit dem 19. Jahrhundert gibt es die bürgerliche Ehe jenseits der Kirche. Ohne sie wäre die Durchsetzung des Kapitalismus nicht denkbar gewesen, sie schrieb die Ausbeutung der Frau durch unbezahlte Arbeit zu Hause fest. Bis in die siebziger Jahre durften Männer für ihre Frauen entscheiden, ob sie arbeiten dürfen, bis in die Neunziger war die Vergewaltigung im Ehebett erlaubt. Das ist kein historischer Fehler, sondern Wesenskern der Ehe.

Für den Staat ist die Ehe bis heute ein wesentlicher Hebel, um zu entscheiden, was öffentlich und was privat ist. Homos führen oft fortschrittlichere, gleichberechtigter Beziehungen, was auch an der jahrzehntelangen Diskriminierung durch die Mehrheit liegt. Mit der Ehe für alle werden diese Beziehungen nun staatlich eingehegt. Homo-paare können bald genauso einen Hausmann und einen Großverdiener bestimmen. Damit erfüllen sie im Zweifel genau die Wertvorstellungen, die Konservative von der Ehe erwarten.

Praktisch für den Staat

„Familien und Paare sind so­zialer Klebstoff – und praktisch für den Staat“, kommentierte der Tagesspiegel lobend die Ehe für alle. Aber fortschrittlich denkende Menschen sollten nicht praktisch für den Staat sein und kleben bleiben.

In einem konservativen Club mitmachen zu dürfen, ist nicht nur Grund zum ausgelassenen Jubel. Es ist nicht fortschrittlich, ein Modell von Heteros zu übernehmen, das Ungleichheit begünstigt und den Menschen nicht frei, sondern abhängig macht.

Die Vision von Progressiven ist der freie Mensch, oder, pathetisch und mit Marx gesprochen, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Erniedrigt, geknechtet, verlassen, das dürfte vielen Verheirateten bekannt vorkommen.

Jeder darf lieben, wen er will. Die Gleichberechtigung hat wieder einen Erfolg errungen, und das kann heute gefeiert werden. Ab morgen müssen wir dann wieder von vorne anfangen.


Kommentar Kürzel für Minderheiten / TAZ – Jan Feddersen

LGBTI*QA ist breitgetretener Quark

Beim Kürzel LGBTI*QA geht es nicht nur um Identitätssuche. Sondern es geht auch darum, sich als Opfer fühlen zu dürfen.

Auf einer der ersten deutschen Demonstrationen, die sich ausdrücklich in die Tradition der New Yorker Aufstände von Homosexuellen und Trans*Menschen des Jahres 1969 gegen polizeiliche Willkür und Korruption stellte, machten etwa 300 Menschen mit – die meisten schwul, lesbisch, zwei Trans*Personen waren auch zugegen.

Das war in Bremen und nannte sich „Karneval“. Das Kürzel LGBTI* gab es damals noch nicht, es hat sich erst in den vergangenen zwanzig Jahren zu popularisieren begonnen, vor allem in Behörden, die Förderanträge für schwule oder lesbische oder trans*-Projekte zu betreuen haben: Wer staatliche Zuschüsse will, muss mehr als sich selbst meinen.

In dieser Chiffre steckt der gewiss auch gutgemeinte Wille, anzunehmen, dass die aktivistischen Kerne der politischen Bewegung gegen den sogenannten Heterosexismus (die Vokabel für die Kritik an der Annahme, die Welt sei in der Geschlechterordnung nur nach dem Frau-Mann(-Kind)-Schema denkbar) nicht nur schwule Männer und lesbische Frauen kennen, sondern eben auch Menschen, die sich als trans* verstehen oder als intersexuell – also geschlechtswechselnd beziehungsweise gar das Geschlecht zu benennen verweigernd, oder einem Geschlecht schwer zuzuordnen.

Der legendäre Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld nannte das alles „Zwischenstufen“, es gab also schon in der Weimarer Republik ein starkes Wissen, dass es unter dem Himmel mehr als lediglich Männer und Frauen naturhaft gegengeschlechtlichen Begehrens gibt.

Foto - Taz.de

Homophober Beigeschmack

LGBTI* hat, wie angezeigt, noch ein Sternchen angehängt bekommen, und das meint, von diesem Kürzel mögen sich auch alle angesprochen fühlen, die irgendetwas dazwischen sind. Das alles, richtig, ist sehr kompliziert – und außerdem heißt es im Deutschen LSBTI*, weil das G für gay steht, und gay, englisch: fröhlich, steht in den USA für schwul, im Deutschen jedoch wollten es nur jene nutzen, die vom schroffen, schmähenden Klang des Wortes „schwul“ abgestoßen waren oder von diesem homophoben Beigeschmack nicht infiziert werden wollten.

Die Sache ist jedenfalls sehr kompliziert: Zumal die Urfassung der Chiffre LSBTI vor allem darauf berechtigterweise Rücksicht nahm, dass inzwischen auch Trans*- und Inter-Personen öffentlich repräsentiert sein wollten. In auch einst üblichen Sprachformen wie „schwulesbisch“ oder „lesbischwul“ war das ja nicht der Fall. Was all diese Formeln aber eint, ist, dass sie bürgerrechtlich, nicht ideologisch oder identitär gemeint waren.

Schwule und Lesben wollten keine Gesetze mehr gegen sich dulden (bei männlichen Homosexuellen der erst 1994 vollständig abgeschaffte § 175), Trans* und Inter beanspruchten, nicht mehr Objekte von Medizin und Psychiatrie zu sein – sie wollten selbst mehr als nur ein Wort mitreden bei dem, was für sie wichtig ist.

Und dennoch ist die Chiffre selbst ein Horror – denn, so darf, ja so muss man fragen: Ist es nicht begreiflich, dass Heteros (männlich, weiblich oder in welchen Mixturen auch immer) das alles nicht verstehen? Es gibt Schwule und Lesben, und dass es Trans* gibt, hat sich auch schon herumgesprochen, ebenso, dass das eigene Kind, wenn es einem Geschlecht nicht zuzuordnen ist, nicht Gegenstand von zwangsoperativen Eingriffen wird. Heteros verstehen, so ist zu hören, dass die Güte von Lebensweisen sich an Rechten bemisst, vor allem an jedwedem Fehlen diskriminierender Rechtsprechung.

Problematisch wird nur, wenn an diese LGBTI*-Chiffre nun irgendwie auch noch Buchstaben wie Q und A angehängt werden.

Lustlosigkeit als Haltung

Okay, Q heißt queer – und bedeutet für manchen, dass es ein Sammelbegriff ist für alle, die nicht der heterosexuellen Ordnung sich zurechnen (können oder wollen). Als ein politisches Programm nach Gusto Judith Butlers möge das nicht ausgelegt werden: Queer ist wirklich nur – wenn auch nicht queertheoretisch astrein – ein Begriff für das Sammelsurische.

Q steht freilich auch für den Umstand des „Questioning“, für Menschen, die an ihre Art des sexuellen Begehrens noch viele Fragen haben. Klar, dass sie in das Kürzel der Erwähltheit LGBTI*Q – so wird es in den entsprechenden queeren Szenen gern empfunden – aufgenommen sein möchten: Es signalisiert nun nicht mehr nur die Forderung nach rechtlichen Gleichstellungen, sondern die Möglichkeit, sich auch als Opfer (gern: des „Heterosexismus“) zu fühlen.

A hingegen will das auch: Es steht für Asexualität, Lustlosigkeit, und weil von der behauptet wird, dass sie auch eine Haltung gegen den heterosexuellen Traditionskomplex sei, möge sie ebenso in die opferistische Kürzelwendung mit integriert (sorry: inkludiert) werden.

Fragen, dass Lustarmut am Sexuellen eventuell einfach nichts bedeutet, außer dass jemand keine Lust hat, jemand anderem an die Wäsche zu gehen oder sich von ihr/ihm an die Wäsche gehen zu lassen, verbieten sich. Die heterosexuelle Struktur, wie sie fantasiert wird, ist eine dauergeile und erregungsfordernde – was zwar Unfug ist, aber als Stereotyp blendend jeden Smalltalk trägt.

Kein körperlicher Klang

Denn darum geht es stets: Benachteiligt, übersehen, übergangen oder exkludiert zu sein und dies in eine Formel („Große Erzählung“) bringen zu können, ist von schwerer Münze (auch in Anträgen an staatliche Stellen, die um Förderung buhlen).

Insofern: Die zu LSBTI*QA mutierte – ja entgrenzte – Formel markiert nicht mehr ein politisches, sondern ein identitäres Programm, das nicht mehr nach Politiken, nach Rechten und Rechtslagen fragt, sondern nach Einverständnis mit einer Welt, in der die Geschlechter sich auflösen, nur noch als konstruierte scheinen – und alles abgelehnt wird, was irgendwie schlicht und ergreifend heterosexuell sich äußert. Etwa eine Frau, die einen Mann will und mit diesem zusammen ein Kind oder gar mehrere. Ein Verblendungszusammenhang – schwer der Heteronormativität, ließe sich spötteln, auf den Leim gegangen!

Was an dieser beinah grenzenlosen Formel LGBTI*QA am heftigsten stört, ist freilich, dass sie in Wahrheit niemanden aufregt. „Ich bin schwul“ oder „Ich bin lesbisch“ oder „Ich bin trans*“ – das hatte noch körperlichen Klang, der zu provozieren wusste, der auf Resonanz setzte – da steckte noch alle Ängstlichkeit vor „sexual otherness“ drin, das mutete den Adressaten zu, sich den eigenen Fantasien von Furcht und Nichtidentifikation zu stellen.

Aber LGBTI*QA? Das ist breitgetretener Quark, der das Flüchtigste artikuliert, das es gibt: Identitäres. Dabei geht es vor allem um Rechte und das Politische zu ihrer Erlangung. Der Rest ist Privatsache.


Ehe für alle heißt noch lange nicht Akzeptanz - EIN KOMMENTAR

Martin Sommer / die LINKE-Saarland -  kann die Euphorie über die kommende Gleichstellung nicht verstehen. Er fordert einen Neustart der LGBT-Bewegung.

Ja, es ist ein großer Erfolg, dass die Ehe auch für schwule und lesbische Paare geöffnet wird. Kein Sonderstatus mehr für Homosexuelle, sondern endlich gleiche Rechte. Ja, es ist großartig, dass eine so große Mehrheit der Bevölkerung hinter der Ehe für alle steht, wenn man den Umfragen wirklich glauben kann. Und dass die SPD den Mut findet, eine schon lange vorhandene Mehrheit im Bundestag für dieses Vorhaben auch zu nutzen, ist gut.

Euphorie will sich bei mir dennoch nicht einstellen. Das liegt schon an der Art und Weise, wie dieser Fortschritt zustande kam: Rund drei Monate vor der Bundestagswahl wollte die Kanzlerin ein für sie leidiges Thema "abräumen". Und die SPD, die immerhin rund 14 der letzten 17 Jahre an der Bundesregierung beteiligt war, wollte jetzt, kurz vor der Wahl, wenigstens ein einziges Mal ein wenig Unabhängigkeit von Merkel demonstrieren.

Auch wenn eine rot-rot-grüne ebenso wie eine rot-grün-gelbe Zusammenarbeit ab September schon rechnerisch kaum möglich scheint und eine Koalition der SPD mit der Linken auch inhaltlich wenig wahrscheinlich ist. Eigentlich kann die SPD heute nur darauf hoffen, dass Merkel sie noch einmal als Juniorpartner an die Regierung lässt. Aber die Ehe für alle soll das noch einmal verschleiern. Am Ende kommt die Ehe-Öffnung nicht als Akt der Befreiung und nicht als Bürgerrechts-Reform aus Überzeugung – sondern als taktisches Wahlmanöver.

Foto - Berlin.de


Gerichte sorgten für die kleinen Schritte Richtung Gleichstellung

Nun könnte man natürlich sagen: Egal wie – Hauptsache die rechtliche Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare kommt überhaupt. Und tatsächlich ist es beeindruckend, wie viel sich in den vergangenen Jahren getan hat. Noch bis in das Jahr 2000 durften Homosexuelle nicht Berufssoldaten werden und bei der Bundeswehr weder als Vorgesetzte noch als Ausbilder arbeiten. Dieses Verbot hat nicht der damalige sozialdemokratische Verteidigungsminister Scharping freiwillig und auf eigene Initiative aufgehoben, das wurde erst durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts möglich.

Foto - Berlin.de

Als ich mich vor elf Jahren verpartnern ließ, gab es für uns als neues gemeinsames Recht eigentlich nur das Zeugnisverweigerungsrecht – wir müssen seitdem nicht gegeneinander vor Gericht aussagen und haben von diesem Recht noch nie Gebrauch gemacht bzw. machen müssen. Die Gerichte, nicht die Politik, haben dann in den letzten Jahren die Diskriminierung eingetragener Lebenspartnerschaften bei Hinterbliebenen-Versorgung, Erbschaften und der Einkommenssteuer beendet. Und jetzt gab es – erstmals in der Geschichte der Schwulen-und Lesbenbewegung in Deutschland – einen richtig machtvollen gesellschaftlichen Druck für die Ehe-Öffnung. Für viele junge Menschen, die sich selbst als links definieren, war die Ehe für alle eines der zentralen Anliegen ihres Engagements.

Noch lange nicht im Homo-Paradies

Und, war's das jetzt? Leben wir nun bald alle im Homo-Paradies, weil auch schwule und lesbische Paare dieselbe Ehe schließen können wie Heteros? Nein, noch lange nicht! Die Ehe auch für Homosexuelle hatte auch deshalb so viel Zuspruch, weil sie eigentlich eine ziemlich bürgerliche, ja konservative Forderung ist.

Der ehemalige Bundespräsident Gauck beispielsweise hat erklärt: "Wenn homosexuelle Menschen das gleiche Recht erhalten, in einer rechtlich verbindlichen Partnerschaft zu leben, gibt es ihnen die Chance, ein gleichwertiges Leben in Liebe und Partnerschaft zu führen." Als wenn Schwule und Lesben ohne denselben Trauschein wie Heterosexuelle zu haben, kein "gleichwertiges Leben in Liebe und Partnerschaft" führen könnten. Gleichwertigkeit gibt es also nur, wenn man sich der bürgerlichen Ehe in Monogamie unterwirft?

Und wie passt es zusammen, dass zwar Umfragen zufolge über 70 Prozent der Deutschen für die Ehe für alle sind, aber es laut der Studie "Die enthemmte Mitte" über 40 Prozent "ekelhaft" finden, wenn sich gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit küssen? Noch immer ist "schwule Sau" das schlimmste Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen und mehr als die Hälfte der homosexuellen Jugendlichen hat üble Nachrede und Mobbing Gleichaltriger erlebt, körperliche Gewalt aufgrund ihrer sexuellen Identität rund 14 Prozent.

Akzeptiert wird Anpassung, nicht Vielfalt

Da seit Jahren die Gleichstellung erwachsener Homo-Paare in den Fokus gerückt worden ist, blieben die Bedürfnisse der jüngeren und alleinlebenden Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender weitgehend unbeachtet. Union und SPD haben es jetzt fertiggebracht, im Zuge der überfälligen Rehabilitierung und Entschädigung derjenigen schwulen Männer, die in der Bundesrepublik auf Grundlage des Paragrafen 175 verfolgt wurden, die Diskriminierung Homosexueller festzuschreiben, indem sie andere Schutzalters-Grenzen für Homosexuelle als für Heterosexuelle festgelegt haben. Damit bedienen sie das uralte Vorurteil: Schwul ist man nicht, man wird es durch bösen Einfluss.

Akzeptiert wird von der heutigen Mehrheitsgesellschaft also weniger der einzelne schwule, lesbische oder bisexuelle Mensch und schon gar nicht Homosexualität als gleichwertig gegenüber der Heterosexualität. Akzeptiert wird nicht die Buntheit und Vielfalt der Gesellschaft, sondern nur der Versuch von Minderheiten, sich einzuordnen und nicht weiter aufzufallen. Solange ein schwuler Mann nur hübsch heiratet, monogam lebt und in der Öffentlichkeit nicht "seine Sexualität zur Schau stellt", ist alles gut. Respekt sieht anders aus.

Wenn die Ehe für alle beschlossen ist, verliert der LSVD seine letzte verbliebene zentrale Forderung und die CSDs landauf, landab müssen sich wohl oder übel neue Mottos überlegen. Das zeigt nur eines: Es wird Zeit für einen Neustart der LGBT-Bewegung. Denn was wirklich fehlt, ist eine selbstbewusste und unabhängige Vertretung von LGBT-Anliegen – abseits von parteipolitischen Erwägungen und ohne scheue Blicke auf die Regeln und Normen der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft.

Foto - Köln.de

Das Verschwinden der schwul-lesbischen Communitys

Jetzt rächt es sich, dass die Diskussion über viele Jahre hinweg auf die Ehe beschränkt wurde und eine eigenständige schwul-lesbische Community in den meisten deutschen Städten und Regionen kaum noch existiert. Ich spreche natürlich nicht von Berlin, Hamburg, München oder Köln. Aber ist es wirklich ein Fortschritt, dass anderes, queeres Leben außerhalb von solchen Metropolen kaum noch sichtbar ist? Dass Homo-Bars, Clubs und Cafés mehr und mehr verschwinden und Schwule und Lesben sich stattdessen meist allein und anonym im Internet verabreden?

Ist es wirklich Befreiung, wenn Homos ganz in der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft aufgehen – und im Gegenzug kaum noch eigene queere Fragestellungen und Lebensentwürfe erkennbar sind? Sind eigene Rückzugs-Räume, an denen man nicht auf das Wohlwollen der heterosexuellen Mehrheit angewiesen ist, und Orte, an denen aus einzelnen lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgender Menschen eine Community entstehen kann, wirklich gleichzusetzen mit Abschottung und Ghettoisierung?

Die verbliebene durchkommerzialisierte Hochglanz-Szene – auch im Internet – lässt kaum Platz für all diejenigen, die nicht jung, schön, stets gestylt und vermögend sind. Nach dem Engagement für die Ehe-Willigen wäre es an der Zeit, sich auch diesen Fragen anzunehmen.


Sogar nachträglich diskriminiert        

Taz.de/ Jan Federsen

Union und SPD fädeln in die Jahrzehnte verspätete Wiedergutmachung eine ungeheure Unterstellung ein: dass alle Schwulen Päderasten seien.

Der Bundestag wird heute endlich das Gesetz verabschieden das die Opfer des bis 1994 geltenden Paragrafen 175 nicht nur rehabilitiert, sondern auch – mit viel zu kleinen Summen – entschädigt. Allerdings hat diese von Linken und Grünen schon vor 13 Jahren lancierte Initiative inzwischen einen bitteren Beigeschmack.

Selbst jetzt noch versuchen Union und SPD, diskriminierende Vorurteile gegen Schwule zu verbreiten   Foto: dpa

CDU/CSU und SPD setzten im Rechtsausschuss des Bundestags durch, dass diese Rehabilitation nur für jene Männer gilt, die nicht mit männlichen Personen unter 16 Jahren Sexuelles teilten. Das diene nachträglich dem Jugendschutz. In Wahrheit lugt in dieser groß Koalitionären Präzision dessen, was Sache ist, der alte Vorwurf hervor, Schwule seien eigentlich alle Päderasten, Kinderschänder, denen man mit Jugendschutzparagrafen beikommen müsse.

Denn: Die Schutzaltersgrenze für Heterosexuelle lag damals bei 14 Jahren – also werden in diesem Rehabilitationsgesetz homosexuelle Männer nachträglich diskriminiert. Und davon abgesehen, dass es keine Strafakten mehr gibt – sie sind so gut wie alle in den Behörden geschreddert worden –, müssen die eigentlich zu entschädigenden Opfer nachweisen, dass sie wirklich keine Pädos waren.

Foto - Queer.de

Dabei sind die in Strafregistern noch erfassten Delikte eben jene nach Paragraf 175 – die den Jugendschutz und Sexualität mit minderjährig Abhängigen betreffenden Strafen sind die nach den Paragrafen 174 und 176. Um diese ging es aber nie. Was der Bundestag mit SPD-Hilfe beschließen soll, ist eine vergiftete Wiedergutmachungsleistung.

Diese Debatte ist ein Vorgeschmack auf die in der nächsten Legislaturperiode sicher geführte Debatte über die „Ehe für alle“. Auch hier werden die Unionsparteien die Ressentiments gegen Homosexuelle abrufen. Und vermutlich auch die SPD, die offenbar keine Courage hat, sich der eigenen Geschichte der Homophobie zu stellen. Stattdessen bezieht sie sich immer noch auf das Bild vom Schwulen als Jugendverderber. Bewusst oder unbewusst.


„Ich wünsche mir eine wahrhaft perverse Sexualpolitik“ von Judith Sevinc Basad

Autoritäre Sehnsüchte, Sprechverbote und Bußrituale: Die Polittunte Patsy l’Amour laLove kritisiert in ihrer Anthologie „Beißreflexe“ totalitäres Verhalten in der queeren Bewegung. Wir haben mit der Autorin gesprochen.

Patsy l‘Amour laLove ist Geschlechterforscherin, Publizistin und Organisatorin zahlreicher wissenschaftlicher und kultureller Veranstaltungen. Im März 2017 veröffentlichte sie den Sammelband „Beißreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“. Das Buch löste vor allem in der queeren Szene heftige Debatten aus.

In deiner Anthologie beschreiben die Autoren haarsträubende Szenen. So mussten sich an einem queeren Großevent im Jahr 2013 einzelne Aktivisten von ihren Dreadlocks und Tunnelohringen trennen, weil die Modeaccessoires als rassistisch empfunden wurden. Wie weit verbreitet sind solche Vorfälle unter den Queers?

Patsy l'Amour laLove                                                     Foto: Alexander Heigl/Klidoris Belmont


Bei queerfeministischen Events sind diese Vorgaben, wie man sich richtig zu kleiden und zu frisieren habe, in den letzten Jahren zunehmend präsent. Und die Regularien werden vielfältiger. So gab es beim Berliner Queer Zine Fest eine ganze Liste mit Verboten. Da ging es um Schmuck und um Aussagen oder Fragen, wegen derer man vom Treffen fliegen sollte. Der harsche Angriff auf diejenigen, die dem jeweiligen Regelkatalog nicht genau genug folgen, ist viel weiter verbreitet, als ich das vor der Veröffentlichung von Beißreflexe dachte. Ich bekomme im Moment haufenweise Mails, in denen Leute davon berichten, wie sie an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer Politgruppe heftig gemobbt und öffentlich vorgeführt werden. Teilweise sind das richtige Hilferufe.

„Beißreflexe“ wurde innerhalb von drei Monaten drei Mal neu aufgelegt. Ein Erfolg, der nicht ohne harsche Kritik und sogar Gewaltandrohungen einherging. Wie erklärst du dir die große Nachfrage und die heftigen Reaktionen?

Ich denke, dass es bei diesem Buch wie bei anderen auch ist: Den Trend, sich von diesem autoritären Aktivismus abzuwenden, gab es schon und so kam „Beißreflexe“ zum richtigen Zeitpunkt. Für viele politisch Aktive wurde eine Sprachlosigkeit aufgebrochen, bei einigen fand ein Umdenken statt. Sie lavierten vorher in einer Unentschiedenheit, die nun bei vielen glücklicherweise einer entschiedenen Kritik weicht.

Bei deinen Beschreibungen des Queerfeminismus‘ verwendest du häufig christliche Metaphern. Du schreibst über „inquisitorischer Macht“, über „Sünden“ und „Bußrituale“. Was hat es mit dieser sprachlichen Nähe zur Religion auf sich?

Die Verwendung religiöser Begriffe passt zum religiös anmutenden queeren Aktivismus. Dort geht es hauptsächlich darum, sich moralisch rein zu halten oder wie es dort heißt: progressiv, subversiv und radikal zu sein. Man möchte ein besserer Mensch sein, was ja auch nachvollziehbar ist. Nur äußert sich im queeren Aktivismus die Sehnsucht nach dem großen, heilbringenden Kollektiv und wird nicht reflektiert. Die Fantasie eines Kollektivs ist entlastend, weil man ihm die Verantwortung über das eigene Handeln und Denken übertragen kann. Das ist wie in einer Religionsgemeinschaft. Eine weitere Ähnlichkeit ist die übermäßige Identifizierung mit den Inhalten, was bei politischen Diskussionen zunächst merkwürdig anmutet. Kritisiert man eine queere Position, dann fühlen sich queere Aktivist_innen, oft sogar Professoren, davon persönlich verletzt. Damit wird eine Auseinandersetzung mit dem Argument gekonnt abgewehrt, es geht nur noch um persönliche Empfindungen. Das erinnert an die Behauptung, man würde religiöse Gefühle verletzen, wenn man Religionskritik übt. Auch queere Ansätze sind heilige Kühe, deren Wahrheitsanspruch nicht hinterfragt werden dürfen.

Wieso hat die queere Szene ein Problem damit, den Islam zu kritisieren?

Das hat mit einerseits dem queeren Privilegienansatz zu tun. Aus einer sogenannten westlichen Perspektive dürfe man keine Kritik an islamischen Regimen und ihrer Schwulenverfolgung äußern. Was allerdings eine Verweigerung von Solidarität ist. Und andererseits lehnt queerer Aktivismus eine vehemente Religionskritik ab, besonders hinsichtlich des Islam. Es gibt eine spezifische queere Sexualfeindlichkeit, zu der die Faszination für eine Religion, in deren Namen Frauenkörper bedeckt werden sollen, doch sehr gut passt.

Bewegungen wie „Critical Whiteness“ stehen häufig wegen ihrer Betroffenheitspolitik in der Kritik. Was ist problematisch daran, wenn man Personen auffordert, über ihre „weißen Privilegien“ nachzudenken?

Man kann ja zu allen möglichen Dingen auffordern, die Frage ist doch, wozu das führen soll. Zunächst sollte man sich fragen, was genau Privileg zu bedeuten hat und ob das nicht nur als eine Art neues schlechtes Gewissen ins Feld geführt wird. Darüber hinaus verweilt die Forderung nach einer Reflexion über Privilegien in sich selbst und bietet keine wirkliche Reflexion. Viel wichtiger ist es, sich mit Diskriminierung auseinanderzusetzen, mit der Geschichte des Hasses und damit, dass sich Unterdrückung nicht bloß anhand von konkreten Personen äußert, die man dann ablehnen oder zu subversiven Subjekten stilisieren kann. Außerdem kommt man mit Empathie auch politisch viel weiter als mit schlechtem Gewissen………..

Weiter lesen? Klick das Bild an

Grüne Todessehnsucht ( ZEIT online – Ludwig Greven )

Möchten die Grünen aus dem Bundestag fliegen? Wer angesichts der Weltlage die Homoehe zur Koalitionsbedingung macht, zeigt, daß er nicht gewählt werden will.

Es gab einmal eine Zeit, da plakatierten die Grünen vor einer Bundestagswahl: "Alle reden von der Einheit. Wir reden vom Wetter." Das war 1990. Die (West-)Grünen flogen daraufhin aus dem Bundestag. 1998 forderte die Partei im Wahlkampf, dass der Liter Benzin fünf Mark Kosten solle. Joschka Fischer tobte. Die Grünen schafften es nur knapp in die Koalition mit der SPD. 2013 wiederholte es sich ähnlich: Diesmal propagierten sie den Veggie-Day. Die Wähler fanden es wieder nicht lustig. Das Ergebnis war entsprechend. 

Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir während des Grünen-Parteitags                         © Steffi Loos/Getty Images

Gelernt aber haben die Grünen aus alldem offensichtlich: Nichts. Die Welt muss sich mit Donald Trump auseinandersetzen; islami­s‍tische Terrori­s‍ten versetzen die Menschen überall in Angst; das Pariser Klimaabkommen wackelt; an der Grenze Europas herrscht in Syrien ein entsetzlicher Krieg vor dem Millionen Menschen fliehen; die EU steckt in einer tiefen Krise; die Bürger fürchten sich vor der Globalisierung und laufen Fremdenfeinden und Nationalisten nach.

Doch was machen die Grünen? Sie erklären allen Ern­s‍tes die Homoehe zur unverzichtbaren Voraussetzung für eine Koalition  mit ihnen. Haben die keine anderen Sorgen?

Sie sollten andere haben. Denn wie schon 1990 taumeln sie dem parlamentarischen Aus entgegen. Keiner möchte im Moment darauf wetten, dass die Grünen auch dem nächsten Bundestag angehören werden. Geschweige denn, dass sie für irgendeine Koalition gefragt sein werden. Wie denn auch, in dieser Verfassung, mit solchen Botschaften und diesem Führungspersonal?

Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir, die beiden Spitzenkandidaten, bemühten sich auf dem Parteitag an diesem Wochenende, den Mitgliedern Mut zu machen. Wird schon alles nicht so schlimm, wie es die Umfragen vorhersagen, lautete ihre trö­s‍tende Botschaft. Hauptsache, wir halten an unseren Zielen fest.

forcus.de

Die Selbstbeschwörung verfing nicht. Viele Grünen-Mitglieder ahnen, daß die Lage der Partei in Wahrheit noch weit schlimmer ist. Im zwölften Jahr ihrer Opposition im Bund hat die ein­s‍tige selb­s‍terklärte Volkspartei noch immer kein klares Konzept für die Zukunft, kein zündendes Programm und keine überzeugende Führung. Stattdessen ergeht sie sich wie eh und je in Flügelkämpfen und Eskapismus.

Ohne Zweifel: Die volle Gleichberechtigung von Homosexuellen und anderen Minderheiten gehört zu den Kernpunkten einer Partei, die sich als Vertreterin der Bürgerrechte versteht. Die Grünen haben hier verdienstvollerweise viel erreicht. Homosexuelle Partnerschaften sind, auch dank Mithilfe des Bundesverfassungsgerichts, der Ehe bis auf das Adoptionsrecht praktisch gleichgestellt. Was noch fehlt, ist die formelle Gleichstellung.

Dass die Grünen das aber jetzt in den Mittelpunkt ihrer Kampagne stellen, unterstreicht, dass sie ihre Wahlpleiten der Vergangenheit nicht verstanden haben. Und auch nicht die Sorgen und Wünsche der Mehrheit der Bürger. Erfolg haben kann auf Dauer aber nur der, der Politik nicht alleine für seine eigene Kernklientel macht. Zumindest wenn er nicht enden will wie die FDP im Jahr 2013. Die flog damals aus dem Parlament.

Vielleicht wollen die Bundes-Grünen ja gar nicht regieren. Womöglich hat sie längst die alte Krankheit der SPD erfaßt, die Angst vor der Macht und der Verantwortung – auch für schmerzhafte Kompromisse und Abstriche am eigenen Programm. Umso verlockender ist dann der Verbleib in der Daueropposition, in der eine Partei zwar wenig bewirken, aber umso mehr ihre Prinzipien hochhalten kann. Frag nach bei der Linken.

Oder die beiden Spitzenkandidaten sind eine Fehlbesetzung. Göring-Eckardt und Özdemir sind zwar noch vergleichsweise jung und überzeugte Realpolitiker. Aber sie gehören schon ewig zur Führung der Grünen, sie sind in vielen innerparteilichen Kämpfen verschlissen. Sie wirken – im Gegensatz zu munteren Hoffnungsträgern wie Tarek al-Wazir in Hessen und Robert Habeck in Schleswig-Holstein – grau und konturlos. Sie vermögen es nicht, der Partei Orientierung und eine neue Perspektive zu geben. Und den Bürgern einen einleuchtenden Grund, weshalb sie am 24. September ausgerechnet die Grünen wählen sollen.

ntv-de

Regulierungswahn wie eh und je

Denn vieles, was die Grünen einst pionierhaft forderten, wie den Atomaus­s‍tieg, die Energiewende oder ein modernes Staatsbürgerschaftsrecht, mehr Weltoffenheit und gesellschaftliche Vielfalt, ist längst auch Allgemeingut der anderen Parteien geworden. Und zum Teil Realität. 

Die Grünen schaffen es jedoch nicht, ihre Botschaft der Nachhaltigkeit in die Jetztzeit zu übertragen. Wie lassen sich Energiewende und Digitaltechnologie kombinieren, etwa in Form von Hightech-Stromnetzen oder Apps, die den Energieverbrauch daheim effizient, umweltgerecht und ko­s‍tengün­s‍tig steuern? Das sind Fragen, mit denen sich der künftige Kieler Umwelt-, Agrar-, Energiewende- und Digital-Multimini­s‍ter Habeck beschäftigen wird.

Hoch lebe der programmatische Absolutismus

Die Bundespartei dagegen bleibt ihrem Regulierungswahn treu. Sie will den Bürgern unverdrossen vorschreiben, wie sie zu leben haben, und der Wirtschaft, was und wie sie zu produzieren hat: Von 2030 an sollen nur noch abgasfreie Autos zugelassen werden, auch wenn der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann als Vertreter des Autolandes Baden-Württemberg schäumt. Die 20 dreckigsten Kohlekraftwerke wollen die Grünen sofort stilllegen – egal, woher dann der Strom kommt. Denn ausreichende Leitungen und Speicher für den alternativ erzeugten Strom müssen erst noch gebaut werden. Atomstrom aus Frankreich oder anderen Ländern importieren wollen die Grünen aber auch nicht. 

Koalitionspartner werden die Grünen mit alldem in Berlin nicht finden, wenn sie nach der Wahl überhaupt genug auf die Waagschale bringen werden: Die CDU lehnt die Homoehe ab. Und die Partei wird Deutschland und seine Wirtschaft nach dem Ende der Atomenergie nicht in ein Chaos auch noch ohne Kohlestrom stürzen – genau so wenig wie die SPD.

Wie es anders geht, haben die Grünen gerade in Schleswig-Holstein vorgemacht. Sie sind ohne Koalitionsfestlegungen und ohne rote grüne Linien in die Landtagswahl gegangen und haben damit große Erfolge erzielt: bei der Wahl und in den Jamaika-Koalitionsverhandlungen. In Nordrhein-Westfalen, wo die Grünen noch stark der schlechten grünen Tradition verhaftet sind, sitzen sie dagegen wieder in der Opposition. 

Beißreflexe ?

Die queer-feministische Gender – Stasi ( von Peter Rehberg / Zeit online )

Queer – das bedeutete mal Freiheit. Heute dominieren Sprechverbote und Aktionismus. Das jedenfalls beklagen die Autoren des erfolgreichen Essaybands "Beißreflexe".

Eigentlich war queer das letzte Zauberwort, dem noch ein Rest des Freiheitsversprechens der 68 er anhaftete. Beflügelt von Michel Foucaults Michel  historischer Analyse von Sexualität und Judit Butlers Auffassung von Geschlecht als performativ, versprach eine queere Kritik, die einengenden Panzer von Geschlecht und Sexualität – die wir als "natürlich" verkennen – aufzubrechen und damit Liebe und Begehren wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Unsere Körper sollten sich in neuen, ungeahnten Bahnen bewegen und nicht länger durch so fantasielose Konstruktionen wie Männlichkeit und Weiblichkeit, Heterosexualität und Homosexualität eingekerkert werden. Daß mit solchen unvorhersehbaren Fluchtlinien des Verlangens nicht nur das private Glück, sondern auch eine neue Politik auf dem Spiel stand, versteht sich von selbst.

Umso erstaunlicher, dass Queere in der deutschen Hochschul- und Aktivi­s‍tenszene inzwischen ganz anders zum Einsatz kommt. Hier ist nicht etwa ein kulturelles Labor emotionaler und libidinöser Experimente entstanden, sondern es hat sich stattdessen eine autoritäre Blockwartmentalität breitgemacht. So jedenfalls lautet die Diagnose in Beißreflexe: Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten.

Patsy l’Amour laLove, Herausgeberin des Buches "Beißreflexe" © Dragan Simicevic Visual Arts

Das Buch greift viele Fragen auf, aber zwei Themen sind vor allem von Bedeutung: Zwar behaupten Duggan und Puar, alle Formen von Unterdrückung berücksichtigen zu wollen. Auf mehr oder weniger offensichtliche Weise führt ihre Kritik an etablierten lesbischen und schwulen Lebensformen aber zu einer Hierarchisierung von Diskriminierungserfahrungen, so die Autoren von Beißreflexe. Deutlich wird das, wenn man sich das komplizierte Verhältnis von Lesben, Schwulen und Muslimen anguckt. In der queer-femini­s‍tischen Szene hat sich Duggan und Puar folgend die Meinung durchgesetzt, so Patsy, daß Rassismus und Islamophobie heute größere Probleme dar­s‍tellen als Homophobie und Sexismus. "Unter Liberalen und Linken wird der politische Islam als Problem häufig verleugnet", schreibt sie. "Eine breite Aufklärung gegen Rassismus und Islam sucht man vergeblich."


Noch grundlegender ist der zweite Punkt, den Patsy & Co zu Recht ins Zentrum ihrer Analyse rücken. Die Vorstellung nämlich, es gäbe überhaupt eine Form von Subjektivität, die sich außerhalb von Herrschaftsverhältnissen positionieren könnte. Ein moralisch einwandfreies Wesen, vollkommen frei von Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie. Ein queerer Unschuldsengel. Eben dieser Fantasie von Reinheit und Gewissenhaftigkeit verdankt sich die inquisitorische Atmosphäre, die sich innerhalb der queer-femini­s‍tischen Szene breitgemacht hat. Aus ihr folgt auch die Forderung nach verletzungsfreien Räumen; safe spaces, der universitäre Seminarraum zum Beispiel, in denen das Trauma der Diskriminierung nicht erneut "getriggert" wird.

Homonormativität und Homonationnalismus

Dieses Milieu – eine Art von ideologischer Wellneßlandschaft – wird in Beißreflexe zu Recht kritisiert. Denn in der Konsequenz führt eine solche Kultur dazu, daß hier jeder nur noch für sich selbst sprechen darf. Identitäten werden durch Leiderfahrungen als authentisch verifiziert; eine Form der Verkörperung, die keinen Raum mehr für Brüche, Witze oder das Unbewußte läßt. Geschweige denn für Streit und den Au­s‍tausch von Argumenten. .................

Mehr wenn du das Bild anklickst


Was fasziniert Schwule, Lesben und Trans*menschen an der AfD?

Warum ist die Politik der AfD oder Marine Le Pens auch für LGBTs attraktiv? Dazu äußert sich am 06.06. in Berlin u. a. Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß, dem wir vorab ein paar Fragen stellten

Unter der Überschrift „Schwule in der AfD? Marine Le Pen und die Gay-Lobby?" lädt das Team der Kunsthalle am Hamburger Platz vom 06. bis zum 09.06. zu einer kleinen Veranstaltungsreihe: In Diskussionen, Filmbeiträgen und einer Ausstellung geht es u. a. um Fragen nach Homonationalismus, rechts-konservativen Widerständen gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, aber auch um den Weg zu einer guten Diskussionskultur.

(Foto swr.de)

Zur Debatte äußern sich am 06.06. der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß (u. a. Mitautor von „Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität: Kritische Perspektiven"), der Künstler Rüzgâr Buşki und Aktivistin Tal Iungman. Wir haben vorab Heinz-Jürgen Voß gefragt wie er die Attraktivität der AfD und rechtspopulistischer Strömungen für LGBTs einschätzt

Die AfD-Spitzenkandidatin ist mit Alice Weidel eine Lesbe, es gibt auch trans* Leute, die sich in der AfD engagieren. Weist die Überschrift „Schwule in der AfD?“ also in die richtige Richtung?  Ja und nein, wobei die Überschrift nicht von mir ist. Auch heterosexuelle, schwule, lesbische, asexuelle und trans* Leute können rassistisch und antisemitisch sein. Das gilt auch für Cis-Lesben. Und man kann hier Spaltungen von Gruppen und ähnliches beobachten, weil sich die Mehrheit mit solch ausgrenzenden Positionen nicht gemein machen möchte. Auch die Mehrheit der Cis-Schwulen grenzt sich gegen offenkundige Antisemit*Innen und Rassist*Innen ab. Allerdings haben unter Trans* insgesamt und unter Cis-Frauen und -Lesben bereits viele Diskussionen zu Ausgrenzung, zu Rassismus, zu Antisemitismus und Nationalismus stattgefunden – seit den 1980er Jahren. Auch setzen sich Cis-Frauen-Lesben-Kontexte zum Beispiel mit eigener Transfeindlichkeit auseinander – wenn auch noch lange nicht ausreichend, wie etwa das gute aktuelle Buch von FaulenzA eindringlich zeigt. In schwulen Kontexten finden diese Debatten hingegen leider kaum statt. Ich kann mich hier noch an furchtbar transfeindliche Plakate in Berlin erinnern, die nicht zu einem Aufschrei in der Community geführt haben.

Was fasziniert schwule Männer an einer Partei wie der AfD? Pauschal trifft die Feststellung nicht zu. Es gibt eine ganze Reihe schwuler, lesbischer und queerer Leute, die sich gegen die AfD engagieren. Allerdings macht mir schon Sorge, was in Kommentarspalten schwuler Medien an rassistischen und antisemitischen Aussagen mittlerweile möglich ist.

Und es macht mir eine Haltung Sorge: „Es muss doch einmal gesagt werden“, wie es heute auch von Schwulen kommt. Gerade weiße Männer machen sich diesen Slogan zu eigen, mit dem Thilo Sarrazin, als einflussreicher Politiker, Bundesbanker, der Bücher in Millionenauflage veröffentlichen konnte, so getan hat, als sei er marginalisiert und würde nicht und nirgends sprechen können.

Schwule Kommentarspalten und Buchveröffentlichungen werden gewiss weniger gelesen, aber ich bin von dem bei Sarrazin abgeguckten Duktus erschrocken, dass gerade in der deutschen Gesellschaft weiße Männer besonders diskriminiert wären.

Die Gender Studies an Universitäten und Konzepte geschlechtlicher Vielfalt werden gerade zu neuen Feindbildern stilisiert. Warum verfängt das teilweise auch bei schwulen Männern? Die aktuellen Debatten um geschlechtliche und sexuelle Vielfalt waren durchaus vorhersehbar: Erst 1994 wurde der Strafparagraph 175 gestrichen. Bis dahin war es Selbstverständlichkeit an den Schulen, dass Homosexualität im Lehrplan als „Krankheit“ thematisiert wurde, von Inter* und Trans* wurde nicht gesprochen. Die aktuelle Gesellschaft hat sich für Toleranz und Akzeptanz zumindest in Bezug auf sexuelle und zum Teil geschlechtliche Fragen entschieden – und entwickelt nun nach und nach.

Interview: Andreas Scholz/Roberto Manteufel


Political Correctness 01.07.2017

Ihr verteidigt auch nur eure Privilegien

Die gut ausgebildeten Vorkämpfer des politisch korrekten Sprechens feiern Buntheit, Vielfalt und die große Inklusion. In Wahrheit etablieren sie bloß eine neue Norm der Herrschaft – und diskriminieren Minderheiten, die wenig zu sagen haben.


Der kanadische Premiermini­s‍ter Ju­s‍tin Trudeau, prominenter Privilegierter bei der Vancouver Pride Parade 2016. (Bild: Ben Nelms/Reuters)


Die Political Correctness ist eine ernste Sache. Das hehre Ziel des neuen korrekten Sprechens besteht darin, alle Individuen in den Diskurs mit einzubeziehen und niemanden zu diskriminieren, oder genauer: niemandem einen Grund zu geben, sich beleidigt zu fühlen. Die Welt der Korrekten ist darum todernst, Ironie absolut verboten.

Das Label LGBT+ lieferte damit die konkrete Färbung für das gesamte Feld. Es zwang alle, sich unter ihrem Banner zu vereinen.


Warum wählen Schwule und Lesben die AfD?  

von Juliane Löffler – Der Freitag

Nationalismus Auch Homosexuelle wenden sich rechten Populisten zu. Was sie dort wollen? Eine Spurensuche.

Wer wählt denn schon seinen Schlachter.“ Dies ist die wohl naheliegend­s‍te Reaktion auf die Frage, ob Homosexuelle die AfD wählen. Das schwule Szene-Heft Männer-Magazin hatte sich danach in einer nicht repräsentativen Umfrage erkundigt. Die Leserkommentare fielen entsprechend aus. Dann aber wurde die Frage anonym wiederholt und prompt wurde die AfD dritt­s‍tärk­s‍te Kraft, hinter den Grünen und der Linken. Heraus kam: 16,6 Prozent machten bei der „Alternative für Deutschland“ ihr Kreuzchen. Die Homosexualität auf der einen Seite – und auf der anderen eine Partei, die vor „Gender-Wahn“ warnt und die Drei-Kinder-Familie als Lebensziel definiert: Ist das kein Widerspruch?

Rechtspopulismus und Homosexualität? Paßt für viele seltsamerweise zusammen / Illustration: der Freitag


Der Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Frank-Chri­s‍tian Hansel, lebt mit seinem langjährigen brasilianischen Partner zusammen. „Die AfD ist nicht homophob“, sagt er. Der Satz ist ein Mantra der Partei.

Das Identifikationsangebot, in einem nationalen Kollektiv aufgewertet zu werden, verfängt an genau dieser Stelle. Letztlich ist ein zentraler Grund für die Orientierung nach rechts die soziale und ökonomische Klasse – und die ist mindestens ebenso wichtig wie die sexuelle Orientierung.


Kritik an der queer feministischen Szene - HAMBURG taz  ( 26.06.2017 )

Queere Maulkörbe

Die queer feministische Autorin Patsy l’Amour laLove hat mit „Beißreflexe“ eine scharfe Kritik an ihrer eigenen Szene vorgelegt. Dafür wird ihr gedankt und gedroht

Wenn der linke Buchladen im Hamburger Schanzenviertel, also der linke Buchladen, ein politisches Buch nicht im Sortiment führt, ist das schon ein Statement. Die Rede ist nicht von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ oder etwas Vergleichbarem – sondern von einem Sammelband der queerfemini­s‍tischen Aktivistin, Geschlechterforscherin und „Polit-Tunte“ Patsy l’Amour laLove.


Kann weh tun: Beißreflexe in der linken Szene  (Foto: dpa)

In den sozialen Netzwerken tobt der Mob: Twitter-User*innen nannten das Buch „vertextete Gewalt“, beschimpften die Herausgeberin als „Schwuchtel“, der man „das Maul stopfen“ müsse oder „die Zähne ausschlagen“ solle. Jemand drohte Gewalt mit dem Baseballschläger an, jemand anders rief zur Bücherverbrennung auf. Das Buch sei trans-feindlich, unsolidarisch, antimuslimisch- rassistisch, werfen sie der Herausgeberin vor.

Das Buch findest Du unter " Der Bücherwurm auf dieser Homepage


Kondomverbot wegen Triggergefahr ( Von Sebastian Bähr 25.05.2017

Die Drag-Künstlerin Patsy I` Amour laLove kritisiert den verkürzten Blick der Queer-Szene auf Kapitalismus und Gesellschaft.

Wann haben Sie sich von der queeren Szene losgesagt?

Als ich 2010 nach Berlin zog, stellte ich fest, dass es sich nicht um das Problem einer bestimmten Lokalszene handelt, sondern des queeren Aktivismus an sich. Egal in welcher Stadt ich war, es wurden Leute ausgeschlossen und Veranstaltungen gesprengt. (Unter dem Bücherwurm hier auf der Seite findest du das Buch zum Artikel )


Dragan Simicevic Visual Arts


In der GroKo keine Erneuerung  21.05.2017

Warum Schulz der falsche Mann am falschen Platz ist

Roland Appel, einst Fraktionsvorsitzender Grünen im Landtag von NRW, analysiert die Lage von Martin Schulz und SPD nach der Niederlage in Nordrhein-Westfalen.

Die SPD hat in Nordrhein-Westfalen das größte Wahldesa­s‍ter ihrer Parteigeschichte erlebt. Das ist bitter. Hannelore Kraft hat die Verantwortung übernommen und ist zurückgetreten. Die NRW-SPD ist gut beraten, sich nun in einem längerem Prozess neu aufzustellen.



© Axel Schmidt/Getty Images



Fleißige Ministerien Gesetzentwürfe als Wahlkampfmunition

von Peter Carstens Berlin - 21.05.2017

Die Mini­s‍terien werden gerade mal wieder für Wahlkampfzwecke instrumentalisiert. Sie schreiben Gesetze, über die der Bundestag gar nicht ab­s‍timmt. Wem nützt das?


Viele Gesetzentwürfe im Bundestag, wenig Gesetze verabschiedet: Vor der Bundestagswahl herrscht Hochbetrieb in den Mini­s‍terien. (Foto dpa )


Hate-Speech-Gesetz"Faktisch eine Einschränkung der Meinungsfreiheit"   (20.05.2017)

Das "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" von Ju­s‍tizmini­s‍ter Heiko Maas sorgt für heftige Kontroversen. Es sei "faktisch eine Einschränkung der Meinungsfreiheit", sagte Johannes Baldauf von der Amadeo-Antonio-Stiftung im DLF. Sexismus, Homophobie und Antisemitismus ließen sich nicht per Gesetz verbieten. Es brauche andere Maßnahmen. ( Johannes Baldauf im Gespräch mit Mario Dobovisek)


Was im Netz sichtbar werde, sei das, was bei vielen Leuten los sei, sagte Johannes Baldauf von der Amadeo-Antonio-Stiftung im DLF. Um das Verhalten der Nutzer zu ändern, müsse auf das gesellschaftliche Klima eingewirkt werden. (imago / IPON)

 der Meinungsfreiheit"