Queer - Impulse

So leb Dein Leben, wir haben nur das eine ?!?



 

«Ein Coming-Out ist wie duschen: Man muss es (fast) jeden Tag tun»

Bei der Geburt wurde James als Mädchen deklariert. Doch richtig fühlte sich das nicht an. Auf einen Tee mit einem Transmann, der die Anzahl seiner Coming-Outs gar nicht mehr zählen kann.

Mittwochnachmittag, im Billigkleiderladen einer Kleinstadt. Teenie-Girls wollen sich erwachsen fühlen, probieren Kleider und kaufen ein paar davon. Eines der Teens ist James. Umgarnt von seinen besten Freundinnen lässt er sich einkleiden. Passiv. Röckchen, Cardigan, Spaghettiträger – was ein Mädchen mit 14 eben so zu tragen hat – wurden stapelweise über die Wandkante der Umkleide gelegt. James steht in der Kabine. Allein.(Foto-Pinterest)

Lethargisch wickelt er seinen pubertierenden Körper, der ihm und seiner Umwelt deutlich macht, dass aus James einmal eine Frau werden soll, darin ein. 

«Du bist doch ein Mädchen, logisch sieht das toll an dir aus!»

«Echt süss!»

«Das solltest du öfters tragen.»

Für James sah alles scheisse aus. Dass er ein Mädchen ist, davon war James, der damals noch auf einen anderen Vornamen hörte, völlig überzeugt. Schliesslich wurde er bei seiner Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, es war das Label, das ihm die ganze Welt 14 Jahre lang unaufhörlich einredete. Und er glaubte es. Natürlich. Doch zwischen «ein Mädchen sein» und «wie ein Mädchen sein» liegen Welten. James erkennt sich nicht im Spiegel mit dem Cardigan und den Spaghettiträgern, er kommt sich selber fremd vor und fragt sich: «Was ist falsch mit mir?» – Eine Frage, die viele LGBTs ihr ganzes Leben lang auf subtile Weise begleitet.

Trans-Thematik und Sprache 

Für viele Transmenschen ist es wichtig, dass über sie nicht als ehemalige Frauen oder Männer gesprochen wird, sondern, dass sie auch in der Retrospektive immer als das Geschlecht gesehen werden, mit dem sie sich indetifizieren.

James identifiziert sich als Transmann, weswegen in diesem Artikel auch konsequent nur die männlichen Pronomina verwendet werden. 

«Ich bin anders, ich bin bisexuell.»

Bisexualität war die erste Antwort, die James auf diese Existenz-Frage gefunden hat. «Ich bin nicht falsch, sondern bi», habe er seinem 16-jährigen Spiegelbild gedanklich vorartikuliert. Und schon nur durch diesen Satz, meint James, habe er sich bereits ein klein bisschen weniger fremd in seiner eigenen Haut gefühlt. Bi sei anders als normal, aber nicht falsch, erklärt uns James bei einem Tee. Heute ist James 21 und was er damit sagen will, ist, dass er damals durch seine Bisexualität eine Rechtfertigung dafür gefunden hat, anders zu sein: Frauen zu lieben, Jungskleider anzuziehen, aus der Norm zu fallen. 

Es liege ein grosser Unterschied darin, wie man sich selber sieht und wie einem die Welt sieht, erläutert James. Als er sich als bi geoutet hatte, sah die Mehrheit der Typen in ihm das Bild eines bisexuellen Mädchens: Das Bild einer jungen, abenteuerlichen Frau, die mit ihren weiblichen Zügen reihenweise Männer und Frauen verführt. Wenn er sich in seinen jungen Jahren hingegen bei Lesben als bi outete, dann war das Bild ein ganz anderes, viel weniger sexualisiertes. In der Lesbenszene wurde er jeweils sehr schnell als die kleine, noch ganz verwirrte und sehr burschikose Teenagerin abgestempelt, die dann schon noch begreifen wird, dass sie eigentlich homosexuell ist. Als drittes Fremdbild kam dann noch das seiner Eltern ins Spiel, die schwer davon ausgingen, dass das eine Adoleszenz bedingte Phase sei.

«Du kannst dich selber noch so ernst nehmen, wenn die Welt dich nicht verstehen will, beginnst du ihr irgendwann zu glauben.» 

James

James' «Phase» hält aber an. Bisexuell ist er immer noch. Aber inzwischen stellt er sich nicht mehr als bisexuelle Frau, sondern als bisexueller Transmann vor. Und je nach Situation verwendet er zudem die Labels demisexuell, pansexuell, polyamour, non-binary, transmaskulin und vor allem queer, um seine Identität zu beschreiben.

Queer bedeute, so James, dass einem sexuelle und geschlechtliche Kategorien nicht interessieren. Wieso braucht er dann noch all die anderen Begriffe dazu?

«Dass mich sexuelle und geschlechtliche Kategorien bei anderen nicht interessieren, heisst nicht, dass sie mich nicht beschäftigen. Wir alle wurden so grossgezogen, dass wir zwischen Männern und Frauen, zwischen Homos und Heteros unterscheiden, dass Monogamie selbstverständlich ist und dass es alles dazwischen und daneben gar nicht gibt. Um aufzuzeigen, was und dass es noch Anderes gibt, muss man Labels verwenden. Begriffe, die von der Norm abweichen und in ihrer Fülle diese vielleicht einmal zum Aufweichen bringen.»

James

Das Label, das James bisher am meisten Denkarbeit abverlangte, heisst «trans». Trans bedeutet für James heute, dass das Geschlecht, das einer Person bei der Geburt zugeordnet wurde, nicht mit der eigenen Geschlechtsidentität übereinstimmt.

Doch hinter dieser Erkenntnis steckt eine grosse Coming-Out-Phase. Lange galten Transmenschen für ihn als Menschen, die tagtäglich leiden, hyperfeminin oder hypermaskulin sein wollten, schon als Kind ihren Körper hassten und sowieso psychisch krank und labil seien. Das war das Bild, das Mitleidsbild, das James aus den Medien kannte. Und mit dem er sich überhaupt nicht identifizieren konnte. Sein offenes Umfeld, das er vor allem bei der Jugendorganisation «Milchjugend» kennenlernte, half ihm aber dabei, diesen Trugschluss zu überwinden.

Die Möglichkeit, selber trans zu sein, schien James immer plausibler. Sein Unbehagen mit seinem eigenen Spiegelbild nahm er zunehmend ernster, reflektierte es, verwarf es wieder, verzweifelte an ihm und führte darüber Tagebuch. Darin schrieb er an Silvester 2016:

Am 1. März 2017 schreibt James auf Facebook:

«Ich bin transmaskulin. Das heisst, ich identifiziere mich nicht als Frau. Um ehrlich zu sein trug ich dieses Label auch nie gerne. Die Frage, ob ich vielleicht trans* bin verfolgt mich schon seit Jahren, doch ich musste erst merken, dass sie sich nicht einfach wegerklären lässt. Als sie das letzte Mal wieder aufkam, wurde daraus eine «Was wäre wenn?»-Frage und ich gab mir den Raum, sie zu erforschen. Jetzt bin ich hier. Ich ändere meinen Namen auf James und bitte euch, mich von jetzt an so zu nennen. Meine Pronomen sind ‹er, ihm, sein›.»

James hat sich entschieden, sein Unbehagen nicht mehr in sich hineinzufressen, sondern offen mit ihnen in Kontakt zu treten. Dazu brauchte er ein weiteres Coming-Out. Einen weiteren Blick in den Spiegel begleitet von seiner inneren Stimme, die ihm sagt, was er ist: Trans, non-binär, gay, whatever. Hauptsache nicht allein und nicht nichts.

Doch gerade wenn es ums Geschlecht geht, dann reicht das Diskutieren mit dem Spiegelbild allein nicht aus. Denn wie James sagt:

«Während Sexualität meistens privat stattfindet, ist das Geschlecht ständig und überall präsent.»

James

Überall heisst in diesem Kontext an der Universität, in der Arztpraxis, im Schwimmbad, in der Garderobe, am Familienfest, beim Bewerbungsgespräch, auf dem Flugticket, im Friseur-Salon, auf der öffentlichen Toilette, im Ganzkörperspiegel der Umkleidekabine eines Billigkleiderladens.

«Ein Coming-Out ist wie duschen – man muss es (fast) jeden Tag tun.»

James

«Das erste Coming-Out hat man immer vor sich selber. Und das war bei mir in jedem Fall eine Befreiung. Aber Coming-Outs passieren auch auf ganz anderen Ebenen. Auf öffentlichen, familiären, institutionellen und politischen Ebenen. Sie können mühsam, einengend, gezwungen und total niederschmetternd sein.»

James

Sich ständig und überall zu outen, braucht sehr viel Energie. Manchmal habe man einfach keinen Bock darauf, meint James und lässt es sein. Schweigt für sich und lässt sich als Frau oder sonst was ansprechen, das man nicht ist. Aber solange er sein Spiegelbild betrachten kann und mehr von sich selbst, als einer fremden Person sieht, hat er Mut. Mut daran weiterzuarbeiten, dass sich auch das gesellschaftliche Spiegelbild irgendeinmal weiter entwickeln wird. Zum Beispiel zu einem, in dem nichts mehr aktiv rauskommen muss, weil sich ohnehin schon alles draussen abspielen darf.

In dem Sinne einen schönen internationalen Coming-Out-Day allerseits!(von Jovin Barrer-watson)

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Intersexualität: Endlich sagen dürfen: Ich bin

Ein drittes Geschlecht im Geburtenregi­s‍ter hat nichts mit einer ideologischen Genderdebatte zu tun. Es schafft endlich mehr Gerechtigkeit und Respekt für Intersexuelle.

Oh je, startet jetzt wieder eine erbitterte, ideologisch geführte Genderdiskussion? Müssen wir nun alle darüber nachdenken, wie männlich, weiblich oder divers wir eigentlich sind? 

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat zwar heute entschieden, daß im Geburtsregi­s‍ter ein drittes Geschlecht eingetragen werden darf: Bald müssen Menschen nicht mehr nur in weiblich und männlich aufgeteilt werden – sondern können etwa auch inter oder divers sein. Aber mit diesem Urteil verordnet das Gericht uns keine politisch korrekte Sprache, die Geschlechter­s‍tereotype vermeiden soll.

Es ordnet auch nicht an, daß ab nun alle Männer- und Frauenklos in Unisextoiletten umgewandelt werden müssen. Und keine Sorge: Männer und Frauen, die gerne alte Rollenmu­s‍ter leben, brauchen sich nicht für den näch­s‍ten Shitstorm zu rü­s‍ten, den manche gerne zu jeder Genderdebatte anzetteln.(Foto-Queerstroemung)

Nur ein X-Chromosom

Das Urteil schafft einfach mehr Gerechtigkeit für intersexuelle Menschen, die amtlich bisher nicht exi­s‍tierten. Etwa 100.000 Personen in Deutschland sind biologisch keinem Geschlecht zuzuordnen. Etwa 60 verschiedene Ausprägungen von Intersexualität gibt es. Manche dieser Menschen fühlen sich männlich, manche weiblich, andere weder das eine noch das andere. Sie leben dazwischen. 

Auch einige Transsexuelle, also Menschen, die biologisch zwar einem Geschlecht zuzuordnen wären, sich aber nicht entsprechend fühlen, wollen sich nicht festlegen. Die Person, die nun durch alle In­s‍tanzen bis zum Verfassungsgericht geklagt und recht bekommen hat, ist laut einer Chromosomenanalyse weder Frau noch Mann – sie hat nur ein X-Chromosom. Sie war aber bei ihrer Geburt als weiblich registriert worden und möchte das in inter oder divers ändern lassen. Die genaue Sprachregelung muß der Gesetzgeber bis Ende 2018 finden. In Oregon in den USA etwa kann man neben f (female) und m (male) einfach ein x wählen.

Endlich eine "positive Identität"

Bisher hatten Standesämter und sogar der Bundesgerichtshof abgelehnt, ein drittes Geschlecht einzuführen. Die Betroffenen konnten nur das falsch eingetragene Geschlecht löschen lassen. Sie durften also nicht offiziell sagen: "Ich bin", sondern immer nur: "Ich bin nicht." Für das eigene Selbstbild ist das fatal. Den Menschen wurde ihre Identität verweigert – es ist also dringend notwendig, daß sich das ändert. Das Gericht ge­s‍teht ihnen nun endlich eine "positive Identität" zu, wie es im Urteil heißt.

Bereits 2012 hatte der Ethikrat in einer Umfrage festge­s‍tellt, daß intersexuelle Menschen besonders häufig diskriminiert und angegriffen werden. Vielen wurde im Babyalter per Operation und Hormongabe ein Geschlecht zugewiesen – und sie litten ein Leben lang darunter. Experten lehnen das mittlerweile zwar ab, weil die Menschen später bewußt entscheiden sollen, welches Geschlecht ihnen entspricht. Trotzdem gibt es solche Operationen noch immer.

Intersexuelle werden auch sehr oft mit Transsexuellen verwechselt und entsprechend falsch beraten und behandelt. Intersexualität wird auch noch häufig tabuisiert: Schwule und Lesben dürfen inzwischen heiraten; Transsexuelle sind ebenfalls viel präsenter in der Öffentlichkeit – etwa gerade in der Amazon-Serie Transparent. Intersexuelle hingegen kommen nur selten vor.

Vielleicht doch eine Unisex-Toilette?

Der Eintrag eines dritten Geschlechts im Geburtenregi­s‍ter ist also nur der Anfang dafür, daß Intersexuelle endlich sie selbst sein können. Aber es ist ein wichtiges Signal. Manch ein Unternehmen richtet vielleicht tatsächlich eine Unisex-Toilette ein, weil ein Mitarbeiter sich traut, sich als intersexuell zu outen. Kollegen fragen vielleicht nach, wie die Person in der näch­s‍ten Mail angeschrieben werden will. Lieber, liebe, oder liebex? 

Ja, da sind sie wieder die Genderthemen und die politische Korrektheit. Dabei geht es jedoch weniger um ideologische Verbissenheit, sondern um Respekt vor anderen Menschen. Ob man die LGBTIQ (Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Inter, Queer) schon in der korrekten Reihenfolge über die Lippen bekommt, ist nicht so wichtig.(Ein Kommentar von Parvin Sadigh-Zeit.de)

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Kalenderrausch 2018

Noch weniger als 8 Wochen und das Jahr 2017 ist Geschichte .Und wer sich das Jahr 2018 mit hübschen Jungs und Männern versüßen will. Und das jeden Monat aufs neue. Dem seihen die Vorgestellten Kalender empfohlen.

Dabei sind einige sehr sehr Hochwertig Produziert und es lohnt sich diese auch nach 2018 noch zu haben.

Und damit die Vorweihnachtzeit auch ein wenig süßer wird, findest du für Dich oder für euch, und auch für unsere 4 Beinigen Freunde ein paar Empfehlungen.

Online Boys 2018

This calendar of the world-famous brand Bel Ami lets hearts beat faster around the globe. You will find the freshest Online Boys faces from their Internet presence BelamiOnline.com, one of the hottest sites on the net. This monthly calendar features the brand s most successful boys and promising newcomers. Every fan favorite is featured with an exclusive photo, including Billy Montague, Gino Mosca, Mick Lovell, Dolph Lambert, Jim Kerouac, Andre Boleyn, and many more.

Men 2018: Broschürenkalender mit Ferienterminen

Die ästhetischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von muskulösen Traummännern sind ein erotischer Wandschmuck der Spitzenklasse.

Naked Sword 2018 (Calendars 2018)

When you think it doesn t get any hotter, Naked Sword comes along and teaches you better: Make 2018 your hottest, horniest year ever with stunning hunks from NakedSword Originals! The studio is one of today s most popular, award-winning brands in adult entertainment. Whether you re into hunks, twinks, or both, you ll have no shortage of men to get your juices flowing with this stunning calendar. Brace yourself for a sexy year with Boomer Banks, Paul Wagner, Mickey Taylor, Adam Ramzi, and eight more horny hunks.

Falcon 2018 (Calendars 2018)

California dreaming! This year will get hot with these beautiful and sexy Falcon men. Twelve Californian dream men working out in the gym and baring it all, brought to you by the legendary Falcon Studios. Founded in 1971 by Chuck Holmes, the company is one of the most recognizable brand names in gay adult entertainment. This calendar for 2018 features iconic models such as Brent Corrigan, Sebastian Kross, JP Dubois, and Jimmy Durano.

public phantasies - erotische Männerfotografie (Tischkalender 2018 DIN A5 quer)

Die Arbeiten der beiden Fotografen Ralf Wehrle und Uwe Frank suggeriert dem Betrachter eine neue
Bewusstseinsebene, die aus der Wirklichkeit in eine
Traum- und Fantasiewelt mündet. Das entblöste Vergnügen findet deshalb gerade öffentlich statt. Mal statisch, mal bewegt posieren die Jünglinge vor einer bunten und schrillen Location oder City. Die Fotokompositionen fordern dazu auf die Fantasie schweifen zu lassen. "Lebe in der Phantasie!"
Dieser erfolgreiche Kalender wurde dieses Jahr mit gleichen Bildern und aktualisiertem Kalendarium wiederveröffentlicht.

Minets, charmes et beautés de jeunes mecs (Calendrier mural 2018 DIN A4 vertical)

Ce calendrier couleur compile 13 visions de la jeunesse masculine. Tantot ange, tantot demon, ils se presentent entre ombres et lumiere. Ces garcons nous invitent a rever de la jeunesse eternelle. Les calendriers Calvendo sont des produits haut de gamme - avec ces plus qui font la difference : nos calendriers presentent bien toute l'annee grace a leur papier de qualite superieure et leur reliure a spirales pour une manipulation des pages plus aisee et une tenue parfaitement droite contre le mur. Un film plastique transparent protege la couverture de ces calendriers toujours plus solides, qui se declinent desormais en cinq langues. Offrez-vous un calendrier Calvendo qui reste beau tout au long de l'annee.

Young Men of Germany 2018 (Calendars 2018)

Here comes the 2018 safe-for-work calendar of TeeJott's "Young Men of Germany"! The photo artist and specialist for young male models has a special talent to spot gorgeous young men in public places. He captures his models in a natural, respectful way and is known for his high-quality photo calendars and photobooks. The twelve beautiful photos in black and white are erotic, yet tasteful and alluring. TeeJott has chosen to live, reside and mainly work in the City of Cologne, in the west of Germany; here he finds most of his models on the streets of Cologne - the true "Young Men of Germany".

Rick Day Bel Ami 2018: Gallery Edition (Super Large Size)

It doesn t get bigger than this: This supersized calendar is a companion piece to the stunning book, Rick Day Bel Ami, showcasing the sheer beauty of Bel Ami s boys, captured by Rick Day s excellent photography. New York based fashion photographer Rick Day has a gift of capturing the beauty of the male figure. In addition to numerous calendars, his work has been published in magazines like Elle, Genre, Details, Teen Vogue, and GQ. In addition, he has compiled several books devoted to his photography, including Players, Players Two, All Players, and Pioneers. See Bel Ami boys like you ve never seen them before. Rick Day sets the stage for modern male photography, matching his talent for capturing the world s sexiest exhibitionists with the beauty and youth of Bel Ami s impressive roster of talent. The stunning allure and sensuous eroticism of his subjects is a perfect match for the lensman s unique and highly recognizable style.







Und Für deinen Liebsten ein ganz süßen Weihnachtskalender, wo er jeden Tag an Dich denken kann.

Sexy Xmas Adventskalender "Sweet Dreams"

 Sexy X-Mas Schokoladen Adventskalender

 Weihnachten 2017 - Größe 35 x 25 x 1,5 cm

 Hinter jedem Türchen ver­s‍teckt sich ein Schokoladenherz sowie ein Erotisches Bild.

 Versüßen Sie sich und Ihren Lieben das Warten auf Weihnachten

Trixie Adventskalender für Hunde

24 Tage bis Weihnachten, und jeden Tag gibt es eine kleine Knabberei!

Nicht nur in Kinderaugen, sondern auch in die unseres vierbeinigen Lieblings bringt diese Tradition ein kleines Leuchten

Enthält insgesamt 240 g Leckereien: Kauartikel aus gemahlener Rinderhaut, Milch- und Schoko-Drops, Rinderhaut-Kauknoten, Softies, Hundekekse, Sticks mit Hühnchen & Reis, Streifen mit Hühnchen & Seelachs

Mehr über die Vorgestellten Kalender und wo du sie erwerben kannst, wenn Du die einzelnen Bilder anklickst.

Macht Porno süchtig?

Ein bis drei Mal pro Tag Pornos schauen – ist das normal? Gefährden Pornos die Lust auf Sex? Und was, wenn ohne Sexfilme nichts mehr geht?

"Du hast ein Problem, du bist pornosüchtig." Das habe er sich vor zwei Jahren einge­s‍tanden, wie uns ein Hörer per Mail geschrieben hat. Seit er 13 oder 14 Jahre alt war, habe er ein bis drei mal pro Tag Pornos konsumiert. Die Folgen: Er bekam Probleme, beim Sex eine Erektion zu halten und zum Orgasmus zu kommen, hatte Konzentrations­s‍törungen. Seine Geschichte ist kein Einzelfall und wissenschaftliche Studien stützen seine Beobachtung, daß sich Pornos auf die Sexualität auswirken.(Foto-Pinterest)

Doch ab wann ist Pornokonsum tatsächlich schädlich? Woran erkennt man, daß man süchtig ist? Und können Sexfilme in einer Beziehung nicht vielleicht auch helfen? Darum geht es in der Folge "Macht Porno süchtig?". Sie können sie sich oben auf dieser Seite direkt anhören.

Zudem sprechen wir darüber, wie sich das Sexangebot im Netz auf uns auswirkt. Denn: Einerseits bietet das Internet die Möglichkeit, Wissen über Sex zu jedem nach Hause oder auf das Smartphone zu bringen. Damit lei­s‍tet es einen wichtigen Beitrag zur Sexualaufklärung und -bildung. Andererseits bietet es aber eben auch nach nur wenigen Klicks für jedermann Pornos. Was das für Folgen für unsere Sexualität hat, erklärt die Ärztin und Sexualtherapeutin Melanie Büttner vom Klinikum rechts der Isar in München.

Auf welche Quellen und Hintergründe Büttner sich stützt und welche Literatur sie zum Thema empfiehlt, finden Sie hier aufgeli­s‍tet:


Literatur

2013 ging jeder 8. Websiteaufruf in Deutschland zu einer Pornoseite wie Daten von SimilarWeb zeigen. Ebenso, daß auf Platz 11 der am häufig­s‍ten aufgerufenen Websites hierzulande eine Pornoseite steht (Stand Juni 2017).

80 Prozent der deutschen Besucher von Pornhub im Jahr 2016 waren männlich.

Eine Studie aus Dänemark zeigt die Unterschiede im Pornokonsum von Männern und Frauen auf (Archives of Sexual Behavior: Hald, 2006)

Wissenschaftler haben 400 populäre Porno-Videos im Netz auf Gender-Ungleichheiten in pornographischen Handlungen untersucht (The Journal of Sex Research: Klaassen & Peter, 2014).

Wie sich Pornokonsum auf Partnerschaften auswirkt, ist ebenfalls erforscht (The Journal of Sexual Medicine: Baumel et al., 2017).

Die Sexualforscher Jochen Peter und Patti Valkenburg haben sich mit dem Pornokonsum in der Adoleszenz auseinandergesetzt. In einer Meta-Analyse haben sie dazu relevante Studien ausgewertet, die zwischen 1995 und 2015 erschienen sind (The Journal of Sex Research, 2016).                                                                              (Foto-Pinterest)

Eine Vielzahl an Forschergruppen hat sich mit Pornosucht beschäftigt: Wie ist die Störung definiert? Wer ist häufig betroffen? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? (siehe etwa The Journal of Sexual Medicine: Duffy, Dawson & Das Nair, 2016 und Jama Psychiatry: Kühn & Gallinat, 2014 sowie yourbrainonporn.com)

Hilfe bei Porno- und Sexsucht

Ein empfehlenswertes Buch ist Sexsucht: Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige von dem Psychotherapeuten Kornelius Roth. 2016 ist es in 4. Auflage erschienen und wurde um neue Erkenntnisse zur Online-Sexsucht erweitert.

Zudem gibt es mehrere Selbsthilfegruppen, die Betroffenen Unter­s‍tützung bieten. Dazu gehören beispielsweise die Anonymen Sexsüchtigen, die Anonymen Sex- und Liebessüchtigen.  Angehörige von Sexsüchtigen wiederum können sich an S-Anon wenden.

Eine spezialisierte Psychotherapie oder Sexualtherapie kann bei Problemen mit übermäßigem und suchtartigem Pornokonsum helfen. Der Therapeut sollte Erfahrung im Umgang mit der Problematik haben und wissen, worauf es dabei ankommt. 

Informationen zu Psychotherapie bietet beispielsweise die Bundes Psychotherapeuten Kammer. Mögliche Therapeuten in Deutschland finden sich im Verzeichnis der Psychotherapeuten sowie in den Verzeichnissen des In­s‍tituts für Sexualtherapie in Heidelberg sowie des Netzwerks Sexualtherapie.(von Melanie Büttner & Alina Schadwinkel Zeit.de )

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Sexueller Mißbrauch

"Viele Männer verdrängen jahrelang, daß sie mißbraucht wurden"

Männern passiert so etwas nicht: Thomas Schlingmann vom Verein "Tauwetter" erklärt, warum es männlichen Opfern oft schwer fällt, sich mit sexuellen Gewalterfahrungen auseinanderzusetzen - und warum es bisher kaum Hilfsangebote für sie gibt.

Die Vorwürfe gegen den Schauspieler Kevin Spacey sind schwer: Er soll Jungen und Männer sexuell belä­s‍tigt und mißbraucht haben. Warum es für Männer noch immer außerordentlich schwer ist, sich einzuge­s‍tehen, daß sie Opfer sexueller Gewalt geworden sind, erklärt Thomas Schlingmann von der Beratungs­s‍telle "Tauwetter".(Foto-Emma)

Herr Schlingmann, wird sexuelle Gewalt gegen Jungen oder Männer in der Öffentlichkeit anders diskutiert als gegen Frauen?

Thomas Schlingmann: Meines Erachtens: Ja. Es herrscht das Bild, daß Männern sexuelle Gewalt nicht passiert. Immer noch. Männer müssen auch in unserer Gesellschaft noch stark sein und durchsetzungsfähig. Dazu paßt es nicht, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Die Opfer haben deswegen eine hohe Hemmschwelle, es sich überhaupt einzuge­s‍tehen. Weil sie sich fragen: Bin ich überhaupt noch ein Mann? In der Aufarbeitung gibt es deswegen gewisse Unterschiede zu Frauen.

Wir bei Tauwetter wenden uns besonders an Männer und Jungen, die in ihrer Kindheit oder Jugend Opfer sexueller Gewalt wurden. Da läuft sehr viel an Umdeutung und Kompensation. Das ist bei Frauen zwar auch so, wie es geschieht, unterscheidet sich allerdings. Auch wenn man natürlich nie verallgemeinernd von "den Männern" und "den Frauen" sprechen kann.

Bei Männern beobachten wir zum Beispiel oft, daß sie gegengeschlechtlicher Mißbrauch als Kind oder Jugendlicher umdeuten zum "er­s‍ten heterosexuellen Abenteuer", also zu einvernehmlichen Sex. Das paßt besser zur Männerrolle in der Gesellschaft. Gleichgeschlechtlicher Mißbrauch führt häufig zu der Frage: Bin ich etwa schwul? Diese Frage mag auf den er­s‍ten Blick seltsam wirken, ist es aber gar nicht. Zum Beispiel wissen viele Menschen nicht, daß Jungen wie Männer auch in Situationen von sexueller Gewalt Erektionen oder Ejakulationen haben können. Sie interpretieren das dann oft selbst als Zeichen, daß es ihnen doch irgendwie gefällt - ver­s‍tärkt vom Täter oder der Täterin, die sagen: Siehst Du! Dabei stimmt das nicht.

Wie ist das denn bei Jungen, die schwul sind?

Jungen, die nicht dem klassischen Männerbild entsprechen, sind in besonderer Weise gefährdet, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Das betrifft auch schwule Jugendliche oder solche, die es vielleicht werden. Während ihrer Orientierungsphase oder eines möglichen Coming-Outs werden manche Opfer von Männern, die genau die Suche ausnutzen. Andere werden Opfer von sexueller homophober Gewalt.

Das Ergebnis ist in beiden Fällen eine massive Verunsicherung. Einige erleben den Mißbrauch als unangenehm und hinterfragen dann ihre sexuelle Orientierung, andere werden gleichsam auf Ältere geprägt und haben oft Probleme mit Gleichaltrigen. Dritte schrecken zurück und lassen sich nie wieder auf homosexuelle Beziehungen ein. Die einvernehmliche Einführung Minderjähriger in die Sexualität durch eine ältere Person - egal ob Mann oder Frau - ist aber ein Legitimationsmythos.

Wie verarbeiten Männer solche Übergriffe?

Sexuelle Gewalt ist immer ein sehr starker Angriff auf die eigene Identität. Viele Männer verdrängen jahrelang, daß sie mißbraucht wurden. Das kann so aussehen, daß ein Jugendlicher ganz erleichtert ist, wenn er in der Bravo liest: Daß Jungs zusammen ma­s‍turbieren ist ganz normal, das heißt nicht, daß man schwul ist. Der Junge denkt sich: Gott sei Dank! Erst 20 Jahre später ge­s‍teht er sich ein: Hier haben überhaupt nicht zwei Jungs miteinander ma­s‍turbiert, sondern mein Gegenüber war ein Erwachsener. Das war Mißbrauch.

Viele Männer, die sehr tief in klassischen Männlichkeitsvor­s‍tellungen stecken, haben auch wenig Zugang zu ihren Gefühlen. Das hat mit der Erziehung zu tun. Für sie ist es schwer, die erlebte Verletzung zu realisieren. Das kann man natürlich nie verallgemeinern, weil es durchaus Männer gibt, die sehr viel mit ihren Gefühlen beschäftigt sind. Aber die gesellschaftlichen Vor­s‍tellungen, die Männern vermittelt werden, sehen anders aus.

Macht es einen Unterschied, ob die sexuelle Gewalt von einer Frau oder einem Mann ausging?

Ja. Zum Beispiel ist es für viele Außen­s‍tehende durchaus vor­s‍tellbar, daß ich als Junge einem Mann unterlegen bin. Aber einer Frau? Das geht ganz schwer mit dem Bild zusammen, in dem Männlichkeit immer noch als Form von Überlegenheit konstruiert wird. Auf der anderen Seite ist Schwulsein in Teilen der Öffentlichkeit immer noch verpönt, was dann bei den Opfern zu den Konflikten führt, die ich schon beschrieben habe.

Die Öffentlichkeit vermischt außerdem sehr gern sexuelle Gewalt und Homosexualität. Gerade, wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Viele Männer, die sich selbst als pädophil bezeichnen, haben diese Vermischung in den 80er und 90er Jahren bewußt vorangetrieben, Anschluß zur Schwulenbewegung gesucht, sich als neue diskriminierte Gruppe inszeniert. Gott sei Dank geht inzwischen der größte Teil der schwulen Szene deutlich auf Di­s‍tanz dazu. Doch das Bild ist immer noch da. Ich bin hingegen vorsichtig, den Begriff "Pädophiler" in diesem Zusammenhang überhaupt zu gebrauchen, denn eigentlich hat sexueller Mißbrauch nichts mit sexuellen Präferenzen zu tun.(Foto-focus.de)

Womit dann?

Es geht um Macht. Das läßt sich auch aus den Berichten herauslesen, die über Kevin Spacey kursieren. Sollten sie denn wahr sein, dann hat er Übergriffe auf einen 14-Jährigen verübt, aber auch auf erwachsene Männer. Hollywood ist überhaupt ein Mu­s‍terbeispiel dafür, wie Hierarchie und Macht sexuell verkleidet werden.

Anlauf­s‍tellen für mißbrauchte Männer sind rar

Gibt es eigentlich verläßliche Zahlen, wie viele Männer Opfer sexueller Gewalt werden und ob die häufiger von Frauen oder Männern ausgeht?

Leider gibt es keine repräsentativen Studien zu dem Thema, die wirklich belastbare Zahlen liefern. Es gibt ungefähre Zahlen, wie viele Männer in Kindheit oder Jugend mißbraucht wurden, wie vielen das im Erwachsenenalter passiert, ist unklar. Die Dunkelziffer ist außerdem extrem hoch.

Von den Männern, die in unsere Beratungs­s‍telle kommen, sind etwa ein Viertel bis ein Drittel in ihrer Kindheit von Frauen mißbraucht worden. Wobei etwa die Hälfte davon wiederum nicht nur von einer Frau, sondern zusätzlich von einem Mann Gewalt erfahren haben. Dunkelfeld­s‍tudien zu dem Thema geben an, daß etwa fünf bis 15 Prozent der sexuellen Gewalt gegen Jungen und männliche Jugendliche von Frauen ausgeht. Über das Ausmaß sexueller Gewalt von Frauen gegen erwachsene Männer wissen wir kaum etwas.

Wie sieht es in Deutschland mit Hilfsangeboten für sexuell mißbrauchte Jungen und Männer aus?

Natürlich kann ich als Junge oder Mann zur ganz normalen Opferhilfe gehen. Anlauf­s‍tellen, die sich speziell mit sexueller Gewalt gegen Jungen und Männer beschäftigen, gibt es aber sehr wenige. Eine Erhebung kam mal auf sieben Beratungs­s‍tellen deutschlandweit. Viele davon wenden sich an Männer, die in ihrer Kindheit Opfer wurden, wie wir bei Tauwetter auch.

Unser Grundsatz ist allerdings: Jeder, der zu uns kommt, wird beraten. Aber es ist schon eine andere Beratungssituation, wenn jemand ein Kindheitstrauma aufarbeiten muß als wenn ein Erwachsener zu mir kommt und sagt: Mir hat ge­s‍tern jemand im Club K.O.-Tropfen in den Drink getan. In der Schwulenszene gibt es außerdem einige Anlauf­s‍tellen für homophobe Übergriffe und auch gegen Gewalt in schwulen Paarbeziehungen. Aber insgesamt ist das Netz für Männer leider sehr dünn.

Hat sich die Debatte in Ihrer Wahrnehmung in den vergangenen Jahren verändert?

Ja, wenn es im um sexuelle Gewalt gegen Jungen geht. Nein, wenn es zum Beispiel sexuelle Belä­s‍tigung am Arbeitsplatz gegen erwachsene Männer betrifft. Wir von Tauwetter haben uns 1991 als Selbsthilfegruppe zusammengefunden. Das ist dann immer weiter gewachsen, 1995 wurden wir zur Anlauf­s‍telle, 1999 zum Verein. Inzwischen bieten wir auch Fortbildungen an, sitzen an Runden Tischen. Interessant ist: Wir waren in der Ursprungsgruppe ein Sozialarbeiter, ein Psychologe, ein Mediziner und ein Buchhalter. Wir hatten also zufälligerweise alles an Expertise, was man für eine solche Anlauf­s‍telle braucht. Sollte man denken. Allerdings hatte keiner von uns in seiner Berufsausbildung oder bisherigen Laufbahn irgendwas über sexuelle Gewalt gegen Jungen gelernt. Das Thema war einfach nicht vorhanden.

Das ist heute schon anders. Der größte Einschnitt war 2010, als der Mißbrauch am Canisius-Kolleg und an der Odenwald-Schule öffentlich wurde. Da hieß es plötzlich: Ach, Männer auch! Dabei hat sicherlich eine Rolle gespielt, daß es sich um Eliteeinrichtungen gehandelt hat, daß die betroffenen Männer aus be­s‍timmten gesellschaftlichen Schichten kamen und daher ein anderes Standing hatten, als wenn das Ganze an einer Brennpunktschule passiert wäre. Das hatte aber nicht nur positive Folgen.

Inwiefern?

Teilweise wurden Geschlechterunterschiede verwischt. Früher hieß es: Opfer von sexuellem Mißbrauch werden Mädchen. Jetzt heißt es häufig: Kinder. Dabei sind es Mädchen und Jungen. Und natürlich Kinder, die nicht in diese beiden Geschlechter passen. Ich bin der letzte, der ständig die Unterschiede der Geschlechter betonen will, es gibt ja in der Tat viele Gemeinsamkeiten unter Opfern sexuellen Mißbrauchs. Aber es gibt eben auch Unterschiede und die muß man immer mitdenken.(von Hannah Beitzer, Berlin-SZ)

Mehr zu den Vorgestellten Sachbüchern und Lesenswerten Romanen, rund um dieses Thema und wo du sie als E-Book oder Buch kaufen kannst, wenn Du die Bilder anklickst.

Die neuen Kinder vom Bahnhof Zoo (Teil I)

Etwa 9.000 minderjährige Geflüchtete gelten in Deutschland als vermißt. Wir suchen nach ihnen.

Irgendwo hier sollen sie sein. Irgendwo in diesem gezüchteten Wirrwarr mitten in Berlin, zwischen Bäumen, Sträuchern, Wiesen, bemoo­s‍ten Statuen, angero­s‍teten Denkmälern und verschlungenen Wegen. Auf drei Kilometern Länge und einem Kilometer Breite quetscht sich der Tiergarten zwischen Regierungsviertel und Potsdamer Platz, Brandenburger Tor und Bahnhof Zoo, in der Mitte ragt die Siegessäule in die Höhe, als wollte sie den Himmel aufspießen. Und mittendrin: wir. Zwei frierende Reporter auf der Suche nach jenen minderjährigen Flüchtlingen, die Deutschland abhanden gekommen sind, noch bevor sie überhaupt richtig angekommen waren.(Foto-Forcus.de)

Wie können Tausende jugendliche Flüchtlinge einfach so „verschwinden“? Und wo sind sie geblieben? Mit diesen beiden Fragen hatte es angefangen. Wir konnten sie nicht beantworten und wollten doch Antworten wissen. Also beschlossen Martin und ich, selbst loszu­s‍tiefeln.

Wir zogen mit gemischten Gefühlen los. Weil wir nicht wußten, was uns erwarten würde. Wir waren auf das Schlimm­s‍te vorbereitet: Jugendliche Flüchtlinge, die sich weit weg von zu Hause in der Pro­s‍titution oder der Drogenszene bewegten. Die einsamer waren als sich zwei gut versorgte Europäer wie wir überhaupt jemals vor­s‍tellen konnten.

An diesem Dienstagmorgen um kurz nach 10 Uhr liegt der Tiergarten aber erst einmal vor uns wie ein riesiges Idyll. Er wirkt so harmlos wie das Lächeln von Angela Merkel. Die Sonne scheint, die Luft ist klar, der Himmel blau; in der vergangenen Nacht hat es zum er­s‍ten Mal in diesem Winter gefroren. Eine dünne Eisschicht zieht sich an einigen Stellen über die Gewässer im Park und funkelt im Sonnenlicht – schön­s‍tes Spazierwetter. Doch trotz der Sonne: Es ist bitterkalt. Schon nach einer halben Stunde fühlen meine Zehen sich an, als würden sie langsam taub werden - wie bitte sollen hier Kinder und Jugendliche überleben, völlig auf sich allein ge­s‍tellt, frage ich mich.

Was ist da hinten im Dickicht? Die Flüchtlinge, die wir suchen?

Wir kommen vom Bahnhof Zoo, also aus Richtung We­s‍ten. Eine Kollegin hatte uns geraten, unsere Suche an diesem Punkt zu starten. Wir laufen Richtung Straße des 17. Juni, die den Tiergarten längs zerteilt wie eine mit dem Lineal gezogene breite Linie. Plötzlich bleibt Martin stehen. Ich kriege einen kurzen Schreck, bremse ebenfalls ab. Abrupt zückt Martin seine Kamera und hält sie Richtung Wegesrand, ohne einen Ton zu sagen. Ich ver­s‍tehe nicht, was er will, also beuge ich mich so, daß mein Blickfeld seinem gleichkommt. Und dann sehe ich es auch: Zwischen mannshohen Fichten und Gestrüpp, gut ver­s‍teckt, stehen zwei olivgrüne Campingzelte. Eine kleine Lichtung, mitten im Stadtwald. Nur wer ganz genau hinsieht, bemerkt die beiden Zelte überhaupt, die sich ins Dickicht drängen wie zwei niedrige, windschiefe Hütten, einige Meter vom Weg entfernt.

Martin geht ein paar Schritte ins Gebüsch, ich hinterher, langsam, auf die Zelte zu. Keiner von uns spricht ein Wort. Direkt neben einem Zelt steht im weichen Eichenlaub ein kleiner Pla­s‍tiktisch, auf und unter dem sich Alltagsutensilien stapeln: ein blaues Handtuch, eine Ikea-Tasche, eine halbvolle Pla­s‍tikflasche Orangensaft, eine Trinkpackung „Durstlöscher“, eine lilafarbene Damen­s‍teppwe­s‍te. Ein Stilleben der Armut. Aus den Zelten hören wir keinen Mucks, nichts bewegt sich.

„Hallo?“, ruft Martin, noch etwas zögerlich. Stille.

Dann ruft er noch einmal „Hallo!“, diesmal klingt es entschiedener.

Noch immer rührt sich nichts.

Aber, keine Frage: Hier lebt jemand.

Können das die minderjährigen Flüchtlinge sein? Wir zögern. Mein Blick scannt den kleinen Platz nach einem Kinderturnschuh, einer kleinen Jacke oder irgendeinem anderen Indiz dafür, daß hier Kinder oder Jugendliche hausen. Nichts. Sollen wir warten? Oder weitergehen? Falls da jemand im Zelt schläft, müssen sie irgendwann auf­s‍tehen. Falls sie schon gegangen sind, irgendwann zurückkommen. Die Uhr auf meinem Handy zeigt 10.42 Uhr.(Foto-Grautreporter)

Wir warten einige Minuten, überlegen. Die Kollegin, die uns geraten hatte, am Bahnhof Zoo zu starten, hatte uns auch gleich noch gesagt, wir sollten in Richtung Altonaer Straße gehen – Richtung Schwulenstrich. Die Ecke liegt mehrere hundert Meter von den Zelten entfernt, und hier regt sich auch nach einer Viertel­s‍tunde Warten noch immer nichts. Wir beschließen, später noch einmal vorbeizukommen, und gehen weiter.

Das mulmige Gefühl in meinem Bauch wächst.

Auf dem Weg zur Altonaer Straße passieren wir die Straße des 17. Juni, wo eine Unterführung die Touri­s‍ten, die im Sommer auf dem Weg zur Siegessäule in Scharen hier auflaufen, sicher auf die andere Seite bringen soll. Von unten dringt leise Akkordeonmusik zu uns nach oben, wir gehen den Klängen nach, die Treppe runter.

Wir sollen weitergehen Richtung Schwulenstrich, rät Co­s‍ta

Dort sitzt in der Mitte des Ganges ein junger Mann auf einem Klappschemel am Instrument. Schmal, vielleicht Anfang oder Mitte zwanzig. Er trägt Jeans, Turnschuhe, Dreitagebart. Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, als lächerlicher Versuch, die knochendurchdringende Kälte abzuhalten. Vielleicht weiß er was, denken wir, vielleicht kennt er sich gut aus im Park.

„Hallo, wie heißt du?“, fragen wir.

„Co­s‍ta.“

„Co­s‍ta? Dürfen wir dir ein paar Fragen stellen?“

„Ja, ja.“

„Wo kommst du her?“

„Aus Rumänien.“

„Spielst du hier jeden Tag?“

„Ja, jeden Tag“, sagt Co­s‍ta in mehr als brüchigem Deutsch, über den traurigen Klang seines Akkordeons hinweg. Er weiß nicht, wie das Lied heißt, das er spielt. Noten lesen kann er keine; er spielt alles auswendig, erklärt er uns, nur mithilfe seines Gehörs. Co­s‍ta spricht Rumänisch und Spanisch, und ein bißchen Deutsch – seine Eltern seien in Spanien, sagt er, er selbst sei aber seit acht Monaten in Deutschland. Mit seiner Frau, die sei 17 Jahre alt. Und mit seinem Kind, das ein Jahr und zwei Monate alt sei. Er selbst: 24.

Alle zusammen lebten sie in einem Zimmer am Gesundbrunnen, das 500 Euro im Monat ko­s‍te, erzählt Co­s‍ta. Unsere Augen werden weit. 500 Euro? So viel? Co­s‍ta zuckt mit den Schultern und versucht ein Lächeln. „Akkordeon“, sagt er noch. Wir ver­s‍tehen: Damit verdient er die Miete.

„Wenn du jeden Tag hier bist, weißt du dann vielleicht, ob hier im Park Flüchtlinge leben, die noch jünger sind als du?“, fragen wir. „Ja, viele, Altonaer Straße, Afghani­s‍tan, Drogen“, antwortet Co­s‍ta und rudert dabei mit dem linken Arm Richtung Treppe. Wir sind offenbar auf dem richtigen Weg. Martin wirft mir einen stillen Blick zu, der auch ohne Worte sagt: „Na bitte, da haben wir es! Damn it!“( Reportage von Martin Gommel und Esther Göbel-Krautreporter)

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„Als Hund bin ich dazu da, meinen Besitzer stolz zu machen!“

Frank ist zu Hause ein Hund namens Tasco, der seinem Herren sämtliche Wünsche erfüllen muss.

ch halte mich sexuell eigentlich für recht aufgeschlossen. Wenn ich ehrlich bin, finde ich ganz normalen Sex sogar zuweilen ziemlich langweilig, was vielleicht an meinem intensiven Porno-Konsum liegt, wo es ja normal ist, wenn man seinen Daumen in das Arschloch seines Partners steckt und so ein Scheiß. Stolz bin ich darauf nicht, aber es ist die Wahrheit: 08/15-Sex ist (bis auf Ausnahmen) nicht so meines.

Was ich damit sagen will: Ich dachte bisher, ich wüsste über sehr viele Fetische und sonstige Dinge, die man beim Sex so anstellen kann, gut Bescheid. Bis ich Frank (der in Wirklichkeit nicht Frank heißt) zum Interview traf. Der Niederösterreicher ist am Ende seiner Dreißiger, hauptberuflich beim Militär tätig – und lebt nebenher als Hund. Dann heißt er Tasco. Dann schläft er in seinem Körbchen, darf nicht auf zwei Beinen gehen und leckt die Stiefel seines Herrchens. Und wenn Tasco böse ist, gibt's eine Strafe, manchmal mit einem Halsband, das fiese Stromschläge abgibt.(Foto-Puppplay)

Frank ist Teil der „Puppy Play"-Szene. Das heißt, er findet sexuelle Befreiung – nein, seelische Befreiung – darin, in die Rolle eines Hundes zu schlüpfen und seinem Herrchen, also seinem Master, zu dienen. „Puppy Play" ist eine Art des sexuellen „Animal Play"-Fetisches (wenn's dich anmacht, kannst du auch ein Pferd, ein Esel oder natürlich eine Pussy-Cat sein) und eng mit der Leder- und BDSM-Szene verbunden. Sowohl Männer als auch Frauen, sowohl Hetero als auch Homo finden an „Puppy Play" gefallen, auch wenn der Großteil dieser Fetisch-Fans dann doch männliche Schwule sind. Weil es hier sehr viel um das Spiel von Dominanz und Unterwürfigkeit geht. Und das, man weiß es vielleicht, kommt bei Schwulen immer sehr gut an.

Frank hat mir im Rahmen eines gemütlichen Gesprächs Einblick in sein Hunde-Leben und in die Puppy-Szene gegeben. Dabei hat er sich ein Stück Kuchen gegönnt und an diesem Abend das schlechte Gewissen anscheinend gekonnt ignoriert: Denn eigentlich darf er keine Süßigkeiten essen, sagt sein Herrchen. Das sei schließlich schlecht für den Hund. Kurz: Tasco war an diesem Abend ein ungehorsames Hündchen. Obwohl: Eigentlich war er ja bei unserem Treffen Frank. Und nicht Tasco. Alles nicht so einfach.

Was ist denn Puppy Play eigentlich genau?
Frank: Es gibt viele, die Puppy Play machen, weil sie es niedlich finden. Du kennst sicher die Bilder, auf denen Männer in einem flauschigen Hundekostüm stecken, die Zunge rausstrecken und einfach getätschelt werden wollen. Denen gefällt es, lieb und süß zu sein. Das ist eine Variante des Puppy Play. Dann gibt es jene Variante mit Lederkostüm, inklusive Leder-Hundemaske und Leder-Pfoten-Handschuhe. Die bellen und hecheln dann auch meistens und benehmen sich vollkommen wie ein Hund. Das heißt, sie fressen auch aus einem Napf, gehen auf allen Vieren an der Leine und solche Dinge. Es gibt auch viele, die Dog Play als Einstiegsdroge für harte Master & Slave-Spiele sehen. Andere Personen wiederum wollen einen echten Hund als Haustier – weil das aber aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich ist, halten sie sich einen menschlichen Hund, den sie auch zu hundert Prozent genau so behandeln, inklusive Hundefutter. Das ist mir dann etwas zu krass.

Und zu welcher Variante zählst du dich?
Zu keiner so richtig. Ich nehme die Verhaltensweisen eines Hundes an, aber trage gewöhnlich keine Maske oder Kostüm und belle auch nur sehr selten. Ehrlich, das Bellen ist mir irgendwie zu blöd und zu umständlich. Was soll denn „Wuff, Wuff" bitte bedeuten?! Aber ich bewege mich auf allen Vieren fort, habe mein Hunde-Körbchen, wenn ich bei meinem Herrchen bin, und lecke ihn ab. In der Öffentlichkeit zum Beispiel bin ich früher in der U-Bahn nur bei seinen Füßen am Boden gesessen oder habe, wie ein Hund, auf der Straße meinen Kopf in seinen Schoß gelegt. Denn in solch einer Stellung kann auch ich entspannen. Da gab es dann aber Beschwerden von Passanten und seitdem haben wir das ein bisschen aufgeweicht und vor allem auf bestimmte Szene-Lokale reduziert, wo das kein Problem darstellt. Ich werde auch nicht vor einer Gruppe von Männern gevögelt oder gefistet. Das passiert dann zuhause.

Du wirst also sehr wohl zum Hund.
Leder-Pfoten-Handschuhe trage ich, aber vor allem, um meine Hände zu schützen. Ich esse aber aus keinem Napf oder sowas. Und eine Kette, also eine Art Leine, habe ich auch. Vor allem aber besitze ich einen Hundenamen. Der ist Tasco. Wenn ich Tasco bin, rede ich zwar in Menschensprache, gehorche aber vollkommen meinem Herrchen und bin ganz Dogge.

Wie kann man sich die Beziehung zwischen dem Doggy und dem Herrchen vorstellen?
Diese Beziehung ist das Elementare des Doggy Play. Es geht weit über das rein Sexuelle hinaus. Es besteht ein hundert prozentiges Vertrauen zwischen dem Doggy und seinem Besitzer. Der Besitzer passt auf ihn auf und achtet drauf, dass es dem Hund gut geht. Und der Hund tut alles, um dem Herrchen zu gefallen und von ihm gemocht zu werden. Zum Beispiel ist es so, dass mein Besitzer mich auch an andere Besitzer weitergeben darf. Dazu muss er mich auch nicht zwingend fragen – mein Herrchen tut das aber meistens, weil er ein sehr nettes Herrchen ist. Er trainiert mich dann für den neuen Besitzer, der am Ende, wenn er mich wieder zurückgibt, eine Art Formular ausfüllt, in dem er beschreibt, ob er mit mir zufrieden war oder nicht.

Schließlich geht's auch darum, ein braver Hund zu sein und sein Herrchen stolz zu machen. War der andere Besitzer nicht mit mir zufrieden, weil ich als Doggy nicht genügt und meinen Auftrag nicht erfüllt habe, bestraft mich mein Herrchen. Zudem darf ich auch seine Freunde in seiner Gegenwart nicht ablehnen. Wenn ich aber spüre, irgendwas stimmt mit dem anwesenden Typen nicht, dann gebe ich meinem Herrchen einen Kuss auf die linke Wange. Das ist unser Zeichen für Gefahr. Es kommt auch vor, dass er mich von einer Gruppe Männern im Sling ficken lässt. Aber hier wieder: In solch einer Situation passt er auf mich auf und achtet drauf, dass alles safe abläuft und keine Typen Sex mit mir haben, die mir nicht gefallen. Es gibt aber auch solche Herrchen, die den Puppy ungeschützt einer Horde Männer überlassen. Meiner macht das nicht. Er hat einen großen Beschützerinstinkt.

Es kommt auch vor, dass mich mein Herrchen von einer Gruppe Männern im Sling ficken lässt. Er hat dabei aber einen Beschützerinstinkt.(Foto-Twitter)

Dein Besitzer bestimmt also über dich.
Zum Beispiel achtet er darauf, dass ich jeden zweiten Tag Sport mache und bestimmt, was ich essen darf und was nicht. Nicht nur, damit ich schlank, sondern vor allem, damit ich gesund bleibe. Weil ich aber zum Beispiel Red Bull liebe, hat er für mich immer einen Vorrat im Kühlschrank. Er ist ein sehr nettes Herrchen.

Liebst du ihn?
Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Es geht darüber hinaus. Weil mein Herrchen mein Alles ist, meine Nummer 1 – so, wie es eben auch zwischen einem Hund und seinem Besitzer ist. Wir könnten niemals ein ‚normales' Paar sein, das würde nicht funktionieren. Zudem hat er einen Partner, der auch von mir weiß und der auch manchmal mit mir Sex hat, wenn ihm danach ist. Aber dieser Partner darf bei weitem nicht all diese Dinge machen, die mein Herrchen mit mir anstellt.

Wie hast du mit deinem Herrchen eigentlich Sex? In der Doggy-Stellung? Hahaha.
Verstehe ich nicht.

Egal.
Also wir haben eigentlich ganz normalen Sex. Natürlich auch in der Doggy-Position, die, wenn man es richtig macht, ja wirklich wie eine Hunde-Stellung aussieht. Du musst nämlich auf allen Vieren ein Hohlkreuz machen und deinen Hintern apfelmäßig ganz rausstrecken. Das ist sehr wichtig und muss ich als Doggy perfekt können. Generell werde ich gern hart rangenommen. Zum Beispiel steh ich auf Fisten und Breath-Control. Wir haben bestimmte Safe Words, die ich aber immer so spät als möglich sage. Mein Herrchen verletzt mich nie. Der weiß, was er tut. Und, ganz wichtig: Der Puppy vögelt seinen Besitzer nie. Und ich möchte nie sehen, wie er von seinem Partner gevögelt wird. Das zerstört die Illusion. Aktiv ficken darf er natürlich alles und jeden, den er will. Er ist der Rüde.

Ist gefistet werden zum Beispiel deine Bestrafung, wenn du ein böser Puppy warst?
Nein, denn das gefällt mir ja. Aber ja, ich werde bei Ungehorsam natürlich bestraft. Wie jeder Hund hab auch ich meine narrischen fünf Minuten. Dann kommt mein Herrchen und drückt mich schon mal zu Boden, auch in der Öffentlichkeit. Egal, wie viele Leute dann zuschauen. Das gehört dazu. Andere Arten von Bestrafungen sind: Er kann mich von anderen Besitzern vögeln lassen, egal, ob ich selbst will oder nicht, oder ich bekomme ein Elektro-Halsband verpasst, das mir per Fernbedienung Stromschläge verpasst. Das hasse ich.

Oder auch Halsketten mit Nägeln, die sich in das Fleisch bohren. Manchmal wird er auch handgreiflich gegen mich. Er bestraft mich nie online, sondern notiert sich alle Dinge, mit denen er mich konfrontiert, wenn wir uns wiedersehen. Man merkt schon bei meiner Begrüßung, ob ich ein braver Hund gewesen bin oder nicht. Oft weiß ich gar nicht, was ich angestellt habe.

Wie kann man sich diese narrischen fünf Minuten vorstellen?
Ich kenn meinen Platz nicht. Ich geh auf der falschen Seite. Mein Besitzer unterhält sich mit jemanden und ich plappere rein. Oder ich lache, lache ihn aus. Solche Dinge.

Aber wieso bist du dann ungehorsam, wenn du weißt, dass du das nicht darfst? Stehst du auf die Bestrafungen?
Nein. Du musst dir vorstellen: Ich bin nicht 24 Stunden am Tag Doggy Tasco, sondern irgendwann switche ich. Ich bin nicht andauernd ein Doggy, wenn ich mit meinem Besitzer zusammen bin. Das würde er auch gar nicht wollen – viel zu mühsam, viel zu langweilig. Diese fünf Minuten sind also oftmals beim Beginn des Switchens, wenn ich noch nicht weiß, wann ich Doggy und wann ich Frank bin. Wir haben dieses Problem folgendermaßen gelöst: Wenn er mich bei meinem menschlichen Vornamen ruft, weiß ich, ich bin auf seiner Ebene. Das geht dann so lange, bis er mich Tasco nennt. Ab diesem Moment bin ich sofort wieder der Doggy. Egal, ob ich will oder nicht.

Darfst du auch im Bett deines Herrchens schlafen?
Meistens nicht. Das ist der heilige Ort von ihm und seinem Partner. Ich habe mein Körbchen. Darf ich wirklich mal ins Bett, schlafe ich bei ihren Füßen.

Welche Kleidung trägst du, wenn du Tasco bist?
Sportlich bis normal. Keine Lederoutftits – außer, wir sind bei einem Fetisch-Event.

Du hast ja auch Tattoos ...
Genau, Doggy-Tattoos. Am Nacken zum Beispiel steht „Property of AlphaRuede", das ist der Name meines Herrchens. Ich bin also gekennzeichnet als sein Eigentum. Auf meiner Brust habe ich einen Stern mit meinem Hund und den Namen Tasco, also meinen Doggy-Namen. Am Rücken gibt's seit kurzem einen großen Schuhabdruck. Auch das zeigt, dass ich meinem Herrchen gehöre und kein heimatloses Hündchen, kein Streuner, bin.

Andere Besitzer lassen ihre Puppys auch untereinander Kämpfe austragen, um zu sehen, wer der stärkere, der bessere Hund ist.

Wie erkennt man „vergebene" Puppys?
An einer Halskette. Mein Besitzer hat schon öfter das Schloss ausgetauscht, sodass ich die Kette eine ganze Woche tragen musste. Diese Kette hat viel mit Stolz zu tun.

Aber was ist es nun, das dich beim Puppy Play so anmacht?
Natürlich zum einen das Unterworfen-Sein. Und das Vertrauen zu meinem Herrchen: Wenn wir in einem Szene-Lokal sind und er befiehlt mir, die Boots von einem Typen zu lecken, dann muss ich ihm vertrauen, dass das kein hässlicher Typ ist, denn ich darf nicht zu seinem Gesicht aufsehen, sondern nur seine Boots betrachten. Ich weiß aber, dass er mich das nur bei Typen machen lässt, die auch ich geil finde. Puppy Play baut bei mir also sehr stark auf der emotionalen Bindung zu meinem Herrchen auf. Ich bin der Doggy-Soldier, der seinem Besitzer den Weg ebnet und zum Beispiel die Tür öffnet, aber gleichzeitig auch devoter Sklave, der vor ihm kniet und macht, was er sagt. Wir beschützen uns gegenseitig.

Okay ...
Ich bin dazu da, um meinen Besitzer stolz zu machen. Er möchte meine Grenzen erweitern.

Wärst du ein guter SM-Sklave?
Nein. Als Doggy werde ich belohnt, wenn ich brav bin, und bestraft, wenn ich schlimm bin. Wie im richtigen Leben. Ein SM-Sklave wird aber ohne Grund bestraft. Da könnte ich mein Gehirn nicht ausschalten. Ich würde mir das nicht gefallen lassen. Ich wäre der schlechteste Sklave ever.

Stimmt es, dass ein Besitzer mehrere Puppys halten kann, die dann ein Rudel darstellen und untereinander ebenbürtig sind?
Das kann es geben. Ist bei uns aber nicht so, denn dafür wäre ich viel zu eifersüchtig. Es gab eine Situation, in der sich ein anderer Puppy meinem Besitzer anbiedern wollte. Da wurde ich zum Kampfhund, habe ihn brutal gegen die Wand gedrückt und klargestellt, dass er einzig und allein mein Herrchen ist. Andere Besitzer lassen ihre Puppys auch untereinander Kämpfe austragen, um zu sehen, wer der stärkere, der bessere Hund ist. Auch das habe ich bereits gemacht – und mir eine blutige Nase und ein blaues Auge geholt.

Wirst du von anderen Besitzern kontaktiert?
Natürlich. Ich habe im Netz ein eigenes Puppy-Profil. Aber ich selbst darf mir meine Sexpartner nicht aussuchen. Diese Aufgabe übernimmt mein Herrchen. Der Typ, der mich treffen will, muss also meinen Besitzer kontaktieren, denn ich bin ja dessen Eigentum. Der setzt dann, wenn er einverstanden ist, die Regeln fest. Zum Beispiel: Nur mit Kondom, keine bleibenden Schäden, etc. Und danach gibt es an meinen Besitzer eben den Bericht über mich.

Wie bist du eigentlich in die Puppy Play-Szene gekommen?
Allein durch meinen Besitzer. Ich habe ihn auf normaler Ebene kennengelernt. Online haben wir uns nochmal gefunden. Er hat mir von seinen früheren Doggys erzählt. Und so hat er mir eine vollkommen neue Welt eröffnet. Ich hab vorher von diesem Fetisch rein gar nix gewusst. Könntest du dir zurzeit eine herkömmliche Beziehung vorstellen?
Ich habe meinem Besitzer Treue geschworen. Ein Doggy verlässt seinen Besitzer nicht – er wird verlassen. Vor circa einem Jahr habe ich mich in einen Typen verliebt, wir waren auch zusammen. Mein Besitzer kannte ihn, hat dieser Beziehung aber nicht zugestimmt. Er war der Meinung, dies sei nicht gut für seinen Doggy. Also habe ich meinen Schwarm damals verlassen. Wenn der Besitzer verlangt, dass ich die Beziehung beende, dann mache ich es auch.

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Ist eine Beziehung nicht wichtiger, wertvoller als ein Puppy Play?
Auch wenn du es nicht glaubst: Ich stelle meinen Besitzer über alle anderen. Wenn man jemanden hat, dem man diese Art von Treue und Loyalität schenkt, und dafür auch etwas retour bekommt, dann ist dieses Band stärker als eine Beziehung. Mein Herrchen würde mich nie fallen lassen. Ein gutes Puppy Play ist ein Band fürs Leben. Eine Beziehung nicht. Mein Besitzer kennt mich besser als alle anderen. Würde er mich verlassen, ich würde mit Puppy Play aufhören.

Ist die Puppy Play-Szene in Österreich groß?
Überhaupt nicht. Was Lokale betrifft, fallen mir spontan das Hard-On und das Losch ein. Hier darf man Doggy sein. In Deutschland ist Doggy Play gerade ein ziemlicher Hype. Auch in England und den USA ist die Szene ganz ordentlich.

Letzte Frage: Was macht dein Herrchen eigentlich beruflich?
Er ist Lehrer. Und hat Medizin studiert.(von Manuel Simbürger-vice)

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Schwule Männer erzählen, wie sie lesbischen Freundinnen den Kinderwunsch erfüllten

"Erst als wir die Befruchtung zu Hause durchführten, konnte ich beim Samenspenden endlich Schwulen-Pornos schauen."

Schwule Männer, die ihr Sperma an lesbische Pärchen weitergeben, damit die ein Kind bekommen können – dieses Arrangement ist in den vergangenen Jahrzehnten schon fast zu einem Klischee verkommen.

Vor allem die einflussreiche TV-Serie Queer as Folk spielte mit dieser Konstellation, die auch schon von einer Reihe an Forschern untersucht wurde. Einige der so gezeugten Kinder nennen ihre Väter "Spender-Papas", andere nutzen einfach deren richtige Namen. Im breiten Spektrum der queeren Identitäten sind diese Männer im wahrsten Sinne des Wortes Daddys, ihr Alltag wird durch die Beziehungen zu den Müttern und Kindern für immer verändert.(Foto-Berlinerzeitung)

Aber was genau erleben schwule Männer, die ihr Sperma an lesbische Pärchen weitergeben? Viele haben vorher nie darüber nachgedacht, eigene Kinder zu bekommen, andere haben vielleicht schon mal mit dem Gedanken gespielt. Jede Situation ist einzigartig, auch die Rolle der Spender im Leben der Kinder variiert stark.

Obwohl vor allem Meinungsverschiedenheiten zwischen Spendern und Müttern oft Schlagzeilen machen, führt ein gemeinsames Kind zwischen queeren Freunden im Normalfall eher zu harmonischen Beziehungen. Und dieses moderne Familienmodell wird auch immer geläufiger. Fünf schwule Männer erzählen uns von ihrem Weg zur Vaterschaft.

Mike

Es hat gut ein Jahr gedauert, bis ich Ja gesagt habe. Ich habe mich gefragt, ob ich nicht auch eine Familie verdient hätte. Ältere Schwule, die an AIDS erkrankt sind, können es oft nicht mal fassen, dass sie noch leben. An die Vorstellung, ein Kind zu haben, musste ich mich da erstmal gewöhnen.

Als ich mich entschlossen hatte, Samen zu spenden, merkte ich in den Kliniken immer eine unterschwellige Homophobie. Direkt spenden durften dort zum Beispiel nur aktive Sexualpartner. Wir mussten also so tun, als seien wir genau das. Außerdem liegen dort nur Hetero-Pornos rum. Inzwischen mache im immer Späße darüber, dass ich beim Spenden erst Schwulen-Pornos schauen konnte, als wir uns dazu entschieden, die Befruchtung zu Hause durchzuführen.

Unsere Tochter ist inzwischen vier Jahre alt. Leider kann ich nicht immer für sie da sein, weil wir in verschiedenen Städten wohnen. Zwischen uns gibt es aber auf jeden Fall eine tiefe Verbindung. Wir sehen uns auch sehr ähnlich. Noch vermeide ich es, "Ich bin dein Papa" zu sagen. Damit will ich warten, bis sie die Situation versteht. Sie kennt mich jetzt nur als Mike. Meine Freundin hat unserem Kind letztens erklärt, dass ich dabei geholfen hätte, sie auf die Welt zu bringen. Ein guter erster Schritt.

Ich spüre ständig Schuldgefühle, weil ich nicht genügend Zeit mit den beiden verbringe, aber ich arbeite auch viel. Ich habe mein Samenspende-Abenteuer zum Beispiel schon in ein E-Book und eine Bühnenshow verwandelt. Um mich zu beruhigen, rede ich mir einfach immer Folgendes ein: Wenn meine Tochter älter ist, sich selbst den Hintern abwischen und mir sagen kann, wann sie Hunger hat, dann kann sie mich überall hin begleiten.

Clinton

Die Schwester der Mutter ist meine beste Freundin, wir sind sogar zusammen zur Bibelschule gegangen und hatten gleichzeitig unser Coming-out. Ungefähr zwölf Jahre nach dem Studium fragte sie mich dann, ob ich für ihre Schwester und deren Frau den Samenspender machen würde. Ich zögerte keine Sekunde und sagte direkt zu. Ich war gerade vom Militärdienst auf Hawaii zurückgekommen und meine Freundin lud mich für die Spende ein paar Monate nach San Francisco ein.

Ich war mir nie sicher, ob ich selbst mal Kinder haben werde, und ich wusste, wie liebevoll und intelligent die Familie meiner Freundin war. Gemeinsam entschieden wir dann auch, dass ich Teil des Lebens unserer Tochter sein sollte. Ein Kind sollte ja auch wissen, wer sein Vater ist. Da fiel mir ein großer Stein vom Herzen.

"Du musst etwas wissen. Seit 14 Jahren herrscht zwischen mir und meiner Familie Funkstille, aber ich erschaffe gerade eine neue."

Unsere Tochter ist jetzt fünf Jahre alt und beginnt so langsam, Fragen zu stellen. Sie ist allerdings nicht dumm. Die Mutter und ihre Partnerin wollen ihr die Sache immer ganz ausführlich erklären, aber sie wirft nur die Hände in die Luft und sagt: "Also ist Onkel Clint mein Vater." So nach dem Motto: "Ladys, reden wir Klartext, ich komme schon dahinter." Wir lassen diesen Prozess ganz natürlich ablaufen.

Als die Schwester meiner Freundin von mir schwanger war, lernte ich meinen heutigen Ehemann kennen. Ich meinte zu ihm: "Du musst etwas wissen. Seit 14 Jahren herrscht zwischen mir und meiner Familie Funkstille, aber ich erschaffe gerade eine neue." Er unterstützte die Sache ohne irgendwelche Einwände. Meine Tochter sahen wir dann zum ersten Mal, als sie drei Monate alt war. Wir waren sofort hin und weg. Als wir vergangenes Jahr heirateten, war sie eines der Blumenmädchen und ihre beiden Mütter saßen an meiner Seite. Wir sind wirklich eine Familie.(Foto-Queer-Baby)

Mein Mann und ich leben in Kansas City, meine Tochter in San Francisco. So weit auseinander zu wohnen, ist nicht einfach. Und immer wenn sie wieder nach Hause fliegt, zerbricht ein Teil von mir. Aber wir versuchen, uns mindestens alle zwei bis drei Monate zu sehen. Und sie weiß, dass sie geliebt wird – egal, wo sie ist. Sie ist das glücklichste Kind der Welt.

Solomon

Ich lernte die Mutter meiner Tochter 1999 kennen, als ich in Los Angeles als Model arbeitete und sie bei einem Lunch auftauchte. Wir verstanden uns sofort und sie sagte spontan, dass sie mich gerne als Vater hätte, falls sie irgendwann mal ein Kind bekommen wollen würde. Ich sagte zu, weil ich das Ganze erst nicht wirklich für voll nahm.

Mehrere Jahre später wurde die Diskussion dann aber immer ernsthafter. Kurz bevor ich nach New York zurückzog, teilte sie mir mit, dass die Befruchtung mit einem anderen Mann nicht geklappt habe. Was bei der Nachricht mitschwang: jetzt oder nie! Ich zögerte keine Sekunde, gab meine Samenspende ab und zog zurück an die Ostküste. Gut ein Jahr später wurde sie schwanger.

Je näher der Geburtstermin rückte, desto mehr wuchs in mir der Wunsch, für meine Tochter da zu sein.

Als ich für die Babyparty wieder nach Los Angeles reiste, wurde mir klar, dass ich ein aktiver Teil des Lebens dieses Kindes sein musste. Die Folge: ein erneuter Umzug. Inzwischen wohnen die Mutter und ich sogar zusammen und wir ziehen als Single-Eltern gemeinsam unser Kind groß.

Ich bin das Ergebnis eines One-Night-Stands und abgesehen von einer kurzen Unterhaltung habe ich nie etwas mit meinem Vater zu tun gehabt. Während der Schwangerschaft setzte ich mich mit einem alten Freund zusammen, der mir sagte: "Du hast zwei Optionen. Entweder bist du der Onkel oder der Vater. Als Onkel bleibst du hier mit deinem egozentrischen Peter-Pan-Syndrom in New York wohnen, als Vater zieht du zurück nach Los Angeles und kümmerst dich um dein Kind." Je näher der Geburtstermin rückte, desto mehr wuchs in mir der Wunsch, für meine Tochter da zu sein.

Als sie dann auf die Welt kam, lebte ich immer noch in einer Dreier-WG und überlegte, was ich alleine an Thanksgiving machen könnte. Wer hätte gedacht, dass mir diese Familie so helfen würde? Ich würde das Ganze gegen nichts auf der Welt tauschen!

Samuel

Ich kannte die beiden Mütter schon lange, denn habe mir mit einer von ihnen eine Wohnung geteilt, als ich vor zehn Jahren mit meinem Militärdienst fertig war. Wir sind alle zusammen zur Krankenpflegeschule gegangen und gemeinsam nach Atlanta gezogen. Dort gehörten die beiden zu den ersten tausend gleichgeschlechtlichen Paaren, die im US-Bundesstaat Georgia geheiratet haben. Letztes Jahr waren sie dann bereit, Kinder zu bekommen, aber der eigentlich vorgesehene Spender fiel aus Timing-Gründen weg.

Vorher hatte ich bereits etwas scherzhaft vorgeschlagen, als Spender zu fungieren, falls die beiden jemals Kinder mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen haben wollten. Wegen der Umstände fragten sie mich schließlich, ob ich das ernst gemeint hätte, und ich sagte Ja. Anschließend versuchten wir es zwei Monate lang und jetzt haben wir Zwillingsmädchen.

"Wie findest du es, dass die Mädchen von weißen Frauen großgezogen werden?"

Besser könnte ich mir die Situation nicht vorstellen: Ich selbst wäre nicht in der Lage, ein Kind großzuziehen, weil ich nicht in einer ernsthaften Beziehung bin. Meine Freundinnen schon. Und ich wusste schon immer, dass sie großartige Eltern abgeben. Außerdem verbringen wir ja sowieso ständig Zeit miteinander. Ich fand es einfach schön, die kleine Familie, die wir bilden, zu vergrößern.

Auf die Sache mit der Ethnie hat man mich schon öfter angesprochen. Dann kommen immer Fragen auf, zum Beispiel: "Wie findest du es, dass die Mädchen von weißen Frauen großgezogen werden?" Wir versuchen, so etwas auf die angemessenste Art und Weise zu beantworten, aber nicht jeder versteht uns. Viele der "Probleme", die wir laut anderen Leuten haben, sind gar keine.

Einige Leute waren richtig schockiert, weil sie einen solchen Familientyp noch nie zuvor gesehen hatten. Aber letztendlich ist es nur wichtig, dass unsere Töchter in einem liebevollen Umfeld großwerden. Und das tun sie. Die Sorgen anderer Menschen sind dabei egal.

Hal

Ich habe schon dreimal Samen gespendet und bin dementsprechend schon dreifacher Vater. Das erste Mal war im Jahr 1974, ich war damals 24. Ein lesbisches Pärchen aus meinem erweiterten Freundeskreis wollte ein Kind. Sie planten mich zwar nicht als direkten Elternteil mit ein, aber ich durfte immer am Leben des Kindes teilhaben. Ich habe lange darüber nachgedacht, um nichts zu überstürzen. Und alles hat wunderbar geklappt. Meine Tochter ist jetzt 42, verheiratet und zweifache Mutter.

Anfang der 80er Jahre fragte mich dann eine andere lesbische Freundin, ob ich irgendwelche schwule Männer kenne, die bereit wären, Samen zu spenden. Meine Antwort: "Ich vielleicht, lass uns doch mal plaudern." Sie war richtig verwundert, weil ich das Ganze ja schon mal gemacht hatte. Schließlich einigten wir uns aber und sie brachte meine zweite Tochter zur Welt. Sie ist Anwältin und hat ein Dokument aufgesetzt, in dem wir die Rahmenbedingungen festgehalten haben, das hatte ich auch schon mit der Mutter meines ersten Kindes gemacht. Wir wussten damals ja nicht, wie Richter bei so etwas entscheiden würden.

Meine erste Tochter wurde vor der HIV-Epidemie der 80er geboren, aber bei den anderen beiden Kindern war die Furcht vor der Krankheit schon überall.

Das dritte Mal kam dann ein Jahr später. Die Mutter hoffte jedoch, dass ich als richtiger Elternteil auftreten würde. Leider musste ich sie diesbezüglich enttäuschen. Ich habe lesbischen Freundinnen zwar gerne mit einer kleinen Spende weitergeholfen, aber ich selbst wollte kein Kind großziehen. Ich hatte ja auch noch gar keinen Plan, was meine berufliche und zwischenmenschliche Zukunft anging. Ich wusste nur, dass ich nicht in der Lage war, eine solche Verpflichtung einzugehen. Sie wollte das Ganze dennoch durchziehen. Unser gemeinsamer Sohn ist heute 32. Bei der Befruchtung waren keine Ärzte involviert, wir machten das alles zu Hause. Meine erste Tochter wurde vor der HIV-Epidemie der 80er geboren, aber bei den anderen beiden Kindern war die Furcht vor der Krankheit schon überall. Und wir hatten keine Möglichkeit, mich zu testen. Wir mussten also einfach hoffen, dass ich gesund war. Keine schöne Zeit.

Meine Kinder und die Beziehungen zu den dazugehörigen Familien bereichern mein Leben immens. Und auch meine Eltern sind total glücklich, weil sie sonst keine anderen Enkel haben. Das Ganze kam echt überraschend, weil ich vorher nie über eigene Kinder nachgedacht hatte. Als junger Schwuler dachte ich, diese Tür sei für mich geschlossen – und zwar für immer.

Zwei meiner Kinder leben weiter weg, aber meine mittlere Tochter wohnt ganz in meiner Nähe. Wir sehen uns auch regelmäßig. Alle fanden es damals total aufregend, Halbgeschwister zu haben. Sie hielten das für etwas Einzigartiges, das sie vom Rest abhob. Für uns alle war das Ganze total natürlich. Die Haupteltern waren die beiden Frauen, aber die Kinder stellten mich auch immer ganz freudig als ihren Papa vor. Die Bedeutung des Wortes Vater wird hier neu definiert.(von Naveen Kumar-Vice)

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Was Heteros von uns Homos lernen können – Eine unvollständige Liste

Über Sexdates, Slutshaming und das Ende der Monogamie.

Jeder Mensch ist lernfähig, auch Heterosexuelle! Und es gibt noch viel zu tun. Vor Kurzem veröffentlichte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine Umfrage über die Einstellungen der Deutschen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen. Das Ergebnis: Deutschland ist zwar für die Ehe für Alle, hat aber immer noch ein Problem damit, wenn sich homosexuelle Paare in der Öffentlichkeit küssen. Anders als viele unserer Mitbürger sind wir aber tolerant und geben den Heterosexuellen trotzdem eine Chance. Wir zeigen euch, was ihr von uns lernen könnt.(Foto-Privat)

1. Sexdates können auch unkompliziert sein

Wenn mir langweilig ist, dann habe ich Sex. In der schwulen Welt nichts Ungewöhnliches. Einen Fick auszumachen, ist ohnehin nicht (mehr) besonders schwierig: Handy raus, App an, ein paar Leute anschreiben, die nötigsten Informationen (aktiv, passiv, dies, das) austauschen, Fotos mitschicken – zack, fertig: Sexdate. Langwierige und verkrampfte Gespräche, ein erstes Kennenlernen in einer Bar? Viel zu umständlich! Warum so viel Zeit verschwenden, wenn es auch einfacher geht? Tür auf, Hose runter und los! Macht euch locker, liebe Heteros: Er will Sex, sie will Sex, wo ist das Problem? Anstatt Interesse für die andere Person vorzuheucheln, könnt ihr auch direkt miteinander ins Bett. Und den Frauen sei gesagt: Lasst euch nicht einreden, dass einmaliger Sex nichts für euch ist. Von niemandem! Experimentiert! Probiert euch aus! Lernt, was ihr mögt und was nicht. Macht euch frei von gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen! Sex braucht nicht immer Gefühle, es reicht, wenn ihr Lust dazu habt.

Schwule Apps waren schon lange vor den Hetero-Apps auf dem Markt. Grindr kam 2009 heraus, Scruff 2010. Erst zwei Jahre später folgte Tinder für Heteros. Im Grunde funktionieren Grindr und Scruff ziemlich ähnlich: Per GPS kannst du bis auf den Meter genau sehen, wer sich gerade in deiner Umgebung befindet und Kontakt aufnehmen. In Sachen (Sex-)Date kann es also ziemlich schnell gehen. Aber es gibt auch Schattenseiten – vor allem, wenn du in einem Land wohnst, in dem homosexuelle Handlungen verfolgt und bestraft werden. Human Rights Watch berichtete vor einiger Zeit von homophoben und gewalttätigen Übergriffen in Russland: Schlägertrupps machten per App Jagd auf Homosexuelle, indem sie per Fake-Profil gezielt nach schwulen Jungs in ihrer Nähe Ausschau hielten, diese dann verfolgten und erniedrigten und misshandelten. Wegen dieser Taten schaltete Grindr in Ländern wie Russland, Ägypten, Saudi-Arabien, Nigeria, Liberia, Sudan und Zimbabwe die Entfernungsanzeige in den User-Profilen ab.

2. Slutshaming ist nicht schwul

Ein ausschweifendes Sexleben ist in der Homo-Welt vollkommen OK. In der Hetero-Welt gilt das jedoch nicht uneingeschränkt: Männer, die viel Sex haben, sind Frauenhelden; Frauen, die sich ähnlich sexuell ausleben wollen, Schlampen. "Slutshaming" ist in unserer Gesellschaft überall spürbar. Melania Trump kann ein Lied davon singen: Nach dem Wahlsieg ihres Mannes gingen Fotos von ihr um die Welt. Sie hatte es als Model gewagt, sehr freizügig vor einer Kamera zu posieren. So eine soll First Lady des mächtigsten Landes der Welt werden? Unglaublich! Unerhört! Welch eine Schande! Haha, Amerika.

Eine 24-jährige Freundin erzählte mir allen Ernstes, wie geschockt ihr letzter Freund, mit dem sie immerhin zwei Jahre zusammen war, reagierte, als er erfuhr, dass sie in ihrem Leben mit mehr als 20 Männern geschlafen hatte. (Randnotiz: Er selbst hatte mit über 50 verschiedenen Frauen Sex.) Und Männer sind dabei nicht die einzigen, die sie verurteilen: Sie erzählt auch, dass gleichaltrigen Frauen sie als "Schlampe" bezeichnen. Die Frage, ob und wie viel Sex du haben darfst, hängt ganz offensichtlich damit zusammen, ob du einen Penis hast oder nicht: Männer dürfen Sex haben, Frauen nicht. So einfach ist das! Eine Frau muss enthaltsam sein und darf ihre Lust nicht offen zeigen. Das müsst ihr ändern: Es ist vollkommen egal, mit wie vielen Leuten ihr Sex habt, solange es Spaß macht (hier erfahrt ihr, wie ihr damit auf der sicheren Seite bleibt).

3. Monogamie kann, muss aber nicht

Machen wir uns nichts vor: Die traditionelle, monogame Beziehung ist ein Auslaufmodell. Auch die Ehe verliert immer mehr an Bedeutung: 2015 haben in Deutschland gut 400.000 Menschen geheiratet, in den 1950ern waren es noch doppelt so viele. Im Osten Deutschlands planen 41% der Männer, nie zu heiraten. Und: Jedes Jahr werden in Deutschland rund 170.000 Ehen geschieden (Im Jahr 1970 waren es nur rund 76.000). Jede dritte Ehe, so die Schätzungen, geht irgendwann kaputt. Der wichtigste Trennungsgrund: Untreue. Experten sprechen gar davon, dass 90 Prozent der Männer und 75 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal fremdgehen. Wäre es in diesem Kontext nicht endlich an der Zeit, das Konzept einer monogamen Partnerschaft zu überdenken? Die experimentierfreudige, schillernde Homo-Welt zeigt euch doch, dass es auch anders geht: Drei meiner Freunde, alle zwischen 19 und 23, führen seit einigen Monaten eine Dreierbeziehung. Zwei der beiden leben zusammen und obwohl man denken könnte, der Dritte fühle sich ausgeschlossen, ist das nicht der Fall. Ihre Urlaube verbringen die Drei gemeinsam. Anfangs habe auch ich nicht verstanden, wie das gehen soll (Wer hat wann mit wem Sex? Gibt es da einen Wochenplan? Oder immer nur Sex zu dritt?). Aber es klappt, auch bei den Dreien spielt Eifersucht keine Rolle mehr. Sie sind glücklich – das ist alles, was am Ende zählt. Und wo bitte ist festgelegt, dass Liebe nur zwischen zwei Menschen existieren kann? Eben, nirgends.(Foto-Privat)

Timo und Leon sind 35 und 36 und führen seit Jahren eine offene Beziehung. Sie gestehen sich gegenseitig Freiheiten und sexuelle Abenteuer zu. Sie haben Sex miteinander, aber eben auch mit anderen Partnern. Die beiden sind keine Partyhengste, sondern führen ein relativ ruhiges Leben mit Barbesuchen und Kinoabenden. Aber sie nutzen weiterhin Grindr und lernen getrennt voneinander neue Typen kennen. Mit ihren jeweiligen Lovern (die in der Regel deutlich jünger sind) und Dates verbringen die beiden auch getrennt voneinander viel Zeit. Leon war mit einem seiner Lover sogar eine Woche zusammen im Urlaub auf den Kanaren. Eifersucht spielt in ihrem Leben schon lange keine Rolle mehr. Ihre Beziehung findet auf einer anderen, sehr viel tieferen, stabileren und vielleicht auch wahrhaftigeren Ebene statt. Gerade weil sie sich persönliche und sexuelle Freiräume zugestehen, scheinen sie in ihrer Beziehung besser zurechtzukommen als andere, monogam lebende Paare. Nächstes Jahr feiern sie ihren 10. Jahrestag. Keine Frage, monogame Zweierbeziehungen sind natürlich nicht grundsätzlich schlecht. Aber: Wir sollten uns stets bewusst machen, dass es noch andere, gleichwertige Möglichkeiten des Zusammenseins gibt.

4. Schwule Partys sind nicht nur für Schwule

Lieber Hetero-Mann: Warst du schon mal auf einer Gay-Party? Keine Sorge, ich kann dich beruhigen: Kein Homo wird dort über dich herfallen (es sei denn, du siehst aus wie Nick Jonas, dann garantiere ich für nichts). Und selbst wenn du von anderen Männern angemacht werden solltest, ist das kein Problem: Nimm es als Kompliment!

Eine Gay-Party ist letztlich wie jede andere Party auch – nur lockerer und ohne Diskriminierung: Tanzen neben Drag-Queens? Sex im Darkroom? Alles kein Problem. Eine LGBTQ-Party ist ein safe space, in dem du so sein kannst, wie du willst, ohne dass du befürchten musst, von anderen dumm angemacht zu werden. Es ist ganz egal, wer du bist, wie du aussiehst oder woher du kommst – niemand wird ausgegrenzt! Und Protipp: Viele Schwule werden von ihren besten Freundinnen (die in der Regel hetero sind) auf die Party begleitet.

5. Versuch doch mal was Anderes

85 Prozent aller Modeschöpfer sind homosexuell. Ihr könnt noch so hetero sein. Eure Kleidung war es nie. Stefano Gabbana, Jean-Paul Gaultier, Yves Sant Laurent, Wolfgang Joop (zumindest bisexuell), Tom Ford, Giorgio Armani – sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie stehen auf Männer. Und auch wenn der Letztgenannte ein merkwürdiges Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität aufweist – ohne uns gäbe es keine Modeindustrie! Und ich will mir gar nicht erst ausmalen, wie eine Welt aussähe, in der heterosexuelle Männer alleine Mode entwerfen müssten.

Der Grund dafür, warum es vor allem LGBTQ-Menschen sind, die neue Trends setzen, liegt auf der Hand: Wer sich sowieso schon von der Masse abhebt, ist es gewohnt, sich offen und ungezwungen mit Neuem und bisher Unbekanntem auseinanderzusetzen. Und: In einer Welt, in der Homosexualität lange Zeit tabuisiert wurde, erforderte es von jedem Einzelnen jede Menge Kreativität, um zurechtzukommen. Mode ist da nur ein Beispiel von vielen. Überall hinterließen Homos Spuren: Musik, Schauspiel, Literatur, neue Medien – die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

6. Lass dir nichts vorschreiben

Wir leben im 21. Jahrhundert, wir leben in einer vermeintlich freien und toleranten Gesellschaft – aber du kannst jeden Homosexuellen in deinem Bekanntenkreis fragen: Alle werden dir von Ausgrenzung und Alltagsdiskriminierung erzählen können. Seien es die dummen Sprüche von pubertierenden Heranwachsenden auf dem Pausenhof, die nervigen Fragen – "Naaa, hast du ein Mädchen kennengelernt?"– von den nervigen Verwandten auf den noch nervigeren Familienfesten oder das jahrelange Schweigen, Verstecken und Verdrängen – all das ist für LGBTQ-Menschen immer noch Realität. Und trotzdem: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir zu leben und wen wir zu lieben haben. Lasst ihr euch auch nicht unterkriegen! Es ist euer (einziges) Leben! Warum also Rücksicht nehmen auf das, was andere sagen oder denken? Es gibt überhaupt keinen Grund, kleinbeizugeben. Wir Homos sind erfolgreich. Sehr sogar. Studien bestätigen das: Schwule haben viel mehr und besseren Sex als Heteros; sie sind überdurchschnittlich gebildet und können sich mehr im Leben leisten. Es muss nicht immer von Nachteil sein, den gesellschaftlichen Erwartungen nicht zu entsprechen.

Und vielleicht ist das, was Heteros von Homos schlussendlich lernen können, vor allem dies: Im Leben das zu tun, was man tun möchte, und eben nicht das tun zu müssen, was von einem erwartet wird.(von Steffen Hafenmayer-vice)

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10 Fragen an einen HIV-Positiven, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Hasst du den Mann, der dich angesteckt hat? Wie lange hat es gedauert, bis du nach der Diagnose wieder Sex hattest? Wie viel kostet es, HIV zu haben?

HIV und Aids sind nicht unbedingt Themen, über die man sich in der Küche bei einer WG-Party unterhält. Der Hauptübertragungsweg in Deutschland ist Sex. 70 Prozent der Neuinfektionen in Deutschland betreffen schwule Männer. In vielen Köpfen ist eine HIV-Infektion gleichbedeutend mit AIDS und damit gleichbedeutend mit dem frühen Tod. Durch neue Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten ist das aber schon länger nicht mehr der Fall. Die Lebenserwartung von HIV-Infizierten ist zumindest in Deutschland nicht sehr viel niedriger als die von HIV-negativen Menschen.

Marcel Dams ist 27 und seit sieben Jahren HIV-positiv. Und er spricht darüber. Marcel hat sich angesteckt, als er zum ersten mal Sex mit seinem damaligen Partner hatte. Der war positiv, hat es ihm nicht gesagt, und die beiden haben kein Kondom benutzt. Ein paar Wochen später bekam er dann seine Diagnose. Heute arbeitet Marcel für die AIDS-Hilfe in Nordrhein-Westfalen, war Botschafter des Welt-AIDS-Tags und sitzt in der Jury des HIV-Community-Preises, mit dem Projekte ausgezeichnet werden, die die Versorgung und soziale Integration von Menschen mit HIV verbessern.(Foto-NTV)

Also die perfekte Person, anlässlich des Welt-AIDS-Tags am 1. Dezember all die Fragen über HIV zu beantworten, die ihr euch vielleicht nicht trauen würdet zu stellen.

Hasst du den Mann, der dich angesteckt hat?
Marcel: Ich hatte nie das Bedürfnis, mich zu rächen, war aber total wütend und sauer auf ihn. Aber all die Wut bringt ja letztlich nichts. Irgendwann habe ich gesagt: OK, du kannst diese Gefühle jetzt noch ewig haben oder du setzt dich jetzt mal damit auseinander, in welcher Situation du bist und was du noch ändern kannst und was auch nicht. Dementsprechend habe ich mich irgendwann auch davon verabschiedet, wütend zu sein.

Wie hast du dich gefühlt, als du deine Diagnose bekommen hast?
Als ich die Diagnose bekommen habe, war ich plötzlich ganz in mir, habe nicht mehr mitbekommen, was die Frau mir erklärt, und ich weiß noch, dass ich irgendwie nach Hause gekommen bin, aber nicht mehr wie. Ich habe nichts mehr mitbekommen, war völlig weggetreten. Es fühlt sich sehr leer an und Leere ist kein schönes Gefühl. Die ersten Symptome hatte ich zwei Wochen, nachdem ich mich angesteckt hatte. Starke Grippesymptome, das heißt Fieber, Schüttelfrost. Ich war beim Hausarzt, der es auch erst für eine Grippe gehalten hat, habe Antibiotika bekommen und als die dann nicht angeschlagen haben, habe ich zu denken angefangen. Meine Lymphknoten waren angeschwollen. Aus dem Bio-LK hatte ich noch im Kopf, dass das erste Anzeichen sein könnten. Ich bin dann zum Gesundheitsamt gegangen und habe einen Test gemacht. Es gibt ein diagnostisches Fenster, dass man eigentlich drei Monate warten soll, bis man den Test macht, weil sich die Antikörper erst bilden müssen, aber ich war aufgeregt. Der erste Test war sehr uneindeutig und ich musste bis zum nächsten vier bis sechs Wochen warten. Als ich dann das positive Ergebnis bekommen habe, war ich darauf eingestellt.

Bist du nicht auch selbst schuld?
Tatsächlich sagen Leute das. Ich spreche lieber von selbstverantwortlich. Deswegen, weil ich auf ein Kondom verzichtet habe. Ich hätte es anders machen können. Schuld ist eine moralische Bewertungskategorie, die ich nicht richtig finde in dem Bereich. Ich wusste, wie ich mich schützen kann. In zwischenmenschlichen Beziehungen oder wenn es um Sex geht, schalten wir eben manchmal den Kopf aus und handeln anders, als man es uns beigebracht hat. Da ist was passiert, das kann ich nicht rückgängig machen, und gleichzeitig finde ich aber auch, dass sowas menschlich ist.(Foto-Brookscmhv)

Folgendes Szenario: Eine Party, du hast was getrunken, der andere auch. Es läuft drauf hinaus, dass ihr zusammen nach Hause geht. Sagst du, dass du HIV-positiv bist?
Grundsätzlich finde ich, man muss das nicht sagen. Ich finde, jeder muss selbst wissen, wann er das sagt. Wenn der Schutz da ist durch Therapie oder Kondom, warum sollte man es dann sagen? Außerdem: Wenn es gesellschaftlich so wäre, dass der HIV-Positive es sagen müsste, dann hätte der mehr Verantwortung als der HIV-Negative und das ist ja nicht das Ziel. Man möchte ja letztlich, dass der HIV-Negative sich immer schützt, ohne darauf zu warten, dass ihn jemand warnt. Ich möchte selber entscheiden, wem ich das sage, und solange ich niemanden in Gefahr bringe, spielt das für mich keine Rolle. Ich bin ja in Behandlung, meine Viruslast ist sehr niedrig und ich gelte als nichtinfektiös und ich sage dann auch recht früh: "Willst du ein Kondom benutzen oder wollen wir auf ein Kondom verzichten?" Die Viruslast beschreibt, wie viel Virus im Blut und im Sperma ist. Je höher die Viruslast ist, desto höher ist die Gefahr, jemanden zu infizieren. Ab einem bestimmten niedrigen Wert spricht man von einer Viruslast unter der Nachweisgrenze. Das heißt nicht, dass ich negativ bin, sondern nur, dass die Ansteckungswahrscheinlichkeit sehr gering ist. Ohne Kondom ungefähr auf dem Niveau, wie wenn ein HIV-Positiver mit hoher Viruslast ein Kondom benutzt.

Hast du mal wegen HIV einen Korb kassiert?
Nicht nur einmal. Ich würde nicht sagen, dass jeder Zweite Nein sagt, aber doch, das kommt häufiger vor. Tatsächlich auch mit der Begründung, dass der andere Angst hat. Das nehme ich dann nicht persönlich. Anders wäre das, wenn jemand sagt: "Nee, du bist 'ne Gefahr." Das ist einfach ein Vorwurf, der nicht stimmt. Ich bin keine Gefahr. Wenn mir aber jemand ehrlich sagt, dass er Angst hat, verletzt mich das nicht. Auch wenn es manchmal schade ist, je nachdem wer da vor dir steht.

Hattest du am Anfang Angst, dass du versehentlich jemanden ansteckst?
Ja, das war tatsächlich ein großes Thema für mich. Ich hatte das Gefühl, wenn ich einen Orgasmus bekomme, sind da Viren drin. Das war ziemlich bedrückend. Ich war Anfang 20 und wenn ich mir vorstelle, dass ich bis jetzt keinen Sex mehr gehabt hätte, das wäre ziemlich traurig gewesen. Die ersten Male nach der Diagnose waren auch von solchen Gedanken begleitet. Es hat aber auch geholfen, da ich gemerkt habe: Natürlich kann was passieren, es kann immer was passieren, egal wie viel Schutz man hat, und trotzdem ist die Angst davor irrational, weil die Gefahr einfach sehr gering ist. Ganz selten überlege ich noch: Könnte ich dafür verantwortlich sein, dass sich jemand infiziert hat?

Wie lange hat es gedauert, bis du nach der Diagnose wieder Sex hattest?
Ziemlich lange. Ich glaube, ich habe sogar drei oder vier Monate nicht masturbiert, weil ich Angst vor mir selbst hatte. Ich hatte Angst, dass, wenn ich komme, da verseuchtes Sperma kommt. Sex zu haben, hat nochmal gedauert. Mindestens ein halbes Jahr, wenn nicht sogar länger.

Bist du in Sachen Alkohol und Drogen eingeschränkt wegen deiner Medikamente?
Medikamente schlagen natürlich auf den Körper. Ich nehme eine Kombination, die die Leber ein bisschen belastet. Das bedeutet aber nicht, dass ich keinen Alkohol trinken darf oder dass es ein Problem ist, wenn ich abends zwei Bier trinke und am nächsten Morgen sind dann zehn Bier draus geworden und ein paar Schnaps. Mir wird alle drei Monate Blut abgenommen, um zu bestimmen, wie die Viruslast aussieht, aber gleichzeitig wird auch einmal im Jahr durchgecheckt, wie die Organe aussehen. Man muss mit dem Arzt besprechen, welchen Lebensstil man hat, also sagen "Ich trinke Alkohol", "Ich habe in den letzten drei Monaten häufiger gekifft". Mir wurde nicht geraten, weniger zu trinken, mich anders zu ernähren oder nicht zu kiffen. Wenn man sich jetzt Crystal Meth spritzt, ist das wahrscheinlich anders.

Wie viel kostet es, HIV zu haben?
Die Medikamente kosten circa 2.000 Euro im Monat, dazu kommen die dreimonatigen Untersuchungen. Ich mache mir keine Gedanken, weil es die Krankenversicherung und damit die Gesellschaft Geld kostet. Mich treibt aber um, dass die Medikamente so teuer sind. Man müsste am System was ändern, die Medikamente dürften nicht so teuer sein. Es gibt viele Menschen auf der Welt, die keinen Zugang zu diesen Medikamenten haben, eben weil sie so teuer sind.

Wenn du deine Infektion weitergeben könntest und du wärst danach gesund, würdest du es machen?
Nein. Ich habe eine Infektion, vielleicht eine chronische Erkrankung, aber mir geht es nicht schlecht, ich muss nicht im Krankenhaus liegen. Ich nehme Medikamente, ich fühle mich gut, ich habe kaum Nebenwirkungen. Wenn ich das jetzt abgeben könnte und danach geheilt wäre, wäre der einzige Unterschied, dass ich weniger Arztbesuche hätte und weniger Tabletten. (Stevan Lauer-Vice)

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Mit Demut und Ausdauer

Was wünschen sich Trans*menschen? Wer sind für sie Verbündete und wer nicht? Welche Unter­s‍tützung wollen sie von ihrer Umwelt? Über diese Fragen hat René_ Horn­s‍tein mit Trans*menschen im Rahmen psychologischer Forschung gesprochen. Im Interview berichtet René_ von den Ergebnissen.

Albrecht: Trans*verbündetenschaft ist Dein Diplomarbeitsthema – was ver­s‍tehst Du darunter? Und warum brauchen Trans*menschen überhaupt Verbündete?

René_: Trans*menschen brauchen Verbündete, weil es eine gesellschaftliche Struktur gibt, die Transidentitäten und geschlechts​-nonkonforme Lebensweisen benachteiligt, bedroht und verletzt. Gegen diese Struktur zu kämpfen, können Trans*menschen alleine gar nicht, dafür braucht es die ganze Gesellschaft. Darüber hinaus sind alle Menschen von rigiden Geschlechternormen betroffen und werden durch sie eingeschränkt. Das heißt, es ist auch im Interesse von Verbündeten, sich gegen Trans*feindlichkeit, Sexismus, Homosexuellenfeindlichkeit oder andere geschlechts- und sexualitätsbezogene Diskriminierungsformen einzusetzen.

​Aber nicht nur auf gesellschaftlich-struktureller Ebene brauchen Trans*menschen Verbündete. Auch im Alltagsleben sind diese wichtig. Zum Beispiel bei Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, Beschimpfungen oder Gewalt auf der Straße oder bei trans*feindlichen Familien.​

Mein Promotionsthema lautet: Internalisierte Trans*feindlichkeit und Wege des Empowerments aus der internalisierten Trans*feindlichkeit. Ich habe mich im Rahmen meiner psychologischen Diplomarbeit mit Trans*verbündetenschaft beschäftigt. Verbündete sind laut der Wissenschaftlerin Anne Bishop Menschen, die unverdiente Privilegien erkennen, also solche, die ihnen aufgrund von gesellschaftlichen Mu­s‍tern der Ungerechtigkeit zugewiesen werden, und die Verantwortung dafür übernehmen, diese Mu­s‍ter zu ändern.

Albrecht: Kannst Du genauer erklären, was Du mit "unverdienten Privilegien" meinst?

René_: Das möchte ich gerne am Beispiel von Rassismus verdeutlichen: Ich als weiße Person habe nichts dafür getan, weiße Privilegien zu erhalten. Keine individuelle Lei­s‍tung, die ich in meinem Leben vollbracht habe, berechtigt mich dazu, vor rassi­s‍tischer Diskriminierung geschützt zu sein. Ich bin einfach mit weißer Hautfarbe und we­s‍teuropäisch klingendem Namen zur Welt gekommen und profitiere seitdem von Rassismus bzw. bin davor geschützt. Daraus ergibt sich für mich als Person, die mit Menschen, die rassi­s‍tische Diskriminierung erfahren, verbündet handeln will, daß ich mir meiner Privilegien bewußt sein muß und daß ich die gesellschaftlichen Strukturen ändern muß, die diese Privilegien entlang willkürlicher Merkmale wie z.B. Hautfarbe verteilt.

Auf Trans*diskriminierung bezogen heißt das: Ich habe mir meine Transidentität nicht ausgesucht. Ich habe keine persönlichen Fehler begangen oder mir etwas zuschulden kommen lassen, so daß ich verdient hätte, in Bezug auf meine Transidentität diskriminiert zu werden. Es gibt einfach gesellschaftliche Normen, die Trans*menschen abwerten und die bekomme ich nun ab. Von Menschen, die mit mir verbündet handeln wollen und keine Trans*diskriminierung erfahren, wünsche ich mir, daß sie ver­s‍tehen, daß das in gewisser Weise eine Lotterie ist und daß sie ihre Privilegien einsetzen, um mich persönlich zu unter­s‍tützen und sich für die Abschaffung dieser gesellschaftlichen Privilegienstruktur zu engagieren.

Meine Utopie ist, daß alle Menschen, egal wie stark sie von gesellschaftlichen Normen in Bezug auf Hautfarbe, Geschlecht, Name, Sprache, sexueller Orientierung, Religion, körperlicher Befähigung, mentaler Verfassung, Schichtzugehörigkeit etc. abweichen, in den Genuß von Anerkennung kommen und die gleichen Chancen an gesellschaftlicher Teilhabe und persönlicher und psychischer Entfaltung haben, wie heutzutage noch privilegierte Personen, z.B. weiße Menschen oder Nicht-Trans*Menschen.(Foto-Bravo)

Albrecht: Du sprichst die schwierige Situation von Trans*menschen in unserer Gesellschaft an. Wie ist denn die gegenwärtige soziale, rechtliche und alltägliche Situation von Trans*menschen in Deutschland?

René_: Die gegenwärtig gültigen gesetzlichen Regelungen im sogenannten Transsexuellengesetz (TSG), welche die Änderung von juri­s‍tischem Geschlechtseintrag und Vornamen betreffen, sowie die Situation von Trans*menschen in verschiedenen Rechtsbereichen (z.B. Elternschaft im bürgerlichen Gesetzbuch), sind menschenrechtswidrig, demütigend und gesundheitsschädigend. Das Bundesverfassungsgericht hat in mittlerweile acht Urteilen das TSG in großen Teilen für verfassungswidrig erklärt; z.B. hat es 2011 verfügt, daß Trans*menschen sich nicht sterilisieren (!) lassen müssen, wenn sie ihren Geschlechtseintrag ändern lassen wollen. Leider hat sich seitdem noch keine Bundesregierung getraut, das TSG gemäß den Urteilen des Verfassungsgerichts anzupassen. Es wird die ganze Zeit geprüft, untersucht, Expert*innenberichte geschrieben. Da stehen auch teilweise sehr progressive Sachen drin. Aber auf diese Inhalte folgt keine parlamentarische oder gesellschaftliche Debatte. Die Bundesregierung möchte das Thema einfach nur aufschieben, verdrängen, unter den Tisch fallen lassen.

Auf sozialer Ebene ist es so, daß Transidentität stark stigmatisiert ist. Das heißt, Trans*menschen sind damit konfrontiert, sich einer gesellschaftlich abgewerteten Identität bewußt zu werden. Das ist kein ermutigendes Klima, um sich selbst zu akzeptieren und zu sich selbst zu stehen. Trotzdem schaffen es viele Trans*menschen, für sich einzu­s‍tehen und ihren Weg zu gehen. Dennoch gibt es zu wenig Bewußtsein über das Thema Transidentität bei Beratungseinrichtungen, in Behörden, der Wirtschaft, dem Gesundheitssy­s‍tem. Das bedeutet, daß es für manche Trans*menschen einen alltäglichen Arbeitsaufwand erfordert, ihre Umgebung über die richtige Anrede oder den Gebrauch des richtigen Vornamens aufzuklären oder darauf hinzuweisen, daß intime Fragen (z.B. nach Genitalien) grenzüberschreitend sind. Aber ganz grundsätzlich: Die Stigmatisierung und Abwertung ist so ausgeprägt, daß für Trans*menschen weltweit, aber auch in Deutschland eine massiv erhöhte Wahrscheinlichkeit be­s‍teht, Opfer von körperlicher Gewalt oder gar ermordet zu werden oder sich selbst zu töten.

Albrecht: Für Deine Diplomarbeit hast Du Trans*menschen nach ihren Unter­s‍tützungwünschen befragt, als Antworten hast Du zunächst sehr viele Berichte über Negativerfahrungen erhalten. Was haben Dir die Interviewten dazu erzählt?

René_: Richtig. Ich habe sieben ganz unterschiedliche Trans*menschen nach ihren Wünschen an unter­s‍tützendes Verhalten von Menschen in ihrer Umgebung befragt. Mir ist dabei aufgefallen, daß sie oft Negativbeispiele berichteten und es ihnen teilweise schwerfiel, Wünsche positiv zu formulieren. Die Negativbeispiele dienen auch zur Illustration von Wünschen, nämlich "so und so soll es nicht laufen". Zum Beispiel wollen meine Gesprächspartner*innen nicht mit falschen Namen oder Pronomen angesprochen werden, oder nicht intime Fragen zu Genitalien oder Hormoneinnahme ge­s‍tellt bekommen. Sie wollen nicht angespuckt oder körperlich angegriffen werden. Du siehst, es fiel vielen Gesprächspartner*innen leichter, zu sagen, was sie nicht wollen. Dies sicherlich vor dem Hintergrund vieler Erfahrungen der Grenzverletzung und Gewalt.

Albrecht: Was sind denn für Dich persönlich die größten Fehler, die mensch im Umgang mit Trans*menschen vermeiden sollte?

René_: Ich denke, eine zentrale Fehlannahme lautet, wenn ich die Transidentität einer Person ignoriere und keine diskriminierenden Absichten habe, dann kann ich auch nicht trans*diskriminierend oder verletzend handeln. Hier steckt ein Diskriminierungsver­s‍tändnis dahinter, das davon ausgeht, daß eine Handlung nur dann diskriminierend wirken kann, wenn sie so gemeint ist. Das ist häufig aber gar nicht relevant. Eine Person kann mich mit den freundlich­s‍ten Absichten mit der falschen Anrede oder dem falschen Namen ansprechen, dennoch tut mir das weh. Außerdem ist es wichtig, sich über die Lebensrealität und Wünsche von Trans*menschen zu informieren, um dies in ein umsichtiges und trans*respektvolles Verhalten einfließen zu lassen. Das wohlmeinende Ignorieren und so zu tun, als wären wir alle gleich, als gäbe es keine Unterschiede zwischen den Menschen, wird den Bedürfnissen von Trans*menschen nicht gerecht.

Ein weiterer Fehler ist, davon auszugehen, daß, nur weil ich schon etwas über Trans*lebensrealitäten weiß oder weil ich gute Absichten gegenüber Trans*menschen habe, ich automatisch eine trans*verbündete Person bin. Aus einer nicht-trans*Perspektive kann ich gar nicht entscheiden, ob ich als verbündete Person wahrgenommen werde oder nicht. Das obliegt den Trans*menschen selbst. Ich kann mir nur Mühe geben. Und diese Mühe hört nicht irgendwann einfach auf. Ich bin nicht irgendwann an einem Ort angekommen, wo ich glasklar trans*verbündet bin und mich zurücklehnen kann. Es ist besser, davon auszugehen, daß mir immer wieder Fehler unterlaufen werden, ich immer wieder etwas übersehen werde und daß ich deswegen nie über das Thema trans* auslernen kann. Es ist eine falsche Verlockung, sich in die bequeme Position zu geben, mit guten Absichten bereits verbündet zu sein und nichts mehr tun zu müssen. Menschen mit diesen Ein­s‍tellungen lassen sich schwer darauf hinweisen, wenn sie dann doch mal etwas trans*diskriminierendes getan oder gesagt haben. Es ist einfach nicht Teil ihres Vor­s‍tellungsvermögens, daß ihnen so etwas unterlaufen könnte.

Albrecht: Kannst Du das "wohlmeinende Ignorieren" näher erläutern?

René_: Gerne. Sprache ist ein gutes Beispiel. Neulich habe ich ein Radiointerview gegeben. Der Radiomoderator war sehr gut vorbereitet, hat sich im Vorfeld mit meinen Publikationen beschäftigt und wir haben ein angenehmes Vorgespräch geführt. Er hat sich sicherlich als ein Unter­s‍tützer von Trans*anliegen ver­s‍tanden - ich ihn übrigens auch. Dennoch ist ihm in der Anmoderation ein sprachlicher Fehler unterlaufen und er hat mich in den einleitenden Sätzen "er" genannt. Das kommt häufig vor und das erlebe ich als sehr verletzend. Teil meiner Transidentität ist eben, nicht "er" genannt werden zu wollen. Nun, das wußte er alles, dennoch ist es ihm unterlaufen. Als ich ihn dann nach der Radiosendung darauf ansprach, ging er in eine massive Abwehr und stritt es komplett ab. Er wollte mir seine Notizen zur Anmoderation zeigen, die belegen sollten, daß es ihm nicht passiert sein könnte. Es hat erst die Intervention seiner Kollegin gebraucht, die das Interview mitgehört hat, bis er akzeptiert hat, daß es ihm tatsächlich passiert ist. 

Ein weiteres Beispiel ereignete sich in einem Verein, in dem ich aktiv bin. In einer Plenumsdiskussion mit verschiedenen Vereinsmitgliedern ist es einem Mitglied passiert, mehrfach in einem Redebeitrag mit "er" auf mich Bezug genommen zu haben. Ich habe immer wieder das richtige Pronomen dazwischen gerufen (heute wäre das der Buch­s‍tabe "m", damals war es noch der Buch­s‍tabe "w"), aber die Person hat es einfach nicht wahrgenommen und unbeirrt weitergesprochen. Ich stelle fest, daß Menschen, die aus Erfahrung wissen, daß ihnen immer mal wieder Pronomenfehler unterlaufen, er­s‍tens langsamer und konzentrierter sprechen und zweitens hellhöriger sind für genau solche Unterbrechungen bzw. Pronomenkorrekturen von anderen Gesprächsbeteiligten. Und manche Menschen hören dann solche Einwürfe einfach nicht. Das meine ich mit wohlmeinendem Ignorieren. Es ist ja nicht so, daß diese Menschen verletzende Absichten hätten. Aber es ist einfach nicht Teil ihres Selbstver­s‍tändnisses, daß ihnen so etwas passieren könnte.

Abrecht: Schließlich hast Du in Deinen Interviews doch eine ganze Menge von Unter­s‍tützungswünschen sammeln können. Wie ist Dir das gelungen? Und welche Bedürfnisse haben die Interviewten genannt?

René_: Ich finde es bezeichnend, daß es meinen Interviewpartner*innen schwer fiel, in einen Modus des Sich-Wünschens von positiven Dingen zu gelangen und zu beginnen, sich selbst als Person zu begreifen, die sich etwas wünschen darf und einen respektvollen Umgang und Unter­s‍tützung verdient hat. Dies macht deutlich, daß Transidentität ein marginalisiertes und abgewertetes Thema ist und Trans*menschen oft mit ihren Bitten und Forderungen nach Respekt als anstrengend oder besonders empfindlich konstruiert werden.

Meinen Gesprächspartner*innen ist der Perspektivenwechsel mit Fortschreiten des Interviews immer leichter gefallen, es brauchte etwas Umdenken. Hilfreich hierbei war, daß ich immer wieder gezielt nach positiven Überraschungen gefragt habe: von Unter­s‍tützung durch Menschen im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, im Bildungsort etc.

Was ich aus diesen Gesprächen mitnehme, ist eine Frage, die ich in meinem engeren Umfeld immer häufiger stelle: Wenn Du es Dir aussuchen könntest, was hättest Du jetzt gerne? Kurz: Spiel mal Wunschkonzert, was wünschst Du Dir?

Von meinen Gesprächspartner*innen genannte Wünsche an Menschen, die verbündet mit Trans*menschen handeln wollen, bezogen sich auf ihre Ein­s‍tellungen, ihre Haltung und Gefühle gegenüber Trans*menschen: Trans*verbündete sollen keinen Ekel oder Angst vor Trans*menschen empfinden, sie sollen Transidentität als etwas Selbstver­s‍tändliches und nicht Krankes betrachten und Trans*menschen unter­s‍tützen wollen.

Auch auf das Denken und Wissen von Verbündeten bezogen sich viele Wünsche: Sie sollen sich eigen­s‍tändig über Trans*lebensrealitäten informieren und dabei von Trans*menschen selbst er­s‍tellte oder empfohlene Quellen nutzen. Sie sollen sich über die Vielfalt der Erfahrungen von Trans*menschen informieren, auch was andere Diskriminierungsbereiche wie Heteronormativität oder Rassismus angeht. Sie sollen in der Lage sein, Kritik anzunehmen und sich selbst nicht für den Maß­s‍tab ihres Verbündetseins begreifen, sondern ver­s‍tehen, daß nur Trans*menschen beurteilen können, ob oder inwiefern sie gute Verbündete sind.

Ganz viele Wünsche bezogen sich auf direktes Verhalten von Verbündeten gegenüber Trans*menschen: Sie sollen sie unter­s‍tützen, auch in konkreten Diskriminierungssituationen, möglicherweise sogar körperlich oder verbal intervenieren und Trans*menschen beschützen. Meine Gesprächspartner*innen wünschten sich von Verbündeten, daß sie be­s‍timmte stereotype Fragen nicht stellen und sich der Intimgrenzen und der Privatsphäre des Gegenübers bewußt sind.

Ein guter Ratschlag, der in den Gesprächen genannt wurde, war, sich vorzu­s‍tellen, mit einer Nicht-Trans*person abends an einer Bar zu sitzen und sich zu überlegen, ob die Frage, welche die verbündete Person gerade einer Trans*person stellen will, in dieser vorge­s‍tellten Barsituation angemessen wäre. Zum Beispiel: Würde ich eine Nicht-Trans*person, die ich gerade kennenlerne, in einer Barsituation nach ihren Genitalien oder ihrem Sexleben befragen? Diese Überprüfungsfrage macht deutlich, daß be­s‍timmte Intimgrenzen für Trans*menschen gesellschaftlich nicht gelten, die meine Gesprächspartner*innen aber berechtigterweise auch für sich und andere Trans*menschen einfordern.

Albrecht: Gab es eine Interviewsituation, eine Geschichte, einen Wunsch, der Dich besonders bewegt hat?

René_: Mich hat sehr bewegt, daß in einem Gespräch explizit der Wunsch geäußert wurde, daß Nicht-Trans*menschen Trans*menschen nicht ermorden sollen. Das macht deutlich, wie gering die Chancen auf ein würdevolles, unversehrtes Leben für viele Trans*menschen sind.

Albrecht: Wenn ein Mensch dieses Interview liest und zu der Überzeugung gelangt Trans*menschen unter­s‍tützen zu wollen, was kann sie_er nun konkret tun?

René_: Ich empfehle, sich eigen­s‍tändig mit dem Thema trans* zu beschäftigen und sich mit Internetblogs, YouTube-Videos, Büchern zu beschäftigen, die Trans*personen selbst über das Thema trans* er­s‍tellt haben. Hierbei können auch die Internetseiten von Trans*organisationen selbst aufgesucht werden, z.B. www.transinterqueer.de oder www.bundesverband-trans.de. Auch meine Diplomarbeit könnte durchgelesen werden, sie findet sich unter www.rhorn­s‍tein.de.

Dabei gilt: Die Trans*community ist sehr heterogen und es gibt dort ganz unterschiedliche Vor­s‍tellungen von Transidentität, dem gutem Leben, der idealen Gesellschaft und was Trans*verbündetenschaft bedeutet. Das heißt, daß Verbündete damit rechnen sollen, daß sie keine universellen Gesetze finden, die für jede Trans*person gleichermaßen gelten und daß die Wünsche an Unter­s‍tützung von Person zu Person unterschiedlich sind. Und daß sie möglicherweise von Trans*menschen in Frage ge­s‍tellt werden für Dinge, die sie von anderen Trans*menschen gelernt haben.

Es ist wichtig, sich mit der eigenen Idee von Geschlechtlichkeit und der eigenen Geschlechtsidentität zu beschäftigen, damit nicht unbewußte oder unreflektierte Standpunkte zum Thema Geschlecht in den Umgang mit Trans*menschen hineinprojiziert werden. Zum Beispiel gibt es be­s‍timmte Strömungen des Feminismus, die trans*feindliche Inhalte haben - sog. "Radikaler Feminismus", auch als Trans*ausschließender Radikaler Feminismus bezeichnet (engl. TERF). Diese Positionen sind in manchen Kontexten (z.B. Frauengleich­s‍tellung an den Hochschulen, femini­s‍tische Gruppen) noch häufig unbewußt handlungsleitend gegenüber Trans*menschen und können zu Ausschlüssen führen.

Eine zentrale Überlegung sollte sein, daß ich als Person, die mit Trans*menschen verbündet handeln will, nicht alles über Trans*diskriminierung und Trans*verbündetenschaft wissen kann, offen für Rückmeldungen und individuelle Unter­s‍tützungswünsche sein sollte und kontinuierlich an mir und meinem Wissen über Trans*lebensrealitäten arbeiten sollte. Kurz: Demut und Ausdauer.

René_ Horn­s‍tein (30) hat ein Diplom in Psychologie und lebt in Berlin. René_ promoviert an der TU Braunschweig. Forschungsinteressen sind: Intersektionalität, Transidentität, Nicht-binäre Identitäten, Internalisierte Diskriminierung, Internalisierte Trans*feindlichkeit, Critical Whiteneß und Trans*diskriminierung an Hochschulen. René_ ist Mitglied im Verband der LSBTIQ-Menschen in der Psychologie (VLSP*), dem Bundesverband Trans* (BVT*), dem Trans*-Recht e.V. sowie der Fachgesellschaft Gender.

(Evangelisch.de-Mathias Alberecht)  Mehr zu all den Büchern und weitere Lesestoff wenn du die Bilder anklickst.


Kann PrEP HIV verhindern? 

PrEP muß zu einem Bau­s‍tein der HIV-Vorsorge werden

Das Kondom schützt Risikogruppen vor HIV - aber nur bedingt. Die PrEP Therapie ist deshalb ein notwendiger Schritt im Kampf gegen HIV. 

Nach dem die Europäische Arzneimittelbehörde am 22. Juli diesen Jahres die Zulassung von Truvada als PrEP für Personen mit hohem HIV-Risiko empfohlen hat, ist die Europäische Kommission dieser Empfehlung am 23. August gefolgt. Auch auf nationaler Ebene haben sich die Fachgesellschaften in Deutschland einheitlich dafür ausgesprochen, die PrEP als einen weiteren Bau­s‍tein der HIV-Prävention zuzulassen. Damit ist klar: die PrEP wird kommen.Foto-Polariprojeckt)

Viele der Diskussionen, die zum Thema Safer Sex und HIV-Prävention derzeit innerhalb der schwulen Community geführt werden, erinnern an Grundsatzdiskussionen, bei denen es nur einen richtigen Weg geben kann. Diese Herangehensweise ist aus Sicht des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) unsinnig und nicht hilfreich.

Das Kondom ist und bleibt eine Barriere beim Sex 

In den 1980er Jahren stand als einziges Mittel zur Vermeidung einer HIV-Übertragung beim Sex das Kondom zur Verfügung. Während schwule Männer die Erfahrung machten, daß rings um sie herum ihre Freunde und Partner starben, mußten sie sich gleichzeitig mit dem Kondom „anfreunden“, in Wirklichkeit aber eher „abfinden“. Zu behaupten, daß daraus eine innige Freundschaft wurde, wäre absoluter Unsinn.

Viele schwule Männer nutzen es seitdem. Einige tun das konsequent (Und JA: ich finde, das IST eine Lei­s‍tung!), einige tun das nicht konsequent (und NEIN, das ist nicht gleich ein Scheitern oder Versagen, sondern schlicht und ergreifend menschlich), wieder andere kommen gar nicht mit Kondomen klar. Denn ein Kondom ist und bleibt beim Sex eine Barriere.

Das Kondom holt Themen wie "Krankheit" und "Risiko" mitten in die Intimsphäre hinein

Schutz gegen HIV bieten, sondern auch die Übertragungswahrscheinlichkeit anderer sexuell übertragbarer Infektionen verringern. Für andere bleiben Kondome ein Problem.

Es erfordert, daß man den Kopf einschaltet, wenn man sich eigentlich gehen lassen möchte. Es verringert die Empfindlichkeit. Es engt ein. Es erfordert eine gewisse Übung in der Anwendung. Und es konterkariert Verschmelzungswünsche und holt Themen wie „Krankheit“ und „Risiko“ mitten in die Intimsphäre hinein.

Bei manchen Männern verursachen Kondome Erektions­s‍törungen oder sie können aufgrund von Infektionsäng­s‍ten überhaupt keine entspannte Sexualität erleben. Und last – but not least – Kondome können selbstver­s‍tändlich auch platzen.

Mittlerweile gilt: Es gibt neben dem Kondom auch andere Wege sich, oder seine Partner vor HIV zu schützen. Gesichert ist, daß „Schutz durch Therapie“ wirkt: Studien belegen zweifelsfrei, daß es beim Sex zu keiner Infektion kommen kann, wenn der positive Partner eine Viruslast unter der Nachweisgrenze hat. HIV-Infizierte können damit zum Schutz ihrer negativen Partner beitragen.

Die Post-Expositionsprophylaxe (PEP) ist für HIV-Negative ein Weg, um sich etwa im Falle einer Kondompanne im Nachhinein doch noch schützen zu können.

Das Risiko anderer Geschlechtskrankheiten ist kein Argument gegen PrEP

Die kürzlich publizierten und wissenschaftlich überzeugenden Ergebnisse belegen nun, daß die PrEP als ein weiteres hochwirksames Instrument eine neue Chance für die HIV-Prävention dar­s‍tellt. Mit ihr können HIV-Negative ihr Infektionsrisiko deutlich reduzieren. Infektionsketten zwischen Personen mit hohem HIV-Infektionsrisiko, für die die anderen Methoden aus den oben genannten Gründen nicht in Betracht kommen, werden unterbrochen. Insbesondere die anlaßbezogene PrEP steht in einem guten Ko­s‍ten/Nutzen-Verhältnis im Kontrast zu den Ko­s‍ten einer jahrzehntelangen antiretroviralen Therapie der HIV-Infektion. Dennoch stellen die zu hohen Ko­s‍ten für Truvada ein erhebliches Hindernis für eine breite Einführung der PrEP dar. Hierfür müssen Lösungen gesucht werden.(Foto-prepjetz.de)

Als Argument gegen die PrEP wird oft ins Feld geführt, daß Truvada eben nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) schützt. Das ist korrekt, po­s‍tuliert aber fälschlicherweise, daß kondomloser Sex nur im Rahmen einer PrEP stattfinden würde. Das ist stati­s‍tisch unhaltbar. Mit der PrEP be­s‍teht nun aber die Möglichkeit, sich bei kondomlosem Sex zumindest gegen HIV zuverlässig zu schützen.

PrEP muß von geschultem medizinischen Personal durchgeführt werden. 

Für eine gezielte und sinnvolle Anwendung bei Personen mit erhöhtem HIV-Risiko – und nur für solche kommt diese Methode in Betracht –, sollte die PrEP von entsprechend qualifizierten und geschulten Ärztinnen und Ärzten durchgeführt werden. Notwendig sind eine kontinuierliche medizinische Begleitung und intensive Kontrolluntersuchungen in Bezug auf Nebenwirkungen, regelmäßige HIV-AK-Te­s‍tungen und STI-Te­s‍tangebote mit intensiver medizinischer Aufklärung sowie Beratung.

Durch eine derartige Verknüpfung von Angeboten könnte die PrEP zu einem weiteren sinnvollen Bau­s‍tein im Gesamtkonzept der bundesdeutschen HIV-Prävention werden und gleichzeitig zur STI-Prävention beitragen.

(Axel Blumenthal Bundesvorstand, Lesben- und Schwulenverband Deutschland-Tagesspiegel)

Expertise:

Axel Blumenthal ist Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverband Deutschland.


Leitkultur? Ja bitte!

Schluß mit der Vielfaltseuphorie!

Aus Toleranz ist längst das Diktat geworden, alles ertragen zu müssen. Das beschädigt die Gesellschaft - und ermöglicht Gauland. Wir sollten uns auf das Gemeinsame besinnen, laßt uns nach einer Leitkultur streben.

Die Postmoderne ist Realität. Das "Anything goes" und der Dissens wurden zum neuen Konsens. Keine gemeinsame Wahrheit, keine gemeinsame Identität, keine Einheit haben die postmodernen Denker des Partikularen und Besonderen mehr gelten lassen. Und sie haben gewonnen. 

Heute ist alles erlaubt und (fast) alles sagbarEin radikaler Relativismus und Pluralismus ist Realität geworden. Alles ist nun erlaubt, (fast) alles sagbar. Es gibt keine Grenzen mehr, weil es keine Wahrheit mehr gibt.(Foto-schwarzwaldkarie)

Wie ist es dazu bloß gekommen? Am Anfang war auch da das Wort.

Worte beweisen sich in der Lebenswelt. Daraus folgt, daß sie viele Bedeutungen haben könnenDie Bedeutung eines Wortes erweist sich in dessen Gebrauch in der Sprache, hat Ludwig Wittgen­s‍tein gesagt, er nannte das „Sprachspiele“. Woraus folgt, daß verschiedene Lebenswelten verschiedene Worte verschieden gebrauchen. Hölzern gesprochen: der Arzt, der Bauarbeiter und der Manager vollziehen unterschiedliche Sprachspiele. Oder um in begrifflicher Anlehnung an Karl Marx zu sprechen: Sprache schafft Bewußtsein - und das Sein und die Sprache der eigenen Lebenswelt be­s‍timmen das Bewußtsein. 

Bei zu viel Heterogenität ist Konsens nicht mehr zu erwartenNun werden aber Werte grundsätzlich in Sprachspielen erzeugt, haben postmoderne Denker daraus gefolgert. Und wenn die als kon­s‍titutiv heterogen angenommen werden, dann erzeugen sie über heterogene Diskurse auch heterogene Werte. Denn es fehlt an einer universellen Urteilsregel. Konsens ist also nicht zu erwarten. 

Es geht in der Postmoderne vor allem um das Aushalten von Unterschieden. Das ist problematisch

Nach dem französischen Postmoderne-Theoretiker Jean-Francois Lyotard komme es nun darauf an, das Heterogene zu ertragen und Feingefühl für die Differenzen zu entwickeln. Das Nebeneinanderbe­s‍tehen dieser Diskurse wird hier vor allem als Befreiung gefeiert. Man müsse es halt nur aushalten, daß eine Vielheit von verschieden­s‍ten Perspektiven unauflösbar nebeneinander be­s‍tehen. Toleranz wird hier so zur demokratischen Kerntugend erklärt. 

Auf eine diffuse und keineswegs idealtypische Art ist dieses idealpostmoderne Denken Realität geworden. Kurzum: Es ist eine diffuse Realpostmoderne ent­s‍tanden.

Aus dem Relativismus ist ein Toleranzextrem geworden

Nun ist es aber so gekommen, daß der postmoderne Relativismus sich in ein Extrem bewegt hat. Und späte­s‍tens seit der Denkfigur der „Dialektik der Aufklärung“ – geprägt von den Philosophen Theodor Adorno und Max Horkheimer – wissen wir, daß etwas, was in sein Extrem gebracht wird, auch in sein Gegenteil umschlagen kann. 

Was bedeutet das?

Die fatale Konsequenz der Toleranz: nichts wird mehr als wahr akzeptiert

Führen wir uns die Bedeutung von Relativismus zunächst vor Augen: Relativismus heißt, daß es keine Meinung gibt, die behaupten kann gerechtfertigter zu sein als eine andere Meinung. Keine Position könne „die Wahrheit“ für sich behaupten beziehungsweise keine Position könne eine höhere Legitimität oder Richtigkeit beanspruchen als eine andere Position. Relativismus heißt schlicht: Keine Position ist besser oder richtiger als eine andere Position.

Der extreme Relativismus muß auch Verschwörungstheorien gelten lassen 

Wenn dieser Relativismus nun in sein Extrem gebracht wird, können Menschen selbst irre Verschwörungstheorien und Lügen als ihre Wahrheit annehmen, wenn sie auf Fakten und auf die Meinung des Anderen keinen Wert mehr legen, sondern nur noch ihr Weltbild sehen und das grundsätzlich als legitim erachten können – egal wie viel ein anderer dies kritisieren mag.

Jede Weltsicht gilt - das ist ein riesiges Problem. Der Relativismus ist aus dem Ruder gelaufen 

Genau das ist alles passiert. Die Stichworte des „postfaktischen Zeitalters“ und der „Posttruth-Zeit“ sprechen diesen Um­s‍tand schon länger aus. Das ist ein großes Problem. Und Donald Trump ist quasi die Personifizierung dieser Entwicklung, der „alternative Fakten“ bietet, oft lügt, seine eigene Weltsicht konstruiert, in der alles „great“ ist, und der die „anderen Meinungen“ nur noch als „Fake News“ und einfach falsch betrachten kann. Man darf sagen: Da ist etwas mit dem Relativismus aus dem Ruder gelaufen. Und man darf sagen: Mit dem postmodernen Denken hat das alles angefangen.

Gauland äußert sich rassi­s‍tisch - und es wird geduldet. Das geht nicht 

Die Postmoderne ist eine große Gefahr. Nirgends sieht man es deutlicher als im momentanen Fall Alexander Gaulands, der die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz in „Anatolien entsorgen“ will. Ich neige nicht zu liberalen Moralismus, ich finde es sogar falsch immer und überall mit der Moralkeule zu schwingen und „Rassismus“ zu unter­s‍tellen. Das wurde zu inflationär gemacht zuletzt und trug dazu bei, dem Rassismus-Vorwurf seine moralische Kraft zu nehmen. Nichtsde­s‍totrotz ist Rassismus manchmal einfach Rassismus. Wie im Fall von Gauland. 

Im Fall Gauland erweist sich die Toleranz als schwach

Aber unsere postmoderne Gesellschaft duldet Gaulands Relativierungen. Die Toleranz erweist sich hier als schwach. Toleranz will immer nur ertragen. Und viele Linke tun selbst momentan so, als wollen sie die Rechtspopuli­s‍ten eigentlich nicht ertragen, verkaufen das aber als höhere Einsicht und sind folglich auch entsprechend morali­s‍tisch unterwegs. Aber diese postmodernen Linken, sind, wie Gauland, Teil desselben Problems. Das Problem heißt „Postmoderne“. Unsere Gesellschaft läßt das alles zu: Die Überheblichkeit der postmodernen Linken und den Rassismus vieler Rechtspopuli­s‍ten.

Die Linken haben "anything goes" gepredigt, die Rechten haben das ausgenutzt

Man darf sagen: Die linken Postmoderni­s‍ten haben das Problem geschaffen, in dem sie ein wildes anything goes und ein diffuses Differenzdenken gepredigt haben. Die Rechten nutzen nun diese neue Toleranz schamlos aus und bringen unsere Demokratie so in ein Stadium des moralischen Verfalls. 

Postmoderne Linke und neue Rechte kritisieren das Gemeinsame - da sind sie sich ähnlich

Die neuen Rechten sind paradoxerweise wie die postmodernen Linken. Denn sie loben die Differenz. Bei den neuen Rechten heißt das dann zum Beispiel „Ethnopluralismus“. Bei den postmodernen Linken geht es um die Andersheit des Anderen, die wertgeschätzt werden solle. Postmoderne Linke und neue Rechte sind sich einig in ihrer Kritik am Universalismus und dem Gemeinsamen. Daher sind sie beide Wahrheitskritiker. 

Wir müssen zur Suche nach dem Gemeinsamen zurück 

Aber die Menschheit und eine moderne Gesellschaft brauchen Wahrheit. Deswegen müssen wir zur Wahrheit – also zur Suche nach einem Gemeinsamen – zurückfinden. 

Es gibt falsche Meinungen, das muß wieder klar werden

Es geht nämlich einfach nicht um Toleranz, sondern um Wahrheit. Und zur Wahrheit gehört hier zum Beispiel: Herr Gauland hat hier Rassismus betrieben. Das kann man nicht mehr schönreden oder relativieren. In der Gesellschaft muß man noch zwischen „wahr“ und „unwahr“ und „richtig“ und „falsch“ unterscheiden können. Und Rassismus ist eben falsch. Es gibt Meinungen, die falsch sein können.(Foto-struttmann)

Der Relativismus muß überwunden werden

Die Postmoderne und der Relativismus, das muß überwunden werden. Das ist noch nicht das Ende allen Nachdenkens. Das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) ist weder mit dem Sieg des Liberalismus noch mit der Postmoderne erreicht. Das war alles eine schreckliche Illusion. Es ist Zeit das nun zu erkennen. Es ist Zeit nun die Moderne zu retten – nichts mehr und nichts weniger. 

Es gilt den fundamentalen Glauben der Moderne zurückzugewinnen. Dieser fundamentale Glaube der Moderne ist in der Postmoderne nämlich erodiert. Dieser Glaube der Moderne meint, daß man in der Lage ist, rational einsichtig etwas ein für alle Mal als unantastbar zu beweisen. Und dieser Glaube ist erodiert, weil es in der Moderne nie gelang diese Einsichtigkeit zu erreichen. Die Postmoderne ist daher das Resultat einer Ernüchterung und nicht einer fortschrittlichen Erkenntnis. 

Wir müssen mit der Vielfaltseuphorie aufhören

Nun regiert jedenfalls der Glaube an den strukturell unüberwindbaren Dissens die realgewordene Postmoderne. Die Suche nach der gemeinsamen Wahrheit wurde aufgegeben – an ihre Stelle trat die Akzeptanz der strukturell unüberwindbaren Uneinigkeit. Die Postmoderne darf aber nicht das Ende der (Philosophie-)Geschichte sein. Es muß weiter gehen. Der Relativismus darf nicht das Ende sein. Wir müssen uns gegen den Relativismus wenden.

"Celebrate diversity"? Nein! Differenzen sind nicht großartig

Wir müssen so mit der Vielfaltseuphorie und dem nahezu ausufernden Differenzfetischismus und Toleranzfetischismus aufhören. Differenzen sind nicht großartig. Differenzen müssen wir nicht ständig abfeiern. Unterschiede nicht ständig hervorheben. Und vor allem nicht ständig zum Anderssein aufrufen. „Celebrate diversity“ hieß dieses postmoderne Plädoyer für das Anerkennen der Differenzen beim Eurovision Song Contest dieses Jahr. Das ist aber falsch. 

Wichtiger als Toleranz gegenüber dem Falschen ist die Suche nach dem Wahren

Denn es geht einfach nicht um Toleranz. Es geht um Wahrheit. Es geht um Konsens. „Celebrate unity“ also. Es geht nicht darum, uns gegenseitig unsere eigenen subjektiven Wahrheiten zu dulden und zu ertragen, sondern es geht um Übereinkunft und Einigung. Wir müssen miteinander in einen liebenden Kampf um die gemeinsame Wahrheit. Denn wo nur noch Desinteresse füreinander ist, da ist bald oft auch viel Häme und Verachtung. Irgendwann kann man nur noch übereinander sprechen und nicht mehr miteinander. Bald gibt es nur noch ein Denken in „Wir und die“ – und das auf allen Seiten. In so eine Situation sind wir mit der Postmoderne bereits sehr stark geraten. Wenn wir aber nun dagegen nicht aufbegehren und wenn wir sogar noch die letzten Rudimente der Moderne verschwinden lassen, dann wird das nicht gut­gehen. 

Wir sollten nach einer Leitkultur streben

Wir sollten also wieder nach gemeinsamer Wahrheit suchen. Wir sollten im Gespräch bleiben. Wir sollten miteinander ringen, anstatt uns nur noch zu beschuldigen und das eigene Weltbild gegen ein anderes zu setzen. Wir sollten nach einer Leitkultur streben. Eine Gesellschaft verträgt Gleichgültigkeit nicht. Diese Gleichgültigkeit bringt Toleranz aber mit sich. Toleranz ist doch eine Form von Egoismus. Wer den Anderen nur toleriert, dem ist der Andere doch vielleicht auch egal. So eine Gleichgültigkeitsgesellschaft ist aber ein brodelndes Faß, weil irgendwann der Punkt kommt, wo alle sich so sehr in ihre Ansichten geflüchtet haben, daß sie nicht mehr in der Lage sind für Kompromisse und für Veränderung ihrer selbst. Darum ist Toleranz das falsche Konzept für die Demokratie und der Streit um den Konsens das richtige Konzept. 

Forderungen nach Toleranz unter­s‍tützen den moralischen Verfall

Den Wertekonflikt dieser Tage löst man auch nicht dadurch, daß man den Rechtspopuli­s‍ten sagt: Ihr müßt jetzt tolerant sein. Denn im Namen der Toleranz und der Meinungsfreiheit sind diese doch sehr provokativ und zum Teil rassi­s‍tisch. Mit Forderungen nach mehr Toleranz – ihrer Form der Toleranz – wird der liberale Mainstream der deutschen Politik also eher den moralischen Verfall unter­s‍tützen, als ihn wieder einzufangen. 

Die Linke muß lernen, über Werte nicht nur zu reden, sie muß sie durchsetzen wollen

Darum geht es darum in einen neuen Ver­s‍tändigungsprozeß über die ethischen Werte und die ökonomische Grundstruktur der Gesellschaft zu kommen. Das wird nicht ohne Streit gehen. Die Linken sind nun also aufgefordert, ihren Fokus auf Kulturkampf für mehr Toleranz zu beenden, und stattdessen einerseits die „soziale Frage“ wieder auf die politische Agenda zu setzen, um nicht hauptsächlich nur über „Werte“ zu reden, und andererseits diese „Werte“ so zu behandeln, daß man um sie kämpfen und für sie überzeugen muß. Letztere Haltung nannte man mal sokratisch. Das brauchen wir: Eine Rückkehr des politischen Sokratismus. 

(Nils Hei­s‍terhagen Grundsatzreferent SPD -TagesspiegelCausa)

Expertise:

Nils Hei­s‍terhagen ist Grundsatzreferent der SPD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz. Zuvor war er Grundsatzreferent und Redenschreiber der letzten beiden IG

Wir Deutschen und die Liebe: Wie wir lieben. Was wir lieben. Was uns erregt.

Mit "Wir Deutschen & die Liebe" ist seit heute ein umfangreicher Einblick in die Herzen und die Betten der Deutschen im Buchhandel erhältlich.

Das auf repräsentativen Umfragen des Meinungsforschungsin­s‍tituts YouGov basierende Werk mit insgesamt über 12.000 Befragten zeichnet ein Bild der Deutschen, das voller Überraschungen steckt und mit so manchen Klischees aufräumt. In Sachen Liebe, Leidenschaft und Sex ist Deutschland inzwischen bunt geworden. Gleichzeitig spielen - allen Unkenrufen zum Trotz - für die mei­s‍ten Deutschen Liebe und Partnerschaft eine wichtige Rolle.

So sind die Deutschen ein Land der Romantiker: Mehr als zwei Drittel von ihnen glauben an die Liebe auf den er­s‍ten Blick. Dabei verlieben sich Männer leichter als Frauen. Und es sind nicht die sexuellen Attribute, die ihnen das Herz höherschlagen lassen: An er­s‍ter Stelle steht das Gesicht, gefolgt von Augen und von langen Haaren. Wenn wir Deutschen uns verlieben, dann verlieren wir in der Regel die uns häufig zugesprochene Nüchternheit. Rund drei Viertel von uns befinden sich dann auf Wolke Sieben: Bei 37 % dominiert die Liebe die Gedanken und Gefühle. 13 % können an nichts Anderes denken. Und jedem fünften (22 %) fällt es schwer, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Nur bei jedem zehnten Deutschen hat die Liebe keine Auswirkung auf sein Leben. Daß man seine Liebe gerne zeigt und sich öffentlich küßt, findet heute kaum noch jemand an­s‍tößig. Nur 12 % denken, das sollte man zuhause tun. 61 % der Deutschen hingegen freuen sich mit den Liebenden.

Und führt die Liebe dann zu einer Beziehung, scheint bei vielen das Glück eingekehrt zu sein. Vier von fünf Befragten geben an, glücklich in ihrer Beziehung zu sein. Fast drei Viertel der Deutschen (72 %) betonen, daß ihr Partner oder Partnerin die Liebe ihres Lebens sei. Allerdings sind schon 34 % der Partner minde­s‍tens einmal in einer Beziehung fremdgegangen. Davon haben sich dann nur zwei von fünf der Befragten getraut, den Fehltritt dem Partner oder der Partnerin zu beichten. Die Ehe ist als Partnerschaft noch immer hoch im Kurs: Drei Fünftel der Deutschen (60 %) findet die Ehe, so wie sie ist, gut. Ein Drittel allerdings würde eine Ehe auf Probe befürworten, die automatisch ausläuft, wenn nicht beide Partner sie verlängern. Der Altersunterschied zwischen den Partnern beträgt im Durchschnitt 5,8 Jahre.(Mehr zum Buch, wenn du das Bild anklickst)

Ihre er­s‍ten sexuellen Erfahrungen machen die Deutschen immer früher: im Durchschnitt zwischen 17,1 (Frauen) bis 17,4 (Männer) Jahren. Für junge Frauen ist dies heutzutage in der Regel ein deutlich positiveres Erlebnis als dies für die ältere Generation war. Vor allem dank Schule (49 %), Medien und Filme (28 %) sowie dem Internet (25 %) wissen Kinder und Jugendliche heutzutage früh über Sex und Verhütung Bescheid. Im Laufe des Lebens kommen wir Deutsche durchschnittlich auf insgesamt 5 Sexualpartner. Geschiedene (8 Partner) deutlich mehr als Verheiratete (5 Partner). Das sogenannte Schäfer­s‍tündchen dauert im Bundesdurchschnitt gerade einmal sinnliche 15 Minuten. 45 % kommen nach zehn Minuten Vorspiel zur Sache. 61 % finden das ausreichend. Zu den Top-3-Stellungen gehören "Frau auf Mann", "Doggy-Style" und die klassische "Missionars­s‍tellung". Aber zwei von fünf der Befragten geben an, auch schon einmal Analsex ausprobiert zu haben. Fast drei Viertel der Deutschen (71 %) sind mit ihrem Sexualleben zufrieden. Dabei sind Menschen in einer Partnerschaft deutlich erfüllter (86 % im er­s‍ten Jahr, 67 % nach zehn Jahren) als Singles (44 %).

Bei der Verhütung setzen die Deutschen überwiegend auf Kondome (85 %) gefolgt von der Pille für die Frau (62 %). In Sachen Verhütung geben sich die deutschen Männer modern: Immerhin 46 % der Männer würden die Pille für den Mann nehmen, wenn es sie in Deutschland gäbe. Und auch die sexuelle Orientierung befindet sich im Fluß. Gefragt auf einer Skala von 1-10 (1= 100 % heterosexuell, 10 = 100 % homosexuell) bezeichneten sich nur 52 % der Befragten als hundertprozentig heterosexuell und 5 % als rein homosexuell. Der Megatrend Digitalisierung spielt auch bei der Frage, mit wem Mann oder Frau Sex haben möchten, eine wichtige Rolle. Inzwischen geben schon ein Drittel der männlichen Befragten an, daß sie Sex mit einem Roboter haben würde, solange es sich echt anfühle. Bei Frauen konnten sich dies hingegen nur 20 % vor­s‍tellen.

Wenn dann eine Beziehung zu Ende geht, macht in der Regel die Frau Schluß: Jede zweite Frau (48 %) und jeder dritte Mann (31 %) sagen, die Frau beendet normalerweise eine Beziehung. Daß Männer diejenigen seien, die eine Beziehung beenden, glauben wiederum nur 13 % der Frauen und 22 % der Männer. Und ist die Beziehung vorbei, be­s‍teht bei rund der Hälfte der Deutschen (48 %) dann tatsächlich auch kein Kontakt mehr zur Ex-Partnerin oder zum Ex-Partner.

Ehe für alle und legales Cannabis? Ernsthaft?

Basecap querge­s‍tellt, Homoehe und Cannabislegalisierung? Kraß. Ich fühlte mich ertappt, als ich den Text auf ZEIT Campus ONLINE über Diana Kinnert las und darüber, wie sich die Union verändern müßte, um junge Leute zu begei­s‍tern.

Ich dagegen: aufgewachsen in der Klein­s‍tadt, Ministrant und Chorsänger, mit 17 den Ortsverband der Jungen Union (JU) wiederbelebt, mit 22 im Stadtrat, JU und CSU-"Karriere" und dann auch noch humani­s‍tisches Gymnasium, Jura­s‍tudent und Hemdkragen. Oh Mann, anscheinend alles, was verantwortlich ist am Untergang der Konservativen in Deutschland. Bin ich der falsche Konservative? Oder gar kein Konservativer mehr? Das fragte ich mich kurz, dann kam der Unmut:(Foto-imgur.com)

Mich stören vor allem die Themen, die laut Artikel zum Konservativismus in Deutschland gehören sollen. Ehe für alle und Cannabislegalisierung? Ernsthaft jetzt? Vor einigen Monaten war ich mit dem Bezirksverband der JU auf einem Schülerkongreß. 80 Schülersprecher aus der ganzen Region kamen zusammen, es gab eine Ständemeile der politischen Jugendorganisationen. Wir haben zwei Stunden wunderbar an unserem Stand diskutiert, die JU bekommt bei solchen Auftritten immer am mei­s‍ten ab, ist ja klar. Aber als ich nach zwei Stunden im großen und ganzen nur Fragen zu Cannabislegalisierung beantworten durfte, war ich wirklich deprimiert. Haben diese Teenager keine anderen Probleme? Rentensy­s‍tem? Staatsverschuldung? Krieg und Frieden? Anscheinend wurden solche Probleme zusammen mit dem G9 abgeschafft.  

Ich glaube, daß wir die wichtigen Probleme oft entweder nicht sehen oder meinen, wir könnten ja eh nichts dran ändern.

Als Konservativer sehe ich mich als jemand mit gesundem Menschenver­s‍tand, eigentlich ideologiefrei im Gegensatz zum Rest mit rosaroter Brille. In solchen Zeiten ist das doch eigentlich die wichtig­s‍te Eigenschaft schlechthin. Ich will die politischen Themen rational und mit dem Blick fürs Gemeinwohl betrachten. Cannabis für alle? Selbst wenn es nicht "schlimmer" als Alkohol ist, zwei legale Drogen im Staat reichen aus und bela­s‍ten unsere Sozialsy­s‍teme schon in ausreichender Form.(Foto-vafim.com)

Ehe für alle? Muß ein gleichgeschlechtliches Paar einen Anspruch auf die gleiche Bezeichnung (!) haben wie ein gemischtgeschlechtliches? Unterschiede sind wertvoll, sie dürfen auch unterscheidbar bleiben. Um bei Diana Kinnert zu bleiben: Unisextoilletten? Ich glaube durchaus, daß es Leute gibt, die Probleme mit ihrer sexuellen Identität und darunter zu leiden haben, aber kann ich für diesen schwindend geringen Prozentsatz das ganze Land umbauen und den Rest pikiert zurücklassen? Nein. Muß ich, um Frauen gleichzu­s‍tellen, meine Studenten in der Übung, die ich seit Kurzem an der Uni halte, mit "Studierende" begrüßen? Die Mädels sind hundertmal klüger, reifer und ehrgeiziger als die Jungs, die da vor mir sitzen. Die packen das, weil sie wissen, daß sie gemeint sind, auch wenn ich "Studenten" sage. 

Ich glaube, daß wir die wichtigen Probleme oft entweder nicht sehen oder meinen, wir könnten ja eh nichts dran ändern. Ich bin jung und konservativ, weil ich sehe, daß ich als Staatsbürger für jedes Problem mitverantwortlich bin. Deshalb halte ich es für wichtig, daß in solchen Zeiten Konservative regieren. Um das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, um mutige Überlegtheit vor feiges Gekreische zu stellen und um Ordnung in Unordnung zu bringen. Denn die Ordnung, die unsere Welt in den vergangenen 70 Jahren prägte, droht zu verblassen. Zum er­s‍ten Mal sind wahre Rechtspopuli­s‍ten auf dem Vormarsch, zum er­s‍ten Mal stellt ein amerikanischer Präsident den We­s‍ten als Ordnungssy­s‍tem in Frage und zum er­s‍ten Mal wächst Europa eher auseinander, als daß es weiter zusammenwächst. Und zum wiederholten Male pumpen wir unsere Sozialsy­s‍teme mit Geld auf, daß wir meiner Rente und irgendwann meinen Kindern wegnehmen. Konservativ fühle ich mich, weil ich bei aller berechtigter Kritik an dieser alten Ordnung ihren Wert für Wohl­s‍tand und ein glückliches Leben sehe. 

Jung und konservativ sollten wir sein, wenn wir dafür kämpfen wollen, daß das, was uns unsere Eltern schenkten, auch noch für unsere Kinder da ist. Wenn wir das "Uns geht’s doch gut!" mit dem "Was braucht’s, damit es morgen auch noch so ist?" verknüpfen. Wenn wir uns endlich wieder einge­s‍tehen, daß die Welt ein Wettbewerb ist, dem wir uns stellen müssen. Daß Deutschland eine Nation und Europa eine Schicksalsgemeinschaft ist, die nur zusammen verliert und zusammen gewinnt. Daß wir für dieses Land und seine Menschen in der Sache streiten müssen und uns nicht davor ver­s‍tecken sollten, überhaupt ein Land zu sein. Wenn wir Freude am anderen haben und es wertschätzen, aber dennoch wissen, daß Gesellschaft immer von einer Werteordnung zusammengehalten werden muß.(Foto-Metro)

Wenn wir uns auch einge­s‍tehen, daß nicht jeder der Klüg­s‍te ist, aber jeder ein Mensch, und deshalb der Azubi so viel wert ist wie der Doktor. Wenn wir den abgehängte­s‍ten Wutbürger mit seinen Sorgen ernst nehmen, weil er mit uns im gleichen Boot sitzt. Wenn wir einsehen, daß wir eine Meuterei bei stürmischer See nicht verkraften.

Deutschland geht es wirtschaftlich gut, den Leuten geht es gut. Jung und konservativ bin ich, weil ich will, daß Deutschland Deutschland bleibt. Egal ob mit Basecap oder Hemdkragen.(von Konrad Körner-ZeitCampus)  

“Ich bin nicht krank, nur weil ich transsexuell bin”

Liandro Liam Lang aus Neustadt/WN ist ein Transmann. Was heißt das, für ihn und für andere?

"Warum bist du so?"

Eine Frage, die Liandro Liam Lang aus Neustadt an der Waldnaab schon oft gehört hat. Zu oft. Diese Frage sei das Einzige, was ihn von anderen Menschen unterscheidet, schreibt er auf seiner Facebook-Seite. “Es gibt keine Antwort auf dieses ‘Warum?’ Warum bist du schwul? Warum bist du hetero? Warum liebst du die Person? Über sowas hat man keine Macht und darüber möchte ich auch niemals eine Macht besitzen.”

“Die Frage nach dem ‘Warum?’ ist das Einzige, was mich von anderen unterscheidet. Es gibt keine Antwort auf dieses ‘Warum?’” (Foto-onetz.de)

Liandro ist transsexuell, genauer gesagt ein Transmann: Geboren im Körper eines Mädchens, doch eigentlich schon immer ein Junge, mit 20 Jahren heute ein junger Mann. “Früher wollte ich da gar nicht drüber reden”, erzählt er. “Ich habe mich zwar niemals versteckt, aber mit anderen darüber reden wollte ich nicht.” Inzwischen möchte er reden. Möchte, dass ihm zugehört wird. Deshalb hat er seine Facebook-Seite gestartet, auf der er über seine Transsexualität schreibt. 

Transsexualität hat nichts mit sexueller Orientierung zu tun

Wer sich über dieses Thema unterhalten möchte, muss sich erst einmal über die Begrifflichkeiten im Klaren sein. Allzu leicht ist es, hier in Fettnäpfchen zu treten - oder gar zu diskriminieren, sei es aus Unwissenheit. Transgender ist nicht automatisch gleich Transsexualität. Und gar nichts zu tun hat Transsexualität mit Transvestitismus oder Zwittern

Transsexualität und geschlechtliche Identität haben auch nichts mit sexueller Orientierung zu tun. Ein Transmann oder eine Transfrau steht nicht automatisch auf Frauen oder Männer. Ihre sexuelle Orientierung ist genauso individuell wie bei Nicht-Transfrauen und -männern.

Kleines Glossar 

Transgender ist eine weit gefasste Bezeichnung für Menschen, bei denen Geschlechtergrenzen überschritten werden. Das können Menschen sein, die sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren oder die jede Form der Geschlechtszuweisung ablehnen, weil sie sich zwischen den Geschlechtern empfinden. 

Transsexualität bezeichnet Menschen, die eine geschlechtliche Identität besitzen, die nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht. Sie fühlen sich also klar einem Geschlecht zugehörig. Transmänner sind Transsexuelle, die sich als Mann empfinden, aber in einem weiblichen Körper geboren wurden. Bei Transfrauen ist es umgekehrt. Wissen muss man, dass viele Transsexuelle diese Bezeichnung ablehnen - und das aus durchaus nachvollziehbaren Gründen: Der Wortbestandteil “Sexualität” legt schließlich nahe, es handle sich um eine sexuelle Präferenz und nicht um eine Frage der Identität. Der Begriff ist also irreführend und greift nicht weit genug. Liandro bezeichnet sich selbst als transsexuell, daher ist es in diesem Beitrag auch in Ordnung, ihn so zu beschreiben.

Trans* (“Trans Sternchen”) ist ein noch recht neuer Begriff, der - wie bei Suchmaschinen üblich - das Sternchen als Platzhalter für diverse mögliche Wortbestandteile nutzt. Zum Beispiel transgender, transsexuell, transident. Damit spiegelt dieser Begriff am deutlichsten die Vielfalt transgeschlechtlicher Identitäten, Selbstbezeichnungen und Lebensentwürfe.

Denn: Den einen transgender oder transsexuellen Prototypen gibt es nicht. Trans*-Menschen lassen sich ebenso wenig über einen Kamm scheren wie Nicht-Transsexuelle.

Liandro, Spitzname Lino, ist ein echter Oberpfälzer: geboren in Weiden, aufgewachsen bei Luhe-Wildenau, wohnhaft in Neustadt/WN. Der 20-Jährige fährt hobbymäßig gerne Kart, kickt ab und zu einen Fußball und geht gerne shoppen. “Ich hab einen kleinen Kleider-Fetisch”, sagt er und grinst. Vor allem Caps haben es ihm angetan: “Ohne kriegt man mich eigentlich nicht zu sehen.”

Liandro mit Sonnenbrille, Cap und Tank-Top. Das Foto entstand im Juni 2015 und zeigt einen besonderen Moment: “Das erste Mal nur im Tank-Top draußen! Da musste ein Lachen schon mal her für diesen Erfolg und diese Freiheit. Denn das kann man nicht kaufen. Man(n) muss es erreichen”, schreibt er dazu bei Facebook. Er grinst auch heute noch, wenn er an dieses Erlebnis denkt: “Ein gutes Gefühl.”

Transsexuell in der Oberpfalz - wie schwierig ist das?

Ob es als Transmann in Berlin einfacher wäre als in der Oberpfalz? “Man hätte in der Großstadt alles mehr in der Nähe”, sagt er nach kurzem Überlegen. In München zum Beispiel gebe es Stammtische und Trans-Zentren, in der Oberpfalz könne man die Möglichkeiten und Gleichgesinnten an einer Hand abzählen. 

Aber das Internet verbindet, in Form von Foren, Facebook-Gruppen und -Seiten. “Denn alles weiß man auch nicht”, sagt Liandro. Es gibt Fragen zu stellen, viele Fragen. Im Internet wird er sie los, bekommt Antworten. Was man von dem 20-Jährigen nicht hört: Schimpfereien über Intoleranz auf dem Land, dabei hat er davon sicher einiges erlebt. Er lässt das aber nicht mehr so an sich heran wie früher.(Foto-Privat)

So selbstsicher, vor allem nach außen, war Liandro nicht immer. Aber er wusste schon immer, wer er ist.( Onetz.de / Sonja Kaute)

Wie ich mich mal in einen Mann verliebte

Gehöre ich zu dieser "Nur mal gucken"-Fraktion, die sich aus sexueller Experimentierfreude ein schwules Abenteuer suchten?

Es gab keinen bestimmten Moment, an dem ich entschieden habe, mit Tim Sex zu haben.

Meine Kommilitonin Uli hatte ihn und andere alte Schulfreunde auf unsere Fakultätsparty mitgebracht, Motto war "Hawaii". Gegen die Plastikblumenketten am Eingang hatten wir uns nicht wehren können, die Dosenobst-Spießchen im Cocktail gaben uns wenigstens ein Gesprächsthema. Wer kauft diese widerwärtigen Gummiattrappen echter Früchte eigentlich ernsthaft?

Tim war ein auffallend schöner Mann, intelligent, witzig.

Tim hatte einen tollen Humor: Wir steigerten uns vom Schimpfen über Fruchtcocktails in immer höhere Sphären des Schwachsinns und stiegen als Zeichen unseres stillen Protests gegen die Diktatur der Dosen-Frutarier in dieser Industriehallen-Disco auf ehrliches, fruchtloses Pils um.

Dass Tim schwul war, hörte ich erst viel später in der Nacht in einem Gespräch von Uli und Juliane, einer anderen Bachelor-Studentin an unserem Institut. Letztere, damals Single auf der Suche, ärgerte sich gerade lautstark über die verpasste Chance für einen Aufriss. Sorry, Juliane.

Sie hatte ja recht: Tim war ein auffallend schöner Mann, intelligent, witzig. Er war groß, schlank, hatte halblanges, volles Haar um ein Gesicht wie gemalt: hohe Wangenknochen, Grübchen, große blaue Augen. Ein wenig androgyn, aber vor allem bildhübsch.

Ich war inzwischen angetrunken genug, um mich an unserem Tisch näher an ihn zu stellen und zufällig seine Hand zu berühren. Ohne konkretes Ziel wirklich. Einfach mal, um zu sehen, was passiert.(Foto-manns)

Bis zu diesem Abend war mein Liebesleben immer strikt hetero. Ganz automatisch, schien mir. Ich hatte in der dritten Klasse zum ersten Mal ein Mädchen toll gefunden und danach immer wieder. Tim berührte meine Hand nun auch. Bewusst?

Ich komme aus einer ländlichen Region Süddeutschlands. Niemand in meiner Familie oder meinem Freundeskreis war offen schwulenfeindlich. Aber dass der Sohn einer Nachbarin nun einen festen Freund hat, erzählt mir meine Mutter schon als neuestes Gerücht.

Wir fanden es als Kinder lustig, affektiert zu näseln und wie über einen Laufsteg zu staksen, wenn wir einen vermeintlichen Schwulen nachäfften. Wir lachten in der Dusche nach dem Training, wenn ein Team-Kamerad sein Duschgel auf den Boden warf und jemandem befahl, sich danach zu bücken. Peinlich-pubertärer Jungs-Humor.

Gab es besondere Regeln beim Flirten, beim Küssen, bei der Frage, wo wir danach hingehen?

Trotzdem: Was steckte davon heute noch in mir? Tat ich da etwas, was mir später unangenehm sein würde? Gehörte ich zu dieser "Nur mal gucken"-Fraktion, die sich aus sexueller Experimentierfreude ein homosexuelles Abenteuer suchten?

Zumindest war ich völlig planlos. Gab es besondere Regeln beim Flirten, beim Küssen, bei der Frage, wo wir danach hingehen? Ich war planlos, als er am Ausgang meine Hand nahm. Planlos, als wir Händchen haltend am Fluss entlangliefen und wir unser Gespräch weiterplätschern ließen, als hätte keiner von uns gemerkt, was wir gerade machten?

Ich war sogar planlos, als ich ihn endlich an mich zog und küsste. So anders wie mit einer Frau konnte es ja wohl nicht gehen, dachte ich mir.

Das stimmte auch.

Die Erfahrung mit Tim lehrte mich vor allem, dass sich zwei Männer genau gleich ineinander verlieben wie ein Mann und eine Frau. Das Anpirschen, das klopfende Herz in den Sekunden, wenn man sein Bein berührt und er es noch wegziehen könnte. Schließlich sogar der Sex, der stellungsmäßig vielleicht eingeschränkt ist, aber genauso vom Vertrauen und der Achtsamkeit des Partners abhängig, um gut zu werden (und nebenbei, wegen des Mangels an Stellungen, ganz anders zur Kreativität anregt).(Foto-Manns)

Dass wir kein Paar werden würden, wusste Tim vor mir.

Das klingt vielleicht alles furchtbar banal. Doch viele denken bei schwulem Sex eben vor allem an Darkrooms, harten Analsex oder Lack und Leder. Ich konnte mir schon denken, dass das medial übertriebener Quatsch war. Aber reale Vorstellungen hatte ich eben auch nicht.

Dass wir kein Paar werden würden, wusste Tim vor mir. "Du bist so 1000 Prozent hetero", sagte er vergnügt, als wir am nächsten Morgen noch im Bett lagen. Warum, konnte er auch nicht so genau sagen. Aber recht hatte er wohl.

Ich denke heute gerne an Tim. Weil es ein gutes Gefühl gibt, wenn sich ein in jedem Sinne attraktiver Mensch in einen verguckt – egal ob Mann oder Frau. Weil mich eine Erfahrung, die nie auf meiner (metaphorischen) To-Do-in-Life-Liste stand, im Nachhinein doch einiges lehrte.

Weil es mich um ein durch und durch schönes Erlebnis bereichert hat, und Tim zuallermindest um ein "Früchtchen", wie sie in seinem Freundeskreis einen Aufriss wie mich nannten. Hoffentlich kein Dosenfrüchtchen.(von Max Varon-bento)

Wahl zum Bundestag: Vielleicht gar nicht so schlecht

Das Wahlergebnis ist ein Schock. Aber es könnte Gutes hervorbringen: Eine Koalition, die kluge Politik macht. Eine mutige SPD. Eine AfD, mit der man fertigwerden kann.

Es konnte nicht gut­gehen – und es ist nicht gut­gegangen.  

Eine historisch ungeheuer aufgeladene Legislaturperiode mit Eurokrise, Ukraine-Krise und Flüchtlingskrise drohte in einem fast wind­s‍tillen Wahlkampf zu enden. Den etablierten Parteien gelang es nicht, ein Thema zu setzen, mit dem diese gewaltige Globalisierungsenergie auch nur annähernd verarbeitet werden konnte. Also suchte sich der Wahlkampf ein Ventil, es war die Wut einer Minderheit, die mit den Äng­s‍ten einer Mehrheit unterirdisch korrespondierte; es war die Partei, die zu all den Zumutungen der Globalisierung, zum Helfen-Sollen beim Euro und den Flüchtlingen, zum Standhalten-Müssen gegenüber Rußland am laute­s‍ten Nein schrie. Wie von Zauberhand kippte so der Wahlkampf von der vermeintlichen Langeweile in eine manife­s‍te Hy­s‍terie, die Demobilisierung der einen befeuerte die Mobilisierung der anderen, alles drehte sich in den letzten vier Wochen nur mehr um die bedauernswerte Symbolfigur der Globalisierung – den Flüchtling. Und mit einem Mal waren flüchtlingspolitisch so viele politische Fälschungen unterwegs, daß das Original dabei nur gut abschneiden konnte.(Foto-rdl.de)

Harmlose SPD

Die Hauptverantwortung dafür tragen nicht in er­s‍ter Linie die Medien (die auch), sondern die beiden Volksparteien. Angela Merkel hat für die Größe und die historische Wucht ihrer Politik kaum je Worte und Ge­s‍ten gefunden, die ihre eigene Klientel wirklich hätten bewegen können. Ihre asymmetrische Demobilisierung mobilisierte diesmal asymmetrisch – die AfD. Und die SPD wagte es nicht, auch nur eine einzige soziale Forderung zu erheben, bei der irgendjemand in der Republik aufgeheult hätte, keine CDU, keine CSU, kein Unternehmerverband. Wie aber soll eine Partei, die niemanden wütend macht, wütende Menschen für sich gewinnen?

Doch obwohl der Schock programmiert war, gelang es den Parteien am Wahlabend noch nicht, daraus wirklich Schlüsse zu ziehen. Der er­s‍te Reflex war, die AfD zu bekämpfen, indem man noch härter gegen Flüchtlinge vorgeht, noch mehr für die Innere Sicherheit tut, die halbe Republik, minde­s‍tens jedoch die ganze Union wieder weiter rechts ansiedelt. Das ist wenig aussichtsreich, weil ja diese Politik schon seit langem betrieben wird. Was für Härten will man den Flüchtlingen denn noch angedeihen lassen, damit die AfD wieder klein wird?

Ohnehin fehlt in der Öffentlichkeit, vor allem aber in der CSU, die jetzt irgendwie nach rechts will, ein tieferes Ver­s‍tändnis dafür, warum die Union unter Merkel liberaler und globaler geworden ist und so rechts von sich Raum lassen mußte: weil nämlich konservative und national orientierte Politik in einer globalisierten Welt an jeder Wegkreuzung in Paradoxien führt, wie zurzeit in den USA und in Großbritannien gut zu besichtigen ist. Ein Land, das noch dazu so sehr von seinem Export lebt und dessen Zugriff auf den Nationalismus aus nahe liegenden Gründen sehr begrenzt ist, kann gar nicht anders als liberal und weltoffen geführt werden. Es liegt gewissermaßen im nationalen Interesse Deutschlands, nicht national zu sein. Zudem, und das ist die mit der mei­s‍ten psychischen Energie verdrängte Wahrheit: Ein Exportweltmei­s‍ter kann nicht anders, als sich auch einen Teil der Probleme der Welt da draußen zu importieren. (Es sei denn, man wäre eine Insel wie Australien oder Kanada.)

Der Gott der Demokratie – das Volk – hat nun in seiner unendlichen Weisheit eine Kon­s‍tellation geschaffen, in der dieses konservative Dilemma voll zum Austrag kommt. Die CSU, deren Vorsitzender aus seinem taktischen Nirwana rechte Töne sendet, muß nun um des Vaterlandes willen eine Koalition schmieden, die all das enthalten wird, was ein modernes Deutschland eben so braucht: ökologischer Avantgardismus, größte gesellschaftliche Liberalität, internationale Verantwortung nicht zuletzt mit auch finanziell hohem Einsatz etwa für die EU. Jamaika wird, und das liegt nicht an den Farben, eine recht farbenfrohe Veranstaltung. Wie Horst Seehofer unter diesen Um­s‍tänden zugleich die "rechte Flanke schließen" will, um bei der heiligen Bayern-Wahl in einem Jahr die absolute Mehrheit zu gewinnen, das ist ein tiefes Rätsel – dessen Lösung vielleicht sein Rücktritt sein könnte. Wenn Jamaika scheitern sollte, dann jedenfalls nicht an den Grünen oder der FDP, sondern an der CSU und ihrem Traum von absoluten Mehrheiten in sehr relativen Zeiten.

Bei allem Ärger und Ekel über das Wahlergebnis der AfD enthält der neue Bundestag zugleich den Schlüssel zur Bekämpfung dieser Partei. Jamaika würde, wenn es denn gelingt, sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die Öffentlichkeit also daran hindern, sich vier Jahre lang um die 13 Prozent herumzudrehen. Zugleich könnte eine solche Koalition vernünftige Politik machen und sie besser vermitteln, als es der großen Koalition zuletzt gelang. Die Grünen haben ein großes, in diese Welt passendes Narrativ, die FDP hat einen begnadeten Kommunikator an der Spitze; Jamaika könnte eine grüne Richtung nehmen, aber mit Methoden, die von der FDP kommen. So oder so wird das Ganze sehr neu und eben interessant.

Merkels große Aufgabe

Nicht zuletzt darf man hier auf die Kanzlerin gespannt sein. Sie wird als lame duck und halbe Wahlverliererin weniger Macht haben als zuletzt, sie wird aber auch freier sein als je zuvor. Eine ihre größten Aufgaben hat sie sich am Wahlabend selbst ge­s‍tellt: einen Teil der AfD-Wähler wieder zurückzuholen. Da sie kon­s‍titutionell unfähig ist, das mit rechter oder autoritärer Politik zu versuchen, darf man umso gespannter sein auf die Frage: Wie denn dann? (Foto-spead.de)

In der Opposition wiederum können zwei linke Parteien dafür sorgen, daß die Menschen, die von der Globalisierung wenig profitieren und auf deren Zumutungen darum umso aggressiver reagieren, sich wieder gemeint und gesehen fühlen. Die Aufgabe von SPD und der Linken be­s‍teht genau darin: soziale und kulturelle Äng­s‍te aufzunehmen, bevor sie sich in rassi­s‍tische Gefühle verwandelt haben. Sogar eine mittelfri­s‍tige Rückverwandlung von identitären in soziale Forderungen ist ja nicht ausgeschlossen. Daß sowohl SPD wie Linke ein ausgeprägtes antifaschi­s‍tisches Sensorium haben, könnte in der neuen Kon­s‍tellation ebenfalls helfen. Zwar ist die AfD noch keine voll ausgebildete rechtsextreme Partei, aber sie dürfte – gerade auch im Parlament – sehr viel Gegenwind und Wider­s‍tand brauchen, damit sie es nicht wird.

Die AfD hat gesagt, sie wolle sich "ihr Land zurückholen". Nun, da wüßte man gern, welches Land sie da meint und auf welchen Zeitraum sich dieses Zurück bezieht. Diese Partei lebt in einer Traumwelt, genauer in einer Alptraumwelt, weil sie sich nach etwas sehnt, was unwiederbringlich verloren ist, weil es zu keiner Zeit da war: eine mächtig stolze deutsche Nation, ergriffen von sich selbst, geordnet und gereinigt. Das Nein zu allen Rückwirkungen einer Globalisierung, die nicht zuletzt von Deutschland ausgeht, ist ebenso aussichtslos wie das Ja zu einer deutschen Geschichte, die nicht mehr von den zwölf Jahren reden möchte und dabei unablässig bei den zwölf Jahren landet. Das darf man nie vergessen: Im Kern der AfD sitzt Verzweiflung, diese Leute machen keine Politik für Deutschland, sie treiben politische Archäologie, sie graben mit Teelöffeln nach einem Land, das es nie gab. Mit sowas kann man wirklich fertig werden – auch ganz ohne selber rechts zu werden.

Diese Wahl war ohne Zweifel eine Zäsur. Doch gegen allen er­s‍ten Anschein und gegen alle ver­s‍tändliche Abscheu: Es muß keine Wende zum Schlechteren werden.(Ein Kommentar von Bernd Ulrich,zeit.de )